Skies/Ruins (Cloudrun 1)

GeschichteDrama, Mystery / P16
04.12.2009
04.12.2011
12
90919
3
Alle
30 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
 
Vielleicht unnötig zu erwähnen, aber da die Story sich um einige Überraschungen bemüht:
SPOILERWARNUNG für die Review-Ecke! ;-)
Zumal jetzt alle Kapitel online sind. Ächem.

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Disclaimer
Dieses Werk basiert auf Figuren und Handlungen von Krieg der Sterne. Krieg der Sterne, alle Namen und Bilder von Krieg-der-Sterne-Figuren und alle anderen mit Krieg der Sterne in Verbindung stehenden Symbole sind eingetragene Markenzeichen und/oder unterliegen dem Copyright von Lucasfilm Ltd. Und nein, es ist keine Slash-Geschichte, um potentiellen Witzen über den Titel schonmal vorzubeugen. ;-)

Die Story lesen auf phazonshark.de
(Alle Kapitel gehen auch hier auf fanfiktion.de online, aber auf dem Blog sind sie von der Optik her vielleicht etwas angenehmer zu lesen.)

Die Story als Datei herunterladen
Aktuelle eBook-Version, als MOBI (z.B. für den Amazon Kindle) und EPUB (für andere Reader).

Das improvisierte Audiobook hören auf YouTube (WIP)
(Eher ein Nebenprojekt und zeitaufwändiger, als man so denkt, daher dauern Updates immer eine Weile.)

Den Prolog-Comic lesen auf deviantART (WIP)
(Völlig optional, aber vielleicht trotzdem mal interessant zu sehen.)


Weitere Links:
Sternenkarte der Kernwelten | Cover-Bild auf deviantART | Thread im PSW-Forum

Die Geschichte war für den FF-General-Award 2010 nominiert und hat sich in der Kategorie "beste SW-Fanfiction in Arbeit" gegenüber "Die Kunst des Krieges" von Sol Deande geschlagen gegeben. Sehr zu empfehlen, allerdings noch immer WIP. Im Gegensatz zu Skies. Ächem. (So take that, Vader!) Danke an alle, die abgestimmt haben!

Klappentext
In einem vergessenen Krieg haben gigantische Raumwaffen den Hyperraum in eine Todesfalle verwandelt und die Galaxis in Trümmer gelegt. Von allem abgeschnitten sind die Kernwelten seit einem Jahrhundert auf sich gestellt - niemand weiß, was draußen in der Schwärze lauert. Über die wenigen erreichbaren Systeme herrscht König Daphan Valueen mit eisernem Griff und im grellen Licht des Kerns werden sich die Vermillion-Piraten nicht mehr lange verstecken können. Doch dann stoßen sie auf die Spur der Cloudrun, ein uraltes Geisterschiff, das den Weg nach draußen finden könnte...

Anmerkung
Bis auf eine Ausnahme habe ich mich mit meinen Fanfictions bisher immer in der Zeit der zwei Trilogien bewegt - mit dem Effekt, dass sich hier in fünf Jahren allerlei Kram gestapelt hat, der nicht in diese Ära gepasst hat. Die Welt, die ich für diese Geschichte aus all diesem "Restmüll" zusammengezimmert habe, ist hoffentlich durch und durch Star Wars - nur eben nicht auf die klassische Art. Die OT-Charaktere sind tot, aber jeder Hauptcharakter von Skies ist eine verdrehte und oft extremere Version eines dieser Archetypen. Das Gleiche gilt für ihre Umgebung: Nichts ist so fremd, wie es scheint - es hatte nur einfach 800 Jahre Zeit, um sich weiterzuentwickeln, zu mutieren, sich anzupassen... Oder auch einfach völlig auszurasten.

Überblick
Zur Sicherheit sei gesagt: Skies ist der erste Teil einer Reihe. Ich selbst sehe es ein wenig als die erste Staffel einer sehr teuren Star-Wars-TV-Serie. Die einzelnen Kapitel enden auf Twists und Cliffhangern, sind aber trotzdem jeweils Geschichten innerhalb der Geschichte - mein Ziel war, dass man jeden Abend in zwanzig Minuten "eine Episode schauen" kann und jedes Mal den nächsten großen Sprung der Handlung zu sehen bekommt, jedes Mal etwas Neues über einen Charakter erfährt, etc. Es sind nur zwölf Kapitel, weil ich wollte, dass jedes einzelne von ihnen zählt. Ich hoffe, ich habe damit keinen Fan kleinerer Kapitel (die ja bei anderen Stories durchaus etwas für sich haben) verschreckt.


(Version des Kapitels: 1.1 - Mai 2012)




In diesem Augenblick
in einer weit, weit entfernten Galaxis ...



Cloudrun 1
SKIES/RUINS








Ben






»Wer bist du?«, das waren die letzten Worte, die der Sterbende herausbrachte.

Ben hatte sein Knie in den Bauch des Veteranen gedrückt. Das Messer steckte im Hals. Er beugte sich herab, um ihn sterben zu hören. Er wollte den Atem spüren, das sprudelnde Blut riechen – alles, was nötig war, um zu fühlen, was hier passierte.

Der Mann starrte ihn mit geweiteten Augen an. Dann wich das Leben aus seinem Gesicht und der Körper unter Ben erschlaffte.

Der alte Avary hatte gesagt, der Moment des Todes sei ein Moment des Verstehens. Alles würde klar werden, gläsern und erleuchtet.

Der Tote sah nicht aus wie ein Erleuchteter. Er sah aus, wie ein kaltblütiger Kriegsveteran, der soeben von einem 13-jährigen Jungen getötet worden war.

Ben stand auf.

Die ersten Zuschauer begriffen nun und verfielen in ein begeistertes Brüllen. Sie hatten den Tod des Veteranen gewollt. Ben war jetzt ihr neuer Held, Ben, der Trickser.

Arme Irre.

Hinter dem großen Graben, hinter den grellen Scheinwerfern, begann das Meer der Zuschauer zu kochen.

Ben stand über seinem Opfer und fühlte gar nichts. Keine Schuld, keinen Stolz und keine Erleichterung.

Die Kameradroiden tauchten zu ihm herab wie gefräßige Falkenfledermäuse und umschwirrten den Mörder des Veteranen.

»Ben!«, rief das Mädchen.

Er drehte sich um.

Der Quarren hatte Bens Mitspielerin, eine Twi’lek, bis an den Rand des Dejarik-Zirkels gedrängt. Bis zum Abgrund blieben nur noch wenige Schritte.

Ben lief los und sammelte seine letzten Kräfte. Der Kampf war schwer gewesen, schwerer als alle bisherigen. Denn heute durfte der Trickser sich keine Tricks erlauben. Er folgte geheimen Regeln, von denen weder die Zuschauer noch die anderen Spieler wussten.

Denn im Publikum versteckte sich ein Schattenmann.

Und wenn der Schattenmann ihn auch nur bei einem einzigen Trick erwischte, war alles vorbei.

Die Twi‘lek verlor ihr Schwert. Im letzten Moment konnte sie unter einem Schwung der Vibro-Axt hindurchtauchen und sich auf den Quarren werfen. Begleitet vom Toben der Zuschauer schleuderte der Quarren sie herunter, packte sie und stieß sie in Richtung des Abgrunds.

Ben warf sich nach vorne, vorbei am Quarren, die Hand ausgestreckt.

Die nackten Füße der Twi‘lek stolperten auf die Kante zu. Ihr panischer Blick klammerte sich an Ben. Sie verlor das Gleichgewicht. Sie stürzte nach hinten, verpasste Bens Hand und mit einem gedehnten Schrei…

Fiel sie in die Tiefe.

Ben sah ihr nach. Er fühlte Ärger. Enttäuschung. Nur nicht das, was er suchte.

Der Quarren war wieder auf die Beine gekommen. Er machte einen Satz vor und versuchte, nach dem ungleich kleineren Ben zu greifen, genau wie der Veteran es mehrmals versucht hatte.

Ben fing die linke Hand ab und biss hinein.

Der Quarren brüllte auf.

Ben erwischte eines der Tentakel, riss dran und rammte die Finger seiner anderen Hand in die Augen des Nicht-Menschen.

Sein Gegner schlug blind um sich.

Ein Treffer warf Ben zu Boden, genau neben die Vibro-Axt. Er packte zu, sprang auf die Beine und schlug dem Quarren den Kopf ab.

»Trickser!«, brüllte die Menge und niemand schien sich daran zu stören, dass Ben das Mädchen nicht gerettet hatte.

Atemlos blickte er an sich herab. Sein Leinenhemd klebte zerfetzt auf der Haut, gesprenkelt mit Blut - rotes vom Veteranen, schwarzes vom Quarren. Sein eigenes Blut tropfte aus einer Wunde am rechten Oberarm. Das geheime Blut. Gegen seinen Willen sah er zum Schattenmann hinauf.

Der Schattenmann stand allein in seiner Kanzel, schmal und hochgewachsen, die Hände auf einem Gehstock ruhend. Niemand saß auch nur in der Nähe. Niemand sah dort hinauf. Aber es schien sich auch niemand zu fürchten. Die Menge tobte wie hundert andere vor ihr.

Ben hielt den Atem an. Sie sehen ihn nicht.

Ihre Blicke trafen sich. Er konnte das bleiche Gesicht kaum erkennen, aber der Schatten sah ihm in die Augen. Ben spürte es.

Und er musste von hier verschwinden. Jetzt.

Patchwork-Droiden sammelten die Leichen des Veteranen und des Quarren auf. In der Mitte des Duellzirkels surrte der Toydarianer Navvo um zwei Gildensprecher herum. Er fing Bens Blick auf. »He! Komm her, Trickser!«

Ben schaute noch einmal zum Schatten.

Die Kanzel stand leer. Der Mann hatte sie verlassen, aber… Er war noch hier. Und er kam näher.

»Komm schon!« Navvo schwirrte Ben entgegen. »Lass uns feiern! Du machst mich reich!«

Ben musste ihn abwimmeln. »Ja«, sagte er schnell. »Könnte klappen.«

Der Toydarianer grinste breit. »Ich sag‘s doch! Vielleicht kommen wir bis nach Trantor, raus aus dem Dreck. Und wer weiß, vielleicht machst du mich so reich, dass ich dich nicht mehr brauche und…« Er bleckte die Zähne und kramte einen Risslestick hervor. »Freiheit, Ben! Du bist noch jung!«

»Ja. Wär toll. Nur, dass du‘s niemals tun wirst. Ich werd‘ immer ein Sklave sein.«

»Sklave, schon, ja…« Das traf den siegestrunkenen Navvo unerwartet. »Nun, aber du… Du bist auch ein Mensch!«

Ben zeigte ihm das stille Lächeln, von dem er wusste, dass Navvo es hasste. »Nicht mehr als du«, sagte er leise.

Navvo wich in der Luft zurück, das Gesicht zu Stein erstarrt. »Spar dir das, du… Ich mag das nicht, klar? Diesen ganzen Killer-Dreck. Du bist ein Kind. Ich bin dein Besitzer.«

Zur Antwort deutete Ben auf den kopflosen Leib des Quarren, der auf einer Repulsortrage an ihnen vorbeigebracht wurde. »Ich soll wieder ein ein Kind sein? Zu spät.«

Navvos Gesichtsmuskeln zitterten. »Aber hierfür«, er schob den Auslöser für den Detonator ein Stück weit aus seiner Gürteltasche, und flüsterte, »hierfür ist es nie zu spät.«

Die Gilde hatte es den Besitzern verboten, solche Geräte mit in die Arena zu bringen - zu groß war die Gefahr, dass jemand die Leiche seines besiegten Sklaven hochjagte, um dessen Gegner doch noch zu töten. »Der Detonator ist im Kampf beschädigt worden«, sagte der Besitzer dann. Wenn dieser nicht so mächtig war, dass er keine Lügen nötig hatte.

Navvo kam näher. Die Flügelschläge wirbelten Bens Haare auf und jagten ihm den Gestank von Rissle in die Nase. »Ich kann dich hochjagen«, flüsterte der Toydarianer, »wann immer ich will.«

Ja, vielleicht konnte Navvo das. Aber Ben erinnerte sich an etwas, das Avary ihm damals mit auf den Weg gegeben hatte. Jemanden zu kontrollieren, hatte der Alte gesagt, ist keine Macht. Macht ist, wenn man es sich leisten kann, ihn zu verlieren. Sei wertvoll, Ben. Sei so wertvoll, dass man dich braucht.

Ben nahm Navvos Drohung ohne Erwiderung hin und verließ den Dejarik-Kreis durch die Luke im Boden.

Auf der Treppe kamen ihm die Kämpfer für die nächste Runde entgegen: ein Wookiee und ein Rodianer.

Der Rodianer hieß Trent und Ben kannte ihn.

»Viel Glück«, murmelte Ben.

Trent hielt an und schenkte ihm ein unsicheres Lächeln. Als der Wookiee an ihnen vorbei war und das Brüllen der Zuschauer ihn empfing, fügte Trent hinzu: »Wird schon werden. Ist kein Todeskampf. Vielleicht kann ich mir das Energienetz schnappen, ich hab die ganze Woche geübt, wenn ich ihn im richtigen Moment erwische…«

Ben schüttelte den Kopf. »Wenn du ihn heute fertig machst, zerfleischt er dich halt morgen. Oben in Esparanza. Oder in der Ostpassage. Lass den Wookiee gewinnen. Solange er noch nach den Regeln spielt.«

Trent schwieg einen Moment, dann nickte er. »Wo ist Taylee?«

»Tot.«

Der Rodianer schloss die Augen. »Scheiße.«

»Ja.«

»Und du konntest nichts, ich mein‘… Du… Du bist ziemlich gut, Ben, konntest du nichts für sie…«

Ben sah ihn nicht an. »Dein Kampf geht los.«

Die Treppe mündete in die Große Halle, wo sich Besitzer und Trainer mit ihren Schützlingen trafen.

Ben tauchte in das Gewühl ein.

Ortega, der Dug-Meisterschütze, sah ihn von Weitem kommen und zeigte mit beiden Armen - oder vielleicht Beinen - auf ihn. Mehrere Köpfe drehten sich nach dem Veteranen um und fanden stattdessen den Trickser.

Ben versuchte, ihre Blicke in der Menge zu verlieren. Der Kampf rauschte noch immer in seinen Ohren. Erst langsam konnte er sich bewusst machen, was geschehen war und in welcher Gefahr er schwebte: Nicht nur der Schattenmann würde aufmerksam zugesehen haben. Ortega würde noch in dieser Nacht die Holos studieren. Wieder und wieder. Genau wie etliche andere Sklaven und Trainer auf etlichen anderen Asteroiden sich etliche andere Kämpfe des Tricksers ansehen würden.

Bis sie das Geheimnis durchschauten.

Ortegas Besitzer spielte in einer anderen Liga als Navvo: Der Dug bestritt seine Kämpfe für die Rote Hand, eine der mächtigsten Banden auf den Splitterwelten. Jetzt, wo Ben den Veteranen geschlagen und Fuß auf Manarai gesetzt hatte, würden sie ihn als nächstes Ziel wählen.

Bens Magen verkrampfte sich. Er hatte sich eingeredet, wenn er den Veteranen erledigte, würde alles besser werden. Stattdessen hatte er sich mit einem einzigen Sieg auf alle Abschusslisten katapultiert. Nein. Nicht er, sondern Navvo. Navvo hatte das getan. Weil dieser verdammte Dreckskerl nach Trantor wollte und kleinere Gegner nicht die Credits dafür brachten.

Doch Ben hatte noch dringendere Probleme: Der Schatten konnte bereits hier sein. Und unbemerkt durch die Menge gleiten, mit dem gleichen Trick, den er oben in der Arena genutzt hatte.

Wohin also jetzt? In den Quartieren würde Ben die Fragen der anderen beantworten müssen, über den Kampf und über Taylee, das Mädchen, das er nicht gerettet hatte. Und vielleicht würde der Schatten dort auf ihn warten - falls er Ben nicht schon hier in der Halle abfangen wollte!

Ben beschleunigte seinen Schritt. Er brachte es nicht fertig, seine Sachen zurückzulassen.

Schwer atmend traf er an seinem Lager ein. Er zerrte sich das blutige Leinenhemd über den Kopf und schlüpfte in seine alte Pilotenjacke. Sie war ihm noch immer zu groß. Trent meinte, er sähe darin lächerlich aus, aber das machte nichts. Die Jacke gehörte zu den zwei einzigen Dinge, die Ben jemals geschenkt bekommen hatte. »Hat meinem Sohn gehört«, hatte Avary damals erklärt. »Du wirst reinwachsen.«

Das zweite Geschenk war der kleine Anhänger, den Ben aus der Jackentasche kramte und sich um den Hals band. Er schob ihn unter den Kragen, damit ihn niemand sah. »Geheim«, hatte Avary gesagt. »So geheim wie dein Blut.«

Von irgendwo her kam Ortegas Stimme.

Ben flüchtete in Richtung des nächstbesten Ausgangs.

Wenn Ben weglief, dann lief er immer nach oben. Und so führte diese Flucht ihn an den gleichen Ort wie so viele andere Fluchten vor ihr: Bis unter den Sternenhimmel. Aber niemals weiter.

Selbst auf einem so großen Asteroiden wie Manarai fiel es ihm nicht schwer, den Weg zu finden: Vom Kern weg wurden die Bewohner ärmer. Die künstliche Atmosphäre war an der Oberfläche dünn und kalt, also lebten dort nur Geschöpfe, die sich anpassen konnten – oder mussten.

Ben trat durch ein großes Portal ins Freie, knapp eine Stunde, nachdem er den Veteranen getötet hatte. In den wohlhabenderen Höhlenstädten besaß jede Cantina einen Holotisch, auf dem sich kleine Abbilder der Dejarik-Spieler bewegten. Hier oben in den Slums war Ben für alle nur irgendein Kind.

Er setzte sich in den Schatten einer der Atmo-Säulen.

Über ihm schwebte ein Meer aus Asteroiden. Die Lichter von Schiffstriebwerken schwirrten zwischen ihnen umher und manche von ihnen zogen einen Schweif giftiger Abgase nach sich. Auf der Schattenseite der größeren Asteroiden leuchteten die Lichter monströser Städte, errichtet aus den Ruinen einer verlorenen Zivilisation. Die Splitterwelten mochten das leuchtende Zentrum der Galaxis sein, im grellen Licht des sterbenden Sterns, dem die Asteroiden ausgeliefert waren. Aber die Raumfahrer nannten diesen Ort einen schwarzen Fleck auf dem Himmelblau des Valueen Königreichs.  Flüchtlinge aus den verlorenen Teilen des Weltraums kamen hierher, nachdem Arbeiterhöllen wie Sarapin und Ruan sie abgelehnt hatten.

»Wir ziehen nach Trantor«, hatte Navvo gesagt, aber da hatte der Siegesrausch gesprochen. Der Traum von Trantor, der reichen Industriewelt der Black Sun, schien so alt wie die Splitterwelten selbst. Doch der Toydarianer würde es niemals nach Trantor schaffen. Und Ben schon gar nicht.

Er hatte sein ganzes Leben hier verbracht, auch wenn er sich kaum noch an die Zeit vor Avary erinnerte. Das Gesicht des Veteranen tauchte in seinen Gedanken auf. »Wer bist du?«

Ben schloss die Augen.

Der Veteran hatte seinen Spitznamen nicht zu Unrecht getragen. Er hatte lange gelebt und viele Kämpfe gesehen. Einige sagten, er hätte in der Vermillion-Rebellion gekämpft. Ganz gleich, wie viel Wahrheit darin steckte, der Veteran hatte vor seinem eigenen Tod die Tode von vielen anderen gesehen. Er kannte den Krieg und er kannte Mord.

Ben hatte er nicht gekannt.

Ich bin anders, dachte Ben. Ich bin schlimmer.

Er schlug die Augen auf und versuchte, sich an das zu klammern, was er sah und was ihn umgab. Die Vergangenheit hatte in seinen Gedanken nichts zu suchen, das hatte Avary gesagt, das war eine von Avarys Regeln gewesen. Und Avarys Regeln waren die einzigen, die überall galten.

Ohne sie wäre Ben nicht mehr am Leben.

Ohne sie hätte der Schattenmann ihn entdeckt und getötet.

Ben stand auf. Er musste sich bewegen. Sich ablenken. Von seiner Angst - und auch von dem seltsamen Hunger, der ihn nach jedem Kampf heimsuchte. Wäre er in Navvos Quartiere zurückgekehrt, hätte er dort etwas bekommen. Aber vielleicht auch nicht - nach dem, was er sich gerade erlaubt hatte.

Der Hunger trieb ihn in die Stadt.

Esparanza gehörte zu den größten und gleichzeitig ärmsten Städten auf den Asteroiden. Umso überraschter war Ben, über einem der Plätze ein riesiges Holo schweben zu sehen. Manche der Passanten kümmerten sich nicht darum, andere starrten es schweigend an, und wieder andere stießen laute Flüche aus. Neben dem Holo-Emitter standen ein Dutzend königliche Soldaten.

Ben drängte sich durch die Menge, um besser sehen zu können. Anders als im Dejarik-Kreis stand er hier oben nicht im Scheinwerferlicht und konnte sich verstecken. Avary hätte das Risiko nicht gefallen, aber er hatte Ben keine Regel gegeben, die es ihm verbot, sich Soldaten genauer anzusehen. »Lass dich nicht schnappen«, hatte er nur gesagt und das hatte Ben nicht vor.

Er erreichte die vorderste Reihe.

Für gewöhnlich trauten sich die königlichen Truppen nur in ganzen Verbänden überhaupt ins System, geschweige denn auf die Oberfläche eines der Asteroiden. Aber diese hier wurden von einem Gardisten angeführt, gekleidet in eine dunkelblaue Rüstung, das Gesicht hinter einer goldenen Maske verborgen. Durch ein T-förmiges Visier hindurch scannten zwei gelbe Augen die Menge. Über die Gardisten gab es noch mehr wilde Geschichten als über Lord Janus oder den Piratenkönig. »Sie sind Vollstrecker«, sagten einige, »König Valueens Attentäter.« Manche dagegen sprachen von den Erben der Jedi-Ritter.

Aus den Lautsprechern ertönte eine Stimme.

Ben sah nach oben.

Vor dem Hintergrund der Asteroiden, erschien das Gesicht einer jungen Frau. Bis auf ein paar lange Strähnen, die ihr ins Gesicht fielen, trug sie ihre blonden Haare zu einem eleganten Zopf geflochten. Sie hatte eiskalte Augen, aber ihr Lächeln war atemberaubend.

»Wer ist sie?«, fragte Ben, ohne darüber nachzudenken.

»Die Prinzessin«, sagte eine Nautolanerin. »Delfy Valueen.«

»Und auch weiterhin«, sagte Delfy gerade, »wird das Königreich alles in seiner Macht Stehende tun, um die Splitterwelten zu unterstützen und aufzubauen.«

Vereinzelte Rufe kamen aus der Menge, aber längst nicht so viele, wie bei dem Bericht eines Lords gekommen wären – oder gar des Königs persönlich. Die Prinzessin zeigte sich selten. Bis zu diesem Moment hatte Ben nicht einmal gewusst, dass Delfy hübsch war.

»Ich weiß, dass ihr verbittert seid«, sagte sie, »und dass ihr euch nicht fühlt, wie Bürger des Königreiches. Aber das seid ihr. Ihr seid mein Volk.«

Schweigen. Und in einer Stadt, die das Königreich hasste, entsprach Schweigen beinahe einem Applaus.

»Ich brauche Eure Hilfe«, sagte Delfy, »und vielleicht seid ihr meine letzte Hoffnung. Um wirklich etwas zu verändern, im Königreich und vor allem hier auf den Splitterwelten, muss ich etwas finden. Ein Schiff. Es hat sehr viele Namen. Ihr nennt es die Cloudrun

Das interessierte Schweigen war zu einem ungläubigen geworden. Und Ben verstand den Grund nicht. Was konnte an einem Schiff so besonders sein?

»Wenn ihr etwas wisst«, sagte Delfy. »Irgendetwas. Dann erzählt es unseren Soldaten. Geschichten, Märchen, Gerüchte… Ganz gleich. Ein altes Holobild, eine Skizze… Die Welten, die ihr bewohnt, sind alt. Ihr kennt sie, ihr wisst, dass an diesem Ort all das Wissen von Coruscant gesammelt ist. Ich bitte euch, mir zu helfen.«

Mit diesen Worten löste sich das Holo auf.

Ben wartete eine Weile, um zu sehen, ob jemand vortrat und mit den Soldaten sprach, aber nichts dergleichen geschah. Enttäuschung breitete sich in ihm aus. Und noch immer hatte er keine Ahnung, woher er etwas Essbares bekommen sollte. Geld hatte er keines und er würde nicht betteln. Auch er hatte seinen Stolz.

Ben drehte sich zu der Nautolanerin von vorhin um. »Was ist das für ein Schiff?«, flüsterte er. »Und was ist Coruscant?«

Die Nautolanerin bedachte ihn mit einem müden Lächeln. »Die Prinzessin verschwendet ihre Zeit. Mach’ nicht den gleichen Fehler.«

»Aber der Soldat da vorn ist ein Gardist! Mit einem Holo von Delfy Valueen! Wenn’s nicht wichtig wäre, dann wären die doch nicht hier, oder?«

Sie musterte ihn. Berechnete. Dann beugte sie sich zu ihm herab und fragte in nüchternem Ton, ohne eine Spur von Spott oder Belustigung: »Möchtest du ein Geheimnis erfahren?« Ihre Augenlider klappten seitwärts auf und zu. »Ben?«

Sie führte ihn in eine Nebengasse. Während der Stadtplatz karg und grau gewesen war, hatte man diese Barracken rot bemalt. Die Zeltplanen, die vor dem grellen Sternenlicht schützen sollten,  die Vorhangsfetzen hinter Fenstern und Türrahmen… Alles in Rot.

Ben schärfte seine Sinne, so als würde er einen neuen Dejarik-Zirkel betreten, eine noch unbekannte Arena. Die Gasse mochte zwar aussehen wie ein Zuhause. Aber Rot, das waren die Vermillion-Piraten. Und die Bande der Roten Hand.

Er sollte umdrehen.

Aber er wollte seine Antworten.

Die Nautolanerin führte ihn in einen Innenhof, in dessen Mitte ein flaches Becken wartete. Das Wasser war trüb und schmutzig, aber die Nautolanerin schien sich nicht daran zu stören: Sie setzte sich auf den Rand und begann, ihre Schuhe auszuziehen. Vielleicht brauchte sie das Wasser, um nicht auszutrocknen.

Neben der Bank stand ein kleiner Kasten mit dem Logo der Black Sun, eine Essensration, ausgegeben von der Mine im Zentrum des Asteroiden. Der Hunger meldete sich zurück.

»Der Trickser«, sagte die Nautolanerin, als sie sich beider Schuhe entledigt hatte. »So nennen sie dich doch, oder?«

»Ja.« Ob er sie fragen sollte? Nach dem Essen? Nein, sie würde es ihm nicht geben.

»Ein 13-jähriger Menschenjunge schafft es zum Dejarik-Zirkel von Manarai. Was immer dein Trick ist…« Sie schenkte ihm ein verschwörerisches Lächeln, ehe sie ihren Gaberwoll-Pullover zuerst über den großen Kopf und anschließend über die Tentakel zog. »Was immer du tust, es scheint zu funktionieren.«

»Hm«, machte er.

»Also gut, Ben… Warum ist das Königreich hierher gekommen?«

»Die Prinzessin möchte… die Cloudrun finden.«

»Besser«, sagte die Nautolanerin. »Delfy möchte, dass wir die Cloudrun für sie finden.« Inzwischen saß sie in Unterwäsche auf der Bank. Eine lange Narbe reichte von ihrer Hüfte bis unter den linken Arm. »Und du hast darauf gewartet, dass wir tatsächlich zu den Soldaten gehen und denen sagen, was immer wir wissen.«

»Und was wissen Sie?«

Die Nautolanerin stieg in das Becken und setzte sich, vorsichtig, damit kein Wasser verloren ging. »Ich weiß, dass Cloudrun ein schöner Name ist und unsere Delfy ein sehr schönes Lächeln hat. Und ich weiß, dass nichts so ist, wie es scheint.« Sie lag nun auf dem Rücken, so dass nur ihr Gesicht aus dem trüben Wasser herausschaute. Einige ihrer Kopftentakel hingen über den Rand und berührten den schmutzigen Boden, was Ben seltsam falsch erschien.

»Ich versteh‘ nicht.« Er schielte zur Essensration.

Die Nautolanerin tauchte mit dem Oberkörper wieder auf. Ein Schmutzfilm bedeckte ihre Haut. »Niemand, der auch nur ein wenig über die Cloudrun weiß, möchte dieses Schiff finden«, sagte sie. »Oder von ihm gefunden werden. Das Königreich ist erst seit gestern hier. Wir nicht. Dieser Ort ist sehr alt, das hat Delfy verstanden. Für das junge Königreich ist die Cloudrun nur ein Name. Aber wenn dieses Schiff wirklich da oben erscheinen würde, zwischen all den Asteroidenstädten? Dann würden einige der älteren hier, die schon als Kinder die Geschichten gehört haben, sich umbringen. Ehe das Schiff sie holen kann.«

Ben wusste nichts zu sagen. Eigentlich war er neugierig auf die Cloudrun gewesen. Aber die Fremde sprach in Rätseln und überhaupt klang diese Geschichte nicht nach der, die er sich ausgemalt hatte. Ein Geisterschiff, na und? Das älteste Märchen des Alls.

»Ist schon gut, Ben«, sagte die Nautolanerin. »Ich will dir keine Angst machen.«

Bens Gedanken kreisten längst wieder um seinen Hunger. Er musste einen Weg finden, an die Notration zu kommen, aber dazu musste die Frau noch einmal untertauchen.

»Was ist Coruscant?«, fragte er.

»Coruscant war die Hauptstadt der alten Galaxis. Für ganze Jahrtausende. Bis zum Krieg.«

»Die Prinzessin hat gesagt, dass… das Wissen von Coruscant hier in den Splitterwelten gesammelt ist.«

Die Nautolanerin nickte langsam.

Und ihr Blick wanderte nach oben.

Ben folgte ihr, sah an den Dächern Esparanzas vorbei und fand den vertrauten Anblick des Asteroidenmeeres vor der Schwärze des Alls. Dann begriff er. »Das hier… Das hier war Coruscant?«

Wieder nickte sie.

Einen Augenblick lang vergaß Ben sogar den Hunger. »Aber… Was ist passiert?«

»Der König. Das ist passiert. Daphan. Der große Daphan Valueen.«

Valueen. Aber wenn die Splitterwelten einmal Coruscant gewesen waren, musste das Ewigkeiten her sein. Der König sah auf Holos nicht älter aus als 50. Und welche Macht konnte einen Planeten zerteilen?

»Es ist nicht wichtig, Ben.« Die Nautolanerin schien auf einmal sehr müde, als wäre sie in dem Wasser zerflossen. »Es ist lange her, lange vor deiner und meiner Geburt… Delfy wird die Cloudrun nicht finden und die Splitterwelten werden nicht wieder zu Coruscant werden.« Sie lächelte ihm zum Abschied zu, dann lehnte sie sich zurück und tauchte unter.

Glück gehabt! Ben zögerte keine Sekunde. Er beugte sich zur Notration herunter, öffnete den Behälter und stopfte sich eines der Brotpacks in die Tasche seiner Pilotenjacke.

Die Silhouette im Becken rührte sich nicht.

Konnte er noch mehr nehmen? Die ganze Box? Wollte er wirklich von der Roten Hand stehlen?

Er hatte zu lange gewartet. Die Nautolanerin tauchte aus dem Wasser auf. Die schwarzen Augen auf ihn und den Behälter gerichtet.

Ben erschrak. Wenn sie schreit, ist es aus. Er kam hoch und warf sich auf sie, ehe sie ganz aufgestanden war. Die linke Hand presste er auf ihren Mund, die andere schob er blitzartig zwischen Nacken und Tentakel, um sie nach unten zu ziehen. Ins Wasser, dachte er, im Wasser kann sie nicht schreien!

Die Nautolanerin versuchte ihn abzuwerfen, doch sie hatte noch keinen festen Stand.

Ben umklammerte ihren Hals mit beiden Händen, nahm die Füße hoch und stemmte sie gegen ihre glitschigen Oberschenkel. Fierfek! Er rutschte ab.

Doch er hatte es geschafft, die Nautolanerin aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie kippte vornüber auf das Becken zu, mit Ben voran. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf. Ihre nassen Tentakel peitschten ihm ins Gesicht.

Er rollte sich unter ihr heraus und warf sich auf ihren Rücken. Um ihn herum spritzte das Wasser hoch. Er packte die Nautolanerin bei den Ansätzen zweier Tentakel und mit beiden Händen drückte er ihren Kopf unter Wasser.

Sie zappelte, aber sie war zum Glück nicht laut.

Was jetzt? Sie konnte im Wasser atmen und Ben konnte sie nicht ewig unten halten. Alles wegen der verdammten Essensration. Er hätte einfach gehen sollen.

Die Kräfte der Nautolanerin ließen auf einmal nach. Sie bewegte sich langsamer und ihre Rückenmuskeln erschlafften.

Das Wasser, dachte Ben. Das Wasser ist schmutzig und deshalb… Oder kann sie doch nicht unter Wasser atmen? Er stieg von ihr herunter und drehte sie auf den Rücken.

Ihre Augen standen offen. Sie rührte sich nicht. Vielleicht war sie tot. Oder ohnmächtig.

Ben hob die Essensration auf und sah sich um.

Am Ausgang des Innenhofs stand Ortega der Dug. Die Rüstung aus rotem Leder. Dem Rot seiner Besitzer.

Für einen langen Augenblick blieben Ben und Ortega in der Bewegung erstarrt.

Dann wirbelte Ortega herum und rannte los, auf allen vier Füßen.

Ben folgte, aber der Andere war schneller. Als Ben die Gasse verließ, musste er vor dem dichten Strom der Passanten abbremsen. Schwer atmend, durchnässt von Kopf bis Fuß, schaute er in beide Richtungen. Doch der Dug war viel zu klein, um aus der Menge zu ragen.

Stattdessen hielten jetzt einige Leute an und durchbohrten Ben mit neugierigen Blicken.

Er versuchte, im Gedränge unterzutauchen. In seinem Kopf rauschte das Blut und ließ ihn keinen klaren Gedanken fassen. Ortega würde der Roten Hand erzählen, was Ben getan hatte. Und die Bande würde den Tod der Nautolanerin rächen wollen. Vielleicht beim Dejarik, dachte Ben hoffnungsvoll. Beim Dejarik konnte er sie kriegen.

Er hechtete um eine weitere Ecke. Nirgendwo hin. Er lief, weil er es nicht wagte, anzuhalten.

Die Rote Hand würde sich nicht auf ein Dejarik-Spiel einlassen. Sie hatten niemanden, der den Veteranen übertraf. Und warum mogeln, wenn sie Ben auch auf offener Straße erschießen konnten?

Nach Luft ringend kam Ben zum Stehen und lehnte sich gegen eine Häuserwand, während die Welt vor seinen Augen kippte und zerbrach.

Er musste fliehen. Runter von Manarai, raus aus dem Territorium der Hand. Vielleicht konnte er Navvo überzeugen, dass er hier keinen weiteren Tag überleben konnte, geschweige denn bis zum nächsten Spiel und…

Nein. Trantor. Navvo würde ihn weiter kämpfen lassen, bis sie die Credits für Trantor hatten. Ben konnte den Toydarianer vor sich sehen, wütend auf und ab schwirrend. »Weglaufen?«, brüllte Navvo. »Jetzt, wo du den Veteranen besiegt hast? Jetzt, wo du uns mehr einbringst, als je zuvor?«

Ben schloss die Augen.

Scheiße.

Wenn er bei Navvo blieb, war er tot. Aber wenn er weglief, wenn er sich auf einem der Frachter versteckte…

Drückte Navvo den Knopf. Sprengte ihn in die Luft. Wumm. Und das war’s.

Ben zwang sich, ruhig zu atmen. Der Trickser hatte schon so viele Duelle gewonnen, so viele Gefahren überlebt - er würde hier und heute nicht sterben. Und wusste er nicht längst, was er tun musste? Hatte er nicht schon immer auf diesen Tag gewartet?

Er öffnete die Augen.

Mit festen Schritten marschierte der kleine Ben zum Stadtrand, um in die Unterwelt zurückzukehren.

Und Navvo zu töten.

Als er in den Quartieren eintraf, begegnete er Trent. Lilafarbene Flecken zierten die grüne Haut des Rodianers, unverkennbare Spuren von Betäubungsschüssen. Doch er war am Leben, im Gegensatz zu Taylee, Trents bester Freundin unter den Sklaven.

»Es tut mir Leid«, sagte Ben und glaubte, dass er log. Er sollte es bedauern, genau wie er den Tod der Nautolanerin bedauern sollte, und sich selbst hassen, aber… Das Gefühl war nicht da. Er war leer. Und sowieso hatte er keine Zeit für Schwäche. »Wo ist Navvo?«

»Keine Ahnung«, gab Trent zurück. »In irgendeiner Cantina. In der nächstbesten Risslestick-Höhle. Was weiß ich.«

Ben nickte und machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer. Da draußen würde er Navvo nicht finden, nicht auf einem Asteroiden, den er kaum kannte. Er musste warten, bis der Toydarianer zurückkam. Und hoffen, dass die Zeit dafür reichte.

Er öffnete die Tür und trat ein.

Auf dem Bett saß der Schattenmann.

Mehrere Herzschläge lang konnte Ben sich weder bewegen, noch klar denken. Wie hatte der Schatten hier hereingelangen können, ohne dass die Wachen ihn gesehen hatten?

Der Mann hob eine Hand und hinter Ben schloss sich die Tür. Der Schatten war ein Midi. Irgendwie hatte Ben es gewusst, schon in der Arena, aber er hatte verzweifelt gehofft, dass es nicht so war.

Und langsam stieg eine Erinnerung in ihm auf. An halb zerstörte Holos aus einer Zeit lange vor seiner Geburt. An Schauergeschichten. Und an einen Namen, an den einzigen Lord des Valueen Königreichs, den die Raumfahrer auch dann nicht verfluchen würden, nachdem sie sich mit Risslesticks den Verstand weggepustet hatten.

Der Schattenlord stand auf und schien noch größer als in der Kanzel, bestimmt über zwei Meter. Er stieß fast an die Decke von Bens Kammer. Die graue Haut war geriffelt und um die schwarzen Augen herum rot gefärbt. Er hatte krallenartige, lange Finger. Ben hatte etwas wie ihn noch nie gesehen.

»Was wollen Sie von mir…?« Plötzlich hatte er Angst, mehr Angst, als er jemals im Dejarik-Zirkel gehabt hatte.

Der Schatten strich sich die Falten seines schlichten, blauen Gewands glatt. Er öffnete den Mund, ließ die Zähne eines Raubtiers zum Vorschein kommen, und als er schließlich sprach, klang seine Stimme wie ein tonloses Flüstern: »Mein Name ist Janus. Ich bin der Oberste Lord des Zwölferrats. Die Hand von Daphan Valueen, dem König der verbliebenen Galaxis.«

Janus. Bei den schwarzen Sternen. Janus war echt und er war hier!

»Ich… Ich bin nicht anders«, stammelte Ben. »Ich bin wie… Wie Trent. Und Taylee und… Was immer Sie von mir wollen, ich… bin nicht der Junge, den Sie suchen.«

Janus legte den Kopf schief und plötzlich zeriss die Kette, die Ben um seinen Hals trug. Der Anhänger flog aus dem Kragen der Jacke heraus in Janus’ Hand. Der Oberste Lord begutachtete ihn interessiert. »Du hattest ihn nicht um, als du gekämpft hast, Ben. Weil er dir wichtiger ist, als das Twi‘lek Mädchen.«

»Nein. Nein, ich… Ich konnte Taylee nicht retten… Sie ist gefallen und…«

Mit einem Mal bewegte sich Janus. Das Gesicht vor Wut verzerrt, schmetterte er den Anhänger zu Boden.

Der Anhänger stoppte. Einen Fingerbreit vor dem Ende.

Janus lächelte.

Ben ließ den Anhänger in seine Hand schweben, wo er ihn umklammerte. Vorsichtig sah er wieder zu Janus, der das Geheimnis des Tricksers spätestens jetzt erfahren hatte. »Warum sind Sie hier?«, flüsterte Ben.

»Ich bin hier, weil ich sehen wollte, welchen Regeln du folgst. Weil ich sehen wollte, was du tun würdest, um zu vertuschen, dass du das Blut eines Midis hast und dass du jeden Dejarik-Kämpfer in den Splitterwelten von Coruscant«, Janus holte Luft, »mit einer einzigen Handbewegung töten könnest. Einfach so. «

»Ich hab Taylee fallen lassen. Ich hätte sie hochziehen können. Aber dann hätten alle gewusst, dass… Also, hab‘ ich sie…«

»Und beim nächsten Mal wirst du es wieder tun. Weil du musst. Weil du immer nur so kämpfen darfst, dass niemand sieht, was du bist. Hast du das verstanden?«

Ben schüttelte den Kopf. »Warum bin ich so? Warum tut es mir nicht mal Leid, dass ich all diese…«

Janus glitt an ihm vorbei, öffnete die Tür und trat hindurch. »Weil dir das Gleiche passiert ist wie Coruscant«, sagte er leise. »Du bist zerbrochen.«



Fortsetzung folgt...




A/N: Jup... Danke fürs Lesen!