[24/7] Zwischen den Zeilen

von halfJack
GeschichteDrama, Krimi / P16 Slash
04.12.2009
16.05.2014
63
206784
22
Dieses Kapitel
13 Reviews
 
 
 
Inhalt:
Rund um die Uhr sollen Light und L aneinandergekettet sein. Was passiert während der Zeit, in der Light nicht weiß, dass er selbst der Mörder Kira ist? Und wird sich etwas geändert haben, sobald sich die Überwachung umkehrt und er Kontrolle auf seinen Gegner ausübt?
Die Story umfasst die Zeit der Handschellen bis zum Showdown zwischen L und Light, also die Kapitel vom fünften bis zum siebten Band, welche damals in Deutschland noch nicht veröffentlicht waren, als ich zu schreiben anfing. Alle aus dem Original stammenden Szenen habe ich so frei wie möglich in den Kontext übertragen und ergänzt. Vornehmlich ist die Story in den Manga eingebettet, es tauchen allerdings auch Inhalte vom Anime, den Realfilmen und aus den Novellen auf.

Kommentar:
Ein Mindestinteresse an ethischen und anderen Debatten sollte man vermutlich mitbringen, weil die Protagonisten in dieser Geschichte mitunter lange, vielleicht langweilige Gespräche führen. Zitate und Literaturverweise befinden sich im jeweiligen Kapitel, wobei ich nicht jede winzige Anspielung aufzählen werde.
Die Handlung besteht natürlich nicht nur daraus. Slash kommt in der Tat vor, allerdings bin ich sehr darum bemüht, die Figuren ihrem Charakter entsprechend realistisch darzustellen, daher wird jede Annäherung viel Zeit in Anspruch nehmen.
Falls manche Verhaltens- oder Denkweisen merkwürdig erscheinen, wird man teils daran feststellen, dass ich Wert auf die Darstellung der japanischen Gesellschaft lege, sowohl auf die Mentalität als auch in Bezug auf die Wahl der zahlreichen Süßigkeiten. Bei Unklarheiten stehe ich für Fragen gern zur Verfügung und bin genauso für Kritik offen und dankbar.

Disclaimer: Die Rechte an dem Manga „Death Note“ liegen nicht bei mir, sondern bei Tsugumi Ohba und Takeshi Obata. Ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld.


Ich versichere es euch, jetzt sind die Sekunden stark und feierlich betont,
und jede, die von der Uhr herunterspringt, ruft:
„Ich bin das Leben, das unerträgliche, unerbittliche Leben.“
(Charles Baudelaire)


24/7
Zwischen den Zeilen


Prolog

Die letzten Tage des Julis waren warm, die Luft staubig und erfüllt vom Straßenlärm der Großstadt. Auf den unnatürlich sauberen Gehwegen Tokyos drängten sich zahllose Menschen, geschäftig und unermüdlich wie die Einzelteile eines gut organisierten Getriebes. Das Räderwerk einer fast perfekten Welt. Eine Maschinerie, die sich nicht darum kümmerte, ob eines ihrer Zahnräder fehlte.
Vor annähernd zwei Monaten hörten die Morde an Verbrechern schlagartig auf und seit ebenjener Zeitspanne hatte Yagami Light kein fremdes Gesicht mehr erblickt. Er hatte weder den anhaltenden Regen noch die flirrende Hitze des Sommers auf der Haut gespürt oder ein einziges der Feuerwerke gesehen, die so typisch für die heißeste Jahreszeit in Japan waren. Was er stattdessen wochenlang, Stunde um Stunde zu sehen bekam, waren die weißen Wände einer kargen Zelle, nicht das Licht der Sonne, sondern das Leuchten steriler Neonröhren. An den Handgelenken schmerzte ihn die unerträglich gewordene Umklammerung seiner Fesseln.
Light wusste, dass er unschuldig war, aber Furcht und Unsicherheit hatten ihn einen folgenschweren Entschluss fassen lassen. Anfangs war es demütigend, jede Minute des Tages unter ständiger Beobachtung, während er nichts weiter tun konnte, außer seinen natürlichen Bedürfnissen nachzugehen, bei denen ihm einer der Polizisten des Teams half. Meist war es Matsuda, der sich in erzwungener Fröhlichkeit seiner annahm, ermutigend und animierend, doch Light schaffte es nicht, sich von ihm anstecken zu lassen. Motivation wurde zum Fremdwort, Flucht zur irrealen Alternative. Seinen falschen Stolz hatte er längst weggeworfen.
Ab dem fünfzehnten Tag erschien Matsuda nicht mehr in seiner Zelle. Den Grund dafür konnte sich Light nicht erklären. Vermutlich hatte der junge Polizist den Glauben an ihn verloren. Obwohl Matsuda älter war und bereits im Berufsleben stand, hatte er stets eine gewisse Bewunderung für Lights deduktives Vermögen und seine Aufrichtigkeit empfunden. Bis jetzt.
Die Erkenntnis über die Verkehrtheit seiner Entscheidung kam nach der ersten Woche, unbändiger Zorn darüber nach der zweiten, in der dritten Woche folgte Verzweiflung, nach der vierten nur noch Resignation. Fremde Gesichter und Gestalten traten an ihn heran. Stimmen forderten ihn zum Essen und Trinken auf. Alte Hände, die ihn an seinen Vater erinnerten, lüfteten den Stoff über seinem Bauch, wenn er sich lange nicht bewegt hatte, und der Stich einer Spritze ließ ihn vermuten, dass es sich dabei um eine Maßnahme gegen Thrombose handelte. Angesichts der Ausweglosigkeit seiner Situation war es Light irgendwann gleichgültig.
Im Halbschlaf träumte er sich in unerreichbare Ferne, durchreiste in seinen Erinnerungen ganz Japan. Wenn er die Augen schloss, sah er das Häusermeer seiner Heimatstadt, sah Wälder und Berge, die hinter dem Rand von Tokyo das Land überschwemmten. Er flog über die weiten, weißen Flächen von Hokkaido, am Horizont die Grenze zwischen Himmel und Erde verwischend, in der Luft schneidende Kälte, die ihm beim Einatmen in den Schläfen stach. Er spürte den heißen Strandsand von Okinawa unter seinen nackten Füßen, fühlte den warmen Wind im Gesicht und das Salz des Meeres auf den Lippen. Der Duft des Sommers.
Light glaubte, ihn nicht mehr zu kennen, denn sobald er die Augen öffnete, war die Welt seiner Träume verschwunden. Übrig blieben kahle Mauern, Gitterstäbe, sanitäre Einrichtungen und ein schmales Bett. Mittlerweile hasste Light dieses Bett. Das war keine Schlafstätte, sondern eine Bahre. Darum vermied er es, sich dorthin zu legen, sonst wurde sein Körper zum Leichnam und das Bett zu einem Seziertisch. Aufgebahrt, um selbst in dieser Lage unermüdlich von dunklen, starren Augen analysiert zu werden, die hinter den Kameras lauerten.
Bald glaubte Light sogar, zu vergessen, wie er hieß und wer er war, hätte nicht manchmal ein Knacken aus den Lautsprechern ihn aus seiner Taubheit zurückgeholt und eine beruhigende, emotionslose Stimme seinen Namen ausgesprochen.
„Light-kun“, sagte die Stimme und rief ihm alles zurück ins Gedächtnis, seine freiwillige Inhaftierung, den Kira-Fall und die Konfrontation mit dem Meisterdetektiv L.
Aufzugeben war keine Option, die Light schnell und unumstößlich ergriff. Tagelang diskutierte er mit L, machte ihm Vorschläge, erkundigte sich nach dem Stand der Ermittlungen und erhielt irgendwann nur noch die Antwort:
„Du bist Kira.“
Er konnte es nicht mehr hören. Dennoch verlangte er nach dieser monotonen Stimme, die keinerlei Gefühlsregung für ihn zu hegen schien. Voneinander getrennt kam es Light so vor, als sei er nicht allein, sondern mit einem zweiten Insassen eingeschlossen. Stets war L anwesend, rührte sich nicht von der Stelle, reagierte auf jede von Lights Ansprachen. Obwohl ihre vermeintliche Freundschaft nichts an Ls Skrupellosigkeit ihm gegenüber änderte, teilten sie auf diese Weise ihre Gefangenschaft.
Zweiundvierzig Platten an der Wand. Jeweils neun an den beiden gegenüberliegenden Seiten. Vierundzwanzig an der langen Fläche hinter seiner Pritsche. Die Decke, ein leeres Rechteck. Der Boden, ein graues, zerkratztes Fundament, das ihm nichts bot, an dem er seinen Geist hätte erproben können. Light hatte sie gezählt, immer und immer wieder, all diese gleichförmigen Strukturen. Neun links, neun rechts, vierundzwanzig in der Mitte, zweiundvierzig insgesamt. Bittere Ironie zeigte sich in der metaphorischen Anzahl der rechteckigen Platten, als seien sie die Verstärkung seines eigenen Sarges. In seinem Kopf spielte er auf ihnen Schach und Go, pausenlos duellierte er sich mit einem unsichtbaren Gegner und hatte tatsächlich das Gefühl, innerlich einen Kampf gegen sich selbst auszufechten. Mit jeder Stunde häuften sich seine Niederlagen. Bis er irgendwann nicht mehr kämpfen konnte.
Sein Denken wurde zähflüssig, seine Gedanken drehten sich im Kreis, suchten nach Beschäftigung, nach Ablenkung, griffen in den Raum hinein ins Leere. Light konnte regelrecht beobachten, wie er Schritt für Schritt abbaute, körperlich und psychisch. Tagtäglich drohte ein weiterer Teil von ihm gebrochen zu werden. Seine Konstitution, sein Verstand und ganz zum Schluss sein Wille.
L war Zeuge seines Niedergangs.
Wie viel Zeit verging, wusste Light nicht, doch blieb L wochenlang das Einzige, an dem er sich festhalten konnte. Deshalb redeten sie und schwiegen und ertranken gemeinsam in ihren Worten, bis der Augenblick kam, da Light am Ende war.
Als habe er es von seinem Gesicht abgelesen, stand L kurz darauf in seiner Zelle. Gelassen wie stets betrachtete er sein Zielobjekt mit höchster Aufmerksamkeit. Light fühlte Zorn und Freude, einen unterdrückten Hilfeschrei und vage Hoffnung. War dies Ls Ziel gewesen, ihn zu brechen bis auf den letzten Knochen?
Endlose Minuten verstrichen, in denen sie einander stumm betrachteten und Light bereits erwartete, sein Richter sei lediglich eine Illusion, die sich im nächsten Moment in Luft auflöste.
Letztlich sagte L erneut nur einen einzigen Satz:
„Gib nicht auf, Light-kun.“
Damit wandte er sich ab und ging. Er verschwand wie das Trugbild, das Light in ihm zu sehen glaubte.
Am dreiundfünfzigsten Tag kamen sie zu ihm und holten ihn.
Zu seiner Exekution.
Matsuda blieb mit gesenktem Haupt neben der Zellentür stehen, während Light von Aizawa in das unterste Stockwerk geführt wurde. Keiner von ihnen sagte ein klärendes Wort. Auch sein Vater nahm ihn schweigend in Empfang.
Ein endloser Tunnel, kein Tageslicht in Sicht und Light konnte nicht begreifen, was ihm bevorstand. Nun saß er auf der Rückbank eines Wagens, aufgebrachtes Schreien in den Ohren, und starrte in den Lauf einer Schusswaffe, die ihm sein eigener Vater ins Gesicht hielt.
„Wir sehen uns in der Hölle, mein Sohn“, hörte Light ihn sagen und dachte in dem winzigen Bruchteil einer Sekunde, bevor der Abzug betätigt wurde, dass die Wirklichkeit ein Meer der Dunkelheit war, zu dessen Überquerung man ein riesiges Schlachtschiff benötigte, gepanzert mit Stahlplatten aus radikaler Wahrheit.
Die Wahrheit jedoch war eine gefälschte Waffe.
L hatte nicht den Verstand verloren. Er hatte ein Theaterstück inszeniert, dessen Fazit keineswegs Lights Hinrichtung, sondern seine Rehabilitation war. Über einen Lautsprecher erklärte der Meisterdetektiv entschieden:
„Du wirst mir bei meinen Ermittlungen helfen. Ich möchte, dass du rund um die Uhr an meiner Seite bist, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.“
„Verstanden“, antwortete Light und willigte in den Pakt ein.

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Anmerkung:
1. Das Zitat von Charles Baudelaire stammt aus dem Kurztext „Das zwiefache Zimmer“ in „Die künstlichen Paradiese“.
2. Gleichsam wie die 4 ist die Zahl 42 in Japan eine Unglückszahl, da sie einzeln genauso gelesen wird (shi bzw. shini) wie das Schriftzeichen 死 für „Tod“ und „sterben“.
3. Der Einstieg ist in Anlehnung an den Prolog im Himmel von Goethes „Faust I“ geschrieben und verweist zudem inhaltlich auf die „Schachnovelle“ von Stefan Zweig.
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