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Schattenspinner und Herzleser

von Arielen
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
17.11.2009
05.02.2016
12
42.126
 
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17.11.2009 4.270
 
Ein kleines Elfenmädchen, das vertrauensvoll zu ihm aufsah, hielt sich an seiner Hand fest und bettelte dann darum, auf die Arme genommen zu werden, während sie den Pfad aus dem Wald auf eine Lichtung folgten. In der Ferne heulte ein Wolf den Himmel an. "Papa, bitte erzähl mir die Geschichte von den herabfallenden Himmelssteinen und wie du einmal einen gefunden hast!" Dabei umfaßten ihre kleinen Finger seine rechte Hand, auf der sich schwach eine Narbe abzeichnete. "Da hat er dich doch verbrannt, nicht wahr?"
"Ja, das hat er ... und da war ich noch klein ... wenn auch nicht mehr ganz so klein wie du. Damals streifte ich nachts im Wald umher, nur um meinen Freunden zu beweisen daß ich viel mutiger als sie war und den Tadel der Älteren nicht scheute! Du mußt wissen, damals war ich viel wilder als ein kleiner Wolfswelpe!" Er setzte sich mit der Kleinen auf die Wiese und streckte sich inmitten des weichen hohen Grases aus. Das Mädchen ... seine Tochter ... machte es sich rasch auf ihm bequem und klopfte dann ungeduldig auf seinen Brustkorb. "Ja, und weiter? Ich will alles wissen!"
"Warte, schau mal da!" Er hob eine Hand. Seine scharfen Augen erspähten einen herabfallenden Himmelsstein. "Mutter Mond weint wieder leuchtende Tränen! Und eine solche habe ich damals gefunden."
"Ja ... und?" Das Mädchen sah ihn aufgeregt an.
"Ich wollte im Bach baden, als plötzlich etwas ganz dicht neben mir in das Wasser plumpste. Das begann zu brodeln und zu zischen. Ich bin natürlich ganz schnell aus dem Bach grannt, weil ich mich furchtbar erschreckt habe, aber nicht für lange. Ich konnte ja schließlich nicht nackt in den Hain zurück, und auslachen lassen, wollte ich mich schon gar nicht. Deshalb habe ich mich umgedreht und bin zurück zum Bach gelaufen, um nach dem Übeltäter zu sehen. Es brodelte und zischte immer noch an der Stelle, so daß ich sie leicht wiederfand. Na ja, und dann habe ich nicht nachgedacht, und bin wieder ins Wasser gegangen, um das Ding, das so einen Wirbel machte, aus dem Wasser zu holen ..."
"Und dann hast du ganz schrecklich laut geschrien, weil dir der Stein so weh getan hat!"
"Willst du die Geschichte nicht weiter erzählen, wenn du sie schon so gut kennst?" neckte der Elf seine Tochter, die ihn daraufhin mit der Nase anstupste. "Nein ... du kannst das viel besser. Kannst du auch noch so schreien wie damals?"
Dayin lachte. "Wenn ich das noch einmal tue, dann bekomme ich wieder so schlimme Schelte von Goldfederfell wie damals. Nachdem Lahria meine Hand geheilt hatte, nahm er mich erst mal beiseite und hat ziemlich ernst mit mir geredet ... und das war viel schlimmer als das Brennen in der Hand ... Denn eines mußt du wissen, mein kleiner Sonnenfunke, Loyahm hat immer recht ... irgendwie."
"Dafür ist er ja auch der Älteste!" meinte das Kind dann altklug. "Gegen ihn bist du noch ein Kind!"
"Und Kinder dürfen frech sein und Unsinn machen, da hast du recht!" lachte Dayin und begann die Kleine durchzukitzeln, so daß ihr Quietschen und Kichern bald die Lichtung erfüllte.


Schattenspinner spürte plötzlich, wie er noch weiter in den Strudel seiner Erinnerungen hinabtauchte. Die Gestalten, die sich dort durch eine nebelverhangene, undeutliche Landschaft bewegten, waren so riesig wie die Fünffinger ... nein, das war ein Irrtum: er war nicht größer als ein Kind von vielleicht einem oder zwei Wechseln der Jahreszeiten.
Die verschwommenen Gesichter dreier Elfen, die sich nun über ihn beugten, konnte er nicht erkennen. Dennoch durchströmten wohlige Gefühle Schattenspinner, als sie mit ihm sprachen, ihn auf die Arme nahmen und streichelten. Er streckte seine Ärmchen aus, um sich an ihnen festzuhalten...
Aber mit einem Male wechselten die Bilder.

Er klammerte sich an den hochgewachsenen schwarzhaarigen Elfen, der ihn auf dem Rücken trug. Sein Gesicht in das lange Haar des Bruders vergraben zitterte er, während in seinen Ohren immer noch das Geschrei und Brüllen der schrecklichen Tiere gellten, vor denen sie davon rannten. Der Elfenjunge hatte schreckliche Angst. Sie würden bestimmt eingefangen und gefressen werden! Genauso wie die Waldtiere, die sie auf ihrem Weg gesehen hatten.
"Mama!" schluchzte er. Aber seine Mutter war nicht mehr da. Sie war eines Tages verschwunden, genauso wie seine Väter und der einzige, der ihm nun noch geblieben war, war nur sein Bruder ... sein starker mutiger Bruder


Schattenspinners Träume - oder Erinnerungen, wie er jetzt wußte - kehrten im Laufe des Frühlings und Sommers dann und wann zurück, doch die Schmerzen, die mit ihnen einher gingen wurden von Mal zu Mal geringer, so daß er sie nicht mehr als peinigend und schmerzvoll empfand. Sie verwirrten ihn nur. So wie jetzt. Er hatte noch einen Bruder? Und warum spürte er, daß da noch mehr Verwandte sein mußten?
Um nicht verrückt zu werden, pflegte er sich in solchen Situationen ganz seiner Arbeit zu widmen. Der dunkelhaarige Elf streifte oft im Wald umher, um frische Kräuter zu sammeln, oder Pflanzen zur Herstellung seiner Farben zu finden. Das bot ihm genug Ablenkung um die mit den Erinnerungen einher gehenden Gefühle zu verdrängen. Während seine geschickten Finger die Pflanzen oder das Leder bearbeiteten, und er geduldig darauf wartete, daß die Stoffe, die die Farben hervorbrachten, auskochten, waren zudem immer andere Elfen um ihn herum.
Mit Iala verband ihn eine besondere Freundschaft, da sie als einzige wußte, wer er einst gewesen war, aber auf seine Bitten hin darüber noch schwieg, während er mit Rosenlieb eher längere Gespräche über die alltäglichen Dinge des Hains führte und so viel über die jetzigen Bewohner erfuhr, wenngleich ihn die Gerberin auch manchmal so musterte, als ob sie eine Ahnung habe, ihn zu kennen. Aber er war sich bewußt, daß er in der Vergangenheit eher weniger mit ihr zusammengesessen hatte.

"Was willst du denn, du verrückter Kerl? Wer macht denn die Felle und das Leder tragbar, daß ihr Jäger uns bringt?" rief die Elfe mit den schulterlangen roten Locken erbost, lachte dann aber auf, als er ein weiches Fell hinter seinem Rücken hervorzauberte und es ihr entgegenhielt. "Und was hälst du davon?"
"Oh, das ist ja ein Schneehörnchen-Fell. Wo hast du das her?"
"Verrate ich dir nicht!" zwinkerte er. "Schließlich haben wir Jäger auch so unsere Geheimnisse! Und das ist jetzt für dich! Ich dachte mir einfach, ich mache dir auch einmal eine große Freude."
Sie grinste schelmisch. "Und was wird Frühlicht dazu sagen?"
"Sie wird schon wissen, warum."


Frühlicht.
Doch das Gefühl eines großen Verlustes war immer dann am meisten spürbar, wenn dieser Name durch seinen Geist hallte. Es kam vor allem dann hervor, wenn er allein war. Aus diesem Grund gab Schattenspinner schließlich auch seine selbst gewählte Abgeschiedenheit im Wald auf und zog in ein freies Nest in einem Baum, der sich direkt neben dem befand, in dem auch Iala und Alec lebten. Wenn auch bei ihm nicht, wie in den anderen Nestern und der Wurzelhöhle rege Betriebsamkeit herrschte, so spürte er doch das Leben um sich herum und fühlte sich nicht länger allein. Dennoch hatte er sich sein Heim als Ort, an den er sich zunächst allein zurückziehen konnte, erbeten und die anderen achteten seinen Wunsch, spürten sie doch, das langsame Veränderungen mit dem Eigenbrödler vor sich gingen, wenn sie auch noch nicht wußten, weshalb.
Schattenspinner schwieg darüber. Er war längst nicht mehr so abweisend wie am Anfang, blieb aber sehr zurückhaltend. Den Sommer über hatte er das Innere seiner Baumhöhle eingerichtet - doch nicht, wie die meisten Schattentänzer vermuteten, in düsteren, melancholischen Erdtönen, wie er sie trug.
Alec, der einmal einen Blick hatte hinein werfen können, schwieg lächelnd über das, was er gesehen hatte: Ineinander verschlungene Ornamente in leuchtenden Farben schmückten die Wände und die Decke des Baumnestes, die Matten waren gleichermaßen gefärbt.
Die wenigen Besitztümer des Elfen waren in Nischen verstaut, und die kleine Höhle wurde von einem breiten Lager aus Fellen und Reisig beherrscht. Das Licht der aufgehenden Sonne fiel durch das kleine Fenster genau auf die Ruhestatt.
Hier saß Schattenspinner nun, als Alec eines Morgens durch die Öffnung spähte.
Der dunkelhaarige Elf schien ihn nicht zu bemerken. Er saß mit nacktem Oberkörper auf den Fellen, selbst den Kopfschmuck hatte er abgelegt, so daß seine Narben deutlich sichtbar waren. Der Barde lächelte. Viele von ihnen trugen solche Male, und er konnte nicht sagen, daß sie Schattenspinner sonderlich entstellten. Obwohl sich die wulstigen Brandnarben von den Schläfen über die Wagen und den Hals bis zum Brustbein und den Schulterblättern hinab zogen, wirkten sie nicht abstoßend. Es war ihm, als habe Schattenspinner auch einiges getan, um diesen Eindruck abzumildern. Und das Licht fiel nun genau auf eine Wange, auf der noch die Reste einer für die Schattentänzer so typischen Tätowierung zu finden war - ein Farnblatt.
Schattenspinner saß mit geschlossenen Augen so ruhig da, als hätte er innere Ruhe gefunden, aber das Zucken seiner Gesichtsmuskeln wies genau auf das Gegenteil hin. Ganz offensichtlich waren seine Gedanken wieder in Aufruhr.
Alec runzelte die Stirn. Wie wenig wußte er doch über den dunkelhaarigen Elfen, der damals kurz nach seiner Ankunft von Schmerzen erfüllt in seinen Armen gelegen hatte. Alec hatte ihm durch seinen Gesang Linderung gegeben und Hilfe beim Wiederfinden seiner Erinnerungen angeboten, aber danach hatte sich Schattenspinner aus ihm unbekannten Gründen erst einmal wieder zurückgezogen.
Bis auf die sanfte, ruhige Iala war niemand so recht an ihn herangekommen und Alec war durch Airylinn und seinen immer größer werdenden Freundeskreis nicht dazu gekommen, ihn noch einmal anzusprechen - zumal es gerade im letzten Frühling und Sommer für ihn recht turbulent zugegangen war, wenn er an die Ereignisse dachte.
Alec lächelte nachdenklich. Jetzt, wo Schattenspinner in der Nähe lebte, konnte sich das doch ändern - wenn der dunkelhaarige Elf das zuließ.
Der Sänger runzelte die Stirn. Er wußte ja noch, daß Schattenspinner irgendwie die Erinnerung an sein früheres Leben verloren hatte, das mit den Schattentänzern verbunden war. Ob diese Schatten der Vergangenheit nun mit aller Gewalt zurückkehrten? Was wühlte den anderen nun so auf, was quälte ihn? Und warum wandte er sich nicht an die, die ihn vielleicht erkennen konnten?

Schattenspinner bewegte sich in einer ganz eigenen Welt, die nur innerhalb seines verwundeten Geistes existierte. Er versuchte verzweifelt die Bilder auseinanderzuhalten, die in wirrer Folge vor seinen inneren Augen erschienen. Die bereits erwachten Erinnerungen rissen immer weitere aus den Schatten des Vergessens, der Schmerz deswegen wurde jedoch immer geringer. Nur noch selten pochte sein Kopf als wolle er gleich zerspringen, seit einiger Zeit erblindete er nicht mehr Augenblicke, weil das Brennen an den Schläfen und Wangen mit grellem Licht einherging.
Allerdings wich die Beklemmung immer mehr einem Gefühl des Verlustes, das dann schlimmer wurde, wenn er sich an die braunhaarige Elfe erinnerte. Sie hatte ihm viel bedeutet, war ein Teil seines Lebens, seiner Seele gewesen ... und nicht mehr da.
Schattenspinner hatte - seit die Erinnerungen an sie erwacht waren - immer wieder verstohlen nach ihr gesucht. Aber nicht gefragt. Vielleicht hielt ihn die Ahnung, einer schrecklichen Wahrheit davon ab, sich den anderen anzuvertrauen und sich nach ihrem Schicksal zu erkundigen. Denn instinktiv wußte er, daß er sie für immer verloren hatte.
Frühlicht, seine erkannte Lebensgefährtin.
Diejenige, die in den Jahren ihres gemeinsamen Glücks nur selten von seiner Seite gewichen war und ihm einmal etwas geschworen hatte ...

Glühwürmchen umtanzten sie in einer lauen Sommernacht, die nur vom Licht der Sterne erhellt wurde, denn Mutter und Kind Mond waren bereits untergegangen. Eine leichte Brise troknete den Schweiß ihres Liebesspiels von den nackten Körpern, während das Elfenpaar, ineinander verschlungen auf dem breiten Ast ausruhten.
Dayin spielte gedankenverloren mit dem weichen Haar seiner Gefährtin und starrte hinauf zum Himmel, genoß die wohligen Schauer, die ihre Fingerspitzen in ihm erweckten.
"Was uns verbindet, mein Liebster ist mehr als reines Erkennen. Es ist tiefe, unzerstörbare Liebe", Frühlicht lachte leise, während ihre Finger emsiger wurden und auf seinen Bauch trommelten. "Ich hätte nicht gedacht, daß sie mich einmal in Gestalt einen übermütigen jungen Welpen so bannen könnte."
"Aber ..."
"Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Bitte hör mir zu!" Frühlicht schlang ihre Arme um seinen Oberkörper und schob sich höher um ihm in die Augen zu sehen. Ihre Hände legten sich an seine Wangen. "Mit Goldfederfell hat mich eine andere Art von Liebe verbunden", erklärte sie dann, denn ihr war nicht entgangen, daß sich der viel jüngere Elf leicht verkrampft hatte, als er an ihren ersten Geliebten dachte, und wieder das Gefühl hatte, im Schatten des Ältesten zu stehen. "Diese hat mich dazu bewogen, mein sterbliches Blut aufzugeben, damit ich für eine Ewigkeit an seiner Seite weilen könnte ... aber ich weiß jetzt ganz sicher, daß ich für dich sterben würde, wenn irgendwann einmal eine solche Entscheidung getroffen werden müßte. Dessen kannst du dir gewiß sein."


Schattenspinner schreckte hoch, als diese Erinnerung schlagartig in heftigem Schmerz und Brennen in seinen Schläfen endete. Er vergrub das Gesicht in den Händen, während die letzten Worte seiner Gefährtin noch immer in seinen Ohren gellten. Mit ihnen verband sich eine Beklemmung, die ihn so schnell nicht mehr los ließ. "... daß ich für dich sterben würde ... sterben würde ..."
Er holte tief Luft. Tief in seinem Inneren wußte er, daß es nicht anders sein konnte.
Jetzt war es wohl an der Zeit, sich der grausamen Wahrheit zu stellen, und die konnte ihm nur einer wirklich beantworten: Loyahm Goldfederfell!
Als er sich die Augen rieb und aufsah, stellte er jedoch fest, daß er nicht ganz allein war. Alec Singvogel schaute durch das Fenster besorgt zu ihm hin. "Kann ich dir helfen?" fragte der Sänger sanft. "Hast du wieder Schmerzen?"
*Es ... es sind keine körperlichen Schmerzen, glaub mir ...*, sendete Schattenspinner ernst aber nicht schroff.. *Im Moment kannst du mir nicht helfen, weil du nicht weißt ... es gibt so viel zu erzählen ...* Er sah den Barden flehend an und schüttelte dann den Kopf.. *Ich kann jetzt nicht. Es gibt etwas, was ich noch herausfinden muß ... aber ich verspreche dir, ich werde dir alles erzählen, sobald ich kann.*
*Ist schon gut! Ich verstehe dich* Alec lächelte ihm noch einmal zu und zog sich dann wieder zurück, während Dayin zitternd nach seinem Hemd und dem Kopfschmuck griff. Nachdem er sich angezogen hatte, verließ er sein Nest und kletterte den Baum hinunter.
Iala, die ihm mit einem Korb voller Früchten entgegen kam, sah ihn besorgt an. **Du bist so blaß! Sind wieder neue, schmerzvolle Erinnerungen in dir erwacht, Dayin? Bitte, wir könnten darüber reden.**
*Ja, Iala, ich habe mich wieder an etwas erinnert*, gab Dayin zu. **Aber ich glaube, jetzt ist es an der Zeit mit Loyahm darüber sprechen, weil es auch mit ihm zu tun hat **, erwiderte Schattenspinner. **Gleich ... später ...werde ich dir sagen, was mit mir los ist ...**
Der Blick der gluthaarigen Elfe wurde ernst und sie nickte verstehend. Schattenspinner zuckte zusammen, denn er hatte das Gefühl, als wisse sie mehr, doch er hatte jetzt nicht die Ruhe, mit ihr zu sprechen.
So eilte er zum Baum der Erinnerung, um den er aus unerklärlicher Furcht bisher immer einen größeren Bogen gemacht hatte. Jetzt hatte er eine Ahnung, warum ihn die Bilder so erschreckten, und gerade darum mußte er sich ihnen stellen.
Unsicher fuhren Schattenspinners Hände über die rauhe Rinde und ertasteten die geformten ineinander verschlungenen Figuren und Ornamente. Schritt um Schritt ging er zurück in die Vergangenheit.
Die Ereignisse, die dargestellten Elfen - sie alle waren ihm fremd. Bis er so heftig zusammenzuckte, daß ihm beinahe das Herz stehen blieb.
Erschüttert musterte Schattenspinner die gezackte Linie, die einen Blitz darstellte, und sich genau in den Leib eines Elfen bohrte ... und einer Elfe, die in den Armen anderer zusammensackte. Sein Kopf begann wieder heftig zu pochen, die Welt drehte sich um ihn herum, so daß er am Stamm Halt suchte.
Er sackte langsam an der Rinde zusammen, bis ihn plötzlich schmale aber kräftige Hände festhielten. "Ich glaube, du bist zu mir gekommen, um mit mir zu sprechen, Schattenspinner", vernahm er die ruhige Stimme Loyahm Goldfederfells.
"Ich ..." Schattenspinner benötigte einen Augenblick, um sich zu fangen. "Ja, ich muß mit dir über viele Dinge sprechen", krächzte er.
"Dann komm mit, denn ich denke, das sollten wir an einem ruhigen, abgeschiedenen Ort tun." Goldfederfell nickte ihm zu. Das Gesicht des Erstgeborenen verriet nicht, was er fühlte oder dachte.

Schließlich saßen sie sich in der Wohnhöhle des Ältesten gegenüber. Nur schwach drangen die Geräusche von außen hier herein, verrieten aber, daß wohl wieder eine Schar Jäger mit Beute zurückgekommen war.
Schattenspinner schluckte. Wieder hatte er das Gefühl, gleichzeitig hier zu sitzen, und sich an ähnliche Situationen zu erinnern, in denen er mit Goldfederfell zusammengesessen hatte. Diesmal jedoch war er zum Ältesten gekommen, um ihn um Hilfe zu bitten. Dieser musterte ihn ruhig und abwartend, doch der dunkelhaarige Elf brauchte noch eine ganze Weile, um sich zu fangen.
"Ich ... ich bin gekommen, weil ich ..." Er senkte den Blick für einen Moment hob den Kopf dann aber wieder. *Aus Gründen, die ich nicht kenne ... habe ich meine Erinnerung verloren, ich wußte nicht wer ich war, und wo ich hingehörte - aber seit ich ihm Hain lebe, kehren immer wieder Bilder aus meiner Vergangenheit zurück.* Er holte tief Luft. *Ich bin mir unsicher, was davon wahr ist, und was nicht.* Wieder verstummte er für einen Moment, um seine Kraft zu sammeln. *Ich glaube, ich bin, nein, ich war ... Dayin ... Sturmtänzer ... und meine Gefährtin hieß Frühlicht!*
"Dann erinnerst du dich also wieder?" Die Stimme des Erstgeborenen zitterte leicht, aber seinem Gesicht war nichts anzumerken.
*Nicht an alles. Nur an Bruchstücke, die mir nach und nach in meinem Kopf kommen ...* Und Dayin begann leise zu erzählen, an was er sich erinnerte. Er hielt nichts zurück, denn um Klarheit über sich, sein früheres Leben und die Geschehnisse, die zu seiner Veränderung geführt hatten, zu bekommen, durfte er nichts verschweigen. Immer wieder senkte er den Kopf und seine Stimme wurde von Tränen erstickt, wenn, das Gefühl des Verlorenseins stärker wurde. Jetzt, wo er zum ersten Mal offen vor jemandem über die gesamten Erinnerungen sprach, wurden sie klarer und schärfer.
Der Älteste sagte nichts, er hörte nur schweigend zu und zeigte mit keiner Faser was er dachte oder fühlte, wenngleich es in seinem Gesicht auch immer dann zuckte, wenn Schattenspinner seine Gefährtin erwähnte, als wolle er damit eigene Gefühle überdecken.
Schließlich endete Schattenspinner und hob die Hände zum Kopf, um den Reif aus dem Haar zu lösen und seine Narben zu enthüllen. *Ich weiß nicht, was damals geschehen ist, aber es muß sehr viel zerstört haben*, endete der Elf mit den dunkelbraunen Haaren und sah wieder auf.
Für eine Weile herrschte angespanntes Schweigen in der Wohnhöhle.
"Ja, du bist Dayin. Die Schattentänzer nannten dich Sturmtänzer." Langsam hob Goldfederfell seine Hand, hielt kurz inne, und berührte dann leicht die Reste des farnblattförmigen Zeichens. "Vor vielen Jahreszeitenwecheln kamst du zu mir, und batst um dieses Zeichen. Ich kannte dich damals gut," der Älteste gab dem Wort eine seltsame Betonung, "und gewährte es dir." Loyahm's Augen schienen für einen Moment in die Vergangenheit zu blicken, doch dann zog er seine Hand wieder zurück und fuhr fort. "Du bist ein Schattentänzer ... auch wenn du lange fort warst und der Stamm im festen Glauben war, daß deine Seele bereits den Palast erreicht hätte. Sei willkommen, Dayin, dies ist dein Zuhause." Die letzten Worte wirkten eigenartig nüchtern, und nicht so herzlich, wie man sie sonst sprach.
Doch der Älteste war noch nicht am Ende. Er wechselte ins Senden über.
*Dein Verschwinden hat eine Menge zerstört, das ist wohl wahr*, entgegnete Loyahm, und Dayin fühlte seltsame Gefühle in dem Senden mitschwingen, die er nicht ganz deuten konnte. Sie mußten stark sein, denn dem Ältesten schien es nicht ganz zu gelingen, sie zu unterdrücken. *Das ganze geschah in einer stürmischen Nacht, als ein Unwetter von einer Stärke wütete, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt hatte. Trotz der Warnungen hast du den Hain verlassen und bist in den Wald gelaufen, bevor dich irgendeiner zurückhalten und zur Vernunft bringen konnte.* Die Augenbrauen des Erstgeborenen senkten sich. War das wirklich so etwas wie Verbitterung, die Schattenspinner gleichzeitig mit Loyahm’s Gedanken empfing? *Wenig später brach Frühlicht mit einem Schrei zusammen. Stirb nicht, mein Geliebter! Nein - du darfst noch nicht gehen! rief sie noch, dann schloß sie ihre Augen. Ihr letztes, offenes Senden galt dir. Alle, sie sich in ihrer Nähe befanden, sahen die Bilder, wie Frühlicht sie gesehen haben muß - der Blitz, der auf dich hinabraste ...*
"... und das grelle Licht!" erwiderte Schattenspinner tonlos. Innerlich fühlte er sich wie ausgebrannt, wie tot. "Ich habe sie getötet, durch meinen Leichtsinn."
Loyahms ernstes Schweigen sagte viel mehr als jedes Wort. Und plötzlich erkannte Dayin, warum: Mit Goldfederfell hat mich eine andere Art von Liebe verbunden!
Die Augen des dunkelhaarigen Elfen weiteten sich, und er suchte unwillkürlich Kontakt zu den alten Bernsteinaugen, die ihn zu durchschauen schienen. Schimmerten da nicht Tränen in den Augenwinkeln? Umwölkte sich der Blick nicht für einen Moment, um dann wieder klar zu werden und voller Verbitterung und Zorn zu blitzen?
**Deine Erinnerung mag zurückkehren, Dayin. Aber weißt du auch wirklich, wie hoch der Preis für deinen Leichtsinn war? Wirst du je verstehen, daß du nicht allein darunter leidest? **, schlug ihm entgegen. ** Ja, Frühlicht ist durch DEINE Schuld gestorben ... auch wenn eure Seelen durch Erkennen und eure Herzen durch Liebe verbunden waren, so hattest du DAZU kein Recht ... dann bist du auch noch fortgegangen und hast den Stamm im Glauben gelassen, du seist tot; du hast dein KIND allein gelassen...**
Dayin rang nach Luft, und versuchte etwas zu entgegnen, doch der Zornesausbruch des Ältesten war noch nicht ganz am Ende. Im Senden Goldfederfells spürte er dessen ganze Eifersucht, dessen Verbitterung und Haß auf den jungen Rivalen. ** Auch wenn sie dich aus freien Stücken gewählt hat, und ich weiß, daß sie mit dir zusammen glücklich war, so habe ich Frühlicht doch immer noch geliebt - und das nicht nur, weil sie auch Sonnenglanz' Mutter war ... sie hätte nicht sterben dürfen - vor allem, da du offenbar überlebt hast! **
Schattenspinner umklammerte seinen Kopfschmuck, den er gerade wieder hatte aufsetzen wollen, so fest, daß er in der Mitte zerbrach. Sein Herz schlug so schnell und heftig wie das eines gefangenen Vogels.
"Ich wäre an ihrer Stelle gestorben ... das habe ich nicht gewollt..." Schattenspinner versagte die Stimme, denn was hatte er dem noch entgegenzusetzen? Er hob die Hände zum Kopf. Der Schmerz pochte wieder heftig in den Schläfen und doch konnte er seine wirren Gedanken noch zu Fragen fassen: 'Wenn ich von einem Blitz getroffen wurde, warum lebe ich dann noch? Warum ist Frühlicht gestorben, und nicht ich? Warum bin ich überhaupt während des Gewitters nach draußen gelaufen? Was ist damals wirklich geschehen? In seinem Inneren zerbrach etwas. Ich darf nicht mehr vor der Verantwortung davon laufen.'
"Ist es besser, daß ich gehe?" brachte er noch einmal unter Schmerzen hervor. Er konnte den Blick seines Gegenübers nicht länger ertragen, und hatte das Gefühl, daß es Goldfederfell mit seiner Anwesenheit nicht anders erging.
Schattenspinner ließ die Hälften seines zerbrochenen Haarreifs fallen, sprang auf und eilte nach draußen. Erst als er außer Sichtweite des Baumes war, blieb er im Schatten einer Hecke stehen und sah sich um.
Dayin sah den Hain nun mit anderen Augen. Der Hain wirkte verändert, aber nicht fremder. Eher im Gegenteil. Mit jedem Blick, den er tat, schien er Kleinigkeiten wieder zu erkennen, die ihm vorher nicht aufgefallen waren - die Bilder im Baum der Erinnerung, der Standort der alten Bäume und ... ihre Bewohner.
Seine Augen weiteten sich, als er unter den Bäumen eine blonde Elfe sah, die sich mit einigen anderen unterhielt. Sein erster Impuls war, auf sie zuzugehen und anzusprechen, aber schon nach dem ersten Schritt hielt er inne.
Sie war doch sein Kind!
Als sie für einen Moment irritiert den Kopf wandte, erkannte Dayin in ihr die Elfe wieder, die er vor mehreren Wechseln der Jahreszeiten in der versteckten Höhle getroffen und die ihn so wütend angeschrien hatte.
Sie war Frühlichts und seine Tochter, die er allein gelassen hatte.
Seither waren sie sich eher weniger, und dann auch nur flüchtig begegnet, da er selber ja die Abgeschiedenheit gesucht hatte.
Elea!
Die Elfe blickte noch einmal zu ihm hin. Ihre Augen wurden zwar schmal, als sie seinen Blick bemerkte, aber in ihnen stand kein Funke der Erinnerung. Zumindest glaubte er das in ihnen zu sehen. Wie ähnlich sie seiner Geliebten doch war.
Schattenspinner schluckte. Er fühlte sich auf einmal unbeholfen und hilflos zugleich.' Was soll ich Elea sagen? Wie kann ich ihr erklären, daß ich selber nicht weiß, warum ich sie alleine gelassen habe? Wird sie es verstehen können und wollen? Ist es ein Fehler jetzt noch zu schweigen, oder vielleicht doch besser, wenn direkt zu ihr gehe.'
Wieder machte er einen Schritt nach vorne und hielt inne. Nein, sein Herz schlug immer noch bis zum Hals, und er wußte wirklich nicht was er tun sollte.
So senkte er den Kopf und wandte sich ab. Der Schrecken über das, die er nun erfahren hatte, saß noch zu tief in seinen Gliedern, als daß er ihr unbefangen gegenüber treten konnte. Nicht jetzt, wo das Gespräch zwischen Loyahm und ihm so schwer gewesen war. Damit mußte er erst einmal wieder fertig werden, ehe er sich in ihre Nähe wagen konnte. So blickte er noch einmal über die Schulter, während Tränen in seinen Augen standen und flüsterte: "Meine kleine Elea!"
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