Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Schattenspinner und Herzleser

von Arielen
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
17.11.2009
05.02.2016
12
42.126
 
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
17.11.2009 3.720
 
Mein Freund ist die Nacht.
Ich bewege mich in ihr wie ein Schatten, und sie verbirgt mich sicher vor den anderen und ihren noch ungestellten Fragen: Wer bist du wirklich? Hast du zu uns gehört? Warum bist du fort gegangen?
Oder versuche ich nur vor meinen eigenen drängenden Fragen zu fliehen, weil ich Angst vor den Antworten habe: Wer bin ich? Wann ging ich fort? Was trieb mich in die Ferne? Und warum trage ich diese Narben?




Schattenspinner legte die Hände auf die Schläfen. Hier in seinem verborgenen Unterschlupf trug er seinen Stirnschmuck nicht, so daß die wulstigen und verästelten Narben frei lagen und er sie rauh unter seinen Fingern spüren konnte. In seinem Kopf pochte der Schmerz wohl genau so heftig, wie ein Laut, der ihm so schrecklich unvollständig vorkam: YL!

Was war das?

Ein Teil seines ehemaligen Namens? Nein, mehr als das! Tiefe Gefühle, die genauso schnell kamen und gingen wie das Wort, verbanden sich mit dem fordernden Ruf. Und das schreckliche Gefühl des Verlustes.

Schattenspinner setzte sich wieder auf und lehnte seinen Kopf gegen die rauhe Wand. Kurz zuckte er zusammen, als eine schmale Gestalt durch den Eingang huschte und blitzschnell in einem Wust von alten Blättern und Stoff verschwand. Ein zufriedenes Keckern teilte ihm mit, daß Squirrit von einer erfolgreichen Jagd zurückgekehrt war.

Schattenspinner schluckte, als ein Bild vor seinen Augen erschien. Er spürte das glatte Holz eines Speers in seinen Händen und sein Herz pochte schneller in der Aufregung, sich das erste Mal bei den Jägern beweisen zu können.


"Sei achtsam Welpe und sieh uns erst einmal zu, bevor du losspringst!" erklärte die Elfe mit den braungoldenen Haaren und schaute streng auf ihn herab. "Ich merke ganz deutlich, das du in der ersten Reihe stehen möchtest, aber das kommt überhaupt nicht in Frage! Du würdest das Wild nur verscheuchen!"
Er knabberte verlegen an seiner Unterlippe. "Ich mache das schon nicht, keine Angst! Schließlich bin ich kein Kind mehr!"

Das helle Lachen der Elfe ließ ihn beleidigt dreinschauen. 'Jetzt erst recht! Jetzt zeig ich ihnen schon, was ich kann, schließlich bin ich nicht dumm und bald schon ein besserer Jäger als die alle!' dachte er bei sich, während er brav hinter den anderen Jägern her trabte. Es ging tief in den Wald hinein – fast bis zu den Grenzen, so daß er auf die Wiesen  am Fluß schauen konnte, und dann in einer scharfen Biegung wieder zwischen die Bäume und zu den Bergen hinauf. Er zitterte vor Ungeduld. Wann würden sie denn nun endlich ein Tier jagen? In diesem Moment beneidete er die Wolfsreiter, die nicht nur die Spuren suchen brachten, sondern auch im Wind wittern konnten.

Die älteren Jäger wirkten allerdings um so besorgter, je mehr die Dämmerung voranschritt. *Nichts! Es ist, als habe jemand diesen Teil des Waldes verflucht. Wo ist bloß das ganze Wild hin!* sendete die Elfe offen zu den anderen. Kurz warf sie einen Blick zu ihm hinüber, so als ob er daran schuld sei. Er preßte die Lippen aufeinander.

Da durchzuckte ihn von Kopf bis Fuß ein Kribbeln. Er schnappte nach Luft, wirbelte herum und stach mit seinem Speer nach einem jungen Hasen, der sich zu weit aus dem Gebüsch gewagt hatte. In diesem Moment knackte und brach das Unterholz, und ein paar Rehe sprangen aus ihrer Deckung davon, so schnell, daß keiner der Jäger ihnen folgen konnte. Die wandten sich nun lieber ihm zu und sahen ihn finster an. Verlegen hielt er ihnen das aufgespießte Tier an seinem Speer entgegen und grinste lausbübisch. "Wenigstens den haben wir... oder?"



Schattenspinner keuchte und hielt sich den Kopf, als der Schmerz übermächtig wurde und ihn blendete. Erst nach einer Weile konnte er eine Hand lösen und griff nach einer der Beeren, deren Saft ihn wieder beruhigte. Sein Herz schlug bis zum Hals und pochte auch weiter so schnell, als er wieder richtig sehen konnte.

Es war nicht mehr so schmerzvoll wie früher.

Und er erinnerte sich an das, was er in seinem Geist gesehen hatte - es schwand nicht aus seinem Gedächtnis wie so oft zuvor. Mit großen Augen blickte er sich in der kleinen Höhle um und wischte sich dann die Tränen aus dem Gesicht.

An keinem anderen Ort, an dem er für eine Weile gelebt hatte, waren die Bilder so übermächtig gewesen – nicht einmal bei dem Stamm, bei dem er es am längsten ausgehalten hatte, weil ihm deren Leben so vertraut erschienen war.
Heute wußte er warum: Dieser Hain war seine Heimat.

Und warum gehe ich dann nicht einfach zu dem Ältesten und frage ihn, wer ich bin, und was er über mich weiß? durchfuhr es Schattenspinner. Er müßte mich doch kennen ... oder vielleicht wiedererkennen, denn so alt wie er bin ich lange noch nicht.

Loyahm Goldfederfells Bild erschien vor seinen Augen. Der hochgewachsene Erstgeborene war in diesem Stamm hochgeschätzt und die meisten Elfen achteten und schätzten seinen Rat, aber Schattenspinner hatte eine seltsame Scheu, sich ihm zu nähern. Er wußte einfach nicht warum dem so war. Hatte er vor langer Zeit vielleicht Schuld auf sich geladen? Der dunkelhaarige Elf entsann sich eines Blickes, den ihm der Älteste erst vor ein paar Tagen zugeworfen hatte und schluckte.


Goldfederfell trat auf ihn zu und seine vor Zorn leuchtenden goldenen Augen funkelten ihn an. “Du bringst den Stamm in Gefahr, wenn du das noch einmal machst, du Leichtfuß! Weißt du, welches Übel du mit deinem Übermut hervorrufen kannst? Wenn die Fünffinger einen von uns fangen, dann wollen sie sicher herausfinden, wo wir uns aufhalten, und ich glaube nicht, daß du lange deinen Mund gehalten hättest. Sie sollen uns nicht entdecken, aber du forderst das Glück heraus und kletterst auf den Bäumen über einer Schar ihrer Krieger her, nur weil du meinst, keinen Umweg laufen zu müssen, weil sie dich nicht bemerken würden! Sie hätten dich ohne weiteres entdecken können!” Schmale Hände, hielten seinen Kopf fest und berührten dann seine Wangen. “Warum trägst du das Zeichen der Jäger, wenn du seiner nicht würdig bist? Nimm Vernunft an mein Junge! Ich warne dich ein letztes Mal!”
"Aber ich war doch vorsichtig! Es ist nicht einmal ein Blatt runtergefallen!" verteidigte er sich verlegen und blickte dann nach unten.
"Ja, du warst so vorsichtig wie ein Welpe, der in den Rachen des Bären tappt, du verrückter Kerl!" Die Jägerin mit den braungoldenen Haaren trat vor und mischte sich ein. "Überlaß ihn mir, Loyahm. Ich werde dem übermütigen Jungen schon zeigen, was passiert, wenn er nicht aufpaßt! Da kannst du sicher sein." Sie lachte wieder auf und wuschelte durch das lange, dunkle Haar des jungen Elfen, während der Älteste zunächst skeptisch blickte, dann aber mit einem Lächeln nickte. "Dir vertraue ich ihn an, weil ich weiß, daß du ihm ... Vernunft ... beibringen wirst." Und doch lag in seinen Augen eine seltsame Wehmut, der Schatten eines Verlustes...



* * *


Er hatte Iala versprochen, ihr ein paar würzige Pflanzen für die würzige Kräutermischung des Bratens zu bringen, den die Jäger am vergangenen Abend in den Hain gebracht hatten: einen kapitalen Hirsch, der für ein Fest reichen würde, das der Stamm heute Abend zu Ehren eines Mitgliedes feiern wollte. Schattenspinner wußte noch nicht, ob er daran teilnehmen würde, denn die Anwesenheit so vieler Elfen machte ihm noch immer zu schaffen, ihre neugierigen Blicke, und die Versuche, ein Gespräch mit ihm zu beginnen. Er seufzte. Ich kann mich nicht für immer von den anderen fern halten, wenn ich ein Teil der Schattentänzer werden will, dachte er traurig. Aber ich kann ihre Fragen nicht ertragen, so lange ich mit mir selber nicht im Reinen bin. Deshalb achtete er darauf, Sonnenfängerin aus dem Weg zu gehen, die wahrscheinlich die drängensten Fragen an ihn hatte. Er dachte nicht gerne an ihre erste Begegnung, die so viel in ihm ausgelöst hatte, denn immer dann wurden die Schmerzen in seinem Kopf besonders heftig.

Schattenspinner blickte zu einer Gruppe junger Elfen hin, die sich fröhlich miteinander unterhielten. Eine blondhaarige Elfe warf sich kichernd in die Arme ihres Liebesgefährten und kuschelte sich an den Sänger, der rasch seine Harfe beiseitestellte. Alec pflegte als dritter im Bunde näheren Kontakt zu Schattenspinner, auch wenn er sich in der letzten Zeit seltener bei dem scheuen Elfen sehen ließ geworden war, weil er von seiner goldlockigen Gefährtin ganz in Beschlag genommen war.

Schattenspinner nickte dem hellhaarigen Elfen kurz zu und setzte dann seinen Weg fort. Singvogel grüßte ihn ebenso und wollte auf ihn zugehen, wurde aber bereits wieder von den anderen abgelenkt, die die Köpfe zusammensteckten und tuschelten.
Der dunkelhaarige Elf seufzte. Die Stimme des Sängers hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn, und ließ ihn seinen Schmerz und das ständige Pochen in seinem Kopf für kurze Zeit vergessen. Alec hatte ihm bisher jedoch nicht mehr helfen können, weil er selber erst kurze Zeit im Stamm weilte, und Schattenspinner war niemand der sich aufdrängte.

Bald schon hatte er den Hain hinter sich gelassen und wanderte auf den Tierpfaden in den Wald hinein. Über ihm in den Bäumen zwitscherten die Vögel, verstummten aber nicht, weil sie spürten, daß er keine Gefahr für sie war.
Der dunkelhaarige Elf wollte zu einer Lichtung, auf der er erst kürzlich die Kräuter gesehen hatte, die er suchte. Bitterwurz zusammen mit Gelbknospe würde den Geschmack des gebratenen Fleisches erhöhen, dazu Grünkraut, dessen scharfer Saft die richtige Würze geben würde.

Dann blieb er plötzlich stehen und zuckte zusammen. Tränen schossen in seine Augen, diesmal jedoch nicht aus Schmerz. Wie gebannt blickte er auf die kleine Lichtung, auf den Bach, in dem sich die Sonnenstrahlen funkelnd widerspiegelten und den sonnenüberfluteten Stein. Zwei Bilder überlagerten sich. Er stand hier, und gleichzeitig lag er auf dem Stein und genoß das wärmende Licht...


... und die sanften Finger der Elfe, die zart über seine Haut strichen, so daß sich seine Haare im Nacken aufstellten. Er seufzte wohlig.
"Mein kleiner frecher Welpe! Du hast so viel Unsinn im Kopf. Wie konntest du dem armen Jungen nur sein Lendentuch stehlen und dann an den dünnsten Ast binden, auf den du selber klettern konntest!" wisperte die Jägerin und schüttelte ihre wilde Haarmähne Sie lachte - doch diesmal war es nicht, um ihn zu verspotten. Ihre Augen nahmen den hellen, satten Farbton jungen Grüns an. "Tu das bloß nie wieder, sonst rupfe ich dir deine Haare einzeln aus. Ach ... du bist schon lustig ... richtig süß wie Honig ... Wenn du es nur einmal schaffen würdest, das Wild nicht zu verschrecken, dann wäre ich noch viel glücklicher ... aber ich glaube, ich weiß jetzt, was daran schuld ist!"

"Mmmmmh!" Er knurrte, als die Finger über seine Brust bis hinunter zu den Lenden wanderte und dort verharrten. Federleicht tippten sie auf den flachen harten Bauch und kraulten sein weiches dunkles Vlies. "Mmmmmmhhhhhhhhhaaaaaaaaaah!"

"Das wird ein hartes Stück Arbeit werden, glaube ich!" murmelte die Elfe und beugte sich zu ihm hinunter, um mit ihren Lippen sein Gesicht und seinen Hals zu kosen.

Im nächsten Moment packte sie ihn und riß ihn mit sich, rollte mit den jungen Elfen mitten hinein in das weiche Gras und begann frech mit ihm zu balgen. "Deshalb sollten wir auch gleich mit den Übungen anfangen!" Ihre Hände legten sich an seine Wangen, so daß ihre Fingerspitzen seine Schläfen berührten...



Schattenspinner löste die Hände von seinem Kopf und atmete heftig. Er zitterte am ganzen Leib, spürte noch immer die Erregung, die er empfunden hatte, die Freude ... und dann ein Gefühl tiefen Verlustes.
Wer war diese blonde Elfe?

Warum nur war sie ihm so vertraut?

Er konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals gesehen zu haben, wieder hier, noch bei einem anderen Stamm, und doch ... sie war einmal ein Teil seines Lebens gewesen! Ein wichtiger Teil! Wie die andere Hälfte einer ...
Aufgewühlt wanderte Schattenspinner weiter und achtete kaum noch auf die Umgebung. Tausend wirre Gedanken huschten ihm durch den Kopf, doch keinen davon konnte er richtig erfassen, vor allem nicht, als wieder ein stechender Schmerz durch seinen Kopf fuhr und die Empfindungen vertrieb, so als ob eine höhere Macht es ihm nicht erlauben wurde, mehr darüber nachzudenken.

So in Gedanken versunken achtete er nicht richtig auf den Weg - und lag schließlich lang ausgestreckt auf dem Boden. Der dumpfe Aufschlag brachte ihn wieder zur Besinnung. Der dunkelhaarige Elf setzte sich stöhnend auf und stellte fest, daß er sich sein rechter Fuß in einer Baumwurzel verfangen hatte.
Das geschieht mir nur recht, dachte er und befreite sich vorsichtig aus der Stolperfalle, tastete dann den Knöchel ab. Schattenspinner verzog das Gesicht atmete dann aber auf. Das würde nicht lange weh tun. Ich sollte besser auf den Weg achten, als Träumen und wirren Bildern nachzuhängen. Er sah auf, als er ein Knacken hörte.

Überrascht blickte der dunkelhaarige Elf auf ein Rehkitz, das aus seiner Deckung aufgetaucht war und sich ihm furchtlos näherte, so als habe es keine Angst. Er hielt die Luft an und spürte, wie etwas in ihm bebte. Vorsichtig streckte er die Hand aus. Es war wie schon einmal ...


* Ich wollte es nicht glauben, aber es stimmt wirklich! *  sendete die Elfe mit den braungoldenen Haaren und lehnte sich an ihn, während sie seine schweren Locken zerzauste. * Du hast eine Magie an dir, mit denen du den Tieren vorgaukeln kannst, als seist du eines von ihnen. Schau dir nur das Kitz an. Es hat einfach keine Furcht! Das also ist es, was die Tiere bei der Jagd immer so durcheinander gebracht hat ... du warst das! Aber jetzt, wo du besser damit zurecht kommst, kannst du uns helfen ... Liebster! *


Das junge Tier stob mit zitternden Flanken davon, als er an die Elfe dachte. Für einen Augenblick roch er förmlich den Duft eines Wolfsfells in seiner Nähe. Hatte sie vielleicht zu den Wolfsreitern gehört? Denn die waren doch die besten Jäger, die er kennengelernt hatte.
Schattenspinner schüttelte den Kopf. Wenn er so weitermachte, dann kam er nie auf der Lichtung an, und Iala würde traurig sein, wenn er ihr die Kräuter nicht brachte. So rappelte er sich auf und ging weiter, diesmal mehr auf den Weg achtend.


* * *


* Du siehst heute so müde und verwirrt aus, Schattenspinner! * sendete Iala besorgt. *Ist draußen im Wald etwas passiert? *
*Nein, ich bin nur ein wenig durcheinander, und meine Kopfschmerzen pochen schon den ganzen Morgen durch den Kopf. Das wird bald wieder besser sein, und du mußt dir darüber wirklich keine Gedanken machen! *
Doch Iala schien ihm das nicht so ganz glauben zu wollen. Sie schüttelte den Kopf und hielt eine seiner Hände fest. Ihre Sorge überflutete ihn beinahe.
Schattenspinners Knie wurden weich, so daß sich der Elf vor sie ins Gras setzen mußte.

* Was ist mit dir? * Geduldig sah Iala ihn an. * Dich bedrückt doch schon seit du hier bist etwas. Du läßt keinen von uns an dich heran, und selbst vor denen, die dich ein bißchen besser kennengelernt haben, beginnst du dich wieder zu verschließen. Warum denn nur? Rosenlieb und Singvogel machen sich auch schon Gedanken über dein Verhalten. Sie sorgen sich um dich. Warum bittest du nicht die Heilerin, dir zu helfen. *

*Mir kann niemand helfen! *

*Bist du dir da so sicher? * Schattenspinner hatte das Gefühl, als wisse oder ahne die stumme Elfe mehr als sie zeigen wollte. Er schluckte und sah in die lavendelfarbenen Bernsteinaugen Ialas, die ihn sanft und tröstend anblickte.
* Ich ... mir ...* Er holte tief Luft. Für einen Augenblick war ihm danach sich los zu reißen und davonzurennen, aber er tat genau das nicht. Es würde nichts besser machen. Vielleicht war es an der Zeit, sich jemandem anzuvertrauen. * Ich sehe Bilder, die nicht aus meinen Erinnerungen stammen können. Sie kommen wieder und wieder, und ich vergesse sie nicht, wie es früher immer war. *

* Bilder? Vielleicht sind das ja Erinnerungen deines früheren Lebens, bevor du ... * freute sich Iala ehrlich und hielt mitten im Satz inne. Sie strich nachdenklich über seine Hand und das Farnblatt, das seinen Ärmel zierte.
Schattenspinner zuckte zusammen. Seine Augen weiteten sich, als sein Geist wieder von einem Bild eingefangen wurde.

"Ein Farnblatt? Du bist doch kein Gerber, Heiler oder gar Koch!" lachte die Elfe, während ihre Augen mit einem Mal heller wurden und von innen her zu leuchten schienen. Das hatte ihn schon immer an ihr fasziniert, seit er sie näher kennengelernt hatte.

Obwohl sie schon lange kein Wolfsblut mehr in den Adern hatte, war sie den grauen Jägern immer noch sehr ähnlich. Nun strich sie keck über das neue Zeichen auf seiner Wange. "Wie bist du nur darauf gekommen? Warum kein weiterer Speer?"

"Weil es mir falsch erschien. Goldfederfell sagte mir, daß ich mir ein Zeichen verdient hätte, er aber der Ansicht sei, daß ich es mir selber wählen solle. Und da nahm ich das Farnblatt, weil es mir richtig erschien. Du hättest seinen Blick sehen sollen. Auf der einen Seite staunte er über meine Wahl, auf der anderen Seite schien er geradezu zufrieden zu sein! Ich glaube, für einen Moment war er verwirrt."

"Du kannst die anderen auch sehr gut durcheinander bringen!" neckte ihn die Elfe und nahm ihn in die Arme. "Du tust die Dinge, wie sie dir gerade einfallen, und manchmal glaube ich, du hast wirklich noch eine Spur Wolfsreiterblut in dir, obwohl jeder spürt, das dem nicht sein kann! Und dann wieder bist du plötzlich so verträumt oder ernst wie ein Erstgeborener! auch wenn das nur ganz, ganz selten vorkommt. Zu meinem Glück!" Sie zupfte an seinen Locken. "Das mag ich so an dir! Du bist so aufregend wie das Leben selbst!"
Dann sahen sie einander an, um ihre Köpfe aneinander zu schmiegen und zärtlich zueinander zu sein, denn in den vergangenen Wechseln der Jahreszeiten waren sie einander näher gekommen, so nahe wie Liebesgefährten es konnten.

Diesmal war der Blick, den sie teilten jedoch anders... Ein jeder tauchte tief in des anderen Augen ein, wurde gefangen von den Funken, die sich in ihnen widerspiegelten und sie in die Tiefe zogen. Vertrauen und Wissen umeinander ... Der Schmerz, den sie in dem Augenblick des Erkennens miteinander teilten  war süß wie Honig und schneidend wie eine scharfe Steinnklinge ... und er wünschte, daß der Augenblick, in dem sie miteinander verschmolzen  niemals enden würde ... niemals  vergehen ... niemals ...



Schattenspinner schrie gequält auf, so daß sein Kiefer zusätzlichen Schmerz zu dem heftigen Pochen hinzufügte, das seinen Kopf ausfüllte und sein Denken lähmte. Das Feuer erfaßte seinen ganzen Körper. Es brannte sich durch die Glieder hinauf und wieder zurück. Er preßte die Hände gegen den Kopf und drückte, drückte so fest zu wie er konnte, um den Druck auszulöschen und zu verhindern, daß sein Kopf zerplatzte wie eine reife Frucht, die auf einem Stein aufschlug.

Er spürte kaum die Hände, die genau das zu verhindern suchten, und auch der lautlose Ruf der in seinem Kopf wiederhallte, blieb eine ganze Weile ungehört. * Schattenspinner? Bei den Hohen, was ist mit dir? Hör auf damit, du tust dir selber weh! * flehte eine sanfte, eindringliche Stimme.
Der dunkelhaarige Elf rang nach Luft und spürte, wie schnell sein Herz schlug. Nur langsam konnte er den Krampf in seinen Fingern lösen und die Hände sinken lassen.

Vor seinen Augen tanzten bunte Lichter, aus denen sich ein Gesicht schälte. Geheimnisvoll schimmernde grüne Augen in einem vertrauten Gesicht, umgeben von einer schulterlangen, goldbraunen Lockenmähne.

*Frühlicht? * fragte er verwirrt. *Bist du das, Geliebte ... *

Noch während er diese Frage sendete, erfaßte ihn eine tiefe Traurigkeit, eine Qual, die aus seinem Herzen kam, das Gefühl eines schrecklichen Verlustes. Er begann zu weinen und barg das Gesicht in Händen, während er langsam wieder das wahrnahm, was um ihn herum vorging.

Sanfte Hände mit einer ganz eigenen Kraft die ihn hielten und wiegten, eine ruhige Stimme, die zu ihm sprach, auch wenn sie selber ziemlich durcheinander wirkte. : * Dayin ... Dayin, bist du das wirklich? Bei den Hohen ... bist wirklich einer von uns. Du lebst und atmest..."

DAYIN.

Auch dieser Name brachte die Gedanken, die Schattenspinner so mühsam geordnet hatte, wieder durcheinander. Erinnerungsfetzen, Bilder und der Schmerz vermischten sich miteinander. Doch der Druck wich langsam aus seinem Kopf. *Bin ich Dayin? * fragte er verwirrt. *Wer ist ... wer war Dayin?*

Er sah Iala zögernd an, die ihm vorsichtig das feuchte Haar aus dem Gesicht strich und dabei den verrutschten Reif löste und beiseite legte.

Ihre Augen nahmen keinen erschreckten oder mitleidigen Ausdruck an, wie er ihn schon bei anderen Elfen gesehen hatte, wenn sie seine Narben erblickten. Statt dessen berührte sie den letzten Überrest des Zeichens, das er selber niemals angetastet hatte.

*Dayin war ein liebenswerter, wenn auch manchmal leichtsinniger, und vor allem fröhlicher Bursche, den viele sehr gemocht haben. Vor allem deine Familie liebte dich*, erklärte sie. * Zu der auch ich gehöre, denn meine Mutter ist deine Halbschwester! *

Schattenspinner schluckte und wich unsicher zurück. Auf ihn stürmten unzählige verwirrte Gedanken und Fragen ein. Etwas in ihm wehrte sich dagegen, jetzt mehr zu erfahren.
*Nein, die anderen sollen nichts davon erfahren, bitte verspreche es mir, Iala! Und sag nicht mehr! * bat er dann. *Ich muß selber erst einmal mit mir ins Reine kommen, ehe ich ... ehe ich ihnen gegenübertreten und ihnen in die Augen blicken kann. Ich ... ich traue mir und diesen Bildern selber nicht ...*

Die Elfe mit den langen glutfarbenen Haaren sah ihn lange Zeit prüfend an, dann nickte sie verständnisvoll und beugte sich vor, um ihm den Haarschmuck zu reichen. * Ja ... ich verstehe dich schon. Die Zeit muß diese Wunden öffnen und langsam heilen. Aber komm zu mir, wenn du wieder durcheinander bist. Ich kann dir zuhören ... ich kann dir helfen. *
Schattenspinner schob den Reif in das Haar. *Ja ...*, sagte er fahrig und erhob sich dann. *Ich muß jetzt fort. Ich habe über so vieles nachzudenken.*

Dann eilte er – mit dem Gefühl Iala zu viel und doch zu wenig anvertraut zu haben – davon und verkroch sich in seine Höhle um mit den Dingen fertig zu werden, die er heute erfahren hatte. Erschöpft kauerte er sich auf seinem Lager zusammen und versuchte seine Gedanken zu ordnen und einen Sinn in seinen verwirrten Gefühlen zu suchen: Frühlicht, das war der Name der Elfe in seinen Tagträumen gewesen, der Gefährtin seines Herzens und seiner Seele. Und Dayin – War das sein eigener Name?

Er schluchzte. Warum kamen die Tränen zurück, wenn er an sie ... und an sich dachte? Eine tiefe, unstillbare Sehnsucht nagte in seinem Herzen, und die Gewißheit, viel verloren zu haben.

NYX ...

/Yl ...

Das Band war zerrissen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast