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Schattenspinner und Herzleser

von Arielen
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P12 / Gen
17.11.2009
05.02.2016
12
42.126
 
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17.11.2009 3.792
 
“Das ist der Fremde, den Loyahm gestern mitgebracht haben soll.” Neugierig folgte Sonnenlanzes Blick dem Elfen, der quer über die kleine Lichtung wanderte. “Die anderen tuscheln schon über ihn. Sie sagen, daß er nicht spricht, sondern nur sendet, und er wirke ziemlich verschlossen und düster.”
Die hellgrauen Augen ihres derzeitigen Liebesgefährten Alec Singvogel nahmen einen grünlicheren Ton an, während er den Elfen mit den langen welligen dunkelbraunen Haaren betrachtete, der mittlerweile das Feuer erreicht hatte, und um Essen zu bitten schien. Er wirkte in seiner einfachen, in Erdfarben gehaltenen Kleidung recht unscheinbar, das auffälligste an dem Neuankömmling war noch der aufwendige Gesichtsschmuck: An einem Reif aus gebogenem Holz, der das Haar aus der Stirn hielt, waren Perlen und Federn befestigt - und Schnüre, die mit den weißen Haarsträhnen an seinen Schläfen verflochten schienen. Die gebräunte Haut und die geschmeidigen, achtsamen Bewegungen verrieten, daß er lange auf Wanderschaft gewesen war.”
Alecs Augen wurden schmaler, während Sonnenlanze weitersprach. “Sie sagen auch, er nenne sich Schattenspinner, und er wisse nicht, woher er käme. Puh, was für ein unheimlicher Name.”
“Hm!” murmelte der Barde und Geschichtenerzähler. “Aber diese Name paßt zu ihm. Ich spüre, die Schatten aus Furcht und Verwirrung, die er um sich webt. Er muß etwas so schreckliches erlebt haben, daß es tiefe Wunden in seiner Seele hinterlassen hat.”
“Oh! Willst du dich um ihn kümmern und herausfinden, was mit ihm los ist?”
“Zumindest möchte ich ihn kennenlernen, denke ich.”

* * *

* Danke für das Beerenmus! * Schattenspinner nickte der Elfe mit den langen glutfarbenen Haaren im weißen Lederkleid, die ihm die Schale gereicht hatte, freundlich zu und kostete vorsichtig. Heute fühlte er sich wesentlich besser als am vergangenen Tag. Seine Anspannung hatte sich ein wenig gelegt, und er hatte wider Erwarten besser geschlafen, als jemals zuvor bei einem anderen Stamm.
* Du bist der Neuankömmling, Schattenspinner, nicht wahr?* Die Elfe lächelte ihn freundlich an. * Ich bin Iala Morgenlicht! Wie fühlst du dich? * Es schien das natürlichste von der Welt für sie zu sein zu senden.
*Ich habe gut geschlafen und mich erholt!* entgegnete Schattenspinner nachdenklich und wandte den Blick von Iala, als eine Jägerschar an ihnen vorübereilte. Die Elfen warfen ihm neugierige und mißtrauische Blicke zu, aber das war er schon gewohnt. Als geheimnisvoller Neuankömmling würde er wie so oft Rede und Antwort stehen müssen, wer er war, und woher er kam. Das würde nicht ausbleiben.
Er aß etwas mehr von dem Beerenmus. *Das ist sehr gut*, stellte er fest, um sich abzulenken, und die Elfe in ein Gespräch über andere Dinge zu verwickeln, ehe sie vielleicht neugierige Fragen stellte. *Aber kennst du Grünblatt? Das verstärkt die Fruchtigkeit der Beeren.*
*Ich habe wohl ein großes Wissen über Pflanzen, aber die kenne ich nicht*, weckte er ganz offensichtlich das Interesse der Elfe. *Kannst du mir sie beschreiben? Und mit was ist eigentlich die Borte an deinem Hemd gefärbt. So eine Farbe habe ich noch nie gesehen.* Sie hob die Hand und deutete an die Stelle, die sie meinte.
Dajin hob die Hand zum Halsausschnitt. *Ach, diese Farbe habe ich aus einer Pflanze hergestellt, die an die Ufer des weiten Wassers angespült wurde.*
*Du hast sie selber hergestellt? Dann hast du auch einiges Wissen über Pflanzen, habe ich recht?*
*Oh, nur das wenige, was ich mir in den Jahren der Wanderschaft angeeignet habe. Oft genug hing mein Leben davon ab. Und später habe ich auch die färbende Wirkung von Pflanzensäften entdeckt. Besonders leuchtend wird dieses Grün, wenn du ...*
Ehe er sich versah, war er mit der Elfe in ein lautloses Gespräch vertieft. Sie verfolgte aufmerksam jedes seiner Worte und stellte nur dann und wann gezielte Fragen oder ergänzte sein Wissen mit ihren eigenen Erfahrungen. Schattenspinner begann, Vertrauen zu ihr zu fassen. Das Senden erlaubte keine Lügen oder Verstellung der Gefühle, und Iala meinte ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit ehrlich.
Sie saßen weiter am Feuer, während die Sonnenstrahlen über den Waldboden wanderten und immer neue Muster warfen, dann und wann von einem Elfen beobachtet, der zufällig des Weges kam, und Fetzen des Gesprächs zu erhaschen suchte und weiter ging, wenn es ihm zu langweilig erschien.
*Willst du mir nicht beim Zubereiten des Essens helfen?* lud Iala ihn schließlich ein.
Schattenspinner zögerte. *Warum eigentlich nicht?*
Dann drehte er sich plötzlich um und sah zu einem Baum hoch, auf dem jemand Flöte zu spielen begann. Schlagartig wich das zaghafte Lächeln aus seinem Gesicht und machte wieder der verschlossenen Miene Platz.
*Nein, besser nicht!* erklärte er dann schroff. *Ich packe besser meine Sachen und verschwinde von hier!*
*Warte - warum denn?* Iala schien verwirrt zu sein. *Loyahm meint es nicht böse! Du solltest besser mit ihm reden!*
*Nein!* Schattenspinner drehte sich nicht mehr um sondern beschleunigte seinen Schritt. Er hatte zuviel Respekt vor den Erstgeborenen, besonders, wenn er ... er ...
Stöhnend lehnte sich Schattenspinner gegen einen Baum und hob die Hände an die Schläfen, als das Pochen so heftig wurde, daß er nur noch dunkle Flecken vor den Augen sah. Angestrengt versuchte er den Schmerz zu bekämpfen, den er nur all zu gut kannte.
Der trat immer auf diese Weise auf, wenn er versuchte, verlorene Erinnerungen zu erhaschen.
So wie jetzt.
Für einen kurzen Moment nur sah er in vor Zorn leuchtende goldene Augen. “Du bringst den Stamm in Gefahr, wenn du das noch einmal machst, du Leichtfuß! Weißt du, welches Übel du mit deinem Leichtsinn hervorrufen kannst?” Schmale Hände, die ihn festhielten und dann seine Wange berührten. “Warum trägst du dieses Zeichen, wenn du seiner nicht würdig bist? Nimm Vernunft an! Ich warne dich ein letztes Mal!”
Das Pochen ebbte ab.
Schattenspinner ließ die Hände sinken und senkte den Kopf. Seine Unruhe war wieder da. Eine Hälfte von ihm, rief danach, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden, um des Schmerzes ledig zu sein, die andere aber riet ihm, da zu bleiben und herauszufinden, was ihn so aufwühlte.
Ich muß über alles nachdenken - aber das kann ich nicht, wenn ich dauernd von irgend jemandem aufgestöbert oder gestört werde. Ich brauche einen Ort, an dem ich allein bin, an dem mich niemand finden kann...
Wie von selbst führten ihn seine Schritte von den Nestern und Wurzelbehausungen der Elfen dieses Stammes, aus dem Ring der Nadelbäume weg, den Hang hinauf und tiefer in den Wald. Irgendwo unter einem Felsen mit einer Spitze, die wie das Geweih eines jungen Hirschen aussah,  ein Stück oberhalb des Wasserfalls gab es eine warme und trockene Höhle, die die Tiere mieden, und die schon früher ein gutes Versteck gewesen war, wenn man ihn gesucht hatte...

* * *

Der kleine Bewahrer schwirrte um das Feuer herum und ließ sich dann auf dem Rand eines Korbes voller Beeren nieder, um eine der süßen Früchte zu naschen. Die Vogelfeder auf dem Kopf der kleinen hellblauen Körper mit den irisierenden grünen Flügeln wippte bei jeder Bewegung, während die großen Augen aufmerksam dreinschauten. Iala betrachtete ihn mit einem Lächeln und wandte sich dann dem Ältesten, der sich zu ihr gesellt hatte. Für einen Moment sahen sie sich nur stumm an, und ihre Hände berührten sich in einer zärtlichen, kurzen Geste, während sie einander in die Augen blickten.
*Du hast unseren Gast beobachtet Loyahm? Siehst du eine Gefahr für den Stamm in ihm?* Iala sah den Stammesältesten fragend an. *Ich habe mich gut mit ihm unterhalten können. Er war anfangs ein wenig einsilbig und ängstlich, vor allem, aber er ist richtig aufgetaut, als ich sein Wissen und seine Fähigkeiten ansprach.* Sie lächelte. *Er weiß einiges mehr über Farben als ich, und er kann kochen!*
Loyahm nickte. “Das habe ich beobachten können. Ich dachte, er sei nun ein wenig umgänglicher als gestern. Aber ich konnte deutlich spüren, daß er sich verschloß, als er mich bemerkte. Vielleicht hätte ich ihn offener beobachten sollen, oder gleich mit ihm sprechen. Etwas stimmt nicht mit ihm. Entweder verbirgt er etwas vor uns, oder er ist krank ...” Dann wechselte der Stammesälteste zum geschlossenen Senden über. ** Und da ist noch etwas anderes, das mich beschäftigt.**
**Meinst du, wegen Schattenspinner?**
** Kommt er dir nicht auch irgendwie bekannt vor? Ich spüre, daß er nicht so jung ist, wie er im Moment scheint, aber er ist auch noch nicht so alt. Ich bin mir aber immer sicherer, daß ich ihn kenne, wenngleich er sich auch sehr verändert hat!**
Iala runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. ** Jetzt wo du es sagt ... da ist etwas vertrautes an ihm ... an seinen Augen, seinem Gesicht. Aber ich kann mich nicht erinnern, einen so traurigen Elfen in unserer Mitte gesehen zu haben.**
Der Bewahrer griff nach einer zweiten Beere, hielt dann aber inne, bevor er davon abbeißen konnte und blickte zu den Elfen. “Dunkel-Traurig-Hochding hat viel Weh in Kopf!” Er tippte sich an die Schläfen, während die Beere zu Boden kullerte. “Sieht Dinge in Augen, die viel Angst machen!”
“Windwächter, wie meinst du das?”
Der Bewahrer kam auf Loyahms Schulter geflattert und tippte ihm gegen die Wange. “Weh will nicht aufhören. Ist zu den Hörnchen-Steindingern gegangen.”

* * *

“Nrrrrgh! Bitternüsse!” wurde Sonnenlanze, durch einen Aufschrei gewarnt und wich so dem ihr entgegen fliegenden Stück Holz aus, das sie beinahe am Kopf getroffen hätte.
“Upps!” meinte die junge Elfe und wich überrascht ihrer Mutter Sonnenfängerin aus, die an ihr vorüber hastete. Sie warf ihr einen beruhigenden Blick zu: “Ist nichts passiert!”
Mehr sagte sie nicht, denn ein Blick in das Gesicht ihrer Mutter verriet, daß diese allein sein wollte - aus welchen Gründen auch immer. Und ihre Tochter respektierte das.
So blickte Sonnenlanze der Älteren nur nach, bis diese hinter dem Ring der Nadelbäume, die den Hain vor unliebsamen Beobachtern versteckte, verschwunden war und zuckte mit den Schultern, als Alec an ihre Seite trat, um erst ihr einen fragenden Blick zuzuwerfen, und dann, ebenso fragend, hinter der Mutter seiner Geliebten nachzusehen.
Derweil trat Elea Sonnenfängerin wütend Steine und kleine Äste beiseite. Oh ja, sie war wütend! Mußte denn ein Unglück selten allein kommen? Sonnenfängerin verzog das Gesicht, als sie an den vergangenen Morgen dachte. Dabei hatte er so gut angefangen, mit einem erfrischenden Bad ... Bis sie nach ihren Kleidern gegriffen hatte...
Sonnenfängerin spürte, wie sich ihre Nackenhaare bei der Erinnerung an das folgende sträubten: Da war diese widerwärtig dicke Spinne aus ihrem Hemd gekrochen! Sie hatte sich so sehr erschrocken, daß sie auf den glitschigen Steinen des Teichufers ausgerutscht und ins Wasser gefallen war. Die Stelle die sie sich zum Baden ausgesucht hatte, war nicht sehr tief gewesen - das Wasser reichte ihr gerade mal bis knapp unter die Brust, aber durch den doppelten Schrecken war sie so in Panik geraten, daß sie sich nur mit Mühe und Not an Land gerettet hatte- und erst einmal eine ganze Weile brauchte, um sich zu beruhigen. Sonnenfängerin kämpfte immer noch mit Erinnerungen, die weit schlimmer waren, als die Angst vor achtbeinigen Tieren...
Mit Schaudern dachte sie an das Erlebnis vor einigen Jahren, daß sie immer noch nicht ganz verwunden hatte. Damals wäre sie beinahe ertrunken... Elea schüttelte den Kopf. So konnte das nicht weitergehen! Immerhin hatte sie sich mittlerweile so weit im Griff, daß sie sich in seichtes Gewässer wagte. In tieferes aber ... oder gar in eine Strömung ... Niemals!!! Nicht einmal, wenn ein anderer dabei wäre!
Sonnenfängerin dankte den Hohen, daß sie am morgen allein gewesen war.
Denn die anderen sollten nicht sehen, daß sie sich vor einfachen Spinnen und besonders vor Wasser –wenn es tief war – fürchtete. Um sich abzulenken hatte sie mit ihrem Messer eine Holzschale fertig schnitzen wollen, aber dabei war ihr dann auch noch das Messer abgerutscht. Sie konnte es fast schon Glück nennen, daß sie sich nicht geschnitten, sondern nur eine Kerbe in ihre gute Klinge geschlagen hatte... Das war allerdings genug, sich noch mehr zu ärgern! Sonnenfängerin unterdrückte ein Fluchen.
Warum bekam sie ihre Ängste bloß nicht in den Griff? Sie konnte doch schwimmen! Sonnenfängerin seufzte und stapfte weiter mißmutig durch das Laub, aus der letzten Jahreszeit der fallenden Blätter. Sie mochte die Farben dieses Zeitenwechsels, aber heute brachten sie ihr wenig Freude, geschweige denn etwa Trost.
Dann kletterte sie über ein paar modernde Baumstämme und einen Felsen zu ihrem Lieblingsversteck. Dort war es dämmrig trocken und warm, keine Tiere hielten sich da auf – schon gar keine Spinnen!
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie mochte das Versteck. Denn es war ein Geheimnis, das sie mit jemanden geteilt hatte, der schon lange nicht mehr da war. ER hatte sich immer hier versteckt, wenn er anderen Streiche gespielt hatte, und sie hatte sich später genauso hier versteckt, wenn sie alleine sein und in Ruhe gelassen werden wollte.
Es war ein Geheimnis, das vor allem, wenn in der Abenddämmerung das Licht der Sonne durch einen Riß in der Decke der Höhlung fiel, seinen besonderen Zauber entfaltete - wenn die Kristalle in den eindringenden Strahlen zu leuchten begannen. “Ist das wie im Palast der Hohen?” hatte sie als Kind ihren Vater immer wieder gefragt und sich staunend in der Höhle umgesehen, fasziniert von diesem wunderschönen Anblick. Ihr VATER hatte genickt. “So stelle ich ihn mir jedenfalls vor. Licht! Hell! Wunderschön! So wie du.”, sagte er oft, nahm dabei ihr Kinn in die Hand und sah ihr fest in die Augen- voller Liebe und Zuneigung. Sonnenfängerin seufzte traurig.  Wie oft hatte sie sich später - als er nicht mehr da war, daran erinnert. In Augenblicken wie diesen fehlte er ihr sehr! Vater hätte mich in die Arme genommen oder versucht mich mit einem seiner Scherze, Streiche aufzumuntern. Er hätte mir geholfen mit meinen Ängsten fertigzu werden.
Vielleicht sollte sie doch einmal mit Loyahm reden?! Bisher hatte sie nicht viel über ihre Reise geredet und es hatte sie auch nie jemand dazu genötigt. Sicher, nachgefragt hatten sie, aber nie gezwungen. Jeder hatte akzeptiert, wenn sie nicht darüber reden wollte. Das was sie erzählte genügte. Es würde vielleicht ganz gut tun, einmal über gewisse Dinge zu sprechen...... Oh, könnte sie doch nur mit ihrem Varter reden !!!!!!  
Mit diesen wehmütigen Gedanken erreichte Sonnenfängerin den Spalt und kroch in den Innenraum. Deshalb bedeutete ihr dieser Ort auch so viel: weil die Erinnerungen an ihren Vater dort so lebendig waren... Es war das einzige, was ihr von ihren Vater ... und ihrer Mutter, die seinen Tod nicht überlebt hatte, geblieben war.
Nachdenklich und immer noch etwas mürrisch wollte sie sich an den kühlen Felsen kuscheln und einfach erst einmal an nichts mehr denken, als an die schönen, so lange vergangenen Zeiten, da ließ sie ein Geräusch aufhorchen.
Elea spannte sich an. Wer oder was war denn das?!
Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Dämmerlicht, und nun konnte sie die Gestalt auf der anderen Seite der kleinen Höhle erkennen. Die kauerte dort mit an den Körper gezogenen Beinen und gesenktem Kopf, sich vor und zurück wiegend. Sonnenfängerin überlegte fieberhaft, wer das sein könnte. Niemand kannte diesen Ort !!! Dann konnte sie ausmachen woher das Geräusch stammte: von dem Schmuck, der an den Seiten seines Gesichts herunterhing. Die Gestalt bewegte sich nicht weiter, wiegte sich nur, schien ihr Kommen nicht bemerkt zu haben  ...
`Bei den Hohen!!!` Sie erinnerte sich den scheuen Fremden am vergangenen Abend gesehen zu haben. War das nicht der einsilbige Wanderer, den Loyahm aufgegabelt hatte? Wie konnte er es wagen, sie hier zu stören, wo doch nicht einmal der Älteste die Höhle unter dem Felsen kannte! An dem so viele Elfen achtlos vorüber liefen, die hier schon ihr ganzes Leben verbrachten! Und außerdem ...
“Was machst du hier?” fuhr sie den Eindringling empört an. “Wer bist du überhaupt?”
Die Gestalt fuhr hoch und stieß sich beinahe den Kopf an der niedrigen Decke. Sie starrte Elea mit gehetzten, weit aufgerissenen Augen an und krächzte rauh. “Chhh... ich.......!”
“Ja?” Sonnenfängrin klang etwas schärfer als sie wollte. Dieser gehetzte Blick ... Er machte sie stutzig. Besänftigte sie etwas. Der hatte ja richtig Angst!
Etwas ruhiger fügte sie hinzu: “Eigentlich wollte ich hier allein sein.” Als sie keine Antwort bekam, sondern nur einen weiteren gehetzten Blick, fragte sie noch einmal, sanfter, vorsichtiger:”Wieso versteckst du dich hier?”
Keine Antwort. In Sonnenfängerin begann es zu arbeiten ... “Diesen Ort kannten eigentlich nur mein Vater- und ich ...” Sonnenfängerin flüsterte es nur noch .
Der Elf zuckte heftig zusammen, griff sich mit einem schmerzerfüllten Stöhnen an die Schläfen, fing sich dann aber wieder und kroch hastig, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen aus dem Spalt.
“Halt, so warte doch! Ich meine es nicht böse!” Elea wollte ihn am Fuß festhalten, doch sie verfehlte ihn.  Der Fremde war schneller verschwunden, als sie reagierte. Verwirrt blieb die sonnenhaarige Elfe zurück und starrte nach draußen. Ihr vorletzter Satz hallte noch immer durch ihren Kopf: Diesen Ort kannten eigentlich nur mein Vater - und ich ... nur mein Vater und ich ... mein Vater und ich ... mein Vater?
Sonnenfängerin ließ sich zurücksinken und stützte das Kinn auf die Hände. Vergessen waren die Spinne und das Wasser, verflogen ihre schlechte Laune. Statt dessen war sie völlig verwirrt! Was hatte das zu bedeuten? Nicht ein Elf, der bereits sein Leben lang hier lebte, kannte diesen verborgenen Ort. Und nun kam ein Fremder, war kaum einen Tag da, und sie fand ihn in ihrem Versteck wieder! Das niemand kannte - hatte sie geglaubt ...
WAS HATTE DAS IM NAMEN DER HOHEN ZU BEDEUTEN?
Sonnenfängerin kämpfte mit ihren  widersprüchlichen Gefühlen: einerseits Traurigkeit und Wut über den Fremden, der diesen, für sie so bedeutsamen Ort, mit seiner Anwesenheit “entweiht” hatte und andererseits, mit einem mehr als verrückten Gedanken: “Mein Vater?” murmelte sie und rieb sich über die Augen. “Das kann doch nicht sein! Er ist vor so langer Zeit bei einem Unwetter ums Leben gekommen. Mutter hat es gespürt. Es hat ihr Herz zerrissen!” Ungläubig schüttelte sie den Kopf.
Dann faßte Sonnenfängerin einen Entschluß. Sie erhob sich und schob sich aus dem Spalt.
Sie mußte sich unbedingt bei dem Fremden für ihr ruppiges Verhalten entschuldigen, denn es tat ihr schon leid, wie sie ihn angefahren hatte, und gleichzeitig wollte sie ihn im Tageslicht genau betrachten, um herauszufinden, ob dieser verrückte Gedanke nicht einfach nur verrückt war ... sondern vielleicht auch noch ...


* * *

Da ist ein goldlockiges Elfenkind, das vertrauensvoll die kleinen Finger in seine Hand schiebt. “Vater, ist das wie der Palast der Hohen?”
“Ja, so ungefähr stelle ich ihn mir vor!”
Glitzernde Kristalle umgeben sie und ihn - gleißend wie das Licht eines Blitzes...
Ein Blitz, der auf ihn hinunter rast.
Greller, beißender Schmerz.
Feuer, daß sich seine Wangen hinunter frißt und den Kiefer in Flammen setzt.
Und...
... Hände die mit sanften Berührungen diesen Schmerz linderten, ohne wirklich zu heilen, eine sanfte Stimme, die eine  Melodie sendete, die den Schmerz in seiner Seele besänftigte und dabei einen Ort der Ruhe wob.
Schattenspinner öffnete die Augen, die er geschlossen hatte und fand sich in den Armen eines Elfen mit langen dunkelblonden Haaren wieder, der neben ihm auf dem Waldboden kauerte und nun besorgt zu ihm hinunterblickte.
Eine Hand strich über die Narben an seiner linken Wange. Unwillkürlich fuhr die Hand des dunkelhaarigen Elfen hoch. Er umklammerte das Gelenk des anderen und krächzte: “Nein, laß das!” Dabei traten ihm die Tränen in die Augen.
“Entschuldigt meine Dreistigkeit.” Der andere Elf nickte und ließ die Hand wieder sinken, nachdem Schattenspinner sie losgelassen und bemerkt hatte, daß die äußere Handkante stark vernarbt war. “Aber ich habe gesehen, wie Ihr hier entlang getaumelt kamt, als habet Ihr starke Schmerzen und dann zusammengebrochen seid. Da konnte ich Euch doch nicht so einfach liegen lassen. Ich bin übrigens Alec Singvogel, und ebenso wie Ihr kein Angehöriger dieses Stammes von Geburt an.”
Schattenspinner holte tief Luft und barg den Kopf in den Händen. *Ich weiß nicht mehr was ich tun soll. Dieser Ort ist voll böser Magie - zumindest für mich.*
*Das verstehe ich nicht so ganz. Ich habe selten eine friedlichere und beschütztere Zuflucht unseres Volkes erlebt.* erklärte der andere und legte eine Hand auf seine Schulter, während er leise eine Melodie summte.
Schattenspinners erster Impuls war die Hand abzuschütteln, aber er spürte, daß die Anwesenheit des anderen ihn beruhigte. Lag das an dem Senden dieses Alec, oder dem Klang seiner Stimme?
Mit einem tiefen Seufzen hob der dunkelhaarige Elf den Kopf wieder und schob den Schmuck über die Narben. *Das mag wohl sein, aber ich glaube es ist besser, wenn ich von hier fortgehe. Ich gehöre nicht hierher.*
Alec half ihm auf die Beine. Dabei blickte er merkwürdig drein. *Deine Seele sagt aber etwas anderes. Ich spüre, wie entzweigerissen sie ist! Da ist einmal der Schmerz und die Erinnerung an - hast du so die Narben bekommen? - und auf der anderen Seite spüre ich aber auch, daß etwas in dir diesen Ort und die Elfen wiedererkennt...*
Schattenspinner zuckte zusammen. Er wollte Alec zurückstoßen, hielt sich aber im letzten Augenblick zurück. Diesmal verebbte das Pochen in seinen Schläfen, ehe es richtig begonnen hatte und er konnte tief in sich hinein lauschen. *Bei den Hohen, wenn das wahr ist, dann ..., dann ...*
*Doch du solltest nichts übereilen. Bitte begleite mich erst einmal und erhole dich von dem Schrecken. Ich wollte den Kindern ohnehin einige Lieder singen und Geschichten erzählen, vielleicht möchtest du ihnen lauschen?*
Dayin nickte. *Ja. Ein wenig Ablenkung tut vielleicht gut! Aber dann muß ich mir überlegen, was ich tun soll.* Ein leichter Kopfschmerz war verblieben, und seine Gedanken noch immer in Aufruhr, aber das schwand langsam. Ja, er mußte wirklich erst einmal zur Ruhe kommen ehe er über alles nachdachte.

* * *

“Die Hörnchen-Steindinger Du meinst den Hörnerfelsen?” Loyahm kniff die Augen zusammen. In seinem Gesicht arbeitete es. Dann wandte er sich an Iala. “Ich glaube ... entschuldige mich einen Moment.” Mit schnellen Schritten durchquerte der Erstgeborene den Hain und steuerte auf den Baum der Erinnerung, auf dem er in einem, von Selenya, seiner Tochter, geformten Nest lebte, zu, eilte am Eingang zur Halle vorbei und blieb dann vor den Bildern, die die Baumformerin in die Rinde geformt hatte, stehen.
Aufgeregt, aber geduldig suchte er die Bilder ab, bis er das gefunden hatte, was er suchte - die Erinnerung an eine Tragödie, die sich vor mehr als sechshundert Wechseln der Jahreszeiten ereignet hatte.
Das Bild eines lebenslustigen und manchmal mehr als leichtsinnigen jungen Elfen tauchte vor seinem inneren Augen auf. Fröhlich blitzende goldgrüne Augen unter einer wahren Mähne aus rindenbraunem Haar blickten ihn unschuldig an, als habe ihr Besitzer keinen Unfug angestellt. Ein Elfenkind, das gerne auf den spitzen Graten herum geklettert war, obwohl die Älteren es ihm verboten, und sich manchmal tagelang unauffindbar versteckt hatte. Ein junger Elf, der seine Fähigkeiten noch nicht richtig im Griff gehabt und die älteren Jäger regelmäßig zum Wahnsinn getrieben hatte, wenn seinetwegen das Wild davon geprescht war. Und die Freude, als genau diese Fähigkeiten, sie durch so manch harten Winter gebracht hatte.
Der Erstgeborene legte eine Hand auf die stilisierte Gestalt eines vom Blitz getroffenen Elfen. “Schattenspinner? Vielleicht bist du dazu geworden, aber jetzt weiß ich, woher ich dich kenne”, murmelte er. “Jetzt weiß ich endlich, wer du bist, du jedoch scheinst dich selber nicht mehr daran zu erinnern, Dayin Sturmtänzer.”
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