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T.O.R.Y.

von Leda
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P18 / MaleSlash
14.11.2009
25.06.2010
11
50.589
1
Alle Kapitel
117 Reviews
Dieses Kapitel
19 Reviews
 
 
14.11.2009 4.773
 
Hier ist also mein neues Projekt, wieder Beta gelesen, von meinem Lieblingsbetaleser Joshua.

Diese Geschichte behandelt sensible Themen u.a. auch Psychische Störungen. Ich bin kein Fachmann auf dem Gebiet, also steht es euch frei, mich auch Fehler hinzuweisen. Außerdem ist diese Geschichte ist nichts für schwache Nerven, sagt also nicht ich hätte euch nicht gewarnt.

Aber jetzt viel Spaß, mit dem ersten Kapitel von T.O.R.Y.. Ich bin wirklich nervös, also seit bitte für jetzt nicht zu hart mit mir.

Liebe Grüße Leda






Die Gerüchte, die sich um ihn rankten, eilten ihm voraus. Tory hatte noch nicht einmal die erste Unterrichtsstunde begonnen, da sprach schon die ganze Schule von dem Neuen, mit der dunklen Vergangenheit. Manche sagten, dass er in einem dunklen Keller aufgewachsen war und deshalb so gestört war, andere behaupten, dass er in der Klapse gewesen sei, weil er gesehen hatte wie sein Vater erst seiner Mutter beim lebendigen Leib das Herz herausgeschnitten hatte und sich sich selbst dann mit Benzin übergossen und angezündet hatte.

Lina aus der neunten, behauptete steif und fest, dass er wegen Prostitution in einer Erziehungsanstalt gewesen war. Katja aus der Oberstufe setzte entgegen, dass er wegen dem Handel mit harten Drogen schon eine ganze Weile in einer Jugendstrafanstalt gewesen war und jetzt wo er auf Bewährung draußen war, sollte er wieder ins System eingegliedert werden. Chris aus der Parallelklasse meinte in ihm den U-Bahnschläger wieder zu erkennen, der einen Rentner ins Koma geprügelt hatte. Cornelia aus der Achten ging sogar so weit zu behaupten, dass er seine eigenen Eltern umgebracht hatte  und Henning der im Abschlussjahr war, war davon überzeugt, dass er ein Sexualstraftäter war.

Manche hielten ihn für einen Bankräuber, andere für einen Verrückten, wieder andere waren davon überzeugt, dass irgendjemand in seinem Kopf herum gefuscht hatte und manche waren der Meinung, dass er von einem Wanderzirkus weggelaufen war.

Alles in allem war Tory schon eine Berühmtheit, bevor er zum ersten Mal das Gerhard-Zeit-Gymnasium betreten hatte. Die Schüler hatten sich schon das Maul über ihn zerrissen, bevor sie ihn auch nur gesehen hatten und das war ganz bestimmt nicht der Start, den man sich als Neuer an einer Schule wünschte.





Der Montag morgen begann eigentlich wie jeder andere auch. Mit einer guten Ladung Popmusik, die aus seinem Radiowecker dudelte.
„Himmelarschundzwirn!“, knurrte Mischa, während er nach der Quelle des Lärms tastete und dann kurzerhand das Kabel aus der Steckdose riss. Das konnte doch kein Mensch, mit halbwegs vernünftigen Musikgeschmack ertragen.

„Mischa Frühstück!“, rief seine Mutter draußen vor seiner Tür, gerade als er sich anschickte wieder einzuschlafen und entnervt öffnete Mischa die Augen.
Machte sie das etwa mit Absicht?

Nach weiteren zehn Minuten, in denen er sich erfolgreich vor dem Aufstehen gedrückt hatte, gab er schließlich auf. Nur äußerst widerwillig schwang Mischa die Beine aus dem Bett und rieb sich erst mal die Augen. Wer hatte eigentlich Wochenenden erfunden? Das musste definitiv irgendein Idiot gewesen sein. Ansonsten wäre dem doch gleich aufgefallen, dass das Wochenende, im Gegensatz zu dem Rest der Woche, viel zu kurz war.

„Mischa“, rief seine Mutter schon wieder und genervt stöhnte er auf.
„Ja, ja ich komm ja schon“, murmelte er und schluppte dann alles andere als enthusiastisch in die Küche, wo ihn dampfender Kaffee und frische Brötchen erwarteten. Egal was andere behaupteten, es war gar nicht mal so übel ein Einzelkind zu sein. Man wurde nämlich nach Strich und Faden verwöhnt. Natürlich behandelte seine Mutter ihn nicht wie ein Prinz oder so, aber wenn es ums Essen ging, scheute sie wirklich keine Mühe, um ihm eine Freude zu bereiten. Schließlich hatte sie ja auch sonst niemanden zu bekochen, da ihr Mann, so gut wie nie zu Hause war.

Gähnend ließ Mischa sich auf seinen Stuhl sinken und zog dann die Beine an, damit er sein schlabbriges T-shirt über die Knie ziehen konnte, um es noch ein bisschen mehr auszuleiern.
Dann goss er sich Kaffee ein und schnappte sich den Zuckerstreuer. Wie jeden Morgen kippte er sich solange Zucker in den Kaffee, bis seine Mutter ihm den Streuer schließlich weg nahm und ihn aus seiner Reichweite brachte.

„Tu dir doch nicht immer so viel Zucker in den Kaffee. Eines Tages wird dich das Zeug noch umbringen“, prophezeite seine Mutter. Mischa zuckte nur ungerührt mit den Schultern. Warum musste sie auch so melodramatisch sein? Er würde von dem vielen Zucker höchstens zunehmen, doch das hieß ja noch lange nicht, dass er gleich an einem Herzinfarkt sterben würde. Abgesehen davon, war Mischa nicht so eitel, als dass ihn das zunehmen allein abgeschreckt hätte. Dann würde er halt dick werden. Dick, aber glücklich!
Lächelnd kippte er sich noch Milch in den Kaffee und schlürfte dann selbstzufrieden, die hellbraune, überzuckerte Flüssigkeit.

„Wir sind übrigens am Wochenende bei den Massners zum Essen eingeladen“, erzählte seine Mutter, die es für heute scheinbar aufgegeben hatte, zu versuchen, ihm in die Ernährung rein zureden.
Stattdessen rührte sie sich Honig in den Tee und lächelte dabei abwesend vor sich hin. Etwas, das Mischa dazu brachte, seine Kaffeetasse für einen Moment sinken zu lassen.

„Wer ist wir?“, fragte er, wobei er versuchte, seine Hoffnung flach zu halten. Er war einfach schon zu oft enttäuscht worden.
„Hmm, das wären natürlich Du, dann ich und dein Vater.“
Sein Vater? Sein Vater! Mischa stieß einen sehr unmännlichen, quietschenden Schrei aus, doch im Moment konnte ihm das noch nicht einmal peinlich sein. Sein Vater kam nach Hause! Zum ersten Mal seit drei Monaten. Am liebsten wäre Mischa lachend durch die Küche getanzt, ließ es aber aus Rücksicht auf seine Mutter bleiben. Ansonsten würde sie noch glauben, dass er einen Zuckerschock hatte oder so was und das wollte er ihr nun wirklich nicht zumuten. Sie machte sich auch so schon immer genug Sorgen um ihn.

„Paps kommt? Für wie lange?“, fragte er atemlos. Er war einfach nur total aufgeregt, doch nicht aufgeregt genug, um nicht zu bemerken, wie das Lächeln seiner Mutter einen Tick schmaler wurde und plötzlich etwas gequält wirkte.
„Für drei oder vier Tage. Er hofft, dass er eine Woche bleiben kann, aber wahrscheinlich muss er für Roland einspringen und am Sonntag schon wieder nach Paris.

Drei oder vier Tage? Immerhin!  
Innerlich seufzte Mischa auf, versuchte aber weiterhin eine fröhliche Miene beizubehalten. Seine Mutter sollte bloß nicht wissen, wie sehr ihm die Tatsache zusetzte, dass er seinen Vater so selten sah und wenn, dann immer nur für ein paar Tage. Das war halt der Nachteil, wenn man einen Starfotographen zum Vater hatte. Mischa hatte zwar genug Autogramme, von Schauspielern, Prominenten und irgendwelchen Models, um damit sein Zimmer zu tapezieren, doch dafür konnte er die Tage, die er in diesem Jahr mit seinem Vater verbracht hatte, an seinen Fingern abzählen. In der Schule beneideten ihn viele darum, dass sein Vater viel Geld verdiente und mit der High-Society verkehrte, doch keiner von ihnen schien verstehen zu können, dass dieses Geld nicht das Loch stopfen konnte, welches sein Vater jedes Mal zurück ließ, wenn er mal wieder nach Paris, New York, oder sonstwo hinflog.

„Ich geh dann mal duschen“, murmelte Mischa, nachdem er seinen Kaffee ausgetrunken hatte und stand auf. Auf das Frühstück verzichtete er heute lieber. Irgendwie, war ihm gerade so gar nicht nach essen zu Mute. Seine Mutter hob zwar die Augenbrauen, ließ das Ganze jedoch unkommentiert. Vor noch gar nicht all zu langer Zeit, hätte sie ihn noch dazu gedrängt zumindest ein Brötchen zu essen, doch inzwischen hatte sie gelernt, ihm seinen Freiraum zu lassen.

Nach einer Dusche und einem halbherzigen Versuch seine Haare zu bändigen, kehrte Mischa in sein Zimmer zurück, wo er sich anzog und seine Schulsachen zusammenpackte. Eigentlich war es noch viel zu früh, trotzdem beschloss er sich bereits jetzt auf den Weg zur Schule zu machen. Irgendwer würde ganz bestimmt schon da sein und besser als hier rumzuhocken und über seinen Vater nachzugrübeln, war es alle mal.


Wie nicht anders zu erwarten, war der Schulhof noch verlassen, als Mischa zwanzig Minuten später sein Fahrrad anschloss und seine Tasche von dem Gepäckträger zerrte. Lediglich ein paar Siebtklässler drückten sich in der Raucherecke rum und nutzten die Gelegenheit, da noch keine Lehrer da waren, um noch schnell, heimlich eine zu rauchen.

„Hey Mischa!“, rief einer von ihnen und winkten ihm zu. Seine Freunde hoben überrascht die Köpfe und taten es ihm dann gleich. Lächelnd winkte Mischa zurück und lenkte seine Schritte dann in Richtung Schule. Wie nicht anders zu erwarten war die Schule um diese Zeit noch abgeschlossen, so dass Mischa sich auf die Treppe setzte und dann das Buch hervor holte, welches sie gerade in Deutsch behandelten. „Der zerbrochene Krug“, von Heinrich von Kleist. Mischa konnte nicht behaupten, dass er damit viel anfangen konnte.
Nach noch nicht einmal drei Seiten begannen die Buchstaben vor seinen Augen zu verschwimmen und ein dumpfer Schmerz begann in seinem Kopf zu pochen.

Seufzend schloss er das Buch wieder und kniff dann für einen Moment die Augen zusammen. Wenn er ehrlich war, hatte er kein Wort von dem gerade Gelesenen verstanden, doch das lag offensichtlich daran, dass er wie bereits erwähnt, nichts mit Kleist anfangen konnte. Ein paar Mal atmete Mischa tief durch um das Schwindelgefühl los zu werden. Dann öffnete er das Buch wieder und zwang sich dazu weiterzulesen.


Er war gerade beim vierten Auftritt angekommen, als endlich die anderen Schüler einzutrudeln begannen und schließlich kam auch der Hausmeister, um die Schule aufzuschließen. Mit einem erleichterten Seufzen stopfte Mischa sein Buch in die Tasche zurück und war gerade dabei aufzustehen, als er jemanden seinen Namen rufen hörte. Das war an und für sich nichts ungewöhnliches, doch diese Stimme kannte er genau.

Er hatte gerade noch Zeit sich umzudrehen, da wurde er auch schon regelrecht von Nell angesprungen. Fest schlang sie die Arme um seinen Hals und drückte ihm einen Kuss auf den Mundwinkel.
„Hallo Schatz, hast du mich vermisst?“, zwitscherte sie und sanft lächelte Mischa sie an.
„Und wie“, murmelte er, während er seine Arme um ihre Hüften legte. Bestimmt zog er sie an sich und küsste sie dann nachdrücklich auf die Lippen. Dann erst ließ er sie los und verlegen lachte Nell auf.
„Wow, wo kam das denn her?“, fragte sie leicht überrascht und neckisch grinste Mischa sie an.
„Na ja, ich bin doch dein Freund oder nicht?“
„Hmm, das stimmt allerdings.“ Spitzbübisch erwiderte Nell sein Grinsen und griff dann nach seiner Hand, um ihre Finger miteinander zu verschränken. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg nach drinnen, wo sie sich in die Aula setzten, um die Zeit, die sie vor dem Unterricht noch hatten, zusammen zu verbringen.

„Wie war dein Wochenende?“, fragte Nell, nachdem sie sich neben ihn gesetzt hatte und nachdenklich spielte Mischa mit einer, von ihren langen, dunkelbraunen Haarsträhnen.
„War ok“, brummte er. Während er ein paar Fünftklässler beobachtete, die auf dem Boden saßen und mit einem zerfledderten Satz Karten Mau Mau spielten.
„Am Samstag hab ich mich mit den Jungs getroffen und am Sonntag war ich bei meiner Oma, sie will übrigens, dass du das nächste Mal mitkommst. Nur damit du schon mal Bescheid weißt.“

Seicht plätscherte ihr Gespräch vor sich hin und wurde erst unterbrochen, als die anderen plötzlich auftauchten.
„Habt ihr schon gehört...“, begann Sabrina, die Königin des Klatsches, bevor sie sich auch nur gesetzt hatte. Sie holte tief Luft, um ihnen dann die neusten Gerüchte unterbreiten zu können und gab für Mischa damit das Zeichen zum weghören. Es interessiert ihn nun mal nicht, wer denn nun was mit wem hatte und so beschloss er, dass es das Beste war, einfach abzuhauen. Wenn die anderen, also Nell, Tobi, Florian und Nora, sich das antun wollten, dann sollten sie sich von ihm nicht davon abhalten lassen.

„Mir fällt gerade ein, dass ich ganz vergessen habe, meine Mathehausaufgaben zu machen“, log er, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann stand er hastig auf, verabschiedete sich mit einem Kuss von seiner sichtlich überraschten Freundin und sah zu, dass er Land gewann. Freiwillig, würde er sich das nämlich ganz bestimmt nicht antun.

In seinem Klassenraum, der glücklicherweise schon offen war, setzte er sich auf seinen Platz und holte dann sein Mathebuch raus. Wenn jemand kommen würde um nach ihm zu sehen, sollte es wenigstens so aussehen, als ob er wirklich seine Hausaufgaben machen würde. Dann wartete er darauf, dass endlich die anderen kommen würden, doch die kamen erst nach dem Lehrer, in einer großen Gruppe in die Klasse geströmt und so war Mischa an diesem Tag der Einzige, der noch nichts von den Gerüchten, die an der Schule rumgingen gehört hatte.

Gelangweilt kaute Mischa an dem Ende von seinem Bleistift herum, während Herr Licht bereits zum dritten Mal ausführlich erklärte, wie senkrechte Vektoren berechnet wurde.
Langsam aber sicher wurde es langweilig.
Frustriert seufzte Mischa auf, was ihm einen tadelnden Blick von Her Licht einheimste. Im nächsten Augenblick schickte sein Mathelehrer ihm aber auch schon ein kleines, aber verständnisvolles Lächeln hinterher, ehe er sich ruckartig zur Tafel umdrehte.

Wäre Mischa nicht so gut erzogen gewesen, hätte er sich wahrscheinlich auf den Tisch gelegt um einen Runde zu schlafen, doch so wie die Dinge standen, blieb ihm nichts anders übrig, als das Ganze hier auszusitzen. Mischa war gerade dabei sich ein weiteres Seufzen zu verkneifen, als es an der Tür klopfte und Frau Doiber, die Stellvertretende Schulleiterin das Klassenzimmer betrat. Ihr auf dem Fuß, folgte ihr Schatten.

Zumindest hielt Mischa es im ersten Moment für ihren Schatten. Bei genauerem Hinsehen stellte er jedoch fest, dass es sich nicht um einen Schatten handelte, sondern um eine schwarz gekleidete, dunkelhaarige Person, die mit ausdrucksloser Miene vor sich hin starrte. Der enge schwarze Pullover ließ keinen Zweifel darüber zu, dass es sich um einen Jungen handelte, oder viel mehr um einen jungen Mann. Die Ärmel von dem Pullover, den er trug waren viel zu lang, so dass sie seinen Hände und sogar seine Finger bedeckten. Die ebenfalls schwarze Hose, saß locker auf seinen geraden Hüften, und um den Hals trug er ein flaches Schwarzes Halsband, welches überraschender Weise auch schwarz war. Lediglich der Anhänger, welcher daran baumelte, wies eine andere Farbe auf. Er war silbern und stellte den einzigen Schmuck da den der Fremde trug. Seine stufig geschnittenes Haar fielen ihm fast bis zu den Schultern hinab und umrahmten sein starres, ausdrucksloses Gesicht.

Mischa kam es vor, als wären Stunden vergangen, in denen er jedes einzelne Detail registrierte, doch in Wirklichkeit waren es wohl nicht mehr, als ein paar Sekunden, in denen Frau Doiber einige unverständliche Worte, mit ihrem Mathelehrer wechselte. Dann nickte sie Herr Licht kurz zu und verließ, mit einem letzten Blick, auf ihren vermeintlichen Schatten, das Klassenzimmer. Für einen Augenblick trat Stille ein, in der jeder, der Lehrer mit eingeschlossen, den fremden Jungen einfach nur anstarrte. Dann schien Herr Licht aufzufallen, was er da gerade tat, denn er zuckte zusammen und ein reuevoller Ausdruck trat auf sein Gesicht.

„Also alle mal her hören“, rief er, als ob er nicht ohnehin schon die volle Aufmerksamkeit gehabt hätte.
„Das hier ist euer neuer Mitschüler, Tory Massner. Tory, warum erzählst du deiner neuen Klasse nicht ein bisschen was von dir?“ Aufmunternd lächelte er Tory zu, doch das verging ihm recht schnell, als Tory sich zu ihm umdrehte und ihn mit seiner ausdruckslosen Mine anstarrte. In seinen kalten, schwarzen Augen blitzte es und Mischa glaubte förmlich zu sehen, wie Herr Licht in sich zusammen schrumpfte.

„Fick dich!“, sagte Tory nachdrücklich und einige der Schüler schnappten hörbar nach Luft.
„Ich werte das dann mal als nein“, versuchte Herr Licht dem ganzen die Spitze zu nehmen. Zittrig lachte er auf und der gequälte Ausdruck, auf seinem Gesicht, war dabei unübersehbar.
„Wie dem auch sei. Warum setzt du dich nicht dahinten auf den freien Platz neben Mischa.“
Protestierend öffnete Mischa den Mund, schließlich saß auf dem Platz neben ihm für gewöhnlich Peter, der heute allerdings fehlte. Er klappte ihn jedoch schnell wieder zu, als ihm klar wurde, dass dies der denkbar schlechteste Moment war um so etwas zu sagen. Er wusste nicht genau warum, aber Mischa hatte das Gefühl, dass hier irgendetwas mächtig faul war.

Ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen, marschierte Tory durch die Klasse und ließ sich auf den Stuhl neben Mischa fallen. Obwohl dieser damit gerechnet hatte, zuckte er leicht zusammen, als Tory seine Tasche auf den Tisch knallte.

„Hallo“, sagte er, in dem Versuch trotz allem freundlich zu sein, doch ein Blick von Tory wischte sogar ihm das Lächeln vom Gesicht. Eingeschüchtert zog Mischa den Kopf ein und rutschte dann ein bisschen weiter unter den Tisch. Na das konnte ja heiter werden.


Anders als sonst, drängten sich nicht alle, sobald es geklingelt hatte, um den neuen Schüler, um ihn auszuquetschen. Im Gegenteil. Scharenweise strömten die Schüler nach draußen, wobei wie es sehr offensichtlich vermieden, auch nur in Torys Richtung zu blicken.

Mischa, der damit beschäftigt war in seiner Tasche, nach seiner Biomappe zu kramen, bekam davon nichts mit, so dass er ziemlich perplex war, als er sich, als er den Kopf hob, plötzlich mit Tory alleine wieder fand. Selbst der Lehrer war schon verschwunden und hatte offenbar darauf verzichtet, den Klassenraum für die Pause abzuschließen. Etwas, das mehr als nur ungewöhnlich war.

„Was?“, schnappte Tory plötzlich und ertappt zuckte Mischa zusammen, als ihm klar wurde, dass er ihn die ganze Zeit über angestarrt hatte.
„N-nichts...“, stotterte er und blickte hastig auf den Tisch vor sich. Allerdings ertappte er sich selbst dabei wie er, aus den Augenwinkeln heraus, zu Tory rüber schielte. Der hatte, als ob ihm kalt wäre, die Arme vor der Brust verschränkt und blickte stur gerade aus.

'Seltsamer Typ', stellte Mischa im Stillen fest. Eigentlich wollte er raus, um sich mit Nell und den anderen zu treffen, aber irgendwie wäre es ihm komisch vorgekommen, einfach so zu gehen und Tory allein zurück zu lassen. Es war einfach nicht fair, Tory sich selbst zu überlassen, egal wie abweisend dieser sich auch verhielt.

„Sag mal“, begann Mischa und diesmal ließ er sich auch von Torys eisigem Blick nicht abschrecken.
„Warum hast du vorhin eigentlich nichts von dir erzählt?“, fragte er ehrlich interessiert. Torys Miene jedoch blieb ausdruckslos. Lediglich ein leicht misstrauischer und recht skeptischer Ausdruck trat in seine Augen.

„Ich sehe einfach nicht ein, warum ich irgendwem etwas erzählen soll, was er ohnehin schon weiß“, erwiderte Tory.
„Oder zu wissen glaubt“, fügte er nach einem kurzen Moment des Überlegens noch hinzu. Doch auch das führte nicht gerade dazu, dass Mischa plötzlich eine Erleuchtung hatte.
„Häh“, machte er, wofür er sich im gleichen Augenblick auch schon schämte und Torys Augenbrauen schossen in die Höhe.
„Sagen wir einfach mal, dass ich das Bild, welches du dir von mir gemacht hast, nicht zerstören will.“
'Welches Bild?’ Die Verwirrung schien Mischa auf die Stirn geschrieben zu sein, denn Tory schnaubte leise.
„Heißt das, du hast noch nichts von den Gerüchten gehört, die hier an der Schule über mich kursieren? Warst du in der letzten Woche tot oder was?“
„Nein, ich mach mir nur einfach nichts aus Gerüchten“, erwiderte Mischa und Torys Augen lächelten ihm förmlich entgegen. Es war seltsam zu sehen, wie viel seine Augen ausdrückten, während sein Gesicht rein gar nichts von seinen Emotionen verriet. Mischa hatte nie viel darauf gegeben, doch in diesem Moment glaubte er zum ersten Mal daran, dass die Augen tatsächlich der Spiegel der Seele waren.


Das Gespräch welches sie geführt hatten, verlief schneller im Sand, als es begonnen hatte und ehe Mischa es sich versah, war wieder Schweigen zwischen ihnen eingetreten. Nervös kaute er auf seiner Unterlippe herum und zermarterte sich den Kopf, nach einem neuen Gesprächsthema. Da Tory nicht so wirkte, als würde er von sich aus etwas sagen, blieb dass nämlich an ihm hängen. Doch Mischa wollte partout nichts einfallen. Natürlich hätte er einfach fragen können, was für Gerüchten Tory zuvor gemeint hatte, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass das kontraproduktiv gewesen wäre, da sein neuer Mitschüler, offensichtlich nicht besonders gut darauf zu sprechen war.
Erschwerend kam noch hinzu, dass er ja eigentlich gar nicht hier sein wollte. Wenn er jetzt mal so darüber nachdachte, die anderen vermissten ihn bestimmt schon.

„Lust mit raus zu kommen?“, fragte er spontan, bereute es im gleichen Augenblick aber schon wieder, denn mit einem Schlag, kehrte die Kälte in Torys Augen zurück.
„Sicher, dass du mit mir gesehen werden willst?“, stellte er als Gegenfrage und Mischa konnte nicht anders, er grinste.
„Och, so schlimm können die Gerüchte, die sich um dich ranken doch gar nicht sein und selbst wenn, ich schätze das wird mein Ruf, gerade noch so verkraften können.“
Der Ausdruck in Torys Augen verhärtete sich noch, so dass Mischa glaubte etwas Falsches gesagt zu haben. Er öffnete schon den Mund, um sich zu entschuldigen, doch da kam ihm Tory plötzlich zuvor.

„Ok“, sagte er nur schlicht und Mischa lächelte zufrieden. Etwas, was er wohl nicht getan hätte, wenn er gewusst hätte, in was er sich da gerade hinein ritt.



Nebeneinander gingen sie nach draußen, wobei Mischa auffiel, dass Tory offenbar darauf achtete, immer mindestens einen Meter Abstand zwischen ihnen zu halten. Innerlich verdrehte er die Augen, beschloss aber, dass es das Beste war, sich nichts dabei zu denken, oder gar Tory drauf anzusprechen. Der Blick, den dieser ihm dann zugeworfen hätte, konnte er sich auch nach so kurzer Zeit, schon sehr bildlich vorstellen.

Leise summte Mischa vor sich hin, doch das verging ihm recht schnell. Bereits in der Pausenhalle registrierte er die schrägen Blicke, die die anderen Tory und somit auch ihm zu warfen, doch erst richtig schlimm wurde es, als sie nach draußen auf den Schulhof traten. Überall drehten Schüler und selbst Lehrer sich zu ihnen um und Getuschel folgte ihnen auf Schritt und Tritt. Tory warf ihm einen eindeutigen „Siehst-du-ich-habe-es-dir-doch-gesagt-Blick“ zu und wieder verdrehte Mischa die Augen. Es interessierte ihn relativ wenig, was diese Leute von ihm sagten und dachten, viel wichtiger war ihm die Meinung seiner Freunde, doch die, da war Mischa sich sicher, würden wegen ein paar dummen Gerüchten, nicht so einen Aufstand machen.


Mischa wurde sehr schnell eines besseren belehrt und er musste seine Meinung in dem Moment revidieren, in dem die Gesichtsausdrücke von Nell, Sabrina, Tobi und den anderen sah. Die schienen sich aber ganz und gar nicht darüber zu freuen ihn zu sehen. Oder viel mehr: Sie freuten sich nicht darüber ihn mit Tory zu sehen. Innerlich seufzte Mischa auf und zwang sich dann zu seinem aller schönsten Strahlelächeln.

„Hey Leute, tut mir Leid, ich bin spät dran.“ Niemand erwiderte etwas, da sie alle viel zu sehr damit beschäftigt waren Tory anzustarren, der schräg hinter ihm stand. Also benehmen hatten die offenbar nicht gelernt.
„Ich habs dir doch gesagt“, murmelte Tory, irgendwo in der Nähe von seinem Ohr und Mischa musste sich eingestehen, dass er Recht hatte. Zum unzähligsten Male seufzte Mischa innerlich auf und ließ sich dann auf die Bank sinken. Mit dem Rücken lehnte er sich gegen den Stamm der alten Eiche, um die die Bank herum gebaut war und bedeutete Tory dann mit einer Handbewegung sich neben ihm zu setzen. Der warf erst einmal einen Blick in die Runde, wobei er ein halbes Dutzend abweisende Blicke traf und ließ sich dann mit wie immer emotionsloser Miene neben ihm nieder.


„Warum hast du ihn mitgebracht“, zischte ihm Nell, die sich auf seine andere Seite gesetzt hatte ins Ohr, doch Mischa antwortete ihr nicht, sondern warf ihr lediglich einen kurzen, scharfen Blick zu. Also das würde er ganz bestimmt nicht jetzt mit ihr ausdiskutieren. Dass konnte sie ja so was von vergessen. Anstatt etwas zu erwidern, wandte er sich lieber Tory zu und obwohl ihm ein bisschen mulmig zu Mute war, stupste er ihn leicht mit seinem Ellbogen an.

„Also, erzählst du mir jetzt was über dich, oder muss ich alles aus dir heraus kitzeln“, versuchte Mischa zu scherzen, doch das Lachen blieb ihm im Hals stecken, als Tory ihm einen Blick zu warf, der ganz eindeutig sagte: „Wenn du das versuchst bist du Mus“. Schwer schluckte Mischa und mit einem Mal war er sich doch nicht mehr so sicher, ob dass hier so eine gute Idee gewesen war. Sehnsüchtig blickte er zu seinen Freunden rüber, die einen gewissen Sicherheitsabstand zwischen sie gebracht hatten und leise tuschelten, wobei sie Tory und ihm, immer wieder kurze Blicke zu warfen. Sogar Nell war dabei. Seltsam. Dabei hatte sie doch gerade noch neben ihm gesessen. Mischa hatte gar nicht gemerkt, dass sie aufgestanden war.

„Ich bin neunzehn“, sagte Tory plötzlich und Mischa riss seinen Kopf so abrupt zu ihm herum, dass er sich fast den Hals verrenkte.

„Oh echt“, sagte er, weil ihm so schnell einfach nichts besseres einfallen wollte. Dann runzelte er die Stirn.
„Aber wenn du neunzehn bist, warum bist du dann erst in der Elften? Du wirst ja wohl kaum zwei Mal sitzen geblieben sein oder?“

Wie blöd war er eigentlich? Das war das einzige, was Mischa denken konnte, als er sah wie Torys Augen sich verdunkelten. Er hatte doch ziemlich deutlich klar gemacht, wie er zu Gesprächen bezüglich seiner Vergangenheit stand. Hätte er die Aussage, dass Tory neunzehn war nicht einfach unkommentiert hinnehmen können? Nein, natürlich nicht, weil er alles kaputt machen musste und weil er ein Idiot war und weil...

„Ich war in der Psychiatrie“, sagte Tory plötzlich laut genug, dass selbst Mischas Freunde ihn hören konnten, denn ihr Getuschel verstummte abrupt.
„Für zwei Jahre. Dass ist es doch was du von mir hören wolltest, oder?“
Was er von ihm hören wollte? Irgendwie kam Mischa gerade nicht mehr so wirklich hinter her. Was wollte Tory überhaupt von ihm? Hatte er irgendetwas falsch gemacht?

„Wovon redest du überhaupt?“, fragte er und Tory gab ein seltsames Geräusch von sich, das irgendwie wie eine Mischung aus einem Schnarren und einem Schnauben klang.
„Weißt du, ich habe meine eigene Theorie zu dem Ganzen hier. Ihr habt die Gerüchte gehört und kamt dann auf die Idee, dass du mich ein bisschen aushorchen könntest, um herauszufinden, was davon stimmt. Ich bin nämlich nicht bescheuert weißt du.“ Sprachlos klappte Mischa seinen Mund auf und wieder zu. Das war doch einfach nur die Höhe.

„Bescheuert vielleicht nicht, aber ganz bestimmt ein bisschen Paranoid. Ist es denn so abwegig, dass ich einfach nur nett zu dir sein wollte? Nur zu deiner Information, ich bin einer von den Guten.Bei dir bin ich mir da nicht so sicher Auf jeden Fall stimmt bei dir hier irgendetwas nicht.“ Um zu verdeutlichen was er meinte, tippte Mischa Tory mit dem Zeigefinger gegen die Stirn. Ihm entging nicht, dass Tory bei der leichten Berührung zusammen zuckte, als ob man ihn geschlagen hätte, doch er beschloss, dass es besser wäre, sich später Gedanken darum zu machen. Jetzt war er zu aufgebracht dafür. Dass war auch der Grund warum er aufstand. Wenn er jetzt noch länger bleiben würde, dann würde er am Ende noch etwas sagen, dass er am Ende bereuen würde.

„Ich geh jetzt und hol mir einen Kakao, wenn du willst, können wir ja in der nächsten Pause weiter reden. Vorausgesetzt du bist dann wieder normal.“ Mit diesen Worten ließ er Tory stehen und machte dich dann auf den Weg nach drinnen. Er konnte echt nur hoffen, dass der nicht immer so war.

Als Mischa keine zehn Minuten später das Klassenzimmer betrat, saß Tory schon an ihrem Platz. Mit einem Stift kritzelte er auf dem Rand von seinem Block herum und Mischa fiel auf, dass er sich dabei den Ärmelsaum über die Finger zog, so dass sie vollständig bedeckt waren. Bei jemand anders, wäre ihm das vielleicht seltsam vorgekommen, doch bei Tory wunderte ihn gar nichts mehr.

„Hier!“ Mit einem leisen Klack stellte Mischa einen der Plastikbecher aus dem Getränkeautomat vor Tory ab, der erst den Becher und dann ihn misstrauisch beäugte.
„Was ist das?“, fragte er und Mischa schenkte ihm ein schiefes Lächeln.
„Kaffee, du sahst mir irgendwie wie ein Kaffee-Typ aus. Ich dachte wenn ich schon mal dabei bin, bring ich dir gleich was zu trinken mit. Sieh es als Entschuldigung für eben gerade.“ Tory öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn dann jedoch wieder und schloss seine von den Ärmeln bedeckten Hände um den Kaffeebecher.
„Danke“, murmelte er schließlich. Während Mischa sich auf seinen Stuhl plumpsen ließ und an seinem Kakao zu schlürfen begann.

„Keine Ursache“, erwiderte er. Mischa war sich nicht ganz sicher warum, aber er hatte beschlossen, über die seltsame Beschuldigung von Tory hinweg zu sehen und ihm noch eine zweite Chance zu geben. Vorausgesetzt natürlich, er wollte überhaupt eine. Seinem bisherigen Verhalten nach zu urteilen, war Mischa sich nicht hundertprozentig sicher, ob das wirklich der Fall sein würde, aber er konnte es ja zumindest versuchten. Er hatte ja keine Ahnung, was ihm noch alles bevorstand.
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