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Die Herrschaft des Vampirs

GeschichteMystery, Fantasy / P16 / Gen
Arthur Holmwood / Lord Godalming Dr. John / Jack Seward Graf Dracula Jonathan Harker Mina Murray / Harker Professor Abraham Van Helsing
08.11.2009
28.10.2014
4
5.832
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08.11.2009 1.318
 
Mina Harkers Tagebuch

Ich sitze nun hier, mitten auf einem Dach in London. Der Wind weht durch alle Ritzen, Gassen und Straßen dieser Stadt, doch berührt er meistens nur kalten Stein. Meine Sinne verraten mir, dass es kälter wird, aber ich selbst friere nicht. Mein kurzes, dunkelbraunes Haar scheint im Wind zu tanzen, aber ich selbst bin wenig in Stimmung dafür. Ja, früher war es dem Mann überlassen, das Haar kurz geschnitten zu tragen, aber es ist viel Zeit seitdem vergangen. Es hat sich so vieles verändert, denn die Menschen denken, das diese ,,Seuche'' - wie sie es nennen - ein Ende gefunden hat, doch dem ist nicht so. Sie wartet, still und leise in jedem von uns, und es ist unsere Aufgabe, sie in Schach zu halten. Uns... Ich zähle mich nicht gerne zu jenen Kreaturen, aber ich bin ein Teil von ihnen. Ein ,,halbes Wesen der Nacht", wie sie es gerne nennen. Es war Draculas Idee gewesen, vor genau 114 Jahren, in jenem 19. Jahrhundert...

...Ich erwachte in vollkommener Dunkelheit. Ich hörte etwas nagen, wahrscheinlich Ratten, das Tropfen von Wasser auf nackten Stein und ein seltsames Pfeifen. Nur langsam begriff ich, dass ich irgendwo eingeschlossen war, denn ich konnte mich nicht ausrichten, geschweige denn meinen Körperdrehen, ohne mir etwas anzustoßen. Mir kam die leise Befürchtung, dass ich wohlmöglich in einem Sarg lag, denn das Holz zu meiner Rechten und Linken war fein geschliffen und aus sehr stabilem Holz. Ich versuchte, trotz der Panik, die sich in mir breit machte, den Deckel anzuheben. Nichts. Er bewegte sich kein bisschen. Nach einiger Zeit gab ich es schließlich auf und versuchte, mich wenigstens bemerkbar zu machen. Ich war nicht tot, redete ich mir ein, aber dann kam mir meine letzte Erinnerung in den Sinn...
Ich schrie, während ich gegen das Holz schlug, um Hilfe. Es musste ein Missverständnis sein, und wenn es wahr war, so konnte ich mich immer noch davonstehlen, um Dr. Seward davon zu berichten. Ich wollte kein Wesen der Nacht sein...
Plötzlich hörte ich etwas schweres, eine Holztüre wie ich schätze, aufschwingen und Füße, die eine Treppe hinunter kamen. Endlich hatte mich jemand gehört. Ein schwacher Lichtschein schien durch einen kleine Ritze zu mir hinein, der immer heller wurde, bis ich eine schwarze Gestalt auf mich zukommen sah. Ich hörte, wie der Kerzenständer abgestellt wurde, und dann das reißen von Holz. Der Deckel meines Gefängnisses wurde angehoben, doch wem ich da entgegenblickte ließ mich mein Handeln zutiefst bereuen...
,,Na? Gut geschlafen?", fragte er mich mit einem belustigten Gesichtsausdruck. Meine Verzweiflung wandelte sich sofort um in pure Wut. ,,DU!", stieß ich mich zusammengebissenen Zähnen hervor. ,,Monster! Was hast du bloß getan?" Ich schlug mit aller Kraft, die ich noch aufbringen konnte, gegen seine Brust, doch wandte er sich nur halb ab und ergriff meine Handgelenke mit seinen kalten Fingern. Ich war so wütend, zugleich ließen mir die Tränen an den Wangen hinunter. Wie konnte er nur... Mit seinen kalten, gierigen Augen blickte er direkt in meine, um sich sicher zu sein, das ich zuhörte:,, Ich habe nur das zu Ende gebracht, was ich damals nicht konnte!" Seine Stimme ähnelte einem Schnurren einer Katze, aber besaß sie auch einen diabolischen Unterton, der mich schaudern ließ.
Nachdem er sich sicher war, dass ich nicht noch einmal auf ihn einschlug, ließ er meine Hände frei und gab mir ein Taschentuch. Er stand elegant auf, so als wäre nichts gewesen, und reichte mir die Hand. Zuerst wollte ich sie weg schlagen und von alleine aufstehen, aber meine Beine reagierten nicht. Somit war ich gezwungen, seine ,,Höflichkeiten'' anzunehmen. ,,So stur wie immer!", meinte er mit einem lächeln auf den Lippen. Ich warf ihm nur einen bösen Blick zu. Soll er doch in der Hölle landen, dachte ich.
Der Raum, in dem ich mich befand, war ein Keller. Ich erkannte es an dem einzigen Fenster, welches das fahle Mondlicht hineinließ und sichtbar machte, das er aus einfachem Stein gebaut worden war. Der Boden war kalt, aber ich verspürte kein gleichzusetzendes Gefühl in meinen Füßen, obwohl ich keine Schuhe mehr trug. Entsetzt legte ich mir die Hand auf die Brust und fühlte mein Herz immer noch schlagen. Was ging hier vor? Er sah an meiner verwirrten Miene sofort, das etwas nicht stimmte und lehnte sich seufzend gegen einen schweren Holztisch, der neben dem Sarg gestanden hatte. Ich konnte mich gerade noch so an der Wand festhalten, denn mir war schwindelig durch die ganzen neuen Eindrücke, die ich wahrnahm.
,,Du bist kein Vampir, das hast du ja bestimmt selbst schon mitbekommen!", meinte er schweren Herzens und deutete auf meine Brust, die sich hob und senkte. ,,Doch bist du auch kein Mensch mehr, das Gift des Vampirs strömt durch deine Adern..." Er lächelte ein wenig gequält, während er mich eingehend musterte. Seine Augen blieben schließlich wieder auf meinen stehen. Es sah aus, als wollte er meine Gedanken lesen... ,,Was bin ich dann?", fragte ich nach einer Weile voller Stillschweigen. Meine Worte hallten an den Wänden wieder, was etwas unangenehmes in meinen Ohren war. Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und blickte zu Boden. Ein recht untypisches Verhalten von ihm, wie ich feststellen durfte. ,,Du bist ein... Halbvampir!", sagte er dann nach reiflicher Überlegung. ,,Kein Mensch, kein Vampir, und doch beides... Wie ich diese Glanzleistung hinbekommen habe, weiß ich nicht, aber es ist, glaube ich, besser so..." Er lachte, wobei mir bei dem Gedanken schlecht wurde. Ich musste mich dringend hinsetzen, und somit rutschte nach unten. Die Hände vors Gesicht geschlagen landete ich sanft auf dem Boden. Wieso nur? Was habe ich nur getan, dass ich so bestraft werde?
Ich spürte plötzlich zwei Hände auf meinen Ellenbogen liegen, die mich zu trösten versuchten, aber aus meiner Sicht von der falschen Person stammten. ,,Lassen sie mich in Ruhe!", schrie ich, aber mein Kleid und meine Hände dämpften meine Worte, sodass sie nicht gerade Furcht einflößend klangen. Ein Seufzer und er saß neben mir. Seine Hände wieder bei sich wartete er darauf, dass ich ihm wieder zuhörte. Ich tat es, obwohl ich anderes im Sinn hatte. ,,Ich selbst habe mir dieses Leben nicht gewünscht... Aber ich bin nun mal was ich bin, und damit habe ich mich abgefunden. Ich weiß, wie schwer es ist, alles hinter sich zu lassen. Aber dadurch wird man frei und kann Dinge erleben, die... man vorher nicht konnte!" was brachte mir die Ewigkeit ohne meine geliebten Jonathan? ,,Ich weiß, ihr findet es ungerecht und gebt wohlmöglich Gott dafür die Schuld. Doch was, wenn es Gott war, der die Vampire erschaffen hat? Ich war zu meinen Lebzeiten ein Gottesgläubiger Mann und seht..." Er holte etwas kleines, goldenes von seinem Hals und hielt es mir genau vor das Gesicht. Ich blickte kurz hoch und erkannte erschrocken ein Kreuz. Nein, ein Vampir... mir Kreuz? Dies überstieg vollkommen meine Fantasie!
Er lachte kurz und hängte es sich wieder um. Sein Blick harrte nun nur noch auf dem Halbmond, der sich am Himmel zeigte. ,,Aber wie ist das möglich?", fragte ich mit einer Stimme wie ein kleines Schulkind, das nicht folgen konnte. Mit einem weiteren lächeln wandte er den Kopf zu mir und zum ersten Mal sah ich keinen Rotstich darin. ,,Passen sie gut auf..." Er erklärte mir die ganze Nacht lang was ein Vampir aus seiner Sicht wirklich war und was er für Fähigkeiten besaß. Einiges zeigte er mir auch, wobei er wegen dem kleinen Raum nicht vollständig funktionierte und er mich so zu lachen brachte. Er lachte auch über sich selbst, was ich bemerkenswert fand...

Der Mond scheint auch jetzt, während ich schreibe. Ich lächle und zugleich weine ich, weil ich einfach nicht verstehen kann, wieso... Wieso bin ich es, die dies alles erlebt hat? Ist es mein Schicksal, oder ist es der Zufall, der mich zu dem machte, was ich nun bin? Ich weiß es nicht...
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