Pansyndrom

GeschichteRomanze / P18 Slash
29.10.2009
20.09.2010
44
328337
90
Dieses Kapitel
64 Reviews
 
 
Guten Abend meine Lieben,

94 Reviews nach dem ersten Kapitel???????????????????????

OH, MEIN GOTT!!!!!!!!!!!!!!!!!

Jetzt habe ich wirklich Angst ... Angst davor, eure Erwartungen in die neue Story zu enttäuschen...

Aber mal schauen.

Ich danke euch allen für eure lieben Kommentare.

Nun zu den wichtigsten (und am häufigsten gestellten) Fragen:
1.) Der Titel Pansyndrom bezieht sich auf einen Begriff in der Psychologie:
"Peter-Pan-Syndrom". Peter Pan, der Junge, der nicht erwachsen werden will...
2.) Ja, natürlich bekommen Tobi und Alex kleine(!) Gast(!)rollen. Aber ihr werdet ja sehen.

So, nun genug gelabert. Ich bin irre gespannt auf eure Meinungen zu dem zweiten Kap. und bitte um etwas Geduld: Wir befinden uns immer noch in der "Einführungsphase".
Heute werdet ihr eines von Toms liebsten Hobbys kennen lernen... ;)

Liebe Grüße
Libby




2. Kapitel – Therapie ohne Couch


„Wissen Sie, was Speed-Dating ist?“
„Ja, das weiß ich.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
„Hm … ich wollte nur sicher gehen, weil Sie doch schon so alt sind.“
„Alt, nicht tot und außerdem hat es so etwas zu meiner Zeit auch schon gegeben.“
„Zu Ihrer Zeit?“
„Ja.“
„Im Krieg?“
„Vom Krieg weiß ich nichts, ich bin erst fünfzehn Jahre später geboren.“
„Schade.“

Ich rutsche auf dem breiten, schwarzen Ledersessel herum. Probehalber werfe ich beide Beine über die linke Armlehne. Nein, auch nicht wirklich bequemer.

Stöhnend lasse ich den Kopf in den Nacken fallen.

Der Mann in seinem dunklen Lehnstuhl mustert mich streng.

Er sieht lustig aus, so verkehrt herum.

„Was wird das, Tom?“, fragt er mit ruhiger Stimme.
„Ich versuche, mich zu entspannen.“
„Finden Sie einen Gehirnsturz entspannend?“
„Nicht unbedingt, aber etwas anderes bleibt mir ja wohl nicht übrig, oder?“ Ächzend rapple ich mich wieder auf und setze mich nun richtig herum auf den Ledersessel.

Ich werfe meinem Gegenüber einen missmutigen Blick zu.
„Warum haben Sie keine richtige Couch…?“
„Sollen wir diese Diskussion jede Woche aufs Neue führen?“ Er reibt sich kurz über die Augen.
„In den Filmen haben die Psychologen alle eine richtige, echte Ledercouch auf der sich die Patienten dann ausruhen können.“
„In den Filmen tragen die Patienten auch alle hübsche, weiße Jäckchen“, meint Dr. Kowalski und lächelt mich an. „Sollen wir die auch einführen?“

Ich muss lachen.
„Warum nicht, wäre doch mal etwas anders.“

Dr. Kowalski schüttelt immer noch lächelnd den Kopf und deutet auf den Notizblock, den er in der Hand hält.
„Also, wollen wir jetzt weitermachen?“

Ich nicke und rutsche wieder auf dem Ledersessel hin und her.

Dr. Kowalski ist ein großer Mann, der viel kleiner wirkt, als er in Wahrheit ist, was vor allem an der Tatsache liegen dürfte, dass ich ihn eigentlich nur sitzend kenne.
Er hat dünnes, graues Haar, von dem er immer behauptet, es sei vor unserem Kennenlernen pechschwarz gewesen, und helle, graublaue Augen.

Tiefe Falten um Augen und Mund herum, beweisen eindeutig, dass er ein Mann ist, der gerne und viel lacht … oder zumindest schmunzelt.

Auch an den Falten sei alleine ich schuld, sagt er immer.

Dr. Kowalski ist Psychotherapeut. Mein Psychotherapeut. Seit drei Jahren.

Die Allgemeinheit erwartet von einem Menschen, der einen Psychodoc aufsucht, mindestens ein paar handfeste Halluzinationen oder eine hübsche Hypochondrie.

Ich sehe keine nackten Pygmäen in meiner Badewanne sitzen und ich bin auch nicht davon überzeugt einen Tumor im linken Unterschenkel zu haben.

Als ich vor etwas über drei Jahren das erste Mal zu Dr. Kowalski gegangen bin, da quälten mich weder manische noch depressive Anfälle. Ich war so kerngesund, wie ein „normaler“ Mensch eben sein kann.

Es war mehr oder weniger nur ein Scherz. Ein Gag. Ein seltsamer Witz.

Wer Geld hat, geht zum Tennis, zum Golf, zum Champagnerfrühstück im Sechs-Sterne-Restaurant, zum Botoxspritzen und zum Psychiater.

Warum? Weil es schick ist. Und irgendwie muss man sein Geld ja auch wieder loswerden, oder?

Meine Mutter war von ihrem neuen Hobby total begeistert.
„Da kann man sich endlich mal alles von der Seele reden“, sagte sie immer.

Ich wunderte mich sehr, dass meine Mutter, die täglich vier bis fünf Stunden am Telefon verbringt und mit irgendwelchen Freundinnen quatscht, immer noch Sachen auf ihrer Seele hat, die unausgesprochen sind.

„Vielleicht solltest du das auch mal probieren, Tom“, meinte sie und musterte mich ernst. „Du könntest klären, wo dein Problem herkommt.“
„Mein Problem?“ Ich war überrascht. Ich hatte also ein Problem? Warum wusste ich nichts davon?

„Ja“, meine Mutter nickte. „Du hast Beziehungsängste.“

Ich bin ein braver Sohn und widerspreche meiner Mutter nie und da sie nun schon einmal beschlossen hatte, dass ich Beziehungsängste hätte, die man unbedingt psychologisch betreuen müsste, ließ ich mir von ihr die Nummer von Dr. Kowalski geben.

Dr. Kowalski war nicht der Arzt meiner Mutter.
Es sei nicht gut, wenn wir denselben hätten, meinte sie.

Und ich wollte auch gar nicht tauschen.
Ihr Arzt war mindestens genauso durch Botox verstümmelt, wie seine reichen Patientinnen und er roch ganz extrem nach Desinfektionsmittel.

Dr. Kowalski hat keine Angst vor Bazillen.
Er hat überhaupt vor recht wenigen Dingen Angst.

Als wir uns das erste Mal trafen, fragte er mich, warum ich bei ihm sei.

Ich strahlte ihn an und sagte:
„Ich habe Beziehungsängste.“

Ich weiß nicht, warum Dr. Kowalski die Therapie nicht schon längst abgebrochen hat.
Ich an seiner Stelle hätte es getan.

„Wo waren wir stehen geblieben?“, unterbricht Docs ruhige Stimme meine Gedanken.
„Bei Ihrem Alter?“
„Nein.“
„Bei der Tatsache, dass Ihnen eine Couch fehlt?“
„Auch nicht.“
„Hm, dann weiß ich nicht…“ Ich zucke die Achseln.

„Gut“, meint Doc und lehnt sich in seinem Lehnstuhl zurück. „Dann lassen Sie mich ein Thema vorschlagen…“
„Solange Sie mir keine abstrakten Kinderzeichnungen zeigen, die ich dann deuten soll…“ Ich schlage die Beine übereinander und grinse ihn fröhlich an.
„Nein, das haben wir einmal versucht und aus diesem Fehler habe ich gelernt.“ Er kritzelt mit einem Bleistift auf seinem Notizblock herum.
„Haben Ihnen meine Interpretationen nicht gefallen?“, frage ich unschuldig.

Doc wirft mir einen kurzen, tadelnden Blick zu.
„Mir hat Ihre Einstellung nicht gefallen. Es fehlte Ihnen an Ernsthaftigkeit…“
Er betont das letzte Wort auf eine Art und Weise, als wollte er mir damit sagen, dass dieser Mangel mein eigentliches und größtes Problem sei – und das nicht nur bei kindlichen Psychospielchen.

Ich muss lachen.

Das Ich-zeig-dir-ein-Bild-und-du-sagst-mir-was-du-siehst-Spiel haben wir in einer meiner ersten Sitzungen gespielt.

Doc hielt mir ein paar hässliche Tintenkleckse unter die Nase und während ich sie scheinbar hochkonzentriert betrachtete, beobachtete er mich aus den interessierten Augen eines Arztes.

Ich hatte keine Lust auf Rätselraten und aus diesem Grund erzählte ich ihm, ich würde auf jedem der Bilder das Gleiche sehen:
Ein erigiertes männliches Geschlechtsteil.

Warum ich das gesagt habe?
Keine Ahnung. Wahrscheinlich wollte ich ihn einfach schocken und provozieren.

Doc war nicht geschockt. Und provozieren ließ er sich auch nicht.
Er verdrehte die Augen, nickte ergeben und packte die Bilder beiseite.
Seitdem hat er mich mit solchen und ähnlichen Spielchen verschont.

Unsere Sitzungen bestehen hauptsächlich aus Gesprächen.
Wir unterhalten uns.
Oder besser gesagt, ich erzähle und er hört mir zu.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich innerhalb dieser zahlreichen Sitzungen irgendwelche Fortschritte gemacht habe. Vielleicht sollte ich mir erst einmal ein Problem anschaffen, bevor ich zu einer Therapie gehe. Ja, gute Idee. Ich denke mir einfach eine hübsche kleine Krankheit aus, irgendein netter Zwang oder eine andere Neurose. Der gute Doc braucht doch auch mal ein Erfolgserlebnis.

Wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich nicht genau, warum er mir jede Woche einen neuen Termin gibt. Kann natürlich sein, dass er meine Anwesenheit als eine willkommene Abwechslung empfindet. Eine kleine Pause zwischen einem Patient mit Verfolgungswahn und einem mit einem ausgeprägten Selbsthass.

Wahrscheinlich ist es aber das Geld, das ihn mit seinem, dem Geld so typischen Charme überredet sich jede Woche eine Stunde lang mit mir zusammenzusetzen.

„Sie haben also bei einem Speed-Dating mitgemacht?“ Er kritzelt immer noch auf seinem Block herum.
„Paul hat mitgemacht, ich habe dort nur meine Zeit totgeschlagen.“
„Dann hat es Ihnen nicht gefallen?“
„Doch, das Prinzip mit dem Hinsetzen, zehn Minuten reden, aufstehen und zum nächsten Tisch springen, fand ich wirklich unterhaltsam. Im Kindergarten haben wir immer so ein ähnliches Spiel gespielt, allerdings mussten wir da wie Tiere über den Boden krabbeln und…“
„Der gesamte Abend war also ein Spiel für Sie?“
„Natürlich“, sage ich und sehe ihn verständnislos an. „Solche Veranstaltungen sind doch nichts anderes. Man übernimmt eine Rolle, stellt sich auf irgendeine Weise dar, befolgt alberne Spielregeln, leiert auswendig gelernte Begrüßungstexte herunter, hört auf das Klingeln einer kleinen Glocke und pinnt sich hässliche Namenschilder in giftgrün ans T-Shirt … ein Spiel!“

Doc sieht von seinem Block auf.
Er mustert mich schweigend.

Dann nickt er.

„Okay“, murmelt er und kratzt sich bedächtig am Kinn. „Gute Argumente.“
„Danke.“ Ich grinse.
„Sie haben einen Standpunkt, den Sie deutlich machen können. Das ist gut.“

Es kommt gleich ein „Aber“, das weiß ich. Er macht sein „Aber“-Gesicht. Ich kenne das schon.

„Aber“, sagt Doc und wedelt mit seinem Bleistift in der Luft herum. „Haben Sie sich schon einmal die Mühe gemacht, diese Veranstaltungen und die Leute, die an ihnen teilnehmen, aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Vergessen wir mal die Regeln, vergessen wir das Aufstehen, die grünen Namensschilder…“
„Giftgrüne Namenschilder!“
„… die giftgrünen Namenschilder und konzentrieren wir uns auf die Menschen, die sich an einem solchen Abend zusammenfinden, um dieses – wie Sie es nennen – Spiel zu spielen.“

Er macht eine Kunstpause und sieht mich ernst an.

Ich sage nichts.

„Was sind das für Menschen?“, fragt mich Doc. Eine rhetorische Frage, die mich nur wieder provozieren soll.

Ich gehe, großzügig wie ich bin, auf seine Herausforderung ein und gebe ihm, was er hören will:
„Versager?“

Doc atmet tief aus und wendet sich wieder seinem Notizblock zu.
„Ist Paul ein Versager?“, fragt er mit leiser, beiläufiger Stimme.

„Nein.“

„Warum war er dann da?“

Wieder eine rhetorische Frage. Ich mag so etwas nicht.
„Weil er giftgrüne Namensschilder so schick findet.“

„Tom.“ Doc sieht mich streng an.
„Okay“, seufze ich. „Paul hat gehofft, jemanden kennen zu lernen.“
„Und da war er sicher nicht der einzige“, meint Doc ernst. „Manche Menschen wünschen sich so sehr eine Beziehung, dass sie jede Möglichkeit ergreifen. Oftmals sind dies Menschen, die bereits einige Male verletzt wurden oder die Angst davor haben einsam zu sein. Mangelndes Selbstvertrauen und schlechte Erfahrungen hemmen sie vielleicht davor, jemanden im Supermarkt oder auf einer Party anzusprechen. Dieser organisierte Rahmen bietet da deutlich bessere Möglichkeiten. Andere wollen natürlich einfach nur einen lustigen Abend haben. Aber egal aus welchen Gründen diese Leute sich dort versammelt haben, sie als Versager zu bezeichnen ist schlichtweg falsch.“

Ich lächle.
„Ich danke Ihnen, Doc. Sie haben wieder einmal meinen Horizont erweitert.“

Er schüttelt den Kopf und kritzelt erneut auf seinem Block herum.
„Ich würde mich schon sehr freuen, wenn es mir gelingen würde, Ihnen wenigstens ein paar soziale Umgangsformen beizubringen.“
„Dafür bin ich zu alt“, lache ich. „Ich werde als asoziales Arschloch sterben.“
„Schreiben Sie das auf Ihren Grabstein?“

Ich schaue grinsend auf meine Armbanduhr.
„Wenn Sie zu meiner Beerdigung kommen, dann werden Sie es ja sehen.“
„Keine Sorge, das werde ich mir nicht entgehen lassen.“ Er legt den Block beiseite und erhebt sich langsam.

Auch sein Blick wandert nun zu der großen Standuhr, die neben einem seiner zahlreichen, voll gestellten Bücherregalen steht.
„Es ist schon wieder soweit“, murmelt er. „Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert.“ Sein trockener Tonfall bringt mich wieder zum Lachen.

„Dann sehen wir uns nächste Woche“, sage ich und stehe ebenfalls auf.
„Ja.“ Er reicht mir die Hand. „Mal schauen, wem von Ihren Freunden Sie bis dahin das Leben schwer gemacht haben.“
„Wieso? Ich liebe meine Freunde. Ich will ihnen das Leben nicht schwer machen“, verteidige ich mich etwas beleidigt.

Doc sieht mir ruhig in die Augen.
„Dann seien Sie doch in Zukunft etwas verständnisvoller, wenn es um die Bedürfnisse und Gefühle Ihrer Freunde geht“, meint er mit ruhiger Stimme. „Der arme Paul wird es Ihnen danken.“




„Tatarata!“ Elegant wedle ich mit beiden Armen in der Luft herum und deute schließlich auf einen viereckigen, weißen Karton, den ich eben auf den niedrigen Couchtisch gestellt habe.

Paul hebt überrascht beide Augenbrauen und legt sein Buch beiseite.
„Was ist das?“
„Ein Geschenk für dich“, verkündige ich und deute eine tiefe Verbeugung an.
„Du schenkst ihm einen Pappkarton?“ Nick verzieht spöttisch den Mund. „Woher hast du gewusst, dass er sich uns schon so lange einen wünscht?“

„Nicky, du bist und bleibst eine kleine Frohnatur“, säusle ich liebevoll und beuge mich zu ihm rüber, um ihm väterlich über das kurze, blonde Haar zu streicheln. Unwirsch und mit einem finsteren Gesichtsausdruck stößt er meine Hand beiseite.

„Was ist da drinnen?“, fragt mich Paul und betrachtet den weißen Karton.
„Mach auf!“

Neugierig greift Paul nach dem Deckel und hebt ihn hoch.
Zum Vorschein kommt ein großer Schokoladenkuchen, der kunstvoll mit einer hellen Nugatschicht überzogen wurde.

„Oh“, macht Paul und seine Augen weiten sich.
„Nur für dich“, flöte ich und lege ihm den Arm um die Schultern.
„Nur für mich?“, wiederholt Paul.
„Ja, das darfst du alles alleine essen.“

Pauls Gesichtsausdruck wird finster.
„Du willst also, dass ich noch fetter werde?“, fragt er mit bitterer Stimme.
„Was? Ähm…“ Ich bin ehrlich überrascht.
„Tom, du bist wirklich so was von unsensibel“, meint Nick und blättert ungerührt in seiner Sportzeitschrift herum. „Eigentlich müsstest du doch wissen, dass er seit ungefähr vier Wochen Diät macht … oder es zumindest versucht…“
„Ich versuche es nicht nur“, zischt Paul wütend. „Ich halte das auch durch.“
„Und was war mit der Currywurst gestern Abend?“ Nick blickt immer noch nicht auf.
„Das war … eine Ausnahme…“ Paul bekommt rote Wangen.

„Paulchen…“ Ich ziehe ihn näher an mich heran. „Was soll das denn? Du brauchst doch gar keine Diät.“
„Doch…“, murmelt Paul und starrt den Schokokuchen traurig an.
„Auf jeden Fall“, kommt ihm Nick zur Hilfe. „Siehst du denn nicht, wie fett er langsam wird? Ich wundere mich jedes Mal, dass er es schafft die enge Treppe zu unserer Wohnung hochzukommen ohne dabei stecken zu bleiben…“

Paul schnaubt und wirft seinem Mitbewohner einen beleidigten Blick zu.

„Wenn man solche Freunde hat, braucht man keine Feinde mehr“, brummt er und verschränkt abweisend die Arme vor der Brust.

„Tja“, murmle ich enttäuscht. „Dann war das wohl nichts mit meinem Geschenk … ich dachte, du freust dich. Ist im Grunde alles Docs Schuld. Er hat gesagt, ich soll mich bei dir entschuldigen…“

Der kühle Ausdruck in Pauls Augen verschwindet langsam.
Er sieht mich an und lächelt.
„Ich weiß, dass du es nur lieb gemeint hast“, sagt er sanft.
„Trotzdem würde es nicht schaden, wenn du erst einmal nachdenkst, bevor du handelst … aber das tust du ja nie.“ Nick wirft seine Zeitschrift achtlos auf den Couchtisch und schwingt die langen Beine von dem alten Sessel, auf dem er bis eben noch gesessen hat. „Ich hole mal Teller und Kuchengabeln.“

Er verschwindet aus dem kleinen Wohnzimmer.

Seufzend lehne ich mich an eines der großen, bunten Kissen und beobachte Paul, der den Couchtisch von alten Zeitschriften, Nicks Laptop und einer ziemlich hässlichen Blumenvase befreit, die Paul einmal in einem VHS-Kurs getöpfert hat.

Mit Tellern und Kaffeetassen beladen kommt Nick aus der Küche.
„Nein, nein, Tom“, meint er an mich gewandt. „Du brauchst uns nicht zu helfen. Mach es dir ruhig bequem. Sei unser Gast.“

Ich grinse breit und kuschle mich noch tiefer in die Kissen.
„Keine Sorge, du kennst mich doch…“

„Ja…“ Nick verzieht spöttisch den Mund und drückt mir einen Teller in die Hand. Ich blinzle ihn charmant an.
„Danke, Nicky!“

Er antwortet mit einem tiefen Schnauben.

Nick heißt eigentlich Nikolaus Pflaumenbach, doch wenn es jemand wagen würde, ihn mit diesem Namen anzusprechen, müsste er wohl den Rest des Lebens mit einem Arm weniger auskommen.

Nick mag seinen Namen nicht. Er hat sich im Ernst einmal darüber informiert, ob man Eltern für die Namensgebung ihrer Kinder verklagen kann.

Noch schlimmer als Nikolaus findet er jedoch den Spitznamen: Nicky.
„Das klingt nach einem achtjährigen Mädchen“, behauptet er immer.

Er regt sich jedes Mal fürchterlich auf, wenn ich es wage, ihn so zu nennen. Ein Grund mehr für mich, es auch zu tun.

Nick ist fünfundzwanzig Jahre alt und macht gerade eine Ausbildung zum Polizisten. Bei seiner Körpergröße von einem Meter neunzig und den breiten Schultern, hat die Uniform eine beeindruckende Wirkung. Nick ist der Beste auf der Polizeischule. Keiner macht so viele Sit-ups, keiner läuft so schnell und keiner springt so weit wie er. Aber er ist den anderen nicht nur im sportlichen Bereich vollkommen überlegen.

„Ich muss mich dreimal mehr anstrengen als alle anderen“, sagt er immer mit ernster Miene. „Als Schwuchtel hast du es einfach schwerer.“

Nick ist der Meinung, dass Homosexuelle immer noch diskriminiert werden.
„Von wegen ‚Gleichberechtigung’ und so. Für DIE ist man ein Freak, das ist ein Fakt. Ihr könnt ja gerne in eurer rosaroten, ach so toleranten Traumwelt bleiben, aber glaubt mir, die Realität sieht anders aus.“

Seiner bitteren Erkenntnis liegen ein paar böse Erfahrungen zu Grunde.
Prügel und Spott begleiteten ihn durch seine Schulzeit und auch während des Wehrdienstes und der Ausbildung musste er sich so einiges gefallen lassen.

Doch Nick ließ sich nicht unterdrücken. Er hat sich immer durchgesetzt. Immer.
„Du musst besser sein als die anderen. Dann können sie dir nichts mehr anhaben.“

„Kaffee?“, fragt Paul und tippt mir auf die Schulter.
„Immer.“ Ich nicke.

Nick verteilt mittlerweile drei Stückchen des Schokokuchens auf unsere Teller.
„Wie war deine Therapiestunde?“

„Doc hat sich immer noch keine Couch gekauft“, erzähle ich.
„Nein?“
„Nö.“

Grinsend schüttelt Nick den Kopf.
„Kannst du mir eigentlich mal erklären, warum du jede Woche zu diesen Sitzungen gehst? Ich meine, mal abgesehen von deiner Faulheit, dem Hang zur Albernheit, dieser unangenehmen exhibitionistischen Ader, der sozialen Unfähigkeit und deinem ausgeprägten Sexualtrieb, bist du doch ein recht netter, chauvinistischer Egoist.“

Nick lässt sich auf dem Sessel gegenüber der alten Couch fallen.
„Also: Warum brauchst du eine Therapie?“ Er grinst.

„Du hast Recht“, sage ich freundlich. „Eigentlich hätte ich die gar nicht nötig. Aber ich mag Doc und es macht Spaß, mit ihm zu quatschen.“
„Ein teures Gespräch.“
„Hm…“

Paul kommt aus der Küche geschwankt. Er balanciert ein Tablett in den Händen, auf dem sich die Kaffeekanne, eine Zuckerdose und ein Tetrapack Milch befinden.

Nick springt auf und kommt ihm eilig zur Hilfe.

Die beiden sind ein gut eingespieltes Team - doch das war nicht immer so.
Sie leben seit mittlerweile drei Jahren in ihrer kleinen Wohngemeinschaft.

Vorher hat Nick die Dreizimmerwohnung zusammen mit seinem damaligen Freund und dessen Schwester bewohnt. Als die Beziehung in die Brüche ging, zog sein Freund aus und nahm die Schwester mit. Nick blieb also allein auf der Miete sitzen und brauchte so schnell wie möglich einen neuen Mitbewohner.

Es lief so, wie es meistens läuft: Nick kannte jemanden, der jemanden kannte, der kannte mich und ich kannte Paul. Und so zog Paul zu Nick.

Die beiden sind zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere.

Nick ist selbständig und ein absoluter Realist.
Paul ist unsicher und ein romantischer Träumer.

Am Anfang gab es einige Schwierigkeiten. Sie diskutierten über die Sofabezüge, stritten um den Radiosender und konnten sich absolut nicht auf ein Frühstücksservice einigen. Doch mit der Zeit arrangierten sie sich recht gut.

Nick findet es angenehm, dass eine Tasse mit heißem Kaffee auf ihn wartet, wenn er, nach einer langen Nacht im Streifenwagen, nach Hause kommt und Paul ist froh, die schweren Getränkekisten nicht allein in den sechsten Stock schleppen zu müssen.

Ihre Wohnung befindet sich direkt unter dem Dach. Das Haus ist alt und renovierungsbedürftig. An der Außenfassade bröckelt die Farbe ab und auch das enge, dunkle Treppenhaus hat einen neuen Anstrich bitter nötig.

Die Stufen der Treppen knarren bei jedem Schritt, es riecht nach Essensresten und an den Wänden haben sich überall dort feuchte Flecken gebildet, wo undichte Wasserrohre entlang laufen.

Wenn die Miete – für Münchner Verhältnisse – nicht so billig wäre, hätten sich Nick und Paul schon längst eine neue Bleibe gesucht.

„Hier.“ Paul reicht mir die Milch.
„Danke.“

Er lässt sich neben mir auf der durchgesessenen Couch nieder, versinkt in den Polstern und muss sich ächzend nach vorne beugen, um an den Henkel der Kaffeekanne zu gelangen, die nun auf dem wackligen Couchtischchen steht.

Die Einrichtung der Wohnung besteht aus vielen kleinen Provisorien.

Beiden fehlte es in den letzten Jahren einfach an finanziellen Mitteln.
Das Sofa und die Sessel sind vom Sperrmüll und wurden mit Hilfe von neuen Bezügen ein bisschen aufgepeppt. Das Bücherregal ist eine Eigenkonstruktion von Nick und setzt sich aus ein paar Brettern und rostigen Nägeln zusammen. Damit der Couchtisch nicht so wackelt, wurden kleine Holzstückchen unter die Tischbeine geklemmt. Das Licht des Kühlschranks ist kaputt, der Boiler im Badezimmer brummt so laut wie ein kleiner Presslufthammer und im Flur lösen sich langsam die Dielen aus dem Fußboden.

Pauls und Nicks Wohnung ist eine Bruchbude.
Die schönste und gemütlichste Bruchbude, die ich kenne.

Ich fühle mich hier wohl.

Paul dekoriert das Wohnzimmer mit hübschen Kerzen und Nick sorgt dafür, dass immer ein kühles Bier im Kühlschrank ist.

Zufrieden stopfe ich mir den ersten Bissen des Schokokuchens in den Mund und schwinge meine Füße auf Pauls Schoß.

„Was soll ich damit?“, fragt mich Paul und verengt seine braunen Augen.
„Massieren.“
„Dir geht es wohl zu gut?“
„Hm.“

Paul schüttelt den Kopf, lässt meine Füße aber wo sie sind.

„Leute, das Leben ist doch schön, oder?“, frage ich meine Freunde lächelnd.
„Dein Leben ist ganz sicher schön, keine Frage.“ Nick kratzt sich an seinem markanten Kinn.
„Wie meinst du das?“

„Du bist unverschämt reich, siehst unverschämt gut aus, hast einen Job, den du magst, so viel Sex, wie du brauchst und eine viel zu schöne Wohnung … wenn ich du wäre, dann würde ich mich auch nicht beschweren.“ Mit düsterer Miene nippt Nick an seinem Kaffee.

Ich fahre mir breit grinsend durch das schwarze Haar.
„Vielen Dank für die Blumen, Nicky. Aber ich will bescheiden sein: Auch ich habe Probleme…“

„Ach ja?“, schnaubt Paul. „Zum Beispiel?“
„Morgens in einem Kingsize-Bett aufzuwachen, sich selbst im Spiegel zu betrachten und zu denken: ‚Hm, irgendwie sehe ich heute nicht irre sexy, sondern nur sexy aus!’ ist kein Problem“, klärt mich Nick auf.

„Nein, aber…“, sage ich.
„Vielleicht sitzt seine Frisur nicht immer perfekt“, meint Paul und betrachtet mein schwarzes, halblanges Haar, das mir stylisch zerzaust ins Gesicht hängt. „Oder aber er hat eine Bügelfalte in seinen Designerhemden.“
„Hm … es ist natürlich auch dramatisch, wenn seine Putzfrau mal vergisst auf den Schränken zu wischen oder er in einer Woche nur ein einziges Mal Sex hat…“ Nick mustert mich mitleidig.
„Ärgerlich ist es natürlich auch, wenn sein Vater ihm nur den BMW und nicht den Porsche leihen kann…“ Paul nickt.
„Oder wenn er im Fitnessstudio warten muss, bis er ans Laufband kann…“, seufzt Nick.

„Schon gut, schon gut.“ Ich hebe abwehrend beide Arme. „Ich kann mich nicht beschweren – will ich aber auch gar nicht.“

Ich fühle mich ein bisschen ungerecht behandelt.

Mal im Ernst, soll ich mich dafür schämen, dass es mir gut geht?

Ist man heutzutage schon abnormal, wenn man sich nicht ständig über die Grausamkeit der Welt und die Leiden des Lebens beklagt?

Gehören Jammern und Heulen zum guten Ton und sind Murren und Meckern Teil von jeder anständigen Konversation?

Vielleicht ist es ja „trés chic“ arm zu sein und sich von allem und jedem unter Druck gesetzt zu fühlen.

Nick und Paul deuten meinen Schmollmund richtig und lassen ihre Sticheleien sein.
Sie wechseln ein paar stumme Blicke, dann nimmt sich Paul ein neues Stück Kuchen.
„Willst du auch noch eins?“, fragt er mich.
„Nein.“ Ich stelle meinen Teller auf den kleinen Couchtisch und stehe langsam auf.

An der Wand neben der Küchentür hat Paul zahlreiche Fotos aufgehängt. Ein Bildermeer breitet sich in Form einer wilden Collage auf der gesamten Fläche aus.
Kleine, große, breite und schmale Fotografien. Winzige Schnipsel neben übergroßen, glänzenden Postern.

Die Leute auf den Bildern sind eigentlich immer die gleichen.

Wir.

Die ganze Clique.

Mal beim Feiern, mal beim Abhängen oder im Urlaub.
Wir grillen bei mir im Garten, sitzen alle am Strand, stehen vor der Uni, vor dem Eiffelturm, vor einem Weihnachtsbaum, einer Kirche…

„Mein Gott, erinnert ihr euch noch an diese Party?“, frage ich lachend und deute mit dem Finger auf ein Bild. Es zeigt Nick und mich. Wir sind beide heillos betrunken.

„Ja“, knurrt Nick und reibt sich in stiller Erinnerung die Schläfen. „Nie wieder Jägermeister…“

„Ich bitte darum“, meint Paul und sieht Nick scharf an. „Diese Kotzerei am nächsten Tag war nicht mehr schön.“
„Brauchst du mir nicht zu sagen.“ Nick wirft seinem Kuchen einen kurzen Blick zu. Ihm ist der Appetit wohl vergangen.

„Oder hier…“ Ich zeige auf das nächste Bild. „Der Urlaub in Südfrankreich … eine geile Zeit…“
„Hm.“ Paul nickt und lächelt. „Da hat sich Lena doch so wahnsinnig in diesen französischen Surflehrer verknallt.“
„Der war aber auch heiß“, murmelt Nick.
„Heiß und ein totaler Arsch“, fügt Paul hinzu.
„Konnte ja keiner ahnen, dass er eine Frau und zwei kleine Mädchen zu Hause sitzen hat.“ Ich zucke mit den Schultern.
„Arme Lena“, seufzt Paul. „Sie war sehr traurig.“

Ich entdecke ein relativ neues Foto. Es ist erst vor ein paar Wochen aufgenommen worden. Paul und ich stehen Arm in Arm vor einer grell blinkenden Reklametafel, auf der ein neues Broadwaystück angekündigt wird.

„Habt ihr eigentlich in letzter Zeit etwas Neues von den Amerikanern gehört?“, frage ich leise.

„Was meinst du?“ Nick hebt beide Augenbrauen. „Neue Kriege in Afghanistan? Ein Skandal im Weißen Haus? Oder irgendein neuer Hollywoodblockbuster?“

„Nein…“ Ich deute auf die Bilderwand. „Ich spreche von ‚unseren’ Amerikanern…“

Paul schüttelt den Kopf.
„Ich habe das letzte Mal vor zwei Wochen mit Tobi telefoniert. Ich glaube, sie wollten mit Markus nach Florida fahren…“

Ja, so etwas in der Art habe ich auch gehört.

Normalerweise ruft mich Alex jede Woche an, aber wenn sie gerade im Urlaub sind…

Alex ist mein bester Freund. Mein allerbester. Der beste der Welt.

Wir kennen uns seit unserem sechsten Lebensjahr.
Oder schon früher?

Ich weiß es gar nicht mehr genau. Irgendwie war er schon immer da.

Wir haben immer alles zusammen gemacht. Alles.
Lesen gelernt, ausprobiert, ob Regenwürmer einen Geschmack haben, Fußball gespielt, uns gegenseitig die Haare mit dem Rasierapparat meines Vaters abrasiert und mit Kreide versaute Bilder an die Schultafel gemalt.

Nun, okay, das mit den Kritzeleien an der Tafel war ich allein gewesen, Alex stand an der Tür zum Klassenzimmer und hat aufgepasst, dass niemand plötzlich herein kam.

Wir sind gemeinsam aufs Gymnasium gegangen, haben kaum eine Party ausgelassen und alle Vorteile ausgenutzt, die sich einem gut aussehenden, reichen Schuljungen bieten.

Zusammen waren wir unschlagbar.

Alex’ Prioritäten haben sich aber ein bisschen verschoben, als vor einigen Jahren ein kleiner Junge mit großen, braunen Rehaugen in sein Leben gestolpert ist.

Tobi hat die jahrelang so mühsam gepflegte Ordnung vollkommen zerstört und Alex’ perfekten, kühlen Lebensplan zum totalen Einsturz gebracht.

Aus der erfolgreichen Karriere als Banker, einer Ehe mit einer hübschen Frau und den zwei entzückenden Kindern ist leider nichts geworden.

Stattdessen bekam Alex einen kleinen, ständig plappernden Chaoten mit zuckersüßem Schmollmund und die ganz große Liebe.

Sie sind vor vier Monaten nach Amerika gezogen. Alex’ Vater Markus lebt seit einigen Jahren in New York und die beiden haben beschlossen ihn für längere Zeit zu besuchen. Tobi hat genau wie Paul und ich Kommunikationsmanagement studiert und jobbt nun in einem kleinen New Yorker Radiosender. Alex hat sich für ein Auslandssemester entschieden. Er studiert Politik- und Sozialwissenschaften.

Im August haben Paul und ich unsere Freunde besucht.

Aber das ist jetzt auch schon eine Weile her und ich muss gestehen, langsam fange ich an, die beiden ordentlich zu vermissen – besonders Alex.

„Vielleicht wurden sie ja von einem Hai gefressen“, meint Nick und zuckt gelangweilt mit den Schultern.
„Das ist nicht witzig“, schimpft ihn Paul.
„Ach ja, ich habe total vergessen, dass du eine Riesenpanik vor Haien hast.“ Nick lacht frech. „Wir haben einmal zusammen ‚Der weiße Hai’ geschaut und du hast dir vor Angst fast ins Höschen gemacht. Seitdem gehst du nicht mal mehr in den Starnberger See.“

Paul verteidigt sich lautstark und behauptet, er hätte irgendwo gelesen, dass ein Mann im Starnberger See schwimmen war und dort von einem Hecht angegriffen wurde, der einen Meter lang gewesen sein soll.

Ich stelle mir Alex und Tobi am Strand vor.

Alex, groß, sportlich und gut gebaut, mit hellem, in der Sonne glänzendem, blonden Haar und einer hochmodernen Sonnenbrille auf der Nase, liegt lässig und entspannt auf einem Strandtuch und Tobi, Schnorchel und Taucherbrille auf dem Kopf, beladen mit einem Schwimmring, einer Luftmatratze und Eimerchen und Schaufelchen, die er für seine Sandburg braucht, hockt neben ihm und wackelt mit den langen, Gummiflossen an seinen Füßen.

Ein herrliches Bild.

„Willst du noch ein Stück vom Kuchen?“, fragt Paul und wirft der Schokotorte begehrliche Blicke zu.
„Nein.“ Ich habe keinen Hunger mehr.






Nick musste schon kurz darauf los. Nachtdienst.

Paul und ich kuschelten uns auf das alte, durchgesessene Sofa und schauten DVDs.
Paulchen liebt Serien. Besonders die, in denen sexy Ärzte um das Überleben von hilflosen Patienten kämpfen.

Er kaute aufgeregt auf seinen Gummibären herum und hatte jeden Gedanken an eine Diät schon wieder vollkommen vergessen.

„Ich kann das nicht ohne Süßigkeiten anschauen“, meinte er leise und schob sich den nächsten Gummibären in den Mund.

Ich machte ihn nicht darauf aufmerksam, dass er die Folgen alle schon vier- oder fünfmal gesehen hatte und daher von ihrem Ausgang nicht wirklich überrascht sein dürfte.

Müde machte ich mich schließlich auf den Heimweg.
Es war schon kurz nach Mitternacht und ich hatte eigentlich gar keine Lust auf eine ungemütliche Fahrt mit dem Bus.

„Ich stehe nicht besonders darauf mit wildfremden Leuten in öffentlichen Verkehrsmitteln zu kuscheln“, murrte ich und warf Paul einen treuen Blick zu. „Kann ich nicht bei dir pennen?“
„Nein“, meinte Paul entschieden. „Du brauchst viel zu viel Platz und dafür ist mein Bett zu klein. Außerdem“, fügte er hinzu. „Seit wann musst du denn einen Menschen gut kennen, bevor du mit ihm ‚kuschelst’ … und öffentliche Orte stören dich doch normalerweise auch nicht…“

Ich antwortete nicht, gab ihm einen feuchten Kuss auf die Wange und ließ mich von ihm zur Wohnungstür hinausschieben.

Nun ist es ein Uhr.
Morgen früh muss ich um halb neun in der Redaktion sein.

Gähnend hole ich meinen Wohnungsschlüssel aus der Jackentasche.

Ich schließe die Tür auf.

Im Flur ist es dunkel.
Logisch.

Blind taste ich nach dem Lichtschalter.
Sofort wird es hell. Die Strahler an den Decken fluten den Raum mit Licht.

Achtlos streife ich die Schuhe von den Füßen und schlage die Tür hinter mir zu.

Der breite, lange Flur ist fast schon minimalistisch eingerichtet.
Neben einer schlichten Garderobe hängt ein schmaler Wandspiegel.
Und an der Wand gegenüber kann man eine wirklich gute Kopie von Franz Marcs „Rehe im Walde“ bewundern. Das Gemälde ist der Mittelpunkt des Raums. Es beherrscht ihn vollkommen, füllt ihn total aus.

Meine Jacke landet neben den Schuhen.
Irgendwie habe ich keine Lust, sie auf den Hacken der Garderobe zu hängen.

Ich betrete den unteren Raum meiner Maisonettewohnung.

Weiße, hohe Wände umschließen den Wohn-, Ess- und Kochbereich.

Erneut gähnend schlurfe ich auf den Kühlschrank zu. Kein einziger Brotkrümel liegt auf der Arbeitsfläche aus Chrom. Kein schmutziger Teller wartet darauf, abgespült zu werden. Kein Topf steht auf dem schwarzen, glänzenden Cerankochfeld, keine Fettflecken deuten auf häufiges Benutzen hin.

Ich nehme einige tiefe Schlucke aus einer Wasserflasche, schraube sie wieder zu und stelle sie zurück in den Kühlschrank.

Auf meinem schwarzen Esstisch steht eine große, gläserne Vase, in der sich wunderschöne Blumen befinden, deren Namen ich nicht kenne.

Ich atme tief ein. Versuche den Geruch der Blumen wahrzunehmen. Doch ich rieche nur den frischen Duft von Reinigungsmitteln. Zitrone.

Ein helles, modernes Ecksofa steht vor einer gläsernen Fensterfront. Die Scheiben lassen sich zur Seite schieben, so dass man im Sommer die Möglichkeit hat die Wände fast vollständig verschwinden zu lassen, um so direkten Zugang zur Dachterrasse zu haben.

Im Moment reizt es mich jedoch wenig, die Fenster zu öffnen und hinaus in die kühle Oktobernacht zu treten. Da draußen ist es dunkel. Am Tag und bei gutem Wetter kann man das Rathausdach sehen. Jetzt erkennt man nur ein paar Lichter, im diesigen Herbstnebel.

Eine Weile beobachte ich die Lichter.
Sie spiegeln sich in meinem Flachbildfernseher.

Wie Irrlichter.

Ich reiße mich von ihrem Anblick los und gehe auf die Treppe zu, die hoch in den zweiten Stock der Wohnung führt.

Die offene Galerie ist mein Schlafbereich.
Ein breites Bett steht in der Mitte des Raums. Direkt darüber befindet sich ein riesiges Dachfenster, das in klaren Nächten das Mondlicht herein scheinen lässt.

Mit ein paar einfachen Handgriffen öffne ich die Knöpfe meines Hemdes.
Ich streife es von den Schultern, lasse es zu Boden fallen.

Ich glaube, ich habe mir irgendeinen Muskel eingeklemmt, als ich auf Pauls und Nicks unbequemer Couch gelegen habe, meine rechte Schulter fühlt sich seltsam verspannt an. Während ich sie sanft kreisend bewege, betrete ich das angrenzende Badezimmer.

Weiße Kacheln werden durch einige dezente Spiegelelemente aufgelockert.

Ich werfe einen begehrlichen Blick auf die geräumige Dusche, entscheide mich dann aber doch dagegen – bin einfach zu müde.

Laut plätschernd schießt das Wasser aus dem Wasserhahn und sammelt sich in dem weißen Waschbecken, bevor es durch den Abfluss sickert und verschwindet.

Ich lasse das Wasser über meine Hände laufen.

Langsam hebe ich den Kopf und blicke in zwei fast vollkommen schwarze Augen, die mich unablässig anstarren.

Meine Augen.

Schwarz und voll hängt mir das Haar in die Stirn.
Ich streiche es beiseite, fahre mit den feuchten Händen hindurch.

Nicht ein einziges Mal nehme ich den Blick von meinem Gesicht.

Wenn man nur lang genug in einen Spiegel starrt, dann verliert das eigene Gesicht irgendwann an jeglichen Formen und Konturen. Alles verschwimmt.

Alles … die hohen Wangenknochen, die dunklen Brauen, die vollen Lippen, die mandelförmigen Augen…

Ich muss an Nicks Worte denken:
„Du bist unverschämt reich, siehst unverschämt gut aus, hast einen Job, den du magst, so viel Sex, wie du brauchst und eine viel zu schöne Wohnung … wenn ich du wäre, dann würde ich mich auch nicht beschweren.“

Nein, ich habe wirklich keinen Grund, um mich zu beschweren…

Gar keinen…