Pansyndrom

GeschichteRomanze / P18 Slash
29.10.2009
20.09.2010
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86
Dieses Kapitel
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Hallo und einen schönen Guten Morgen,

ich bin wieder da und im Gepäck habe ich eine neue Geschichte.
Ich bin mehr als nur gespannt, was ihr von diesem Werk halten werdet…

Die Story handelt von Tom. Diejenigen, die Chaosprinz gelesen haben, kennen Tom schon ein bisschen – alle anderen lernen ihn jetzt kennen. Man kann die Geschichte auch ohne irgendwelche Vorkenntnisse lesen.

Ich weiß noch nicht, wie viele Kapitel kommen werden, aber da ich mich ja (leider) nicht kurz fassen kann, dürft ihr schon mit einigen Teilen rechnen.

Es gibt ein wöchentliches Update. Jeden Donnerstag.
Normalerweise werde ich immer abends updaten, heute ist eine Ausnahme, da ich am Abend keine Zeit habe.

Ich versuche, wie immer, auf alle Kommentare zu antworten und hoffe, dass man es mir verzeihen mag, wenn ich es doch nicht jedes Mal schaffe.

Vielen Dank natürlich auch an meine Betas Asteria und Honigklecks, die sich wieder die Mühe machen und den Kampf gegen meine Rechtschreibfehler ausfechten ;)
DANKE!

Noch eine (kleine) Warnung:
Da oben steht 18Slash (!) und das meine ich auch so… ;)

Die Figuren sind alle von mir frei erfunden und sollte doch irgendwo jemand herumlaufen, der das liest und sich in Tom wieder erkennt: ES TUT MIR SEHR LEID!



Zum Schluss:
Franzi und Maria – DANKE für das schönste Geburtstagsgeschenk der Welt … und für alles andere!



Ich freue mich auf eure Meinung und wünsche viel Spaß beim Lesen,
Libby




1. Kapitel – Blind Date


„Hi, mein Name ist Tom – und zwar einfach nur Tom. Ist also keine Abkürzung von Thomas oder Tomideus oder so. Ich bin dreiundzwanzig Jahre und acht Monate alt und ein Original Münchner. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe Zivildienst gemacht und studiert. Kommunikationsmanagement. Tolles Studium. Drei Jahre. Sechs Semester. Geile Zeit. Im Grunde haben wir die ganzen Jahre über nur kommuniziert. Total klasse, kann ich nämlich richtig gut. Und jetzt arbeite ich für das ‚Forum’. Kennst du die Zeitschrift? Nein? Ist die „Brigitte“ für politischinteressierte Wirtschaftsbosse. Ich mache dort ein Volontariat. Wenn ich groß bin, will ich nämlich mal Journalist werden. Ich stehe auf diese ganze Pressefreiheitsscheiße. Hm, was gibt’s noch zu erzählen? Ach ja, meine Hobbys … hm, schwer, ich habe so viele. Bin außergewöhnlich kreativer und talentiert. Zum Beispiel kann ich meine Beine hinter den Kopf verrenken … mache ich hier aber nicht vor, weil dafür fehlt der Platz … Ja, ich bin ein überaus sportlicher Mensch … besonders im Bett. Ich stehe auf kleine, leicht übergewichtige Männer – ja, genau solche wie du einer bist – am liebsten sind sie mir mit Glatze und einer dicken Hornbrille. Da werde ich sofort total geil! – Schau nicht so, ist mein Ernst. -  Ich liebe es ausgefallen. Fesseln, Peitschen, Spielzeuge jeder Art, Feuer, Wasser, Eis und einmal das Kamasutra rauf und runter … ich bin wirklich flexibel und offen. Das gilt auch für die Wahl des Ortes. Ob im Bett, unter der Dusche, auf dem Sofa, dem Schreibtisch des Chefredakteurs, auf der Herrentoilette im Kaufhaus oder im Beichtstuhl einer katholischen Kirche … hat alles seinen Reiz … Hm, was ich sonst noch so mache? Also wenn ich nicht gerade ficke oder mit meinen Freunden übers Ficken rede, dann gehe ich shoppen. Ich gebe unverschämt viel Geld für meine Klamotten aus. Ich liebe Gucci … und natürlich Dolce und Gabbana … die haben auch wahnsinnig schöne Unterwäsche. Aber natürlich ist die Verpackung im Grunde unwichtig. Letzten Endes zählt doch nur, was sich dahinter – oder in dem Fall darunter – verbirgt … apropos, wenn wir schon mal bei diesem Thema sind: Wie lang ist dein Schwanz eigentlich?“

Wieder ertönt dieses kleine, helle Glöckchen.

Der dicke Typ atmet erleichtert auf.
„Zeit ist um…“, murmelt er und kichert nervös.

Kluger Hinweis, alleine wäre ich auf diese Tatsache niemals gekommen.

„Schade“, raune ich und zwinkere dem Fetten frech zu.
„Tja … ja … hm“, stottert der Kerl und sein aufgedunsenes Gesicht wird noch ein bisschen röter. „Also…“
„Vielleicht sieht man sich ja wieder“, meine ich grinsend.
„Das wäre … also … vielleicht…“ Er steht auf, bleibt mit seinem karierten Bügelhemd an der Stuhllehne hängen und stolpert beinahe. Er strauchelt, rudert mit den Armen und kann sich gerade noch so auf den Beinen halten. Alle Blicke richten sich auf unseren Tisch.

Der Fette rückt seine Brille zurecht und fährt sich unsicher durch das rappelkurze Haar. Er sieht wieder zu mir, kichert erneut verlegen und trampelt dann weiter zum nächsten Tisch. Dabei rempelt er einen Kellner und stößt fast eine Blumenvase vom Nachbartisch.

Ich schaue ihm amüsiert hinterher.

Es dauert eine Weile, bis das allgemeine Stühlerücken endlich ein Ende gefunden hat und in dem kleinen Lokal wieder Ruhe eingekehrt ist.

Gut gelaunt wende ich mich meinem neuen Tischgenossen zu.

Ein kleinerer Mann, noch sehr jung. Er hat hellbraune Locken, ein rundes Gesicht und bernsteinfarbene, große Augen. Sie funkeln wie kleine, scharfe Steine.

Ich lächle, lehne mich entspannt zurück und hole tief Luft.
„Also, Hallo erstmal. Mein Name ist Tom Krause. Ich bin dreiundzwanzig Jahre und acht Monate alt und lebe hier in München. Ich habe Kommunikationsmanagement studiert und mache nun ein Volontariat beim ‚Forum’. In meiner Freizeit treibe ich Sport. Ich gehe gerne ins Fitnessstudio, schwimme, fahre Fahrrad, laufe und manchmal spiele ich auch Schach … aber am liebsten ist mir der Matratzensport … wenn du verstehst, was ich meine … du verstehst doch, was ich meine, oder?“

„Ich hasse dich!“, zischt mein Gegenüber leise.

„Was?“ Geschockt presse ich mir beide Hände auf die Brust. „Normalerweise warten die Typen wenigstens die vollen zehn Minuten ab, bevor sie mir so etwas an den Kopf knallen.“

„Das ist nicht lustig“, knurrt der Lockenkopf.

„Nein, da hast du recht, diese Art von Beleidigungen sind alles andere als komisch.“ Ich grinse breit.

„Warum, Tom? Warum tust du mir das an?“ Er verdreht verzweifelt die Augen.
„Ich weiß nicht, was du meinst“, lüge ich frech.
„Warum bist du mitgekommen? Du verachtest solche Veranstaltungen, du machst dich über sie lustig…“
„Stimmt“, gebe ich zu. „Und weißt du auch, warum? Weil sie es sind. Sie sind lustig … lustig und auch ein bisschen erbärmlich…“

In den bernsteinfarbenen Augen blitzt es wieder hell auf.
„Das ist deine Meinung…“
„Genau.“
„… aber die gilt eben nicht für jeden.“ Er verschränkt trotzig seine Arme vor der Brust.
„Paulchen“, flüstere ich mit sanfter Stimme. „Schau dich doch mal um.“
Ich deute mit einer unauffälligen Handbewegung auf die zehn Tische, die in dem kleinen Raum verteilt wurden. „Schau dir diese Männer an. Das sind die Versager von den Versagern.“

Paul schiebt trotzig seine Unterlippe nach vorne.
„Du kannst so etwas leicht sagen. Du brauchst nur mit den Fingern zu schnipsen und schon macht jedes Calvin-Klein-Model für dich die Beine breit…“

„Das stimmt doch überhaupt nicht. Ich hatte noch nie etwas mit einem Calvin-Klein-Model … ich meine, gut die Geschichte von mir, dem Unterwäschenmodel von John Galliano und dem Besenschrank ist ein wahrer Klassiker und wird immer gerne erzählt, aber…“

Paul verdreht die Augen und schnaubt.
Wäre er eine gezeichnete Figur in einem Comic, so würde in diesem Augenblick heiße Luft aus seinen Nasenlöchern zischen … und wahrscheinlich auch aus seinen Ohren.

Doch bedauerlicher Weise sind wir keine Trickfiguren und so ist das Aufblähen seiner Nasenflügel recht effektlos.

Ich kenne das alles schon, das wütende Funkeln der Augen, die nach vorne geschobene Unterlippe und das sehr geräuschvolle Ausatmen.

Er ist sauer auf mich.
Ich mag es nicht besonders, wenn Paul auf mich wütend ist, doch da es mindestens drei bis vier Mal am Tag vorkommt, habe ich mich zwangsläufig daran gewöhnen müssen.

„Komm schon, Paulchen. Nicht schmollen! Lass uns abhauen und irgendwo einen Kaffee trinken gehen.“ Ich schenke ihm mein charmantestes Lächeln, gegen das er jedoch vollkommen immun ist.

Eine Gabe, mit der nicht viele Menschen auf dieser Welt gesegnet sind.

Beleidigt verschränkt er die Arme vor der Brust und schaut zur Seite.
Scheinbar hat er beschlossen, mich für die nächsten acht Minuten zu ignorieren.

Ich mag es nicht, ignoriert zu werden.

„Paulchen“, säusle ich wieder. „Wenn du jetzt mit mir mitkommst, dann kaufe ich dir eine total leckere heiße Schokolade…“

Ich weiß, ich bin fies.
Paul liebt heiße Schokolade mehr, als alles andere auf der Welt.

Er kräuselt ein bisschen die Nase und blinzelt mit den Augen.
Doch egal, wie verführerisch die Aussicht auf das warme, süße Getränk auch sein mag, er bleibt standhaft und rührt sich nicht.

„Nun gut“, seufze ich gequält. „Wenn du nicht mit mir reden willst, dann kann ich dich natürlich nicht dazu zwingen.“ Ich grinse. „Aber da ich es schrecklich finde, so schweigend in der Gegend herum zu sitzen, werde ich dich eben mit einem interessanten und faktenreichen Monolog unterhalten.“

Paul verdreht wieder die Augen.

„Also, wo war ich stehen geblieben? Ach ja, ich erinnere mich, ich sprach so eben von meinen Hobbys…“ Versonnen lege ich den Kopf in den Nacken und hole tief Luft. „Sport hatten wir ja schon abgehakt, kommen wir nun zum Thema ‚Lesen’: Kann ich! Thema ‚Musik’: Noten, Instrumente, ein Takt, ein Text und wenn man Glück hat, kann man den Sänger auch als einen solchen bezeichnen. Thema ‚Familie’: Vater, Mutter und Kinder. Hier und da noch ein paar Großeltern und Tanten und Onkel ersten, zweiten und dritten Grades. Familie sollte jeder haben und wer keine hat, wird es auch überleben. Kommen wir nun zu einem wichtigeren Thema … oder sagen wir doch gleich, dem wichtigsten: Freunde!“

Ich mache eine künstlerische Pause, um mir Pauls ungeteilte Aufmerksamkeit sichern zu können.

Er sieht mich zwar immer noch nicht an, aber ich bin davon überzeugt, dass er mir sehr intensiv zuhört.

„Meine Freunde sind mein Leben“, verkünde ich treuherzig und lege mir die rechte Hand auf die Brust, um meiner Aussage noch mehr Wirkung zu verleihen. „Ich würde alles für sie tun!“

„Pfff“, macht Paul herablassend.

„Das ist mein Ernst“, beteuere ich. „Ich liebe meine Freunde … sie sind toll.“ Ich stütze mich mit den Ellenbogen auf der Tischplatte ab, beuge mich etwas nach vorne und greife nach seiner Hand. „Sie sind so wunderbar … und wissen es selbst gar nicht.“

Er sieht mich endlich an.
Die Wut in seinen Augen flackert, versucht sich durchzusetzen, verliert aber letztendlich und wird von einer sanften Rührung verdrängt.

„Schleimer“, murmelt er, kann sich jedoch ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

„Das ist mein Ernst.“ Ich nicke. „Du könntest jeden haben, du musst nur etwas selbstbewusster sein.“
„Blödsinn“, murrt Paul. „Du brauchst mich nicht anzulügen, ich habe einen Spiegel zu Hause…“

Diese Tour kenne ich schon.
Er findet sich zu hässlich.
Zu dick.
Zu klein.
Zu unscheinbar.
Zu normal.

Totaler Blödsinn.

Ich kenne niemanden, der so herzensgut, süß und liebenswert ist wie Paul.

Gut, er hat keinen Waschbrettbauch à la Christiano Ronaldo und er ist auch bestimmt nicht so männlich wie Hugh Jackmann oder George Clooney, doch wer braucht schon George, wenn er so einen süßen, kleinen Paul haben kann?

Sein einziges Problem ist nicht etwa sein wirres Haar, das er einfach nicht bändigen kann, oder gar die Tatsache, dass er – laut eigener Aussage – sehr kleine Füße hat, nein, er ist schlichtweg zu schüchtern.

Paul glaubt nicht an sich.
Und was noch schlimmer ist, er glaubt auch nicht daran, dass jemand anderes das tun könnte.

Wenn wir in Bars sitzen oder in Clubs gehen und er von einem Mann angesprochen wird, dann reagiert er vollkommen abweisend und zickig.

„Der wollte mich doch bloß verarschen…“, murmelt er immer, wenn wir ihn auf sein Verhalten ansprechen.

Wahrscheinlich könnte er mit seinem fehlenden Selbstbewusstsein ganz anständig leben, wenn es ihm nicht ständig auf dem Weg zu seinem absoluten Lebenstraum im Weg stehen würde.

Er ist auf der Suche.
Auf der Suche nach der großen Liebe!

„Mal ehrlich, hast du echt erwartet, dass du ihn hier findest?“, frage ich meinen Freund, als wir zwanzig qualvolle Minuten später das kleine Lokal endlich verlassen können.
„Wen?“
„Deinen lang ersehnten Mr. Right.“

Paul senkt seufzend den Kopf.
„Ich hatte zumindest die Hoffnung“, murmelt er. „Doch spätestens nach dem die Typen gemerkt haben, dass wir uns kennen, konnte ich es endgültig vergessen.“
„Was willst du damit sagen?“, frage ich.
„Du hast dich wieder mal total daneben benommen, Tom“, meint er tadelnd. „Mit deiner unverschämt provozierenden Art bist du sofort aufgefallen.“
„Echt?“ Ich strahle ihn an. „Danke.“

Paul verdreht die Augen und macht ein finsteres Gesicht.
„Du bist unmöglich“, nuschelt er leise.

Stimmt.

War ich schon immer.
Bin, glaube ich, so auf die Welt gekommen.

„Und weißt du, was ich am krassesten fand?“ Paul sieht mich aus ernsten Augen an. „Obwohl du sie alle verarscht hast, gab es doch niemanden, der so viele Telefonnummern zugesteckt bekommen hat, wie du.“

Er schüttelt entrüstet den Kopf.
Ich weiß nicht, ob er sich gerade über mich ärgert oder über die Welt und all ihre gemeinen Ungerechtigkeiten.

„Tja, und was schließen wir daraus?“, frage ich ihn locker.
„Wir schließen daraus, dass selbst die einsamen Menschen oberflächliche und egoistische Arschlöcher sind“, meint Paul bitter.
„Hartes Fazit, Süßer“ Ich grinse. „Ich habe eigentlich nur festgestellt, dass Speed-Dating, Blind-Dating und dieser ganze Mist sich nicht besonders eignet, wenn man auf der Suche nach der wahren Liebe ist.“

Wir schlendern durch die Innenstadt. Samstagabend. Kurz vor 22 Uhr. Die Stadt lebt.
Überall Menschen. Es ist Ende Oktober. Die Nächte sind kühl und klamm. Auf Schildern und Plakaten versprechen einem die Cafés und Bistros leckeren Kaffee, Tee und Glühwein in allen Geschmacksrichtungen.

Bibbernd nehmen die Leute diese Einladung an und flüchten sich in den Cafés vor der kalten Herbstnacht.

Ich kenne sie alle – nicht die vielen hundert Menschen, die durch die Straßen spazieren, Gott bewahre – ich kenne die Cafés, die Bars, die Bistros, die Läden und Clubs, die Häuser und Straßen … ich kenne die Stadt.

Meine Stadt. Mein München.

Ich will hier nicht weg. Ganz sicher nicht.

Viele meiner alten Freunde aus der Schulzeit haben mittlerweile ihre Sachen gepackt und sind hinaus in die große, weite Welt gezogen. Fort, in die Fremde, zu völlig unbekannten Orten – wie Bremen zum Beispiel.

Ich bleibe hier.
Hier kenne ich mich aus. Ich weiß, wo was ist, wo ich bekomme, was ich brauche.
Die U-Bahn- und Tramfahrpläne kenne ich auswendig, die Öffnungszeiten der verschiedenen Läden sind mir ins Blut übergegangen und die Namen der Clubbesitzer, Barkeeper und DJs so vertraut wie die alter Freunde.

Und man kennt mich.

Ich fühle mich wohl.

„Wo sollen wir jetzt hingehen? Auf was hast du Lust? Cocktail und Salsamusik, Bier und britischer Alternativrock oder Kaffee und Bach?“ Ich sehe Paul fragend an.
„Ich will nach Hause“, murmelt mein Freund mit finsterer Miene.
„Och nö, Paulchen, ich lasse nicht zu, dass du dich wieder in deinem Bett versteckst und zum zweihundertsten Mal ‚Pretty Woman’ guckst.“
„Was habe ich denn für Alternativen?“, fragt er bissig. „Soll ich mit dir durch irgendwelche Clubs ziehen und frustriert in der Ecke herumstehen, während du einen Typen nach dem anderen abschleppst?“
„Nein, du könntest ja frustriert auf der Tanzfläche herumhüpfen…“
„Haha.“

Locker lege ich einen Arm um Pauls schmale Schultern.
„Es ist noch viel zu früh…“
„Zehn Uhr abends – Zeit fürs Bett“, spottet Paul.
„Nein, so habe ich das nicht gemeint“, unterbreche ich ihn. „Es ist noch viel zu früh zum Sterben.“
„Sterben?“
„Ja. Verschrobene Einsamkeit und zynische Bitterkeit sollten wir uns für später aufheben. Für das Ende unseres Lebens. Wenn wir Vierzig sind, oder so.“
„Mit Vierzig ist das Leben vorbei?“ Paul muss lachen.
„Hm … okay, ich erhöhe auf Fünfzig.“
„Nein Tom, ich glaube, diese Zeit wird die wichtigste und beste meines Lebens. Ich bin verheiratet, wir haben ein eigenes Haus auf dem Land, zwei adoptierte Kinder, reisen und genießen unser wunderbares, erfülltes Leben.“

Ich schüttle mich.
„Brrrr, Paul, das ist ja gruselig.“
„Du bist unmöglich“, zischt Paul beleidigt. „Was wirst du denn machen, wenn du Vierzig bist?“

„Mit Vierzig muss ich so reich sein, dass mich die zwanzigjährigen Jungs immer noch attraktiv finden. Und sollte ich hässlich werden, einen Schwabbelbauch und eine Glatze bekommen, dann bringe ich mich um!“

Paul sieht mich schockiert an.
„Sag so was nicht einmal im Spaß!“, zischt er tadelnd.
„Ist kein Spaß.“

Paul beschließt, nicht näher auf dieses Thema einzugehen und schweigt daher lieber.

Wir sind so verschieden.
Vollkommen verschieden.

Jeder, der uns kennt, wundert sich über unsere enge Freundschaft.

‚Was verbindet diese beiden Typen?’, fragen sich die Leute.

Und ihre Frage ist berechtigt.
Was verbindet uns?
Warum sind wir Freunde?

Keine Ahnung.

Wir lernten uns vor drei Jahren kennen.

Anfang Oktober. Studienbeginn. Der erste Tag im neuen Leben.

Die Schule war vorbei, der Zivildienst lag hinter mir und ein neuer Abschnitt fing an.
Im Gegensatz zu dem Großteil meiner ehemaligen Mitschüler, überschlug ich mich nicht gerade mit wilden Jubelschreien und Tanzeinlagen.

Ich habe meine Schulzeit nicht gehasst.
Sie war erfüllt von Spielereien, Streichen, Partys und jeder Menge Erfahrungen.

In diesen dreizehn Jahren habe ich eine Menge gelernt.
Ich erfuhr, wie wichtig es ist Freunde zu haben, was Autorität bedeutet und wie gut man auf sie verzichten kann. Ich begriff, welche Rolle Oberflächlichkeiten im Leben spielen und wie leicht sie zu manipulieren sind. Ich erfuhr, wie es sich anfühlt, wenn man betrunken ist und einen Tafelschwamm an den Kopf geworfen bekommt. Am Ende meiner Schulzeit wusste ich, was der Satz des Pythagoras aussagt, dass man niemals wegen einer Wette aus dem Fenster im dritten Stock springen sollte – außer natürlich man ist des Lebens müde oder möchte sich ein Bein brechen – und wie schön Sex sein kann. Ach ja, Lesen, Schreiben und Rechnen habe ich auch noch gelernt.

Alles in allem fand ich meine Schulzeit recht amüsant.

Doch auf nostalgische Tagträume und schwermütige Sehnsüchte hatte ich keine Lust. Und darum freute ich mich auf das Neue, das Unbekannte und Fremde, das mich nun erwartete: Das Studentenleben.

Der Campus war voll.
Wie immer am ersten Tag eines neuen Semesters drängten sich die Neuankömmlinge durch die Gänge, ständig auf der Suche nach dem Sekretariat oder irgendwelchen Hörsälen.

Es ist nicht schwer, die Erstsemestler von den anderen Studenten zu unterscheiden.
Die nervöse Vorfreude und die überdrehte Motivation in ihren Augen verraten sie immer.

Gesprächsfetzen flirrten durch die Luft.
„Wo kommst du her?“
„Ja, ich studiere auch xy…“
„Hast du die Mensa schon gesehen?“
„Ich war das letzte Jahr im Ausland. Travel-and-Work…“
„Das ist mein zweites Studium, ich habe erst Medizin studiert … nach dem dritten Semester habe ich aufgegeben…“
„Ja, ich lebe mit zwei Freunden in einer WG.“
„Wann fängt noch mal die Infoveranstaltung an?“
„Hast du schon unseren Vorlesungsplan?“
„Mir fehlt noch ein Formular…“
„Am Samstag steigt eine ‚Welcome’-Party für die Erstsemestler. Kommst du auch?“

Ich nickte grinsend und nahm dem Typen den Flyer aus der Hand.

„Wir feiern auf dem Dach eines Studentenwohnheims. Total cool. Die Adresse steht drauf.“ Er deutete auf den giftgrünen Zettel.
„Ich komme auf jeden Fall“, sagte ich und lächelte.
„Super.“ Der Typ drehte sich um und sprach sofort zwei Mädels an, die bepackt mit Ordnern und Taschen an uns vorbei hasteten.

Ich war spät dran.

Es gab so viel zu sehen, so viel zu tun und zu erfahren und so wahnsinnig viele Gänge, in denen man sich verlaufen konnte.

In fünf Minuten sollte eine Einführungsveranstaltung stattfinden, die ich nicht verpassen durfte.

Leider hatte ich nicht den blassesten Schimmer, wie und vor allem wo ich den Hörsaal „Zi.01.190.“ finden sollte.

Wie so oft hatte ich mehr Glück als Verstand.

Gerade noch rechtzeitig erreichte ich den richtigen Raum und schob mich eilig mit ein paar anderen Spätankömmlingen durch die breite Tür.

Lautes Stimmengewirr erfüllte den Saal.
Meine Kommilitonen saßen auf den hölzernen Klappstühlen oder lehnten an den schmalen Tischen. Sie unterhielten sich, plapperten aufgeregt durcheinander und hatten sich eine Menge zu erzählen.

Ich ließ meinen Blick durch die Reihen wandern.
Die oberen Tische und Stühle waren schon fast allesamt besetzt, nur unten, in den ersten und zweiten Reihen des Hörsaals, gab es noch reichlich freie Plätze.

Nicht sehr überraschend.
Wer will denn auch schon ganz vorne sitzen und mit dem Professor kuscheln?
Das machen doch nur die Oberstreber.

Und dann sah ich Paul.

In der ersten Reihe.

Er war allein.

Auf dem kleinen Tischchen vor ihm lagen seine Unterlagen. Blaue, grüne und gelbe Formulare waren sauber aufeinander gestapelt worden. Er hatte sich sogar die Veranstaltungsliste ausgedruckt und die wichtigsten Punkte mit einem giftgrünen Marker angestrichen.

Neben den Papieren lag ein Kugelschreiber und seine Hände ruhten abwartend in seinem Schoß.

Er schaute nach vorne. Stumm und ruhig sah er die weiße Leinwand an.

Seine Augen glitzerten. Er hatte diesen Ausdruck echter Vorfreude im Gesicht.
Er war hier, um zu lernen. Er wollte Wissen erwerben. Er hatte sich vorgenommen, hart zu arbeiten und gut zu sein. Er wollte gut sein.

Ich sah ihn dort sitzen und wusste sofort, dass Paul sich nicht für Party-Flyer interessierte. Er war heute Morgen drei Stunden vor Einführungsbeginn zum Unigelände gefahren und er würde nach dem Ende der Veranstaltung nicht als allererstes die Mensa, sondern die Bibliothek aufsuchen.

Also genau das Gegenteil von mir.

Ich fand ihn faszinierend.

„Kann ich mich hier hinsetzen?“, fragte ich ihn.

Er reagierte erst nicht und hob dann vollkommen überrascht den Kopf, als er merkte, dass er gemeint war.

„Ähm.“ Er sah mich aus großen Augen an. Seine Wangen färbten sich rot. „Ja.“

Ich setzte mich an seine Seite und von dort bin ich auch nicht mehr weggegangen.

Drei Jahre lang nicht.

Egal was Paul auch getan hat, um mich loszuwerden.

„Du bist eine Plage, Tom“, murmelt er leise und lässt es zu, dass ich ihn noch etwas näher an mich heranziehe.
„Wirklich?“ Ich grinse.
„Ja.“ Er nickt grimmig. „Ich muss in meinem früheren Leben ein sehr, sehr böser Mensch gewesen sein. Oder warum hat mich Gott sonst mit dir bestraft?“
„Bestraft?“ Ich muss lachen. „Also ich sehe mich eher als rettender Engel, der in dein kleines, trostloses und recht erbärmliches Leben getreten ist, um ihm endlich ein bisschen Farbe zu verleihen. Ohne mich wüsstest du nicht, wo das Zorro ist, du würdest immer noch bei deiner Mutter leben und – was das Schlimmste ist – du wärst jetzt noch eine Jungfrau.“

Paul schnaubt wütend.

Er widerspricht aber nicht – schließlich weiß er, dass ich Recht habe.

Ich führte Paul in die homosexuelle Szene ein und verkuppelte ihn auch mit seinem ersten – und bisher einzigen - Freund.

Der größte Fehler meines Lebens.

Bereits kurze Zeit nach unserem Kennenlernen – sprich zehn Minuten, nachdem ich den Hörsaal betreten hatte - wusste ich, dass wir Freunde werden würden. Paul brauchte für diese Erkenntnis viel länger. Die Erkenntnis, dass wir beide schwul waren, kam ihm aber schon etwas früher – muss wohl in dem Moment gewesen sein, in dem unser Dozent den überfüllten Vorlesungsraum betreten hat und ich begeistert anmerkte, dass der junge Herr Professor einen außergewöhnlich attraktiven Arsch hätte…

Pauls Leben drehte sich bis dato um seine Schulnoten, die übervorsichtige Mutter und Tischtennis.

Er mag Tischtennis.

Ich nicht.

Ich musste ihn lange überreden, bis er endlich mit mir wegging.
Mindestens zwei Stunden lang saß ich vor seiner Wohnungstür und rührte mich nicht von der Stelle. Seine Mutter ist schon richtig nervös geworden.

Vollkommen entnervt und schimpfend wie ein Rohrspatz kam Paul schließlich aus der Wohnungstür gestürmt und schrie:
„Aber nur eine Stunde, dann hau’ ich wieder ab. Ich muss noch die Skripte der heutigen Vorlesung nacharbeiten.“

Aus der Stunde wurden sieben und als wir schließlich um halb fünf Uhr morgens schwankend vor seinem Haus standen, hatte Paul die ganze Nacht durchgetanzt und seinen ersten Kuss bekommen. Er war genauso glücklich, wie verwirrt.

Wenige Wochen später stellte ich ihm Igor vor.
Der Weißrusse war ein Bekannter von mir und sah sehr gut aus.

Er spielte auch Tischtennis.

Paul verliebte sich sofort und sie kamen auch tatsächlich zusammen.

Keine glückliche Beziehung.

Nach drei Monaten fanden wir das erste Mal heraus, dass er Paul betrog.
Er beteuerte, er würde es nie wieder tun und Paul ewig lieben.

Die Ewigkeit endete nach zwei weiteren Monaten.
Wieder ein Seitensprung.
Wieder verzieh’ ihm Paul.

Beim dritten Mal war Schluss.

Ein halbes Jahr voller Tränen, Freude und Zweifeln.

Pauls Herz war gebrochen.
Er litt wie ein Sterbender und führte sich auch so auf.

Den Schock einer unglücklichen ersten Liebe zu überstehen, fiel ihm sehr schwer.

Aber schließlich erholte er sich und schöpfte neue Zuversicht, denn eines hatte Paul trotz der Enttäuschung nicht verloren: Den Glauben an die wahre Liebe.

Wahre Liebe.

Paul ist vollkommen versessen darauf.
Er glaubt an sie, wie ein kleines Kind an den Weihnachtsmann.
Sein gesamtes Denken und Handeln, seine ganze Welt dreht sich einzig und allein um dieses eine Ziel: Er will IHN finden.

Den Mann, der ihn wirklich glücklich macht.
Für immer.

Immer ist ein unheimlich riesiges Wort.
Immer beinhaltet viele, viele Jahre.
Immer bedeutet graue Haare und Falten, Schwiegereltern und Diskussionen, Kompromisse und morgendlicher Mundgeruch.
Immer sind Ticks, der Alltag und unglaublich viele schöne Männer, die man nicht einmal mehr anschauen darf.

Immer ist kein nettes Wort. Nicht sehr lustig.

„Starbucks?“, frage ich und deute auf den Laden, an dem wir gerade vorbei schlendern.
„Hat der denn noch offen?“ Paul schaut überrascht auf die Uhr.
„Sieht wohl so aus.“ Ich ziehe ihn mit mir.

Kurz vor der Eingangstür bleibt Paul auf einmal stehen und sieht mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an.
„Warte mal … ist das nicht der Starbucks, in dem…“
„Joa!“ Ich grinse und öffne die Tür.

Der Geruch von Kaffee begrüßt uns freundlich.

Im Hintergrund läuft irgendein bekannter Song aus den Charts und die Lampen über der Verkaufstheke verbreiten ein angenehmes Licht.

An runden Tischen sitzen mehrere Leute. Sie unterhalten sich und nippen zufrieden an ihren heißen Getränken.

„Einen Café Latte zum Mitnehmen, bitte. Double, Tall, Low-fat und extra-foamy!”, rufe ich dem Typen hinter dem Tresen zu, der gerade dabei ist eine der Maschinen zu reinigen.

Er dreht sich überrascht zu uns um.
„Tom!“

Seine grünen Augen funkeln.

„Hey mein Schatz, hast du mich schon vermisst?“

Andre starrt mich regungslos an.
Er braucht einige Sekunden, ehe er sich wieder gefangen hat.
„Ja … ähm, ich meine, nein … also eigentlich wollte ich sagen…“ Er wird sehr rot und fährt sich nervös mit der rechten Hand – in der er immer noch den Putzlappen hält – durch die dunklen, seidigweichen Locken.

„Hallo, Andre“, mischt sich nun Paul ein und stößt mich etwas grob zur Seite. „Würdest du mir bitte einen Milchkaffee zum Mitnehmen machen, vielen Dank.“

Andre nickt eilig und macht sich an der Maschine zu schaffen.

„Wie geht es dir?“, frage ich ihn lächelnd.
„Gut.“
„Und das Studium?“
„Gut.“
„Macht es Spaß?“
„Ja.“

Kurze Anmerkung: Andre studiert BWL…

„Und der Job hier? Viel Stress?“
„Manchmal.“
„Und mit deinem Freund? Auch Stress?“

Er dreht sich ruckartig zu mir um.
Seine Wangen sind immer noch gerötet.

„Nein…“, meint er leise.
„Schön.“ Ich grinse.

Andre ist mein Ex-Freund.

Er ging auf dieselbe Schule wie ich, nur war er zwei Jahrgänge unter mir.

Er hat dunkelbraune Locken und große, strahlend grüne Augen.
Ich habe ihn gesehen und wusste, den muss ich haben.

Er ist der mit Abstand süßeste Kerl, den die Welt jemals gesehen hat.

Ich entjungferte ihn im Wagen des Vaters meines besten Freundes, nach einer alkoholreichen Party. Eine  Wahnsinnsnacht.

Andre war in mich verliebt.
Und es wäre sehr schön und leicht gewesen, wenn auch ich ihn geliebt hätte.

Aber ich tat es nicht.

Doch plötzlich fingen alle Menschen um mich herum an über Liebe zu sprechen.
Beziehungen wurden eingegangen, Herzen verschenkt und tiefe Gefühle ausgetauscht.
Und immer hieß es: ‚Das verstehst du nicht, Tom. Da kannst du nicht mitreden. Du warst ja noch nie verliebt.’

Es stimmte - und wurmte mich.

Ich beschloss, es einfach mal auszuprobieren. Das Lieben.
Vielleicht konnte man es ja lernen. Wie Fahrrad fahren oder Spanisch.
Wenn man es nur hartnäckig genug probierte.

Andre und ich wurden ein Paar. Ich war damals achtzehn und er zwei Jahre jünger.

Im Grunde war unsere Beziehung sehr schön.
Wir stritten kaum, unternahmen viel, kümmerten uns umeinander und hatten ein ausgefülltes Sexleben.

Kurz vor unserem ersten Jahrestag, erwachte ich morgens neben ihm in meinem Bett und wusste, dass es vorbei war.

Da lag er, süß und schlafend, seine nackte Brust hob und senkte sich ruhig und regelmäßig. Er war vollkommen entspannt.

Ich betrachtete die langen Locken, den leicht geöffneten, rosigen Mund und die pechschwarzen, dichten Wimpern. Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, fuhr ich über die zarte, porzellanfarbige Haut seiner Wangen und berührte die weichen Lippen.

Er war wirklich schön.

Und ich fühlte nichts.

Nun, nichts ist etwas übertrieben. Sein schlafender Anblick war durchaus erregend und weckte auch meinen sonst eher verkümmerten Beschützerinstinkt. Und natürlich mochte ich ihn sehr gerne, als Mensch und Freund … aber mehr war da nicht.

Ich lag neben ihm und starrte ihn minutenlang an.
Ich suchte. Mein Blick wanderte über jeden Zentimeter seiner Haut.
Ich suchte wie ein Besessener.

Da musste doch etwas sein.
Irgendetwas.

Aber ich fand nichts.

Keine Liebe.

Vielleicht ist das normal.
Vielleicht ist das, was ich empfinde, die Erregung, die Zuneigung und die Sympathie, schon Liebe.
Vielleicht denke ich nur, dass da noch eine Steigerung kommen müsste.

Aber ich wusste, dass ich mir nur etwas vormachte. Ich liebte ihn einfach nicht.

Als er aufwachte, machte ich mit ihm Schluss.
Er weinte. Ich nicht. Ich fühlte mich sehr erleichtert und dabei hatte ich mich in den Wochen und Monaten davor überhaupt nicht gequält. Es war alles in Ordnung gewesen.

Eigentlich sehr seltsam…

Andre war mein erster Freund gewesen. Mein erster fester Freund.
Nach ihm kamen eine Menge Jungs. Aber mit keinem war ich wirklich zusammen.

Und geliebt habe ich schon dreimal nicht.

Wer weiß, vielleicht kann ich es ja auch gar nicht. Wir Menschen können eben nicht immer alles tun, was wir uns wünschen. Was bringt es dir, wenn du dich tagtäglich abmühst und stundenlang an einem Klavier sitzt, wenn du doch von Natur aus unmusikalisch bist.

Paul behauptet, wir alle – absolut jeder – würde im Grunde nur darauf warten, seine große Liebe zu finden.

„Wir wollen alle jemanden haben, zu dem wir gehören und der zu uns gehört“, sagt er immer.

Ich weiß nicht, ob er Recht hat.

Vielleicht macht er es sich mit seiner Vorstellung von der Liebe auch viel zu einfach und man braucht tatsächlich ein gewisses Talent … eine Begabung … die Begabung zum Lieben…

Wenn dies der Fall ist, bin ich durchgefallen.

Ich will mich nicht beschweren, ich bin ein Mensch, den der liebste aller Götter, mit einem Haufen beeindruckender Talente vollgestopft hat.

So bin ich zum Beispiel immer noch in der Lage aufrecht zu stehen, wenn die Leute um mich herum schon längst betrunken am Boden liegen.
Ich kann mir Filmzitate merken und erkenne Modemarken auf vier Meter Entfernung. Ich bin in der Lage zu telefonieren und mich gleichzeitig zu rasieren und außerdem bin ich auch noch ein grandioser Tänzer.

Nicht schlecht, oder?

„Was habt ihr heute Abend gemacht?“, will Andre nun wissen und weicht meinem Blick aus, indem er Paul ansieht.
„Speed-Dating“, murmelt Paul.
„Ach…“ Andre ist überrascht. „Und?“ Jetzt schaut er mich doch an.
„Nicht schnell genug“, meine ich grinsend.
„Hast du … Habt ihr jemanden kennen gelernt?“ Er mustert mich forschend.

Es ist so leicht, so einfach.
Seine grünen Augen verraten mir sofort und vollkommen ungeschützt, was hinter ihnen vorgeht.

So war es schon damals. Er trägt seine Gefühle und seine Gedanken offen zur Schau. Jeder kann sie sehen, jeder kann sie verstehen. Ich habe das immer gehasst.

Es gab niemals Zweifel, keine Missverständnisse oder Geheimnisse, ich wusste immer sofort, was los war. Und gerade das hat mich so verrückt gemacht.
Seine Offenheit hat mich in eine gewisse Verantwortung gezwungen. Alles war vorrausehbar, kalkulierbar und … ich hatte keinen Raum für Fehler…

Macht das Sinn?

Jeder andere hätte sich wahrscheinlich über Andres ehrlichen Charakterzug gefreut und ihn nur noch mehr verehrt, doch mich … mich engte das irgendwie ein…

„Ja, ich habe endlich den Mann fürs Leben gefunden“, sage ich betont gut gelaunt und tue so, als hätte ich die offene Eifersucht in seinen Augen nicht bemerkt. „Er ist siebenundzwanzig, Hausmeister eines Mehrfamilienhauses, wohnt noch bei seiner Mutter, wiegt hundertfünf Kilogramm und sammelt in seiner Freizeit die Figuren aus den Überraschungseiern. Ich liebe ihn. Wir wollen noch in diesem Jahr heiraten. Du bist natürlich herzlich eingeladen mit uns zu feiern. Auf unserem Wunschzettel stehen ein Hochdruckreinigungsgerät und ein Setzkasten für seine Figürchen.“

Andre verdreht erst die Augen, muss dann aber doch kichern.

„Lustig“, murmelt Paul, der keine Miene verzieht und jetzt einen Fünfeuroschein aus seinem Geldbeutel kramt. „War der eigentlich schon immer so oberflächlich?“ Er reicht Andre das Geld und nickt mit dem Kopf in meine Richtung.

Andre lacht.
„Ja.“

Ich würde ihnen ja gerne widersprechen, doch glaube ich nicht, dass ich meine Empörung überzeugend rüberbringen könnte. Warum sollte ich es abstreiten? Ich bin oberflächlich, ja, das stimmt.

„Danke“, sagt Paul, als er Andre seinen Kaffee aus der Hand nimmt. „Wir müssen dann auch wieder los.“ Er sieht mich eindringlich an.
„Stimmt, du hast ja noch ein Date mit deinem Fernseher.“

Paul verzieht den Mund zu einer Schnute und stapft beleidigt auf die Tür zu.
„Tschüß, Andre.“

„Tschüß, Paul … Tom…“ Der Kleine sieht mich an und bekommt sofort rote Wangen.
„Tschau, mein Süßer.“ Ich zwinkere ihm gut gelaunt zu, schnappe mir meinen Kaffee und beeile mich, um Paul einzuholen.

„Paulchen, warte!“, rufe ich.

Er stellt auf stur und hastet die Straße entlang, ohne sich dabei umzuschauen.

„Du brauchst nicht so zu rennen“, keuche ich und versuche mit ihm Schritt zu halten. „Dein Fernseher wird dir nicht davonlaufen.“
„Musst du eigentlich immer so herzlos sein?“, fragt mich Paul mit lauter Stimme. Er dreht den Kopf und sieht mich vorwurfsvoll an.
„Woah, seit wann bist du so überempfindlich? Das mit dem Fernseher war doch nur ein dummer Scherz.“ Ich hebe beide Arme in einer beruhigenden Geste.
„Das meine ich nicht“, sagt Paul kopfschüttelnd. „Ich spreche von Andre…“
„Och nee, nicht schon wieder die Leier.“ Schnaubend verdrehe ich die Augen.

„Tom.“ Paul greift nach meinem rechten Unterarm. „Merkst du eigentlich nicht, wie sehr du ihn triffst, wenn du mit ihm flirtest und ihn im selben Moment wieder fallen lässt?“
„Ich lasse ihn nicht fallen“, verteidige ich mich, nun doch etwas genervt.

Wir hatten diese Diskussion schon viel zu oft.

„Jedes Mal, wenn du so nett zu ihm bist, wenn du ihm das Gefühl gibst, dass er süß und begehrenswert ist, dann macht er sich erneut irgendwelche Hoffnungen.“
„Dann ist er eben dämlich“, sage ich mit kalter Stimme.

Paul reißt entsetzt den Mund auf, doch ich lasse ihn erst gar nicht zu Wort kommen.

„Hör zu, Paulchen. Ich habe Andre nie angelogen und ich habe ihm nie etwas vorgemacht. Er wusste immer woran er bei mir ist. Wenn ich ihm sage, dass er süß ist, dann tue ich das, weil es meine Meinung ist. Er ist niedlich, damals wie heute. Und als ich gemerkt habe, dass ich ihn nicht liebte, habe ich ihn nicht lange belogen und mich von ihm getrennt. Du nennst das ‚herzlos’, ich nenne es ehrlich.“

Paul sieht mich ernst an.
„In der fiktiven, bunten Welt eines Bilderbuchs für Fünfjährige ist ‚Ehrlichkeit’ immer etwas Gutes und Schönes. In unserer Welt, der Welt der Erwachsenen, nicht unbedingt … Mit deinem Verhalten weckst du Hoffnungen, die jedes Mal wieder enttäuscht werden … trotz oder gerade wegen deiner ‚Ehrlichkeit’…“

Er schließt seine kleine Rede mit einem deutlichen Kopfnicken und geht weiter.

„Oh Gott, du bist so ein Moralapostel“, stöhne ich und lege ihm den rechten Arm um die Schultern.

„Nein, das bin ich nicht, ich...“ Er verdreht die Augen, seufzt und sieht mich wieder an. „Eines Tages wirst du verstehen, wovon ich spreche…“
„Uhhhu … eine Prophezeiung … also doch ein Apostel.“ Ich lache.
„Dir ist einfach nicht zu helfen“, faucht Paul aufgebracht. „Doch ich verspreche dir, wenn es dich einmal erwischen wird – und ich meine, so richtig – dann brauchst du nicht auf meine Hilfe zu zählen. Ich werde dich liegen lassen, mitten auf dem Boden. Wenn du erst einmal dein Herz verloren hast, dann wirst du verstehen, wovon wir immer gesprochen haben…“

Wenn ich verloren habe…

Ich glaube ja nicht, dass ich Gefahr laufe in der nächsten Zeit mein Herz zu verlieren.
Ehrlich nicht. Ich meine, ich bin gerade mal dreiundzwanzig, da sitzen die Organe noch hübsch fest an Ort und Stelle.

Und sollte ich doch einmal gebrochen und blutend auf der Erde liegen, ist Paul bestimmt der Letzte, der mir seine Hilfe verweigern wird.