Halloween

GeschichteMystery, Horror / P16
Benjamin Barker Mrs. Lovett
26.10.2009
13.11.2009
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26.10.2009 2.921
 
Die ersten Auswüchse des Winters waren über London einher gefallen und hielten die Stadt fest in ihrem eiskalten Griff. Um sich gegen die Kälte zu wehren, entzündeten die bibbernden Einwohner behagliche, wärmende Kamin- und Ofenfeuer, deren dicke Rauchwolken von Schornsteinen in den düsteren Oktoberhimmel gespuckt wurden. Ruß lag in der Luft und legte sich über die Stadt, durch deren Straßen und Gassen undurchdringlicher Nebel kroch.
Schweigend sah der Barbier Sweeney Todd aus einem großen Fenster in das dicke Rauch und Nebelgemisch hinaus. Längst hatte auch die Kälte in seinen Barber Salon Einzug gehalten, doch beachtete er sie nicht. Während der finstere Blick seiner dunklen, ausdruckslosen Augen weiterhin auf einen unbestimmten Punkt ins Leere gerichtet war, hielten seine steifen Finger, aus denen jegliche Wärme gewichen zu schien, den ebenso kalten Griff des Rasiermessers fest umklammert. Im Stillen verfluchte er dieses unselige Wetter. Kaum eine Menschenseele wagte sich an solch einem Tag auf die Straße, geschweige denn dass sie auf den Gedanken kam einen Barbier aufzusuchen – womit sie ihn zur Untätigkeit verdammte. Sweeney blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Zu warten, dass sich das Wetter besserte, zu warten, dass Kunden ihn aufsuchen würden, ja, selbst auf seine Rache musste er warten! Dabei hatte er lange genug gewartet. Fünfzehn lange Jahre hatte er mit Warten verbracht, bis er wieder zurückkehren konnte, nur um auch hier stillschweigend Däumchen drehen zu müssen, immer die unangenehme Wahrheit vor Augen, dass die Zeit seiner Rache noch nicht gekommen war.

Ein Klopfen und das darauf folgende leise Klingeln der Türglocke rissen ihn aus seinen Gedanken. In Sekundenschnelle hatte Sweeney sich vom Fenster abgewandt, eine höfliche Maske aufgesetzt und das Rasiermesser unbemerkt hinter dem Rücken verborgen. Es war jedoch kein Kunde, der seinen Barbier Salon betreten hatte, sondern Mrs Lovett. Wer auch sonst?
Sofort ließ Sweeney seine Maske wieder fallen und offenbarte unverhohlene Verärgerung über die unerwünschte Störung. „Was wollen Sie?“, brummte er bloß und schenkte erneut der Welt, die sich hinter dem Fenster verbarg, seine ungeteilte Aufmerksamkeit.
Ehe Mrs Lovett jedoch mit ihrem eigentlichen Anliegen herausrücken konnte, bemerkte sie die im Raum herrschende Kälte. „Hier ist es ja eiskalt“, rief sie aus, während ihr Atem zu weißen Wölkchen kondensierte, was ihre Aussage bloß noch unterstrich. Dann fiel ihr Blick auf den Ofen, der schon vor geraumer Zeit seinen Dienst versagt hatte, und seufzte. „Wäre es nicht besser, wenn Sie wenigstens Feuerholz nachlegen würden, statt untätig herumzustehen und Löcher in die Luft zu starren, Mr T?“
Sweeney beließ es bei einem einfachen Achselzucken und hob die Hand mit seinem Rasiermesser. Sofort beschlug die saubere Klinge, als sein warmer Atem auf das kalte Metall traf. Vielleicht hatte Mrs Lovett ja gar nicht mal so Unrecht, überlegte er, während er nachdenklich beobachtete, wie sie Feuerholz nachlegte und den Ofen wieder seinen eigentlichen Zweck erfüllen ließ. Dann erhob sie sich, strich ihr Kleid glatt und wandte sich wieder an Mr Todd: „Wollen Sie nicht Toby und mir unten in der Küche Gesellschaft leisten?“
„Nein.“
„Wenigstens so lange, bis es hier drinnen wärmer geworden ist“, fuhr Mrs Lovett unbeirrt fort, „Sie werden sich sonst noch den Tod holen!“
Dieses Mal wandte sich Sweeney gänzlich an die Frau und erwiderte kalt den Blick ihrer braunen Augen. Ein verächtliches Lächeln zuckte über seine Lippen, während er sagte: „Meine Liebe, ich habe schon weit Schlimmeres als den Tod in dieser verfluchten Welt überstanden.“
Ungerührt hielt Mrs Lovett seinem Blick stand und versuchte sich die Freude über seine Aufmerksamkeit nicht ansehen zu lassen. „Schön und gut“, entgegnete sie unbekümmert und zog die Augenbrauen hoch, die Augen auf die alten Bodendielen gerichtet, „aber was nützt es Ihnen, wenn Sie sich nun erkälten und letzten Endes ihrer Krankheit unterliegen…?“ Abwartend sah sie ihn an und wandte sich schließlich ab. „Falls Sie es sich anders überlegt haben sollten, können Sie gerne herunterkommen und uns Gesellschaft leisten. Ich muss mich jetzt wieder um das Geschäft kümmern.“

Nachdem Mrs Lovett gegangen war – dieses Mal über die innere Treppe – starrte Sweeney gedankenversunken auf die Stelle, wo sie gestanden hatte. Nun, da die im Raum herrschende Temperatur angesprochen worden war, konnte er sie nicht mehr ignorieren. Er spürte, wie die Kälte in seinen steifen Fingern zu piksen und zu stechen begann, bis diese von einem unangenehm brennenden Schmerz erfüllt waren. Er bemerkte die weißen Atemwölkchen, welche nach jedem Atemstoß für kurze Zeit in der Luft schwebten, und musste sich widerwillig eingestehen, dass Mrs Lovett Recht hatte. Es wäre tatsächlich besser, würde er sich in einem beheizten Raum aufhalten, statt sich in seinem Barbier Salon der Kälte auszusetzen und so das Risiko, eine Erkältung oder Schlimmeres zu bekommen, in Kauf zu nehmen. Denn das konnte er wahrlich nicht gebrauchen.
Ungeduldig ließ Sweeney noch ein wenig Zeit verstreichen, bis er seinen Starrsinn aufgab, das Geschäft für diesen Tag schloss und über die innere Treppe hinunter in die Küche ging. Wohlige Wärme schlug ihm dort entgegen, die sanft sein Gesicht umspielte und die Kälte aus seinen steifen Fingern vertrieb.
„Ah, da sind Sie ja, Mr T“, empfing ihn Mrs Lovett, kaum dass er eingetreten war und sah flüchtig von ihrer Arbeit auf. „Setzen Sie sich doch.“
Bedächtig kam Sweeney dieser Aufforderung nach und nahm an einem der Tische, die am weitesten von Mrs Lovett und Toby entfernt standen, Platz. Schon jetzt zweifelte er, ob es nicht besser gewesen wäre, wäre er oben in seinem Barbier Salon geblieben. Denn was sollte er hier unten auch? Die Antwort auf diese Frage war einfach und doch unerträglich: Warten.
Missmutig griff Sweeney nach seinem Rasiermesser und polierte es mit dem Tuch, das noch immer an seinem Gürtel hing. Dabei würde er es für diesen Tag, an dem die Kunden ausblieben, nicht mehr brauchen.

Während der Barbier in düstere Rachegedanken versunken, die beim Anblick der silbernen Klinge in ihm aufstiegen, sein Rasiermesser säuberte, war ein Kunde eingetreten.
„Guten Tag, Mrs Lovett!“, rief dieser überschwänglich und tippte sich zur Begrüßung kurz an seine Hutkrempe, dann fuhr er unbeschwert fort: „Schreckliches Wetter heute, nich‘ wahr? Da will man die gute Stube gar nich‘ verlassen. Aber bedauerlicherweise wartet ja noch die Arbeit auf einen, die sich nu‘ nich‘ von selbst erledigt. Doch was rede ich denn da? Ihnen dürfte es nich‘ anders ergehen.“
„Ja, da haben Sie Recht“, stimmte ihm Mrs Lovett mit einem höflichen Lächeln zu, nachdem sie seinen Redefluss schweigend über sich ergehen gelassen hatte. „Ich nehme an, Sie sind für eine Fleischpastete gekommen?“
„Ganz genau“, bestätigte Mr Harrison, während er sich seines Mantels entledigte, den er über die Stuhllehne hängte, und Platz nahm. Mit einem wohligen Seufzer setzte er auch schließlich seinen Hut ab und legte ihn vor sich auf die Tischplatte. „So eine warme Fleischpastete ist in der Hinsicht ‘ne wahre Wohltat nach langer Arbeit an einem so ungemütlichen Tag – ja, ja da ist sie.“
Zustimmend murmelte Mrs Lovett irgendetwas Unverständliches. Sie war das Geschwätz von Mr Harrison, einem ihrer Stammkunden, gewohnt. Währenddessen füllte sie in einer vertrauten Bewegung die letzte Fleischpastete und legte sie in den kleinen Ofen zu den anderen.
„Toby!“, rief sie, als sie sich wieder aufrichtete. „Kümmere dich doch bitte um unseren Kunden, solange ich frische, warme Pasteten holen gehe.“

Ausdrucklos sah Sweeney ihr nach. An diesem Tag gab es kein frisches Fleisch für sie, um das es sich zu kümmern galt und dennoch lief ihr Geschäft gut. Tatsächlich trug das schlechte Wetter sogar noch dazu bei, wie sich der Barbier missmutig bewusst wurde, denn wer hatte bei dieser Kälte auch schon etwas gegen einen warme Pastete einzuwenden?
„Möchten Sie auch etwas Gin, Sir?“
Tobys Stimme riss ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Schweigend nickte Sweeney und sah dem Jungen dabei zu, wie er ihm ein Glas Gin einschenkte. Noch immer verhielt sich Toby ihm gegenüber äußerst höflich und zurückhaltend, woran sich Sweeney keineswegs störte. Im Gegenteil. Es war ihm sogar ganz recht, nicht mit dieser Zuneigung bedacht zu werden, die der Junge für Mrs Lovett aufbrachte. Sollte sie ihn doch am Hals haben, er konnte das jedenfalls nicht gebrauchen.
Nachdenklich nahm Sweeney einen Schluck Gin und beobachtete Toby, wie dieser sich wieder an seinen Tisch setzte, nachdem er sich um Mr Harrison gekümmert hatte. Dort griff er nach einem Messer und fing damit an, etwas in eine Rübe zu schnitzen.
Auch Mr Harrison war diese Tätigkeit nicht entgangen. Neugierig wandte er sich an den Jungen und fragte: „Was machst du denn da?“
Ehe Toby jedoch antworten konnte, schien ihm ein Licht aufzugehen und sein anfängliches Interesse wich im Nu bloßer Missbilligung. „Ist das nich’ für diesen Aberglaube?“
„Ja, ganz genau, Sir“, bestätigte Toby, während er ein weiteres Auge in Form eines Dreiecks in die Rübe schnitzte. „Morgen ist Halloween und um die Geister der Verstorbenen …“
„Papperlapapp!“, unterbrach Mr Harrison ihn unsanft. „Das ist nichts weiter als Unfug, den du da erzählst, jawohl! Soweit mir bekannt ist, ist das lediglich ‘n Brauch, den diese verdammten Iren feiern und wir, als gute englische Bürger, sollten nich‘ so einen Unfug von irgendwelchen räudigen Heiden übernehmen!“
„Das ist natürlich ein wahres Wort, Sir“, murmelte Toby höflich und schien sich vor den überzeugten Blicken des Kunden hinter seiner Rübe verstecken zu wollen.
Sweeney hingegen musterte den Mann mit unverhohlener Verachtung. Er hatte in den letzten Jahren genug erlebt und am eigenen Leib erfahren müssen, dass es keine Rolle spielte, ob man nun Ire oder Engländer war, denn letzten Endes waren sie alle miteinander gleich – ein jeder von ihnen verdiente zu sterben.

Mr Harrison, der Mr Todd erst in diesem Moment bemerkte, wandte sich um Zustimmung heischend an den Barbier. „Sie teilen doch gewiss meine Meinung, nich‘ wahr?“
Sweeneys Griff wurde fester. Das harte Metall seines Rasiermessers grub sich in seine Handfläche und seine Fingerknöchel traten weiß hervor, während er den Blick des Kunden kalt erwiderte. Er nahm es mit größtem Bedauern zur Kenntnis, dass dieser zu den Stammkunden Mrs Lovetts gehörte. Sein Verschwinden wäre auffällig. Und dennoch wünschte er in diesem Moment nichts sehnlicher, als ihm eine Rasur anzubieten. Eine kostenlose verstand sich, denn nichts anderes hatte er verdient.
Ein künstliches Lächeln zuckte über Sweeneys Gesicht. „Wenn Sie das sagen…“, erwiderte er. Dabei ruhten seine dunklen Augen unverwandt auf dem Kragen des Kunden. Ein gefährlicher Funke glomm in ihnen. Wäre es wirklich auffällig, würde Mr Harrison verschwinden? Gedankenversunken ließ er sein Rasiermesser aufklappen. Ein paar Worte nur, ein lächerliches Angebot und dieser widerliche Mensch wäre tot.

Plötzlich ertönte ein lautes Poltern. Mit einem Mal befand sich eine große Rübe mitten in Sweeney Gesichtsfeld und riss ihn unsanft aus seinen Gedanken. Aufgeschreckt blickte Sweeney auf, direkt auf Mrs Lovett, die sich vor ihm hingestellt hatte, die Hände in die Hüfte gestemmt. „Es freut mich sehr, dass auch Sie Interesse daran haben, eine Jack O‘ Laterne zu machen, Mr Todd. Ich würde Ihnen aber raten, statt ihres Rasiermessers ein normales Küchenmesser zu benutzen – das wäre sicherlich besser. Meinen Sie nicht auch?“
Eindringlich suchte ihr Blick den seinen. Sie hatte seine Absichten durchschaut und versuchte nun, diese mit solchen Nichtigkeiten zu vereiteln. Das gefiel Sweeney nicht. Noch weniger aber gefiel ihm, dass sie ihn so auch noch länger in der Küche behielt. Eigentlich hätte er einfach gehen können, zurück in seinen Barbier Salon, der mittlerweile warm genug sein sollte, doch tat er es nicht. Er blieb schweigend sitzen und erwiderte verärgert Mrs Lovetts Blick. Vielleicht blieb er ja, weil er in dem heruntergekommenen Raum der Untätigkeit ausgesetzt gewesen wäre…
Dann erhob Sweeney sich.
„Sie haben Recht“, meinte er an Mrs Lovett gewandt. Trotzdem legte er sein Rasiermesser nicht beiseite, sondern hielt es weiterhin fest umklammert in seiner rechten Hand, als er an ihr vorbei auf die Ablage zu ging. „Ein Küchenmesser würde sich dafür wesentlich besser eignen.“
„Sie schenken doch nicht etwa diesem Aberglauben Beachtung?“, mischte sich auf einmal Mr Harrison missbilligend ein, den Blick zweifelnd auf den Barbier gerichtet.
„Wieso nicht?“, entgegnete Sweeney, während er beiläufig nach dem Beil auf der Ablage griff und es gedankenverloren betrachtete. „Denn wer weiß schon, welch übel gesinnter Geist eines Verstorbenen einen heimsuchen könnte… Da könnte solch ein Schutz wahrhaft nützlich sein. Finden Sie nicht auch?“ Bei den letzten Worten hatte sich Sweeney mit einem unheilverkündenden Lächeln an den Kunden gewandt.

Mrs Lovett, die das Geschehen skeptisch beobachtet hatte, lief unwillkürlich ein Schauer über den Rücken bei der Doppeldeutigkeit von Mr Todds Worten. Instinktiv griff sie ein, ging zu dem Barbier und entwendete ihm sanft aber bestimmt das Hackebeil. „Mr T“, flüsterte sie mit einem warnenden Unterton in der Stimme und fügte im selben Atemzug laut hinzu: „Hier haben Sie ein sauberes Küchenmesser“, und drückte es ihm in die Hand.
Danach wandte sie sich hastig an Mr Harrison, der allem Anschein nach nichts von alldem mitbekommen hatte und nun zu einer Erwiderung ansetzen wollte. Eilig setzte sie ihm endlich seine warme Fleischpastete vor, womit sie ihn auf andere Gedanken brachte. „Hier bitteschön, ihre warme Pastete. Ich wünsche einen guten Appetit.“
„Ah, vielen Dank Mrs Lovett“, sagte Mr Harrison erfreut und sog genießerisch den Duft der frisch gebackenen Fleischpastete ein. „Sie wissen wahrhaftig, wie man die besten Pasteten ganz Londons macht. Hach da fällt mir ein, neulich, da…“
Während Mrs Lovett weiterhin mit ihrem Kunden plauderte, um ihn ja von dem Thema Halloween abzulenken, wandte sich Sweeney missmutig vom Geschehen ab. Er war ihr ständiges Eingreifen leid, nur waren ihm in diesem Augenblick die Hände gebunden – sehr zu seinem Bedauern. Nachdenklich drehte er das Küchenmesser in seiner Hand und setzte sich zurück an seinen Platz. Dabei fiel sein Blick unweigerlich auf die große Rübe, welche sicherlich die Hälfte seines Blickfelds einnehmen musste; als wollte sie ihn verhöhnen, dass er sich zu einer solch lächerlichen Tätigkeit hatte hinreißen lassen. Eigentlich hatte Mr Harrison gar nicht mal so Unrecht. Halloween war purer Aberglaube! Und ausgerechnet damit hatte Mrs Lovett es geschafft, ihm ihre Gesellschaft aufzuzwingen.
Verärgert holte Sweeney aus und stach in die Rübe. Anstatt sich jedoch darum zu kümmern, was für eine Fratze er hätte hinein schnitzen können, wanderte sein Blick über die Rübe hinweg zu Mr Harrsion und Mrs Lovett. Noch immer waren beide in einen Plausch vertieft, dessen einziger Zweck es war, einen möglichen Tod von Mr Harrison zu verhindern.
Schweigend beobachtete Sweeney sie eine Weile lang, dann schenkte er der Rübe seine Aufmerksamkeit und ritzte lustlos mit dem Küchenmesser eine grausige Grimasse hinein, die er – je mehr Zeit verstrich – immer mehr entstellte.

Irgendwann war Mr Harrison gegangen, weitere Kunden bedient und Sweeneys Geduld endgültig erschöpft. Mrs Lovett schloss gerade das Geschäft, als er sich geräuschvoll erhob. Von dem Laut aufgeschreckt, drehte sie sich in seine Richtung.
„Mr T, Sie gehen schon?“
Wortlos starrte er sie an. Sein Blick sprach Bände. Dann wandte er sich ab.
„Ihnen ist doch hoffentlich bewusst, dass Sie Mr Harrison unmöglich hätten umbringen können“, erwiderte Mrs Lovett trocken, wobei sie jedoch darauf achtete so leise zu reden, dass Toby nichts von ihrem Gespräch mitbekam. Sie konnte sich denken, was für ein Anlass Sweeneys miserable Laune noch weiter verschlechtert hatte.
„Er hätte es verdient…“
„Das mag ja sein“, fuhr Mrs Lovett unbeirrt fort, „dennoch wäre sein Verschwinden viel zu auffällig gewesen…“
Eine kurze Pause trat ein, in der beide die Folgen einer solch unbedachten Tat vor Augen hatten, bis Mrs Lovett erneut die Stille durchbrach: „Und Sie wollen wirklich nicht bleiben, Mr T? Sie könnten doch noch eine zweite Jack O‘ Laterne machen. Bei all den übelgesinnten Verstorbenen an Halloween werden Sie mehrere sicher gut gebrauchen können.“
„Halloween also“, brummte Sweeney lakonisch und schnaubte verächtlich. „Ich hätte nicht erwartet, dass Sie sich solchem Aberglauben hingeben, meine Gute.“
„Ein Kunde hat mich vor wenigen Tagen darauf angesprochen und ich dachte mir, dass sich das alles durchaus interessant anhörte – zum Vergnügen versteht sich“, erklärte Mrs Lovett, als müsste sie sich rechtfertigen. Bloß wofür? Es war aber ohnehin vergebens gewesen. Sweeney hatte längst nicht mehr zugehört, sondern war zur Treppe gegangen, hinauf in seinen Barbier Salon.

Seufzend ließ Mrs Lovett ihren Blick auf der Stelle ruhen, wo Mr Todd kurz zuvor noch gestanden hatte und sah sich schließlich in der Küche um, bis sie auf die Rübe aufmerksam wurde, die sie dem Barbier in einem verzweifelten Versuch, ihn von seinen Mordgedanken abzubringen, vor die Nase gestellt hatte. Mit unterdrückter Neugierde ging sie zu dem Tisch und betrachtete Mr Todds Werk. Es war ein Werk der Zerstörung.
Ein Anflug von Unbehagen beschlich Mrs Lovett beim Anblick der völlig zugrunde gerichteten Grimasse. Drückte diese schon, anders als bei denen von Toby, abgrundtiefe Boshaftigkeit aus, so waren es die zusätzlichen Schnitzer, welche all das noch betonten und dem Ganzen die schaurige Note verliehen. Es war nämlich nicht willkürliche Zerstörung, die sich darin abzeichnete, sondern sie war beabsichtigt und machte es erst beängstigend…

Sweeney indessen kehrte missgelaunt in seinen Barbier Salon zurück, in dem nun wieder eine angenehme Wärme herrschte. Dem Barbier war das jedoch egal. Ohne dieser auch nur die geringste Beachtung zu schenken, ließ er sich in seinen Rasierstuhl fallen. Wäre es anders gekommen, säße jetzt Mr Harrison an seiner Stelle!
Für einen kurzen Moment hielt Sweeney in seinem Denken inne. Ein Plan war diesem einen Gedanken gefolgt, den er noch nicht gänzlich zu fassen vermochte. Und dann schien es, als breche ein Damm ein. Plötzlich schlugen all die belanglosen Gedanken, die er sonst immer zurückgedrängt hatte, über ihn zusammen. Unruhig zuckten seine Augen hin und her, durchstreiften den heruntergekommenen Raum, auf der Suche nach etwas ganz Bestimmtem, während sich allmählich entscheidende Worte aus dem Chaos in seinem Kopf lösten: Mr Harrison … Tod … Mrs Lovett … Verstorbene … - … Halloween…
Sweeneys Blick blieb an den alten Bodendielen hängen. Ein zufriedenes Grinsen huschte über sein Gesicht. Er hatte den Plan gefasst.