Die Allianz - Im Korridor der Sterne

GeschichteAbenteuer / P12
26.10.2009
12.05.2012
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Prolog:
„Es  heißt, vor eintausend Jahren lag diese Region der Galaxis im ewigen Kampf. Menschen und Außerirdische brachten Tod und Elend übereinander und eine friedliche Koexistenz schien unmöglich. Dann aber kam Paladin Darshol, einigte die Menschen unter einer gemeinsamen Idee der Wehrhaftigkeit und Güte und schloss Frieden mit den Außerirdischen.
Heutzutage ist nichts mehr davon übrig. Aus dem Reich der Güte ist das Imperium Darshol geworden, das den Namen seiner Gründerin als Legitimation missbraucht und die Freiheit seiner Bürger in den Dreck tritt. Einzig die Allianz, ausgerechnet die Allianz, in der Menschen und Aliens eine friedliche Koexistenz leben, hält die alten Ideale des Paladins hoch. Wir hingegen degradieren uns selbst zu Maschinen und werden zum Hass auf die und zur Angst vor den Außerirdischen erzogen, damit wir die Wahrheit nicht sehen.”
(Dissidenten-Gerede, protokolliert auf Pocca, Quatzlochetl-System)

***

Amüsiert sah Morten Clancy von California dabei zu, wie seiner Schwester Anastasia Veronique die langen, rotblonden Haare zu einer kunstvollen Hochfrisur zusammen gesteckt wurden.
Anastasia quittierte das mit einem bösen Blick, der überhaupt nicht zu dem hübschen Gesicht passen wollte. „Du nervst“, fuhr sie ihn an.
„Nerve wirklich ich, oder doch eher das Ballkleid und die Frisur?“, fragte er schmunzelnd.
Anastasia seufzte schwer. „Du hast mich erwischt. Ballkleid und Frisur natürlich. Oh, ich hasse das. Warum muß ich mich so aufdonnern lassen? Warum muß ich die gesamte Allianz repräsentieren? Und warum wirst du nicht in so ein unförmiges Ding gesteckt?“
Morten unterdrückte ein Glucksen und warf der kleinen Schwester einen freundlichen Blick zu. „Erstens, ich muß hier rumlaufen wie ein Weihnachtsbaum, den man mit Lametta behängt hat“, spielte er auf seine dunkelblaue Ausgehuniform der Dritten Flotte und die zahlreichen Ordensbänder und Kampagnenabzeichen an, „und zweitens, sei doch ehrlich. So ein Festkleid steht dir nun mal eindeutig besser als mir.“
„Du hast gut reden, du musst es ja auch nicht tragen“, erwiderte Anastasia verärgert.
„Bitte haltet still, Hoheit“, zischte die Friseurin wütend. „Sonst wird das hier ein schlimmeres Durcheinander als die Regierungsarbeit im Imperium Darshol.“
Morten schmunzelte. Anastasia ergab sich mit einer wegwerfenden Handbewegung.
„Es ist ungerecht“, nahm Anastasia den Faden wieder auf. „Du drückst dich dein Leben lang vor der Aufgabe, unsere Familie zu repräsentieren, und wenn du dann mal hier bist, erlaubt dir Vater auch noch im Hintergrund zu bleiben.“
„Dafür habe ich auch ein Feldkommando“, brummte Morten amüsiert. „Ich stehe mit der Dritten Flotte jederzeit bereit, um ein Auge auf das Imperium Voral zu haben. Du weißt, die Aliens sind uns an Truppen und Schiffen weit überlegen, und nur unsere überlegene Militärtechnik hält sie von militärischen Abenteuern ab. Meistens, jedenfalls.“
„Ich weiß, ich weiß. Du riskierst jeden Tag dein Leben. Theoretisch zumindest, solange die Voraler nicht wirklich einen Angriff riskieren.“ Anastasia sah ihren Bruder vorwurfsvoll an. Die Kopfbewegung schien der Friseurin überhaupt nicht zu gefallen.
„Du vergisst Darshol, Schatz“, meldete sich eine vierte Stimme zu Wort, die Geheimdienstoffizierin Riad Satora und Anstasias Leibwächterin gehörte. „Dieses diktatorisch regierte Menschenimperium ist in diesen Tagen so instabil, dass ein Bürgerkrieg ohne weiteres auch auf unsere Republik oder die assoziierten Systeme übergreifen könnte.“
„Musst du ihm auch noch helfen, Riad?“, beschwerte sich die junge Frau.
Hauptmann Satora zuckte mit den Achseln. „Du bist ungerecht. Und ich kann ihn einfach nicht leiden sehen, Ana.“
Morten grinste der jungen Frau vom Geheimdienst zu und zwinkerte.
„Was macht eigentlich dein Studium, Schwester?“
Anastasia sah aus den Augenwinkeln zu Morten herüber. „Seit wann interessiert dich mein Studium? Du schwebst doch in ganz anderen Sphären, seit du dein eigenes Schiff in der Flotte bekommen hast. Wem musstest du denn so in den Arsch kriechen, um…“
„Ana!“, rief Riad entrüstet herüber. „Du weißt genau, dass Morten niemals Privilegien angenommen hat, nur weil er aus der Familie des Prinzen stammt. Und er hat nie etwas anderes akzeptiert als die Früchte seiner harten Arbeit! Er trägt nicht einmal wie eine gewisse junge Dame den Titel eines Prinzen, beziehungsweise einer Prinzessin, obwohl er es dürfte.“
„Bist du jetzt auch schon gegen mich?“, fuhr Anastasia ihre Leibwächterin an.
„Danke für deinen Beistand, Riad“, bemerkte Morten amüsiert. „Und wegen der Beförderung zum Major rede ich nachher mit Dad.“
„Morten!“, beschwerte sich Riad Satora mit gespieltem Ärger.
Der Erbe des höchsten Amts der Allianz hob abwehrend die Arme. „Nur ein Scherz, nur ein Scherz.“

„Apropos Scherz. Warum kommst du eigentlich urplötzlich zu einem dieser langweiligen Tanzabende? Ansonsten bist du doch froh, wenn du dich in der Dritten Flotte rum treiben darfst und vom gesellschaftlichen Leben nichts mitkriegst, bis Vater abtritt und du deine Prüfungen ablegen musst. Du hast dir sogar einen Vollbart wachsen lassen, entgegen der aktuellen Mode“, brummte Anastasia ärgerlich. „Wahrscheinlich, um dich noch besser zu verstecken.“
„In der Mode kennst du dich sicher besser aus als ich, Ana-Schatz“, neckte Morten seine kleine Schwester. Er seufzte leise. „Nun lass mir doch das bisschen Freiheit. Wenn Vater in zwanzig oder dreißig Jahren abdankt, dann ist das schöne Leben für mich vorbei. Im Moment habe ich die direkte Verantwortung für einen Zerstörer der Essex-Klasse und dreihundert Leben. Aber wenn Vater in den Ruhestand geht und ich die Eignungsprüfungen des Parlaments für das Prinzenamt bestehe, dann bin ich verantwortlich für siebzig Milliarden Bürger der Allianz und für hundertvierundzwanzig Sonnensysteme, neun Rassen und siebzig Religionen. Und da sind ja auch noch die achtundvierzig assoziierten Systeme mit weiteren drei Milliarden Bürgern. Denkst du nicht, du kannst es ertragen, ab und an mal hübsch auszusehen und die Familie zu repräsentieren, während ich den spärlichen Rest an Freizeit genieße, den mir mein Kommando lässt? Vergiss nicht, ich bereite mich auch auf mein kommendes Amt vor.“
Anastasias Blick trübte sich. Das Prinzenamt, die höchste Exekutive, wurde nach dem Champion-Prinzip vergeben; der fähigste Mann oder die fähigste Frau sollte den Staat anführen. Zwar war der Titel erblich, und die von Californias hielten ihn seit der Gründung der Allianz zusammen mit dem Ehrentitel des Prinzen für den Champion und seine Familie. Aber das Parlament war bekannt dafür, den Nachfolger des Prinzen hart zu prüfen, bevor er das Amt antreten konnte. Es war zwar noch nie vorgekommen, aber das Prinzenamt konnte auch auf eine andere Familie übergehen, falls die von Californias eines Tages keinen fähigen Nachfolger stellen konnten.
„Tut mir Leid, großer Bruder. Ich vergesse hier immer, wer mal Vaters Nachfolger werden soll. Es ist nur so, ich bin hier am Gängelband der Medien, ich bin das hübsche Vorzeigeobjekt. Und du kannst etwas tun, was dir etwas bedeutet und Spaß macht. Eigentlich habe ich hier nur Riad als einzigen Freund.“
Morten runzelte die Stirn. „Hm? Was ist denn mit diesem Jason Nekaris, mit dem du ausgegangen bist?“
Riad räusperte sich vom Eingang her. „Nekaris wurde aus dem Palast entfernt, nachdem ich ihm den Unterarm gebrochen habe. Er hatte etwas merkwürdige Vorstellungen darüber, wer Anastasia eigentlich ist. Oder vielmehr was.“
„Dann bist du also wieder frei und ungebunden? Na, der Schwachkopf war auch nichts für dich. Hat nicht mal die Aufnahmeprüfung für die Flottenakademie geschafft“, brummte Morten zufrieden.

„So, fertig.“ Stolz betrachtete die Friseurin ihr Werk. „Ein Wunder, dass daraus etwas geworden ist, so wie Ihr herum gezappelt habt, Hoheit.“
„Tut mir leid, Sara“, murmelte die junge Frau zerknirscht.
Anastasia sah in den großen Spiegel. Sie musste zugeben, ihr rotblondes Haar war wirklich gut arrangiert worden. Und sie machte das, was Vater von ihr verlangte: Einen wirklich guten Eindruck. Es fehlte nur noch das Make-up.
Riad näherte sich mit raschelndem Ballkleid. Das war Anastasias wichtigster Trost. Egal, was sie tat, ihre Freundin und Beschützerin war immer bei ihr.
„Du siehst gut aus, Schatz“, bemerkte die Frau vom Hozarius-Sternhaufen anerkennend. „So kannst du dich wirklich da draußen blicken lassen und ein paar Millionen Männern den Kopf verdrehen.“
Sie lächelte zu Riad hoch. „Na, vielleicht ist bei denen mal einer dabei, der was taugt.“
Riad Satora zwinkerte der Prinzessin zu. „Wie auch immer, ich werde es für dich heraus finden.“
Morten grinste breit. „Ich sehe, Ihr seid bereit für die Schlacht. Wir sehen uns im Ballsaal auf dem Balkon. Vater und Admiral Torakesch wollen was mit mir besprechen.“
„Moment!“, beschwerte sich Anastasia entrüstet. „Heißt das, du hockst die ganze Zeit mit Vater und Onkel Norato zusammen, während ich wieder die Tanzpuppe spielen muß? Ich dachte, du würdest heute auch mal etwas tun. Wozu bist du sonst her gekommen?“
Morten lächelte leicht. „Ein Freund von mir ist heute hier. General Stahnke wechselt zu einem der assoziierten Systeme. Ich möchte ihm alles Gute bei diesem wilden Haufen wünschen. Ich kenne die Assoziierten ja recht gut. Seit meiner eigenen Zeit auf New Plymouth weiß ich, was ihn erwartet.“
„Schon gut, schon gut.“ Anastasia winkte gönnerhaft ab. „Geh und tu was immer du willst. Ich lenke inzwischen die Massen ab. Aber versprich mir wenigstens, dass du bald jemanden findest, den du heiraten wirst. Sonst muß ich das ja auch noch übernehmen und selbst heiraten.“
Morten trat neben seine Schwester und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sein Lächeln war freundlich und warm. „Wer weiß, wer weiß. Ich habe da tatsächlich schon jemanden im Auge.“
Der Nachfolger von Prinz Jordan wandte sich der Geheimdienstoffizierin zu. „Riad, pass gut auf sie auf, bitte.“
Hauptmann Satora zuckte mit den Schultern. „Zu was anderem komme ich doch gar nicht.“
„Gut zu wissen“, erwiderte Morten, nickte den Anwesenden noch einmal zu und verließ den Raum.
Auch wenn Anastasia es nicht gemerkt hatte, ihr Bruder hatte ihr gerade ein Versprechen gegeben. Und bei allen Religionen, die es in dem Vielvölkerstaat der Allianz gab, er würde versuchen, es zu halten. Für seine kleine Schwester.

1.

„Wie lange noch?“
Oberleutnant Samantha Deloris sah von ihrer Arbeit auf und warf ihrem Vorgesetzten einen bösen Blick zu. „Wenn Sie nicht immer fragen würden, wie lange es dauert, wäre ich wahrscheinlich schon fertig, Herr Major.“ Wütend nestelte sie an dem Wassereimer herum. Beinahe wäre sie auch noch auf den kleinen Sensor getreten, was dem Störenfried einen weiteren bösen Blick eintrug.
„Ich habe verstanden“, murmelte Daniel Parker und schlich auf leisen Sohlen aus dem Zimmer.
Draußen erwartete ihn Hauptmann Virginia Candrall. „Wie lange braucht Sam denn noch für die Konstruktion?“, fragte sie nervös.
Major Parker unterdrückte ein Auflachen. „Eine Stunde. Höchstens.“
Candrall seufzte erleichtert. „Das ist genau im Zeitplan. Wir können es schaffen.“
„Oh, das will ich doch hoffen. Sie wissen, was Sie sagen sollen, falls die Wache Sie erwischt?“
Virginia nickte. „Ich berufe mich auf den Offizierskodex des New Plymouth Corps.“
„Gut. Bleiben Sie weiter im Vorraum und geben Sie Sam Deckung. Ich muß mich jetzt im Erdgeschoß im Ballsaal blicken lassen.“
Der Hauptmann musterte den Major genauer. „Moment, Sir, die Borten auf der linken Schulter haben sich verdreht.“
„Danke. Noch was?“
„Ja, die Tränen von St. Joseph und ein paar Auszeichnungen fehlen. Außerdem vermisse ich den Parlamentsorden.“
Dan Parker strich sich durch sein kurz geschnittenes braunes Haar. „Virgie, ich will da unten doch nur gesehen werden und nicht auffallen. Wenn ich mit dem zweithöchsten Orden des Staates aufkreuze, wird mir das wohl nicht gelingen. Geschweige denn, wenn ich die Tränen trage.“
„Oh, verstehe. Na dann viel Spaß. Vielleicht haben Sie Glück, und der Prinz gestattet Ihnen einen Tanz mit seiner Tochter Anastasia.“
In gespielter Empörung riss der Major die Augen auf. „Bei der Schlacht von St. Patrick, wollen Sie, daß ich eingekerkert werde, weil ich der Prinzessin auf die Füße gestiegen bin?“
„Na, na, so schlimm wird es schon nicht“, lachte die Frau und gab ihrem Vorgesetzten einen Klaps auf den Rücken. „Nun aber viel Spaß. Wir werden die Falle dann für Zwei-Vierhundert installiert haben. Danach bleiben uns noch zwanzig Minuten, um zum Raumhafen zu kommen. Eine Fähre der STERNENSÄNGER wird uns dort aufnehmen.“
„Kompliment. Das haben Sie gut arrangiert, Virgie. Wenn Sie Ihre Kompanie nur ebenso gut im Griff hätten...“
„Sir...“, tadelte sie ihren Vorgesetzten grinsend.
„Was?“, meinte Parker mit Unschuldsmiene. Kurz darauf trat er auf den leeren Gang hinaus.

Leise schlich Dan den Gang entlang. Die internen Sicherheitssensoren hatten sie abgeschaltet. Die einzigen Sensoren die er zu fürchten hatte waren die spitzen Ohren der Prinzengarde. Doch er hatte Glück. Er erreichte den Treppenaufgang, ohne entdeckt zu werden. Hierher mündete auch der Gang, der in den Flügel des Palastes führte, in dem sein Quartier und die seiner beiden Offiziere lagen. Ab hier war die Vorsicht passé.
Schnell warf Dan noch einen letzten Blick in den nächsten Spiegel. Er trug die weiße Ausgehuniform mit den himmelblauen Aufschlägen und der himmelblauen Hosenlitze des New Plymouth-Corps. Die goldenen Knöpfe und die beiden zweistelligen Goldziffern an seinem Kragen waren auf Hochglanz poliert. Die rechte Ziffer, eine neunzehn wies ihn dem 19. Schweren Regiment zugehörig aus. Die linke, eine null und eine eins, bezifferte seine Stammkompanie. Die 1. Kompanie gehörte zum Ersten Bataillon. Sie war die einzige Einheit des Regiments, die nach den Kämpfen auf St. Joseph nicht hatte neu ausgehoben werden müssen. Auf den linken Oberarm hätten eigentlich noch die Tränen von St. Joseph gehört. Es war eine Schande, sie nicht mit Stolz zu tragen, aber an diesem Abend musste er auf sie verzichten.
Die Schultern zierte ein silberner Stern, das Rangabzeichen für einen Major der Bodentruppen der Assoziierten Staaten.
Auf der Brust hingen sechs Orden, blaue Schuhe komplettierten die Uniform.
Genug, um im Palast des Prinzen Jordan von California, Oberhaupt der Allianz, etwas Aufmerksamkeit zu erregen. Es war wichtig, daß man ihn bemerkte. Jemand, der im Ballsaal war, konnte nicht gleichzeitig in den Quartieren sein und eine Tauffalle installieren.
Ein letztes Mal strich er sich durch das militärisch kurz geschnittene Haar und betrachtete seine linke Wange. Seit der Sache auf St. Joseph trug er jetzt diese verdammte Narbe im Gesicht, ein Überbleibsel der biologischen Waffen, denen er ausgesetzt gewesen war. Das Ding war nicht gerade hübsch, aber Dan hatte irgendwie Gefallen an der dünnen, fingerlangen weißen Linie gefunden, die quer über die linke Wange führte.
Schade, daß sie mit den nächsten zwei Behandlungen verschwinden würde. Vielleicht sollte er sie behalten, denn die Narbe erinnerte ihn an St. Joseph, mehr als es die Tränen jemals konnten. Und sie ermahnte ihn, nicht denselben Fehler ein zweites Mal zu machen.

Noch bevor Dan den zweiten Stock verlassen hatte, scholl ihm Musik entgegen. Walzer. Oh, er hasste es zu tanzen. Er war einfach nicht gut in dieser Disziplin.
Die Wachen vor dem Ballsaal ließen ihn anstandslos ein. Zweifellos wurde er aber gerade auf dreißig verschiedene Methoden durchleuchtet, analysiert und psychologisch beurteilt. Nur ein Verdachtsmoment hätte wahrscheinlich ausgereicht, um die zehn Männer und Frauen in den protzigen schwarzroten Uniformen mit den pechschwarzen Funkhelmen und den zeremoniellen Gewehren misstrauisch zu machen.
Die Prinzengarde bestand aus Soldaten, die den Infanteristen der STERN VON CALIFORNIA, dem Flaggschiff der Ersten Flotte in Nichts nachstanden. Gerüchteweise tauschten beide Einheiten des Öfteren Soldaten aus, damit beide Truppen auf einem hohen Ausbildungsstand blieben.
Dan blieb stehen. Das würden die Computer garantiert als ungewöhnliches Verhalten interpretieren. Einige der Gardisten beäugten ihn bereits misstrauisch, ein knapper Befehl des kommandierenden Offiziers über den Funkhelm hätte ausgereicht und Dan wäre in den Genuss der Erfahrung gekommen, wie primitiv die Hinterladergewehre der Wachtposten wirklich waren.
Doch er konnte nicht anders. Im Vorraum des Saals hing ein Gemälde. Es war ein Ganzkörperportrait im Maßstab zwei zu eins. Der Porträtierte war unschwer als Californiageborener zu erkennen, die etwas geringere Gravitation von null neun zwei vom Standard auf den Schiffen der Flotte sorgte für einen schlanken Wuchs.
Dieser Mann besaß ihn. Er war vielleicht dreißig, hatte brandrotes Haar mit einem leichten Goldstich, ein freundliches Gesicht mit warmen, blauen Augen, einer Nase, die den Namen Zinken wohlverdient hatte und schmalen Lippen, die irgendwie verkniffen in dem sonnengebräunten Gesicht wirkten. Seine Züge waren kantig, das kräftige Kinn tat ein Übriges. Alles in allem sah er wie der Prototyp des freundlichen Vorgesetzten aus, dem man das Leben seiner Lieben ohne zu zögern anvertraute.
Er trug die gleiche Uniform wie Dan, aber sie war dunkelblau. Und auf seiner Brust prangten über zwanzig Orden. Außerdem waren die Nummern an seinem Kragen silbern, nicht golden. Die drei silbernen Kometen auf der Schulter wiesen ihn als Generalleutnant aus.
Der Hintergrund war purpurn. An der rechten Kante des Bildes hing ein tiefschwarzer Trauerflor. Unter dem Gemälde war ein Metallplättchen befestigt.
Generalleutnant Maris von California, designierter Prinz der Allianz.
2. 9. 3744 bis 14. 2. 3788. Gefallen bei der Verteidigung von St. Joseph, Assoziierte Staaten.

Einen Moment musste Dan mit den Tränen kämpfen. Unbewusst strich er sich wieder über die Narbe. 3788... War es wirklich schon sieben Jahre her?
Abrupt wandte er sich ab. Das war Vergangenheit. Eine Ewigkeit her. Er lebte im Heute, nicht im Gestern. Und egal, wie sehr er sich auch quälte, was geschehen war konnte er nicht mehr rückgängig machen, so sehr er dies auch wünschte.

***

Der Ball war wie immer das Übliche. Vierhundert ausgewählte Gäste aus der Elite Californias gaben sich ein Stelldichein, dazu kamen drei bis vier Dutzend hoch dekorierte Frontoffiziere, von denen nicht wenige nun einen ruhigen Posten im Kerngebiet der Allianz hatten und ihre Orden aus vergangenen Zeiten polierten.
Gewiss, zu Zwecken der Repräsentation war es wichtig, diese gesellschaftlichen Highlights zu veranstalten, auch wenn Anastasia den Eindruck hatte, bei diesen Anlässen stets nur dieselben Gesichter zu sehen, und lieber hätte sie sich auf ihre Studien zur Kultur der Parhter gestürzt, anstatt den Abend mit tonnenschwerer Hochfrisur und viel zu engem Ballkleid zu verbringen. Aber es half alles nichts. Sie war die Tochter vom Eisernen Jordan, nach ihrem älteren Bruder Morten die nächste in der Nachfolge um das Prinzenamt. Sie musste die regierende Familie der Allianz repräsentieren, während ihr großer Bruder sich einen Namen bei der Flotte machte – und  mehr Freiheiten genoss als sie.
Anastasia Veronique von California seufzte viel sagend. Wenn der Abend doch wenigstens vorüber ging, ohne daß ihr jemand beim tanzen auf die Füße trat, war sie ja schon zufrieden.

Jordan sah sie besorgt an. Er kannte seine Tochter genau, vor allem ihren Dickkopf.
Anastasia lächelte ihm beruhigend zu. Ihr Vater lächelte zwar zurück, aber er hob auch den Zeigefinger und winkte verneinend.
Mist, es wurde also nichts daraus, daß sie den Ball früher verließ. Wenn sie sich doch wenigstens mit dem parhtischen Botschafter hätte unterhalten können, um mehr über dieses Alienvolk zu erfahren, die direkte Nachbarn der Allianz waren, das hätte den Abend versüßt. Aber nein, alles was sie heute tun musste war tanzen, tanzen, tanzen. Niedlich lächeln, den Herren Komplimente machen und hübsch aussehen. Passierte hier denn nie etwas Aufregendes? Selbst die Vorlesungen bei Professor Hardin an der California Universität waren interessanter als das hier.
Am meisten frustrierte sie der Altersdurchschnitt. Mit zweiundzwanzig lag sie gute hundertzwanzig Jahre drunter. Okay, vielleicht nur hundertzehn.
Verstohlen sah sie ihren Bruder Morten an. Er saß zwischen ihrem Vater und einem Offizier der Landungstruppen im Range eines Brigadegenerals. Das musste dieser Stahnke sein, von dem Morten ihr vorhin erzählt hatte. Er wechselte mit ihrem Bruder ein paar Worte. Morten lachte kurz auf und zwinkerte dann seiner Schwester zu. Ja, er hatte heute Abend seinen Spaß, stellte sie ärgerlich fest. Und im Gegensatz zu ihr würde er nicht ins Rampenlicht gerückt werden. Dafür würde die Regie schon sorgen.

Oh nein, der Walzer war zu Ende. Wenn sie Pech hatte, würde sich nun einer der Herren verpflichtet fühlen, sie für den nächsten Tanz aufzufordern. Ihr Blick glitt über den Ballsaal. Er war hundert Meter lang und fünfzig breit. Die Höhe betrug elf Meter. Riesige Spiegel schmückten die hohen Wände. Etwa in drei Meter Höhe verlief ein Balkon, der sechs Meter in den Saal ragte. Von der Decke hingen zwanzig riesige Kronleuchter herab. Irgendjemand hatte ihr mal weismachen wollen, daß die Edelsteine, aus denen sie bestanden echt waren.
Sie selbst saß an einem Tisch der Nordbalustrade, die dem Prinzen, seiner Familie und seinen persönlichen Gästen vorbehalten war. In der von ihr aus gesehen linken hinteren Ecke befand sich der Orchestergraben, wie das Podest für die Musiker oft liebevoll genannt wurde. Und ihr direkt gegenüber war das Haupttor. Es maß sechs Meter in der Höhe und jeder Flügel war gute vier Meter breit. Über dem Tor hing ein Holoschirm, auf dem Bilder der allgegenwärtigen Kameras projiziert wurden.
Das war das größte Übel. Auf solchen Anlässen hatte man im Saal nicht den Hauch einer Privatsphäre. Alles, was die Kameras aufnahmen, wurde vom Palastregisseur zusammengemixt und anschließend in der gesamten Allianz verbreitet.
Wieder seufzte sie. Und da im Moment alles innerhalb der Grenzen des Reiches – und zwar wirklich alles – ruhig war, saßen bestimmt mindestens die Hälfte der siebzig Milliarden Bürger der Allianz vor ihren Holoschirmen und verfolgten das gesellschaftliche Ereignis des Monats. Also lächeln, immer schön freundlich lächeln.
„Mach nicht so ein Gesicht“, ermahnte Riad Satora die Freundin. „Wenn du noch gequälter guckst, sackt die Börse Californias auf ein neues Rekordtief ab.“
Anastasia warf der Freundin einen schiefen Blick zu. „Du hast leicht reden. Auf dich sind keine zwanzig Kameras gerichtet.“
„Nein“, konterte sie leise, „nur vierzehn, wenn ich Harry bei der Vorbesprechung richtig verstanden habe.“
Anastasia ergab sich resignierend und zuckte mit den Schultern. Also setzte sie das beste Lächeln auf, das sie zustande bekam und ließ ihren Blick durch den Saal gleiten.

Was war das? Das Gesicht war neu. Nicht, daß sie sich jedes Gesicht gemerkt hätte, daß sie schon in diesem Saal gesehen hatte. Es war nur so, daß keiner der Offiziere im Saal eine schneeweiße Uniform mit himmelblauen Aufschlägen trug. Die meisten trugen schwarz, grau oder dunkelblau. Damit stach er bereits deutlich aus der Masse der Uniformen hervor. Gerade, weil die Anzüge der anderen männlichen Gäste Rottöne, Schwarz und dunkelblau favorisierten.
Entweder war der Kerl ein Militärattaché eines Nachbarstaates, oder er gehörte den assoziierten Systemen an.
Anastasia benutzte ihre Zierbrille. Nicht, daß sie das hässliche Ding wirklich brauchte, aber es hatte ein paar nette technische Gimmicks. Unter anderem eine zwanzigfache Vergrößerung. Hübsch war er nicht gerade, aber hässlich auch nicht. Der silberne Stern auf der Schulter wies ihn als Major der assoziierten Streitkräfte aus, also war ihr zweiter Gedanke richtig gewesen.
Er hatte eine dünne, aber ziemlich hässliche Narbe auf der linken Wange, und das im Zeitalter ambulanter Chirurgie. Exzentrisch? Hm. Das machte ihn nur noch interessanter für Ana. Außerdem trug er nur ein Drittel der Zahl an Orden, die in diesem Saal inoffiziell als das Minimum galt und nur die Hälfte dessen, die er mit seinem Rang mittlerweile erworben haben musste. Sehr verdächtig.
Unauffällig hob sie ihr Armband mit dem integrierten Kommunikator an den Mund. „Harry?“
„Was kann ich für Euch tun, Hoheit?“, erscholl es aus dem kleinen Lautsprecher in ihrem Ohrring. Harry war der Regisseur des heutigen Abends. Sie kannte den Mann nun schon, seit er ihre ersten Gehversuche gesendet hatte. Er hätte ein Freund sein können, wenn er das nicht immer abgelehnt hätte. Harry hatte eine sehr gute Ausrede dafür. Er meinte immer, daß die Prinzen-Familie das Produkt war, das er verkaufen musste. Wenn er sich zu sehr mit diesem Produkt einließ, konnte er es nicht mehr optimal in Szene setzen.
Anastasia betrachtete ihn dennoch als Freund. Als Freund, der ihr keine Bitte abschlagen konnte. „Harry, haben Sie Zugriff auf meine Lorgnette?“
„Jetzt ja, Hoheit.“
„Können Sie mir sagen, wer der Mann in der weißen Uniform ist?“
„Aber ja, Hoheit. Es dauert nur einen Moment. Soll ich Ihnen die Daten auf den Holoschirm projizieren?“
Das war eine übliche Methode in der Allianz. Statt bei steifen gesellschaftlichen Anlässen jede Person einzeln anzukündigen wurde eine kurze Biographie auf dem Holoschirm dargestellt. „Ich bitte darum.“

Das Bild auf dem Schirm wechselte. Hatte es zuvor noch Justizminister Ward beim Gespräch mit dem parhtischen Botschafter gezeigt, wechselte es nun in eine biographische Datei nebst Foto.
Name, Alter, Truppenzugehörigkeit, Karriereverlauf, besondere Auszeichnungen, Familienstand - diesem Punkt galt ihr erster Blick - und seine Heimatwelt.
Beinahe hätte Anastasia anerkennend gepfiffen. Was für ein Bild für die Massen. Die ewig kontrolliert auftretende Prinzessin der Allianz pfiff einem Mann hinterher.
Major Parker von New Plymouth hatte anscheinend seine wichtigsten Orden daheim gelassen. Er war interessant, sogar sehr interessant. Wollte er nicht auffallen, indem er nicht mit seinen Orden protzte? Oder wollte er auffallen, indem er vorgab, nicht aufzufallen? Oh ja, er war eine genauere Untersuchung wert.
Riad erhob sich seufzend. „Die Arbeit ruft anscheinend. Gib mir fünf Minuten, ja, Schatz?“
Anastasia hörte kaum hin und nickte mechanisch. „Ist gut, Riad.“

***

„Sie gehören dem Veteranencorps von New Plymouth an?“
Dan wirbelte herum. Die junge Frau, die ihn von hinten angesprochen hatte, lächelte verlegen. „Entschuldigen Sie, ich war unhöflich. Ich habe nur eben Ihre Biographie auf dem Holoschirm gesehen und...“
„Holoschirm?“, kam es bestürzt vom Major.
Die Frau legte die Rechte vor dem Mund und kicherte. „Der Holoschirm über dem Eingang. Ihre Biographie wurde darauf projiziert. Haben Sie denn noch nie eine Übertragung aus dem Ballsaal im Holovid gesehen, Herr Major?“
Dans Blick ruckte zum Eingang. Dort wurde gerade der parhtische Botschafter im Gespräch mit der Ministerin für Verteidigung gezeigt. „Da oben?“, zweifelte er.
„H-hm“, machte die junge Dame und kicherte wieder. „Erschreckt Sie das?“
„Ein wenig, wenn ich ehrlich bin. Ich bin soviel Aufmerksamkeit nicht gewohnt.“ In Gedanken fügte er hinzu: Soviel zum Thema nicht auffallen.
„Es ist wirklich nicht jedermanns Sache“, gab seine Gesprächspartnerin zu. „Aber man gewöhnt sich dran. Verzeihen Sie, ich bin immer noch unhöflich. Ich bin Riad Satora.“
„Sehr erfreut. Major Daniel Parker.“ Dan knallte die Hacken zusammen. Das gehörte eigentlich nicht zu den Gepflogenheiten des Allianz-Militärs, aber Zivilisten mochten, ja erwarteten dieses martialische Gehabe manchmal. „Äh, mein neuer Regimentskommandeur wurde gestern vom Prinzen ernannt. Ich wurde von New Plymouth geschickt, um ihm die Glückwünsche des Corps zu überbringen.“
Riad lächelte freundlich.
Daniel hätte drei seiner Orden darauf verwettet, daß sie von den Welten der Hozarius-Sternenballung kam. Das würde die violetten Haare und die pechschwarze Iris erklären. Der dunkle Teint musste nicht unbedingt von den starken Strahlen der blauen Riesensonnen stammen. Das erledigte jedes Solarium billiger und schneller.
„Das ist erfreulich. Das bedeutet, daß Sie Gelegenheit haben, meinen Auftritt zu bewundern.“
„Ach, Sie sind Musiker?“
Ihre schwarzen Augen funkelten spöttisch, als sie antwortete. „Fast. Musik ist mein Hobby. Jordan hat mich... Verzeihen Sie, der Prinz hat mich gebeten, heute für ihn auf der Sphera zu spielen.“
Dan pfiff anerkennend. „Elektrisch?“
„Banause“, schalt sie ihn grinsend. „Natürlich nicht.“
„Auch gut.“ Er zuckte die Achseln. „Verzeihen Sie mir, aber für die klassische Sphera habe ich nicht soviel übrig.“
„Ich verzeihe Ihnen. Und ich verspreche Ihnen etwas. Wenn Sie die Sphera heute gehört haben, werden Sie anders reden.“
Er runzelte die Stirn. „Wieso? Sind Sie so gut?“
„Zweifeln Sie daran, Herr Major?“, neckte sie ihn.
„Sagen wir, ich bin... objektiv. Ich verschiebe mein Urteil auf nachher, okay, Riad?“
„Okay. Kann ich etwas für Sie spielen?“
„Oh, ich komme gerne darauf zurück“, erwiderte Daniel höflich. So weit wollte er sich nun doch nicht aus dem Fenster lehnen und sich etwas für die klassische Sphera wünschen.
„Okay“, erwiderte Riad. Darauf schwiegen sie beide, für eine peinlich lange Zeit.
Bevor das Schweigen peinlich wurde und Riad Satora diskret den Rückzug antrat sagte Dan: „Veteranencorps ist nicht richtig.“
„Wie bitte?“
„Ihre Frage von vorhin. Das New Plymouth ist kein Veteranencorps. Wir haben eigene Schiffe.“
„Obwohl Sie assoziiert sind?“, wunderte sich Riad Satora. „Übernimmt dann nicht die Flotte der Allianz die Transporte Ihrer Einheit?“
„Wir haben Sonderrechte. Sie gehen noch auf die Kämpfe von New Gettysburg zurück.“
„Entschuldigen Sie, ich komme vom anderen Ende der Allianz. Von New Gettysburg, New Plymouth,  Nova Atlantica und den Ärger mit Darshol und Voral weiß ich praktisch nichts“, lachte sie. „Wir haben die Gessini und das Republikanische Kombinat am Hals.“
„Angenommen“, erwiderte der Major und lächelte verschmitzt.
„Angenommen? Was denn?“
„Sie haben sich gerade zum vierten oder fünften Mal entschuldigt. Ich nehme die Entschuldigung an. So einer netten Entschuldigung kann ich einfach nicht widerstehen“, sagte Daniel.
Verlegen strich sich die junge Frau durch ihr violettes Haar. „Ich hoffe, ich nerve Sie nicht mit meinen ewigen Entschuldigungen?“
„Aber nein. Oh nein. Wenn ich ehrlich bin, genieße ich Ihre Gesellschaft über alle Maßen. Ich hatte mit einem langweiligen, steifen und formellen Fest gerechnet, nicht mit Ihnen, Riad.“
Sie errötete. „Das sagen Sie sicherlich zu allen gut aussehenden Frauen aus dem Hozarius-Sternhaufen.“
„Sollte ich mal eine zweite treffen, werde ich es wissen“, erwiderte Dan.
„Und Sie sind völlig sicher, daß Sie nicht doch öfter im Prinzenpalast sind? Ihre Komplimente sind ungewöhnlich, aber sehr charmant“, gestand Riad.
„Was? Ich mache niemals Komplimente. Ich bin ein Soldat. Ich analysiere die Lage und sage dann schonungslos, wie es ist“, empörte sich der Major mit einem Schmunzeln.
„Sehen Sie, was ich meine?“, lachte sie. „Entschuldigen Sie bitte. Gleich kommt mein Auftritt. Ich muß die Sphera noch vorbereiten.“
Dan verbeugte sich leicht und ergriff ihre Rechte. Galant hauchte er einen Kuss auf den Handrücken. „Ich freue mich schon darauf. Ich hoffe doch, daß wir uns einmal wieder sehen.“
„Nun, nach meinem Auftritt vielleicht?“
Dan seufzte wehmütig. „Mein enger Zeitplan wird dies nicht zulassen. Ich werde noch um Mitternacht California verlassen müssen.“
„Oh. Das ist sehr schade. Aber irgendetwas sagt mir, daß wir uns wieder sehen werden. Auf bald, Herr Major.“
„Auf sehr bald, Riad.“
Nun war der Abend doch noch angenehm geworden. Dan sah der hübschen Frau hinterher. Wieso konnte man das Alter von Frauen aus der Hozarius-Ballung immer so schlecht schätzen? Sie konnte ebenso gut zwanzig wie hundert Standardjahre alt sein.
Warum interessierte ihn das bloß? Die Wahrscheinlichkeit, jemals wieder nach California zu kommen, war mehr als gering.

„Hr-hm!“
„Was?“ Dan glitt auf dem Absatz herum. Musste ihn denn jedermann von hinten ansprechen? Wollten diese verdammten Hofschranzen, dass er einen Herzinfarkt bekam? Er hatte sich erschrocken, und der Schreck verwandelte sich in Ärger, der deutlich in seinem Gesicht zu lesen war. Es war nicht seine Art, cholerisch herumzupoltern, deshalb war es ihm doppelt peinlich, als er die Person erkannte, die sich da so energisch geräuspert hatte.
Er spürte, wie das Blut in seine Wangen schoss. Sofort riss er die Hacken zusammen und verbeugte sich steif in der Hüfte. „Hoheit, Major Daniel Parker vom New Plymouth Corps!“ Wieder riss er die Hacken zusammen.
„Schon gut, schon gut“, erwiderte seine neue Gesprächspartnerin. „Ich weiß, wer Sie sind. Es war ja groß genug auf dem großen Schirm zu lesen.“
Wenn ich den Regisseur erwische, bringe ich ihn um, durchfuhr es Dan in Gedanken.
„Es ist zwar etwas arrogant von mir, dies anzunehmen, Herr Major, aber ich denke, daß ich mich nicht vorzustellen brauche.“
„Mitnichten, Hoheit. Selbstverständlich erkenne ich Euch. Doch was verschafft einem kleinen Major der assoziierten Truppen das Vergnügen, eure Bekanntschaft zu machen, Hoheit?“
Anastasia Veronique von California zuckte sehr undamenhaft die Achseln.
„Sie interessieren mich, wenn ich so geradeheraus sein darf. In Ihrer Biographie stehen einige Auszeichnungen, die Sie heute Abend nicht tragen. Zum Beispiel das Band von St. Patrick.“
„Äh, ich fand, daß die rote Farbe sich mit der weißen Uniform beißt.“
„Aha. Und was ist mit dem Parlamentsorden? Es gibt nur gut siebentausend Soldaten in der gesamten Geschichte der Allianz, die ihn je erhalten haben.“
„Der Orden ist zwölf Zentimeter groß und wiegt ein halbes Kilo. Er war mir einfach zu schwer.“
„Daniel, Daniel, Daniel, Sie finden ja schneller eine Ausrede als ein Zwergwomar sein Nest.“
Wieder schoss Dan das Blut in die Wangen. „Hoheit, verzeiht. Ich...“
„Wollen Sie wissen, was ich denke?“ Die Prinzessin spielte am Rahmen ihrer Stielbrille. „Ich denke, daß Sie mit Ihren Orden Aufsehen erregen wollten... Sie haben absichtlich Ihre bedeutendsten Orden abgelegt, weil Sie genau wussten, daß solch ein Verhalten in dieser Lametta-Schau auffällt wie ein Parhter im Sauerstoffrausch.
Herr Major, ich klage Sie an, daß Sie Aufmerksamkeit erregen wollten. Was haben Sie dazu zu sagen?“
Dan schluckte schwer. Flog jetzt die ganze Sache auf, gerade weil er nicht hatte auffallen wollen? „Ich gestehe, Hoheit. Ich wollte durch meine aufgesetzte Bescheidenheit Aufmerksamkeit erregen. Es kommt nun mal nicht alle Tage vor, daß ich die Gelegenheit bekomme, in den Prinzenpalast zu kommen. Natürlich habe ich nie damit gerechnet, ausgerechnet Eure Aufmerksamkeit zu erhalten. Ich fühle mich geehrt, wenn Ihr meine Dreistigkeit verzeiht, Hoheit.“
Anastasia hob die Lorgnette und musterte den Major von oben bis unten. „Ich muß gestehen, Sie sind meiner Aufmerksamkeit wert. Und nun, wo Sie meine Aufmerksamkeit haben, was tun Sie da, Herr Major?“
Innerlich schwitzte Dan Blut und Wasser. Er zwang sich zu einem Lächeln. „Nun, ich bin Militär. Wir können zwar eine Schlacht planen, aber diese wird niemals so verlaufen, wie wir es erwarten. Deshalb ist viel Improvisation erforderlich. Was ich sagen will: Ich konnte unmöglich wissen, wessen Aufmerksamkeit ich heute Abend errege, deshalb habe ich diesen Punkt in meiner Strategie nicht geplant. Jetzt ist Improvisation gefragt, Hoheit.
Ich denke, ich werde Eure Aufmerksamkeit nutzen, um Euch zu beweisen, daß auch jemand der von New Plymouth kommt zu tanzen versteht.“
Anastasia lächelte leicht, nur ein wenig, um dem Major zu bedeuten, daß dieser Vorschlag ihren Gefallen fand. „Sie sind dreist, Herr Major, ungewöhnlich dreist. Wir werden damit zwar keinen Skandal verursachen, aber die KlatschVids werden auf Wochen hinaus voller Spekulationen sein.“
„Sind sie das nicht schon, wenn Ihr Euch nur mit mir unterhaltet, Hoheit?“
Sie seufzte viel sagend.
Einen Moment tat ihm die Prinzessin leid. Es war bestimmt nicht leicht, immer im Mittelpunkt des Interesses der Öffentlichkeit zu stehen.
Lächelnd hob Dan den Arm. Die Prinzessin hob die Lorgnette vor die Augen und hakte sich mit der Linken ein. Während sie auf die Tanzfläche gingen, betete Dan wie ein Mantra vor sich hin: Ihr Götter, nur kein ruhiges Lied, bitte kein ruhiges Lied.
Er hatte Pech. Das nächste Lied des Orchesters war ein langsamer Walzer. Um ihn zu tanzen, mussten er und Anastasia sehr eng zusammenrücken, was die Gefahr für ihre Füße rapide steigen ließ.
Dan tat sein Bestes, bis er bemerkte, daß er mit seiner Tanzpartnerin allein war. Die anderen Gäste hielten sich zurück und sahen den beiden lediglich zu. Ein kurzer Blick über den Eingang machte das Chaos perfekt. Auf dem großen Schirm war natürlich das einsam tanzende Paar zu sehen.
„Scheiße“, entfuhr es dem Major leise.
Anastasia kicherte. „Haben Sie es endlich bemerkt? Ich denke, Sie haben jetzt mehr Aufmerksamkeit, als Sie brauchen können.“
„Das kann man wohl sagen, Hoheit. Aber es negiert keinesfalls das Vergnügen, Euch in den Armen zu halten“, erwiderte Dan galant. Innerlich aber bettelte der Mann von New Plymouth, das in dieser Sekunde ein Krieg ausbräche oder ein Komet direkt auf den Palast stürzte, um ihn von den Kameras zu erlösen. Himmel, er war Soldat, kein VidStar.
Mit der letzten verklingenden Note war auch seine Marter beendet. Er beendete noch die Drehung und löste sich dann von der Prinzessin. „Hoheit, es war ein ausgesprochenes Vergnügen. Und den Sternengöttern sei Dank, Eure Füße sind noch immer unversehrt.“
Anastasia kicherte leise hinter vorgehaltener Hand. „Ich muß gestehen, es hat Spaß gemacht. Leider müssen wir es bei einem Tanz belassen, sonst überschlagen sich morgen die einschlägigen Medien mit Spekulationen.“
Dan hob die Rechte der Prinzessin an seinen Mund und hauchte einen Kuss darauf. Anschließend knallte er noch mal die Hacken zusammen und verneigte sich. Nach einer korrekten Hundertachtzig Grad-Kehre verließ er die Tanzfläche wieder. So bekam er nicht mit, daß die Prinzessin mit einem feinen Lächeln hinter ihm hersah.

„Auf ein Wort, Herr Major.“
Es war zum Haare raufen. Das hier war genau das Gegenteil dessen, was er hatte erreichen wollen. Vielleicht hätte er alle seine Auszeichnungen, seine Diplome, die Tränen und Abschriften seiner sämtlichen Belobigungen mitbringen sollen, dann wäre er hier bestimmt nicht aufgefallen. Mist, es waren nur noch ein paar Meter bis zur Tür. „Ja?“
Der Mann vor ihm war etwa fünfzig Standardjahre alt, wahrscheinlich von New Eden oder Gamix. Die hatten wegen der geringen UV-Strahlen ihrer Sonnen alle diese bleiche Hautfarbe. Er trug die Uniform der Landetruppen der Republik. Dunkelblau mit schwarzen Aufschlägen. Auf seiner Schulter prangten drei silberne Kometen. Verdammt, ein waschechter Generalleutnant.
Dan nahm Haltung an. „Sir?“
„Schon gut. Rühren Sie. Wir sind hier im Palast des Prinzen und nicht auf dem Exerzierplatz. Ich bin General Boder von der Siebten Flotte. Und wie Sie wissen, untersteht das New Plymouth Corps ab dem nächsten Quartal meinem Kommando, wenn die Siebte Flotte im Turnus zu den Carnischen Systemen verlegt wird.“
„Ich bin darüber im Bilde, Sir“, erwiderte Dan.
„Gut. Dann wissen Sie sicherlich auch, was ich mit Ihnen anstellen kann, wenn ich will“, sagte der General  mit ernster Stimme.
„Sir? Ich verstehe nicht.“
„Tun Sie nicht so unschuldig, Parker. Ich bin ein alter Freund von Jordan, und ich kenne seine Tochter schon, seit sie alt genug ist, um auf dem Boden herumzukrabbeln. Ich kenne und liebe sie wie mein eigenes Kind. Ich beschütze sie mit allem, was mir zur Verfügung steht. Verdammt, ich weiß nicht, was für ein Spiel Sie hier spielen, Parker. Ich weiß nur, daß es mir nicht gefällt. Lassen Sie die Finger von Ana, oder ich werde Sie durch den Wolf drehen! Haben wir uns verstanden?“, sagte Boder mit eisiger Stimme.
Dan fühlte sich, als hätte ihm jemand eine TerraWorks Halbautomatik gegen den Schädel gehalten und abgedrückt. Ging denn heute Abend alles schief?
„Mit Verlaub, Sir, noch sind Sie nicht mein Vorgesetzter. Und, bei allem Respekt Ihrem Rang gegenüber, aus Ihnen spricht nicht der Soldat, sondern der Freund des Prinzen. Ich werde Ihren Einwand bedenken, Sir. Aber wenn Sie mir noch einmal drohen, trete ich Ihnen kräftig in den Arsch, damit Sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren!“
„Das ist ein starkes Stück!“, keuchte der ältere Mann erstaunt.
„Das ist die Wahrheit. Und jetzt belästigen Sie mich nicht länger. Ich war sowieso gerade dabei, den Planeten zu verlassen. Mein Flug wartet.“
Er ließ den alten Soldaten stehen. Sollte der Knabe doch seine Position nutzen, um ihm das Leben schwer zu machen. Wer wie Dan St. Joseph überlebt hatte war nicht so leicht einzuschüchtern.

Als Daniel den Saal verließ, musterten ihn die Wachen der Prinzengarde misstrauisch. „Was glotzt Ihr so?“, blaffte er gereizt. Unwillkürlich wich die Wache, die ihm am nächsten stand, einen Schritt zurück.
Er starrte die Frau in der Gardeuniform eine Zeitlang an. Schließlich begann er, mit beiden Händen seine Schläfen zu massieren. „Entschuldigen Sie, Soldat. Sie sind die Letzte, die unter meiner schlechten Laune leiden sollte.“
„Wie Sie meinen, Sir“, schnarrte die Infanteristin.
Dan nickte ihr noch einmal zu und verschwand im Gang. „Ich hätte nicht mehr auffallen können, wenn ich eine Fusionsgranate gezündet hätte“, murrte er.

2.

„Na, wie war´s?“, empfing ihn Hauptmann Candrall grinsend.
„Es war ein voller Erfolg. Sie können das alles morgen in den Nachrichten sehen.“
„Wie? Ich dachte, Sie wollten nicht auffallen?“, fragte sie überrascht.
Dan seufzte. „Nicht jetzt, Hauptmann. Wie weit ist Deloris?“
„Sie ist fertig, Sir. Die Falle ist installiert“, sagte Candrall.
„Okay. Kehren wir in unsere Quartiere zurück. Vielleicht schaffen wir ja wenigstens das, ohne aufzufallen.“

***

Es hätte eigentlich alles klappen müssen. Dan und seine beiden Begleiterinnen trugen statt der Ausgehuniformen die schlichten himmelblauen Feldanzüge. Die prächtigen Orden und Verdienstbänder hatten den schlichteren Reversabzeichen weichen müssen, die rein optisch wesentlich unauffälliger waren. Natürlich nicht, wenn man die Bedeutung der Orden kannte, die in den siebenfarbigen Emailleleisten dargestellt wurden.
Dazu kamen in Dans Fall noch die Tränen von St. Joseph, sieben blutrote Glasperlen, die am linken Oberarm getragen wurden.
„Wir sind unbemerkt in unsere Quartiere gelangt, da werden wir es sicher auch raus aus dem Palast schaffen“, murmelte Dan noch, während er auf den Gang hinaustrat. „Immerhin befinden sich im Gebäude über viertausend Soldaten in neun verschiedenen Uniformen.“
„Ah, Parker, Sie suche ich gerade.“
Verdammt, warum musste er ausgerechnet Brigadegeneral Stahnke über den Weg laufen? Sein neuer Kommandeur trug noch die Uniform seiner alten Einheit, das Dunkelblau der 9. California Raumlandedivision. Das würde sich ändern, wenn er nächste Woche das Kommando über das 19. übernahm. Ab da hieß es weiß und himmelblau für ihn. „Sir?“
„Sie wollen gerade zurück nach New Plymouth, nicht? Das können Sie vergessen. Schnappen Sie sich Ihre beiden Offiziere und kommen Sie in den Bunker. Es gibt Ärger an der Grenze.“
„Verdammt, heute geht aber auch alles schief“, murrte Dan.
Der General lächelte ihm amüsiert zu. „Warum so niedergeschlagen? Es war doch ein netter Abend für Sie. Manche Männer würden dafür töten, um mit der Prinzessin tanzen zu dürfen.“
„Ich bin Soldat, kein Tanzbär. Das ich mit ihr getanzt habe, war eine Verkettung von unglücklichen Zufällen, Sir.“
„Dafür haben Sie Ihre Sache aber wirklich gut gemacht. Ich denke, Sie haben die Einheit auf California vorbildlich vertreten. Vielleicht sollte ich befehlen, aus den Aufnahmen einen Lehrfilm für unsere jungen Offiziersanwärter zu machen“, erwiderte Stahnke und grinste gemein.
„Bitte, Sir. Ich habe heute Abend schon genug gelitten. Da brauchen Sie nicht noch einen draufzusetzen.“
Der alte Mann legte die Rechte auf Dans Schulter. „Sie kennen doch den alten Spruch: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wobei ich einen Tanz mit der Prinzessin nicht unbedingt als Schaden ansehe, junger Mann.“

„Ja, Sir. Verstehe, Sir. Konflikte an der Grenze, Sir?“, versuchte Dan das Thema zu wechseln.
Sorgenfalten gruben sich in Stahnkes Gesicht, als er erwiderte: „Assoziierte Staaten, mehr weiß ich auch nicht. Der Prinz wird sich gleich von seinen Gästen verabschieden und in den Bunker kommen. Es heißt, daß er das Corps einsetzen wird. Sie haben das 19. ein Dreiviertel Jahr kommandiert und kennen auch die anderen sieben Regimenter. Ich werde Sie brauchen, wenn es um Logistik und Kampfbereitschaft geht.“
„Ja, Sir. Ich sage meinen Leuten Bescheid. Wir werden alle relevanten Daten mitbringen.“
„Gut. Sie brauchen nicht auf mich zu warten. Ich will mich noch schnell umziehen und komme dann nach.“
„In Ihrem Zimmer?“, fragte Dan erstaunt.
„Nein, auf dem Flur. Warum fragen Sie, Parker?“
„Vielleicht möchte der Prinz lieber, daß wir in Ausgehuniform kommen?“
„Der Prinz ist selbst ein alter Soldat, das sollten Sie wissen. Bei ihm kommt es nicht auf die hübscheste Uniform an, sondern auf den Soldaten, der in ihr steckt. Sie tragen die Tränen?“
„Ja, Sir. Soll ich sie abnehmen?“
„Nein, lassen Sie mal. Da unten im Bunker laufen ein paar hoch dekorierte Ärsche herum, die allein für ihr Ego den halben Raum brauchen. Es ist vielleicht nicht verkehrt, wenn da mal einer runtergeht, der wirklich was erlebt hat.“
„Ja, Sir. Und, tut mir Leid, Sir.“
„Wie ist das denn jetzt gemeint? Nein, sagen Sie nichts. Ich verstehe schon. Keine Bange, Parker. Sagen Sie da unten ruhig Ihre Meinung. Ich gebe Ihnen Rückendeckung. Dann bis gleich.“
„Hoffentlich hat er nachher auch noch so gute Laune“, seufzte Dan und machte sich auf den Weg zu seinen beiden Offizieren.

***

Der Bunker war ein gepanzerter Kommandoraum, der selbst einem orbitalen Bombardement mit Fusionsbomben und Antimaterietorpedos standhalten sollte. Kommandoraum war vielleicht das falsche Wort. Es war mehr eine weitläufige Bunkeranlage, die sich in zweitausend Metern Tiefe unter dem Palast befand. Hier arbeiteten permanent vierhundert Personen. Menschen, Delorer, Passati, Jesber, was es in der Allianz so an Rassen eben gab. Von diesem Ort aus war es möglich, eine halbe Milliarde aktiver Soldaten zu koordinieren. Dazu kamen für den Notfall noch mal eine weitere halbe Milliarde Reservisten, die bei regelmäßigen Übungen fit gehalten wurden. Die Allianz war ein vielfach bedrohter Staat.
Zweitausend Meter Tiefe! Zweitausend! Nur vier Lifte führten in die Tiefe, keine besonders großen Lifte. Bis zur Tiefe von tausend Meter konnte man die Strecke am Stück hinter sich bringen. Ab da hieß es, alle zweihundert Meter umzusteigen. Diese verschachtelte Bauweise sollte Invasoren den Angriff erschweren.
Aber vor allem erschwerte es dem Major den Weg nach unten. Zudem musste er an jedem Lift einen Sicherheitscheck über sich ergehen lassen. Die Soldaten behandelten ihn respektvoll und agierten zugleich mit größter Effizienz. Sie wussten genau, daß die Allianz mit diesem Bunker stand oder fiel, deshalb waren die Sicherheitsvorkehrungen sehr streng. Die Wachen würden ihn eher erschießen als das sie zuließen, daß er vielleicht den Bunker gefährdete.
Dan hatte noch nie davon gehört, daß jemand aus Versehen bei seinem Weg in den Bunker erschossen worden war, das hieß aber nicht, daß es nicht schon passiert war.
Der eigentlich Bunker befand sich auf der untersten Ebene. Er hatte eine Grundfläche von achttausend Quadratmetern. Die anderen Etagen beherbergten Infanteriekasernen, Lebenserhaltungssysteme, Freizeitanlagen und Quartiere.
„Major Parker“, meldete sich Dan beim Kontrollposten auf der untersten Sohle an.
Sein Gegenüber, ein Fähnrich in der Uniform der Prinzengarde, wehrte seine Papiere mit einem Lächeln ab. „Sie sind avisiert, Sir. Gehen Sie bitte in den Besprechungssaal. Geradeaus, dann rechts. Er ist ausgeschildert.“
„Danke, Soldat“, erwiderte Dan überrascht und steckte die Ausweiskärtchen wieder weg.
„Ach, Sir, die Prinzessin ist ebenfalls da.“
Dan zögerte. „Wie haben Sie das jetzt gemeint, Soldat?“
„Ich dachte, Sie wollten es wissen, Sir.“
„Was immer da gerade für Gedanken durch Ihren Kopf gehen, vergessen Sie die gleich wieder. Haben Sie mich verstanden?“, fuhr Dan den Offizieranwärter der Prinzengarde an.
Der nahm grinsend Haltung an. „Jawohl, Sir. Werde sie wieder vergessen.“
Als Daniel seinen Weg fortsetzte, bildete er sich ein, die Blicke des Infanterietrupps im Nacken zu spüren. Wahrscheinlich lachten sie gerade über ihn.

Der Besprechungssaal befand sich auf einer kleinen Balustrade über den einzelnen Pulten für die Kommunikation. Superviser liefen zwischen den Reihen umher und gaben Anweisungen.
„Ist beeindruckend, nicht? Sie holen gerade dreihunderttausend Soldaten aus den Betten oder aus dem normalen Dienst, je nach Ortszeit. In zehn Tagen stehen sie über Ihrem Heimatplaneten.“
Dan drehte sich um. Vor ihm stand die hübsche Frau aus der Hozarius-Sternenballung. „Riad? Das ist aber eine freudige Überraschung. Was machen Sie hier?“
„Ich bin Geheimdienstoffizier. Habe ich Ihnen das nicht erzählt?“
„Nein.“
„Oh!“
„Muss ich jetzt vor Ihnen salutieren?“, scherzte Daniel.
Riad lachte leise. „Eigentlich muß ich vor Ihnen salutieren. Ich bin nur Hauptmann.“
„Und ich dachte... Na, egal. Können Sie mir sagen, worum es geht?“
„Wir haben den Kontakt zu zwei Robotaußenposten verloren. Die letzten Meldungen waren nicht sehr viel versprechend.“
„Welche Posten?“, fragte Dan besorgt.
„Das wird der Prinz gleich berichten.“ Sie deutete auf den separaten Besprechungsraum auf dieser Ebene. „Bitte, gehen wir rein und nehmen wir Platz.“

Hinter ihm kamen Hauptmann Candrall und Oberleutnant Deloris an. Die beiden atmeten schwer. Irgendwie war es dem Major unverständlich, wie man bei diesen kurzen Strecken hier im Bunker außer Atem geraten konnte. Er nickte ihnen zu und wies ihnen Plätze an den KommPulten zu, welche die Innenwand des Besprechungsraums einnahmen.
Riad führte ihn an den großen Tisch in der Mitte des Raums. Sie waren dreißig Personen am Tisch, fast durchweg Soldaten in neun verschiedenen Uniformen. Vier Rassen der Allianz waren vertreten. Sogar der parhtische Botschafter war anwesend. Er unterhielt sich leise mit dem Prinzen. Über der Tischplatte schwebte ein Hologramm mit dem Staatsgebiet der Allianz. Vierzehn Systeme waren markiert. Zu den gekennzeichneten Systemen gehörte auch New Plymouth. Das gefiel Daniel gar nicht. Als er Platz nahm, räusperte sich jemand neben ihm. Sein Tischnachbar war ausgerechnet Generalleutnant Boder. „Wo ist Ihr Kommandeur, Parker?“
„Er kommt noch, keine Bange, Sir. Ich wärme nur den Platz für ihn vor.“

„Lassen Sie uns beginnen, Herrschaften.“
Alle Augen ruckten zum Prinzen herüber, der gerade Platz nahm. Wer selbst noch nicht saß, suchte sich schnell einen Sitz. Die Adjutanten und Techniker an den KommPulten versteiften sich in Erwartung von Arbeit und einigen brandgefährlichen Geheiminformationen.
Verwundert sah Dan, dass die Tochter des Prinzen neben Seiner Hoheit Platz genommen hatte. Was suchte eine Zivilistin ohne politisches Amt hier unten bei einer geheimen Besprechung? Und warum nahm sie an ihr anscheinend aktiv teil?
Der Prinz sah einmal in die Runde. Als sein Blick auf Dan ruhte, fühlte der, wie er von diesem Blick seziert wurde. Für einen Moment glaubte Dan, jemand anderen an diesem Tisch sitzen zu sehen, die salzige Luft der Goldküste auf St. Joseph zu riechen, das laute, mitreißende Lachen dieses Mannes zu hören.
Als Prinz Jordan zu sprechen begann, verschwand der Gedanke ebenso schnell, wie er gekommen war.
„Wir werden angegriffen“, informierte der Prinz die Anwesenden knapp und präzise.
Entsetztes Raunen antwortete ihm.
Daniel ging die prekäre Lage durch den Kopf, in der sich die Allianz seit ihrer Gründung befand. Die großen Reiche der Menschheit beobachteten den kleinen Staat seit jeher mit Skepsis, weil die Allianz im Gegensatz zu diesen Reichen keinen menschenchauvinistischen Kurs verfolgte und stets um ein gutes Verhältnis zu den außerirdischen Rassen in der Milchstraße bemüht war.
Es war bereits mehr als einmal vorgekommen, dass eines der großen Menschenreiche einen Krieg ausgelöst hatte, um die Allianz zu unterwerfen. Offiziell war dies immer geschehen, um die menschliche Bevölkerung davor zu bewahren, von den Außerirdischen beherrscht zu werden. Oder das Raumgebiet der Allianz sollte dem Menschenreich als Puffer gegen die Kernwärts gelegenen Alienreiche schützen. Inoffiziell aber neideten sie der Allianz ihren Wohlstand, den der Bundesstaat vor allem einer Sache verdankte: Dem Handel mit den Alienrassen.
Dennoch waren auch die Staaten der Außerirdischen der Allianz nicht grundsätzlich freundlich gesinnt. Wenn man mal von den Parhtern absah.
Alles in allem lebten sie auf einem Pulverfass, das jeden Moment hochgehen konnte. Und es leider auch oft genug tat.
„Haben wir nähere Daten über den Feind? Sind es Menschen oder Aliens?“, kam die Frage von Admiral Norato Torakesch, Stellvertretender Leiter der Admiralität. Der nur einen Meter zwanzig große Flottenoffizier entstammte dem Echsenvolk der Jesber, das innerhalb der Allianzgrenzen lebte und auch zum gemeinsamen Militär beisteuerte. Norato galt als Pragmatiker, der gerne schnell auf den Punkt kam. Deshalb hatte er schon vor langer Zeit die Vokabeln der Menschen übernommen und bezeichnete die nichtmenschlichen Reiche als Aliens, obwohl die Jesber nicht gerade mit den Menschen verwandt waren.
„Es sind Aliens, Admiral Torakesch. Sie greifen auf breiter Linie an. Zwei Außenposten wurden bereits überrannt. Wenn es in dem Tempo so weitergeht, erreichen die Invasoren New Plymouth in drei Wochen und eine Woche darauf Helvetia“, sagte der Prinz mit eindringlicher Stimme.
„Wissen wir, wer es ist?“, erklang General Boders Stimme.
„Es ist das Voralische Imperium.“
Erschrockenes Raunen antwortete dem Prinzen.
„Voral, das wird hart“, entfuhr es dem St. Joseph-Veteranen.
„Sie sagen es, Major Parker.“
Dan erschrak, als er realisierte, das ihn der Prinz mit Namen angesprochen hatte.
„Was wissen wir über ihre Beweggründe? Wurde der Nichtangriffspakt aufgekündigt?“, versuchte Daniel die Gelegenheit zu nutzen.
Prinz Jordan lehnte sich vor und stützte den Kopf auf seine ineinander gefalteten Hände. „Das ist es ja gerade. Sie wollen eigentlich nichts von uns. Sie attackieren gerade die Schutzmark des Imperium Darshols. Der Angriff auf unsere Außenposten erfolgt nur, um einen Versorgungskorridor zu ihren Fronttruppen zu schlagen. So wünschenswert es für uns auch ist, daß wir nicht der Hauptgegner dieses Militärschlags sind, es stehen genügend Truppen gegen uns, um New Plymouth zu überrennen.“
„Warum schlagen sie einen Korridor durch unser Territorium? Wieso haben sie nicht gefragt, ob sie unseren Raum passieren dürfen?“, fragte der Jesber.
„Oh, das haben sie, Norato, das haben sie“, sagte der Prinz. „Aber Sie kennen die Maxime der Allianz. Wir unterstützen keinen Angriffskrieg, nicht einmal, wenn er gerechtfertigt ist. Sagen Sie mir, was wir tun können, Herrschaften.“
„Ich bin sicher, wenn wir uns still verhalten, werden die Voraler sich mit einer Flugschneise und ein oder zwei zum Nachschub okkupierten Welten begnügen. Der ganze Konflikt wird an uns vorbeiziehen, als gäbe es ihn nicht“, sagte Dan nachdenklich.
„Das ist doch Schwachsinn. Sie kommen doch aus der Region, Parker. Wir können nicht sicher sein, daß die Voraler New Plymouth wirklich in Ruhe lassen!“, meldete sich Generalmajor Juliana Cestar vom Generalstab zu Wort.
„Das ist nicht mal das Problem. Ich bin sicher, sie würden die Welten nach dem Ende des Krieges an uns zurückgeben. Was mir Sorge bereitet ist die Tatsache, daß wir ihnen zu Kreuze kriechen, wenn wir nichts tun“, erwiderte der Major.
„Ich weiß nicht, ob es die rechte Zeit für falschen Stolz ist“, sagte der parhtische Botschafter mit leiser Stimme. Sein Atemkompressor knisterte leise. „Ich weiß, daß die Allianz einen ihrer schwersten Kriege gegen Darshol ausgefochten hat. In diesem Konflikt hat das Imperium nicht davor zurückgeschreckt, geächtete Waffen einzusetzen. Es könnte diesen Sektor der Galaxis von einer großen Unsicherheit befreien, wenn Voral siegt.“
Dan starrte den Außerirdischen an. Er war beinahe humanoid, nur die Kompressormaske, die seine Atemluft auf den für ihn gewohnten Druck von zwei Atmosphären erhöhte, gab ihm etwas wirklich Fremdes. Vielleicht auch noch die vier Arme und der helle Schimmer, der überall an ihm glänzte, wo sein Körper nicht von Kleidung bedeckt war.
Das war doch nicht sein Ernst? Wie konnte er auch nur denken, daß sich die Allianz so verhalten würde? Obwohl, der Gedanke hatte etwas verlockendes, und wenn er sich in der Runde der anwesenden Offiziere umsah, erkannte er in vielen Gesichtern – menschlichen wie nichtmenschlichen – Zustimmung zur Idee des Parhters.
„Angenommen, Sie gestatten den Voralern den Durchflug durch das Territorium der Allianz. Dann hat das Imperium eine gute Chance, dieses Menschenimperium entscheidend zu schwächen, vielleicht sogar zu besiegen. Es wäre für die Menschen, die unter der Diktatur Darshols leiden sogar ein Segen, von dieser Last befreit zu werden. Sie alle wissen, wovon ich spreche, immerhin nimmt die Allianz jedes Jahr im Schnitt zweihunderttausend Flüchtlinge aus dem Imperium Darshol auf. Und selbst wenn Darshol nur angeschlagen ist wird es für lange Zeit keine Gefahr mehr sein. Viele abhängige Planeten werden sich von dem Regime freikämpfen können.“
„Aber wir würden einen Angriffskrieg begünstigen“, schränkte der Prinz ein.
„Zugegeben“, sagte der parhtische Botschafter.

Der Prinz stand auf und begann rastlos umher zu wandern. „Fassen wir zusammen. Gerade in diesem Moment entsenden wir vier Flotten und elf Divisionen Bodentruppen, um New Plymouth zu entsetzen. Gleichzeitig macht das New Plymouth Corps mobil.
Die Voraler greifen zwei unserer Außenposten an und zerstören sie – Robotaußenposten, wohlgemerkt. Ziel ist es, einen Angriffskorridor zu ihren Kampfverbänden im Imperium Darshol zu schlagen.
Wir haben also mehrere Möglichkeiten. Wir dulden stillschweigend, daß Voral unsere Welten okkupiert und unser Gebiet nutzt, um seinen Nachschub an die Front zu bringen.
Wir verbünden uns mit den Voralern und fegen das Imperium Darshol vom Antlitz der Milchstraße.
Wir verbünden uns mit dem Imperium Darshol gegen die Aggressoren und vernichten die Truppen der Voraler.
Und die letzte Option: Wir halten uns aus dem Konflikt raus, jagen aber die voralische Raummarine aus unserem Territorium heraus.
Ihre Vorschläge, Herrschaften.“
General Timmerson von der Vierten Luftlandearmee stand auf. „Wir sollten kämpfen. Seit jeher gilt die Allianz als wehrhafter Staat. Wenn wir dieses Mal stillhalten, wird einer unserer Nachbarn auf dumme Gedanken kommen und vielleicht versuchen, einige unserer Systeme zu erobern. Wenn wir aber kämpfen, beweisen, dass wir immer noch austeilen können, wird das den Respekt für uns verstärken.“
Zustimmendes Gemurmel erhob sich.
„Was meinen Sie dazu, Major Parker?“, fragte der Prinz und sah ihn an.
Dan erschrak erneut. Er war sich sicher, daß seine Wangen vor Schreck gerötet waren. Der Prinz fragte ihn bei einer Diskussion um seine Meinung, in der der geringste Teilnehmer der junge Major des Corps selbst war. Alle anderen trugen mindestens goldene Sterne oder silberne Kometen auf den Schultern. „Was ich meine? Das ist schnell gesagt. Jagen wir die Voraler wieder aus unserem Territorium raus.“
„Das war wirklich schnell gesagt“, spottete General Boder. „Und vor allem so einfach.“
„Bitte, Jasper, lass den jungen Mann ausreden. Wieso haben Sie sich für die letzte Variante entschieden, Major?“
Dan grinste Boder frech an, als er aufstand. „Es ist simpel. Wie bereits General Timmerson festgestellt hat gelten wir als wehrhafter Staat. Wenn wir nun den Voralern den Durchflug durch unser Territorium gestatten, könnte das einige unserer Nachbarn glauben lassen, dass wir nachgelassen haben. Vielleicht sogar das voralische Imperium selbst, das bei der Gelegenheit die okkupierten Welten gleich einbehält. Wir sollten uns verteidigen. Niemand sollte die Allianz angreifen dürfen, und sei es für eine gute Sache wie der Sturz des Imperiums Darshol. Zu oft schon war die vermeintlich gute Sache noch böser als das was sie zu bekämpfen trachtete.“
Zustimmendes Gemurmel antwortete dem Major von New Plymouth.
„Außerdem... Wir gelten als neutral. Wir nehmen auf, was aus dieser Kriegsumtobten Galaxis flieht und mischen uns nicht in die Kriege ein, die von den Menschen oder Aliens geführt werden. Wir sind die Guten, wenn ich das mal so sagen darf. Unsere hohe Ethik und Moral sollte auch in diesem Fall dagegen entscheiden, daß unser Territorium für einen Krieg missbraucht wird.“
„Und das sagen ausgerechnet Sie? Ein St. Joseph-Veteran?“, lachte jemand. Es klang hässlich.
Dan fuhr herum. „Gerade weil ich St. Joseph überlebt habe, ist meine Moral so verdammt hoch.“
Wütend nahm er wieder Platz.
Der Prinz setzte sich. „Ich habe eine Entscheidung getroffen. Sie ist mir nicht leicht gefallen, das können Sie mir glauben. Ich hasse es, Soldaten in den Krieg zu schicken. Zu viele kommen nicht mehr zurück. Deshalb werden wir jede Möglichkeit nutzen, die uns den Frieden erhalten kann, auch wenn dies bedeutet, Imperator Zirhan dem Neunten in die Hände zu spielen.
Wir werden die voralischen Truppen in unserem Staatsgebiet nicht angreifen.“
Erstauntes Raunen antwortete den Worten des Staatsoberhaupts.
„Aber der Entsatz für New Plymouth geht wie geplant vonstatten. Wir werden uns still verhalten, solange die voralische Marine New Plymouth, St. Patric, Helvetia, Nova Atlantica und die anderen bewohnten Systeme in ihrer Marschroute in Ruhe lässt. Sollte aber deren Raumhoheit durch Kampfschiffe verletzt werden, schlagen wir mit aller Härte zu. Diese Entscheidung muß binnen einer Woche vom Parlament ratifiziert werden, aber ich denke zu Recht, daß das Parlament dies tun wird. Hoffen wir, daß es nicht zu Kämpfen kommen wird.
Beginnen wir mit der Einsatzplanung. Major Parker, Sie kennen das New Plymouth Corps von uns am besten. Wie schnell kann es einsatzfähig sein?“
„Binnen eines Tages haben wir achtzig Prozent Bereitschaft. Binnen dreier Tage können wir ein Drittel verschiffen.“
„Das ist gut. Ich gedenke nämlich, einen Teil des Corps näher an die Voraler heranzubringen. St. Joseph dürfte nahe genug sein. Was halten Sie davon?“
Dan erhob sich wieder. In diesem Moment war er nicht irgendein kleiner Major zwischen Generälen und Admirälen, er wurde zum Veteranen von St. Joseph. Er kannte diese Welt und ihre Bedeutung für das New Plymouth-Corps.
Dan kam um den Tisch herum und gab dem persönlichen Techniker seiner Hoheit leise ein paar Anweisungen. Der reagierte bestürzt. Er war es wohl nicht gewohnt, von jemand anderem als dem Prinzen Anweisungen entgegen zu nehmen.
Ein leiser Rüffel des Majors erinnerte ihn wieder an die Befehlskette. Gehorsam manipulierte der Techniker die holographische Sternenkarte, die über dem Tisch schwebte.
Dan brummte zufrieden. Neben jedem der siebzehn Lichtpunkte schwebte nun ein Datenfenster, das die wichtigsten Daten des Systems wiedergab. Dan berührte drei der miniaturisierten Sonnen. Kurz darauf vergrößerten sie sich. Die kompletten Systeme wurden dargestellt. St. Joseph, Marcabal und EX-0499.
„Ihr Korridor wird sie direkt durch die assoziierten Staaten führen, wie Sie sehen. Zwei dieser Welten wurden bereits angegriffen, die robotischen Außenposten zerstört. St. Joseph wird in spätestens einer Woche die nächste Welt sein. Wenn wir über diese Welten eine Marschroute legen und diese bis zum Imperium Darshol extrapolieren, ergibt das einen Angriffskorridor mit einem Durchmesser von elf Lichtjahren. St. Patric liegt innerhalb dieses Korridors, ebenso New Plymouth.
Wenn wir Voral wirklich beeindrucken wollen, um sie von einem militärischen Abenteuer in unseren besiedelten Systemen abzuhalten, dann muß dies auf St. Joseph sein, bevor die Marine unseres Gegners die Gelegenheit hat, bis zu den bewohnten Welten durchzustoßen.“
Dan setzte sich wieder. „Ich empfehle, die Bodentruppen zu landen. Die Kampfschiffe werden den Orbit absichern. Voraler lieben den Bodenkampf und benutzen ihre Schiffe lieber dazu, ihre Truppen sicher und schnell zum Schlachtfeld zu bringen, als mit ihnen zu kämpfen.“

„Ich stimme Major Parker zu.“ General Stahnke hatte leise den Raum betreten und war hinter Dan getreten. Der wollte für den Vorgesetzten Platz machen, doch Stahnke winkte ab. „Entschuldigen Sie meine Verspätung, Hoheit, aber ich war gezwungen, etwas Zeit in mein Äußeres zu investieren.“
Ein amüsierter Blick streifte den Major. Daniel wurde heiß und kalt zugleich. Stahnke hatte noch immer nasse Haare.
Hauptmann Candrall kicherte leise auf ihrem KommTechplatz. Die Tauffalle hatte also funktioniert.
Seit den ersten Tagen der Zusammenarbeit zwischen Allianzmilitär und assoziierten Staaten tauschten die Armeen Soldaten und Offiziere aus. Für New Plymouth war damit die Idee verbunden, die neuen Offiziere würdig zu begrüßen – für die Soldaten allerdings, sie burschikos willkommen zu heißen. Die Soldaten machten sich einen Spaß daraus, ihren neuen Vorgesetzten Fallen zu stellen, sie gewissermaßen zu taufen. Und die Allianzoffiziere taten ihr Bestes, um sich nicht erwischen zu lassen. Auf diese Weise war über die Jahrzehnte ein Wettstreit entstanden, der immer raffinierter geführt wurde.
„Willkommen im Corps, Sir“, flüsterte Dan dem General zu. Offiziere, die von einer Tauffalle erwischt worden waren, konnten sicher sein, bei verdammt fähigen Untergebenen gelandet zu sein.
Mit der Falle im Prinzenpalast aber hatte Dan Parker sicher vollkommen neue Maßstäbe in diesem Spiel gesetzt.
Ein flüchtiges Grinsen huschte über Stahnkes Gesicht. „Danke, Daniel.“
Sofort wurde er wieder ernst und sah in die Runde. „Landen wir auf St. Joseph und spielen wir etwas mit unseren Muskeln. Wir sollten ein Manöver abhalten, damit die Raummarine versteht, daß wir gefährlich sind. Mit etwas Glück gehen sie einem Gefecht aus dem Weg.“
„Das ist doch hanebüchener Unsinn. Kämpfen wir. Dieser Angriff ist kein Kriegsspiel, und wir sollten ihn nicht wie ein Kriegsspiel behandeln, wie das General Stahnke und Major Parker versuchen. Fegen wir ihre Transporter aus dem All, verdammt. Dann kehrt Ruhe im Sektor ein“, meldete sich Admiral Vort von der Heimatflotte California zu Wort. Der schlanke jesbianische Echsenabkömmling galt nicht umsonst als kompromissloser Hardliner.
„Diese Taktik sollten wir uns für einen echten Krieg mit Voral aufheben, denke ich, nicht für einen begrenzten Konflikt wie diesen Grenzstreit“, sagte Stahnke beschwichtigend. „Beeindrucken wir sie auf ihrem Spezialgebiet, dem Bodenkampf. Das wird sie verunsichern. Hoheit?“
„Sie kennen meine Meinung und meine Befehle, General Stahnke. Tun Sie es, und versuchen Sie, ein Gefecht zu vermeiden. Bringen Sie unsere Jungs und Mädchen wieder sicher zurück, wenn es geht. Ich will, dass die Voraler gar nicht erst mit dem Gedanken spielen, New Plymouth, Helvetia oder St. Patric anzugreifen.

Prinzessin Anastasia Veronique von California wird das New Plymouth Corps in beratender und repräsentativer Form begleiten. Hauptmann Satora vom Geheimdienst wird sie eskortieren, ebenfalls in beratender Funktion. Außerdem detachiere ich eine Leibwache mit Infanteristen der Ersten Flotte.
Diese Geste sollte der voralischen Raummarine deutlich machen, wie ernst es uns ist und wie überlegen wir ihnen sind. Das sind wir doch, oder?“
Dan grinste, als der Prinz ihn ansah. „Aber natürlich, Hoheit.“
Jordan von California erwiderte das Grinsen des Majors. „Nun, wenn Sie sich da so sicher sind, Major Parker, übertrage ich Ihnen persönlich die Sicherheit meiner Tochter. Ich glaube, bei Ihnen ist sie in den besten Händen.
Kommen wir zu den Details der Operation, die ich Retro nennen möchte. Die Erste Flotte wird in siebzig Stunden aufbrechen.“

Stahnke legte seine Rechte auf Dans Schulter. Er beugte sich herab und flüsterte: „Ich gratuliere, Parker. Es ist eine große Ehre, für die Sicherheit der Prinzessin verantwortlich zu sein.“
„Ich bin mir da nicht so sicher“, murmelte Dan.
Anastasia lächelte zu ihm herüber. Er erwiderte das Lächeln höflich, doch innerlich schwitzte er Blut und Wasser.
Dann sah er Riad an. Alle Höflichkeit war aus ihrem Blick gewichen. Sie starrte ihn an wie ein Californialurch eine fette Chestermücke, die sich zu nahe an den Boden gewagt hatte. Daniel Parker verstand, von welcher Art ihre beratende Funktion sein würde. Sie würde auf ihn, den Aufpasser, aufpassen. Vielleicht hatte sie das von Anfang an getan. Dan vermisste ihr fröhliches Lächeln.

3.

Es war immer ein erhebender Anblick, wenn sich eine ganze Flotte in Bewegung setzte. Zuerst gingen die schnellen Einheiten auf Fahrt, die Korvetten, Zerstörer und Fregatten. Dann kamen die Schlachtkreuzer, denen die leichten Träger folgen. Zusammen mit den Frachtschiffen folgten dann die Schweren Träger und die Schlachtschiffe. Bei dreiundfünfzig Kampfschiffen und zweiunddreißig Begleitschiffen ein beeindruckendes Schauspiel.
Major Parker stand vor einem der wenigen Fenstern der STERNENSÄNGER, welches einen freien Ausblick in das Weltall gestattete. Aus Sicherheitsgründen gab es nur gute zwanzig derartige Fenster in der Hülle der Fregatte. Es waren potentielle Schwachpunkte in der Hüllenstruktur. Diese Gefahr war von den Ingenieuren so gut es ging minimiert worden. Wollte man dennoch wissen was draußen geschah, standen Hologramme und Bildschirme zur Verfügung, die aufbereitete Bilder von Außenkameras und der Ortung darstellten.
Vor einem solchen Bildschirm hätte Dan sicher mehr erkannt als durch dieses Fenster, zudem hätten die vom Schiffscomputer eingearbeiteten Daten vieles erklärt.
Aber es war eben nicht dasselbe, wie wenn man es mit eigenen Augen sah.
Helle Blitze glommen in der Finsternis auf, wenn die Schiffe aus dem Orbit um California mit einem mächtigen Impuls ihrer Ionenantriebe aufbrachen. Je größer die Masse des Schiffs, desto mächtiger das Triebwerk.

„Was war das für einer?“, erklang eine Frauenstimme hinter ihm.
Der Major von New Plymouth sah nicht einmal zur Seite, als er antwortete: „Das muß der Tender FRASCATI gewesen sein. Er gehört zur Nebula-Klasse. Damit ist er eines der größten Schiffe, das jemals innerhalb der Allianz gebaut wurde.“
„Das ist interessant“, sagte Anastasia, als sie neben den Major trat. „Und der Blitz da?“
Dan lächelte. „Das war eine Reflexion. Kein startendes Triebwerk. Vielleicht ein Satellit, der für einen Moment gerade die richtige Seite zu uns rübergedreht hat, um das Licht von Morgans Stern zu uns herüber zu senden.“
„Oh!“, machte Ana.
Dan schmunzelte. „Schon gut, Hoheit. Niemand erwartet von Euch, daß Ihr es mit mir in meinem Fachgebiet aufnehmt. Ihr habt an Bord der STERNENSÄNGER vor allem eine repräsentative Aufgabe, keine funktionale.“
„Das mussten Sie mir jetzt unbedingt unter die Nase reiben, was?“, beschwerte sich die Prinzessin und zog einen Schmollmund.
Dan sah zu ihr herüber. Sie trug jetzt die himmelblaue Dienstuniform des New Plymouth Corps. Auf ihren Schultern prangten die Abzeichen eines Leutnants. Ehrenhalber, versteht sich. Sie würde nie wirklich in die Verlegenheit kommen, echte Soldaten in Gruppen- oder Zugstärke in ein Gefecht zu führen, wie es ihrem Rang entspräche.
Aber die Uniform stand ihr. Das Himmelblau kontrastierte wundervoll mit ihren grünen Augen und dem langen, rotblonden Haar.
„Was?“
„Äh, wie meinen?“, fragte der Major erschrocken.
„Wieso starren Sie mich so an, Daniel?“, fragte sie amüsiert.
„Ihr erinnert mich etwas an Maris, Euren Onkel. Er hatte den gleichen Farbton in seinen Augen.“
„Sie kannten Maris persönlich?“ In ihre Augen trat ein Funke Verlorenheit, der Daniels Herz rührte.
Der Mann von New Plymouth seufzte schwer. „Ich lernte ihn kennen, als uns die Erste Flotte während der Gefechte auf St. Joseph zu Hilfe kam. Ich habe immer seine Stärke bewundert, seinen Willen, trotz allem ein Mensch zu bleiben. Er war für mich und viele meiner Kameraden ein wichtiger Grund zu überleben.“
Anastasia starrte an Dan vorbei in die Leere des Alls. „Wie war es auf St. Joseph? Wie ist Onkel Maris gestorben?“
Der Major schnaubte verächtlich. „Ich kann nicht beschreiben, was ich selbst nicht verstehe. St. Joseph war die Hölle.
Es war ein Grenzkonflikt, ähnlich wie der, in den wir hinein fliegen. Ein Expeditionscorps aus Darshol war auf St. Joseph gelandet und beanspruchte diese Welt für sich. Die Bewohner wurden deportiert.
Es war nur eine kleine Kolonie, kaum mehr als eine Forschungsstation, aber es waren unsere Leute. Grund genug für das New Plymouth Corps, vier Regimenter zu entsenden, die auf St. Joseph niederfuhren wie Racheengel.
Wir fegten die Hälfte der Gegner beim ersten Ansturm fort. Beim zweiten waren zwei von drei Imperiumssoldaten gefangen oder tot. Was waren wir damals stolz auf uns.
Der erbärmliche Rest des ExpeditionsCorps aber floh nicht ins All. Sie setzten biologische Kampfstoffe ein. Biologische Kampfstoffe! In nur einer Nacht starben neunzig unserer Leute, weitere vierhundert rangen mit dem Tod.
Wir erwiderten den Gruß und verseuchten den Feind ebenfalls mit Hilfe eines genmanipulierten Virus.  Die Darsholer revanchierten sich. Sie warfen taktische Fusionsgranaten auf unsere Stellungen. Wir beantworteten den Angriff mit einem Bombardement unserer Schlachtschiffe aus dem Orbit. So ging es weiter, immer weiter, bis vier Regimenter, bis fünftausend Soldaten auf fünfhundert zusammengeschrumpft waren. Es wurden mehr Soldaten in schwarzen Plastiksäcken in den Orbit gebracht als mit den Verwundetentransporten.“
Dan lachte gehässig. „Die Darsholer hatten sogar noch schwerer gelitten. Von zehntausend lebten gerade noch dreihundert.
Verdammt, ich weiß genau, wir hätten so weitergemacht, bis auch der letzte von uns gefallen wäre, bis aus St. Joseph ein nachglühender Klumpen Asche geworden wäre, wenn nicht Ihr Onkel gewesen wäre.
Ich weiß noch, wie wir jubelten, als die Erste Flotte der Allianz in den Parkorbit um St. Joseph einschwenkte. Es war Nacht, und wir zählten die Lichter der Triebwerke, die sich zu den Positionslichtern unserer Schiffe gesellten.
Am nächsten Morgen schon landete Lord Maris mit einer Kompanie gepanzerter Infanterie. Und was hat er getan? Uns gemaßregelt, wie grüne Rekruten zusammengestaucht. Er sah uns an und fragte uns, ob dieser verdammte Staubball viertausend Leben wert war. Wie konnten wir es nur zulassen, uns den Krieg der Darsholer aufzwingen zu lassen? Wie konnten wir nur gleiches mit gleichem vergelten? Wie konnten wir werden, was wir doch verachteten? Wir waren Soldaten, keine Schlächter. Wir warfen keine Virenbomben. Wir vernichteten sie, bevor sie eingesetzt wurden.
Unsere Würde und unser Stolz waren in diesen Kämpfen verloren gegangen. Unsere Welt war verschwunden. Es gab nur noch den Konflikt und das Selbstmitleid, in dem wir uns ertränkten. Maris gab uns unsere Leben wieder.“
„Und was war dann? Haben Sie den Planeten verlassen?“
Dan senkte den Kopf. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Hätte ich gewusst, was dann kommen würde, bestimmt. So aber harrte Lord Maris mit uns drei weitere Angriffe der Darsholer aus. Er ertrug Bombardements, sogar einen Angriff mit Fusionsgranaten. Nicht einmal fluchte er, nicht einmal befahl er den Gegenangriff. Wir konnten uns nur noch wundern.
Nach dem dritten Angriff aber rief er die Überlebenden des Corps zusammen und präsentierte detaillierte Karten der Stellung des Gegners. Während wir gewartet hatten, war seine Kompanie aktiv gewesen und hatte den Feind observiert.
St. Joseph ist eine Welt der Allianz, hat er gesagt. Und wir geben sie nicht auf. Wir erobern sie zurück, auf unsere Art.
Nennt es patriotisch, nennt es dumm, er stürmte an der Spitze unserer Infanterie gegen den Feind, als wir die Linie der Darsholer nach alter Art überrannten. Wie wir es zu Anfang getan hatten, wie wir es weiter hätten tun sollen. Wir eroberten zurück, was unser war, nur hatten wir es selbst verseucht und verbrannt.
Wisst Ihr, wie ich mich geschämt habe, als Maris mir das ins Gesicht sagte? Wie wir alle uns geschämt haben? Er hatte so verdammt recht.“

Anastasia nickte unbehaglich. Ein unsicherer Blick streifte den Major.
Dan lächelte. „Ihr wolltet wissen, wie Maris gestorben ist. Ihr könnt stolz auf ihn sein. Er starb als Verkörperung dessen, was er vorlebte. Er starb beim Sturm auf die Stellung des Feindes, ohne planetares Bombardement, ohne Viren oder Killerbakterien. Er hat das gleiche riskiert wie wir alle. Er hat verloren. Ein Kampfroboter der Darsholer identifizierte ihn als Offizier. Es war ein Nexus IV, damals das schlimmste Ding, das die Darsholer zur Verfügung hatten und vielleicht der letzte, den sie damals noch hatten. Bevor auch nur einer von uns etwas tun konnte, zerfetzte ihn die Partikelkanone dieses Monsters.
Ich weiß nicht, ob man glücklich sterben kann. Im Kampf kann man dieses Glück bestimmt nicht finden. Aber ich hoffe, Maris ist wenigstens zufrieden gestorben.
Wenigstens war er sofort tot. Immerhin hatte ihn eine Waffe getroffen, mit der Panzer vernichtet werden sollten.
Oh, es tut mir leid. Ich hätte nicht so ins Detail gehen sollen.“
Anastasia winkte ab. Sie legte die Arme um ihren Leib, als fröstele sie. „Ist schon gut. Ich wollte es ja wissen. Sie haben da eine Menge durchgemacht. Und heute fliegen Sie in einen Konflikt, der vielleicht ebenso werden wird.“
Dan schüttelte den Kopf. „Kein Konflikt, an dem ich beteiligt bin, kann jemals so werden wie St. Joseph. Das ist das Vermächtnis Ihres Onkels. Er starb für die Allianz und für eine Idee, für etwas Altes und doch völlig Neues. Nicht für Krieg, sondern für Vernunft. Verdammt, auch wenn es mein Leben kostet, nie wieder werde ich diese Regeln brechen. Denn nur wer Gnade gewährt kann Gnade erwarten.“
„Ist das das Geheimnis dieser roten Glasperlen, die Sie tragen? Die Tränen von St. Joseph? Sollen sie Sie an diese Schlacht erinnern?“
„Ja, aber nicht nur. Diese Perlen... Jede einzelne steht für einen Kameraden meiner alten Kompanie, der noch lebt.
Vor einem Jahr noch waren es elf. Nun sind es nur noch sieben. Jedes Mal, wenn einer von uns stirbt, nehmen wir eine ab, bis wir alle nicht mehr sind. Mit uns wird dann hoffentlich auch das Ende der Kriege wie St. Joseph kommen.“
„Ein naiver Wunsch“, tadelte Anastasia und stupste mit ihrem rechten Zeigefinger spielerisch Dans Nasenspitze an.
Der Soldat lächelte wehmütig. „Ich habe teuer für diesen Wunsch bezahlt, glaubt mir, Hoheit.“
Nachdenklich strich ihr Blick über sein Gesicht. „Die Narbe, nicht wahr? Woher haben Sie die? Von St. Joseph?“ Sanft glitt ihre Hand über Dans linke Wange. „Warum haben Sie eigentlich noch keine Familie, Daniel? So ein guter Mann wie Sie...“
Oh, oh, dachte Dan. „Ihr habt recht, Hoheit. Die Narbe ist das Überbleibsel einer Verwundung durch chemischen Kampfstoff. Mein Gesicht wurde auf seiner gesamten Länge aufgerissen. Die Eiterblase, die daraus hervortrat war so groß wie eine Männerfaust.“
„Oh. Das war bestimmt schmerzhaft“, bemerkte Anastasia und streichelte die schmale Narbe.
„Das war es, ja.“
„Warum also haben Sie noch keine Familie, Daniel? Lügen Sie nicht, ich weiß es noch vom Ball.“ Anastasia lächelte ihn an. Ihr Gesicht war dem seinen plötzlich so verdammt nahe. Er konnte ihren Atem schmecken.
„D-der chemische Angriff, Hoheit. Er- er hat mich... sterilisiert”, log er im verzweifelten Versuch, die Prinzessin abzuwehren. „U-und ohne natürlich gezeugte Kinder hätte eine Beziehung keinen Sinn für mich, Ihr versteht?“
„Du Ärmster. Wie lange ist es her, daß dich jemand geliebt hat?“
„Sehr lange“, rutschte es Daniel heraus.
Anastasia zeichnete seine Lippen mit ihrem Zeigefinger nach. Der Soldat von New Plymouth konnte nur dastehen wie ein hypnotisiertes Kaninchen vor einem Baktul. „Du tust mir so leid, Major. So ein anständiger Kerl. Was für ein Elend. Was hältst du davon, wenn ich dieses Defizit ausgleiche?“
„Ho-ho-hoheit, Ihr vergesst Euch!“, haspelte Dan hervor.
„Es ist für einen treuen Soldaten der Allianz, nicht?“ Ihre warme Wange legte sich auf die seine, als Anastasia begann, an seinen Ohrläppchen zu knabbern. Es war ein angenehmes, viel zu angenehmes Gefühl. Ihre Nähe hatte etwas Berauschendes für ihn.
„D-das geht nicht. Ich kann Euch doch nicht... Ihr seid doch…“
„Du bist nicht der erste, wenn dir das Sorgen bereitet. Ich bin schon ein großes Mädchen.“ Ihr Körper schmiegte sich an seinen.
Dan spürte, wie er zu zittern begann. So sehr sein Verstand sich auch dagegen wehrte, sein Körper wollte sie. Und eigentlich war es wirklich schon eine Ewigkeit her, oder? Und wer war er schon, dass er sich dem Willen der Tochter des Prinzen widersetzte? Sollte er sich nicht eher geehrt fühlen, von ihr ausgesucht worden zu sein? Der Sache alle positiven Aspekte abringen, die er erkennen konnte?
Nein! Er musste hart bleiben. Schlecht formuliert. Standhaft! Genauso unglücklich. Widerstehen! Besser.
„Das gibt einen Skandal“, hauchte Dan.
„Das Schott ist verriegelt“, erwiderte die Prinzessin und verschloss seine Lippen mit einem Kuss.

***

Drei Stunden später schlich Daniel Parker wie ein geprügelter Hund in die Offiziersmesse der STERNENSÄNGER. Es war laut Bordzeit Mittag, aber das Essen, Steak aus Fleischzuchtkulturen mit bordeigen gezogenen Kartoffeln und Gemüse frisch von California, wollte ihm nicht schmecken. Lustlos stocherte er in seinem Essen herum.
„Haben Sie Erbarmen und töten Sie es schnell und schmerzlos, anstatt es langsam zu Tode zu quälen.“
Dan sah auf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. „Riad, hallo. Setzen Sie sich doch.“
Die Frau von den Hozarius-Sternen stellte ihr Tablett auf dem Tisch ab und setzte sich dem Major gegenüber hin. Auf ihrem Teller war nur eine doppelte Portion Gemüse. Daneben standen zwei Schalen mit Californianusspudding.
„Diät?“
Riad schüttelte den Kopf. „Nee. Ich esse nur nicht gerne Fleisch aus den Zuchtbänken. Außerdem ist Gemüse gut für die Libido.“
Dan riss die Augen auf und verschluckte sich dabei fast an dem kleinen Brocken Fleisch, den er sich nach langem Für und Wider in den Mund geschoben hatte. Er hustete ein paar Mal, bis ihm die Tränen in den Augen standen. Als seine Kehle wieder frei war, starrte er Riad Satora aus großen Augen an. Ahnte sie etwas? Wusste sie etwas? Immerhin war sie nicht nur in ihrer Eigenschaft als Geheimdienstlerin an Bord.
„Ist es wirklich, Dan. Glauben Sie mir.“
„Gut für Sie“, röchelte er.
Schweigend saßen sie sich gegenüber und verteilten das Essen auf den Tellern. Schließlich meinte Riad: „Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen, Dan. Erst dachte ich ja, Sie versuchen auf Kosten der Prinzessin Aufsehen zu erregen. Aber nachdem ich Ihre Karriere eingehend studiert habe, muß ich das wohl zurücknehmen. Ich bin sicher, Sie würden Anastasia niemals schaden wollen, geschweige denn sie ausnutzen.“
„Eigentlich nicht“, murmelte Dan betreten.
„Ja, ich denke, ich habe, seit ich Sie kenne, immer nur den Geheimdienstoffizier hervorgekehrt. Vielleicht sollte ich der Frau mal die Gelegenheit geben, Sie besser kennen zu lernen“, murmelte Riad
„Vielleicht.“
„Wenn ich ehrlich bin, sind Sie sogar eine Sünde wert, Dan.“
Der Soldat von New Plymouth spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. „Ich bin nicht sicher, ob ich dazu schon wieder in der Lage bin, Riad.“
„Oh. Sie meinen wegen St. Joseph? Das macht nichts. Wollen wir erst mal als Freunde beginnen?“
„Riad, Ihre Freundschaft wäre mir sehr wertvoll. Aber wenn ich sie akzeptierte... Ich würde sie ausnutzen. Vielleicht später.“
Die Frau wurde rot. Langsam stand sie auf und ergriff ihr Tablett. „Ich... verstehe, Dan. Vielleicht war es ein Fehler. Entschuldigen Sie mich.“
Dan sprang auf. „Riad!“
„Nein, ist schon gut.“
„Riad, verdammt, ich ziehe in den Krieg!“
„Ach, ist das Ihre Ausrede? Der Krieg geht vor? Ich sage Ihnen was. Für Freundschaft und mehr ist immer Zeit. Guten Tag, Herr Major.“
Wütend verließ Riad Satora die Messe. Die Anwesenden starrten ihr nach, unter ihnen Daniel Parker.
„Verdammt! Verdammt! Verdammt!“ Irgendwie war er nun überhaupt nicht mehr hungrig. Erst hatte er mit der Frau geschlafen, mit der er sich eigentlich niemals hätte einlassen dürfen. Und dann hatte er die Frau verprellt, die ihn interessierte. In diesem Moment hatte Dan keine besonders hohe Meinung von sich.

4.

Jonathan Corrand war seit sechs Jahren im New Plymouth Corps. Er hatte sich nach der Grundwehrdienstzeit dazu entschlossen, sich zu verpflichten und war mittlerweile aus den Mannschaftsdiensträngen in die Unteroffizierdienstgrade und schließlich in die Offiziersränge aufgestiegen. Zur Zeit trug er den Rang eines Oberleutnants. Und er war auf dem besten Weg, in wenigen Jahren Hauptmann zu werden. Seine Leute mochten ihn, und wenn er ehrlich war, lag das an seiner mangelnden Disziplin. Er brachte es einfach nicht fertig, die nötige Distanz zwischen Offizier und Soldat aufrecht zu halten. Er war eben gerne unter seinen Leuten, und die honorierten es ihm mit Hingabe und Fleiß. Seine Einheit, der Vierte Zug der Ersten Kompanie des Ersten Bataillons war eine der besten des gesamten 19. Regiments. Er und seine Leute bildeten die Stabssicherungsabteilung. Während die anderen drei Züge die Aufgaben des Stabsdienstes, des Nachschubs und der Verwaltung übernahmen, passten seine Leute auf deren Ärsche auf. Sein direkter Vorgesetzter war Hauptmann Virginia Candrall, eine Frau die wusste was sie tat. Sie war eine hervorragende Verwaltungskraft und sie bewies auf den Schießständen regelmäßig, daß sie weit mehr beherrschte. Heute würde sie von California zurückkommen. Das bedeutete, daß wieder Ruhe ins Bataillon einkehrte.
Was auch dringend nötig war, denn Jon hasste es, den Kompaniechef zu ersetzen. Das war einfach nicht seine Arbeit. Er gehörte zur kämpfenden Truppe.
Auch Major Parker würde heute zurückkehren. Jon Corrand schätzte den Major nicht nur als persönlichen Freund und wegen seiner Vergangenheit als St. Joseph-Veteran. Jon wusste einfach, daß Dan die Leben seiner Untergebenen viel bedeuteten.
Aber heute wollte er nicht so recht darüber nachdenken. Das komplette Material der 19. war bereits eingeschifft worden, ebenfalls das des 4. und des 11. Regiment des New Plymouth-Corps. Das war defacto eine komplette Division.
Noch bevor die Erste Flotte eintraf würden sie nach St. Joseph aufbrechen, der Welt, die zur Nemesis des Corps geworden war. Daran wollte Jon aber auch nicht denken. Er saß hier im St. Patrick Pub, trank mit seinen Leuten ein gepflegtes Bier und genoss den Ausgang bis zum Morgen, den er und seine Leute bekommen hatten. Er selbst hatte den Befehl unterschrieben.
Auch das 4. und das 11. bekamen heute frei, was nicht mehr als gerecht war. So konnten sie sich alle noch mal austoben, bevor es morgen Nachmittag ernst wurde.

Caitlin Vaas stieß ihren Vorgesetzten mit ihrem spitzen Ellenbogen in die Seite und grinste ihn frech an. Sie nickte in Richtung des großen Holoschirms, der hinter der Bar aufgestellt war und der gerade live die Landung der Prinzessin Anastasia Veronique von California zeigte. Bis jetzt wurde nur die Totale von der Landung eines Pendlers der STERNENSÄNGER gezeigt. Doch als das Schiff gelandet war, marschierte ein Bataillon des New Plymouth Corps im Gleichschritt vor das Schiff und nahm Aufstellung. Techniker rollten einen roten Teppich aus, Sicherheitskräfte der Polizei sperrten das Gelände weiträumig ab. Von einem Moment zum anderen drängten sich ein paar tausend Schaulustige an den neuen Absperrungen.
„Seht euch die da an“, lachte jemand. „Das ist doch das Zweite Bataillon vom Dritten! Mann, haben die sich fein gemacht.“ Die Anwesenden lachten.
„Da hat wohl Mami geholfen.“ Wieder wurde gelacht.
„Vielleicht haben sie sich diesmal sogar geduscht, und nicht nur gepudert!“
Jon musste gegen seinen Willen grinsen. Es ging eben nichts über etwas Rivalität zwischen den einzelnen Regimentern, solange es bei den üblichen Witzen blieb.
Das 3. Regiment wurde in Bereitschaft gehalten, um sie alle auf St. Joseph zu unterstützen, falls sie es allein nicht schafften. Deshalb war eines ihrer Bataillone als Ehrengarde für die Prinzessin abkommandiert worden. Und nicht eine jener Einheiten, die bald in den Einsatz mussten.
„Hui, schaut euch mal die vielen Orden vom alten Raczinsky an. Hat er die alle verliehen bekommen oder hat er auch welche im Trödelmarkt gekauft?“, scherzte jemand.
Jon prustete sein Bier wieder aus, als er das hörte. Wenn das jemand General Raczinsky erzählte, würde die Kompanie nicht viel zu lachen haben. Aber er sah auch ehrlich aus wie ein herausgeputzter Pfau. Vor lauter Orden und Ehrenbänder konnte man beinahe nicht die Farbe der Uniformjacke erkennen.
Beim Pendler öffnete sich die Hauptschleuse. Eine eilig aufmarschierte Militärkapelle begann die Hymne der Allianz zu spielen. Es kam eben nur alle paar Jahrhunderte vor, daß ein Mitglied der Prinzenfamilie einen so abgelegenen Planeten wie New Plymouth besuchte.
Zuerst erschienen zwanzig Rauminfanteristen in Gefechtsrüstungen. Ihren Farben nach zu urteilen gehörten sie zur Infanterie des Flaggschiffs der Ersten Flotte, den Grauen Wölfen. Sie marschierten im Gleichschritt den Laufsteg herab und nahmen dort in einem Spalier Aufstellung.
Vom General kam der scharfe Habt acht-Befehl, und vierhundert Paar Hacken schlugen zusammen. Dann der laute Augen rechts-Befehl.
„Wetten, die Prinzessin stolziert da in `nem Ballkleid aus dem Schiff, wie neulich bei der Übertragung von California?“
Die Übertragung direkt aus dem Ballsaal war für seine Kompanie natürlich Pflicht gewesen. Während über dem Prinzenpalast auf California Nacht gewesen war, hatte die Erste Kompanie in den frühen Morgenstunden der Port Plymouth-Garnison gemeinsames Holosehen auf dem Dienstplan stehen gehabt.

Da kam sie endlich selbst den Steg herab. Der Kommandeur der Flotteninfanteristen bellte ein scharfes Kommando und die Soldaten präsentierten ihre Strahlenkarabiner.
„Hey! Sie trägt eine Corps-Uniform!“, rief jemand aufgeregt.
„Tatsächlich“, bemerkte Jon, während neben und hinter ihm die Soldaten vor Begeisterung brüllten und pfiffen. Anastasia von California trug wirklich die schneeweiße Ausgehuniform des New Plymouth-Corps. Jon empfand das als sehr große Ehre. Seine Leute anscheinend auch.
Die Prinzessin wurde von einem Offizier am Arm geführt, der ebenfalls die weiße Ausgehuniform trug. Auch seine Brust war mit Orden und Bändern zugekleistert wie die vom alten Raczinsky. Aber auf seinen Schultern prangte das Majorsabzeichen. Mehr konnte Jon nicht erkennen, denn der Offizier hatte seine Schirmmütze weit ins Gesicht gezogen.
Die Holokamera zoomte heran und vergrößerte das Paar, wie es durch das Spalier schritt. Jemand drehte den Ton auf, der Kommentar der Sprecherin war zu hören. „Wie Sie an den roten Perlen auf der linken Schulter erkennen können, liebe Zuschauer, handelt es sich beim Begleiter der Prinzessin um einen Veteran von St. Joseph. Moment, ich bekomme gerade bestätigt, ja, bei dem Major des New Plymouth Corps handelt es sich eindeutig um Major Daniel Parker. Major Parker weilte auf California, um den neuen Regimentskommandeur der Neunzehnten offiziell im Corps willkommen zu heißen.
Das Paar, das hinter den beiden den Pendler verlässt sind Hauptmann Riad Satora vom Geheimdienst und Brigadegeneral Robert Stahnke, der neue Kommandeur des Neunzehnten Schweren Regiments. Es ist äußerst ungewöhnlich, daß Major Parker die Prinzessin nach New Plymouth geleitet und nicht der General. Doch das mag einfach daran liegen, daß die beiden ein hübsches Paar abgeben, was meinen Sie, liebe Zuschauer?
Als nächstes erfolgt eine offizielle Begrüßung durch General Raczinsky. Anschließend kommt es im Parlamentsgebäude von Port Plymouth zur Eintragung im Goldenen Buch der Stadt...“
Wieder pfiffen und johlten die Leute. Jon sprang auf.
„Wo willst du hin, Jonathan?“ wollte Caitlin wissen.
Jon Corrand zog seine Jacke über und grinste sie an. „Na, zum Raumhafen. Das will ich mit eigenen Augen sehen.“
Drei Minuten später war das St. Patrick Pub beinahe leer.

***

Als Anastasia die Ehrenformation des Corps abschritt, konnte es sich Dan erlauben, stehen zu bleiben und lediglich die Rechte zum Gruß an die Stirn zu heben, während die Kapelle die Hymne des Corps spielte. Das würde jetzt zwei, drei Minuten dauern, Zeit genug für den Major, die letzten Stunden Revue passieren zu lassen.
Es war nicht gerade förderlich für sein Verhältnis zu Riad gewesen, daß die Prinzessin darauf bestanden hatte, von ihm aus dem Landungsschiff geführt zu werden. Die Frau von der Hozarius-Ballung hatte ihm einen bitterbösen Blick zugeworfen. Und als dann auch noch General Stahnke darauf bestanden hatte, war der Tag perfekt gewesen.
Der Prinz hat seine Tochter Ihrem Schutz anvertraut, Dan, nicht meinem. Also, ich könnte mir eine schlimmere Aufgabe vorstellen, als eine so hübsche Frau wie Anastasia am Arm zu führen.
Das sagte sich so leicht. Stahnke hatte ja auch nicht mit ihr geschlafen. Jedenfalls nicht, soweit Dan es wusste.
Der Major ließ seinen Blick kurz über die Ehrenformation schweifen. Die Soldaten standen da wie mit einem Lineal gezogen. Sie bewegten nicht einen Gesichtsmuskel. Nur hin und wieder spannte der eine oder andere die Beinmuskeln an, um das Blut zum Zirkulieren anzuregen. Ein alter Soldatentrick.
Kurz sah Dan zu General Raczinsky herüber, der mit der Prinzessin die Ehrenformation abschreiten durfte. Ja, durfte war das richtige Wort, denn der alte Offizier strahlte über das ganze Gesicht.
Dans Blick glitt weiter, über die Kapelle, zu den Polizeikräften und dann zu den Zuschauern.
Merkwürdig, er hätte eigentlich die üblichen Demonstranten erwartet, die bei solchen militärischen Anlässen gegen das Militär und den Krieg im Allgemeinen zu demonstrieren pflegten, quasi aus Prinzip. Vielleicht auch aus Gründen der Selbstdarstellung. Aber selbst diese Menschen – und Außerirdischen – schienen die Prinzenfamilie der Allianz zu sehr zu respektieren, um New Plymouth oder die Prinzessin blamieren zu wollen.
Aber halt, da hinten kamen sie. Hatten sich wohl erst organisieren müssen. Eine kleine Kolonne von Privatschwebern und Gleitertaxis fuhr bis an die Absperrung heran und entließ eine wilde Horde, die sofort an die Barrikaden drängte und die Musik mit lautem Jubel zu übertönen versuchte. Das war neu. Normalerweise pfiffen und buhten sie.

Ein Schatten fiel auf Dans Gesicht, als er genauer hinsah. Das waren seine Leute. Die Erste Kompanie, um korrekt zu sein. Und ein paar Leute von der Vierten waren auch dabei.
Ihr Sternengötter, dachte Dan intensiv, tut mir das nicht an.
Ganz vorne stand Jon Corrand vom Sicherungszug, das war ja klar. Wenn man irgendwo ein Fass aufmachen oder Unsinn anstellen konnte war der junge Mann nicht weit entfernt. Neben ihm stand Fähnrich Jean Dressler von der Zwoten.
Nicht auch noch die Hitzköpfe von der Zweiten Kompanie! Und wenn er genau hinsah, kamen da auch schon Soldaten von den anderen Kompanien. Verdammt, hatten die alle Ausgang, oder was?
Die ersten Holokameras schwenkten schon auf die lärmende Truppe um. Seine Leute, na Klasse. Sie trugen zwar fast alle Zivilkleidung, oder das, was sie dafür hielten, aber Dan machte sich da keine Illusionen. Es bedurfte nur einer kurzen Nachfrage beim Zentralrechner von Port Plymouth, und den Gesichtern würde schnell Name, Rang und Einheit zugeordnet werden.
Die Prinzessin schritt noch immer die Reihen ab. Das schien die meisten Kameraleute aber nicht mehr zu interessieren. Die feiernden Zaungäste waren jetzt der Hit.
Laut Protokoll hatte der Major eigentlich hier zu warten, bis Anastasia zurückkehrte, um sie dann nach Port Plymouth zu begleiten, aber Teufel, das da waren seine Leute, und er wollte der Erste sein, der sie kräftig zusammenstauchte. Vielleicht ließ sich der Schaden auch etwas begrenzen, obwohl zu autoritäres Gehabe von den Medien seiner Heimatwelt eigentlich eher negativ beurteilt wurde.
Dan nahm den Arm ab, was bei einigen Soldaten des Dritten Bataillons Verwirrung auslöste. Unschlüssig nahmen einige den Strahlenkarabiner ab, andere sahen verwirrt zur Kapelle, die noch immer spielte. Ein gezischter Befehl von Hauptmann Morelli brachte wieder Ordnung in die Reihe.
Doch das interessierte den Major schon nicht mehr. Er drehte sich um neunzig Grad nach rechts und marschierte gemessenen Schrittes auf die Absperrung zu, hinter der seine Leute feierten. Anfangs wurden sie eher noch lauter, aber je näher er kam, desto genauer konnten sie den Ärger in seiner Miene sehen. Sie wurden immer leiser, und als er direkt vor der Absperrung stand, waren sie vollkommen verstummt.
Dan verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ließ seinen Blick von links nach rechts schweifen. „Ausgang?“ fragte er knapp.
„Ausgang bis zum Einschiffen, Dan“, meldete Jon Corrand grinsend.
„Aha. Und was bitte macht Ihr hier?“
„Wir wollen die Prinzessin sehen“, rief Kennard Jackson von der Dritten. Seine Kameraden pfiffen und klatschten begeistert.
„Ruhe!“, gellte Dans Ruf im schärfsten Kommando-Ton auf. Sofort war es still. „Das war nicht meine Frage. Es ist offensichtlich, daß Ihr nicht wegen dem schönen Sonnenschein auf den Raumhafen raus gekommen seid. Ich will wissen, warum Ihr euch benehmt wie ein Haufen besoffener Darsholischer Soldaten!“ Daniel war nicht besonders laut geworden, aber diese Unterstellung wirkte wie eine kalte Dusche auf seine Leute.
Ernüchtert und betreten sahen sie zu Boden.
„Wir leben in einer Demokratie. Das ist gut so. Aber Ihr seid Soldaten, die sich dieser Demokratie verschrieben haben. Ich erwarte nicht von euch, daß Ihr Prinzessin Anastasia besonders mögt oder sie auf Händen tragt, nur weil sich unsere Demokratie an das Champion-System der Allianz angeschlossen hat. Aber ich kann doch wohl von Soldaten, die geschworen haben, New Plymouth zu schützen erwarten, daß sie die Klappe halten können, wenn die Hymne des Corps gespielt wird. Beim Schwarzen Loch im Zentrum der Milchstraße, das wissen sogar die Rekruten besser als Ihr.“
„Verzeihung“, murmelte jemand.
„Verzeihung reicht da nicht.“
„Verzeihung, bitte.“
„Auch das reicht nicht. Wegen Eurer Eskapade musste ich die Ehrenformation verlassen. Wisst Ihr, was die Prinzessin mit mir machen wird? In der Luft zerreißen wird sie mich. Und die Reste wird Stahnke fressen.“
„Äh, Dan...“
„Verdammt, Jon, jetzt rede ich. Eine Stunde vor dem Abflug erwarte ich das Erste Bataillon vollzählig auf dem Exerzierplatz. Ausgehuniform ist befohlen. Dort werdet Ihr so lange zu unserer Hymne marschieren, bis Ihr gelernt habt, sie mehr zu respektieren. Außerdem erwarte ich von jedem Zug eine von jedem Soldaten persönlich unterschriebene Entschuldigung an Ihre Hoheit, Anastasia Veronique von California. Ist das klar?“
„Dan, es ist wichtig!“
„Ob das klar ist?“, blaffte der Major.
„Ob was klar ist?“, fragte eine sanfte Frauenstimme hinter dem Major.
Dan zuckte zusammen, als er die Stimme erkannte. Er fuhr auf dem Absatz herum und betete inbrünstig: Ihr Sternengötter, lasst es nicht Anastasia sein! Bitte tut mir wenigstens diesen Gefallen!
Pech, die Götter, die der Major anrief, hatten wohl gerade ihren freien Tag.
Anastasia stand direkt hinter ihm und lächelte freundlich. Neben ihr stand General Raczinsky und warf Dan einen verdammt bösen Blick zu. Hinter ihm stand Stahnke und grinste unverschämt.
Dan schluckte einmal, zweimal und stotterte dann: „Ho-hoheit, ich...Das sind... ich meine...“
Ihre Augen begannen zu leuchten, als sie begriff. „Oh, das sind Ihre Leute! Das finde ich aber nett, daß sie gekommen sind, um Sie daheim zu begrüßen.“
Anastasia ging an ihm vorbei auf die Soldaten in Zivil zu und lächelte Jon Corrand an. „Sie sind sicherlich Jonathan, nicht? Sie haben da diese Narbe auf der Stirn. Dan hat mir erzählt, daß Sie die abgekriegt haben, als Sie im Manöver nicht aufgepasst hatten und beinahe von einem Gravpanzer geköpft worden wären. Sie haben die Narbe behalten, um sich immer daran zu erinnern, nicht? Es ist immer gut, aus Fehlern zu lernen.“
Jon knallte die Hacken zusammen und verbeugte sich steif in der Hüfte, genau wie Major Parker bei der Übertragung aus dem Prinzenpalast. Es war immer gut, wenn man sich an Sachen hielt, die sich bewährt hatten. „Oberleutnant Corrand, Vierter Zug, Erste Kompanie, Erstes Bataillon, 19. Regiment, Eure Hoheit. Es ehrt mich, daß Ihr mich auf Anhieb erkannt habt.“
„Oh, Dan spricht viel und gerne über seine Leute.
Sie müssen Unteroffizier Schmidt sein. Diese himmelblauen Augen, das ist genau der Blick, den ich von einem Frauenliebling wie Ihnen erwarte.“
Mark Schmidt wurde knallrot im Gesicht. Er schlug ebenfalls die Hacken zusammen und rief: „Hoheit, Unteroffizier Schmidt, Dritter Zug, Zwote Kompanie, Erstes Bataillon, 19. Regiment. Es freut mich, daß Ihr mich aus den Schilderungen des Majors wieder erkannt habt.“ Seine Worte begleitete ein bitterböser Blick, der den Major verlegen grinsen ließ.
Anastasia klatschte begeistert in die Hände. „Ich finde es großartig, daß wir uns bereits auf dem Raumhafen treffen, damit wir uns kennen lernen können. Schließlich werde ich Ihr Bataillon die nächsten Wochen begleiten. Ich würde Sie gerne alle nachher, nach den offiziellen Terminen wieder sehen.“
Jon wagte es zu grinsen. „Hoheit, Major Parker kennt alle bevorzugten Aufenthaltsorte des Bataillons während der Freizeit. Um ehrlich zu sein, hat er sie persönlich ausgekundschaftet. Haltet euch an den alten Dan, und Ihr werdet uns garantiert treffen.“
„Das ist schön. Also, dann bis nachher.“ Anastasia hörte sich die gemurmelten Bestätigungen der Soldaten an, danach wandte sie sich um und schritt am Arm von General Raczinsky zurück zur Ehrenformation.
Nun trat Stahnke nach vorne. „Also das ist das berüchtigte 19. Schwere Regiment?“
„Nur das Erste Bataillon, Sir. Und nicht einmal vollständig“, warf Jon ein.
„Nun, wenn mich die jungen Leute nachher mitnehmen, wäre ich ebenfalls sehr erfreut, Sie alle kennen zu lernen. Ich habe nämlich ebenfalls das eine oder andere von Ihnen gehört, Herrschaften.“ Stahnke schenkte den Soldaten ein kurzes Lächeln und folgte dann der Prinzessin.

„Eine Stunde vor dem Abflug, in Ausgehuniform auf dem Exerzierplatz!“, blaffte Dan und erinnerte seine Leute wieder an die Befehlskette.
„Ja, Sir!“, erwiderten sie.
Dan grunzte zufrieden und folgte ebenfalls der Prinzessin.
Hinter ihm aber begannen seine Leute aufgeregt zu tuscheln. Es kam eben nicht jeden Tag vor, daß man einer echten Prinzessin begegnete.