In genau diesem Moment

GeschichteRomanze / P12
Charlotte "Chuck" Charles Ned
19.10.2009
19.10.2009
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In genau diesem Moment- exakt drei Jahre, einen Monat, zwei Tage, 22 Stunden und 16 Minuten nachdem Charlotte Charles- seine Kindheitsliebe- die einzig wahre Liebe seines Lebens, das Mädchen, das er Chuck nannte, erneut in sein Leben getreten war- genau in diesem Moment verlor der Kuchenbäcker jegliches Vertrauen in seine Augen.

Dieser Anblick konnte einfach nicht real sein. Nur in seiner Vorstellung von dem, was man „im Himmel“ nennt oder vielleicht auch „im Paradies“ konnte es ein ähnlich engelsgleiches Wesen geben wie das, was seine Augen ihm hier offensichtlich vorgaukelten zu sehen.

Chuck schritt auf ihn zu, die langen braunen Haare offen, in leichten Wellen über ihre Schultern gelegt, nur von einer Blume an einem weißen Haarband geschmückt- einer roten Rose. Ihr schlanker, perfekter Körper war in ein langes wallendes Kleid gehüllt, in ihren Händen trug sie einen wunderschönen Strauß roter Rosen. Die Farbe des Kleides: weiß! Blütenweiß!

Es war das erste Mal, dass er sie komplett in weiß sah und unvermittelt zuckte sein rechter Mundwinkel leicht, als Ansatz seines stets latent tragischen Lächelns, in Erinnerung an das kleine Mädchen, dass er einst bei der Beerdigung seiner eigenen Mutter am ebenso frischen Grab ihres Vaters beobachtet hatte. Er dachte „Ganz in weiß und so strahlend bist du mir viel lieber, als damals - trauernd und ganz in schwarz!“
Ihren Blick auf ihn gerichtet, und nur auf ihn, schritt Chuck weiter, über den langen roten Teppichläufer, direkt auf ihn zu. Außer dem hübschen Collier ihrer Mutter Lilly schmückten sie ihr bezauberndes Lächeln und ihre unglaublich glücklich strahlenden Augen, die ein Kind vor dem erleuchteten Weihnachtsbaum hätten blass aussehen lassen können.  
Er sah sie an, ebenfalls leicht lächelnd, mit diesem Gemisch aus purem Glück, sanftem Verlangen und innigster Liebe. Nur er sah sie auf diese bestimmte Art an - nur sie konnte ihn zu diesem Blick bewegen.
Er konnte seine Augen nicht von ihr nehmen, jede Sekunde in ängstlicher Befürchtung, dass dieses Bild vor ihm zerplatzen würde, wie eine Seifenblase. Den Moment erwartend, dass von der Ferne ein Wecker klingeln und ihn aus seinem Traum erwachen lassen würde. Seine Augen mussten ihn täuschen, er traute ihnen nicht.
Er tat seinen Augen unrecht. Sein engelsgleiches Wesen bewegte sich sanft weiter, bis sie bei ihm stand, ganz dicht neben ihm und ihn anstrahlte. Er konnte ihren Atem fühlen und wusste nun, dass er nicht träumte: Es war der Tag ihrer Hochzeit…

So, wie man sagt, dass man sein ganzes Leben an einem vorüber ziehen sehen kann, in dem Moment bevor man stirbt, so zogen alle bisher da gewesen Augenblicke, die der Kuchenbäcker mit Chuck erlebt hatte, in dieser Sekunde an seinem geistigen Auge vorbei und die Zeit schien plötzlich still zu stehen:

…Chuck und er als Kinder, im Garten hinter seinem Elternhaus... auf dem Rücken liegend, auf Grashalmen und Gänseblümchen kauend, ihr Kopf auf seinen Bauch gebettet, beide in den Himmel starrend… pures Glück… Chuck erkannte einfach in jeder Wolke eine Figur…und er tat so, als würde auch er sie erkennen…

…Chuck und er an den Gräbern: Seine Mutter, ihr Vater… ein trauriger Blick zu dem jeweils anderen… ihr erster… ihr einziger wahrer Kuss! …Oh, diese weichen Lippen…

…Ned in der Longborough Schule für Jungen, nachts allein in den Mondschein starrend, ohne seine Mum, von seinem Vater und von seiner Phantasie verlassen, OHNE CHUCK!!! … Allein!... Ganz allein!!!

Dann kurze Dunkelheit… nichts…


…Die Nachricht von Chucks Tod im Fernsehen, seine Faszination von dem Ereignis, ohne zu wissen, dass sie „die einsame Reisende“ war, von deren Tod berichtet wurde…

…Der Moment, in dem Emerson Cod ihren Namen, „Charlotte Charles“, sagte und sich seine Kehle unwillkürlich verschnürte, als müsse er selbst – wie zuvor auch sie - ersticken…
Gott…Chuck …ist tot!

…Die erste Begegnung nach fast zwanzig Jahren: Der weiße Sarg, ihr weißer Sarg… dessen Deckel er langsam anhob… Oh mein Gott!!!... wie wunderschön sie ist… Die Berührung ihrer Lippen, nein, zu gewagt… ihrer Wange, ihre Haut so weich, doch so schrecklich kalt und dann ihr Atemzug, der erste von so vielen Atemzügen, die er ihr geschenkt hatte… Ihre Reaktion… autsch!... und dann diese Freude, ihn wieder zu sehen. Wahre Freude!... Ihr Duft, nach Blumen und Honig (den Tod hatte er nie riechen können), als seine Lippen sich ihren näherten… das Hämmern in seiner Brust und in seinem Kopf: „Lass sie nicht gehen, berühr sie nicht, berühr sie ja nicht, sonst verlierst du sie erneut… Du darfst sie nicht küssen, so sehr du es auch willst!“…

…Ihre erste Nacht, gemeinsam in seinem Appartement… sie, ihn weckend in einem seiner Pyjama-Hemden … Seine Hand an der Wohnzimmerwand zu seinem Schlafzimmer, zu dem Zimmer, in dem nun Chuck lag, in ihrer ersten Nacht zurück auf dieser Welt, nach ihrem nicht ganz so „ewigen Schlaf“…

Und dann war sie plötzlich in seinem Leben und stellte es auf den Kopf:

…Knallige und romantische Kleider, Hüte und riesige Sonnenbrillen in seinem Kleiderschrank, direkt neben seinen grauen Pullovern und den ebenso grauen Anzügen, ihr knallroter Lippenstift und ihr Parfüm auf seiner Badkonsole, viel zu viel Käse in seiner „Käsebox“, hunderte von Büchern, Bienenstöcke auf seinem Dach, umrahmt von unzähligen Blumen… So machte sie sein Leben zu ihrem- und ihrs zu seinem… und er liebte es, denn Gott, er liebte sie!!!

Bilder, tausend Bilder von einer glücklichen Chuck, strahlend, verliebt- verliebt in ihn,  frech, romantisch, singend, tanzend…

…Ihr erster Kuss durch die Frischhalte-Folie, ihre erste zaghafte Berührung durch Handschuhe… weitere Berührungen, weniger zaghaft…

…Ihr Blick, geschockt, als er ihr anvertraute, dass er vor vielen Jahren ihren Vater getötet hatte, unverschuldet und ohne sein Wissen…und dennoch -getötet… die Nacht auf der Suche nach ihr, draußen im Schnee… Ihr Gesicht, als sie ihm sagte, er solle einfach gehen, sie bräuchte Zeit, ihn ein wenig zu hassen…Seine Erleichterung, als sie ihm vor dem Grab ihres Vaters sagte, er dürfe bleiben, es ginge ihr wieder besser…Ihre Enttäuschung darüber, dass er sich weigerte, ihren Vater zu erwecken…

…Ihr Auszug, in Olives leeres Appartement, die Art und Weise, wie sein Herz sich verspannte und er erst wieder richtig durchatmen konnte, als sie zurück an seiner Seite, an ihn geschmiegt und nur getrennt von ihm durch den Plastik-Schutz zwischen ihren Körpern, friedlich einschlief und er ihren Atem spüren konnte…

…Chuck weinend, vor Freude, als sie davon erfuhr, dass Lilly ihre Mutter ist…
…Chuck weinend, vor Schmerz, von ihrem nun doch erweckten Vater verlassen,

…Chuck strahlend, Chuck nackt- ihn frech anblinzelnd, Chuck an Blumen schnuppernd, …Chuck im China-Dress, Chuck eng an ihn geschmiegt, geschützt durch eine Plastikabdeckung, …Chuck, Chuck, Chuck!


Wie er es auch drehte und wendete… seitdem er denken konnte, war sein Leben mit Chuck, mit ihrem Dasein, bzw. Nicht- Dasein,  ihrem Wohlbefinden und ihrer Liebe zu ihm gestiegen und gefallen. Alles drehte sich nur um sie. Sie war sein Ein und Alles!

Ned blinzelte nur einmal, und die Bilder vor seinem geistigen Auge verschwanden.
Die Lebensuhr nahm ihren Lauf wieder auf. Er sah direkt in ihre großen, grünen Augen… Oh, diese Augen!
Besser als jetzt, als genau in diesem Moment, konnte es ihm nicht gehen. Denn sie war seins, mit allem, was sie war, und sie war glücklich- von ganzem Herzen!

Der Priester, ihr Priester, denn es hatte Emerson fast ein halbes Jahr gekostet, einen blinden Priester für diese ganz spezielle Hochzeit zu finden, (einen Priester, dem die ein oder andere Ungereimtheit dieser Zeremonie verborgen bleiben würde) hob an: „Wir haben uns heute hier zusammen gefunden, weil dieser Mann und diese Frau vor Gott den ewigen Bund der Liebe eingehen wollen…“

Die kirchliche Zeremonie zog an ihm vorbei, wie in einem Rausch oder etwas Ähnlichem.  
Er konnte nicht verhindern, dass seine Gedanken immer wieder von der Rede des Priesters zu Chuck abdrifteten. Sie, im Gegensatz zu ihm, hing an den Lippen des Priesters, sog seine Worte regelrecht auf. Worte, die von zwei Bäumen erzählten, die zu eng bei einander gewachsen waren, deren Wurzeln sich über die Jahre verschlungen hatten und deren Äste ineinander verwuchsen. Schließlich wurden sie zu einem Baum!
Er hörte ein tiefes Schlucken neben ihm! Diese Geschichte hatte sie gerührt und ihn rührten ihre Tränen. Er griff vorsichtig nach ihrer Hand- gefahrlos, denn sie trug lange, weiße, seidene Handschuhe- und drückte sie ganz sanft. Ja, sie waren wie diese beiden Bäume, sie waren ineinander verwachsen und bereits Eins geworden.

Dann das Zeichen für sie sich zu erheben… Ihr Treue-Schwur!

Chuck wandte sich Ned zu, er sah sie an und versank sofort wieder in ihren tiefen, wunderschönen Augen, umrahmt von den noch leicht feuchten, unglaublich langen Wimpern. Es war hoffnungslos, er war ihr so was von verfallen.

„Ned“, begann sie, - allein bei dem Klang seines Namens aus ihrem Mund stellten sich die feinen Härchen auf seinen Armen auf. Er zitterte innerlich leicht in Erwartung ihres Gelübdes, ein kleines, schiefes, nervöses Lächeln zuckte um seine Mundwinkel.

Sie sah ihn an, oh Gott, wie sehr sie diesen Mann liebte…

„Ned, ich schwöre, Dich zu lieben, zu ehren, zu respektieren, in guten wie in schlechten Tagen, bis dass der Tod uns scheidet. Du- und nur du- sollst der eine Mann an meiner Seite sein, jetzt und für alle Zeiten. Denn Du hast mich zu neuem Leben erweckt (dabei blinzelte sie ihn liebevoll und ein wenig frech an) und ich bin dankbar für jede Sekunde mit Dir an meiner Seite. Ich liebe Dich- von ganzem Herzen!“

Er sah ihre roten Lippen, wie sie sich bewegten und diese Worte formten, er sah ihre Augen, all ihre Liebe und Wärme und vergaß alles um sich herum. Die Gäste, den Priester, die Kirche…
Auch als sie bereits geendet hatte und die Pause, die er vor seinem eigenen Gelübde einhalten sollte schon viel zu lang wurde- auch als sie schließlich seine Hände leicht drückte, um ihm seinen Einsatz zu signalisieren, sah er sie einfach nur weiter unverwandt an. Erst als sie sanft lächelnd ein wenig Atem ausstieß, und leicht kichernd und fast ein wenig schüchtern ihren Blick von ihm auf den Boden lenkte, bemerkte er sein Versäumnis.
Mit einem kurzen, erschreckten Hüsteln wollte er schon hastig beginnen zu reden, doch da besann er sich des Augenblicks. Auch er trug einen Handschuh in Erwartung des kommenden Rituals an seiner rechten Hand. Mit dieser Hand ergriff er ganz sanft ihr Kinn und hob ihren Kopf vorsichtig und unglaublich zärtlich ein Stück weit an, ihren Blick zurück in seine Augen lenkend. Sie sah sanft zu ihm auf, mit Augen so offen, rein und ehrlich liebend, vergleichbar mit denen eines Kindes.

„Charlotte,“ …begann er. Er hatte viel darüber nachgedacht, wie er sie ansprechen sollte und hatte es in seinen Überlegungen für angemessener gehalten, sie bei ihrem vollen Namen zu nennen. Doch nun, da er sie so angesprochen hatte, zum ersten Mal seitdem er überhaupt denken konnte, fühlte es sich so ungewohnt und gar nicht nach ihm an. Auch ihre Augen schienen ihn auf einmal fragend anzusehen, über ihre Mundwinkel huschte der Hauch eines amüsierten Lächelns, so dass er kurz leicht verlegen grinsend auf den Boden sah.
Dann sah er langsam wieder zu ihr auf und begann noch einmal:

„Chuck, … Du… Du bist die Liebe meines Lebens! Wir kennen uns, seitdem wir Kinder waren… und schon damals habe ich Dich geliebt. Dann, …wir waren so lange getrennt, doch rückblickend erscheint es mir so, als hätte es nie einen Tag ohne Dich in meinem Leben gegeben. Warum, das ist mir klar geworden, als ich Dich beobachtet habe, an einem Frühlingsmorgen auf unserem Dach. Du hast singend die Blumen gegossen, in deinem roten Lieblingskleid, Dein Haar zu einem Zopf gebunden, umgeben von surrenden Bienen. Dabei hast Du mit der Gießkanne „getanzt“ – ich denke nicht, dass Du mich bemerkt hast-
Ich wusste plötzlich, dass ich in der Zwischenzeit… in all den Jahren ohne Dich… dass ich in dieser Zeit gar nicht gelebt habe. Es war einfach die Zeit, die ich überbrücken musste, bis ich Dich endlich wieder sehen durfte.  
Du hast mich zu neuem Leben erweckt, denn Du hast den Ned wieder aus mir raus geholt, den ich fast vergessen hatte und der ich verlernt hatte zu sein.
Du hast mich mit so viel Geduld und Liebe zu meiner besten Version gemacht und wenn ich wirklich an etwas glaube, dann daran, dass wir für einander gemacht sind….
Und darum will,… nein ich werde… dich lieben, dich ehren und dich respektieren für jetzt und für alle Zeit, bis dass der Tod uns scheidet.“

Er sah Tränen schimmern in ihren Augen. Gut, diese Worte hatten rein gar nichts mit dem zu tun gehabt, was er sich im Vorfeld überlegt hatte, aber sie waren so einfach über seine Lippen gekommen, so, dass er nicht einmal hatte nachdenken müssen, während er sprach.
Er, der wirklich jeden Morgen bestimmt zehn Minuten allein darüber sinnierte, ob er heute zuerst den „pears in heaven“ - oder den „Vier-Beeren“-Kuchen backen sollte, obwohl doch beide ein fester Bestandteil der Karte waren.

Der blinde Priester ergriff das Wort: „Die Ringe bitte!“
Und wie auf Kommando erhob sich Digby, der bis dahin regungslos zwischen den beiden gelegen hatte (Gott sei Dank war der Priester blind) und bot Ned und Chuck das von Olive sorgfältig an seinem Halsband befestigte Ringkissen. Ned löste den zierlicheren Ring aus seinem Band und streifte ihn mit seiner behandschuhten Rechten ganz vorsichtig über Chucks linken Ringfinger. Sie sah ihm tief in seine glänzenden Augen, als sie es ihm gleichtat. Nun strahlten sie beide über das ganze Gesicht.

„Sie dürfen die Braut nun küssen!“ Da war es, das Zeichen des Priesters zur Besiegelung ihrer Ehe. Und in genau diesem Moment, in einem Moment, wo ein mancher Mann den Schleier seiner Braut liftet um sie zu küssen, streifte Ned sich wie in Trance seinen zweiten Handschuh über und griff vorsichtig an Chucks Haarband. Er ergriff die dünne Folie, die sich von dort aus befestigt nach hinten über Chucks Haar legte und hob sie sanft über ihren Kopf hinweg, über ihre Augen, ihre Nase, ihren Mund.
Wie in Zeitlupe näherten sich ihre Lippen den seinen und sie berührten sich in einem unbeschreiblich sanften Kuss für eine kleine Ewigkeit.
Weit, weit weg von ihnen wie es schien, irgendwo in einer kleinen Kapelle am Rande der verträumten Kleinstadt namens Coeur d` Coeurs , applaudierten die Gäste, die Musik der Kirchenorgel setzte ein, Olives atemberaubende Stimme füllte den Raum mit den Klängen eines herrlichen „Ave Maria“ und wie im Traum schritten sie gemeinsam über den roten Teppich hinaus und verließen die Kappelle - Arm in Arm eingehakt - als Mann und Frau.
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