Immer Ärger mit den Göttern!

GeschichteAbenteuer / P12
18.10.2009
13.11.2009
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18.10.2009 3.347
 
„Es ist natürlich klar, warum ausgerechnet Witsarunemitea.“, sagte Urotori mit einem Kopfschütteln als sie mit Essen fertig waren und sich alle um den Tisch im Versammlungszimmer gesetzt hatten.
Hakuoro seufzte abgrundtief. „Ja. An diesen Namen ist eine gewisse Macht geknüpft, weil ich nun mal dummerweise der bekannteste Gott hier in der Gegend bin.“
„Ganz genau. Und ich fürchte, dass wir Onkamiyamukai auch noch ein wenig dazu beitragen. Wir sind überall als Vermittler bekannt und da es ebenfalls bekannt ist, dass wir Witsarunemitea dienen, glaubt derjenige vielleicht uns herumkommandieren zu können und dadurch weiteren Einfluss zu gewinnen. Wenn er nicht so schon genügend Macht ansammeln kann...“
„Und wenn du mit deiner Autorität als Hoher Priesterin behauptest, er wäre ein Hochstapler, dann wird er dich der Gotteslästerung beschuldigen...“
„Vermutlich.“
„Trotzdem braucht er einen Beweis. Nur auf die bloße Behauptung hin kann er schließlich nicht hoffen einen Priester der Onkamiyamukai oder einen der anderen Kaiser zu überzeugen. Was weißt du noch, Seiji?“
„Leider nicht allzu viel. Der Bote hat sich nicht groß mit spitzfindigen Beweisen aufgehalten, er hat einfach verkündet, dass Witsarunemitea zurück ist und wir ihm gefälligst zu gehorchen haben. Ich nehme an, dass er nicht damit rechnete, dass jemand seine Worte bezweifeln könnte.“
„Nein, wohl nicht...“
„Das wird eine Menge Unruhe erzeugen.“, sagte Benawi und sah selbst schon etwas besorgt aus. „Vor allem wenn wir uns entscheiden sollten auf Konfrontationskurs mit dem angeblichen Gott zu gehen.“
„Dann sollten wir das erst einmal nicht tun. Außerdem würde ich zu gerne wissen, was er damit bezwecken will...“, sagte Hakuoro und starrte nachdenklich in die Luft. „Über irgendeine Art von Magie oder besondere Fähigkeiten muss er verfügen, sonst ist seine ganze Story ziemlich haltlos...“
„Ich vermute, dass die Boten bald hier ankommen werden. Dann werden wir ja hören, was sie zu sagen haben.“, sagte Benawi.
„Ja. Trotzdem gefällt es mir nicht so unvorbereitet zu sein. Seiji, wo genau hat er sein Lager aufgeschlagen?“
„In Kamura, einem kleinen Dorf. Ich kann es Euch auf der Karte zeigen.“
„Meldet sich jemand freiwillig?“
„Ich!“, sagten die Zwillinge und Kurou. „Ich weiß wo Kamura liegt, ich kenne mich in der Gegend aus.“, fügte Kurou hinzu.
„Gut. Ich würde euch bitten, dass ihr euch die ganze Sache mal unauffällig anseht. Wer befindet sich dort alles schon, was macht er da und was treibt der Gott? Ich will alles wissen, was sich herausfinden lässt.“
„Kein Problem!“
„Solltet ihr jemandem auffallen, mimt den begeisterten Gläubigen, aber lasst euch auf gar keinen Fall zu einem Bund oder etwas Ähnlichem überreden.“
„Keine Sorge, ich habe nicht vor jemand Wildfremden mein ganzes Selbst anzuvertrauen...“, meinte Kurou trocken.
„Gut. Denn ihr wisst, was die Strafe für einen Bruch des Paktes ist...“
„Wie könnten wir das vergessen?!“
„Kann man das nicht umgehen? Das ist ja nun wirklich eine blöde Regelung! Vor allem in diesem Fall!“, sagte Touka.
„Die Regeln sind vor urdenklich langer Zeit aufgestellt worden. Das ist so lange her, dass sie mittlerweile steinerne Gültigkeit haben und da sie allgemein bekannt sind, wird er sich darauf berufen und im Recht sein.“, erklärte Urotori. „Der Bund kann bekannterweise von dem, der ihn vorgeschlagen hat, gelöst werden, aber das wäre in jedem Fall immer unser schauspielernde Freund, also...“, fügte sie nachdenklich hinzu.
„Aber er ist sowieso ungültig, weil er unter falschen Vorraussetzungen geschlossen wurde. Immerhin ist er definitiv nicht Witsarunemitea. Das nutzt uns nur leider nichts, weil wir, um uns offiziell auf diese Tatsache berufen zu können, ein paar Details verraten müssten...“, sagte Hakuoro nachdenklich. „Also am Besten, ihr lasst euch gar nicht erst darauf ein.“
„Keine Sorge, das werden wir nicht. Wir haben schließlich gesehen, was mit Genjimaru passiert ist...“
Hakuoro schüttelte sich unbehaglich. Er hatte es auch nicht vergessen und gab sich zu einem gewissen Teil immer noch die Schuld daran, auch wenn er es nun wirklich nicht hätte verhindern können.
Kurou, dem das nicht entgangen war, wechselte das Thema: „Gut, dann sollten wir uns beeilen bevor die Boten hier sind. Je eher wir losgehen desto besser.“
„Wir treffen uns dort.“
„Du wirst also auch gehen?“
„Bleibt mir was Anderes übrig? Ich kann doch nicht eine offizielle Einladung unseres Staatsgottes ablehnen! Was soll ich denn sagen: Ich komme nicht weil Ihr ein Hochstabler seid? Das glaubt mir doch sowieso niemand...“, meinte Hakuoro mit einem amüsierten ironischen Glitzern in den Augen. Dann wurde er wieder ernst. „Außerdem muss ich schon allein deswegen gehen, um sicher zu sein, dass er keinen Unfug anstellt.“
Kurou stand zusammen mit den Zwillingen auf und wollte gerade die Tür öffnen, als von außen geklopft wurde. Er lies die Hand wieder sinken, die er schon nach dem Schiebegriff ausgestreckt hatte und zog eine Augenbraue hoch.
„Ja bitte?“, rief Hakuoro und die Tür öffnete sich und enthüllte eine der Wachen der Festung.
„Kaiserliche Hoheit“, begann der Mann und verbeugte sich. „Es sind mehrere Boten angekommen. Sie...sie... behaupten, dass der große Gott Witsarunemitea sie geschickt hat!“
Hakuoro warf Kurou und den Zwillingen einen Blick zu und sagte: „Beeilt euch. Viel Glück!“
Die Drei nickten und gingen eilig und Hakuoro wandte sich wieder an die Wache. „Vielen Dank. Bittet sie herein, ich komme gleich.“
Der Mann nickte und eilte davon.
„Na dann lasst uns mal hören, was sie zu verkünden haben!“, sagte Hakuoro und stand auf. Die Anderen folgten eifrig seinem Beispiel und eilten hinter ihm her in den Thronsaal. Diese Unterhaltung wollte sich schließlich niemand entgehen lassen. Oboro zog Seiji umstandslos hinter sich her. Er kannte ihn gut genug um zu wissen, dass er sich sonst unterwegs höflich abgeseilt hätte, obwohl er genauso neugierig war.
Hakuoro setzte sich auf seinen Platz, die Anderen stellten sich um ihn herum, wobei sich Seiji so weit im Hintergrund wie möglich hielt. Eruruu landete an Hakuoros rechter Seite ohne dass es ihr auch nur bewusst geworden wäre, doch sie hatte auch keine Ambitionen wieder zu gehen. Aruru und Mukkuru setzten sich wie eine seltsame Skulpturengruppe auf seine andere Seite.
Dann wurde die Tür geöffnet und zwei Wachen führten mehrere festlich herausgeputzte Männer herein. Die blinzelten einen Moment überrascht, als sie ihr Empfangskommitee sahen, doch dann rissen sie sich zusammen. Sie traten vor und verneigten sich förmlich vor Hakuoro.
Der Wortführer sah wieder auf und verkündete mit stolzgeschwellter Brust: „Wir sind die Boten des großen Gottes Witsarunemitea!“
Hakuoro neigte den Kopf. „Seid willkommen in Tusukuru. Was ist Euer Begehr?“
„Hört! Dies sind die Worte unseres großen Gottes! Er ruft alle Kaiser zu sich, damit er ihnen seinen Willen verkünden kann! Ihr seid berufen seinen Worten zu folgen, denn Ihr regiert aus seiner Gnade heraus und verdankt ihm alles! Jetzt ist die Zeit gekommen um ihm die gebührende Ehre zu erweisen. Reist unverzüglich nach Kamura!“
„Was sagen denn die Onkamiyamukai dazu? Immerhin sind sie die Diener im großen Tempel.“, fragte Hakuoro und nahm ihm damit ein wenig den Wind aus den Segeln.
„Es wurden auch Boten zu ihnen geschickt.“, sagte der Bote etwas verwirrt. Er hatte wohl nicht mit einem Kommentar gerechnet.
Hakuoro bekam es fertig so völlig ruhig und gelassen weiter zusprechen, als hätte er mit der ganzen Angelegenheit rein gar nichts zu tun.
„Warum hat er sich nicht zuerst an sie gewandt? Sie sind doch seine treuesten Diener?“
Der Wortführer zuckte die Schultern. „Wer kann schon behaupten zu wissen warum er etwas tut? Wir sind nur seine Boten, wir maßen uns nicht an ihn zu verstehen.“
„Natürlich. Verzeiht meine Frage, doch es wäre nicht das erste Mal, dass sich jemand als er ausgibt. Ich muss sicher gehen.“
„Natürlich, Kaiserliche Hoheit. Doch wie ich bereits sagte, wir sind nur seine Boten. Wenn Ihr nach Kamura reist, wird er Euch sicher alles erklären, was Ihr zu wissen wünscht.“
„Wenn das so ist...dann werden wir seinem Wunsch natürlich Folge leisten. Ich hoffe, Ihr habt nichts dagegen wenn Urotori, die Hohe Priesterin von Onkamiyamukai, mich begleitet.“
„Aber nein! Alle sollen seine Worte hören! Bringt nur so viele Gefolgsleute mit, wie Ihr wünscht! Wir werden Euch führen, wenn Ihr erlaubt und stehen zu Eurer Verfügung.“
„Vielen Dank. Doch es müssen erst noch Vorbereitungen für solch eine Reise getroffen werden. Ich bitte Euch, seid solange meine Gäste.“
„Wir danken Euch für Eure Großzügigkeit.“
„Aber nein! Immerhin seid Ihr die Abgesandten unseres großen Gottes.“
Hakuoro winkte und zwei Bedienstete nahmen sich der Boten an. Als sie alle den Thronsaal verlassen hatten, schüttelte er mit einem Lächeln den Kopf.
„Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man wirklich ziemlich gut darüber lachen...“
„Also ehrlich mal!“, empörte sich Urotori. „Uns Onkamiyamukai einfach so zu übergehen! Der hat vielleicht Nerven!“
„Du hast ihn doch gehört und ich zitiere: ‚wir maßen uns nicht an ihn zu verstehen’!“, zog Hakuoro sie auf. Dann wurde er wieder ernst und fügte hinzu: „Ihr seid nun mal die kritischsten Beobachter, mit denen er rechnen muss. Immerhin habt ihr am meisten Ahnung von der Materie. Also wird er versuchen so viel Erfahrung wie möglich zu sammeln bevor er euch zu sich ruft.“
„Mag ja sein. Trotzdem bin ich auf seine Erklärung mehr als gespannt!“
„Mich interessiert viel mehr, was er von mir will. ‚Ihm die Ehre erweisen’ war nicht sehr aussagekräftig.“ Hakuoro starrte nachdenklich die geschlossene Tür an. „Aber das werde ich wohl noch früh genug erfahren.“
„Wenn wir so schnell wie möglich da sein sollen, dann fange ich schon mal mit packen an.“, meinte Eruruu und drehte sich gleich um.
„Gute Idee!“, rief Touka und wollte ihr folgen.
„Einen Moment mal! Ihr braucht nicht mitzukommen. Urotori als Hohe Priesterin und ich haben keine Wahl, aber ihr-“
„Nein. Brauchen wir nicht. Aber wir wollen es. Außerdem beinhaltete seine Einladung alle, die mit wollen, also werden wir gehen.“, unterbrach ihn Eruruu mitten im Satz und lies ihn gar nicht ausreden.
„Ich fürchte, dass wir uns hier ziemlich sicher in ziemlich gefährlichen Dimensionen bewegen werden. Er wäre nicht so sehr von sich eingenommen, wenn er nicht wirklich über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügen würde. Vielleicht ist er ja tatsächlich ein Gott und wenn es zu einem Kampf kommen sollte - was ich nicht hoffe - dann wäre es wirklich besser, wenn ihr alle weit weg seid.“
Touka und Eruruu drehten sich um und stemmten mit einem ausgesprochen entschlossenen Gesichtsausdruck die Hände in die Hüfte.
„Vergiss es! Wir kommen mit! Wir können auf uns aufpassen und du wirst jede Unterstützung brauchen, die du bekommen kannst. Also protestier nicht, es hilft ja doch nichts! Du gehst nicht ohne mich, ist das klar?!“, sagte Eruruu energisch.
Touka fügte sofort hinzu: „Außerdem kannst du unmöglich ohne ein angemessenes Gefolge reisen. Wie sieht das denn aus, wenn der Kaiser von Tusukuru nur von der Hohen Priesterin begleitet wird? Es ist der Situation nicht angemessen und würde unser Land brüskieren! Wir müssen auf jeden Fall mitkommen und dann natürlich mindestens ein paar Bannerträger, Soldaten, Herolde ... wie wäre es mit ein paar Musikanten?“
Hakuoro musterte sie einen Moment, doch er wusste mittlerweile, dass es sinnlos war mit ihnen zu streiten. Einen Versuch war es wert gewesen, doch wenn sie so bestimmt darauf bestanden, dann würde er sie nicht aufhalten können. Außerdem hatte Touka Recht und er war auch insgeheim mehr als froh, wenn sie an seiner Seite waren.
„Na gut. Aber sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!“
Die Beiden strahlten ihn an und drehten sich dann um um die Sachen zu packen, weshalb sie Hakuoros leises „Vielen Dank...“, nicht mehr hören konnten.
„Gut, dann habe ich auch noch ein paar Angelegenheiten zu klären. Irgendjemand muss sich schließlich um die Regierungsgeschäfte kümmern, wenn ich nicht da bin. Oboro-“
„Ich komme natürlich mit dir mit, Bruder!“, sagte der bevor Hakuoro zu Ende sprechen konnte.
„Wir gehen alle mit.“, stellte Karura fest und die Umstehenden nickten eifrig.
„Kamyu!“, protestierte Urotori, doch ihre kleine Schwester verfügte mal wieder über die Tot-Schlag-Argumente.
„Ich bin die Prinzessin von Onkamiyamukai, ich kann nicht hier bleiben. Immerhin-“ sie fing an breit zu grinsen. „wurden wir von unserem großen Gott eingeladen! Da kann ich doch nicht fehlen. Stimmt’s?“
„Und wenn ich dir sage, dass du hier bleiben sollst?“, fragte Hakuoro versuchsweise und legte den Kopf schief.
Kamyu grinste nur. „Du hast mich ja nicht eingeladen.“
„Ich fürchte, da hat sie Recht... zumindest was die Stichhaltigkeit ihrer Argumente angeht...“, meinte Benawi mit einem entschuldigenden Schulterzucken zu Urotori.
„Wenn das so ist, will ich auch mitkommen!“, meldete sich Munto.
Urotori schüttelte den Kopf. „Ihr kostet mich Nerven, wisst ihr das? Munto, du gehst nicht mit! Wenigstens ein Vertreter unseres Volkes sollte hier bleiben! Und jemand muss die Festung bewachen, während wir alle weg sind.“
Munto warf ihr einen sehr rebellischen Blick zu, gab sich dann aber geschlagen.
„Jetzt weißt du, wie ich mich ständig fühle...“, meinte Hakuoro trocken zu ihr.
Urotori seufzte. „Und Kuya und Sakuya sollten besser auch hier bleiben.“
Doch zum Glück schienen wenigstens diese Beiden nicht protestieren zu wollen.
„Wenn Ihr nichts dagegen habt, dann würde ich auch gerne mitkommen.“, mischte sich Seiji ein.
„Es könnte gefährlich werden...“
„Das Risiko muss ich eingehen.“, sagte der junge Mann unbeeindruckt.
„Wieso das denn? Ich dachte, du hast fürs Erste wirklich genug von Abenteuern aller Art und von Göttern im Besonderen?“, fragte Hakuoro überrascht.
Seiji zuckte die Schultern. „Vor ein paar Monaten wäre das auch völlig korrekt gewesen, aber jetzt.... Letzten Sommer ist so viel geschehen, auch mit mir. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht ewig zu Hause sitzen und mich hinter dem Ofen verstecken kann.“
„Das würde ich aber nicht gerade hinter dem Ofen verstecken nennen. Es wird ziemlich sicher gefährlich werden!“
„Ich weiß. Ich möchte dennoch mitkommen, wenn Ihr erlaubt. Meine Erlebnisse im letzten Sommer haben mich stärker gemacht, ich bin froh das erlebt zu haben! Es hat mich persönlich weitergebracht!“
„Und jetzt hoffst du gleich noch ein paar weitere wichtige Erfahrungen sammeln zu können.“
Seiji nickte. „Auch. Und dann bin ich einfach neugierig. Da ich ja nun einige Erfahrung damit habe, mich als Gott auszugeben, kann ich es mir nicht verkneifen mir mal anzusehen, wie er das anstellt.“
Hakuoro warf ihm einen prüfenden Blick zu, doch offenbar meinte er es tatsächlich ernst. Nicht zu fassen, so eine Neugierde.
„Hat dir Keisuke noch nicht gereicht? Wenn wir Pech haben, dann sieht der gute Junge nämlich auch so aus!“
Seiji schluckte. „Ich werd’s überleben.“ Doch dann fing er an zu grinsen. „Außerdem kann ich mir dann die dummen Gesichter der anderen Kaiser ansehen.“
„Und was ist mit Kimiko? Wird sie dich nicht vermissen?“
„Keine Sorge, sie wollte ein paar Bekannte in den Nachbardörfern besuchen und wird noch die nächste Woche weg sein. Sie ist in guten Händen.“
Hakuoro schüttelte mit einem resignierten Seufzen den Kopf. „Nun denn, wie du willst.“ Dann sah er auf. „Wir werden morgen aufbrechen.“
„Jawohl!“
Damit verstreute sich die ganze Gesellschaft und begann damit alles Nötige zu organisieren und zusammen zu packen.

Hakuoro erbot sich Seiji sein vorläufiges Quartier zu zeigen. Als sie einen der Korridore der Festung entlanggingen, sagte er nachdenklich: „Du glaubst gar nicht, was das für ein blödes Gefühl ist solche Reden wie die vorhin vor den Boten zu halten...“
„Oh doch, ich denke schon. Zumindest ein wenig. Ich hatte damals zwar die meiste Zeit höllische Angst, dass ich vom Blitz erschlagen oder enttarnt und dann gesteinigt werde, aber immer wenn mir die Menschen so entsetzlich demütig entgegengetreten sind, war mir das ziemlich peinlich. Ich habe es ja immer nur als Mittel zum Zweck gesehen um meine Schwester zu retten, sonst hätte ich auch schon nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Ich musste Hilfe für Kimiko bekommen und dafür musste ich eben gewisse Opfer bringen. Auch wenn es hieß, dass ich mir diese endlosen Ehrbezeugungen, die ich nicht verdient habe, anhören musste.“ Er warf ihm einen kurzen Blick zu. „Ich verstehe durchaus...“
„Ja und es wird geradezu komisch, wenn man sich in einer solch verfahrenen Situation wie ich befindet...“ Beim Gedanken an das Gespräch mit den Boten musste Hakuoro nun doch lächeln. „Schätze, da helfen nur noch große Mengen an Humor...“
„Der wird sicherlich nicht unpraktisch sein...“, meinte Seiji nun auch mit einem Kichern.
Doch als sich das Amüsement verzogen hatte, fing er an zu grübeln. Als er zusammen mit seiner Schwester wieder zuhause gewesen war, hatte er sich an manchen Abenden fast schon vor seiner eigenen Kühnheit erschrocken. Er hatte es gewagt Witsarunemitea zu beleidigen und der ignorierte diese Gotteslästerung nicht nur komplett, sondern brachte sich auch noch selbst in Gefahr um ihm zu helfen! Manchmal fragte er sich, ob er sich das nicht alles eingebildet hatte ... sein Gespräch mit ihm und der Heilerin im Reich von Onkamiyamukai... Es konnte doch nicht sein, dass der große Gott so total die Konventionen ignorierte! Er hätte ihn zerschmettern sollen für seinen Frevel! Stattdessen hatte er sich bei ihm entschuldigt. An manchen Abenden dachte er, er musste sich das alles eingebildet haben... Er hatte sich bestimmt etwas eingebildet um seine eigenen Schuldgefühle zu kompensieren! Es konnte gar nicht wahr sein...es war alles ein Traum gewesen. Ja. Es musste ein Traum gewesen sein!
Es hatte ihn einige Überwindung gekostet in die Kaiserstadt zu gehen, weil er sicher war, dass ihn sein Schicksal dann dort ereilen würde, doch er konnte es auch nicht mit seinem Gewissen vereinbaren den Kaiser nicht zu warnen. Er schuldete ihm schließlich mindestens Kimikos Leben...
Hakuoros Empfang hatte seine Ängste von einem Moment auf den anderen völlig weggewischt. Da war keine Reserviertheit, kein Ärger, kein Hochmut, nichts! Nur pure Freude einen alten Bekannten wieder zu sehen. Die warme Begrüßung hatte seiner Angst völlig den Wind aus den Segeln genommen und ihn einen Moment zutiefst verwirrt. Er war ein Gott, verdammt! Er sollte sich wirklich nicht so ... menschlich benehmen! Und doch tat er es.
Er zog ungerührt über sich selbst her, flüchtete vor Predigten und ehrenvollen Anreden und stürzte sich ohne zu zögern ins Unbekannte, um sicher zu gehen, dass niemand Unschuldiges zu Schaden kam. Er diskutierte mit seinen Untergebenen als wären sie sich komplett ebenbürtig, versuchte sie besorgt aus Schwierigkeiten herauszuhalten und ignorierte einfach völlig alle Regeln, die normalerweise für göttliches Verhalten galten! Er hatte ihm ja sogar angeboten ihn zu duzen...und damit ziemlich verwirrt. Er machte sich Sorgen um ihn und das obwohl er ihn eigentlich eher vom Blitz erschlagen lassen sollte.
„Seiji? Geht es dir gut?“, riss ihn Hakuoros Stimme aus seinen Grübeleien. Da war es schon wieder! Wieso fragte er so etwas?
„Äh ja, natürlich! Ich war nur ein wenig in Gedanken versunken.“, beeilte sich Seiji eilig zu versichern. Kurz darauf kamen sie im Gästetrakt an und der Kaiser wies ihm ein Zimmer zu. Lange als er wieder gegangen war, starrte Seiji nachdenklich die Tür an und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Natürlich hatte er sich an das Teetrinken auf den Wiesen von Onkamiyamukai erinnert und an die Gespräche, die sie geführt hatten, doch später war er der Meinung gewesen, dass er sich das nur eingebildet haben konnte. Bestimmt hatte sein Geist die wahren Ereignisse verdrängt und mit guten Erinnerungen gefüllt, um ihn nicht zu beunruhigen... Doch jetzt, wo er wieder in seiner Nähe war, zerbröselten diese Überzeugungen so schnell wie Staub im Wind. Hakuoro verbreitete eine solche Wärme um sich, dass es einfach unmöglich war in seiner Nähe die Reserviertheit zu behalten, die eigentlich angemessen wäre. Ohne, dass man es verhindern konnte, wurde man auf seine Seite gezogen. Wenn man in seiner Nähe war, lies er einen beinahe sofort vergessen wer und was er war. Er behandelte jeden Gast gleich höflich und freundlich, egal wer er war und was für eine Botschaft er brachte. Und was seine Freunde anging... für sie würde er sich vermutlich ohne zu zögern eine Hand abschlagen, wenn es nötig wäre. Kein Wunder, dass sie so sehr hinter ihm standen und für ihn durchs Feuer gehen würden. Er würde es schließlich auch für sie tun.
Schließlich schüttelte Seiji mit einem Lächeln den Kopf und während er sich an den Tisch setzte um in den Garten zu sehen, dachte er bei sich, dass er seine Ängste wirklich vergessen konnte. Sie waren absolut unbegründet gewesen. Er brauchte ihn nicht zu fürchten, weder als Hakuoro noch als Witsarunemitea. Seiji lehnte sich an die Wand zurück und schloss beruhigt die Augen. Es war eine gute Idee gewesen, hierher zu kommen.
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