Crimson Skies: Next Order

GeschichteAbenteuer / P12
17.10.2009
13.05.2011
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Richard Campbell sah nur kurz auf, als der Hochgewachsene Deutsche eintrat.
Danach widmete er sich wieder seinen Akten.
Thomas David Marquardt war dieses Verhalten gewohnt. Jeden verdammten einzelnen Tag, um genau zu sein, seit er in Texas angekommen war.
Endlich sah Richard Campbell von seinen Akten auf und bedeutete Thomas Platz zu nehmen.
Er faltete die Hände vor dem Gesicht zusammen und musterte ihn lange und eindringlich.
„Ich mag dich nicht, Armstrong, und das weißt du auch. Das du diesen Ring am Finger trägst ist der einzige Grund, warum ich mir nicht ein paar Schläger suche und dich aus Texas rausprügeln lasse.“
Thomas ging ein Stich durchs Herz, als der Ältere, Direktor bei Colt Aviation, den kleinen Goldring erwähnte. Den Ring, den Thomas von Annie geschenkt bekommen hatte, Campbells Tochter. Als Willkommensgeschenk. Wie lange war das jetzt her?
Thomas rechnete kurz nach. Fünf mexikanische Devastator und eine Brigand.
„Deine Vorbehalte gegen mich sind mir bekannt…Dad“, erwiderte der Pilot und musste sich ein Grinsen verkneifen, als Richard die Miene zornig verzog.
„Jedenfalls…“, begann der ältere Texaner und sein Gesicht wurde ungewöhnlich sanft, „will ich die letzten beiden Jahre nicht auswischen. Ich habe dich wirklich gehasst, Thomas.“
Der junge Deutsche richtete sich unwillkürlich auf. Ansonsten nannte Campbell ihn nur Armstrong oder Mister Stone, in Anspielung auf seine alte Tarnidentität als David Stone. Selten benutzte er Thomas´ Vornamen oder seinen richtigen deutschen Nachnamen.
Richard richtete sich auf und erhob sich. „Wie dem auch sei, das Leben geht weiter. Und sehen wir den Tatsachen ins Auge. Ich schulde dir etwas. Und du bist Pilot. Außerdem hast du dich als guter Pilot erwiesen, dem man zudem vertrauen kann.“
Seine Augen schienen einige Zeit in die Vergangenheit zurück zu kehren. „Was ich anfangs nicht von dir gedacht habe.“

Wütend schüttelte der riesige Mann den Kopf, wie um finstere Dämonen zu verscheuchen. „Ich habe einiges arrangiert. Du kennst die Lage in den ehemaligen Vereinigten Staaten nur zu gut, ich muß dir nichts darüber erzählen, Armstrong.
Wir betrachten das Bündnis der Japaner mit Hollywood mehr als sorgenvoll, und die Einmischung der Franzosen in Dixie ist mehr als bedenklich. Zudem bauen die Tommies ihren Einfluss im Empire State weiter aus.
Die Spanier versuchen ihren auf Kuba verlorenen Einfluss über Mexiko zurückzuholen und sind anscheinend recht erfolgreich damit.
Wenn jetzt noch die Nazis tatsächlich die Industrials aufrüsten, haben wir hier bald etwas, was wir nie wollten. Dann sind wir eingekreist.“
Thomas nickte schwer. „Ich weiß. Offiziell kann Texas nichts machen. Aber es laufen zumindest mit einigen der Mitgliedsstaaten des Dixie Verhandlungen. Und wie ich gehört habe, sollen das Peoples Collective ebenso wie die Native States Interesse an einem Waffenlieferungsvertrag zeigen.“
Campbell nickte schwer. „Die privaten Flugagenten tun, was sie können, ja, aber wenn sich ein Staat dazu entschließt, Krieg zu führen, sind sie hilflos. Da sie meistens auf beiden Seiten ihre Büros haben, stecken sie in der Zwickmühle.
Paladin Blake soll zwar einigen Einfluss in Pacifica und Empire aufgebaut haben, seit die Sache mit den Black Hats vorbei ist. Aber er ist nicht stark genug, einen Krieg zu verhindern.“
Thomas nickte. Das entsprach auch seinen Gedanken.
„Nichtsdestotrotz müssen wir etwas tun. Und zwar etwas tun, was uns gleichzeitig die Möglichkeit gibt, uns notfalls von unseren Handlungen zu distanzieren. Da ist man in Regierungskreisen mit mir einer Meinung.“
Campbell glitzerte mich listig an. „Wie würde es dir gefallen, wieder Pirat zu werden, Armstrong?“

Thomas antwortete nicht sofort. Er ließ Richards Blick auf sich wirken. Bedachte die Fakten, die sie gerade ausgetauscht hatten. „Geheime Missionen?“
„Unter dem Deckmantel eines Kaperbriefs. Der Kaperbrief erlaubt es dir, sowohl in Dixie als auch Hollywood, den Industrials und den Küstenstädten aktiv zu werden. Sieh das als kleine Nebeneinnahme, während du deinen eigentlichen Auftrag ausführst.
Aber vor allem: Du gibst den Befehl über deine Staffel nicht ab, sondern nimmst sie mit. Jeb und die anderen haben sich bereits freiwillig gemeldet.“
Ein Grinsen huschte über Thomas´ Gesicht. „Ich will eine eigene Zigarre.“
„Bereits genehmigt. Die NORTH STAR wird gerade fertig gemacht.“
„Jeff Daines wird Captain der NORTH“, sagte der Deutsche fest. „Über diesen Punkt wird nicht verhandelt.“
Campbell dachte einen Moment darüber nach. Der junge Pilot aus dem Empire State hatte seine Lizenz eingebüßt seit sein Trommelfell geplatzt war, und auch nach einem Jahr wegen Gleichgewichtsproblemen nicht wieder erlangen können. Er hatte sich aber als Offizier in der Flugsicherheit mehr als bewährt.
„Genehmigt.“
„Ich suche die Flieger aus, die an Bord kommen. Die NORTH fasst zwei Staffeln, richtig? Jeder Flieger bekommt den neuen Booster.“
Für einen Moment sah es so aus, als wolle der Vorstandsvertreter von Colt aufbegehren. „Auch genehmigt.“
„Und die zweite Staffel übernimmt einer meiner Piratenfreunde.“
„Das geht ein wenig weit, Armstrong. Außerdem ist Shannon…“
„Nicht Shannon. Ich spreche von Leroux. Falls ich ihn auftreiben kann.“
„Den Froschfresser? Nun… Genehmigt. Falls du ihn kriegst.“ Campbell sah Marquardt herausfordernd an. „Hast du noch irgendwelche Wünsche, Armstrong?“
Thomas legte den Kopf schräg und grinste dämonisch. „Ich will Lieutenant Ciavati haben.“
Campbell dachte nach. „Hat das irgendeinen besonderen Grund, warum du eine unserer besten Pilotinnen anforderst?“
„Eigentlich zwei Gründe, Dad. Der erste ist, dass ich sie selbst ausgebildet und fit für den Luftkampf gemacht habe. Der zweite ist, dass ich Maxine gerne wieder an meiner Seite hätte.“
„Ich rede mit ihrem Commander, Sheriff Winston von den Texas Air Ranger. Aber ich verspreche dir nichts.“ Campbell nickte wieder. „Du fliegst heute noch rüber nach Corpus Christi, wo die NORTH STAR gerade überholt wird. Neben deiner Staffel kriegst du noch zwei freiwillige Piloten der Air Ranger, neben Max. Ersatzpiloten und Maschinen musst du dir selbst besorgen.“
Thomas nickte bestätigend. „Gut. Noch irgendetwas, was ich wissen muß, bevor ich Blue aus seinem Tower raushole und in den Flieger nach Corpus Christi schleife?“
„Du bekommst eine Kompanie Marines zugeteilt. Ein Captain führt sie an. Sie haben sich, ah, alle freiwillig gemeldet und treten für die Dauer deiner Mission aus der Armee aus.
Die nächsten fünf Monate bekommst du zum spielen, Armstrong. Stell deine Crew und die Piloten aufeinander ein. Jage ein paar Piraten, mache ein paar Enterungen, etwas in der Art. Meinetwegen flieg rüber nach Sky Haven und mach diesen irischen Misthund fertig.
Solltest du diese fünf Monate überleben, bekommst du deinen eigentlichen Auftrag. Zufrieden?“
„Ja, Sir“, stellte Thomas fest. „Ich nehme an, ich bin nicht der einzige, der eine Zigarre für diesen Job bekommt.“
„Da hast du richtig geraten. Wir schicken insgesamt drei aus. Dazu kommen zwei Piratengruppen, denen wir einen Kaperbrief ausgestellt haben. Einzelheiten findest du in deinem Missionsbriefing. Du kannst gehen, Thomas.“
Marquardt salutierte, griff nach der Aktenmappe und drehte sich zur Tür.
„Armstrong“, hielt Campbell ihn zurück. „Sir?“
„Armstrong, falls du die LEVIATHAN sichtest…“
„Schon klar, die Mission hat Vorrang vor meiner Rache“, erwiderte Thomas gepresst und ballte die Hände zu Fäusten.
„Falsch!“, blaffte der Mann wütend. „Falls du die LEVIATHAN sichtest, dann hol sie vom Himmel. Versprich mir das. Tu es für Annie.“
„Ich“, erwiderte Marquardt und unterdrückte die Tränen, „werde niemanden am Leben lassen.“
Hinter sich knallte er die Bürotür zu.
**
„Fox three-three-four, Sie haben Starterlaubnis. Wind in Bodennähe aus Nordnordwest mit dreißig Meilen in der Stunde, leichte Bewölkung und leicht steigendes Barometer. Guten Flug.“
„Fox three-three-four an Tower. Danke für die Freigabe, Blue. Sollen wir einen Mexikaner für Sie mit runter holen?“
„Machen Sie zwei draus, Archangel“, erwiderte Jeff Daines.
Auf der Startbahn begannen die beiden Devastator zu beschleunigen und hoben schließlich ab. Sie zogen eine Schleife und wackelten mit den Flügeln, als sie den Tower passierten.
Der Stern der Texas Ranger prangte unübersehbar auf Flanke und Flügeln der beiden Maschinen.
Sehnsüchtig sah Jeff Blue Daines ihnen hinterher. Was hätte er dafür gegeben, wieder selbst fliegen zu dürfen. Oder zumindest wieder da oben zu sein. In der Luft, wo er hingehörte.
Jemand reichte ihm einen Kaffeebecher, den er dankbar akzeptierte.

Der Mann neben ihm sagte: „Was für ein langweiliger Job.“
Jeff sah zur Seite und erschrak derart, dass ihm fast der Becher aus der Hand gefallen wäre. „Mensch, Dave, was machst du denn hier?“ So ganz hatte Blue die Wandlung seines Freundes vom Saulus zum Paulus oder vom Piraten ohne Vergangenheit namens Dave Stone zum ehemaligen deutschen Fliegeraß namens Thomas David Marquardt noch nicht auf die Reihe gekriegt.
Thomas lächelte den Freund an. „Ich will dich abholen.“
„Was? Aber ich bin hier beschäftigt. Ich…“
„Du wirst in zwei Minuten abgelöst. Deine Nachfolge ist besprochen und der Schichtplan geändert.“
„Aber, aber ich kann hier doch nicht weg. Ich muß packen und so.“
Thomas grinste schief. „Bereits erledigt.“
„Ich kann doch nicht wieder ins Blaue springen wie letztes Mal. Ich habe jetzt so etwas wie ein Leben, Dave. Ich verstehe ja, dass du das Abenteuer suchst, alleine schon wegen Annie, aber ich…“
„Du sollst meine Zigarre kommandieren.“
„Deine… Zigarre? Was?“
Wieder grinste Thomas schief. „Ich kann mir keinen besseren Captain vorstellen.“
„Aber, aber, aber… Was wird Max sagen? Ich mache diesen Job doch vor allem, weil wir so jeden Tag zusammen sein können.“
In diesem Moment trat die junge Pilotin in den Tower. Sie strich sich ihr langes schwarzes Haar aus dem Gesicht und strahlte. „So, ich habe dann alles, was wir an Sachen brauchen, gepackt, Dave. Blue, du fliegst mit mir. Wir überführen eine Brigand und eine Fury mit Booster zur neuen Zigarre. Werden wir sicher noch gebrauchen können.“
Jeff Daines starrte von Thomas Marquardt zu seiner Freundin und von ihr wieder zurück. Endlich zuckte er die Achseln und sagte: „Na, wenn das so ist, lass uns los fliegen.“
Er sah in die Runde und rief: „Okay, tut mir leid, dass ich so abrupt aufbrechen muß, aber da braucht mich jemand wirklich dringend. Macht es gut, Leute, und bereitet mir keine Schande.“
Unter Glückwünschen und leisem Applaus wandte sich Blue zum gehen. „Na dann los, Armstrong“, kommentierte er mit einem breiten Grinsen.

1.
Die Reise von Houston nach Corpus Christi an der Golfküste dauerte mehrere Stunden. Über der Karibik, nördlich von Kuba tobte ein Hurricane und brachte mächtig Gegenwind, der den Flug der beiden Maschinen stark verzögerte.
Dennoch genoss Thomas die Reise. Über Funk hörte er sich das Geplapper von Jeff und Maxine an. Seltsam, sie waren nun offiziell seit über einem Jahr ein Paar und hatten sich immer noch viel zu erzählen und lachten und scherzten miteinander.
Das sich die beiden derart gut verstanden, erfüllte Thomas mit offenem Neid. Max war nun mal sein kleines Schwesterchen und das würde sie immer bleiben.
Wenigstens war er keiner von diesen großen Brüdern, die es nie akzeptieren konnten, dass die kleinen Mädchen irgendwann zu großen Mädchen wurden.
Er hatte es viel geschickter angestellt und den Freund für sie ausgesucht.
Allerdings hielt er sich immer noch die Ohren zu, wenn Jeff ihn wegen irgendetwas in der Beziehung der beiden um Rat fragte, vor allem, sobald Sex ins Spiel kam.
Irgendwie war er nun mal altmodisch und noch in den Zwanzigern stehen geblieben.

Armstrong drosselte die Motoren der kräftigen Fury etwas, um der langsameren, aber dafür besser bewaffneten Brigand die Gelegenheit zu geben, wieder aufzuholen.
Es war reiner Zufall, oder die gute alte Paranoia, die ihn bei diesem Manöver seine sechs kontrollieren ließ, also den Bereich des Flugzeugs, der direkt entgegen seiner Flugrichtung saß. Dabei erkannte er auf der Wolkendecke unterhalb seines Flugzeugs die Umrisse von drei Flugzeugen, die merkwürdig gestaucht schienen.
Seine Reflexe übernahmen sofort die Oberhand. „BANDITS! AUSBRECHEN UND AB IN DIE WOLKEN!“, blaffte Thomas und warf seine Maschine in einen Trudelkurs, sein Lieblingsmanöver, um schnell Höhe zu verlieren.
„COPY!“, blaffte Max zurück und zog zur Seite weg, drehte in eine Fassrolle, die sie auf dem Rücken beendete, um mit einem Halblooping in die Wolkendecke einzutauchen.
„Was habe ich dir gesagt, Rocket, der Alte hat hinten Augen. Ich habe dir gleich gesagt, wir können uns an den nicht ran schleichen“, erklang die fröhliche Stimme von Melissa The Dusk Vanderson. „Du schuldest mir fünf Bucks.“
Als Antwort kam ein kräftiger Fluch. Jebedia Rocket McCormick schien über diese Aussichten alles andere als erfreut zu sein. „Irgendwann hast du auch mal Pech im Spiel, Dusk. Pack two an Pack Leader. Du kannst wieder aus den Wolken rauskommen, Armstrong. Hier oben sind nur ich, Dusk und Rainmaker.“
Erleichtert zog Thomas seine Fury wieder aus der Wolkenschicht hervor und sah dabei zu, wie sich die anderen drei Maschinen neben ihm gruppierten. Es handelte sich um zwei Bloodhawks und eine weitere Fury. „Wo sind Happy und Roundabout?“
Die Stimme Jebedias klang zermürbt, als er erwiderte: „Sorry, Boss, aber Roundabout hat sich versetzen lassen. Er kommt nicht mit. Immerhin ist Betty schwanger und so.“
„Das verstehe ich. Mist. Und Happy?“
„Peng! Peng! Peng! Das war es für dich, Dusk.“
„Himmelherrgottnochmal! Max, lass den Scheiß, wenn du nicht willst, dass ich einen Herzinfarkt bekomme.“
„Du hast dich erschrocken?“, erklang Maxines Stimme. „Gut. Dann hat es seinen Sinn erfüllt.“
Die Brigand reihte sich rechts von mir ein. „Kleine Rache dafür, dass Ihr Dave erschrecken wolltet. Von mir und Jeff ganz zu schweigen.“
„Blue ist auch dabei?“, rief Rainmaker erfreut. Jeremy Twofeathers winkte mit den Flügeln seiner Bloodhawk. „Hey, Blue, geht es deinen Ohren wieder gut? Oder hattest du keinen Bock mehr auf Schichtdienst im Tower?“
Jeff Daines Stimme klang auf. Er schien sich gut zu amüsieren. „Ne, meine Ohren sind immer noch im Eimer, Rainmaker. Aber Armstrong hat ne neue Aufgabe für mich, die mich sehr interessiert. Ratet mal, wer eure Zigarre kommandieren wird?“
„Du?“, kam es von Dusk. „Na Klasse. Das war es dann wohl mit riskanten Landungen ohne Fanghaken.“
„Oder Wartungsarbeiten mit geladenen MGs“, ergänzte Jeb. „Wenn du da auch so streng bist wie auf deinem Flugfeld.“
„Funkdisziplin“, murrte Thomas leise. „Ihr habt mir immer noch nicht gesagt, was mit Happy ist.“
„Henry Jackson ist vor zwei Stunden mit der zweiten Brigand aufgestiegen und voraus geflogen. Er wollte einiges von seinem Kram mit rüber schaffen. Da kam ihm der extra Stauraum in der Brigand gerade recht.“
„Heißt das, er hat keinen Bordschützen mitgenommen?“, blaffte Thomas entrüstet.
„Ist doch halb so wild, Armstrong. Wir sind hier über Texas. Was kann ihm schon passieren?“, versuchte Jeb seinen Staffelkapitän zu beschwichtigen.
„Du kennst meine Einstellung, Rocket“, brummte Thomas böse.
„Ja. Eine Waffe, die man nicht einsetzen kann, ist nur unnützes Gewicht, das man mitschleppen muß. Bullshit, jetzt hast du mich mit deiner Paranoia angesteckt.“
Thomas checkte die Karte auf dem Klemmbrett, die auf seinem linken Oberschenkel festgebunden war. „Okay, wegen dem Gegenwind können wir nicht weiter aufdrehen. Höher steigen nützt auch nichts, weil der Hurricane auch dort blasen wird.“
„Was du sagen willst, ist doch, Ihr könnt nicht schneller, weil meine Brigand so lahm ist“, beschwerte Maxine sich. „Würde ich in meiner Vampire sitzen, dann…“
„Schon gut, schon gut. Wir schippern ganz gemütlich rüber nach Corpus Christi. Sind ja nur noch zwanzig Minuten. Was soll schon passieren?“, erwiderte Thomas leise.
In Gedanken fügte er aber hinzu: Natürlich kann alles schief gehen, was nur schief gehen kann.
Aber er hoffte, Unrecht zu haben.
**
„Mayday, Mayday“, kam es über den offenen Äther. „Texas Air Ranger wird angegriffen. Ich wiederhole, Texas Air Ranger wird angegriffen.“
„Texas Air Ranger, hier Dirty Pack-Staffel der Texas Air Ranger. Geben Sie uns Ihre Position und die Zahl sowie Maschinentypen der Angreifer durch.”
„Armstrong, bist du das? Gott sei Dank. Ich habe hier drei Devastator, eine Vampire und eine Fury am Arsch. Die beiden Defender vom Corpus Christi Northern Air Field haben sie schon wieder zu Boden geschickt und die meisten Flakstellungen ausgeschaltet. Die haben es anscheinend auf deine Zigarre abgesehen, Boss.“
„Verdammt, Happy, du ziehst mal wieder Ärger an wie Scheiße die Fliegen. Wo bist du?“
„Ich stecke in anderthalb Meilen Höhe und verstecke mich in den Wolken. Die Vampire und die Fury versuchen, mich raus zutreiben. Meine Position ist zwei Meilen südlich des Air Fields. Der Angriff begann vor zehn Minuten. Abzeichen konnte ich auf den Maschinen nicht erkennen, aber die Piloten arbeiten zusammen.“
Tausend Dinge zugleich gingen Thomas durch den Kopf. Zum Beispiel, dass er niemals ohne Munition aufstieg, seit er in Sky Haven fast gestorben wäre, weil nur in der Siebziger noch drei Schuss waren.
Oder daran, dass irgendwo Gyrokopter kreisen mussten, um Marines ins Ziel zu bringen, wenn die Angreifer wirklich das Shannon-Manöver versuchten – die Entführung eines militärischen Zeppelins. Wahrscheinlich wollten sie rüber damit nach Kuba. Oder zur Yucatan-Halbinsel. Und dass die Piloten zusammen arbeiteten, ließ auf eine trainierte Gruppe schließen.
„Wir sind in fünf Minuten da, Happy. Spiel noch etwas Katz und Maus mit der Vampire und der Fury. Halt die Ohren steif.“
„Werde ich. Viel Glück, Armstrong.“
Thomas wechselte den Kanal und ging auf die Staffelfrequenz. „Fertig machen. Die wollen mir meine Zigarre wegnehmen, und das lasse ich nicht zu. Max, du bleibst mit Rainmaker hinten und achtest auf Gyros, die zum Landefeld wollen. Wenn die Marines noch nicht in der Zigarre sind, haben Bodentruppen leichtes Spiel.
Jeb, Dusk, wir spielen Lockvogel. Ich fliege vorneweg, Ihr haltet euch von mir aus gesehen in der Sonne. Sobald ich angegriffen werde, schnappt Ihr euch eine Devastator. Es steht genau fünf zu fünf, aber Happy hat keinen Bordschützen. Und Ihr wisst, er spart nie mit seinen Raketen.
Aber die Defender haben sich hoffentlich teuer verkauft und bereits am Gegner genagt.
Vergesst nicht, der Gegner ist aufeinander eingespielt. Also deckt einander die Ärsche.
Rainmaker, du passt auf Max auf. Sie hat mehr Raketen und schwerere Kanonen, also gibt sie die Musik an. Halte ihr den Rücken frei und sieh zu, was sie dir vor die Flinte treibt.“
„Copy“, kam es mehrstimmig zurück.

Eine Meile vor dem Air Field drückte Thomas die Nase seiner Fury nach unten und stieß durch die Wolkendecke. Hier irgendwo spielte Happy gerade mit zwei Gegnern verstecken.
Jeb und Dusk würden in ihren Bloodhawks nun eine leichte Schleife nach Süden fliegen, um die Sonne in den Rücken zu kriegen.
Er aber bot sich, nachdem er durch die Wolken gebrochen war regelrecht als Ziel an.
„Weiß jemand, ob die NORTH auf Helium oder Wasserstoff ist?“, kam es von Blue. „Sicherheitshalber sollten wir zusehen, dass kein Schuss in die falsche Richtung geht.“
„Einverstanden“, kam es von Thomas. „Beginne Anflug.“
Die Fury brach durch die Wolken und stieß bis auf vierhundert Meter auf die Oberfläche hinab. Thomas orientierte sich kurz und fand schnell das Air Field. Zwei der Devastators flogen Angriffe auf die Flakstellungen am Hafen, die dritte konnte Thomas nicht erkennen.
„Okay, Happy, wir sind da. Beschäftige die Vampire und die Hawk noch etwas, ich will erst mal mit den Devastatoren spielen.“
„Ist gut, Boss, aber lange halte ich das nicht mehr durch. Mein rechter Flügel hat ganz schön was abbekommen. Der hängt nur noch mit Spucke und Glauben an meiner Mühle.“
„Hallelujah“, kommentierte Thomas grinsend. „Corpus Christi Northern Air Field, hier spricht der Staffelführer des Dirty Pack der Air Ranger. Weisen Sie Ihre Geschützbedienungen ein, dass wir in den Kampf eingreifen.“
„Hier Tower Air Field. Dirty Pack, Sie sind uns willkommen. Aber allzu viele Flaks haben wir nicht mehr.“
„Okay, dann ziehen Sie Ihre Leute so weit wie möglich raus aus dem Geschehen. Ist die NORTH STAR schon bemannt?“
„Die NORTH ist bemannt. Aber es ist nur wenig Munition für die Geschützgondeln an Bord.“
„Na Klasse. Habt Ihr gehört, Dirty Pack? Es gibt keinen Support von der Zigarre für uns.“
„BLITZ! BLITZ! BLITZ!“, gellte es in seinem Kopfhörer auf und im Reflex presste Thomas seine Augen in die Armbeuge. Der darauf folgende Blitz blendete ihn dennoch etwas, denn als er die Augen wieder öffnete, tanzten Sterne davor. „Bullshit, was sollte das, Dusk?“
„Dir hing die dritte Devastator am Arsch, Boss. Sie kam direkt aus der Wolke geschossen, und ich war in einer schlechten Position. Sie aber in einer guten Position, um dich zu erwischen.“
„Okay, verstanden. Ist Rocket dran?“ Thomas sah seitlich zur Kabine heraus und fand die Devastator, die mit schlingernden Bewegungen tiefer sank. Die Bloodhawk von Rocket stieß von oben herab und jagte ihr eine Salve Magnesiumkugeln in die Flügel.
Thomas wusste aus Erfahrung, dass die Salve normalerweise eine Panzerung nicht durchschlagen konnte. Aber wenn sie erst mal im Flügel steckte und sich langsam durch brannte, konnte sie sich in einen Tank schmelzen und das Kerosin explodieren lassen.
Die Devastator bekam noch eine Salve ins Heck verpasst und zog dann mit einer langen Rauchspur hinter sich einen weiten Bogen nach Norden.
„Den hole ich mir“, rief Jeb, kurz bevor die Luke des Cockpits aufging, und der Pilot absprang. Einige Momente darauf, der Flieger taumelte bereits zu Boden, explodierte der linke Flügel tatsächlich.
„Besser hätte ich es auch nicht kommentieren können“, brummte Thomas amüsiert. „Bleib bei Dusk und treibt die beiden Devastator weg vom Air Field.
Happy, komm runter zu mir. Und bring einen oder am besten beide deine Freunde mit.“
„Verstanden, Armstrong.“
„Max, was macht deine Überwachung?“
„Hattest Recht, die wollen hier wirklich einen Shannonraub durchziehen. Zwei Gyros, voll beladen. Rainmaker und ich kümmern uns darum.“
„Seid vorsichtig, vielleicht haben die noch was in Reserve.“
„Copy. Und du pass mal selbst auf deinen Hintern auf, großer Bruder.“

Thomas grinste, als er die Antwort hörte. Er und die Halbitalienerin waren nicht wirklich Geschwister. Aber sie waren weit genug miteinander verbunden und tief genug miteinander vertraut, um es sein zu können.
„Ich komm dann mal runter, Boss“, hörte er Happy rufen. Kurz darauf brach die bullige Brigand aus der Wolkendecke. Ihr folgte auf dem Fuß die Vampire, durchaus ein ernstzunehmender Gegner mit einer exzellenten Bewaffnung war. Ohne Bordschützen würde Happy es mehr als schwer haben, die schwerere und besser bewaffnete Vampire von seiner zwölf fern zu halten.
Die Vampire tauchte in Happys vier auf, also schräg rechts hinter ihm, in nicht einmal zweihundert Fuß Entfernung. Das war die Distanz für einen guten Schuss.
Mit einem lauten Fluch drückte Thomas einen bestimmten Knopf in seinen Armaturen und schaltete damit den Nitrobooster ein - die Geheimwaffe, die der Nation of Texas seit nun anderthalb Jahren Luft erkämpft hatte.
Sofort machte die Fury einen Satz nach vorne, kam auf stolze anderthalbfache Leistung und zog immer näher auf die Vampire zu,
„Brich weg, Happy! Er ist an deinem Arsch!“
Nun presste auch Henry Happy Jackson den Knopf für den Booster und brachte sich mit einem Geschwindigkeitsschub in Sicherheit.
Thomas nutzte das Manöver, welches die Vampire ausführte, um an ihrer Beute dran zu bleiben aus, um seinerseits schneller ran zu kommen.
Die Vampire wollte ihre Beute nicht so schnell entkommen lassen und feuerte zwei Raketen auf die fliehende Brigand ab. Sie explodierten aber weitab von Happy.
„Zieh ein, Happy, und sieh nach, ob die Bloodhawk auch noch aus den Wolken kommt.“
„Falls mein Flügel das aushält, Boss“, murrte der Pilot, schlug aber gehorsam ein.
Derweil war Thomas auf Schussreichweiter heran und feuerte beide dreißiger und die siebziger Bordwaffen auf den Gegner ab.
Die siebziger Kanone ging daneben, aber die dreißiger MGs schabten eine Menge Panzerung von der linken Tragfläche.
Thomas feuerte erneut. Die zweite Salve bestand bei ihm immer aus Magnesium-Kugeln, die sich dann dort, wo die Panzerbrecher Schaden angerichtet hatten, tiefer ins Gestell fressen sollten.
Auch diese Salve traf, erwischte aber nur Rumpf und Cockpit des Zweipropeller-Flugzeuges.
Andererseits bekam es dem Plexiglas der Kanzel nicht wirklich gut, als sich das Glas durch die Hitzeentwicklung eintrübte. Ungeübte Piloten konnten in so einer Situation schon mal in Panik geraten.
Und wie auf Befehl begann die Vampire zu schaukeln und zu taumeln.
Der Pilot trat das Gas durch und zog hinaus in Richtung Ozean.

Thomas grinste zufrieden. „Happy, wo ist die Hawk?“
Als Antwort kam ein alles auslöschender, gigantischer Blitz, der Thomas sofort die Sicht raubte. Verdammt, verdammt, verdammt, eine Blitzrakete.
Kurz darauf spürte er einen Einschlag am linken Flügel und den charakteristischen Ton einer Rakete, die sich durch seine Panzerung nagte.
„Hinter dir, Boss! Tut mir leid, ich habe den Bastard zu spät gesehen. Tritt den Booster durch und dreh auf mein Kommando in eine Fassrolle und dann in den Immelmann, um in die Wolken abzutauchen! Jetzt!“
Sofort warf er die Fury in die enge Fassrolle, taumelte mit der Maschine mehrmals um die Längsachse. Leises Prasseln am Heck belehrte Thomas darüber, dass er nur knapp einer Salve entkommen war.
„Jetzt der Immelmann!“
Thomas beendete die Fassrolle. Da kein entsprechender Kommentar von Happy kam, nahm er an, dass seine Fury einigermaßen in der Horizontalen lag. Sofort zog er den Steuerknüppel zu sich heran und ließ den Vogel hart steigen. Auf dem Scheitelpunkt der Bewegung, als er für einen Augenblick schwerelos wurde, rollte er die Fury erneut.
„Bist jetzt in den Wolken. Ruh die Augen aus.“
„Danke, Happy. Schaffst du es mit der Hawk?“
„Die tritt gerade die Heimreise an. Ich habe ihr noch ne Blitz hinterher geschickt. Aber ich lasse sie ziehen für heute.“
„Okay, Pack Leader, hier Pack Leader. Bericht.”
„Pack two. Ich und Dusk haben noch ne Devastator zum Boden knutschen geschickt. Die dritte ist gerade dabei, Fersengeld zu geben. Wir könnten sie mit den Boostern noch einholen und heimschicken.“
„Negativ. Bleibt beim Zeppelin. Wir wissen nicht, ob nicht noch mehr kommen.“
Pack four. Meinen Bericht haste ja schon, Boss.“
„Pack five und Max hier. Wir haben einen Autogyro runter geholt. Ich würde da mal nen Krankenwagen raus schicken. Scheinen ne Menge Leute an Bord gewesen zu sein.
Der andere ist stiften gegangen, als er uns bemerkt hat. Abschießen?“
„Nein, gleiche Antwort wie bei Rocket, Rainmaker. Kommt zur Zigarre und achtet auf weitere Spielkameraden.“
Thomas blinzelte, blinzelte noch mal. „Dirty Pack, hergehört. Wir haben heute zwei Flieger verprügelt und zwei zu Boden geschickt. Das ist kein schlechter Tag fürs Dirty Pack. Happy, geh runter und lande beim Hangar. Lass die Gefechtsschäden ausbessern.
Du landest auch, Maxine. Ich will Blue auf der Brücke der Zigarre haben.
Dusk, Rocket, Ihr dreht noch ein paar Runden um den Zeppelin, macht euch Notizen über die Schäden und sucht die ausgestiegenen Piloten.
Rainmaker, du kommst hoch zu mir. Wir sehen uns mal an, was in der Richtung liegt, in die unsere überlebenden Freunde geflogen sind.“
„Hm. Einer ist nach Süden, zwei aufs offene Meer hinaus. Welche Route nehmen wir?“, fragte der indianische Pilot.
Wieder blinzelte Thomas. Na toll, das bedeutete noch eine Nacht mit zwei halben Kartoffeln auf den Augen, um die ausgetrockneten Augäpfel wieder heile zu kriegen. Das Schließen der Lider fühlte sich an, als reibe jemand Sandpapier in die Augen. „Wir fliegen über Land. Nur ein kurzer Trip, maximal fünfzig Meilen. Wir gehen hoch auf dreitausend und sehen uns alles von oben an.“
„Verstanden“, erwiderte Rainmaker.

Thomas stieß durch die Wolkenschicht nach oben. Kurz darauf folgte Rainmaker. Er hängte sich schräg hinter die Fury seines Staffelführers und folgte auch willig, als Thomas die Fury erneut in die Höhe zwang. Als sie über einen hohen Wolkengrat kamen, der wahrscheinlich ein weiter Ausläufer des Hurricanes war, gellte der Ruf von Jeremy Twofeathers über die Komm. „DA! Zehn Uhr, in vierhundert Fuß Höhe. Da ist die Zigarre.“
Thomas orientierte sich kurz, drehte ein und aktivierte die Bordkamera.
„Sag mir Bescheid, falls uns ne hohe Patrouille oder Flankendeckung am Hacken ist.“
„Copy.“
Thomas schoss den ganzen Film mit der Zigarre voll, blieb aber in seiner Höhe und vermied es, näher zu kommen. „Da kommt der Begleitschutz. Zwei Avenger“, kommentierte Rainmaker.
„Die dürften ne Minute brauchen, bis sie bei uns oben sind. Aber egal. Ich habe, was ich wollte. Verschwinden wir.“
„Copy, Armstrong. Holen können wir sie uns noch ein andernmal.“
„Booster, Rainmaker.“ Thomas beschleunigte die Maschine hart und schaltete die Nitroeinspritzung hinzu. „Ich will nach Hause.“
Gehorsam folgte ihm sein Flügelmann. „Copy. Das erste Bier geht auf mich.“
„Na, das ist ein Wort“, lachte Thomas.
**
Zugegeben, Thomas bot einen mehr als lächerlichen Anblick. Bekleidet mit einer Augenbinde, unter der sich zwei Kartoffelhälften abzeichneten im Büro der Air Field-Chefin war nicht gerade das Auftreten, welches Respekt versprach.
„Ich muß vielleicht mit Ihnen zusammenarbeiten, Stone, aber ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig“, beschwerte sich Gladis O´Hara zornig. Sie war eine der Defender-Pilotinnen gewesen, die versucht hatten, die Zigarre zu verteidigen.
„Doch, das sind Sie, Ma´am. Die unmarkierten Maschinen haben versucht, einen Shannonraub vorzubereiten. Mit meinem Zeppelin. Ich betone, mein Zeppelin. Und wäre ich nicht zufällig mit dem Dirty Pack eingetroffen, hätten sie das auch geschafft.“
„Zugegeben“, knirschte sie.
„Aber immerhin haben Sie getan, was Sie konnten. Alle verfügbaren Flieger waren aufgestiegen und alle MG-Nester haben gefeuert.“
„Ja“, brummte sie, beinahe versöhnt. „Das ist richtig.“
„Die Frage ist nur, warum verteidigt sich das Air Field Corpus Christi mit nur zwei lächerlichen Defender? Ich hätte wenigstens noch eine Rotte Avenger erwartet.
Und warum war meine Zigarre voll gestopft mit Büchsenfleisch, aber nicht einer einzigen Kiste Munition für die MG-Gondeln?“
Thomas konnte es spüren, er hatte sie in die Defensive gedrängt. Nun würde sie kooperieren, alleine um sich zu rechtfertigen.
„Nun machen Sie mal halblang Commander Stone“, blaffte sie ihn bei seinem alten Piratennamen an. Da Thomas vorhatte, sein Piratenleben wieder aufzunehmen, dachte er sehr ernsthaft darüber nach, Dave Stone auch wieder auferstehen zu lassen. Anscheinend war O´Hara der gleichen Meinung.
„Ich habe noch eine Rotte Devastators, aber die sind aufgestiegen, um dem Notruf einer Frachtzigarre nachzugehen. Sie wurden wohl in eine Falle gelockt und abgeschossen.“
„Gut“, brummte Thomas. „Dann können wir Sabotage oder einen Verräter auf dem Air Field ja theoretisch ausschließen.
Was ist mit der Munition?“
„Liegt in Lagerhalle vier bereit. Aber der Captain der NORTH hat entschieden, zuerst die Verpflegung zu laden.“
Thomas nickte. „Aha. Na, dann werde ich mir dieses Herzchen mal zur Brust nehmen.
Was Sie angeht, ich biete Ihnen Hilfe an bei der Suche nach Ihren beiden Devastators.
Die NORTH hat drei Ford Hoplites an Bord.“
„Danke. Aber wir haben eigene Autogyros und suchen bereits.
Eine Frage, Commander Stone. Was haben Sie über die Angreifer herausgefunden?“
Für einen Moment rang Thomas mit sich. „Sie sind von einer umgebauten Frachtzigarre gestartet, zwanzig Meilen südlich der Stadt. Ich habe ein paar Aufnahmen geschossen, die gerade entwickelt werden. Mit etwas Glück verrät uns die Bemalung was über unsere Angreifer.“
„Das es Mexikaner waren ist mir klar. Ich würde nur gerne wissen, welchem Tortillafresser genau ich meine Rache schwören muß.“
Thomas winkte ab. „Ich lasse Sie informieren, O´Hara. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.“
„Ja, natürlich, Commander. Ach, und, willkommen am Corpus Christi Northern Air Field.“
„Danke, Ma´am.“
Thomas erhob sich, und sofort trat Maxine an seine Seite, sodass er eine Hand auf ihre Schulter legen konnte. Nach einem kurzen Gruß verließen sie das Büro.

„Du warst recht sanft zu ihr, großer Bruder“, kommentierte Max.
„Fandest du? Und ich dachte, das wäre ich erst geworden, als klar war, dass sie keine Verräterin ist.“
„Da bin ich mir noch nicht so sicher.“
Thomas lachte. „In vier Tagen sind wir hier sowieso weg. Außerdem haben wir jetzt fünf einsatzbereite Piloten. Noch mal gelingt so ein versuchter Shannon nicht.“
„Vier. Du brauchst Zeit, um deine Augen auszukurieren.“
„Was? Ach das? Ist ein alter Trick, den mir Spot beigebracht hat, der Chefmechaniker der BELLE. Wenn man die verblitzten Augen mit den Kartoffeln feucht hält, dann sind sie am nächsten Tag wieder vollkommen in Ordnung. Sie tun schon gar nicht mehr weh.
Ich brauche die Augenbinde nur abzunehmen, um sofort kampfbereit zu sein.“
„Falls du nicht wieder direkt in eine Blitzrakete siehst.“
Thomas lachte leise. „Zugegeben.“

Der Weg rüber zum Anlegeplatz der NORTH war nur kurz. Die Bordwache ließ sie anstandslos ein. Blue erwartete sie bereits. „Kannst du nicht mal die dämliche Augenbinde abnehmen, Boss? Das nervt. Und ich habe hier ein paar Leute, die ich dir vorstellen möchte.“
Seufzend ergab sich Thomas in sein Schicksal und nahm die Binde ab. Er blinzelte. Keine Schmerzen. Gut. Aber er wusste, dass er die Kartoffeln besser die Nacht über trug, wenn das auch so bleiben sollte.
Neben Jeff Daines standen ein junger Mann und eine Frau in den Zwanzigern.
„Dies sind Lieutenant Zacharias Winter und Captain Norah Gallagher. Lieutenant Winter hat die NORTH von Houston überführt und hier festgemacht. Er hatte bisher also das Kommando.“
Thomas musterte den Offizier mit einem eiskalten Blick. „Also Ihnen verdanke ich es, dass ich fast meine Zigarre verloren hätte.“
Der junge Offizier zuckte merklich zusammen. „Sir, ich bin bereit, die Konsequenzen für meine Fehlentscheidung zu tragen.“
„Gehen Sie mit dem Jungen nicht zu hart ins Gericht, Commander“, brummte die Frau und nahm einen Zahnstocher, auf dem sie rumgekaut hatte, aus dem Mund. „Es waren immerhin noch meine Marines an Bord. Wir hätten den Piraten einen heißen Empfang geliefert.“
„Gallagher, hm? Sie führen die Infanteriekompanie an“, stellte Thomas fest. „Wie viele Leute haben Sie?“
„Achtunddreißig plus meine Wenigkeit, Sir. Das reicht, um mit jedem Problem fertig zu werden zwischen hier und Berlin.“ Sie grinste schief.
Thomas blinzelte, und Tränen schossen ihm in die Augen. Er würde definitiv noch mal die Kartoffeln brauchen. Noch sah er alles etwas unscharf. Wenn er jemals den Kerl erwischte, der die Blitzraketen erfunden hatte…
„Gut. Das hätte in der Tat gereicht, um die Piraten mit ner blutigen Nase nach Hause zu jagen. Ihr Glück, junger Mann.“
Der Lieutenant straffte sich. „Sir.“
„Statusbericht.“
„Tankanlagen zu neunzig Prozent gefüllt. Motoren frisch gewartet. Alle MG-Stellungen ausgerüstet. Proviant für siebzig Tage. Neununddreißig Marines, sechs MG-Schützen und einunddreißig Crewmitglieder an Bord.
Die Munition wird Morgen früh verladen und die dreiundzwanzigköpfige Technikercrew kommt ebenfalls Morgen früh an.
Neun Maschinen an Bord. Drei Fury, zwei Avenger, zwei Bloodhawk, zwei Brigand. Eine Vampire und zwei Devastators kommen ebenfalls Morgen an.
Die Brigand von Lieutenant Jackson wird gerade von der Air Field Crew zusammen geflickt, aber die sind zuversichtlich, auch bis Morgen fertig zu sein.“
Thomas nickte beeindruckt. „Gut. Das war genau das, was ich hören wollte. Weil wir Glück gehabt haben, und ich meine, weil wir alle Glück gehabt haben, schicke ich Sie nicht sofort nach Hause, Winter. Wir wollen es miteinander versuchen. Sie sind darüber informiert, dass Captain Daines ab hier übernimmt?“
„Ja, Sir.“
„Gut. Sie können weg treten, Lieutenant.“
Der junge Mann salutierte und trat ab.

Thomas wandte sich wieder Captain Gallagher zu. „Ich hoffe, Sie wissen, worauf Sie sich hier einlassen, Lady. Die NORTH bekommt zwar einen Kaperbrief, aber wir werden uns hart am Rande der Legalität bewegen. Vielleicht werden wir Dinge tun müssen, die so gar nicht in Ihre Moralvorstellung passen.“
„Halten Sie mich für weich?“, erwiderte sie. „Dann hören Sie mir mal zu, Commander.
Ich trage nicht umsonst zwei Balken auf der Schulter. Wissen Sie, wie tough man sein muß, um bei den Marines überhaupt ein eigenes Kommando zu kriegen? Wissen Sie, wie schwer es dort gerade einer Frau gemacht wird? Ich habe Dinge gegessen, vor denen Sie angewidert die Nase kraus ziehen. Ich habe Sachen gesehen, die Sie sich in Ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Und ich habe mehr Tote gesehen, als für ein einziges Leben gut ist.“
Thomas legte den Kopf an die Seite. „Sie und Ihre Leute. Geheimmissionen?“
Für einen Moment schien Gallagher überrascht. Dann nickte sie. „Ja, Commander. Geheimmissionen. Ich und meine Einheit führen vorbeugende Schläge gegen potentiell feindliche Flugfelder, Sabotage an Fabriken und manchmal auf Wunsch auch gezielte Liquidationen durch. Wenn Sie so wollen, machen wir die Arbeit, die früher dem Bund unterlag.
Ich bin gut in meinem Job. Sehr gut.“
„So gut, dass man Sie mit einer Kompanie Marines einem besseren Himmelfahrtskommando zugeteilt hat, zu dem Sie sich noch freiwillig melden mussten.“
Gallagher schien wie vor den Kopf gestoßen. „Nun, so ganz freiwillig war das nicht. Nach meinem letzten Auftrag im Oktober, bei dem ich zwei Heliumtanks hoch gehen ließ, beförderte man mich zum Captain. Dabei kam irgend so ein Arsch von General auf den Gedanken, dass man einen weiblichen Offizier nicht ins Feld ziehen lassen darf. Also wurde mir ein Schreibtischposten aufgebrummt.
Das hat mir nicht gefallen, wie Sie sich denken können. Und als Colt dann diesen Auftrag ausgeschrieben hat, habe ich sofort zugegriffen.
Es geht mir nicht darum, mein ausgiebiges Bedürfnis nach Action zu befriedigen, Sir. Es geht mir einzig darum, Texas zu dienen. Und dies auf die beste Weise, die ich vermag. Das ist an der Waffe. Und sei es, dass ich auf einem Kaperschiff mitfahre. Hauptsache, ich kann etwas tun und versauere nicht hinter einem Schreibtisch.“
„Akzeptiert. Haben wir schon einen Smutje an Bord? Ich will ein ausgiebiges Abendessen für alle Piloten und Offiziere an Bord. Zwanzig Uhr. Erscheinen ist Pflicht. Sie haben doch mindestens einen Lieutenant als Stellvertreter, Captain? Mitbringen.“
„Aye, Commander.“
„Sie können wegtreten. Und willkommen im Team.“
„Danke. Sie können auf mich zählen.“
Thomas nickte und legte wieder die Kartoffelhälften auf. „Fahrer“, scherzte er, „zu meinem Büro. Blue, komm mit.“

Murrend führte Maxine ihren Freiwilligenblinden zu seinem neuen Büro an Bord der Zigarre. Die drei traten ein. Der Geruch frisch aufgebrühten Kaffees empfing sie. Verwundert lupfte Thomas die Binde und sah eine dicke Kanne auf seinem Schreibtisch. Daneben stand ein junger Steward in weißer Uniform, auf dem linken Arm ein Tablett mit Tassen, Zucker und Milch balancierend. „Captain Daines hat Kaffee bestellt, Sir.“
Thomas musterte den jungen Burschen amüsiert. Es war noch nicht allzu lange her, da hatte Max sich verkleidet, um als Junge und Schiffssteward durchzugehen. „Danke. Dein Name, Junge?“
„Katayama, Sir. Johnnie Katayama.“
„Wie alt bist du, Katayama?“
„Ich werde nächste Woche fünfzehn.“
Thomas ließ sich hinter seinem Schreibtisch in den sehr bequemen Ledersessel fallen. Schweigend beobachtete er, wie der Junge die Tassen verteilte und den Kaffee eingoss. Thomas lehnte Zucker und Milch ab. Der junge Bursche wirkte sicher und erfahren. Wahrscheinlich machte er diesen Job schon ein paar Jahre.
„Das wäre alles, Katayama. Du kannst später abräumen. Jetzt hilf dem Smutje beim Abendessen.“
„Ja, Sir.“

Als sich die Tür hinter dem jungen Japaner geschlossen hatte, feixte Thomas seiner kleinen Schwester zu. „Das erinnert mich an irgendetwas.“
„Kommt mir auch vage bekannt vor“, fiel Blue grinsend ein.
„Okay, okay, mir auch“, brummte Max misstönend. „Aber Ihr könnt sagen, was Ihr wollt, ich sah in meiner Uniform viel besser aus.“
„Auch ohne Uniform“, murmelte Jeff, bekam dafür aber einen von Thomas´ Das will ich gar nicht wissen - Blicken verpasst.
„Kommen wir zum Wesentlichen. Wir haben mit mir sechs Piloten, aber neun Maschinen. Zwölf werden es insgesamt, und es wäre mir ganz recht, wenn wir noch ein oder zwei Vögel in Reserve nehmen könnten.“
„Mit den drei Mühlen, die Morgen rein kommen, treffen noch drei weitere freiwillige Piloten ein. Damit hätten wir neun. Das reicht zwar noch nicht, ist aber stärker als der Begleitschutz, den Blake Aviation Security ihren Kunden zukommen lässt.“
„Was wissen wir über die Piloten?“
„Praktisch nichts“, antwortete Maxine. „Wir haben bisher nicht einmal Namen gehört. Es gibt natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass ein paar Bekannte unter ihnen sind. Immerhin hatten wir bei den Air Ranger mehr Freunde als Feinde. Aber wir werden Morgen abwarten müssen.“
„Wir werden uns genau ansehen müssen, wen wir uns da an Bord holen“, brummte Thomas nachdenklich und setzte die Kartoffeln wieder auf. Blind tastete er nach der Tasse, warf sie nicht um bei dieser Aktion und trank einen Schluck. „Und damit haben wir das alte Dilemma. Neun Piloten, zwölf Maschinen.“
„Dreizehn. Die Air Field Techs meinen, sie könnten aus den beiden abgestürzten Devastators eine machen. Ich meine, das geht nicht in zwei Tagen. Aber sie pflücken die brauchbaren Teile auseinander und wir nehmen sie mit. In ein oder zwei Wochen haben wir dann eine dreizehnte Mühle.“
„Noch eine Maschine, die nicht fliegen kann. Himmel, was würde ich jetzt dafür geben, wenn Spot auf dem Flugdeck rumschwirren würde.“
„Wir brauchen Piloten“, stellte Maxine fest. „Und zwar gute Piloten, die zudem willig sind, mit uns zu fliegen. Wir sind nur einer von drei Zeppelinen, die Texas für diese Operation ausrüstet. Da sie am Rande der Legalität operieren, sind Freiwillige sicher spärlich gesegnet und teilen sich entsprechend auf alle drei Zigarren auf.“

Thomas setzte seine Kaffeetasse ab. „Es ist entschieden.“
„Wo wir die Piloten her nehmen?“, fragte Max erfreut.
„Nein. Ich ändere meinen Namen wieder. Ab sofort bin ich wieder David Stone. Der Name sollte vielleicht bei dem einen oder anderen in Sky Haven etwas zum klingeln bringen. Die Privateers waren so erfolgreich in letzter Zeit…“
„Also willst du die restlichen Piloten in Sky Haven anheuern“, sagte Blue leise.
„Ist die beste Möglichkeit. Wir werden Sky Haven auch vorerst als Basis benutzen, um uns aufeinander einzuspielen und auf den eigentlichen Auftrag vorzubereiten. Bin gespannt, was das sein wird.“
„Das sind wir alle… Dave“, bemerkte Max amüsiert.
„Wir brechen Morgen auf, sobald der letzte Mann an Bord und das letzte Stückchen Ausrüstung verstaut ist. Diesmal hat aber die Munition Priorität.“
„Gut, dass du das sagst, Dave. Ohne dich wäre ich nie drauf gekommen“, beschwerte sich Jeff leise. „Geht es schon los? Mischst du dich in meine Kompetenzen ein?“
Thomas nickte. „Klar. Vergiss nicht, wer am längeren Hebel sitzt. Du bist vielleicht die Nummer zwei an Bord. Aber ich gebe hier den Chef.“ Er grinste ein echtes Hollywood-Heldengrinsen.
„Musst du mich gleich wieder an die Befehlskette erinnern?“, brummte Jeff und gab seiner Stimme einen beleidigten Klang. „Reicht es dir nicht, wenn du den Ruhm erntest und die Frauenherzen brichst?
Thomas ging ein Stich durchs Herz. Maxine keuchte erschrocken auf und Jeff schien zu merken, was er gerade gesagt hatte. „Armstrong, es tut mir leid. Ich hätte nicht…“
Thomas hob eine Hand und winkte ab. „Es… tut kaum noch weh. Ich bin fast drüber hinweg. Ja, ich denke, ich kann langsam sogar Witze drüber machen.
Hey, das mit den Frauenherzen hast du ja nur gesagt, weil du in festen Händen bist, und Max dir die Ohren lang ziehen würde, wenn du los gehen und Frauen betören würdest.“
„Hör auf meinen Bruder. Das ist ein weiser Mann“, kommentierte Maxine.
Daraufhin schwiegen sie eine lange Zeit.

„Das wäre eigentlich alles. Wir werden die nächsten Wochen und Monate dazu benutzen, um eine schlagkräftige Crew zusammen zu stellen. Über Einzelheiten reden wir später.
Jeff, du bist meine wichtigste Stütze hier an Bord. Vergiss das bitte nicht. Und du Max, du bist eine gute Pilotin geworden. Du kriegst eine eigene Rotte.“
„Was soll´s? Damit habe ich sowieso gerechnet.“
„Ich muß dir keine Rotte geben“, erwiderte Thomas amüsiert.
„Aber es wäre sehr dumm, das nicht zu tun.“
„Jetzt hat sie dich, Armstrong. Besser, du taumelst und kommst raus aus ihrer Schussbahn.“
„Da hast du wohl Recht. Ich werde hier noch ein wenig meine Augen entspannen und mich später umziehen. Max, hol mich bitte ab, wenn das Essen auf dem Tisch steht. Über den Rest reden wir bei Tisch.“
„Das heißt, er schmeißt uns raus“, kommentierte die Pilotin. „Na, egal. Ich war sowieso fertig mit dem Kaffee.“
„Beim Essen dann“, sagte Blue und erhob sich.
Zusammen verließen die beiden das Büro.
Thomas aber schloss die Augen und dachte an den verhängnisvollen Tag. Einen Augenblick später war er eingeschlafen.

In seinem Traum stand er in einem rußgeschwärzten Trümmerfeld. Alles war wie damals. Es roch verschmort, nach Eisen und Gummi. Die Trümmer streckten sich empor wie die Krallenhände von schwarzen Skeletten, die sich unter Qualen ächzend gen Himmel reckten. Um ihn herum herrschte ein beständiges Gewusel. Dutzende Sanitäter und Soldaten durchforsteten die Trümmer nach Leichen und Überlebenden. Doch bisher hatten sie nur Leichen gefunden.
Thomas spürte, wie er in die Knie einbrach, genau wie damals. Und er spürte sein Herz rasen, die Wut, die Verzweifelung in ihm kochen. Der Stern auf seiner Brust, der ihn zum Air Ranger machte, schien zu glühen und sich in seine Haut brennen zu wollen.
Und wie um die Szene komplett zu machen, erschien Richard Campbell hinter ihm. Mit ruhiger, emotionsloser Stimme berichtete er und vertiefte die Verzweifelung des deutschen Piloten.
„Laut Passagierliste waren dreißig Passagiere an Bord. Siebzehn Männer, dreizehn Frauen.
Dazu kommen noch zwanzig Mann der Besatzung. Der BAS-Begleitschutz hat aus zwei Rotten bestanden. Drei Maschinen liegen fünf Meilen südlich von hier auf einer Hügelkette verteilt. Und zwar alle Maschinen. Von der vierten ist nichts zu sehen. Entweder ist sie geflohen oder es war ein Verräter an Bord. Wir haben bisher über vierzig Leichen geborgen und noch nicht einen einzigen Überlebenden gefunden. Alles sieht nach einer gewaltigen Wasserstoffexplosion aus. Das kann keiner überlebt haben.“
Thomas krallte die Hände ins Erdreich. Er spürte, wie seine Nägel splitterten und Blut die Finger herabtropfte und die Erde tränkte. Doch dieser Schmerz bot ihm keine Ablenkung. Zu stark war der andere Schmerz. Zu tief saß die Verzweifelung. Annie. Annie war an Bord gewesen.
„Wir haben bisher einen überlebenden BAS-Piloten gefunden. Er ist schwer verletzt, aber er konnte uns einiges erzählen. Die Piraten schienen nicht gewusst zu haben, dass die SUN TRAIN mit Wasserstoff flog. Oder es war ihnen egal. Sie haben jedenfalls direkt auf die Hülle gefeuert, bevor sie überhaupt den Versuch unternommen haben, den Zeppelin zu entern. Als er in Flammen aufging, befand er sich in vierhundert Meter Höhe. Der Kapitän konnte nichts tun. Hier konnte niemand überleben.“
Annie, schrie es in seinen Gedanken. Annie!
„Wir haben eine weibliche Leiche gefunden. Sie trägt Annies Ringe. Größe und Gewicht stimmen in etwa überein. Falls wir alle fünfzig Personen, die an Bord waren, finden sollten, ist es wahrscheinlich, dass…“
Nein, riefen Thomas´ Gedanken, ich will das nicht hören. Ich will hoffen können. Ich kann die grausame Wahrheit nicht ertragen. Sag es nicht, lass mir die Illusion.
„Dass meine Tochter ebenfalls gestorben ist.“
Heiße Tränen rannen über seine Wangen. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein. Nicht Annie. Nicht seine Annie.
„Der BAS-Pilot sagt, er hätte eine schwarze Zigarre in der Nähe gesehen, von der die Angreifer gestartet sind. Der Name des Zeppelins war LEVIATHAN. Wir forschen bereits nach, aber bisher ohne Ergebnis.
Was? Oh. Danke.
Ich habe jetzt die Bestätigung. Alle fünfzig Personen wurden gefunden. Annabelle Campbell ist somit unter ihnen. Meine Tochter ist tot, Dave.“

Erschrocken fuhr Thomas aus seinem Albtraum hoch, wie immer an der gleichen Stelle. Er war schweißgebadet und stellte verblüfft fest, blind zu sein. Hastig riss er sich die Binde von den Augen fort und inspizierte schwer atmend seine Umgebung.
Als er merkte, dass er alleine war, atmete der deutsche Pilot merklich auf.  Gut.
Natürlich hatte es sich nicht ganz so abgespielt. Er selbst war es gewesen, der Richard Campbell die Nachricht vom Tod seiner Tochter nach Houston gebracht hatte. Noch heute verfluchte er die emotionslose Stimme des Offiziers, der die Aufräumarbeiten geleitet und ihn in dieses tiefe Loch gestürzt hatte.
Sicher, er hätte Annie nicht beistehen können. Nicht mit dreihundert Meilen Distanz zwischen ihren Zigarren. Das hinderte ihn aber nicht daran, sich seither schwere Vorwürfe zu machen und sich einzureden, dass er eben doch hätte da sein können. Irgendwie, wegen irgendeiner verrückten Eingebung.
Menschen sterben nun mal, hatte Richard gesagt. Und man müsse das akzeptieren, um weiterleben zu können. Sicher, Campbell hatte um seine Tochter geweint. Und lange um sie getrauert. Aber er hatte ihren Tod akzeptiert. Und wieder zu leben begonnen.
Nur Thomas nicht. So sehr er auch versuchte, es zu verheimlichen, mit Annie war auch etwas von ihm gestorben. Und solange die LEVIATHAN am Himmel kreuzte, würde er keine Ruhe haben. Er würde Annies Mörder finden, stellen und vernichten. Oder daran scheitern.
Irgendwann. Irgendwo. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort…
***
1 Jahr zuvor, Berlin – Reichshauptstadt, Zentrale der „Abwehr“

Oberst Arnim von Tauten sah überhaupt nicht so aus, wie man sich einen preußischen Adligen vorstellte. Er war eher kleingewachsen, leicht übergewichtig und hatte auf seinem Kopf kein einziges Haar mehr. Die braunen Augen hinter der einfachen Brille wirkten freundlich, ja harmlos. Seine Haut erschien dunkler, als man von einem „Arier“ erwartete – Erbe von drei Jahren in der Türkei, im letzten, dem Großen Krieg.
Der Oberst hatte bereits im Weltkrieg den Hauptmannsrang erhalten und war in der friedlicheren, aber für einen altgedienten Militär seines Kalibers unbefriedigenden Weimarer Zeit in den diplomatischen Dienst gewechselt. Ironischerweise hatte dies ihm unfehlbar die Reaktivierung und Beförderung garantiert, als die politischen Zustände sich wandelten. Jetzt gehörte Arnim von Tauten zur Abwehr – dem deutschen militärischen Geheimdienst. Trotz ihres Namens war die Abwehr mindestens ebenso offensiv, wie defensiv tätig, gemäß der alten preußischen Maxime, daß Angriff die beste Verteidigung war. Die neuen Machthaber und die expansiven Pläne, die im Generalstab und der Führung gehegt wurden, verlangten eine ebenso intensive wie umfassende Aufklärung der Ziele, Ressourcen und Verhältnisse der anderen Mächte in Europa und Übersee, die Deutschland bei seinem Griff nach Weltmachtstellung im Wege stehen könnten.
Momentan hatte von Tauten eine Akte vor sich liegen, die er seit gut einer Stunde gründlich studiert hatte. Die wenigen Männer und Frauen, die den Oberst näher kannten hätten an den leicht zusammengekniffenen Augen und dem Zucken in den Mundwinkeln feststellen können, daß von Tauten über irgend etwas verärgert war. Das hinderte ihn aber nicht am akribischen Studium der Personenakte, die er sich erst kürzlich hatte kommen lassen.

Hauptmann Ernst Karl von Stahlheim. Uralter preußischer Erbadel, der sich noch auf die Ordenszeit zurückführte. Mitglieder der Familie hatten unter dem „Großen Kurfürsten“, dem „Soldatenkönig“ und Friedrich dem Großen im preußischen Militär gedient, ebenso in den Freiheits- und den Einigungskriegen. Daneben hatten sie aber auch in der preußischen Verwaltung und im diplomatischen Dienst gestanden. Ernst Karl von Stahlheim hatte vier Jahre seiner Kindheit in Amerika verbracht, wo sein Vater im diplomatischen Auftrag und dem Auftrag der Abwehr tätig war. Mit 18 hatte er sich zu den gerade entstehenden deutschen Lufteinheiten gemeldet, die angesichts der wachsenden Bedrohung durch Luftpiraten gebildet wurden. Zwei Jahre später war er Mitglied des JG „Richthofen“. Es folgten zwei Jahre Einsatz in denen er vier feindliche Maschinen abschoß. Danach kam die entscheidende Wende in seinem Leben – die Abwehr rekrutierte den jungen Leutnant. Zwei Jahre intensiver Ausbildung zum Agenten folgten, bei der Abwehr und dem für spezielle Diversionsaufgaben gebildeten Kampfverband „Brandenburg“, der noch geheimer war als die Abwehr selber. Anschließend Versetzung zur Jagdabteilung des KG 200, das Spezialflüge für die Abwehr durchführte.
Die Ausbildung umfaßte offensichtlich alle Scheußlichkeiten des geheimen Krieges: Umgang mit Schußwaffen, bewaffneter und unbewaffneter Nahkampf - lautloses Töten, Ent- und Verschlüsslungsfähigkeiten, Beschattung, Observierung, Interfiltrierung, Umgang mit Giften und Sprengstoffen sowie Sabotage aller Art, Fallschirmspringen und, und, und... Von Tauten pfiff beeindruckt durch die Zähne als er die Bewertung der Kampffähigkeiten sah. Allerdings waren die technischen Fähigkeiten von Stahlheims nur Durchschnitt für die hohen Standards der Abwehr.
Auf die Ausbildung folgten mehrere Einsätze im KG 200, dann die Versetzung als Verbindungsoffizier in die Mandschurei, wo die Luftwaffe ein diskretes, aber nützliches Bündnis mit der japanischen Armee pflegte. Der dortige Einsatz hatte nur ein dreiviertel Jahr gedauert, dennoch war es von Stahlheim offenbar gelungen, ein gutes, ja herzliches Verhältnis zu den Piloten herzustellen. Er hatte sich an Einsätzen beteiligt und dabei zwei Feindmaschinen abgeschossen: einen leichten Bomber und einen Jäger, dessen Pilot zu den „Flying Tigers“ gehört und bereits sechs Maschinen abgeschossen hatte.
Nach seiner Rückkehr folgten weitere Einsätze für das KG 200, auch in Spanien, bei denen von Stahlheim noch vier gegnerische Maschinen abschoß.
Auszeichnungen: EK II, EK I, Verwundetenabzeichen, Fallschirmspringerabzeichen, Nahkampfspange, Frontflugspange in Gold, japanische Tapferkeitsmedaille.
Dieser „Klempnerladen“ interessierte von Tauten nur wenig, dafür stellte er mit Zufriedenheit fest, daß von Stahlheim Grundkentnisse in Japanisch, Französisch, Russisch und Spanisch besaß, Englisch aber ausdrücklich „wie eine Muttersprache“ beherrschen sollte.
Er mußte kurz grinsen, als er die Bewertung am Schluß las: „in ideologisch/weltanschaulicher Hinsicht läßt von Stahlheim es noch an der nötigen Durchgeformtheit vermissen. Seine Einstellung als Patriot ist aber ohne Zweifel. Ein guter Mann, der aber zur Beurteilung politischer Belange nicht die nötige innere Geschlossenheit und Festigkeit besitzt. Andererseits verfügt er damit über eine Fähigkeit, sich örtlichen Gegebenheiten leichter anzupassen.“
Familienstand: ledig, gelöste Verlobung mit Anna von Priest, mit der er aber noch eine Brieffreundschaft aufrechterhält.
Arnim von Tauten glaubte den Typus zu erkennen, den der Agent verkörperte. Von Stahlheim beschränkte sich auf die selbstdeffinierte Position des Patrioten und Berufssoldaten und war fähig und ehrgeizig genug, die gebotenen Chancen voll zu nutzen. Die expansiven Pläne der Reichsregierung fanden sicherlich seine volle Zustimmung.

Es klopfte. Arnim von Tauten bellte ein scharfes „HERREIN!“, ohne den Kopf zu heben. Das scharfe Knallen von genagelten Stiefelabsätzen ertönte. Vor von Tautens Schreibtisch knallte der Eintretende die Hacken zusammen, salutierte – und hielt den Gruß, bis der Oberst aufblickte.
Hauptmann Ernst Karl von Stahlheim war hochgewachsen und breitschultrig und sah in der grauen, schmucken Uniform wie ein Rekrutierungsplakat aus. Das rotblonde Haar war nach Vorschrift geschnitten, das kantige, hagere Gesicht glattrasiert. Aus grauen, leicht zusammengekniffenen Augen musterte der Agent den Oberst wachsam.
Von Tauten salutierte eher lässig, das Privileg des höheren Ranges: „Guten Tag.“
„Hauptmann Ernst Karl von Stahlheim. Melde mich wie befohlen!“
„Schon gut. Lassen wir die Formalitäten. Wie ist Ihr letzter Einsatz verlaufen?“
Der Hauptmann zögerte nur kurz. Er mußte wissen, das der Oberst diese Information eigentlich auch auf dem Dienstweg erfahren konnte: „Aufgabe war, einen VW Schimäre-Autogyro zu eskortieren, der den britischen Funkmeßschirm unterflog und einen Agenten abholte. Operation verlief erfolgreich.“
„Man könnte meinen, Sie wären für eine solche Aufgabe überqualifiziert. Sie sind auch für den direkten Einsatz im feindlichen Ausland ausgebildet, haben auch schon etliche Einsätze in Frankreich und England hinter sich, und auch in Spanien...“
„Danke, Herr Oberst. Ich tue meine Pflicht.“
„Natürlich. Nun, wie der Zufall so will, werden Ihre Befehle für den nächsten Einsatz mit Ihren Fähigkeiten besser harmonisieren. Sie sind über die Lage in Amerika informiert?“
„Im Rahmen der üblichen Lageinformationen, Herr Oberst. Ich wurde aber auch gelegentlich zur Beurteilung von Luftoperationen mit herangezogen.“
„Ja natürlich, Sie sind mit den meisten der amerikanischen Flugmodelle vertraut, ich vergaß...“, das war natürlich nur eine Floskel, „...und dazu kommen noch Ihre exzellenten Kampf- und Flugfähigkeiten und Ihre Sprachkenntnisse. All dies werden Sie gut gebrauchen können. Und Sie sind bei unseren japanischen Freunden nicht ganz unbekannt.“
Von Stahlheim schwieg. Der Oberst hatte ihn nicht um seine Meinung gefragt, also blieb er wie ein guter deutscher Soldat in Habacht und wartete auf die Dinge, die da kommen würden.
„Die Lage in Amerika hat sich in der letzten Zeit alles andere als stabilisiert. Nun, das könnte uns ja nur recht sein, immerhin gibt uns dies in Südamerika fast völlig freie Hand – aber wir wären dumm, würden wir diesen Hexenkessel ignorieren. Die alten Kolonialmächte versuchen ihre wankende Herrschaft dadurch zu stabilisieren, daß sie ihren Einfluß in den Amerikanischen Territorien stärken und versuchen, Zugriff auf die immer noch eminent wichtigen Rüstungsindustrien und Rohstoffreserven zu bekommen. Das können wir nicht zulassen. Unsere japanischen Freunde sind klug genug, der Region verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen und auch unsere Führung wünscht eine stärkere Erfassung dieses Raums für das Deutsche Reich.“
Falls der Hauptmann sich fragte, warum sein Vorgesetzter sich so weitschweifig über dieses Thema ausließ, dann ließ er sich das nicht anmerken.
„Wie Sie wissen, ist nicht nur unsere Dienststelle für die Auslandsaufklärung interessiert...“ Jetzt zeigte von Stahlheim eine Reaktion, er kniff den Mund leicht zusammen. Die Intrigen und Kompetenzstreitigkeiten zwischen Abwehr und RSHA auf dem Gebiet der Auslandsspionage waren ein offenes Geheimnis – und keine der beiden Organisationen empfand auch nur einen Funken von Kollegialität zueinander.
„Nun, wie dem auch sei, wir schicken Sie über den Ozean. Ich weiß, Ihnen stände Urlaub zu – aber der für den Einsatz vorgesehene Agent ist ausgefallen. Sie sind der nächstbeste Mann für diese Aufgabe – aber Ihr Luftschiff startet bereits in zwei Stunden. Sie erhalten alle nötigen Unterlagen, so daß Sie sie auf dem Flug studieren können. Genauere Informationen bekommen Sie dann in unserer New Yorker Residentur – und Ihre Tarnidentität. Noch Fragen?“
„Worin besteht mein Auftrag, Herr Oberst?“
„Das erfahren Sie im Einzelnen vor Ort. Nur soviel. Unsere Führung hält es für angebracht, dem Phänomen der Piratenbanden verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen. Diese Banditen können sowohl zur Destabilisierung wie Ordnung der Lage in unserem Sinne von Nutzen sein. Es gibt auch Gerüchte über... neue Technik, die verstärkt zum Einsatz kommt. Eine Art ‚Booster‘ für Jagdmaschinen. Man hält es für gut, wenn ein Mann mit fliegerischem Können an der Aufklärungsoperation beteiligt ist. Immerhin benutzen wir den neuen ‚Walküre‘-Schubverstärker erst seit einem halben Jahr – und Sie haben Flugerfahrung mit dem Gerät, können also eventuell bei Vergleichen nützlich sein. Aber die Einzelheiten erfahren Sie Drüben. War es das?“
„Jawohl, Herr Oberst!“ von Stahlheim salutierte, knallte wieder die Hacken zusammen und wandte sich zum Gehen. An der Tür stoppte ihn die Stimme des Oberst noch einmal: „Diese Operation ist wichtig, nicht nur für Ihre Kariere. Die ‚Abwehr‘ steht zur Zeit unter Druck, das wissen Sie genau. Tun Sie ihr Bestes – ein Versagen ist indiskutabel.“
„Verstanden, Herr Oberst!“ dann war von Tauten wieder allein. Nach ein paar Augenblicken griff er nach dem Telefonhörer, wählte und wartete ein paar Sekunden. Seine Stimme war sehr ruhig, kontrolliert: „Er ist auf dem Weg.“
Die Operation ‚Parzival‘ war angelaufen.
***
Der Mann, der sich eine halbe Stunde später von einem Taxi zum Berliner Flughafen Schönefeld fahren ließ, war stilvoll, aber keineswegs auffällig gekleidet. Die militärische Straffheit hatte von Stahlheim mit seiner Uniform abgelegt, zur Zeit saß er lässig zurückgelehnt, zog müßig an einer Zigarette und blätterte in einer Zeitung – der „Wehrmacht“.

In großen Lettern waren die Ereignisse der letzten Wochen darin festgehalten – soweit sie militärisch bedeutsam schienen und von der Zensur genehmigt worden waren:
Friedensbotschaft des Führers an die anderen Großmächte

Italienisch-deutsches Flottenmanöver vor Tripolis unter den Augen des Duce

Das neue Imperium Romanum – Italiens Kolonialarmee im Kampf mit arabischen Banditen; ein Gespräch mit General Graziani

Zwei Neue Marineluftschiffe fertiggestellt

Warum wir noch mehr Kolonien brauchen – Ansichten des Helden von Deutsch-Südwestafrika, Paul von Lettow-Vorbeck

Mit besonderem Interesse widmete sich von Stahlheim allerdings den paar Artikeln, die Ereignisse in Amerika behandelten. Es war nicht viel – aber den Beitrag über den „Schwarzen Schwan“ las er zweimal. Die berühmte Piratin war auch bei den europäischen Piloten bekannt, und auch wenn es von Stahlheim kaum öffentlich zugegeben hätte, er wäre nur zu gerne einmal der rätselhaften Toppilotin persönlich begegnet. Nun – wer wußte, was die Zukunft brachte... Allerdings, abgesehen von einem vagen Gerücht über einen Überfall auf einen texanischen Schmuggler und der Vermutung, der „Schwarze Schwan“ sei eine vor den Roten geflüchtete russische Adlige, gab es wenig Neues.
Sobald der Flughafen in Sicht kam, faltete von Stahlheim die Zeitung zusammen und ließ sie im Wagen. Als er die erste Flughafenkontrolle passierte, trug er das „Deutsche Handelsblatt“ unterm Arm. Fast automatisch wich er einer Gruppe deutscher und italienischer Offiziere aus, die gerade das Flughafengebäude verließen. Die nahmen es als selbstverständlich hin, daß man ihnen Platz machte, nur ein italienischer Leutnant bedankte sich mit einem freundlichen Nicken.
Die Sicherheitsvorkehrungen für die Luftschiffpassagiere waren sehr streng: Das Gepäck wurde mehrmals durchsucht, die Dokumente gewissenhaft geprüft. Alle Feuerzeuge, Streichhölzer und Fotoapparate wurden schon vor dem Start eingezogen. Neben Polizei und Zollbeamten waren mehrere Offiziere der Geheimen Staatspolizei anwesend. „Was ist der Grund Ihrer Reise, Herr Schneider?“ Der junge Gestapooffizier hatte sich ausgerechnet von Stahlheim für eine Stichprobe ausgesucht. Der Agent lächelte liebenswürdig: „Wie Sie in meinem Paß sehen, bin ich Vertreter der Henschel-Werke. Es geht um die Ausweitung unserer Geschäftsbeziehungen auf die Atlantikküste des Amerikanischen Kontinents. Die Industriels...“
Der Gestapomann rümpfte die Nase, offenbar liefen solche Geschäfte für ihn unmittelbar unter der Schwelle zum Hochverrat. Dann winkte er herrisch: „Sie können weiter!“ Von Stahlheim verkniff sich ein Grinsen. Der Kerl hatte doch keine Ahnung...

Die neuen Passagierluftschiffe der „Hindenburg II“-Klasse boten etwa 200 Passagieren höchsten Komfort im Verbund mit größter Sicherheit. Seitdem man auf Helium umgestiegen war, gehörten Luftschiffkatastrophen fast völlig der Vergangenheit an. Die „Hindenburg II“ waren schnell und leise, mit einer fast unglaublichen Reichweite. Außerdem wurde jeder Flug auf internationalen Routen inzwischen von einem Luftwaffenzeppelin begleitet, welches gepanzert war, über FLAK und FLAR verfügte und außerdem Abfangjäger an Bord hatte. Dies hatte die Benutzung der Luftschiffe natürlich endgültig zu einer Sache für die Oberschicht und hohe Staatsbeamte gemacht.

Vor allem wegen dieser zahlreichen Schutzmaßnahmen verlief die Reise völlig ereignislos. Kein Pirat war so wahnsinnig, es willentlich mit der Luftwaffe aufzunehmen. Von Stahlheim nahm kaum einer der Passagiere besondere Notiz, da er die meiste Zeit in seiner Kabine blieb und sich zwar höflich, aber unverbindlich gab. Die paar Leute, die ein Gespräch mit dem „Henschel-Vertreter“ anfingen stellten schnell fest, daß dieser Mann offensichtlich absolut phantasielos war und sein Gesprächsrepertoire sich auf Technik und Geschäftsdinge beschränkte.
Tatsächlich nutzte von Stahlheim jede freie Minute, um die Unterlagen zu studieren, die er erhalten hatte. Er prägte sich die politischen und militärischen Details ein, die die Abwehr ihm zur Verfügung gestellt hatte. Auch die Kennworte, Funkwellen und Anlaufstellen, über welche die Kommunikation und Information mit örtlichen Agenten und Residenturen laufen sollten, prägte er sich ein. Anschließend vernichtete er die Papiere. Als „Herr Schneider“ von Bord des Zeppelins ging, fanden auch die amerikanischen Zöllner nichts an seinem Gepäck oder Papieren zu beanstanden. Im Gegensatz zu den üblichen Spionageromanen schleppten Geheimagenten eben weder offensichtliche Kodebücher, noch Giftkapseln mit sich herum. Alles was er momentan brauchte, hatte von Stahlheim im Kopf. Die nötige Ausrüstung, Geld und Papiere würde ein hiesiger Kontaktmann stellen. Kaum vier Stunden, nachdem „Herr Schneider“ amerikanischen Boden betreten hatte, gab es ihn schon nicht mehr und zwei Tage später suchte „Werner Mueller“, seit zwölf Jahren im Lande lebend und Stellvertreter einer prosperierenden Brauerei, nach einem Platz in einem Passagierzeppelin der Industrials...
***
Gegenwart

Die Devastator versuchte vergeblich, den hinter ihr hängenden Jäger abzuschütteln. Gegen die wendigere Maschine hatte sie keine Chance. Pausenlos trommelten die Salven von zwei 50er und einer 30er Bordwaffe auf den bereits angeschlagenen Jäger ein, auf diese kurze Entfernung mit tödlicher Wirkung. Der Devastator-Pilot der Texas Ranger fluchte unbeherrscht, als er seine Maschine in eine scharfe Rechtskurve legte – und die feindliche Defender ohne Probleme folgte.
Wieder schüttelten Treffer seine Maschine durch, heftiger noch als vorher. Mit einem Gefühl des Grauens sah der Pilot, daß sein ohnehin schon beschädigter linker Flügel von den konzentrierten Salven regelrecht auseinandergenommen wurde. Die Maschine überschlug sich regelrecht in der Luft und trudelte dann dem Boden entgegen. Erst im letzten Augenblick konnte der Pilot mit dem Fallschirm aussteigen. Während er in den Gurten hing fluchte er ohnmächtig über die Defender, die über ihm eine Siegerrolle flog und höhnisch mit den Flügeln wackelte.
Der Pilot, der sich Baltic nannte, grinste kurz und kalt. Das war sein dritter Abschuß in einem Jahr, auch wenn bei zwei davon andere Maschinen mitgeholfen hatten. Ein Rundblick zeigte, daß auch der andere Devastator von den drei übrigen Maschinen niedergekämpft worden war. Die Stimme des Sektionschefs rasselte, die Funkanlagen der Maschinen waren etwas veraltet: „Das war’s. Wenn jetzt die anderen ihre Aufgabe so gut machen wie wir, dann sind die Gringos bald ein Luftschiff ärmer.“
„Wir SIND die Gringos!“ schaltete sich Baltic in den Sprechfunkverkehr ein. Wie mehr als die Hälfte der Piloten, die bei diesem Raid beteiligt waren, konnte er nicht einmal auf den ersten Blick mit einem Mexikaner verwechselt werden.„Wie sieht es mit Treibstoff aus?“
Wie sich schnell herausstellte, war Baltic der einzige, der noch über genug Kerosin verfügte – die anderen Jäger mußten umgehend zum Basiszeppelin zurück, sei es aus Treibstoffmangel oder wegen Gefechtsschäden. Trotzdem die Devastator der Texas Ranger überrascht worden waren, hatten sie sich verbissen gewehrt.
„Baltic, sieh zu, wie sich die anderen machen. Der Rest – zurück nach Hause!“
Die einzelne Maschine ließ die zwei Valiants und die andere Defender hinter sich und begab sich in einen leichten Steigflug. Das verminderte zwar ihre Geschwindigkeit, aber Höhe bedeutete Überlegenheit.

Doch als Baltic den Kampfplatz erreichte, hatte sich dort die Situation dramatisch verändert. Aus einem sicheren Sieg über unterlegene Deckungsverbände und einer „Cat Shannon“-Aktion war durch das unerwartete Auftauchen von etwa einem halben Dutzend feindlicher Jäger eine wütende Luftschlacht geworden, bei denen „Santa Annas Lanciers“ – die mexikanischen Flieger – keine gute Position abgaben...
Eine der mexikanischen Devastator zog eine Rauchfahne hinter sich her und schied endgültig aus dem Kampf aus, als ihr linker Flügel explodierte. Die Gyros mit den Entertruppen wurden gleichzeitig von zwei Texas Rangern angegangen – ein mehr als ungleicher Kampf, das wußte Baltic.
Eine texanische Brigand wurde von einer Vampire verfolgt, merkwürdigerweise setzte der Ranger nicht seine Heckwaffen ein.
Zwar versuchte eine texanische Fury zur Vampire aufzuholen, aber es gab keine Chance, daß sie es noch rechtzeitig schaffen würde bis...
Im nächsten Augenblick riß Baltic unwillkürlich die Augen auf und zog scharf, fast zischend die Luft ein, während er die Maschine auf die Seite legte, um ein besseres Blickfeld zu haben. Was bei allen Göttern...
Die Fury hatte mit einer für die Maschine eigentlich unmöglichen Geschwindigkeit zu der Vampire aufgeholt, während gleichzeitig die texanische Brigand mit einer fast ebenso unglaublichen Beschleunigung aus dem Schußfeld der Vampire zog.
Die Vampire kassierte jetzt mehrere Salven von der Fury, taumelte und zog gen Ozean davon, entnervt durch die Treffer und die eigentlich nicht möglichen Leistungen seiner Gegner.
‚Feigling. Typisch Mexikaner. Kopflos im Angriff, wie in der Flucht.‘ Der Mann, der sich Baltic nannte, verzog geringschätzig den Mund, behielt das Geschehen aber weiter im Auge. Sich einzumischen hatte er allerdings keine Lust – es währe zu diesem Zeitpunkt aber auch bereits sinnlos gewesen.
Mit Interesse sah er, wie sich jetzt die texanische Fury mit Hilfe ihrer erstaunlichen Beschleunigungsfähigkeit vor einer mexikanischen Maschine rettete. Im gleichen Zeitraum ging eine weitere mexikanische Devastator in Flammen auf und explodierte noch vor dem Aufprall. Die letzte Devastator der „Santa Anna Lanciers“ floh. Und auch dort, wo die Autogyros angegriffen hatten, brannte mindestens ein Wrack am Boden aus. Der Angriff war blutig gescheitert.
Der Pilot wendete seine Maschine und brachte sie auf Heimatkurs. Die Tatsache, daß „seine Leute“ geschlagen worden waren, bereitete ihm wenig Kopfzerbrechen. Er war für diesen Auftrag angeheuert worden, auch wenn seine Motive ganz woanders lagen als nur in einem leichten Verdienst. Viel mehr interessierte ihn die Manöver der anderen Seite, die eigentlich nur einen Schluß zuließen – die gegnerische Einheit war umfassend mit diesen geheimnisvollen „Boostern“ ausgerüstet worden – und die Piloten verstanden es, damit umzugehen. Der Pilot versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was vor dem Einsatz über die Gegner bekanntgeworden war – und ein Plan begann in seinem Kopf zu entstehen...

„Santissima Trinidad“, Zeppelin der „Santa Anna Lanciers“
Die Stimmung an Bord war am Boden. Nicht nur, daß man zwei Jäger verloren hatte – dazu kam der Verlust eines vollbesetzten Gyro. Keiner wußte, ob diese Männer und Frauen gefangen, verwundet oder tot waren. Die meisten Piloten und Briganten waren außerdem ohnehin Söldlinge und Abenteurer und reagierten sehr nachdrücklich auf das Mißlingen des Plans, den Commandante Juan Gomez versucht hatte. Deshalb verlief Baltic’s Landung ziemlich unbemerkt – die Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Gomez. Der Commandante stand in einem wilden Pulk seiner Anhänger und Gegner, fuchtelte mit einer Automatic und versuchte mit wechselndem Erfolg, die Anschuldigungen niederzubrüllen. Ein paar Augenblicke sah es ganz nach Blutvergießen aus, doch am Ende wagte keiner, zur Waffe zu greifen. Gomez galt als verflucht fix mit der Knarre und hinter ihm stand mit Lieutenant Irendo einer der besten Entersoldaten sichernd bereit, eine Schmeisser locker über der Schulter.
Schließlich teilte Gomez brüllend dem Hangar und der Welt mit, er sei nicht auf ein paar feige Schaben angewiesen – wer wolle, der könne jederzeit verschwinden!
Das beendete den Streit tatsächlich – eine Handvoll Piloten, Mannschaftsmitglieder und Entersoldaten begann ihre Sachen zu packen, der Rest ging daran, die beschädigten Maschinen zu warten.
Der Mann, der sich Baltic nannte, hatte sich nicht am Streit beteiligt. Stattdessen hatte er schweigend zugehört. Erst als die Gemüter sich etwas beruhigt hatten, knüpfte er ein paar Gespräche mit anderen Piloten an. Eine kleine Metallflasche mit Whisky half, den Gesprächsfluß zu stimulieren. Baltic interessierte sich besonders für den Zeppelin, den sie hatten kapern wollen - zu dem die meisten nicht viel wußten – und über den Commander der feindlichen Piloten. Da wußten die Leute schon mehr, auch wenn es meist nur hieß, er sei ‚einer von Shannons Bastarden‘. Etliche bemerkten dabei kritisch, daß Gomez wirklich reichlich unvorsichtig gewesen sei, als er glaubte, mit so einem auf der anderen Seite ausgerechnet ein ‚Shannon-Manöver‘ durchziehen zu können.
Ansonsten war nicht viel über den Commander bekannt. Er sollte ein guter Pilot sein – aber auch ein arroganter Hunne. Angeblich hatte er Kontakte bis ganz nach Oben in Texas. Einer der älteren Piloten definierte dies als „immer die richtige gebumst, so kommt man bei den Gringos vorwärts...“ konnte für diese Einschätzung aber nichts Konkretes nachliefern.
Das war nicht viel, aber in Verbindung mit dem, was Baltic über eine neue texanische Kaperoffensive gehört hatte – aus Quellen, von denen keiner an Bord etwas ahnte – ergab es ein interessantes Bild.
An Bord der „Santissima Trinidad“ hielt ihn nichts. Er hatte sowieso nur deswegen bei den Mexikanern angeheuert, weil er nach einer vorher nicht ganz glatt verlaufenen Aktion untertauchen musste und außerdem gehofft hatte , so Kontakt zu anderen, größeren Piratenbanden herzustellen. Aber das würde nicht funktionieren. Commandante Gomez mochte sich behauptet haben, aber nun würde er sich zurückziehen und seine Wunden lecken müssen.
Deshalb fiel Baltic die Wahl nicht schwer. Eine halbe Stunde später meldete er sich bei Commandante Gomez ab, der ihm frostig mitteilte, in vier Stunden würde ein Gyro die „Deserteure“ absetzen und noch einen reichlich obszönen Fluch hinterher schickte. Baltic drehte sich nicht einmal um. Seien Zeit auf der „Santissima Trinidad“ war vorbei und er ging ohne Bedauern.

Vier Stunden später
Der Mann, der sich Baltic nannte, trennte sich schnell von den anderen „Deserteuren“, die wie er am Rande einer der Überlandstraßen abgesetzt worden waren. Der Commandante war nicht übermäßig freundlich zu ihnen gewesen – die nächste Siedlung war fünfzehn Meilen entfernt, ein netter Marsch bei dieser brütenden Hitze.
Während er mit Kraftsparenden, gleichmäßigen Schritten marschierte, arbeiteten seine Gedanken. Für die mexanischen Briganten war Baltic genug gewesen, niemand hatte nach seiner Vergangenheit gefragt, nachdem er in einer Übungsmaschine sein Können demonstriert hatte. Aber diesmal war es etwas anderes. Die Texaner, mit die unbeliebtesten Amerikaner überhaupt, hatten den Ruf von Xenophoben und Paranoikern. Er brauchte eine überzeugende Geschichte. Nun, er hatte für diesen Fall vorgesorgt…
Er würde Ernst „Steel“ Stahl sein, Sohn russisch-baltendeutscher Eltern, die nach dem Großen Krieg ihre vom Bürgerkrieg verwüstete Heimat Richtung Amerika verlassen hatten. Es war absolut unmöglich, daß irgendein mißtrauischer Vorgesetzter dies als falsch eruieren würde – zumal, wenn Steel die richtigen Papiere vorweisen konnte. Steel war mit 20 in die Luftstreitkräfte der Industrials eingetreten. In vier Jahren Dienst hatte er fünf Maschinen abgeschossen, bis er aus dem aktiven Dienst schied und in die „Privatwirtschaft“ wechselte – und in den folgenden zwei Jahren noch drei Maschinen abschoß, während er Eskortaufträge und ähnliche Einsätze flog. Er hatte Erfahrung in Bodenangriffen, Nacht- und Blindflügen und war in keinem der amerikanischen Staaten steckbrieflich gesucht.
Ernst Karl von Stahlheim grinste humorlos – ja, diese Geschichte dürfte passen, diese Geschichte konnte er leben…

Ungefähr vier Stunden später, Steel rastete gerade, fiel ihm eine Staubwolke auf, die sich aus der Richtung näherte, aus der er gekommen war.
Es war ein Materialtransport, vier LKW, eskortiert von einem offenen Wagen, in dem vier Soldaten und ein Offizier saßen.
Steel hinkte, sichtlich fußkrank, zum Rand der Straße und winkte. Erstaunlicherweise hielt der Jeep tatsächlich. Der Lieutenant richtete sich von seinem Sitz auf und musterte den Fußgänger sichtlich amüsiert.
Er sah vor sich einen hochgewachsenen, breitschultrigen Mann mit hageren, kantigen Gesicht und grauen Augen, nachlässig rasiert, aber das rotblonde, Haar extrem kurz geschnitten. Die ausgediente Uniform der Industrial-Luftwaffe ohne Abzeichen war total verdreckt. An der Hüfte des Mannes baumelte eine italienische Beretta-Automatikpistole. Ein Seemannssack hing auf dem Rücken. Die Pilotenstiefel waren für den Marsch auf der Landstraße offensichtlich ungeeignet.
„Na was denn, Pilot – Abgeschossen worden?“ In der Stimme des Lieutenants schwang gutmütiger Spott mit.
„Wenn’s das denn wäre! Irgend so ein Landei war so freundlich mich mitzunehmen, schmeißt mich dann aber mitten in der Prärie raus, weil seine Farm nun mal im Nirgendwo liegt und er nicht weiter fährt.“
Das brachte Steel ein paar Lacher ein – aber am Ende durfte er sich zwischen die Soldaten zwängen. Die Pistole gab er dazu bereitwillig ab. Und er revanchierte sich auch mit dem Rest Whisky, den er noch hatte und ein paar recht schweinischen Geschichten, die er angeblich in New York erlebt hatte...

Er hatte wirklich Glück gehabt – der Konvoi war tatsächlich zu dem Aerodrom unterwegs, das Steels Ziel war. Dort herrschte nach dem Angriff erhebliches Durcheinander. Die Verwüstungen durch den Luftangriff waren noch immer nicht völlig beseitigt. Steel vermied es, auch nur in die Nähe der gefangenen Briganten zu kommen – einige von ihnen hätten ihn vielleicht erkannt. Er meldete sich keineswegs sofort, obwohl er schnell erfuhr, daß dieser Captain „Armstrong“ – noch Leute suchte. Erst einmal sah er sich sorgfältig um. Die Fla-Kanoniere und Piloten, die sich an dem Gefecht beteiligt hatten, waren vielfach in der typisch aufgekratzt-euphorischen Stimmung, die Soldaten nach einem Kampf zeigten. Und sie waren mehr als bereit, einem angemessen hochachtungsvollen, abgebrannten Kollegen von der Schlacht zu erzählen. Steel sagte wenig, aber er hörte zu und erfuhr so mehr über Armstrong, als wenn er nachgefragt hätte. Er erfuhr auch, daß der Commander wohl eine besondere Vendetta mit einem Piraten haben sollte – mit der „Leviathan“. Allerdings erfuhr Steel darüber nichts Genaueres – der Pilot, der davon erzählte war bereits so blau, seine „Wiedergeburt“ feiernd, daß er zunehmend zusammenhanglos schwafelte.
Immerhin, was er wußte, das reichte Steel. Die Flugzeuge von Armstrong waren offenbar alle mit diesem ominösen „Nitrobooster“ ausgerüstet worden. Und Stone suchte offenbar Piloten für ein gewagtes Unternehmen und hatte ein persönliches Interesse an der „Leviathan“. Steel war sicher, sich Commander Stone als geeigneter Pilot zu präsentieren. Und Steel wußte, wo sich die „Leviathan“ vor zwei Wochen aufgehalten hatte. Er kannte den Namen des Kapitäns. "General" Michael Jerome war weder kultiviert noch sympathisch zu nennen, aber ein begnadeter Pilot und wegen seiner absoluten Rücksichtslosigkeit extrem gefährlich. Früher mal hatte er angeblich zur französischen Fremdenlegion gehört und war desertiert, nachdem er einen Vorgesetzten getötet hatte. Wenn das stimmte, dann war auf jeden Fall ein Kopfgeld auf ihn angesetzt - die Legion vergaß niemals, mit Verrätern abzurechnen. Danach sollte er angeblich eine Zeitlang bei den Grenzkonflikten der Dixie-Konföderation mitz Französisch-Lousiana gegen seine ehemaligen Kameraden gekämpft haben. Doch aus irgendeinem Grund, welchen genau wußten auch Steels Quellen nicht, hatte er sich ziemlich bald selbstständig gemacht und tauchte einige Zeit später in Mexiko auf. Es folgten etliche erfolgreiche - und immer sehr blutige - Operationen gegen Texas. Ob das mit den Ideen gewisser Kreise in Mexiko zu tun hatte, die sich angesichts der zerfallenden USA daran erinnerten, daß Texas einmal zum mexikanisch-spanischen Einflußgebiet gehört hatte? Steel hatte ursprünglich gehofft, über Commandante Gomez Kontakt mit dem dem "Schwarzen Corsaren" Jerome anzuknüpfen. Vielleicht würde Armstrong interessiert sein, wenn Steel einige Andeutungen machte...
Als der Agent in den frühen Morgenstunden in Richtung des vertäuten Zeppelins marschierte, waren seine Schritte fest, entschlossen, fast schon großspurig.
***
Als Thomas an diesem Morgen erwachte, tat er dies mit zwei Dingen: Dem Bewusstsein, einen mörderischen Kater zu haben und einem merkwürdigen Gedanken – er dachte von sich selbst bereits wieder als Dave.
Der Sprung zurück in seine Piratenrolle war ihm nur zu leicht gefallen.
War sein Leben in den letzten Monaten nur Makulatur gewesen? Hatte er sich danach gesehnt, auszubrechen und wieder solch ein Leben zu führen?
Nun, an der Verantwortung konnte es nicht liegen, denn für einen ganzen Zeppelin samt Begleitstaffel verantwortlich zu sein, bedeutete eine Erhöhung derselben und keineswegs die Leichtfertigkeit, die ein Normalsterblicher mit dem Gedanken an einen Piraten verband.
Dave erhob sich aus seinem Bett – übrigens einer frisch bezogenen und äußerst bequemen Ausführung mit Federkern – und stellte fest, dass er es trotz des doch recht fröhlich gewordenen Abends noch geschafft hatte, sich auszuziehen.
Ein Blick auf die Uhr belehrte ihn darüber, dass es mit fünf Uhr noch reichlich früh war.
Und der Gedanke an seine Kopfschmerzen forderte geradezu, nach der kleinen Whisky-Orgie mit Rocket noch ein oder zwei Stunden Schlaf nachzuholen.
Dennoch erhob sich der Deutsche und zog sich umständlich an. Er fluchte unbeherrscht, als er bei dieser Aktion zurück auf die Koje fiel.
Dabei glitt sein Blick zu dem Bild, welches er auf den Nachttisch gestellt hatte. Annie lächelte ihm entgegen. Mit silberner Schrift war eine Widmung auf dem Foto verewigt. In ewiger Liebe… Es hatte nicht sein sollen. Denn was nützte es, wenn die Liebe überlebte, aber der Mensch fort war?
Heißer, tiefer Schmerz durchfuhr Dave und half ihm ironischerweise dabei, seinen Zustand zu überwinden.
Nur mit den Hosen bekleidet ging er in die Waschecke und begann, sich für das rasieren einzuseifen. Was stand an diesem Tag an? Weitere Maschinen mit Piloten würden eintreffen. Drei insgesamt. Fehlten noch mindestens vier weitere. Die er in Sky Haven anheuern wollte.
Mutlos ließ Dave das Rasiermesser sinken. Ob es ihm wirklich gelang, den Liquidateur für einen Posten als Staffelchef zu begeistern? Oder einen seiner anderen Kameraden von der BELLE, die den Fight mit O´Malley überlebt hatten?
Vielleicht sollte er vollkommen neu anfangen.
Verdammt, wenn Blue nicht diesen dämlichen Hörfehler gehabt hätte, er hätte sich keinen besseren Chef für die zweite Staffel vorstellen können.
Max war einfach noch nicht lange genug da oben, um für mehr als ihren Flügelmann ein Auge zu haben. Es war noch viel zu früh für eine Staffel. Sie war gut. Aber noch nicht erfahren genug.
Was ihn wieder zum Anfang brachte. Er brauchte einen Piloten mit Blick für Details, taktisch begabt, der so verdammt gut war, dass er zwischen seinen Dogfights auch noch Zeit für fünf weitere Maschinen aufbringen konnte.
Wütend setzte Dave das Messer an und begann mit der Rasur. Das würde sich schon irgendwie regeln lassen. Irgendwie. Für den Moment reichte es, wenn er den Blick auf das Wesentliche richtete. Und das war seine Zigarre und die Verstärkung, die bald eintraf. Dennoch. Zu gerne hätte er bereits jetzt einen Anführer für die zweite Staffel gehabt, anstatt ihn den Leuten in Sky Haven vor die Nase zu setzen.

In der Kantine war noch nicht viel los. Die Offiziere und Piloten hatten alle am Essen teilgenommen und nur wenige würden wie Dave den Wunsch verspüren, ihrem Kater mit Aktivität zu begegnen. Aber der Smutje hatte Kaffee gemacht und frische Brötchen gebacken. Merkwürdig, irgendjemand musste ihm einen Tipp über Daves Vorlieben gegeben haben. Und der Mann hatte sie genutzt. Also sparte der Commander weder mit Lob über den Kaffee, noch über das Essen.
Nach der Mahlzeit – wobei der Kaffee tatsächlich den Kater in eine finstere Ecke scheuchte und nur selten heraus ließ – wanderte Dave über das Flugdeck der NORTH. Alle Maschinen standen hier aufgereiht. Bis auf die Brigand, welche am Air Field repariert wurde.
Er strich über die Flanke seiner Fury. Der Fury. Die gleiche Mühle, die Shannon ihm geschenkt hatte, als er zusammen mit Blue und Max die Privateers verlassen hatte.
Auf der Seite waren drei goldene Sterne angebracht. Jeder stand für fünf verifizierte Abschüsse. Und dies galt nur für die Abschüsse in Amerika.
Worauf ließ er sich eigentlich ein? Was gedachte er da zu tun? Gewiss, er konnte nicht nach Deutschland zurückkehren. Nicht als Verräter, ehemaliger Pirat und zudem Deserteur.
Aber er hätte sich ein Leben in den Industrials aufbauen können.
Oder in Texas. Aber ohne Annie?
Nein, das war nichts für ihn. Richard Campbell hatte durchaus richtig gelegen, als er Dave die NORTH STAR angeboten hatte. Verantwortung, das war es, was Dave nun brauchte. Verantwortung und ein Ziel.

In Gedanken ging er das Essen am Vorabend durch, soweit er sich noch daran erinnerte.
Es waren Diskussionen laut geworden, vor allem bei Lieutenant Walsh und Captain Gallagher, die lautstark über den eigentlichen Auftrag geredet hatten. Ihre Enttäuschung war entsprechend groß, als Dave eingestand, selbst noch nichts über die Art dieses Auftrages zu wissen.
Neben dem guten Essen und dem reichlich geflossenen Bourbon hatten sich die anwesenden Piloten und Marines auch über die Ziele unterhalten, die von der NORTH aufgespürt werden würden.
Der Kaperbrief erlaubte, Frachtschiffe der Staaten zu entern, die, nun, nicht gerade Verträge mit Texas hatten. Und das waren mehr als genug. Alleine Louisiana und Dixie würden ein mehr als einträgliches Jagdrevier sein.
Rocket hatte irgendwann die Idee aufgebracht, sich zuerst mal bei den Mexikanern zu revanchieren, oder wie er sich ausdrückte, den Tortillafressern einen reinzuwürgen.
Dave erinnerte sich noch recht gut daran, als die Sprache auf Eskorten gekommen war. Was, wenn sie einem Zeppelin begegneten, der beispielsweise von BAS begleitet wurde?
Blue hatte erwartungsgemäß kein einziges gutes Haar an der Sicherheitsagentur gelassen. Er war nur zu bereit, sich sogar mit Paladin Blake selbst anzulegen, wenn sich die Gelegenheit bot.
Die anderen Piloten, unter ihnen Dusk hingegen schienen BAS als heilige Kuh zu sehen, die nach Möglichkeit nicht geschlachtet gehörte.
Dave hatte der Diskussion ein Ende gesetzt, indem er die Ziele der NORTH stark eingegrenzt hatte. Frachtzeppeline, Piratenjäger und – natürlich – Piratenzigarren.
Mit militärischen Zigarren wollte er sich nach Möglichkeit nicht anlegen. Es sprach aber überhaupt nichts dagegen, den einen oder anderen Halsabschneider aus dem Weg zu räumen und seine Beute einzusacken. Es gab mehr als genügend. Eine inoffizielle Zählung berichtete von mehr als zwanzig Banden alleine zwischen Corpus Christi und Dixie.

Blue klopfte ihm leicht auf die Schulter. Dave zuckte nicht einmal zusammen.
„Na, ist der Kopf noch schwer, alter Junge?“
Dave nickte leicht. „Es geht. Und du?“
„Tjaaa, Max sieht es nicht so gerne, wenn ich besoffen durch die Gegend torkele, deswegen habe ich mich auf Bier beschränkt. Mir geht es gut. Außerdem wollte ich mein Kommando in aller Ruhe antreten.“
Die beiden starrten schweigend auf die drei goldenen Sterne. Blue mit Wehmut. Er hätte nichts lieber getan, als sich in seiner alten Defender wieder ins Blau des unendlichen Himmels zu stürzen.
„Winter schien gestern sehr erleichtert“, bemerkte Jeff leise. „Nachdem du gesagt hast, du willst keine Passagierzigarren angreifen. Er hat sich zwar wie alle hier freiwillig gemeldet, aber… Er ist ein guter Junge und glaubt an den Air Ranger-Stern. Vielleicht ist er zu gut für diesen Job.“
Dave winkte ab. „Ich verlange von niemandem, dass er alle seine Skrupel über Bord wirft. Ich will hier keine zweite Legion aufziehen.“
„Aber was, wenn wir doch mal etwas tun müssen, was ihm missfällt? Er hat es ziemlich schlecht aufgenommen, als wir über Blake Aviation Security geredet haben.“
„Ach, die heilige Kuh. Mit dir als Kapitän hat er es sicher nicht leicht bei dieser Einstellung“, erwiderte Dave grinsend. „Wenn du ihn loswerden willst, dann mach es gleich, solange wir noch festgemacht sind. Noch können wir ihn austauschen. Ich kann keinen Mann gebrauchen, der wegen moralischer Bedenken gegen die Interessen der NORTH handelt.“
„So habe ich es nicht gemeint. Ich denke nur, er… Nun. Er ist ein Moralapostel. So wie ein gewisser desertierter Pilot, der zwischen mich und eine geladene Pistole getreten ist, als ein gewisser Piratenkapitän einen direkten Durchgang zwischen meiner Stirn und meinem Hinterkopf schaffen wollte.“
„Ach, so einer ist das?“, bemerkte Dave amüsiert. „Es ist nicht verkehrt, ein Gewissen an Bord zu haben.“

Die beiden Piloten standen schweigend beieinander. Endlich nickte Dave in Richtung des Hangartors, und die zwei setzten sich in Bewegung.
„Ich bin schon sehr gespannt“, brummte Dave. „Drei Neue. Was wird da wohl dabei sein?“
„Zugegeben. Sie werden uns sicherlich nicht gerade die Topasse mitgeben. Vielleicht das Übliche. Freiwillige und Fluganfänger.“
„Tss. Wenn wir Kids kriegen, wird sie jemand ordentlich ficken müssen, damit sie am Himmel überleben können.“
Blue grinste. „Überlass das ruhig mir, Armstrong. Ich kann zwar selbst nicht mehr aufsteigen, aber aus meiner Zeit im Kontrollturm weiß ich ganz genau, wie ich die Herren bei den Eiern und die Frauen bei den Möpsen packen muß, damit sie tun, was ich ihnen sage.“
Dave blinzelte. „Du bist vulgär, Blue.“
„Du hast damit angefangen“, konterte der Empire-Pilot.
Dave starrte hinaus, auf die aufgehende Sonne, die sich anschickte, langsam den Himmel zu erobern. „Ich habe ja auch allen Grund dazu. Das ist unsere Rollenverteilung. Ich bin der grobe Pirat, der an sich rafft, was nicht angebunden ist. Und du bist der Gentleman-Gauner mit dem großen Herzen.“
„Ach. Und der Gentleman-Gauner darf nicht vulgär sein?“, argwöhnte Jeff.
„Nicht, wenn der Chef der Operation es verlangt.“
„Spielverderber.” Blue lehnte sich  gegen die Schottwand und starrte ebenfalls hinaus.
„Wohin soll es gehen, wenn wir fertig beladen und die Techniker und die restlichen Piloten eingetroffen sind?“
„Hm. Das Klügste wäre, nach Sky Haven rüber zu schippern und die restlichen vier Leute anzuheuern. Die Zeit für den Flug sollten wir dazu nutzen, um uns aufeinander einzustimmen. Das gestern ist nur so glimpflich ausgegangen, weil das Dirty Pack so gut aufeinander eingespielt ist. Roundabout fehlt natürlich an allen Ecken und Enden. Aber wir sahen weit besser aus als wir eigentlich gedurft hätten.“
„Wo du es erwähnst, Chef“, begann Blue und zog einen Packen Fotos aus seiner Jacke. „Hier sind die Aufnahmen, die du von der Zigarre gemacht hast. Ich habe den Namen mal durch den Äther gejagt und einiges erfahren.
Es handelt sich um die SANTISSIMA TRINIDAT unter dem Kommando von Commandante Juan Gomez.“
„Gomez. Sollte ich den kennen?“
Jeff schüttelte den Kopf. „Es gibt in Mexiko in etwa ebenso viele Gomez wie Maiers in Deutschland. Hätte mich gewundert, wenn bei dir sofort was geklingelt hätte.
Sagen dir die Santa Anna Lanciers was?“
Dave legte den Kopf schief. „Hm. Da kommt tatsächlich was hoch. Santa Anna Lanciers. Nicht gerade eine bedeutende Einheit.“
„Söldner, Mietlinge und dergleichen. Scheint so, als hätte Commandante Gomez versucht, sein Ansehen mit einem spektakulären Raub zu verbessern.“
Dave grinste. „Nachdem der in die Hose gegangen ist, dürfte der Arsch vom Commandante ganz schön auf Grundeis gegangen sein.“
„Allerdings. Die TRINIDAT dürfte eine leichte Beute für uns sein. Nur für den Fall, dass du Rache nehmen willst.“
Dave zuckte mit den Schultern. „Ich will nur eines. Mit meiner Zigarre aufsteigen und meinen Arsch in die Luft schwingen. Gomez hat seine blutige Nase bekommen. Sollte er aber das Pech haben, mir noch mal unter die Augen zu treten, dann…“
„Ich bin dabei, mit größtem Vergnügen, Armstrong.“
Dave stieß sich ab und klopfte seinem Freund auf die Schulter. „Etwa anderes habe ich nie erwartet, Blue.
Wann sollen die anderen eintreffen?“
„Nicht vor Mittag. Wir haben also mehr als genügend Zeit, um hier Klar Schiff zu machen.“

Wieder schwiegen sie einige Zeit.
Endlich fragte Dave: „Sag mal, Blue, vermisst du es?“
Der Pilot sah in den Himmel und nickte schwer. „Jeden Tag. Ich vermisse es jeden Tag. Und mit jedem weiteren Tag wird der Schmerz größer. Du weißt ja, was man sagt. Wer sich einmal in die unendlichen Himmel verliebt, kommt nie wieder von ihnen los.“
„Commander?“, erklang hinter den beiden eine Stimme. „Captain?“
Dave und Jeff wandten sich um. Hinter ihnen stand einer der Marines. Er war bewaffnet, also war er für die Bordwache zugeteilt.
„Was gibt es, Private?“, brummte Dave.
„Sir, wir haben einen… Gast am Zugang.“
Blue stieß sich ab, Dave richtete sich auf. „Einen Gast?“
„Ja, Sir. Er behauptet, ein Pilot zu sein und will auf der NORTH STAR anheuern.“
Die beiden Freunde wechselten einen schnellen Blick aus. „Na was für ein Zufall. Da brauchen wir tatsächlich Piloten, und wie aus heiterem Himmel kommt gleich einer angerannt.“ Die Stimme von Jeff Daines troff vor Sarkasmus.
„Ansehen können wir ihn uns ja mal. Geben Sie ihm eine Eskorte, Private, und lassen Sie ihn in mein Büro bringen.“
„Jawohl, Sir.“
Der Marine trat ab.
Wieder wechselten Jeff und Dave einen schnellen Blick. „Ich hole schnell meinen Colt.“
„Ist gut. Bis gleich in meinem Büro.“
**
Als der Marine mit dem Hochgewachsenen Mann wieder eintrat, hatten sowohl Stone als auch Daines ihre Waffen entsichert und griffbereit.
Dave nickte dem Private zu. „Danke. Sie können wieder gehen, Soldat.“
Er sah zu dem hageren Mann mit dem blonden Kurzhaarschnitt hoch. „Nehmen Sie doch Platz, junger Mann. Also, Sie wollen bei uns anheuern?“
„Ja, Sir. Mein Name ist Ernst Stahl, genannt Steel“, begann er zu sprechen und offenbarte einen leichten deutschen Akzent. „Wie es der Zufall so will, bin ich gerade ohne Anstellung. Und wie der Zufall weiter will, suchen Sie zur Zeit Piloten.“
„Was haben Sie denn für Referenzen, Mr. Stahl?“, brummte Dave leise. Irgendwie kam ihm die Szene, inklusive des deutschen Akzents nur zu bekannt vor.
„Ich war vier Jahre in der Air Miliz oben in den Industrials und habe während dieser Zeit fünf Mühlen vom Himmel geholt. Danach bin ich für ein paar Jahre in die Privatwirtschaft gegangen und habe auf acht erhöht.“
„Privatwirtschaft, so, so. Sie können sich sicherlich denken, dass dies hier nicht gerade ein Zeppelin der Texas Air Ranger ist. Und Sie können sich weiterhin denken, dass er nicht starten wird, um Frieden und Eierkuchen in der Welt zu verteilen.“
„Nun“, erwiderte der Pilot, „ich habe gerade einen Fußmarsch von fünfzig Meilen hinter mir. Unter diesem Gesichtspunkt wäre ich bereit, jeden Fliegerjob anzunehmen. Außerdem, wenn der Sold stimmt, würde ich mich sogar mit den Fortune Hunters anlegen.“
Daines trat von seinem Platz, direkt hinter Dave hervor und hielt auffordernd die Hand auf. „Ihr Flugbuch, bitte. Wir würden gerne die Abschüsse verifizieren.“
„Tut mir leid, aber das ging, ah, während meiner Zeit in der Privatwirtschaft verloren. Außerdem wurden nicht alle meine Abschüsse darauf registriert. Eine gewisse Diskretion ist ab und an das A und O. Aber wenn Sie mir eine Maschine geben, bin ich gerne bereit, Ihnen zu zeigen, dass ich fliegen kann.“
Dave griff in seinen Waffenholster und zog die Walter hervor. Er legte sie auf den Tisch und zwar so, dass der Lauf auf Steel zeigte.
„Junger Mann, vielleicht gebe ich Ihnen sogar die Gelegenheit dazu. Es ist noch nicht allzu lange her, da hatte ich selbst keine Maschine, und ein einigermaßen gnädiger Kapitän hat mir mehr oder weniger eine Chance gegeben zu beweisen, was ich in der Luft drauf habe.
Doch wir sollten vorher eine andere Frage beantworten.“
Neben Dave griff Jeff Daines unauffällig nach seinem Colt.
„Und zwar, wir haben, wie Sie da draußen sicher erfahren konnten, gestern Besuch von einer Staffel mexikanischer Piraten gehabt. Dabei konnten wir zwei Devastator abschießen und zwei weitere Maschinen schwer beschädigen.
Was mich verwundert ist, dass am nächsten Tag ein Pilot auftaucht und mich um einen Job bittet.“
Steel versteifte sich unmerklich. „Wenn Sie wissen wollen, ob…“
„Nichts dergleichen. Wenn ich Sie anheuere, dann wegen Ihres Könnens. Nicht wegen Ihrer Vergangenheit. Was ich wissen will ist: Auf wen hören Sie, wenn es darauf ankommt?“
Dave fixierte seinen Gegenüber mit einem eiskalten Blick. In Gedanken dankte er dem raubeinigen Shannon dafür, diese Lektion bei ihm gelernt zu haben. Schon mancher Pilot hatte unter diesem Blick nachgegeben.
Steel ließ sich aber nicht so leicht in die Enge treiben. „Die Zigarre heißt SANTISSIMA TRINIDAD. Das weiß ich, weil ich sie gesehen habe. Nachdem sie den Schwanz eingekniffen hat und Richtung Mexiko geflogen ist.“
„Natürlich“, brummte Dave belustigt.
„Was ich sagen will ist, mich verbindet nichts mit ihr, Commander. Und meine Loyalität gehört dem, der meinen Gehaltscheck unterschreibt.“
Dave sah dem Piloten noch einige Zeit länger in die Augen, aber der hielt dem Blick stand.
Schließlich erhob sich der Commander der Zigarre, ohne den Augenkontakt abzubrechen und steckte die Waffe wieder ein. „Sie kriegen Ihre Chance. Wir beide steigen auf. Kommen Sie mit einer Fury klar?“
Steel erhob sich ebenfalls. „So gut, als wäre ich drin geboren worden.“
„Dann los.“
Jeff Daines nahm die Hand vollends vom Kolben seines Colts und nickte. „Ich leite alles in die Wege. In einer halben Stunde kannst du los.“
„Ich werde es Ihnen nicht leicht machen, Sir“, sagte Steel fest.
Dave wandte sich ihm zu und ließ seine Zähne zu einem Raubtiergrinsen blitzen. „Nennen Sie mich Armstrong.“
***





Es war keine große Sache, ein paar einsatzbereite Techniker zu finden, die an Daves Fury und der zweiten Maschine einen Checkup vornahmen, Übungsmunition luden und tankten.
Der Commander dankte den drei Techs mit einem derben Schulterklopfer. Sie waren schnell, effektiv und mit Leidenschaft dabei.
Blue reichte ihm die dünne Lederkappe, welche er während des Fluges tragen würde. „Wenn du mich fragst, stinkt die Sache zum Himmel, verdammt, eine Balmoral würde abstürzen, wenn sie über das Air Field fliegen würde. So sehr stinkt es.“
Dave warf dem Mann, der sich als freischaffender Pilot der Industrials ausgegeben hatte, einen schiefen Blick zu. Dann zuckte er mit den Achseln. „Aber du musst zugeben, er hat wirklich Mut, so kurz nach dem Angriff seiner Freunde bei uns anheuern zu wollen.“ Er grinste den Kapitän der NORTH STAR breit an. „Außerdem brauchen wir Piloten, nicht? Es kann nichts schaden, wenn wir ihn austesten. Ein Auge können wir immer noch auf ihn haben.“
Blue seufzte leise. „Ich lasse Dusk wecken. Sie wird mit einer Defender bereit stehen für den Fall, dass unser Freund Steel mit dem Vogel stiften gehen will.“
„Guter Gedanke.“ Dave Armstrong Stone nahm die beiden Klemmbretter entgegen, die sich Piloten auf die Oberschenkel zu schnallen pflegten, um wichtige Daten zu notieren und Karten zu befestigen und ging zur anderen Fury herüber.
Ernst Stahl schien sie aus den Augenwinkeln bemerkt zu haben, denn er wandte sich ihnen zu, als sie nur noch einige Meter entfernt waren.
Dave warf dem Piloten ein Klemmbrett zu. „Hier. Ich nehme an, Sie können Schiffe versenken spielen?“
Steel betrachtete das Klemmbrett und kratzte sich die Stirn. „Ich dachte, wir wollten fliegen.“
„Oh, das tun wir auch. Das tun wir auch.“ Armstrong grinste breit. „Und nebenbei spielen wir. Wissen Sie, ich habe was gegen Helden, die auf einsamer Jagd sind. Ich mag lieber Leute, die ein Auge für ihre Kameraden haben und ihnen notfalls zu Hilfe kommen können.
Ich will nicht die ganze Staffel hochjagen, also werden wir unsere Aufmerksamkeit nebenbei mit diesem Spiel binden.
Wir werden über dem Air Field unser Manöver abhalten. Gewonnen hat der, der entweder alle drei Schiffe seines Gegners versenkt oder die größten Gefechtsschäden kassiert. Copy?“
„Na, Sie sind mir aber einer“, brummte Steel leise.
„Wollen Sie fliegen oder reden?“
Steel grinste ein echtes Hollywood-Grinsen. „Steigen wir auf.“
**
Zwanzig Minuten später kurbelte Armstrong stark über die linke Seite, ging auf den Rücken und jagte die Maschine in einen Sturzflug. Lautes Fluchen über die Leitung bereitete ihm ein Schmunzeln. Steel hatte ihn bereits einmal getroffen, aber diesen Treffer hatte er dem Industrial-Piloten vollkommen verhagelt.
„A9“, sagte Dave über Funk und machte sich ein Zeichen auf dem oberen Blatt, während er die Maschine wieder zum steigen hoch riss.
„Platsch. F4.“
Dave schluckte seinen Ärger herunter, nutzte die Gelegenheit zu einer Fassrolle und einer engen Kehre, die ihn in Steels Seite bringen würde. „Treffer. G7.“
Steel schien ihn zu riechen, denn er warf seine Fury ins taumeln. Dave runzelte die Stirn. Dieses Manöver war weit verbreitet bei den deutschen Piloten von Messerschmidts, Hellhounds und Fokkers. Aber nur wenige Maschinen auf dem internationalen Markt machten diese Belastung gerne mit, weshalb die Technik nicht allzu weit verbreitet war. Einige Piloten aus dem Großen Krieg hatten sie angeblich mit nach Amerika gebracht. Und wenn Steel wirklich aus den Industrials stammte, war das eine Erklärung. „Treffer“, kam die Stimme des Piloten über die Leitung.
Gleichzeitig zog Dave den Abzug durch und jagte der Fury einen Schwall Farbmunition hinterher. Er traf, aber man konnte es bestenfalls als Streifschuss werten. „G8.“
„Treffer, Schiff versenkt. Ich weiß gar nicht, was Sie besser können, Steel. Fliegen oder Schiffe versenken spielen. G6.“
Dave drückte die Nase seiner Mühle stark nach unten und folgte der taumelnden Maschine hinab. Als Steel seine Fury stabilisierte, tat er dies glücklicherweise in einer Richtung, die Dave gut erreichen konnte.
„Treffer, Schiff versenkt. Jetzt hat jeder nur noch einen Kahn.“
„Und es wird eng auf dem Feld“, erwiderte Armstrong und zog wieder die Feuerknöpfe durch. Steel rettete sich in eine Fassrolle, konnte aber nicht verhindern, dass er wiederum getroffen wurde. „F10.“
„Platsch. G9.“
Steel kam aus der Fassrolle heraus und ließ die Maschine steigen. Offensichtlich wollte er in die Wolkenschicht abtauchen. „Treffer“, gab er zerknirscht bekannt. „G5.“
„Treffer“, erwiderte Armstrong. „F9.“
Auf dem Scheitelpunkt seines Manövers ließ Steel die Geschwindigkeit absinken, bis die Maschine über den linken Flügel abkippte und dem Erdboden entgegen raste. „Treffer“, raunte er und feuerte auf Dave, der mit ansehen musste, wie sein rechter Flügel farblich umgestaltet wurde. „G4.“
„Treffer. E9.“ Dave brach nach links aus, kippte über den Flügel ebenfalls in eine Fassrolle und warf seinerseits die Fury in einen Trudelkurs, während Steel zu einem Fokkerhüpfer ansetzte, also seine Fury nach dem ersten Angriff abfangen wollte, um mit einem Steigflug ein zweites Mal in Angriffsposition zu kommen.
Aber Armstrong war nicht mehr da, wo Steel ihn zuletzt gesehen hatte.
„Treffer, versenkt“, gab der Pilot aus den Industrials bekannt.
Dave riss seine Maschine wieder hoch und ließ sie rabiat steigen. Er setzte sich neben die andere Fury. „Gut geflogen, Mister.“
„Das Kompliment kann ich zurückgeben, Armstrong.“
Dave deutete nach unten. „Landen wir wieder.“

Als die beiden gelandet waren und die Techniker die Maschinen einstellten, kam Armstrong zu Steel herüber. Er reichte dem Piloten die Hand. „Sie kriegen Ihren ersten Sold noch in dieser Stunde, Steel.“ Er zwinkerte dem Industrial-Piloten zu. „Damit mein Staffelführer mir auch loyal ist.“
„Moment mal, Staffelführer?“, rief Steel erstaunt.
„Ja, was meinen Sie, warum wir da oben Schiffe versenken gespielt haben? Ich wollte herausfinden, ob Ihr Kopf zu mehr taugt, als Ihre Lederkappe zu tragen. Sie haben zwei Paar Augen, und das gefällt mir.“ Armstrong grinste wölfisch. „Außerdem, Steel, werden Sie als Staffelführer viel zu viel zu tun haben, um mir Probleme zu bereiten.“
Ernst Stahl wirkte mehr als überrumpelt. Dann nickte er. „Akzeptiert. Aber nicht für zwanzig Dollar. Dann sollten es eher dreißig sein.“
„Abgemacht“, erwiderte Armstrong und unterstrich das Bündnis mit einem weiteren Handschlag. „Okay, warten Sie Ihre Mühle. Die Fury gehört Ihnen, Steel.“
Ein verschwörerisches Lächeln huschte über die Miene des Industrials. „Irgendwie erschien mir diese Option sehr wahrscheinlich.“
Armstrong grinste breit und klopfte dem Vogel auf den Bauch. „Behandeln Sie sie gut. Die Fury ist keine Hellhound, aber mit einem sensiblen Piloten ist sie Gold wert.“
Armstrong nickte dem anderen noch einmal zu und verließ den Hangar. Im Korridor erwarteten ihn bereits die Piloten des Dirty Packs sowie Blue.
„Und? Was meint Ihr?“, fragte Dave gerade heraus.
„Fliegen kann er, das hat man gesehen“, brummte Max. „Und wenn ich daran denke, mit welchem Müll wir uns in Sky Haven herumärgern müssen, kann es nichts schaden, hier und jetzt einen guten Piloten zu finden.“
„Nicht, dass es nicht irgendwie auffällig ist, dass er einen Tag nach dem misslungenen Shannon-Manöver auftaucht“, brummte Dusk leise. Ihr Blick ließ kein gutes Haar an dem Piloten.
Armstrong wehrte ab. „Zumindest bei dem Angriff auf die NORTH war er nicht dabei. Er fliegt ganz anders als die Piloten, die wir abgeschossen und vertrieben haben.“ Dave wurde nachdenklich. „Er fliegt sehr deutsch. Der Fokker-Hüpfer, das trudeln, alles sehr beliebte Manöver der Luftwaffe. Wir sollten dem Air Ranger Command vielleicht mitteilen, dass Industrial-Piloten seit neuestem von der Luftwaffe ausgebildet werden. Du wirst das übernehmen, Blue.“
Der Kapitän der NORTH nickte. „Ich funke es gleich rüber.“
„Gut. Wann sollen die restlichen drei Maschinen eintreffen?“
„Sie eskortieren einen Transportflug, der uns die restlichen Techniker und unseren Chefmechaniker rüber bringt. Sie sollten gegen zwölf hier sein.“
„Gut. Gib dem Smutje Bescheid, dass er Mittag schon um elf servieren soll. Ich will da unten sein, wenn die neuen Mühlen ankommen.“
Blue lächelte. „Bereits erledigt, Chef. Ich kenne dich schon zu lange.“
Dave erwiderte das Grinsen. „Okay, wer nichts zu tun hat, sucht sich was. Das gilt vor allem für dich, Rocket.“
„Irre ich mich, oder hackst du auf mir rum, Chef?“, beschwerte sich Jebediah Rocket McCormick.
Die anderen Piloten lachten dazu.
Dies war der Auftritt von Captain Gallagher. „Auf ein Wort, Commander. Sie haben noch nicht entschieden, was mit den Piloten der TRINIDAT passieren soll, die wir eingesammelt haben.“
Happy zwirbelte seinen Schnauzbart und versuchte, nachdenklich auszusehen. „Hey, vielleicht finden wir unter denen noch einen guten Piloten für uns.“
Armstrong winkte ab. „Ich halte nichts davon, mit Leuten zu fliegen, die schon mal auf meine Zigarre gefeuert haben. Captain, ich würde sagen, lassen Sie sie frei.“
Indigniert zog die Frau eine Augenbraue hoch. „Freilassen, Sir?“
Armstrong grinste spöttisch. „Warum nicht? Das wird der erste Teil der Legende der NORTH.
Und bedenken Sie, Captain, es sind dreihundert Meilen bis zur mexikanischen Grenze.“
Dieser Gedanke schien der Offizierin zu gefallen. Sie salutierte grinsend. „Gefangene freilassen. Verstanden, Sir.“
**
Pünktlich um zwölf trafen die restlichen drei Maschinen ein. Sie begleiteten einen leichten Boeing-Transporter und deckten ihn bis zu seiner Landung.
Dave pfiff anerkennend. „Der Anführer könnte es weit bringen. Sehr verantwortungsbewusst.“
„Die haben wahrscheinlich vom Shannon-Raub gehört“, sinnierte Max leise. „Jeder vernünftige Staffelführer wäre da vorsichtig.“
„Zugegeben.“ Dave ging langsam auf das Flugfeld hinaus. Maxine und Blue folgten ihm. Aus der Boeing traten die versprochenen Mechaniker, angeführt von einem kleinen, bissigen Burschen, der einen seiner Leute mit heller Stimme zusammenfaltete.
Als Dave näher kam, erkannte er, dass der Mechaniker Teile seines Werkzeugs vergessen hatte.
„Das Werkzeug, Anderson“, rief der Cheftechniker, „ist die Seele eines Mechanikers. Die Hälfte der Flugzeuge an Bord der North haben das metrische System. Was machst du, wenn du dir fremdes Werkzeug borgen musst, und es ist nur dieser Inch-Kram?“
Betreten sah der Mann zu Boden.
„Okay, ich denke, das reicht. Du fährst sofort nach Corpus Christi rein und kaufst dir auf eigene Kosten neues.“
„Können wir uns das Werkzeug nicht nachbringen lassen?“, fragte der Mann hoffnungsvoll.
„Nachbringen lassen? Die NORTH STAR startet heute. Wie lange willst du denn auf deinen Kram warten? Jenkins, du fährst mit und sorgst dafür, dass er keinen Schrott kauft. Der Rest hilft beim entladen. Weggetreten.“
Die Formation löste sich auf.
„Junge, Junge, mir tun die Ohren weh von dem Gekeife“, brummte Blue amüsiert.
Dies war der Moment, wo sich der Cheftechniker umdrehte. Er kam einen Schritt auf die Dreiergruppe zu und musterte sie. „Zweiundzwanzig Mechaniker plus Cheftechniker Rogers, Sir. Ich melde mich zum Dienst.“ Sein Blick ging direkt zu Blue. „Kapitän.“
Dann sah er Dave an. „Commander.“
„Willkommen an Bord, Rogers. Aber sind Sie nicht etwas jung für diesen Job?“
Dave betrachtete die weichen Gesichtszüge des Mechanikers und schätzte ihn auf höchstens achtzehn.
„Sir!“, protestierte Rogers wütend, „ich habe elf Jahre Erfahrung als Mechaniker. Ich bin schon auf sieben Zigarren mit geflogen und auf drei war es als ChefTech.“
„Dave“, meinte Max leise und zog an seinem Hemd.
„Später, Max. Nun, ich meine nur, Sie sehen so jung aus. Vielleicht wird das besser, wenn Sie von oben bis unten mit Schmieröl verklebt sind.“
Rogers musterte ihn mit gerunzelter Stirn. „Sie versuchen, lustig zu sein, richtig?“
„Dave“, sagte Max wieder, aber der wehrte mit einer Handbewegung ab.
„Nun, wenn ich eines gelernt habe in meinem Leben, dann das man einen Menschen nach seinen Leistungen beurteilen sollte. Wie ich schon sagte, willkommen an Bord, junger Mann.“
Max schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und in Rogers Augen glomm Erkennen.
Als der Cheftechniker die Mütze hob und eine Flut blonden Haares entließ, konnte sogar Blue nur noch mit dem Kopf schütteln.
„Das Sam in meiner Akte steht für Samantha, Sir“, antwortete die Frau. Nun sah sie eher aus wie Mitte zwanzig.
„Genau das wollte ich dir die ganze Zeit sagen“, zischte Max und schlug Dave gegen die Hüfte.
Der Commander ließ sich indes seine Überraschung nicht ansehen. „Hm. Dann eben willkommen, Ma´am.“ Er streckte die Hand aus. „Auf gute Zusammenarbeit.“
„Das wird sich zeigen, wenn ich sehe, wie Sie mir meine Flugzeuge wiederbringen“, erwiderte sie und ergriff die Hand. Sie hatte den trainierten Griff eines Menschen, der mit den Fingern stets viel Kraft aufbringen musste.

Vom Rande des Flugfeldes kamen die drei Piloten heran und postierten sich abseits. Der Pilot, der aus der Vampire gestiegen war, salutierte und sagte: „Entschuldigen Sie die Unterbrechung, aber ich melde mich und zwei Piloten zum Dienst, Sir.“
Dave klopfte der Technikerin auf die Schulter und wandte sich dem Vampire-Piloten zu.
„Gut. Willkommen an Bord. Haben Sie Ihr Flugbuch mitgebracht?“
Der Mann nickte. „Ja, Sir.“
„Name, Callsigns und Abschüsse, bitte.“
„Ich bin Clancy Montjar, genannt Hammer. Sieben Abschüsse.
Die freche Lady da drüben ist Michelle Dubois, genannt Papillon. Vier Abschüsse.
Der freundliche junge Mann daneben ist Chad McCoy, genannt Piper. Keine Abschüsse, aber siebenundzwanzig Missionen als mein Flügelmann.“
Dave musterte die drei eingehend. Dann nickte er. „Helfen Sie beim einstellen ihrer Maschinen und melden Sie sich dann zur ersten Besprechung im Hangar. Es wird Zeit, dass wir die Staffeln aufteilen.“
Hammer salutierte. „Ja, Sir.“
„Gut. Weggetreten. Gehen wir zurück zur Zigarre. Sam, ich will Sie sprechen, sobald Ihr Material verstaut ist.“
„Verstanden, Sir.“
Blue, Max und Dave wandten sich um und gingen zurück zum Zeppelin.
„Hast du dir schon Gedanken über das Einheitslogo gemacht, Dave?“, fragte Max unvermittelt.
Dave dachte an den Wolfskopf mit dem gefletschten Zähnen, der bisher das Wappen des Dirty Packs gewesen war. „Ich arbeite dran. Ich arbeite dran.“

Zwei Stunden später erhob sich die NORTH STAR mit der frisch zusammen geflickten Brigand, die Happy überführt hatte, vom Corpus Christi Air Field ab und zog auf Nordwestkurs.
Als die Zigarre eine annehmbare Höhe erreicht hatte, ließ Dave die Piloten antreten.
„Ihr alle habt bereits meinen Namen gehört“, begann er seine Rede. „Und einige kennen mich bereits. Ich bin Commander David Stone, genannt Armstrong. Ich bin ein mehrfaches Aß, und glauben Sie mir, Herrschaften, dabei bleibt es nicht.
Ihr alle habt euch freiwillig gemeldet, um an einer Mission für Texas teilzunehmen. Wie diese Mission aussehen wird und wohin sie uns führt, weiß nicht einmal ich.
Unser derzeitiger Befehl lautet, eine schlagkräftige Einheit zu werden und ausgiebig vom Kaperbrief Gebrauch zu machen. Das werden wir auch tun.
Unser derzeitiger Kurs ist auf Sky Haven ausgelegt. Für unsere beiden Brigand fehlen uns sowohl Bordschütze als auch Pilot. Und da die Brigand eine geradezu klassische Piratenmaschine ist, werden wir die besten Piloten und Bordschützen für diese Mühle dort finden.
Bis unser Einsatzbefehl kommt und bis unser Ziel feststeht, sind wir auf Kaperfahrt. Wir erobern Piratenzigarren, Frachtzeppeline feindlicher Nationen und Piratenjäger, die uns zu nahe kommen. Sky Haven wird unser Hafen und unser Hauptumschlagplatz werden.
Jeder Pilot bekommt neben seinem Sold Prämien für Abschüsse. Jeder an Bord bekommt seinen Anteil an von Piraten konfiszierten Waren. Einige hier könnten während unserer Fahrt sehr reich werden.“
Verhaltenes Gemurmel erklang. Happy meldete sich. „Wie reich?“
„Es gibt zehn Dollar für eine erfolgreiche Unterstützung und zwanzig Dollar für einen Abschuss. Mannschaften bekommen einen Anteil, Offiziere und Piloten zwei Anteile.
Staffelführer, Kapitän Daines, Captain Gallagher und ich drei Anteile.  Die NORTH zehn Anteile. Das gilt für jeden Verkauf.“
„Wir haben uns nicht gemeldet, um reich zu werden“, ließ sich Captain Gallagher vernehmen.
„Aber es kann auch nichts schaden, oder?“

Dave sah in die Runde und nickte schließlich. Einige hatten auf die Aussicht auf Geld angesprochen, andere nicht. Steel war einer der Letzteren gewesen.
„Kommen wir zur Aufteilung.“ Dave Stone griff hinter sich und zog von seiner Fury eine Plane herab. Auf ihr prangte der schwungvolle, in rot gehaltene Schriftzug CAT PACK.
Darüber war eine blaugraue, zum Menschen stilisierte Katze in Fliegermontur zu sehen. Wer genau hinsah, konnte erkennen, dass ein Studio in der Nation of Hollywood nicht besonders erfreut über den Diebstahl ihrer beliebten Cartoon-Katze sein würde.
„Das Dirty Pack bildet zwei Staffeln. Die erste Staffel wird das Cat Pack. Ich habe mir in der Aufteilung lange den Kopf zerbrochen. Das ist das Ergebnis.
Erste Rotte: Ich mit meiner Fury. Dusk, du steigst auch in eine Fury und wirst meine Flügelfrau. Zumindest, bis wir Sky Haven erreichen.
Zweite Rotte übernimmst du, Rocket. Deinen Flügel übernimmt Rainmaker. Ihr kriegt Bloodhawks. Nicht meckern, du freundest dich schon mit ihr an, Jebediah.
Rotte drei werden von den beiden Brigand gebildet. Sie sind noch nicht besetzt. Ich habe mich dazu entschlossen, das Cat Pack auf zwei Rotten zu lassen, damit die zweite Staffel so früh wie möglich zusammen arbeiten und voneinander lernen kann.
Da ich, Dusk, Rainmaker und Rocket bereits zusammen geflogen sind, sollten wir die fehlende Rotte ausgleichen können. Solange wir nicht gerade auf eine Zeppelinkampfgruppe stoßen.“
Leises Gelächter antwortete ihm.

„Zur zweiten Staffel.“ Dave nickte und Sam Rogers zog von einer anderen Fury die Plane herab. Steels Maschine. Dort prangte auf dem Bug eine weiße, äußerst bissige Cartoon-Bulldogge aus dem gleichen Studio. Unter ihr prangte in gelben Buchstaben: DOG PACK.
„Steel, Sie übernehmen die Rotte eins und die Staffel. Kein Protest und keine Kritik an meinen Entscheidungen, bitte.
Ihr Flügelmann wird Hammer. Ich will Sie nicht von Ihrer Vampire trennen, und ich weiß, dass Steel erfahren genug ist, um aus seinem Geschwindigkeitsvorsprung und Ihrem beachtlichen Waffenpotential einen Vorteil zu machen, Hammer.
Rotte zwei kriegt Max, und ja, sie kriegt diesen Job, weil sie meine kleine Schwester ist. Allerdings, wenn jemand meint, er würde besser fliegen können als sie, kann er es gerne einmal probieren. Papillon, Sie bleiben auf der Devastator und kleben am Flügel von Max.
Maxine, du kriegst auch ne Devastator. Nicht meckern. Die hast du früher auch gerne geflogen.
Rotte drei, Happy. Mach mir keine Schande, hörst du? Du kriegst ne Avenger.“
„Kunststück, sind ja auch nur noch Avenger übrig“, brummte Henry Jackson.
„Und es ist nur noch ein Pilot übrig. Piper, Sie haben noch keinen Abschuss, und ich muß mir ansehen können, was Sie drauf haben. Genauer gesagt, ich teile Sie Happy zu, weil der alte Fuchs ein verdammt guter Lehrmeister ist. Solange Sie auf ihn hören, haben Sie auch weiterhin Gelegenheit zu lernen.“

Dave schlug die Hände zusammen. „So, das war es dann, Herrschaften. Helfen Sie bei der Wartung Ihrer Maschinen und bereiten Sie die erste Aufklärungsrotte vor. Happy und Piper, in einer halben Stunde.
Ich bin in meinem Büro.“
Dave verließ den Hangar und grinste. Hatte er sie am Haken? Vielleicht. Auf jeden Fall waren sie unterwegs, auf in das große Abenteuer. Zurück nach Sky Haven. Der Pilot grinste schief. Das war ja fast wie Nachhausekommen.
Ob die MEMPHIS BELLE ebenfalls nach Sky Haven unterwegs war, nachdem sie diesen spektakulären Zugraub in der Nation of Hollywood abgezogen hatten?
Von der Zeit könnte es hinkommen.
Das war der einzige Punkt, der Dave nicht behagte. Wie würde Cat Shannon das Wiedersehen aufnehmen?
***
Steel sah sich in der kleinen Kabine um, die für die nächste Zeit sein Zuhause sein würde. Nun, für seine nicht sehr verwöhnten Ansprüche vollkommen ausreichend. Er warf den Seesack auf die schmale Koje und begann auszupacken. Seine Bewegungen waren schnell und sorgfältig. Er hatte relativ wenig Gepäck – auch, weil er damit gerechnet hatte, gefilzt zu werden.
Etwas Wäsche, Rasier- und Waschzeug und ähnlicher Kleinkram. Eine zweite Beretta-Automatikpistole, zwei Ersatzstreifen. Er hatte fast einhundert Schuß für diese Waffen. Nur sehr aufmerksamen Beobachtern wäre aufgefallen, daß die Geschosse an der Spitze eingekerbt waren, um eine Dum-Dum-Wirkung zu erzielen. Das gleiche galt für die Handvoll Patronen, die Steel für den kleinen Derringer hatte, der üblicherweise unter seinem Hemd steckte. Dazu kam ein schmales Stiefelmesser, mit dem ebenso leicht Leitungen durchtrennt, wie Kehlen aufgeschlitzt werden konnten. Und in seinem rechten Stiefel war eine dünne Drahtschlinge verborgen – eine Garotte. In dem anderen Stiefel lagerten ein paar kleine Diamanten, die man leicht zu Geld machen konnte...
Regel Nummer Eins – sei auf alles vorbereitet.
Trotzdem war das alles nur Werkzeug, auf das von Stahlheim nur im äußersten Notfall zurückgreifen würde. Schließlich hatte er nicht den Auftrag, jemanden zu ermorden.
Dann packte er einen ganzen Stapel von Zeitungsausschnitte aus, die allesamt „Black Swan“ thematisierten. Hier stimmten persönliches Interesse und Tarnidentität überein. Das galt nicht für seine andere „Literatur“ – ein halbes Dutzend pornographischer Schriften, wie man sie fast überall kaufen konnte. Absolut gewöhnlich und absolut unverdächtig für einen Piloten. Richtig wichtig war nur eines der Bücher: „Schwarze Orchidee“ behandelte die Erlebnisse eines weißen Gärtners in einer Mädchenschule für Schwarze.
Steel hätte beinahe angewidert den Mund verzogen. Diese Amerikaner fanden solche zwischenrassischen Schweinereien offenbar anregend. Das Buch war auf billiges Papier gedruckt und wimmelte von Druckfehlern. Selbst ein aufmerksamer Leser würde wohl kaum bemerken, daß die wie zufällig wirkende Trennung einzelner Silben und die falsch gedruckten Worte einem Sinn folgten...
Das war alles, was er bei sich hatte. Alles weitere hatte er im Kopf, oder würde es sich bei Gelegenheit besorgen. Aus Bordbeständen, am Boden – er wußte noch nicht, wo dieser Captain „Armstrong“ seine Maschine hinschicken würde. Aber bestimmt würde er bei den diversen „Freihäfen“ und Piratenstützpunkten vorbeischauen. Und dort hatte nicht nur Armstrong Kontakte.
Dieser Kapitän war abgesehen davon einige weitere Nachforschungen wert. Er war eindeutig gebürtiger Deutscher und hatte bei der Luftwaffe das Fliegen gelernt – und zwar gut. Das hatte Steel bei der Beobachtung des Luftkampfes gestern und dem heutigen Übungsflug deutlich erkannt. Inzwischen war Armstrongs Flugstil sogar noch besser geworden, er hatte sich eindeutig den amerikanischen Maschinen angepaßt. Der Mann war ziemlich von sich selbst überzeugt, schien aber irgendetwas mit sich rumzuschleppen. Bei Gelegenheit würde Stahlheim sein Wissen über die „Leviathan“ zur Sprache bringen, mit der Armstrong anscheinend eine Vendetta auszufechten hatte.

Aber da war noch etwas. Von Stahlheim konnte sich dem Eindruck nicht erwehren, daß er Commander Stone schon mal gesehen hatte. Wo war das bloß gewesen? Bestimmt nicht in Amerika. Etwa in Europa, am Ende gar in der Luftwaffe? Das könnte gefährlich werden...
Steel grinste kurz. Momentan hielt man ihn jedenfalls ganz offensichtlich für einen desertierten Piraten. Nun, das konnte ihm nur Recht sein. Das lenkte eventuelle Verdächtigungen in die richtige, da harmlose Richtung. Er hatte außerdem nicht umsonst eine Herkunft aus den Industrials-Luftstreitkräften in seinen Lebenslauf eingebaut. Da dort tatsächlich deutsche Fluglehrer nicht unbedingt selten waren, war dass eine gute Tarnung für seinen Flugstil.
Wenn die Piraten wüssten, wer er tatsächlich war... Aber sie wußten eben nicht – und würden es wohl auch nie erfahren.
Er würde auf jeden Fall versuchen, den Captain gründlich auszuleuchten. Wenn ein enttäuschter Landsmann hinter dieser arroganten Fassade steckte – nun, das Vaterland war noch nie kleinlich gewesen, verlorene Söhne wieder aufzunehmen, wenn sie ein entsprechendes Geschenk mitbrachten. Mal sehen...
Na ja – und da war noch der Zeppelinkapitän, dieser Blue. Von Stahlheim hielt es für weniger klug, einen Ex-Piloten ein Zeppelin fliegen zu lassen. Das war ja dasselbe, als würde man einen Schnellbootkapitän für kompetent halten, ein Schlachtschiff zu führen. Aber das war nicht seine Entscheidung. Was aber seine Sache war, war die Tatsache, dass der Mann ihm anscheinend nicht traute. Also würde er ihn im Auge behalten. Immerhin, das Mädchen dieses Ex-Piloten flog unter Steels Kommando. Vielleicht ließ sich da etwas nachhacken – zumal sie auch ziemlich eng mit Armstrong zu sein schien. Aber von Stahlheim würde dabei sehr vorsichtig sein.
Jetzt war er jedenfalls Staffelführer. Er würde dieser Herausforderung gerecht werden, da hatte er keine Zweifel. Er mußte nur darauf achten, nicht zu hohe Ansprüche zu stellen oder zu sehr in den „deutschen Drill“ zu verfallen. Aber das würde er schon schaffen.
Mit der neuen Maschine war er nicht ganz froh. Die Fury war zwar gut bewaffnet, aber ansonsten ziemlich mittelmäßig. Es gab schnellere, wendigere und kraftvollere Maschinen. Nun, Bettler konnten nicht wählerisch sein. Er würde Armstrong schon zeigen, was für Piloten die „Industrials“ hervorbrachten. Und natürlich niemals seine Aufgabe vergessen – die Piraten und dieser „Booster“. Doch zuerst...

Max zuckte zusammen, als hinter ihr auf einmal eine unbekannte Stimme ertönte: „Du bist Max, richtig?“
Der Neue stand hinter ihr. Erstaunlich, wie leise sich der hochgewachsene Mann bewegen konnte. Mit seinen extrem kurzgeschnittenen Haaren, den breiten Schultern, den hellen, kalten Augen und der locker umgeschnallten Pistole wirkte er nicht ungefährlich. Max kannte diesen Typ – Söldner, Piraten...
„Ja. Und schleich dich nicht so an.“
Der Mann grinste kurz, wurde aber sofort wieder ernst: „Du fliegst in meiner Staffel.“
„Und?“
„Ich wollte bloß Hallo sagen. Immerhin sind wir jetzt alle eine große Familie.“ Max musterte den Mann stirnrunzelnd. Sollte das jetzt ein Witz sein? Aber Steel fuhr fort: „Und noch etwas, nur zur Sicherheit. Du parierst, wenn ich einen Befehl gebe. In der Luft ist keine Zeit für lange Diskussionen und ich habe schon zu viele Leute verloren, weil jeder nur nach seinem Kopf flog. Ich will keine Extrawürste, auch nicht von der kleinen Schwester unseres Captains. Wenn du mit mir nicht klarkommst, hast DU ein Problem. Verstanden?!“
Max verkniff sich eine bissige Antwort. Konnte ja sein, dass der Neue in seiner Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht hatte – vor allem in diversen Piratenbanden herrschte praktisch keine Disziplin – aber sie war schließlich keine Renegatin, sondern inzwischen Texas Ranger: „Nun komm mal wieder runter. Ich bin Pilotin, keine Primaballerina.“
„Gut. Und da das klar ist, hoffe ich, wir kommen gut klar und machen dem Gegner die Hölle heiß – wer das auch immer ist.“ Bei diesen Worten lächelte der Mann deutlicher, fast freundlich.
„Gehst du eigentlich jeden so an?“
Jetzt grinste Steel breit, aber ziemlich sarkastisch: „Nein. Das war die Vorzugsbehandlung. Bei den anderen zieh ich die Glacéhandschuhe aus.“ Damit nickte er Max noch mal knapp zu, drehte sich um und marschierte davon.

Das war erledigt. Mit etwas Glück reichte das, damit das Mädchen keinen Ärger machte. Er wollte es sich nicht mit der Umgebung des Captains verscherzen, aber er mußte auch von Anfang an seiner Rolle gerecht werden. Nun Max wirkte nicht dumm und wenn sie sich gut in die Staffelformation einfügte, die Steel vorschwebte, dann sah er keinen Sinn, sie zu schikanieren.

Dann war im Hangar angekommen. Hier wurde bereits an einzelnen Maschinen gearbeitet, unter anderem an den Furys, in denen Armstrong und Steel ihren Übungskampf absolviert hatten. Ohne groß Worte zu machen packte Steel mit an. Er fand schnell Kontakt zu den Techs, obwohl er sich nicht zu redselig gab – einfach als Pilot, der auch mal mit Hand anlegte. Er rechnete damit, daß in der ersten Zeit jeder seiner Handgriffe überwacht werden würde – aber er hatte sowieso nicht vor, eine Maschine zu sabotieren. Viel wichtiger war es, einen guten Kontakt zu den Techs zu knüpfen – die ja zwangsläufig viel über die Piloten, noch mehr aber über die Maschinen wußten. Und über die eingebauten Booster.
Und er konnte selber dieses Wunderwerk in Augenschein nehmen. Natürlich nicht zu auffällig...
***
„Steel“ betrachtete kritisch die Auflistung der Maschinen seiner Staffel. Seinem Gesicht sah man allerdings die Gedanken nicht an, die durch seinen Kopf geisterten. Er war nicht sehr zufrieden über die Zusammensetzung. Die Piloten waren nicht schlecht, wenn auch kaum Luftwaffenstandart. Es haperte vor allem im Bereich Disziplin und Gruppengeist. Aber was konnte er schon anders erwarten, hier – diese Amerikaner machten geradezu einen Kult um ihre Individualität. Und sie standen auf Einzelduelle und schienen dabei bei den Kämpfen im „Großen Krieg“ 1914-1918 stehengeblieben zu sein. Auch wenn „Steel“ nicht glaubte, einem der Großen Asse wie Richthofen das Wasser reichen zu können – inzwischen kam es viel mehr auf kombiniertes Vorgehen ganzer Staffeln, Kampfgruppen und Geschwader an. Aber wie sollten die Amis das lernen, in ihren ständigen Kleinkriegen?
Ein oder zwei der Piloten waren immerhin richtig gut, hatten Potential. Diese Wahlschwester des Kapitäns zum Beispiel... Als Frau und vor allem Mischrassige hätte sie in der Luftwaffe nie mehr als einen Bodenwart-Posten erhalten, aber „Steel“ erkannte Fähigkeiten. Man konnte etwas aus ihr machen, auch wenn sie noch längst nicht ihr Potential voll ausgeschöpft hatte. Nun, er würde diese Aufgabe übernehmen – und dabei sicherlich auch mehr über den Kapitän erfahren. Und das paßte hervorragend mit seinen „anderen“ Aufgaben zusammen. Und den Rest – die würde er schon zurechtbiegen. Und wenn er sich dazu bei den Methoden der Japaner bedienen mußte, die ihre Soldaten anscheinend in der Ausbildung erst in kleine Stücke zerbrachen, um sie dann zu fanatischen Kampfmaschinen aufzubauen – und zu erstklassigen Jagdpiloten.

Die Maschinen die in seiner „Staffel“ – zu Hause währen die sechs Maschinen gerade mal eine Halbstaffel gewesen – stellten „Steel“ noch weniger zufrieden, auch wenn er sich gehütet hatte, das laut werden zu lassen. Er war den Einsatz schneller, agiler Maschinen gewohnt und bevorzugte sie. Die Maschinen seiner Staffel aber waren weder schnell noch agil und er empfand die Zusammensetzung als wenig ideal. Seine Fury war akzeptabel – zwar langsam, aber wenigstens wendig und gut bewaffnet. Er hatte keine Angst vor der als „schwierig“ geltenden Maschine. Das sein Katschmarek ausgerechnet eine Vampire flog, war kein Geniestreich sinnreicher Zusammenstellung. Eigentlich sollte ein Katschmarek SEINEN Rücken decken. Aber damit würde der schwere Jäger überfordert sein, der vor allem als Bomberzerstörer, Zeppelinjäger und Schlachtflugzeug geeignet war. Wahrscheinlich würde eher „Steel“ den Rücken seines Katschmarek beschützen müssen.
Die zwei Devastator waren ein schon veraltetes Modell, langsam und primär als Jagdbomber im Einsatz. Die Avenger wurden zwar als Abfangjäger bezeichnet – aber im Zweikampf gegen Jagdflieger ziemlich chancenlos. Zu allem Überfluß waren die Maschinen schlecht gepanzert, was ihre Rolle gegen Zeppeline oder im Bodenangriff limitierte. Jetzt hatte von Stahlheim also eine Staffel am Hals, die im Zweikampf gegen RICHTIGE Jäger alles andere als ein gutes Blatt auf der Hand hatte.
`„Mannesmut gegen Maschinen“ hat man im letzten Krieg zu so einer Situation gesagt‘, dachte Ernst von Stahlheim mit düsterem Humor. Nun, er durfte nicht vergessen, auf der anderen Seite würden weder Piloten des JG „Richthofen“ noch der 68. Sentai der Kaiserlichen Garde sein. Und gegen die üblichen Piraten und Briganten mochte es reichen. Vor allem, da „Steel“ entschlossen war, seinen Piloten in nächster Zeit mit Übungen und Flugmanövern „das Arschwasser zum Kochen zu bringen“. Zum einen würde er so ihre Fähigkeiten austesten und vielleicht auch verbessern können. Außerdem würde er so mitbekommen, inwieweit diese Halbpiraten bereit waren, Befehlen zu gehorchen und Order zu parieren. Wer Sperenzchen machte – nun, der würde nach Piratenmanier zurechtgeprügelt werden. „Steel“ war in erstklassiger körperlicher Verfassung und außerdem in Kampftechniken ausgebildet, die diese „Schauraufer“ bestimmt nicht kannten – er war sich sicher, selbst die meisten Marines an Bord dieses Zeppelines überwältigen zu können, vor allem da sie wohl kaum erwarten würden, das ein Pilot ein derartiges Training absolviert hatte. Natürlich könnte so was seine Tarnung gefährden – die er keineswegs zu lüften gedachte, bevor ER es für richtig hielt.

Nun ja, für das Trainingsprogramm würde er sich natürlich mit dem Kommandant auseinandersetzen müssen. Und er auch mit dem Zeppelinführer reden müssen, auch wenn der Mann ihm zu mißtrauen schien. Na ja, sollte er – solange er „Steel“ für einen Piraten hielt, war das von Stahlheim eigentlich ganz recht.
Schnell, aber dennoch sorgfältig skizzierte „Steel“ einen Flugplan für die nächsten Tage. Mal sehen, ob er diesem verirrten Landsmann, der hier den OB hatte, das Benzin abschwatzen konnte. Wenn dieser Stone wirklich bei der Luftwaffe ausgebildet worden war, und nach seiner Flugweise war er es, dann würde er sich „Steels“ Argumenten nicht verschließen.
Bevor er aufstand, versicherte sich von Stahlheim unwillkürlich dem Sitz der Beretta. Und des Derringers und des Kampfdolches. Sollte etwas schiefgehen, er war vorbereitet. Und sollte jemand seine Bewaffnung bemerken – nun, das würde das Gerücht eher verstärken, er währe ein ehemaliger Pirat oder Söldner. Und man müßte schon sehr phantasiebegabt sein, um hinter einem Piloten aus den „Industriells“, bei dem eine Piratenkarriere hervorschimmerte, einen Agenten der deutschen Abwehr zu vermuten...
***
Wieder einmal dankte Dave der Welt dafür, dass die ehemaligen U.S.A. so weit im Süden auf dem Erdglobus lagen. Durch die geringere Achsneigung hatten Tag und Nacht nicht nur annähernd immer die gleiche Länge, der Wechsel zwischen ihnen kam auch sehr schnell.
Und die Nacht war genau das, was er jetzt brauchte. Acht Uhr Abends war die Landschaft bereits in Dunkelheit gehüllt.
Dave betrachtete das Geschehen neben sich, während er nachdenklich von seinem Kaffeebecher nippte. Sam war eine gute Mechanikerin. Teufel auch, sie war wahrscheinlich das Beste, was man zwischen Texas und Sky Haven anstelle von Spot finden konnte.
Sie hatte seine Idee nicht nur begeistert aufgenommen, sondern auch sofort einige Fehler aus seinem Gedankengerüst entfernt und eine Aufstellung von dem gemacht, was aus den Depots der NORTH gebraucht wurde, um es umzusetzen.
Für einen Moment schloss Dave geblendet die Augen, als der große Scheinwerfer aufflammte und ihn direkt anstrahlte.
„Scheinwerfer geht“, kommentierte Sam Rogers freudig und laut. Sie schob ihr Käppie auf den Hinterkopf. Dabei blitzte ihr goldenes Haar. Mit Käppie wirkte die schmale Frau wie ein Halbstarker. Aber in einem Ballkleid und entsprechend geschminkt würde sie sicher eine Menge her machen – falls man die Schmierölreste von ihren Fingern entfernen konnte.
„Ist was, Boss?“, erklang die Stimme von Steel neben ihm. Dave wandte sich um. „Ah, da kommt ja mein talentiertester Staffelführer.“
„Und Ihr einziger Staffelführer“, antwortete Ernst Stahl sarkastisch.
Dave enthielt sich einer Antwort und drückte dem Piloten einen Stahlbecher in die Hand. Aus einer großen Blechkanne schenkte er dem Mann aus den Industrials ein. „Sam probiert gerade meine neueste Idee aus.“
Misstrauisch beäugte Steel die Anordnung, die aus drei Scheinwerfern bestand, welche alle so angebracht waren, dass sie die Fanghaken und den Rumpf des Zeppelins ausleuchteten. All dies natürlich, während die NORTH STAR eine halbe Meile über dem Boden flog.
„Wollen Sie versuchen, die Zigarre zu einem leichteren Flakziel zu machen? Dann sollte ich besser abmustern so schnell es geht“, scherzte Steel.
„Nein, eigentlich nicht“, brummte Dave.

In diesem Moment erklang das laute Wummern eines Bloodhawk-Motors. Ernst Stahl riss ungläubig die Augen auf. „Wir haben eine Maschine da draußen? Mitten in der Nacht? Bis zur Morgendämmerung sind es noch über zehn Stunden! So lange kann die nie in der Luft bleiben! Und ein Flugplatz mit Landebeleuchtung ist auch nicht gerade in der Nähe.“
„Soll sie ja auch nicht. Soll sie ja auch nicht.“
Dave grinste breit und trat nahe an die Arbeiten heran. Ein Techniker hantierte an dem Funkgerät vor sich und sprach leise und konzentriert. „Okay, Rocket, wir haben dich. Du kommst etwas zu schnell rein, drossele um fünf Prozent. Kurs ist gut. Höhe ist zu flach. Steige etwas.“
Steel sah den Commander der NORTH entsetzt an. „Sie wollen, dass Rocket nachts an den Fanghaken geht?“
Dave nickte grinsend. „Deswegen die Feiertagsbeleuchtung.“
„Aber das ist…“
„Wahnsinn?“, fragte der Commander leise.
Steel dachte einen Moment nach. „Nein. Wenn es klappt ist es... Ausbaufähig.“
Im Scheinwerferlicht tauchte die Bloodhawk auf. Deutlich war die Cartoon-Katze auf dem Rumpf zu erkennen. Die NORTH hatte eine beachtliche Eigengeschwindigkeit, deshalb wirkte es so, als würde Rocket nur langsam heran geschoben werden.
„Halte sie ruhig, Rocket“, sagte der Techniker wieder mit seiner sonoren Stimme. „Die Winde sind günstig, wenig Scherwind. Bring sie jetzt näher heran.“
„Roger. Ich sehe den Haken.“
„Es ist ungewöhnlich, wird aber von Eliteeinheiten praktiziert.
Öfter gibt es dieses Szenario: Ein Zeppelin startet seine Flieger lange vor der Dämmerung, um mit dem ersten Tageslicht angreifen zu können. Dieser Überraschungsangriff hat schon viele kalt erwischt. Darunter auch BAS.“
„Ich sehe es. Ein bedeutender Vorteil für den Angreifer, während der Verteidiger noch keine Flieger in der Luft hat.“
Dave nickte und nahm noch einen Schluck Kaffee. „Andersherum geht es aber nicht. Sobald die letzten Sonnenstrahlen versinken, muß alles was fliegt den Boden erreichen oder am Fanghaken seiner Zigarre hängen. Sonst kann er sich eine gut beleuchtete Straße zum landen aussuchen. Falls er eine findet. Und wenn er sich nicht wirklich auf eine Nachtlandung per Fanghaken vorbereitet hat.“
Steel schauderte kurz. Anhand einer Straßenbeleuchtung nachts zu landen bedeutete beinahe automatisch eine Bruchlandung wie untrainiert in finsterer Nacht an den Fanghaken zu gehen.

„Komm, Rocket, Kurs ist gut, Kurs ist gut. Noch fünf Meter. Vier…“, murmelte der Techniker. „Eins… Du bist am Haken, Rocket!“
Lauter Jubel brandete auf. Die erste Nachtlandung der NORTH STAR war erfolgreich durchgeführt worden. Die Techniker fielen einander in die Arme und Dave sah sich genötigt, diverse Schulterklopfer und Lob auszuteilen.
„Das Verfahren ist gefährlich, bietet uns aber Möglichkeiten“, brummte Steel, der an der Seite des Commanders geblieben war und nun mit wächsernem Lächeln ebenfalls Komplimente verteilte. „Wie Sie sich sicherlich schon durch den Kopf gehen ließen, Boss, können wir mit unseren Mühlen länger in der Luft bleiben als die anderen, die nicht auf Nachtoperationen eingestellt sind. Und wenn wir einen Zeppelin verfolgen ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn wir ihn auch Nachts nicht verlieren.“
Dave konnte nicht anders, als er seine Cheftechnikerin erreicht hatte, tätschelte er ihr wie einem kleinen Jungen den Kopf. „Gut gemacht, Sam.“
Sam Rogers schien ihm das aber nicht übel zu nehmen. Sie strahlte regelrecht. „Danke, Boss.“
Dave klatschte in die Hände. „Okay, und jetzt gleich noch mal. Schmeißt Rocket wieder vom Haken.“
„Verstanden, Sir!“, erwiderten die Techniker im Chor.
„Au ja“, kommentierte der erfahrene Pilot, „das hat Spaß gemacht.“

Als die Bloodhawk wieder in der Nacht verschwand, wandte sich Dave Steel zu. „Gut, das wir einer Meinung sind. Eine Nachtlandung am Haken erfordert aber trainierte Piloten, eine gute Zigarrencrew und beste Ausrüstung. Setzen Sie für Morgen Nacht ein Training für alle Piloten an. Mich und Sie eingeschlossen. Und dann kümmern wir uns um das eigentliche Problem bei dieser Geschichte.“
Steel legte für einen Moment den Kopf schräg. „Topographie, Boss?“
„Richtig. Topographie. Ohne wirklich exakte Karten würde ich diese Nachtflüge in bestimmten Gebieten niemals wagen. Und ich meine exakte Karten. Deshalb setzen Sie auch gleich noch einen Lehrplan auf, damit die Piloten wieder lernen, nach ihren Instrumenten zu navigieren. Kartenlesen steht ganz oben auf unserer Liste.“ Dave trank seinen Kaffee aus.
„Verstehe, Boss. Und wo kriegen wir so gutes Material her?“
„Nun, es gibt nur eine Einrichtung, die jemals so gutes Kartenmaterial hergestellt hat. Die Bundesbehörde“, brummte er nachdenklich.
„Aber die U.S.A. gibt es nicht mehr. Wir haben keine Garantie dafür, dass wir die Karten in Washington ehemals D.C. finden werden. Wer weiß, vielleicht sind die Karten mittlerweile über die halbe Welt verstreut“, merkte Steel an.
„Sicher. Und um das heraus zu finden, müssen wir nach Sky Haven kommen. Für die richtige Summe Geld kriegt man dort alles.“ Dave lächelte eiskalt. „Und ich meine alles.“
„Sogar einen Nitrobooster?“, fragte Steel.
„Alles“, stellte Dave leise und mit Nachdruck fest.
**
Es war früher Nachmittag, ein Freitag und der erste Tag, an dem sie nicht über texanischem Gebiet unterwegs waren. Das Land unter ihnen gehörte zu einem Mitgliedsstaat von Französisch Louisiana. Aber bereits am Nachmittag würden sie wieder Texas überqueren, um ins Freie Colorado zu kommen. Und damit näher an Sky Haven.
Kurz hatte Dave mit dem Gedanken gespielt, die Abkürzung über Arixo zu nehmen. Aber er hatte nicht wirklich Lust darauf, sich mit der Luftmiliz der Eingeborenen anzulegen. Einen simplen Überflug würden die misstrauischen Anazasi niemals zustimmen, und wieso wegen ein paar Kilometern kämpfen? Außerdem brachte sie der Bogen schneller auf Colorado-Territorium.
Nachdenklich betrachtete Dave den Boden aus der Hangarluke, wie er unter ihnen entlang glitt. Der Schatten der Zigarre folgte ihnen leicht nach rechts hinten versetzt und verdunkelte das Farmland unter ihnen. Es war eine ruhige Gegend. Ruhig und gemütlich.

„Boss, Nachricht von unserer Patrouille. Max fliegt Vorsicherung. Sie hat was entdeckt“, sagte Blue leise. Er war nahezu lautlos heran getreten. Dave schätzte diese Eigenschaft bei dem alten Freund. „Was gibt es?“
„Sie hat einen Notruf aufgefangen. Sieht so aus, als würden Piraten eine Passagierzigarre angreifen. Und der Begleitschutz von BAS hat die Sache nicht wirklich im Griff.“
Dave seufzte leise. „Ruf die rückwärtige Patrouille zurück und lass nach Steel schicken.
Wie viele Angreifer kann Max ausmachen?“
„Sie sagt, es sind noch drei BAS-Maschinen in der Luft und acht Angreifer. Die Zigarre, von der die Piraten gestartet sind, kann sie nicht finden.“
Dave dachte einen Augenblick nach.
„Wir gehen raus. Antworte auf den Notruf. Aber überlass die Verhandlungen mir. Steel kommt mit seiner Rotte mit mir, Happy bleibt auf Sicherung. Rocket und Rainmaker sehen mal zu, ob sie die Zigarre nicht finden können.“
„Aye, Boss. Hast du gerade Verhandlungen gesagt?“
Der Pirat grinste breit. „Hey, wir riskieren da unser Leben. Wir sind kein Wohlfahrtsverein.“

Steel kam heran gerannt. Er schloss im Laufen seine Fliegerjacke, während sein Vogel bereits aufs Katapult geschoben wird. „Was gibt es, Boss?“
„Acht Banditen bei der Jagd nach leichter Beute. Wir gehen zusammen raus. Ihre dritte Rotte sichert unsere Zigarre, die zweite beobachtet den Luftkampf. Der Rest greift in den Kampf ein.“
„Verstanden“, rief Steel, erklomm seine Mühle und startete den Motor.
Dave ging zu seiner Fury herüber. Sam Rogers schlug mit der flachen Hand auf die Abdeckung des Motors. „Alles in Ordnung, Boss. Ich war so frei, die Instrumente und den Ölstand zu checken.“
„Gut, gut. Soll ich Ihnen was mitbringen, Sam?“
Die junge Frau dachte einen Augenblick nach. „Wenig Arbeit und möglichst alle Maschinen.“
Dave lachte. „Ich hatte zwar mehr an Beute gedacht, aber ich will sehen, was ich tun kann.“
**
„AVIGNON an alle befreundeten Kräfte! AVIGNON an alle befreundeten Kräfte. Wir werden angegriffen, ich wiederhole, wir werden angegriffen. Wir bitten um Hilfe!“
„Hier Dirty Pack Pack Leader. Bestätigen Ihren Notruf, AVIGNON. Wir kommen Ihnen zu Hilfe, für einen unanständig günstigen Preis. Nur fünfzehn Prozent Ihrer Ware und Ihrer Kasse.“
„Was bitte?“, erklang eine erstaunte Stimme über den Funk. „Sie lassen sich bezahlen?“
„Warum sollte ich mein Leben und das meiner Leute für weniger riskieren?“, erwiderte Dave amüsiert. Und das nur für zwanzig Prozent Ihrer Waren und Ihre Kasse.“
„Eben waren es noch fünfzehn“, beschwerte sich sein Gesprächspartner.
„Und es wird noch weiter steigen, wenn Sie sich weiter zieren, Partner. Denken Sie daran. Wenn BAS verliert, dann verlieren Sie alles. So aber sind Sie dabei mit fünfundzwanzig Prozent.“
„Fünfundzwanzig? Eben waren es noch…“ Der Mann verstummte. Mit einem tiefen Seufzer sagte er: „Einverstanden. Für fünfundzwanzig Prozent unserer Waren und unserer Bordkasse. Aber Sie lassen die Finger von unseren Passagieren und deren Privateigentum, okay?“
Dave grinste schief. „Wir haben einen Deal. Geben Sie dem BAS Bescheid. Ich will für sie nicht auch noch Kugeln verschwenden müssen.“
Dave wartete die Bestätigung gar nicht erst ab und wechselte auf die Staffelfrequenz. „Hergehört, Dirty Pack. Dog Pack greift direkt an. Ich und Dusk sichern die Zigarre. Versucht, mit den Blakies auszukommen, ja? Max, was hast du für mich?“
„Es sind nur noch sieben Banditen. Aber BAS hat auch nur noch zwei Mühlen in der Luft, von der eine angeschlagen ist. Eine Bloodhawk und eine Peacemaker.
Der Gegner besteht aus vier Brigand, bei denen der Heckschützenplatz besetzt ist, einer Vampire und einer Rotte Valiant. Eine der Briganden und die Vampire sind bereits beschädigt.“
„Okay, Steel, das Spielfeld gehört Ihnen. Dusk, komm, wir schauen uns die Zigarre mal näher an.“ Dave drückte auf den Booster, und seine Fury machte einen Satz nach vorne. Neben ihm führte Melissa Vandersen das gleiche Manöver aus, um am Flügel ihres Leaders bleiben zu können.

Sie kamen sehr schnell näher und sahen das verzweifelte Kurbeln der BAS-Piloten, die nicht nur die beinahe unmögliche Aufgabe hatten, gegen sieben Gegner zu bestehen, sondern auch noch den Zeppelin zu beschützen. Der wehrte sich zwar verbissen mit Salven aus vier MG-Gondeln, aber der Kampf trug selten einen Piraten nahe genug heran, um gefährlich zu sein.
Zum Glück behinderten sich die Piraten gegenseitig bei ihrem Versuch, die verbliebenen Blakies abzuschießen.
„AVIGNON, hier Pack Leader, Callsign ist Armstrong. Armstrong und The Dusk kommen rein und übernehmen den Schutz des Zeppelins“, sagte Dave leise und entsicherte seine Waffen.
„AVIGNON hier. BAS ist informiert, aber nicht wirklich glücklich.“
„Alles hat seinen Preis im Leben“, kommentierte Dave amüsiert.
Sie kamen sehr schnell heran und machten damit auch die Piraten auf sich aufmerksam. Es krachte in der Leitung, dann rief eine hektische Stimme: „Verpisst euch, Ihr Abstauber! Die Zigarre gehört Andy Anderson und den Howling Hounds!“
„Halt die Klappe, Bleiente“, erwiderte Dave. „Wir sind nicht hier um abzustauben, sondern um die Zigarre zu verteidigen.“
„Barmherziger Samariter. Wenn du den Boden küsst, sag denen unten, die Howling Hounds hätten dich geschickt.“ Zwei Brigand brachen aus der Luftschlacht aus und nahmen Kurs auf die beiden heran kommenden Furys. Dave grinste. „Eigentlich wollte ich mir heute ja keinen Abschuss holen… Steel, ich hätte da was für Max zum spielen.“
„Schon gesehen. Bleiben Sie auf Kurs, Boss, und halten Sie die Geschwindigkeit“, meldete Ernst Stahl leise und konzentriert. Sehr konzentriert. „Jetzt, Max.“
Über dem Luftkampf brachen zwei agile Devastator aus einer Wolkenbank aus. Bisher hatte Max mit ihrer Flügelfrau Papillon von dort nur beobachtet. Nun aber griff sie ein.
Zwei Raketen lösten sich von Max´ Devastator und ihre vier 40er MGs begannen ihr heißes Feuer auszuspeien. Kurz noch antwortete der  Heckschütze der hinteren Brigand. Doch die Treffer, die sich über die Kanzel zogen, hinterließen nur ein Gewirr aus Glas und Blut. Gleich darauf begann die Brigand zu taumeln und stürzte ab.
Papillon hatte nicht so ein Glück mit ihrer Brigand, schaffte es aber, zumindest dem rechten Rumpf und Flügel einiges an Panzerung runter zu reißen.
„Sag, wenn du unten ankommst, das Dirty Pack hat dich geschickt“, knurrte Max wütend und riss ihre Mühle aus dem Sinkflug zu einem Steigangriff. Die Brigand kippte über den Flügel weg, um nicht erneut das Opfer zu werden. Nun löste sich die Valiant-Rotte und eilte der einsamen Brigand zu Hilfe.
„Schon gesehen, Boss“, kam Steels Stimme über den Kanal, bevor Dave auch nur etwas sagen konnte. Steels Fury schoss direkt aus der Sonne auf die vordere Valiant zu und feuerte mit allen MGs und der 70er Kanone. Die Valiant flog zu günstig für dieses Manöver und kassierte einen satten Motortreffer. Steel ließ es dabei nicht bewenden, vollführte einen Fokkerhüpfer und setzte noch einen oben drauf, als er von der zweiten Valiant selbst unter Feuer geriet. Aber da war auch schon die Vampire von Montjar heran und beharkte die Valiant im Passierflug mit den 60er MGs und beiden 70er Kanonen. Der Gegner war viel zu überrascht, um ebenfalls auf den Feuerknopf zu drücken.
Steel setzte deshalb seine Attacke ungehindert fort und jagte zwei Explosionsraketen in den Rumpf seiner Valiant. Montjar drehte ein, um den zweiten Banditen zu verfolgen. Für die enge Kehre machte sich die schwache Geschwindigkeit seines Monsters nun mehr als bezahlt.
Max setzte derweil mit ihrer Flügelfrau der zweiten Brigand zu.

Kurz darauf klang Jubel auf. „Sauber erwischt, Steel. Das war ein toller Schuss!“, rief Max aufgeregt. Die Valiant seines Gegners explodierte in einem Feuerball in der Luft. Das mussten die Tanks gewesen sein.
„Disziplin, Max“, sagte Steel ernst. „Du hast zwar schon einen runter geschickt, Mädchen, aber wir sind hier noch nicht fertig. Auf die Schulter klopfen können wir uns an Bord unserer Zigarre.“
„Aye, Chef“, erwiderte sie und Dave konnte ihr Schmunzeln beinahe vor sich sehen.
Dusk erreichte den Luftkampf der letzten beiden Brigands und der Vampire, die gerade die Peacemaker aufs Schrecklichste zerfetzte. Der Pilot stieg aus und sprang, wurde aber in der Luft von einer MG-Salve getroffen. Schlaff hing er in seinem Gurt, während der Fallschirm ihn sicher zu Boden trug.
„Dieses Schwein!“, rief Dusk aufgeregt und drückte auf den Booster. Ihre Fury machte einen Satz nach vorne, direkt in Reichweite des Vampire. Sie schoss seitlich zu ihm auf und eröffnete das Feuer auf ihn. Die Vampire ging in eine Fassrolle und von dort in einen Immelmann.
Dave seufzte leise. Er konnte Melissa ja verstehen. In der Seide zu hängen und beschossen zu werden gehörte zu den größten Ängsten, die ein Pilot hatte. Und es mit anzusehen musste jedem anständigen Flieger den Magen zusammen ziehen. Doch er fand durchaus, dass seine Flügelfrau überreagierte.
Entschlossen startete er den Booster und kam in Waffenreichweite, kaum dass der Vampire seinen Immelmann beendet hatte und nun knapp hinter Melissa war.
„BLITZ! BLITZ! BLITZ!“, rief Dave die Warnung über die Staffelfrequenz und feuerte eine Blitzrakete ab. Die Rakete explodierte nur ein paar Meter neben dem gegnerischen Flugzeug und ein heftiges Taumeln bewies ihm, dass der Pilot eine satte Dosis Licht abbekommen hatte. Er selbst hatte seine Augen rechtzeitig abgedeckt und war nun in der Lage, die Rache zu vollenden, die Dusk angefangen hatte. Die 70er Kanone röhrte auf und zerfetzte eine angeschlagene Fläche im linken Flügel. Die Salve aus den 40er MGs, die er hinterher setzte, riss die Struktur fast vom Flugzeugrumpf. Sein Gegner wagte ein vorsichtiges Ausweichmanöver, aber blind konnte er nicht navigieren. So blieb er gefangen zwischen der Wahl, abzustürzen und in der Luft zu verbrennen.
Dusk hatte eine enge Kehre gemacht und kam nun ebenfalls auf die Vampire zu. Sie würde sie von neun Uhr passieren.
Als Dusk in Waffenreichweite war, feuerte sie alles, was die Fury zu bieten hatte, auf die linke Tragfläche. Bei dieser Misshandlung gab das Metall endlich nach. Es riss ab und die Vampire stürzte zu Boden.
„Steig aus!“, rief Dusk. „Steig aus und lass mich dir von deiner eigenen Medizin geben!“
Unwillkürlich straffte sich Dave, um seine Flügelfrau harsch anzufahren, ließ es aber. Der Pilot stieg nicht aus. Nie wieder.

Die restlichen Flieger, die Brigandrotte auf der Jagd nach dem einsamen Blakie und die überlebende Valiant, machten dass sie in die Wolken kamen.
„Meldung“, kam Steels eiskalte Stimme über Funk.
„Max hier. Tank ist halbvoll. Munition reicht. Melde einen Abschuss und eine Unterstützung.“
„Papillon hier. Tank ist ebenfalls halbvoll, bin aber fast leer geschossen. Melde einen Abschuss.“
„Montjar hier. Mein Vogel hat Durst. Munition ist in Ordnung. Einen Valiant blutig nach Hause geschickt.“
„Dusk hier. Tank ist gut, Munition ist gut. Melde einen Abschuss.“
„Steel, hier Steel. Mein Tank ist halb leer, Munition ist gut. Melde einen Abschuss.“
„Armstrong hier. Tank halb voll. Munition gut. Melde eine Unterstützung.
Gut gemacht, Dirty Pack. Da werden heute einige von uns wohl zum Pinsel greifen können, um ihre Abschussmarkierungen auf den neuesten Stand zu bringen.
AVIGNON, Armstrong hier. Der Angriff ist vorbei. Ich wiederhole, der Angriff ist vorbei. Wir übernehmen die Außensicherung des Zeppelins. Nehmen Sie den BAS-Piloten also vorerst wieder an Bord. Außerdem schicke ich meine Hoplits aus, um nach den anderen Piloten zu suchen.“
„AVIGNON hier. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung. Eine genaue Frachtliste und der aktuelle Kassenbestand sind bereit. Falls einer Ihrer Vögel Munition oder Sprit braucht…“
„Meine eigene Zigarre kommt bereits in Reichweite, vielen Dank. Nachher ziehen Sie Munition und Sprit von den fünfundzwanzig Prozent ab, was?“, lachte Dave.
„So war es geplant, ja“, gab sein Gegenüber zu.

„Blakes Aviation Security, Pilot Jerry Ryan hier. Ich danke Ihnen für Ihre Unterstützung, Armstrong. Ohne Sie hätten wir alle alt ausgesehen. Wenn… Wenn Sie nach meinen Piloten suchen, Sir, dann… Bitte sehen Sie zuerst nach der Pilotin, die am Fallschirm hängend angegriffen wurde.“
„Du hast mein Wort, Junge. Wenn sie noch lebt, wird das noch einige Zeit der Fall bleiben“, sagte Dave ernst. Er wechselte den Kanal. „Rocket, falls du und Rainmaker die Zigarre gefunden habt, da kommen zwei angeschlagene Brigand und eine ziemlich mitgenommene Valiant auf euch zu. Einen oder zwei der Vögel dürfen wir uns heute noch gönnen. Und wenn sie den Boden knutschen, sagt ihnen einen schönen Gruß von Armstrong.“
„Rocket hier. Verstanden. Wir steigen und gehen in die Sonne. Dürfen es auch alle drei sein, Boss?“
„Übernimm dich mal nicht, alter Mann“, lachte Dave leise.
**
Zwei Stunden später stand David Armstrong Stone auf dem Flugdeck des Zeppelins. Neben ihm lagen zwei abgedeckte Körper auf dem Flugdeck.
Dave trug seine abgewetzte Fliegerjacke und noch immer die Lederkappe. Seine Hände spielten mit der breiten Silberschnalle an seinem Gürtel.
„Zwei Piloten“, hauchte der junge Mann vor ihm, während dessen Blick die beiden Toten fixierte. „Zwei gute Piloten, zwei Freunde sind tot.“
Dave trat einen Schritt vor und legte dem BAS-Piloten eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid. Wir konnten nur einen lebend finden. Er wird gerade behandelt, hat sich aber nur die Schulter gebrochen. Für das Mädchen kam jede Hilfe zu spät. Die Kugeln haben sie… Sieh besser nicht unter die Plane, Junge.“
Die Schultern des Piloten bebten. „Sie haben alle erwischt?“
„Bei den abgestürzten Piraten gab es keine Überlebenden“, sagte Dave leise. „Und die Flieger, die zurück zu ihrer Zigarre geflogen sind, wurden auf zwei reduziert. Nur die beiden Brigand haben es noch geschafft. Die Piratengruppe Howling Hounds gibt es nicht mehr.“
„Lo…Lohnt es sich, den Zeppelin runter zu holen?“, fragte Jerry ernst.
„Sicher. Aber nicht mit einer einzelnen Bloodhawk. Außerdem hast du hier immer noch einen Job zu erfüllen, oder?“
Der junge Mann sah zum ersten Mal von den toten Leibern seiner Kameraden auf. Nur knapp gebändigte Wut flackerte darin. „Ja… Sir…“ Wortlos wandte er sich ab.

Steel trat leise neben David. „Und wieder jemand, der bei der erstbesten Gelegenheit seine eigene Mühle klaut und auf einen tödlichen Rachefeldzug geht. Oder glauben Sie wirklich, der Bengel gibt Ruhe?“
Dave zuckte die Achseln. „Was geht es uns an? Wir wurden bezahlt, um die Zigarre zu schützen. Nicht um Babysitter für einen Piloten zu spielen, der durchaus mal  unser Gegner werden kann.“
„Eine harte Einstellung, Boss.“
„Gewöhnen Sie sich dran, Ernst“, sagte Dave leise. „Wir sind Piraten, kein Wohlfahrtsverband. Was sagte der Kapitän?“
„Capitaine Duchemin sagte, dass der nächste BAS-Stützpunkt Morgen früh eine Staffel ausschickt, um die verlorenen Maschinen an Bord zu ergänzen. Wir werden die AVIGNON also höchstens bis Morgen früh um zehn begleiten müssen. Duchemin hat mir auch die Frachtliste mitgegeben. Es sieht so aus als hätten wir die Wahl zwischen Whisky aus Dixie, Tonnenweise Baumwolle und diversen Luxusartikeln. In der Kasse waren achttausend Greenbucks, ich habe nachgezählt.“
„Bedeutet zweitausend für uns. Wirklich nicht schlecht für den ersten Tag als Pirat“, brummte Dave. „Wie viel Whisky?“
Steel grinste schief. „Zwanzig Fässer, Boss.“
„Wir sollten definitiv ein Viertel mitnehmen, Steel.“
Der Industrial-Pilot grinste schief. „Und in Utah verkaufen.“
„Ich dachte da mehr an Hollywood – wenn dann noch was da ist“, erwiderte Dave und erntete amüsiertes Gelächter von Steel.
**
Am nächsten Morgen traf die avisierte BAS-Staffel ein. Ihr Commander wechselte ein paar belanglose Worte mit David und den anderen Dirty Pack-Piloten und musterte die NORTH etwas zu genau, um lediglich neugierig zu sein. Anscheinend rechnete auch er damit, dass das Dirty Pack irgendwann mal auf der falschen Seite stehen könnte – gegen ihn.
Mit einem letzten Gruß und dem Rest von einem Viertel der Waren der AVIGNON verließ Dave den Zeppelin im letzten Gyro. Kurz spielte er mit dem Gedanken, den anderen Piraten zu jagen, zu vernichten und den Zeppelin in Sky Haven zu verkaufen. Aber dann entschied er, dass der Aufwand zu groß war. Sie hatten in den letzten Tagen bereits zwei Luftkämpfe hinter sich, und das nicht gerade gegen die Besten. Sich in noch einer Luftschlacht zu verausgaben würde nur bedeuten, sich vorsätzlich zu schwächen.

Zurück an Bord hatte David Stone die sehr angenehme Aufgabe, zuerst jedem Piloten für Unterstützung und Abschuss eine Prämie auszubezahlen und anschließend das Restgeld anteilmäßig unter der Besatzung aufzuteilen. Hundert Dollar steckte er aber ungefragt in die Schiffskasse. „Davon gibt es in Sky Haven Hummer für alle“, kommentierte er grinsend.
Sam Rogers fing Dave ab, als er gerade wieder an seinem Lieblingsplatz stand und die unter ihnen dahin gleitende Landschaft betrachtete. „Boss, ich glaube, da ist ein Irrtum beim Zahlmeister passiert. Ich habe zuviel gekriegt. Er hat mir doppelten Anteil ausbezahlt. Ich meine, schlecht ist es nicht, da gibt es dieses Schweißgerät, das ich mir kaufen wollte. Aber was, wenn ich es wieder zurückzahlen soll?“
Dave klopfte der kleinen Frau auf die Schulter. „Sam. Erstens verkaufen wir ja auch noch die Waren von der AVIGNON, das bringt noch mal Geld für jeden. Und zweitens giltst du hier als Offizier. Und Offiziere kriegen zwei Anteile.“
„Lamettastute? Nein danke. Ich meine, Hey, das ist wirklich nichts für mich.“
„Leitest du meine Technikertruppe, ja oder nein?“, begehrte Dave sanft auf.
„Schon, schon, ist ja auch kein Problem, und du kannst dich auf mich verlassen, Boss.“
„Na, dann ist ja alles gesagt, oder?“, sagte Dave amüsiert und widmete sich wieder seiner Aussicht.
„Wenn man es so sieht, dann danke, Boss. Dann sollte ich mal an die Arbeit. Steels Fury hat an einigen Stellen Panzerung eingebüsst, da muß ich noch jemanden ran setzen.“
Dave verabschiedete die Technikerin mit einem Nicken.

„Sie ist süß, oder?“, stellte Blue leise fest, als er mit zwei dampfenden Tassen Kaffee zu ihm trat.
„Ich versuche gerade, es nicht zu sehr zu bemerken“, erwiderte David leise. „Danke.“
Er trank einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht. „Nett, dass du auch etwas Kaffee in den heißen Whisky getan hast.“
„Ist das Zeug aus den Fässern. Ich habe zwei davon für den Bordgebrauch requiriert. Feines Zeug, das. Heute Abend geben wir einen aus.“
„Einverstanden. Wir sind sowieso nur noch sechzehn Stunden von Sky Haven entfernt.“ Dave seufzte leise und streckte sich. „Ich hätte mir einen Abschuss holen können, Blue.“
„Das habe ich gesehen. Sam strahlt dich sowieso immer so an, da hat eigentlich nur noch ein Druck auf den Booster gefehlt.“
Dave warf seinem besten Freund einen bösen Blick zu. „Das meinte ich nicht. Die Vampire. Ich habe sie Dusk überlassen. Sie war so sauer auf den Bastard, der auf einen Piloten in der Seide geschossen hat. Ich denke, es war ihr eine innere Befriedigung. Ich weiß nur nicht, was ich getan hätte, wenn der Bursche ausgestiegen wäre und Melissa auf ihn geschossen hätte.“
„Du hättest natürlich das getan, was jeder anständige Pirat getan hätte, Armstrong“, sagte Blue Daines leise.
„Und das wäre, Neunmalklug?“
„Was immer du willst, Boss. Was immer du willst.“ Jeff grinste schief und stieß mit seinem Vorgesetzten an.
„Was dagegen, wenn ich mich dazu geselle?“, fragte Ernst Stahl leise. Er zeigte seinen Kaffeebecher. „Ich habe auch das richtige Equipment.“
Misstrauisch schnüffelte Blue an dem Kaffee. Dann zog er einen Flachmann hervor und goss dem Industrial reichlich ein. „Hier, Geschmack.“
„Trinken am helllichten Tag?“, wunderte sich Steel, nippte aber am Kaffee.
„Trinken wäre es, wenn hiernach ein zweiter und ein dritter folgen würden“, korrigierte Blue. „Im Moment ist es genießen, well?“
„Zugegeben“, brummte Steel.

Nach einiger Zeit des Schweigens fragte der Industrial schließlich: „Wie ist Sky Haven eigentlich so? Ich habe gehört, man kann dort eine Menge kriegen.“
„Man kriegt alles in Sky Haven. Wenn man den Preis bezahlen kann“, sagte Dave mürrisch. „Sie können sich sogar einen Sklaven zulegen, wenn Sie das wünschen.“
„Das ist ja barbarisch“, entfuhr es dem Piloten. „Was ist das für eine Stadt?“
„Die paradiesischste Hölle auf Erden“, antwortete David Stone leise und nippte an seinem Kaffee. „Mit den besten Bastarden, die es auf dieser Welt gibt.“
**
Max war auf hoher Sicherung. Sie flog in einer Höhe von zweitausend Meter knapp unter einer dicken Wolkenschicht, die der letzte Ausläufer des Orkans vom Montag war. Von dort hatte sie eine wundervolle Aussicht über das Farmland.
Unter anderem erkannte sie dabei auch das geschmeidige Flugzeug, welches knapp hinter dem Verteidigungsparameter der NORTH STAR vorbeizog und in Reichweite von Happy kam, der Rückensicherung flog.
„Happy, du kriegst Besuch.“
„Danke für die Warnung, Max. Aber das ist nur unser Kumpel von BAS. Ich habe schon mit ihm gesprochen. Er ist von der AVIGNON ausgebüxt, um seine Kameraden zu rächen.“
„Gut, lass ihn durch. Ich beobachte ihn sicherheitshalber weiter. Und gib bitte Blue und der NORTH Bescheid.“
„Verstanden, Max.“
Sie zog ihr Fernglas und betrachtete die BAS-Bloodhawk mit der eindeutigen Lackierung. Der Pilot passierte Happy und wackelte mit den Flügeln, bevor er in Richtung Texas weiter flog. „Viel Glück, du Idiot“, brummte Maxine leise. „Und nimm gefälligst jemanden mit, wenn du stirbst.“
***
Das Ergebnis der Nachtübung überraschte „Steel“ nicht besonders. Auf jeden Fall nicht in positiver Hinsicht. Am Tage guter Durchschnitt, ja vielleicht sogar teilweise wirklich gut, waren die Leistungen seiner Piloten jetzt eher unterdurchschnittlich. Nicht, daß es ihn überrascht hätte. Nachteinsätze waren eine Kunst, die nicht sehr verbreitet war – und erst recht nicht das Starten und Landen von einem Zeppelin aus. Die Jäger in die Luft zu bekommen war noch relativ einfach. Aber dann begannen die Schwierigkeiten. Denn um in der Nacht fliegen und vor allem KÄMPFEN zu können, brauchte man Erfahrung im Blindflug, erstklassige Nerven und „Nachtaugen“. Von Stahlheim hatte nicht mit Kritik gespart und seinen Piloten ziemlich deutlich klargemacht, was er von ihren Fähigkeiten hielt.

Ja, bei der Luftwaffe hatte man inzwischen ein spezielles Verfahren entwickelt, bei dem Nachtjäger von Funkmeßstationen am Boden dirigiert wurden. Aber so etwas gab es hier nicht – genauso hätte „Steel“ sich ein Radarsystem wünschen können, das in ein Flugzeug paßte.
Schon die Staffel in Formation zu halten war schwierig – und unter Kampfbedingungen währe das noch der einfachste Teil der Übung gewesen.
Die meisten Piloten waren ziemlich hoffnungslose Fälle. Er schätzte zwar, sie nach ein paar Monaten Intensivtraining zu halbwegs passablen Nachtfliegern machen zu können – aber dazu würden sie wohl weder die Zeit, noch das Material haben. Denn die Gefahr war zu groß, daß bei solchen Übungen – und vor allem bei der heiklen Landung – Maschinen zu Bruch gehen würden. Nein, er würde Armstrong nahelegen, die Männer (und Frauen) mit Talent auszusuchen und gezielt auszubilden, um so ein paar aussichtsreiche „Nachtflugkandidaten“ zu fördern, als es bei allen zu versuchen.
Er selber war voll ausgebildet für den Einsatz in der Nacht – einschließlich Blindflug, Nachtjagd und Landung auf einem Zeppelin. Er mußte eher noch aufpassen, nicht zu erfahren zu wirken.
Max war nach von Stahlheims Meinung noch der aussichtsreichste Kandidat in der Staffel, auch wenn bei dieser Einschätzung wohl auch etwas von seinem Interesse an der jungen Pilotin mitspielte. Immerhin war sie die „Wahlschwester“ des Kommandanten und offenbar mit dem Zeppelinkapitän liiert. Gemeinsames Training bot sicher die beste Gelegenheit, sie unauffällig auszuhorchen. Natürlich hieß es, Männer und Frauen würden am meisten im Bett reden, aber Ernst von Stahlheim hielt sich nicht für so unwiderstehlich, es auf diese Art und Weise zu versuchen. Vor allem hätte das zu schnell Ärger mit dem Kommandanten oder diesem „Blue“ gegeben...
Momentan hatte „Steel“ sich zusammen mit Max von den anderen vier Maschinen abgesetzt, die auf seine Kommandos verschiedene Kursänderungen und Flugmanöver durchführen mußten. Das Ergebnis war ziemlich unbefriedigend. Als sich von Stahlheim und Max einmal unmittelbar vor die eigenen Maschinen gesetzt hatten, hatte keiner der Piloten sie gesehen – trotz mehrmaligem Nachfragen. So ähnlich war es verlaufen, als „Steel“ probehalber ein paar mal in Schußposition gegangen war. Jetzt testete er vor allem die Fähigkeiten seiner momentanen Flügelfrau. Besonders verschwenderisch mit Lob war er aber auch nicht.

„Sieh gefälligst genauer hin! Bei Nacht kannst du dir noch weniger Fehler erlauben, als am Tag. Ich will verdammt sein, wenn ich ein Baby bei einem Nachteinsatz mitnehme! WIEWEIT...“ Die Stimme von Steel brach abrupt ab, was vielleicht auch gut war. Max hatte sich nur noch mühsam beherrschen können. Doch als der Funkempfänger stumm blieb, sah sie sich irritiert um – doch immer noch flog Steels Maschine kaum zwanzig Meter neben ihrer Devastator. „Steel?“
„Mund halten. Ihr da vorne, Kurswechsel auf Dreißig Grad – JETZT!“ Die vier Maschinen gehorchten, mehr oder weniger zügig, aber diesmal enthielt sich der Staffelführer eines Kommentars. Statt dessen befahl er Max nur knapp: „Steigen auf zweihundert. Und behalt unsere Freunde im Auge!“
Die beiden Maschinen stiegen und getreu dem Befehl starrte Max angestrengt in die Nacht, um die anderen Maschinen zu erblicken. Der Mond schien nur schwach, aber der Kurswechsel hatte die vier anderen Maschinen auf einen neuen Kurs gebracht, über ein Feld hinweg – vor dem hellen Boden zeichneten sich die Maschinen deutlich ab. Sie schienen sogar Schatten zu werfen – nein, keinen Schatten...
„Steel...“
„Ich sagte Mund halten. Du fliegst an meiner Drei und tust, was ICH sage. Ich sehe unsere Freunde genau.“ Aber da unten flogen nicht vier Maschinen, sondern fünf... Etwas unterhalb der Viererformation und vielleicht hundert Meter dahinter jagte eine einzelne, gedrungene Maschine dahin.
Steel funkte jetzt die andere Staffel an, die unter der Führung von Armstrong ebenfalls einen Nachtflug absolvierte: „Commander, wie geht es bei Ihnen? Alle noch da, oder hat sich das erste Küken schon in den Boden graviert?“
Max’s „Bruder“ klang eher amüsiert: „Nein, etwa bei Ihnen? Das müßte ich vom Sold abziehen. Aber ich scheuche die Herde jetzt mal wieder zurück nach Hause.“
„Na dann guten Flug...“ Steel’s Stimme hatte abwesend geklungen. Doch als er sich dann wieder meldete, war nichts Abwesendes oder Zögerndes darin. Seine Stimme war kalt, stählern: „MAX – PAUCKE! PAUCKE!“
Den Begriff hatte Maxine Ciavati das erste Mal bei ihrem „Bruder“ gehört. Es war bei deutschen Piloten üblich und bei allen, die von ihnen ausgebildet worden waren: ANGRIFF! ANGRIFF!

Die Fury und die Devastator ließen sich wie Steine fallen – doch die feindliche Maschine reagierte schon, kurvte zur Seite weg. Max‘s Salve ging ins Leere.
Im Funk explodierten förmlich die Stimmen der anderen Piloten: „Was ist los!!“
„Steel! Wir werden beschossen!“
„Achtung, Achtung...“
„Maul halten!“ Steel brüllte regelrecht, was seinen deutschen Akzent noch verstärkte: „Das Schwein hört den Funk ab. Zurück zum Zeppelin ihr Idioten! Max – ich will den Hurensohn am Boden!“

Tatsächlich schaffte es aber Steel als Erster, mit seiner wendigeren Maschine in der Sechs seines Gegners aufzutauchen. Er drückte auf alle Feuerknöpfe. Doch praktisch sofort blockierte die 70er Kanone. Die 30er und 40er funktionierten zwar, wurden aber von einer doppelten Leuchtspur beantwortet, die unangenehm genau im Ziel lag – eine Brigand! Ruckartig ließ von Stahlheim sein Flugzeug zur Seite ausbrechen, tauchte in der Dunkelheit unter. ‚Verdammter Hund! Er versteht was vom Nachtkampf – aber das Spiel können auch zwei spielen!‘ Während Steel versuchte, sich wieder an den feindlichen Jäger zu hängen, flog Max einen Angriff. Doch ihre erste Salve war falsch gezielt, zerschnitt nur die Luft. Während sie noch versuchte, den Vorhaltewinkel neu einzuschätzen, entkam ihr der Feind, während seine Heckgeschütze loshämmerten und ein halbes Dutzend Treffer die Defender erschütterten.
Steel versuchte jetzt, sich von seitlich unten anzupirschen, aber der Brigand-Pilot bewies einmal mehr, daß er sein Handwerk verstand, indem er die Schnauze nach unten drückte und seine Maschine erst in knapp zwanzig Metern Höhe abfing.
‚Jetzt reicht es!‘ „Max! Steigen – Jetzt!“
„Steel...“
„TU ES, VERDAMMT!!“ Dann drückte von Stahlheim auf den Raketenknopf, riß seine Maschine nach Oben und preßte die Augen zu. Natürlich hatte er kaum Chancen auf einen Direkttreffer – aber das war auch gar nicht nötig. Denn es genügte, daß die Raketen etwas vor der unbekannten Brigand explodierten – und das Dunkel der Nacht mit einem gleißendem Doppelblitz zerrissen.
Es dauerte fast eine halbe Minute, bis er wieder richtig sehen konnte, während Max im Funk nicht sehr damenhaft äußerte, sondern den Staffelchef mit einem Mix aus englischen, italienischen und indianischen Flüchen belegte.
Sie hielt erst inne, als ein seltsames, rasselndes Geräusch aus dem Funkempfänger erklang. Dann begriff sie – Steel lachte. „Was findest du so komisch?!“
„Schau mal nach unten – Fünf Uhr.“ Dann sah sie es. Die kurze Zeit hatte gereicht, damit das Feuer am Boden hochlodern konnte. Und Max wußte, was so schnell brannte, was da unten explodierte. Flugbenzin, Munition, Raketen.
„Soviel zu diesem Spion.“ Selbst über Funk war Steel’s grimmige Befriedigung zu hören.
Max schluckte kurz, während sie sich bewußt wurde, daß das da unten auch sie hätte sein können, wenn sie nicht dem Befehl ihres Staffelführers gefolgt währe: „Originelle Taktik.“
„Danke. Aber für den ersten Nachtkampf hast du dich gut geschlagen. Du machst dich. Wenn wir tatsächlich mal einen Nachtraid fliegen, bist du bestimmt dabei.“
„Du weißt ja gar nicht, wieviel mir das bedeutet.“
„Na ja – genug gequatscht. Nächster Stopp Heimat – Hauptsache diese Blindschleichen haben das Zeppelin gefunden...“

Dann erst informierte Steel den Commander, der natürlich wissen wollte, was zur Hölle vorgefallen war. Auf die Frage, ob es Sinn hätte, sich nach Überlebenden umzusehen, bemerkte Steel nur lakonisch, dann müßten die Gegner aber über eine besondere Begabung verfügen – aus zwanzig Metern Höhe aussteigen zu können. Und Fallschirme besitzen, die sich in so einer Höhe öffnen könnten...

Beim Zeppelin erwartete Steel eine angenehme Überraschung. Die anderen Flugzeuge seiner Staffel hatten es tatsächlich nach Hause geschafft und sie waren sogar ohne Schäden oder Bruchlandungen „auf den Boden“ gekommen. ‚Vielleicht taugen sie wenigstens für einen Überführungsflug in der Nacht...‘ Dann wandte sich der Mann, der sich Ernst Steel Stahl nannte seinen momentanen Kameraden zu, um die Glückwünsche entgegenzunehmen, Fragen zu beantworten und detailliert dem Commander zu berichten.
Die unbekannte Brigant war der vierzehnte Abschuß Ernst Karl von Stahlheims gewesen.