Ghost Hunt - Besessen

GeschichteMystery / P12
17.10.2009
24.10.2009
2
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Hi, das hier ist die Fortsetzung von „Ghost Hunt – Trennung“. Eigentlich ist es eine Art Vorgeschichte im Flashback erzählt. Na ja, ich hoffe es gefällt.


-Run-

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Kapitel 1 – Erinnerungen Part 1 oder An einem dunklen Ort ohne Namen
Lin blickte von seinem Bildschirm auf. Es war mal wieder Zeit nach dem Rechten zu sehen. Schnell schnappte er sich seine Tasse, um einen Vorwand zu haben, in den kleinen Empfangsraum des Büros zu gehen.
„Meine Güte, so viel Tee wie in den letzten Paar Tagen, habe ich noch nie getrunken“, sinnierte er vor sich her. Allerdings war er dafür verantwortlich, dass es Kazuya Shibuya gut ging und er seinen Körper nicht durch irgendeine Unvorsichtigkeit unnötig belastete.

Im Empfangsraum nutzte er die kurze Zeit, die er hatte, bevor Mai ihn bemerkte, um sie ausgiebig zu mustern. Das Mädchen war wirklich hübsch. Sie hatte Ehrgeiz und ein Gefühl für Verantwortung. Was er aber am meisten an ihr bewunderte, war ihr selbstloses Herz.

„Ist etwas Lin?“, fragte die Brünette nach, als sie den Chinesen, mit der Tasse in der Hand, endlich bemerkte. Der Angesprochene lächelte kurz und hielt die Teetasse hoch.

„Ach ja, warte. Ich schenke dir nach. Habe ihn gerade erst aufgebrüht.“ Mai lächelte zurück und schenkte die braune Flüssigkeit nach. Lin wollte sich gerade bedanken, als ihr gemeinsamer Chef aus seinem Büro trat.

Der Schwarzhaarige war zwar erst siebzehn Jahre alt, doch führte er schon dieses Büro. Das lag daran, das Kazuya – oder Naru, wie er von Mai, Lin und den anderen freischaffenden Mitarbeitern genannt wurde – trotz seiner Jugend ein Genie auf dem Gebiet der Paranormalen Forschung war.

Viele Leute mochten nicht an solche Sachen wie Flüche, Geister und – nun ja – auch Dämonen glauben, doch trotzdem lief ihr Büro recht gut. Wie man an ihrem letzten Auftrag sah.

Eine Geisteraustreibung aus einer Villa. Die Auftraggeberin war die Schwester eines Politikers gewesen und obwohl ihr Mann vom Geist schwer verletzt worden war, so war sie mit dem Resultat ihrer Arbeit doch sehr zufrieden. Frau Usui – so der Name der Auftraggeberin – versprach auch unbedingt die SPR weiterzuempfehlen. Wie hatte die Frau es noch so schön ausgedrückt?
„Man merkt, dass sich etwas verändert hat. Es fühlt sich an, als wäre die Luft rund um das Haus nicht mehr so schwer und sehr viel reiner.“

Nun, das hieß, ein weiterer zufriedener Kunde. Eigentlich alles gut. Der Auftrag an sich, war auch nicht dass, was den Chinesen beschäftigte. Etwas war an dem Abend passiert, als er Herrn Usui und seine Frau ins Krankenhaus gefahren hatte. Etwas, was Mai jedes Mal rot werden ließ, wenn sie den Schwarzhaarigen sah oder hörte. Erst gestern hatte sie seinen Lieblingsbecher zerbrochen, weil Naru hinter sie getreten war und etwas von ihr wissen wollte.

Das Schlimmste für Lin war aber, dass Bou – san – der blonde Mönch – zu wissen schien, was in dieser Nacht passiert war und es wurmte ihn, dass dieser sich darüber ausschwieg.

Nun, der Assistent war froh darüber, dass sein Boss die Schülerin wieder eingestellt hatte, nachdem ihr kurzzeitiger Arbeitgeber – Reimei Minami – das Zeitliche gesegnet hatte.

Der Chinese schnappte sich die nachgefüllte Tasse, bevor Mai diese wieder fallen lassen konnte und verschwand zurück in sein Büro.

Wieder am Computer sitzend, machte sich Lin Gedanken darüber, was sich in dem Verhältnis der beiden verändert hatte.

Kleinigkeiten, die nicht mehr so waren, wie sie noch vor einpaar Wochen waren, hatte er schon festgestellt. Nur waren das nur Kleinigkeiten, nicht zu vergleichen mit der Auseinandersetzung – oder viel mehr dem Fehlverhalten von Seiten Narus – die zur Folge hatte, dass Mai gegangen war.

Das Naru sie nach dem Tod von Minami wieder eingestellt hatte, war gleichzusetzen mit einer Entschuldigung. Obwohl also eigentlich alles beim alten war, machte sich Lin doch große Sorgen. Sein Zögling war noch nie so emotional gewesen. Zumindest nicht seitdem sie sich kannten.

Lin hatte da schon eine Vorahnung, warum diese Veränderungen in Naru vorgingen. Er musste schmunzeln, wenn der Schwarzhaarige jemals das über Mai erfahren würde, was er seit mehreren Wochen wusste, dann würde das, seine Welt ins wanken bringen.

Lin lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück, schloss kurz die Augen und erlaubte es sich an diese merkwürdigen Tage zu erinnern. Diese Tage hatten sein Verhältnis zu der jungen Japanerin komplett neu definiert…

oOo Flashback oOo


Es war vor gut zwei Monaten. Der Auftrag war eine relativ komplikationsfreie Geisteraustreibung. Der einzige, der Mai, Naru und Lin begleitete war John Brown gewesen. John war ein sehr junger katholischer Priester, der sich auf die Kunst des Exorzismus verstand. Das vierköpfige Team brauchte nur fünf Tage, um alle Tests durchzuführen und das Bürogebäude – welches abgerissen werden sollte – von seinen Geisterbefall zu befreien. Lin war gerade dabei die Messgeräte einzupacken. Einen kurzen Moment lang fühlte er sich beobachtet. Nach einem kurzen Blick hinter sich, verflüchtigte sich aber dieses Gefühl. Einige Sekunden vergingen. Dann spürte der Chinese warmen Atem in seinem Nacken und zeitgleich setzte ein brennender Schmerz seinen Körper außer Gefecht. Dankbar sank er in die aufkommende Dunkelheit, als die Ohnmacht ihn endlich von der Qual befreite.

Als er wieder zu sich kam, umfing ihn immer noch die Dunkelheit. Hatte Lin diese vorher noch als gnädig empfunden, so engte sie ihn ein. Um ihn herum war nichts als Schwärze. Sie fühlte sich warm an, aber nicht angenehm, es war so, als würde diese Dunkelheit atmen. Fühlen. LEBEN!

Der Chinese versuchte um Hilfe zu rufen. Schrie die Namen seine Kollegen. Doch ihm antwortete nur sein eigenes Echo.

Wie lange er in dieser Dunkelheit und Stille gesessen hatte, wusste er nicht mehr. Waren es Stunden? Oder doch schon Tage? Vielleicht auch eine Woche? Hier in dieser seltsamen Welt verlor Lin langsam das Zeitgefühl. Es machte ihm Angst. Nicht zu wissen wo er war. Ob er jemals wieder in die normale Welt zurückkehren würde?

Auf einmal flog ein kleines Licht an ihm vorbei. Umrundete den hockenden Mann einmal und landete auf seiner ausgestreckten Hand. Lin war verwundert. Woher kam den dieses Glühwürmchen? Da tauchte auch schon ein weiteres auf. Dann noch eines und zum Schluss wimmelten etwa zehn dieser Tierchen um ihn herum.
Lin fragte sich, woher die Glühwürmchen kamen, als er die Anwesenheit einer zweiten Person wahrnahm.

Der Chinese blickte auf und sah in dunkle Augen, die er doch so gut kannte.
„Hallo Lin“, begrüßte ihn der Junge, der vor ihm stand und von den leuchtenden kleinen Lichtern umgeben war.

„Was machst du hier?“, fragte der Chinese absolut perplex.
„Wir haben uns lange nicht gesehen Lin“, sagte die Erscheinung. „Ich existiere hier, um deine Frage zu beantworten.“
„Aber wie…was…?“, stotterte Lin absolut fassungslos.
„Komm mit, ich bringe dich an einen Ort, wo du Hilfe bekommst.“

Lin stand auf und folgte dem Jungen vor ihm. Immer noch staunte er über die Person, die vor ihm schritt.

Die Glühwürmchen folgten den Beiden. Sie erleuchteten die bedrückende Dunkelheit.

In Lins Kopf war nur für einen Gedanken Platz: „Wir war das möglich?“
Noch bevor er eine Frage stellen konnte, hielt der vor ihm Gehende an.
„Hier sind wir schon.“
Lin sah sich um. An diesem Ort war es genauso dunkel und schwarz, wie an dem Platz, an den er vorher gewesen war.

„Was…ich verstehe nicht…?“
„Warte es nur ab, gleich wirst du verstehen.“ Lin sah in diesem Moment ein, dass es keinen Sinn hatte weiter zu fragen.
„Du bist mir aber trotzdem eine Erklärung schuldig Gene…“
„Danach“, antwortete sein Gegenüber mit einem sanften Lächeln. Auch die Frage nach dem „wonach“ sparte sich der Chinese.

Da setzte auch schon die Veränderung ein. Aus dem finsteren Nichts zu Lins Füßen wurde eine Straße und ein Fußweg. Eine richtige Landschaft erschreckte sich nun vor ihnen. Das Wort „Landschaft“ stimmte aber nicht so ganz. Es war eine Umgebung, die dem Älteren der beiden bekannt vorkam. Es war das Bürogebäude, in dem die SPR, den Exorzismus durchgeführt hatte.

Doch etwas war seltsam. Das Hochhaus war zwar in etwa denselben zustand, wie Lin es in Erinnerung hatte, aber diesmal war es nicht der Zerfall; der in die Stahlträger sehen ließ. Diesmal war es der Aufbau des Gebäudes.

Das sagte Lin, dass das Bild, welches ihm gezeigt wurde aus den Siebzigern stammen musste. Er runzelte verwirrt die Stirn. Was hatte das zu bedeuteten? Noch bevor er eine Frage stellen konnte, hörte der Chinese eine wohlbekannte Stimme.

„Lin?“, entfuhr es Mai ganz entgeistert. Auch der Angesprochene schaute die Schülerin absolut verblüfft an.
„Was suchst du hier?“, wollte das Mädchen wissen.
„Das selbe wollte ich dich auch gerade fragen.“
„Hehe…“, Mai lachte verlegen auf und kratze sich am Hinterkopf. „Na ja, das ist meine Traumwelt…denke ich mal. Jedes Mal, wenn ich einen „dieser“ Träume habe, dann ist Naru hier um mich zu führen und dann fühlt es sich auch so seltsam an. Nicht wie ein Traum.“

Da erst wurde der Brünetten klar, dass sie Lin – ausgerechnet Lin! – verraten hatte, dass mehr oder weniger regelmäßig von ihrem Boss träumte. Schlagartig wurde sie rot und blickte verlegen zur Seite.

„Nun“, meldete sich eben erwähnter Schwarzhaariger zu Wort, „du hast mir doch erzählt, dass seit dem Tag, als ihr von dem Exorzismus bei der “Recycling Envelopment Ltd.“ durchgeführt habt, Lin sich so merkwürdig verhalten würde. Er verhält sich so, als ob er keinen von euch kennen würde. Als wäre Lin nicht Lin, das hast du doch gesagt?“

„Ja, und seit zwei Tagen ist Lin…also du…also dein Körper…ähm…der, der so tut als wäre er du“, stotterte Mai in Richtung des Chinesen, da sie nicht wusste, wie sie es ausdrücken sollte, “ist seit zwei Tagen nicht mehr bei uns im Büro gewesen. Naru hat gesagt, er hätte versucht dich zu erreichen, aber weder Zuhause noch am Handy hättest du abgenommen.“

„Zwei Tage…“, murmelte Lin leise. „Wie lange bin ich denn, schon hier und wann habt ihr gemerkt, dass ich nicht ich bin?“
Die Frage, WO er denn überhaupt war sparte sich der ältere lieber für Narus Ebenbild auf.

„Was ist denn das Letzte woran du dich erinnerst?“, fragte Mai zurück.
„Ich habe die Messgeräte, die für dich zu schwer waren, zusammengepackt und im Auto verstaut. Als ich die Wärmebildkamera samt Monitoren transportfähig gemacht habe, fühlte ich mich kurz beobachtet und dann spürte ich warmen Atem im Nacken. Gleich danach, habe ich mich hier wiedergefunden. Ich weiß aber nicht, wie lange ich hier schon festsitze. Die Zeit scheint an diesem Ort bedeutungslos zu sein.“

„Nun, das ist jetzt mittlerweile eine Woche her“, beantwortete Mai seine Frage. „Um zu dem zweiten Punkt zu kommen, wann wir bemerkt haben, dass du nicht du bist. Das ging eigentlich recht schnell. Zumindest für mich. Ich hatte eine Art Vision, als wir auf der Heimfahrt waren. Von da an habe ich dich…viel eher deinen Körper beobachtet. Derjenige, der jetzt von dir Besitz ergriffen hat, kennt sich in unserer Zeit nicht aus. Er saß vor dem PC, wie der Ochs’ vor dem Klavier“, lachte Mai. „Ich glaube, da fiel es auch Naru richtig auf. Trotzdem hat er es noch ausgetestet, aber danach war er überzeugt, dass das nicht du bist.“

„Wie hat Naru es denn ausgetestet?“, hakte der Chinese nach.
„Ähm ja…“, begann Mai zu stammeln. Es schien ihr furchtbar peinlich zu sein, denn sie lief rot an, blickte verschämt zur Seite und mied jeden Augenkontakt. „Es war ein narrensicherer Test, dass muss dir reichen“, wich sie zum Schluss der Frage aus.

Lin beließ es erstmal bei dieser Antwort, denn das Grinsen des jüngeren Schwarzhaarigen, sagte ihm, dass er die Antwort sowieso bekommen würde.
„Was jetzt?“, fragte er stattdessen nach.
„Tja, schauen wir uns das mal an“, meinte die Traumversion des Chefs der SPR und deutete dabei auf das Hochhaus vor ihnen.

Die drei betraten gemeinsam das Gebäude. Von Innen war das Haus noch die Reinste Baustelle. Überall lagen Zementsäcke herum, grauer Beton verunstaltete bereits die Wände und das Glas an den Fensterfronten war noch nicht eingesetzt. Einen kurzen Augenblick nutzte das Grüppchen, um sich ihre Umgebung genau zu betrachten. Dieser Moment währte nicht lange, da ihre Aufmerksamkeit fast sofort von lauten Stimmen beansprucht wurde.

Die Drei folgten wie hypnotisiert dem Geräusch. Je näher sie den Stimmen kamen, desto mehr konnten sie hören. Es waren zwei Männer, die sich stritten.  Der Herkunftsort dieses Streitgesprächs stellte sich als ein unfertiger Raum heraus, der provisorisch als Büro des Bauplaners benutzt wurde.

„Das kannst du nicht machen! Das bedeutet das Ende meiner Existenz. Wenn ich diesen Job verliere, kann ich nirgendwo mehr hin. Ich habe eine Frau und ein Kind zu ernähren“, hörte Mann die tiefe und aufgebrachte Stimme eines Mannes.
„Du hast es doch selber verbockt! Du bist dafür verantwortlich, dass mit dem Material alles stimmt und was machst du? Du wechselst einfach die Lieferanten und lässt extrembillige Baustoffe kommen, nur um die gesparten Kröten in deine eigene Tasche fließen zu lassen!“, hallte nun auch, die nicht minder aufgebrachte Stimme des zweiten Bauarbeiters deutlich durch die leeren Räume.

„Ich gebe dir jetzt noch eine Chance“, erklärte der zweite Mann, „entweder du meldest dich morgen sofort beim Vorarbeiter und sagst ihm das oder ich werde das machen.“
„Gut“, schien der Angesprochene einzulenken, „ich werde morgen Herrn Asawari alles beichten.“
„Hör mal, die Sache mit deinen Geldproblemen werden wir schon irgendwie lösen, wenn  Asawari dich rausschmeißen sollte, ich habe einen Schwager, der führt eine Reinigung. Der sucht immer neue Arbeitskräfte. Glaub mir, das wird schon“, versucht nun der erste Sprecher beruhigend auf den Zweiten einzureden.

Das Grüppchen, bestehend aus Lin, Mai und der Traumversion von Naru, war während des Streits an eine Wand gedrückt stehen geblieben. Obwohl das hier, nicht mehr als die flüchtige Erinnerung an eine längst vergessene Zeit war, so war sich weder Mai noch Lin sicher, ob die Streitende, sie nicht doch sehen konnten.

Die Position erlaubte es den Dreien zwar ungesehen Zeuge der akustischen Ereignisse zu werden, dafür konnten sie sich die Geschehnisse im Raum selber nur erahnen.

Schritte waren zu hören, so als versuche der eine Mann den anderen schnell einzuholen. Dann ein überraschter Aufschrei und ein dumpfer Schlag. Dann ein zweiter und noch ein dritter.

Das kleine Grüppchen, welches immer noch vor dem Raum stand, beeilte sich um ein sicheres Versteck zu finden, denn jetzt kamen die Geräusche aus dem Zimmer immer näher. Hinter einer Betonsäule gut außer Sicht, konnten Naru, Lin und Mai beobachten, wie einkräftig gebauter Typ, mit schwarzen Haaren und dem Gesicht einer Bulldoge. Die Kleidung des Mannes war mit Blutflecken bespritzt. Er zog den bewegungslosen Körper eines zweiten Mannes hinter sich her. Die langen Haare des Gezogenen waren mit Blut verklebt und die rote Flüssigkeit rann in den Stoff seines Hemdes.

Während das Bulldogengesicht damit beschäftigt war, den reglosen Körper in Abdeckfolie einzuwickeln, schlichen sich die drei Beobachter in den nun leeren Raum. Was sie dort sahen, ließ Mai zittern und ihr kam das Essen hoch. Die beiden Männer waren etwas gefasster, doch auch ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.

Die Frontwand des Zimmers war mit Blutspritzer übersäht, auf dem Boden direkt davor hatte sich eine Lache mit der Flüssigkeit gebildet. Das war wohl die Stelle, an der der zweite Mann unter den Verletzungen zusammengebrochen war. Vergessen lag etwas weiter entfernt ein blutbeschmierter Hammer. Man musste kein Genie sein, um sich zusammenzureimen, was sich hier ereignet hatte.

Noch absolut unter Schock verließ die Brünette das Zimmer. Dicht gefolgt von den beiden Schwarzhaarigen. Das Rattern und Dröhnen einer Maschine, die gerade gestartet wurde, lenkte nun die Aufmerksamkeit der Drei auf einen Betonmischer, der etwas verdeckt von den Trägersäulen, im hinteren Bereich des Erdgeschosses stand.

Eine Erkenntnis machte sich in Lins Bewusstsein breit und gleichzeitig mit dieser kam auch das Wissen, dass sie der Wahrheit entsprach. Er blickte zu Mai. In ihren Augen konnte er erkennen, dass auch sie wusste, was gerade passierte. Zu dritt verließen sie das Gebäude so schnell wie es nur möglich war.

Mai stand vor dem Hochhaus und blickte hoch. Sie war zu geschockt um zu weinen und zu reden.

Nun, zumindest wusste er im Groben, was mit ihm passiert war.
So wie es aussah, war der Geist der Buchhalterin, die bei einem Brand gestorben war, nicht der einzige gewesen, der die Firma heimgesucht hatte. Auch dieser Mann schien noch eine Rechnung offen zu haben, mit der Welt der Lebenden.

Dem Chinesen fiel nur nebenbei auf, dass die Umgebung sich wieder auflöste. Nach wenigen Sekunden standen sie wieder in der warmen Schwärze. Diesmal war es Lin nicht unangenehm, er fühlte auch keine Furcht mehr.

Jetzt hieß er die Dunkelheit willkommen, denn sie befreite ihn von der Erkenntnis. Die gesehenen Bilder verloren an schärfe und wirkten nur noch surreal – wie in einem schlechten Krimi.

Der langhaarige Bauarbeiter war ein Teil des Bürokomplexes geworden. Einbetoniert in das Fundament einer der Trägersäulen. Beim Exorzismus schien der Geist wohl auf das Team der SPR aufmerksam geworden, soviel war Lin klar geworden. Doch viele Fragen waren jetzt noch offen.

Hatten sie den Geist durch die Austreibung vielleicht erst geweckt? Was wollte der Mann mit seinem Körper? Vor allem wollte er aber wissen, wie er es geschafft hatte, seinen Körper zu besetzen und ihn an diesen Ort zu verbannen?

Der Chinese blickte zur Schülerin. Sie lächelte ihn traurig an. Auch ihr war klar, was dem Bauarbeiter widerfahren war. Während er sie betrachtete, überlegte er sich, ob jeder ihrer Träume für das junge Mädchen so war? Ob sie wohl jedes Mal diese Erkenntnisse hatte? So viel Brutalität und Horror, so viele traurige Schicksale und die unvorstellbare Furcht, der sie sich mit jedem Fall aussetzte, erlebten die meisten Menschen in ihrem alter nicht.

Jetzt erst konnte er sich vorstellen, wie schrecklich es für sie gewesen sein musste, den Tod dieses Dienstmädchens am eigenen Leib zu erleben - durch den Traum im Haus von Urado. Jetzt erst konnte er sie verstehen.

Lin wurden in diesem Moment zwei Dinge klar: erstens, das Mädchen würde alles dafür tun, um ihn seinen Körper zu wiederzubeschaffen und zweitens, ihr Verhältnis würde sich von diesem Zeitpunkt an, für immer verändern.

„Ich werde dafür sorgen, dass dieser Mann zur Ruhe kommt und du wieder zu uns zurück kannst!“, bestätigte Mai ihm seine Vermutung und in der nächsten Sekunde war sie schon verschwunden.

„So“, meldete sich Naru zu Wort, „jetzt haben wir genug Zeit, dass ich dir alle deine Fragen beantworten kann.“

oOo Flashback Ende oOo


Lin zwang seine Gedanken in das Hier und Jetzt zurück. Er schaute auf die Digitalanzeige auf seinem PC.
„Eine weitere viertel Stunde um…Zeit für einen neuen Tee“, seufzte der Mann.

Gott sei Dank hatte er die Aufzeichnungen der letzten Aufträge bereits in die Diagramme ihrer Studien eingetragen. Das Büro sollte ja immerhin weiterfinanziert werden und da mussten er und Naru auch schon öfters Berichte und Studienergebnisse an ihre Sponsoren weiterleiten.

Jetzt konnte er die Zeit nutzen und sich ein wenig entspannen und seinen Erinnerungen nachhängen.

Doch zuerst das Wichtigste für den Moment: die fünfte Tasse Tee für den heutigen Tag – oder war es schon die sechste?
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