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Dunkle Wolken

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
15.10.2009
15.10.2009
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Die Sonne ging unter und der Tee war auch schon lange alle, als sich Urotori aufraffte und sich ebenfalls an die Arbeit machen wollte.
„Es tut mir Leid, aber ich muss mir noch Gedanken über meine Predigt zum Fest übermorgen in der Stadt machen...“, begann sie und fing sich einen mehr als schrägen Blick von Hakuoro ein.
„Um Himmels Willen Urotori! Verschone uns mit diesen Predigten!“, rief er entnervt und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
„Tut mir Leid, aber ich bin nun mal die Hohe Priesterin. Und du weißt genauso gut wie ich, dass es ein wenig merkwürdig wäre, wenn ich keine Predigten halten würde.“ Urotori wusste genauestens, wie sehr Hakuoro ihre schwungvollen offiziellen Reden verabscheute und das obwohl er eigentlich die Person war, denen sie galten... was es vermutlich nur noch schlimmer machte.
„Ja schon aber...“, protestierte er. Sie hatte Recht, was leider nichts daran änderte, dass es ihm immer furchtbar peinlich war, wenn sie sich endlos in ehrfurchtsvollen Schachtelsätzen darüber ausließ wie toll doch „der große Gott“ Witsarunemitea war. Zum Glück wusste niemand außer seinen engen Freunden (die still mit ihm litten), dass er das war, sonst wäre es total unerträglich geworden. Als der Kaiser musste er sie sich auch dummerweise immer anhören und das obwohl er nichts lieber getan hätte, als sich darum zu drücken.
Sie hatten dieses Gespräch schon das ein oder andere Mal geführt und immer hatte Urotori am Ende gewonnen. Aber immerhin hatte Hakuoro sie dazu überreden können die Predigt ein wenig zu kürzen, wenn sie sie schon nicht ganz weglassen konnte. Dabei hatte zweifellos ihr kleiner „Unfall“ während seiner zweiten Krönung geholfen, als er mithilfe eines Tricks und ein klein wenig Magie dafür gesorgt hatte, dass sie ihre Rede vorzeitig beenden musste.
Aber so wie es aussah würde er mal wieder nicht drumrum kommen, also drehte er sich mit einem Seufzen um, gab sich geschlagen und öffnete die Tür um der Priesterin Gelegenheit zum Nachdenken zu geben.
In dem Moment hallte ein Schrei durch das Schloss und brach entsetzlich plötzlich ab. Hakuoro erkannte diese Stimme zu seinem Schrecken sofort.
Es war Eruruu.
Der Schrei war aus der Richtung des Gartens, der an den anderen Flügel des Palastes angrenzte, gekommen und ohne zu überlegen riss Hakuoro die Tür vollständig auf und rannte so schnell wie möglich in diese Richtung. Er sah nicht einmal mehr, wie Urotori hinter ihm vom Balkon sprang, ihre Flügel ausbreitete und den Weg durch die Luft nahm.
Unterwegs traf er Oboro, der Eruruus Schrei ebenfalls gehört hatte, aber genauso wenig Ahnung hatte, was eigentlich los war. Sie stürzten fast gleichzeitig aus der Tür und rannten in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war.
Eruruu war nicht schwer zu finden: sie stand steif vor Schreck in der Nähe des Palisadenzaunes, der den Palast begrenzte. Hinter ihr stand ein mittelgroßer schwarzhaariger Mann in einem einfachen Kimono und hielt ihr ein Messer an die Kehle. Der Anblick allein reichte schon aus, um Benawi, Touka, Kurou und Karura, die mittlerweile aus allen Ecken des Palastes angerannt gekommen waren, das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Als sie näher kamen, rief er scharf: „Kommt nicht näher oder sie wird es büßen!“ und alle erstarrten zur Salzsäule.
Hakuoro griff nach seinem Fächer nur um festzustellen, dass er ihn nicht dabei hatte. Natürlich nicht, im Palast an einem friedlichen Tag hatte er schlicht nicht damit gerechnet ihn zu brauchen. Das sollte ihm eine Lehre sein! Benawi, Kurou, Touka und Oboro hatten ihre Waffen dabei und sie auch gezogen, doch sie wagten dennoch nicht sie einzusetzen. Der Mann wäre immer schneller damit gewesen Eruruu zu töten.
Hakuoro versuchte sich zu beruhigen und die Situation zu überblicken, auch wenn der Anblick von Eruruu in solch tödlicher Gefahr ihm einen Schauder nach dem anderen den Rücken hinunterjagte.
Er trat vorsichtig näher und bemühte sich um einen ruhigen Tonfall, auch wenn seinen Freunden, die ihn gut kannten, auffiel, wie ungewöhnlich rau seine Stimme war. Kein gutes Zeichen.
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“
Der Mann starrte ihn an und antwortete: „Diese Tat wird mich unsterblich machen!“
„Unsterblich? Wieso das?“
Der Unbekannte lachte nur. Schweißtropfen rannen ihm über das viel zu bleiche Gesicht und seine Pupillen waren ungewöhnlich geweitet. Er war ziemlich dürr, seine Kleider schlotterten um seine Figur und er wirkte nicht sehr gesund. Er sah aus, als stünde er unter Drogen, auf jeden Fall machte er nicht den Eindruck, als wäre er Herr seiner Sinne.
„Wenn ich jemand so bekannten wie die Heilerin Eruruu töte, werdet Ihr Euch für immer an mich erinnern! Und damit werde ich unsterblich!“, kicherte er. Leider war er trotz des Wahnsinns nicht so unaufmerksam, dass sich eine Gelegenheit ergeben hätte, ihn zu überwältigen, wie Kurou schnell feststellte, als er versuchte unauffällig seine Position so zu verändern, dass er hinter ihn kommen würde.
„Lasst das!“, rief der Mann. „Bleibt hier, wo ich Euch sehen kann!“
Kurou wagte es nicht ihn zu ignorieren, denn die Klinge des Messers drückte bereits bedenklich gegen Eruruus Gurgel.
„Warum willst du unsterblich werden?“, fragte Hakuoro um ihn zu beschäftigen während er fieberhaft nachdachte und versuchte eine Lösung zu finden. Je länger sie mit ihm redeten, desto mehr Zeit hatte er und desto größer wurde die Chance, dass ihm etwas einfiel, auch wenn seine überwältigende Sorge um die vor Schreck blasse Eruruu es ihm nicht gerade einfach machte sich zu konzentrieren. Der Tag hatte doch so schön begonnen, wie hatte es nur so weit kommen können?
Der Mann starrte ihn verwundert an. „Das fragt Ihr noch? Jeder will doch unsterblich werden!“
„Tatsächlich?“, mischte sich jetzt auch Benawi ein, dem ebenfalls klar geworden war, dass sie im Moment nur auf Zeit spielen konnten. Der Irre hatte alle Trümpfe in der Hand, sie konnten nichts tun, außer ihn durch Reden davon abzuhalten Eruruu wirklich zu töten. Denn so wie es aussah, meinte er es tatsächlich ernst. Das fanatische Glitzern in den aufgerissenen Augen, sprach da leider eine ziemlich deutliche Sprache.
Hakuoro war immer noch nicht zu einem Ergebnis gekommen. Sie konnten ihn nicht mit Waffengewalt überwältigen, weil er in einer viel zu guten Position war und Eruruu längst getötet hätte, bevor einer von ihnen auch nur eine Chance gehabt hätte in seine Nähe zukommen. Also blieb nur noch eine Möglichkeit: Magie. So wenig ihm der Gedanke auch gefiel, aber er würde nicht untätig zusehen wie dieser Wahnsinnige Eruruu tötete um sich selbst zu Unsterblichkeit zu verhelfen. Und wenn das hieß, dass er Witsarunemiteas Magie in Anspruch nehmen musste, dann würde er das tun. Er versuchte sich zu beruhigen, weil er genau wusste, dass es nur schlimmer werden würde, wenn er aufgewühlt und aufgeregt war. Wenn er nicht höllisch aufpasste, dann würde er nicht nur den Wahnsinnigen mit seinem Spruch treffen sondern Eruruu und seine Freunde gleich mit und das war das Allerletzte, das er wollte. Also zwang er sich zu einer geradezu eisigen Ruhe und höchster Konzentration. Als er der Meinung war sich einigermaßen im Griff zu haben, begann er die mentalen Barrieren, die das Siegel, das den Gott bannte, normalerweise umgaben, zu lösen. Sie hatten nichts mit dem Siegel selbst zu tun, sondern bildeten nur eine Art Schutzschicht darum, die das Siegel vor einem zufälligen Zugriff schützte. Doch jetzt würde er unter Umständen schnell handeln müssen und deshalb löste er sie und schob sie zur Seite. Sie waren im Moment nur hinderlich.
„Das ist eine denkbar schlechte Gelegenheit um sich so etwas zu wünschen.“, sagte Urotori leise, die in dem Moment mit rauschenden Schwingen neben ihnen landete.
Sofort drückte der Mann das Messer stärker gegen den Hals der Heilerin.
„Kommt nicht näher und wenn Ihr Eure Magie benutzt, ist sie sofort tot!“, rief er.
Die Priesterin hob abwehrend die Hände. „Keine Angst. Ich werde nichts tun. Ich wollte dich nur warnen.“ Sie hatte natürlich gemerkt, was Hakuoro im Begriff war zu tun und auch wenn sie nicht daran dachte es dem Attentäter ins Gesicht zu sagen, wollte sie ihn doch wenigstens warnen.
„Bitte hör auf sie.“, sagte Hakuoro leise in einem letzten Versuch es mit Vernunft zu regeln. „Und lass Eruruu gehen. Willst du wirklich, dass wir uns nur im Hass an dich erinnern? Es gäbe viele andere Möglichkeiten in Erinnerung zu bleiben. In einer Erinnerung, an die man gerne denkt.“
„Aber keine glückliche Erinnerung ist so dauerhaft wie eine schlimme. Verabschiedet Euch von ihr!“
Eruruu keuchte erschrocken und Urotori rief unwillkürlich „Nicht!“
‘Wenn es keine andere Möglichkeit gibt, dann werde ich handeln müssen.’, dachte Hakuoro.
„Das ist also der Bund?“, fragte er, seine Stimme jetzt so kalt wie Eis und unheimlich ruhig. „Eruruus Leben gegen deine Unsterblichkeit?“
Irgendetwas lag in der Luft. Es schien als würde ein eisiger Wind über die Lichtung streichen und obwohl sich die Blätter nicht bewegten und die letzten Strahlen der Sonne sie wärmten, schauderten Oboro und Benawi. Sie wichen unwillkürlich ein wenig zur Seite, sie spürten, dass Hakuoro die Quelle der seltsamen Energie in der Luft war und wussten, was das bedeutete. Und sie wollten ihm auf gar keinen Fall in der Schusslinie stehen.
„Was?“ Der Mann blinzelte verdutzt. Auch ihm schien aufgefallen zu sein, dass etwas nicht stimmte, aber er wusste nicht was. Er sah sich misstrauisch um, doch es war nichts zu sehen.
Auch Eruruu spürte die Kälte in der Luft und im Gegensatz zu ihrem Geiselnehmer wusste sie sehr wohl woran das lag. Hakuoro stand nicht weit von ihr entfernt, sah ausgesprochen konzentriert zu ihnen hinüber und hatte alle Muskeln angespannt, aber ohne sich zu bewegen. Sie wusste nicht, ob sie sich das einbildete, aber sie könnte schwören, dass seine Augen heller wurden. Sie hatten nicht mehr ihre normale schiefergrau-blaue Farbe, sondern es schien als läge ein Schimmer von Gold darin. Im Gegensatz dazu wurde es um ihn herum immer düsterer, als hätte jemand das Licht abgelenkt. Noch war es kaum wahrnehmbar, aber sie wusste, dass sich das jeden Moment ändern konnte. Noch hielt er sich mit aller Macht zurück, aber sollte ihr Entführer tatsächlich versuchen sie zu töten, würde er handeln. Eruruu merkte auch, dass der Mann, der sie bedrohte, unsicher wurde, denn die Hand, mit der er sie festhielt, lockerte ihren Griff leicht.
Dann raschelte es plötzlich in einem Busch neben ihnen und mit einem lauten Keckern flog eine Elster auf. Der Mann erschrak, zuckte zusammen und war einen Moment abgelenkt.
Eruruu handelte sofort.
Da sie notorisch in Schwierigkeiten gerieten und sie hartnäckig darauf bestand ihren Freunden in die Schlacht zu folgen, hatte sie sich von Karura und Benawi ein paar Selbstverteidigungstechniken zeigen lassen. Man konnte ja nie wissen und schaden würde es in keinem Fall. Jetzt kam ihr das zugute, denn es erlaubte ihr, ihrem Geiselnehmer die Messerhand so zu verdrehen, dass er völlig überrascht losließ. Sie rammte ihm den Ellenbogen in den Magen, trat ihn auf den Fuß und als er seinen Griff mit einem Stöhnen lockerte, befreite sie sich und machte einen gewaltigen Satz in Richtung Sicherheit.
Doch der Unbekannte schien härter im Nehmen zu sein, als sie erwartet hatte, denn statt zusammenzuklappen, raffte er sich auf und fischte das Messer vom Boden, wohin es gefallen war.
„Ihr entkommt nicht!“, brüllte er und warf die Klinge nach Eruruu. Touka und Benawi sprangen gleichzeitig nach vorn um die Heilerin zu schützen, aber sie kamen zu spät. Das Messer zerfiel mitten in der Luft zu Staub, als das weiße Feuer von Urotoris Attacke es umhüllte.
Als der Mann merkte, dass sein Plan nicht aufging, zog er mit einer blitzschnellen Bewegung ein weiteres Messer aus seinem Stiefel und nutzte diesen Schwung aus um hinter seinem entfliehenden Opfer her zu springen, wobei er Toukas Schwert und Benawis Hellebarde mit mehr Glück als Verstand auswich. Eruruu sprang mit ihrem panischen Satz fast Hakuoro um, der sie unwillkürlich abfing und hinter sich schob. Kurou und Karura wollten ihm zu Hilfe kommen, aber sie waren zu langsam: sein Angreifer war schneller und schlug mit dem Messer nach ihm. Hakuoro wich in allerletzter Sekunde aus und spürte noch den Luftzug, mit dem die Klinge haarscharf an ihm vorbeiwischte. Da er selbst unbewaffnet war, hatte er keine Chance mit normalen Mitteln den Rasenden zu entwaffnen. Er hatte nicht einmal Zeit zum Nachdenken, denn der setzte sofort nach und stach wieder mit dem Messer nach ihm. Instinktiv löste Hakuoro einen Teil des Siegels und benutzte die Magie seines göttlichen Teils um den Angriff abzuwehren. Schwarzes Feuer blitzte auf und der Mann erstarrte plötzlich mitten in der Bewegung. Er konnte sich nicht mehr bewegen, nur in seinen Augen sah man allzu deutlich seine plötzliche Panik, als ihm das bewusst wurde. Die gefährliche Klinge des Messers schwebte nur eine Handbreite vor Hakuoros Gesicht, der mit äußerster Konzentration den Spruch aufrechterhielt. Er wagte nicht einmal zu blinzeln, weil er Angst hatte, dass die geringste Bewegung, jedes kleine Muskelzucken ausreichen würde, dass er die Konzentration und damit auch die Kontrolle über den Spruch oder Witsarunemitea verlor, was auf gar keinen Fall geschehen durfte.
Karura und Touka sprangen sofort nach vorn und entwaffneten den gelähmten Mann. Doch sie konnten ihn nicht von der Stelle bewegen um ihn völlig unschädlich zu machen, Hakuoros Spruch hatte ihn unverrückbar in seiner Bewegung eingefroren. Deshalb mussten sie sich damit beschränken ihm ein Schwert an die Kehle zu halten.
Urotori trat vor und legte nach einem kurzen Zögern, als erwarte sie jeden Moment einen Schlag zu bekommen, die Hand auf Hakuoros Schulter.
„Lass los.“, sagte sie leise. „Wir haben ihn jetzt unter Kontrolle.“
Das wusste er auch, aber er wagte nicht seine Konzentration ein wenig zu verlagern um das Siegel wieder zu erneuern. Da ihm aber auch klar war, dass sie nicht ewig so herumstehen konnten, zwang er sich dazu mit der Wiederherstellung des Siegels zu beginnen. Glücklicherweise ging es, nachdem er einmal angefangen hatte, deutlich einfacher und mit jedem Teil des Siegels, der wieder aktiv wurde, wurde das schwarze Leuchten um den Wahnsinnigen herum schwächer. Als Hakuoro das Siegel vollständig aktiviert hatte, setzten die Naturgesetze wieder ein, der Unbekannte stürzte von seinem Schwung getragen nach vorn, wobei er noch Glück hatte, dass Touka schnell reagierte und ihr Schwert wieder herunter nahm, sonst hätte er sich selbst die Kehle aufgeschlitzt. Er landete ziemlich unsanft auf dem Boden, wo er sofort von Touka überwältigt wurde. Er hatte keine Chance mehr sich zu wehren.
„So viel zu deiner Unsterblichkeit!“, murmelte die Evenkuruga und schnürte ihn zusammen, als wolle sie ihn mit der Post verschicken. Der Mann versuchte immer noch herauszufinden, warum sein Plan nicht funktioniert hatte und was eigentlich geschehen war und schwieg verwirrt. Touka verfrachtete ihn mit einem grimmigen Gesicht in eine Zelle in den Kerkern, wo er hoffentlich nicht in der Lage war irgendwelchen Unfug anzustellen. Sie würde sich später mit ihm unterhalten um mehr herauszufinden.

Hakuoro sah ihr kurz hinterher und bemühte sich wieder zu Atem zu kommen. Er war so angespannt gewesen, dass er nicht einmal Luft geholt hatte, aus Angst das können seine Konzentration stören. Und jetzt, wo die Bedrohung verschwunden war, spürte er die Anspannung in allen Knochen.
„Bist du in Ordnung?“, frage Urotori besorgt.
Hakuoro seufzte und musterte einen Augenblick seine Hände, als wäre er nicht sicher, dass sie noch am Ende seiner Arme seien. „Ich denke schon.“
Er drehte sich zu Eruruu um und warf ihr einen prüfenden und immer noch besorgten Blick zu.
„Eruruu?“
„Ich bin okay. Mach dir keine Sorgen.“, sagte sie nach einem schnellen Griff an ihren Hals. „Das Messer hat mich nicht einmal gekratzt.“
„Das freut mich...“ Hakuoro lies sich einfach auf die Knie fallen, damit er einigermaßen auf eine Höhe mit der einen Kopf kleineren Eruruu kam. Außerdem fühlten sich eine Beine ein wenig wie Gummi an. Der bloße Gedanke, was hätte geschehen können, lies ihn schaudern.
Eruruu warf sich ihm um den Hals und vergrub ihr Gesicht in seinem Haar.
„Mach dir keine Sorgen...“, wiederholte sie so leise, dass nur er es hören würde. „Du hast niemanden verletzt. Nicht mal dem Irren ist etwas passiert, abgesehen vielleicht von einem kleinen Schock.“ Sie wusste, was ihm Sorgen machte und bemühte sich sofort ihn zu beruhigen. Außerdem hatte sie Recht. Es war nichts passiert, wegen dem man sich Sorgen machen musste.
Eruruu schaffte, was Urotori nicht mal in einer längeren Ansprache hinbekommen hätte: Hakuoro entspannte und beruhigte sich fast sofort wieder. Dennoch lies er sie er sie nicht sofort wieder los, dafür genoss er ihre Nähe viel zu sehr. Doch ewig konnten sie hier wohl kaum mitten auf der Wiese sitzen blieben, also raffte er sich schließlich zusammen, löste seinen Griff um sie widerstrebend wieder und stand auf. Eruruu hackte sich ungefragt bei ihm unter, als sie zurück zum Palast gingen.
„Glaubst du, er wusste, wie haarscharf er an einem Schicksal als roter Geleeball vorbeigeschlittert ist?“, fragte Urotori nachdenklich, die zusammen mit Benawi auf sie gewartet hatte und jetzt neben ihnen ging.
„Wohl kaum, sonst hätte er es nicht versucht. Es sei denn es ist ihm wirklich egal, wie seine Unsterblichkeit aussieht...“, sagte Hakuoro leise. Auch ihm war klar wie knapp es gewesen war und er war sehr froh, dass es nicht so weit hatte kommen müssen.
„Wie er wohl auf die Idee gekommen ist? Ist ja doch ein etwas ungewöhnlicher Versuch zu Unsterblichkeit zu kommen...“, murmelte Urotori.
„Auf jeden Fall bedeutet es, dass die Sicherheit des Palastes nicht mehr gegeben ist, wenn hier einfach irgendwelche Irre reinspazieren können, um Eruruu zu kidnappen. Ich werde die Wachen verstärken.“, sagte Benawi, der wie immer praktisch dachte. „Und jeder sollte einen Wächter bekommen...“
„Wie Wächter?“, fragte Eruruu entsetzt. „Du willst doch nicht sagen, dass ich arbeiten soll, während ein Soldat zwei Handbreiten hinter mir steht! Da kann ich mich nun wirklich nicht konzentrieren!“
„Doch eigentlich war genau das meine Idee. Natürlich nur solange, bis wir herausgefunden haben, wie der Typ in den Palast gekommen ist.“
„Unmöglich!“, ereiferte sich Eruruu.
„Ich dachte, gerade du müsstest das begrüßen, Eruruu. Schließlich wollte er dich umbringen.“, sagte Benawi verwundert.
„Ja schon, aber...“ Eruruu wedelte mit der freien Hand. Sie wollte nicht so einfach kampflos aufgeben, aber ein gutes Argument fiel ihr auch nicht ein.
„Hoffentlich wird es nicht so lange dauern, bis wir die Schwachstelle gefunden haben.“, setzte Benawi hinzu.
„Hoffentlich...“, murmelte Eruruu entnervt. „Wie soll ich denn jemanden behandeln, wenn ständig ein griesgrämig dreinblickender Soldat hinter mir steht?“
„So schlimm wird es schon nicht und es ist ja nur für eine kurze Zeit.“, sagte Hakuoro tröstend.
„Als ob du so begeistert davon wärst!“, sagte sie trocken, lächelte aber unwillkürlich bei dem Gedanken, dass er es genauso wenig begrüßen würde wie sie, wenn ihm auf Schritt und Tritt ein Schatten folgte.
„Vielleicht können wir noch eine zusätzliche Sicherheit einbauen.“, sagte Urotori und blieb plötzlich stehen.
„An was dachtest du?“, fragte Benawi und warf ihr einen fragenden Blick zu.
„Moment...“ Urotori konzentrierte sich, murmelte eine Reihe von Worten und hob dann die Hand. Weißes Licht blitzte auf, raste über die Wiese und verschwand dann. Doch wenn er sich konzentrierte und angestrengt lauschte, dann konnte Hakuoro die Magie immer noch singen hören.
„Was war das?“, fragte Benawi.
„Ein Alarmspruch, oder?“, sagte Hakuoro nachdenklich und legte den Kopf schief.
Urotori grinste. „Sehr gut. Mach nur weiter so und wir machen noch einen tollen Magier aus dir!“ Zu Benawi gewandt fügte sie hinzu: „Ja, das war ein Alarmspruch. Wer immer jetzt unbefugt über die Mauer klettert, löst ihn aus, was hoffentlich dafür sorgt, dass das nicht noch einmal passiert.“
„Wenn er über die Mauer geklettert ist.“
„Das werden wir schon noch herausfinden.“
„Also los! Zurück an die Arbeit!“, sagte Urotori als sie an der Tür zum Palast angekommen waren. „Ich bin immer noch nicht einen Deut weiter mit meiner Predigt!“ Sie drehte sich um und wollte sich auf den Weg in ihr Zimmer machen, doch Hakuoro rief sie entschlossen zurück.
„Warte Urotori!“. Als sie stehen blieb und sich nach ihm sich umdrehte, fügte er hinzu: „Bitte bring mir bei zu zaubern. Wenigstens theoretisch und nur die Sprüche, die du beherrschst. Es kann immer wieder passieren, dass wir in Situationen wie die eben kommen und dann will ich vorbereitet sein.“
„Du könntest doch einfach in deinen Erinnerungen nachsehen. Du weißt doch eigentlich, wie es funktioniert.“
„Ja schon, aber wie du schon sagtest: es liegt in meinen Erinnerungen. Zusammen mit einem ganzen Haufen von Geschehnissen, an die ich mich wirklich nicht erinnern möchte. Ich will es wissen und nicht mein uraltes Gedächtnis. Dort ist alles verschlungen und wenn ich dort zu oft herumwühle habe ich das Gefühl als würde ich wecken, was ich niemals wecken wollte...“
Urotori warf ihm einen langen Blick zu, nickte dann aber. „Gut, ich werde tun, was ich kann. Aber jetzt muss ich mich wirklich um die Predigt kümmern, ich sag dir Bescheid, wenn ich soweit bin, ja?“
„Vielen Dank.“
Damit drehte sie sich um und eilte mit langen Schritten zurück in ihr Zimmer.
Die verbliebenen Drei sahen sich an. „Vielleicht sollten wir noch ein paar Attentäter engagieren, damit sie so sehr abgelenkt wird, dass sie nicht mehr rechtzeitig fertig wird?“, schlug Benawi vor, der die Predigten genauso sehr verabscheute wie alle anderen auch.
„Keine schlechte Idee, aber ehrlich gesagt reicht mir der Stress von vorhin für die nächsten Tage wirklich...“ Hakuoro seufzte. „Greifen wir zur bewährten Methode und schlafen dabei einfach!“
„Wie wär’s mit einer göttlichen Offenbarung?“ Benawi ließ nicht locker.
„Bei Urotori?“ Hakuoro sah ausgesprochen skeptisch aus. „Mach dich nicht lächerlich!“
„Auch wieder war.“
„Außerdem würde Urotori allein kaum reichen, mal abgesehen davon, dass sie genau wüsste, wer dahinter steckt. Nein, wenn dann müsste diese Offenbarung schon weitaus mehr Leute betreffen und ich bezweifle stark, dass eine Stimme vom Himmel, die so etwas wie „Hört endlich auf mich mit Predigen zu nerven!“ verkündet, einen großen Effekt hätte...“
Eruruu fing heftig an zu kichern. „Das würde ich zu gerne sehen!“
Auch der sonst so ernste Benawi grinste. „Wäre zweifellos ein ziemlich interessantes Schauspiel!“
„Ja, vermutlich...“ Jetzt musste auch Hakuoro lachen.
Benawi verabschiedete sich und ging einen der anderen Gänge entlang und Hakuoro folgte Eruruu in ihr Zimmer um ihr mit ihren Kräutern zu helfen und einfach nur in ihrer Nähe zu sein.

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