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Ein Licht im Dunkeln

GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
07.10.2009
09.10.2009
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07.10.2009 1.941
 
Kaiser Hatan, Herrscher des Reiches Elora, musterte nachdenklich die Landkarte die vor ihm und seinen Beratern ausgebreitet war.
„Tusukuru ist leicht angreifbar, denn der Kaiser zieht durch das Land um 'Erfahrungen' zu sammeln und wird nur von seinem Samurai-General vertreten.", sagte gerade sein erster Berater Ishi. „Eine bessere Gelegenheit bekommen wir nicht."
„Aber Tusukuru hat sich doch in der Vergangenheit als äußerst stark erwiesen. Haben sie nicht sogar die Avu-Kamuu von Kunnekamun besiegt, denen doch mit gewöhnlichen Waffen nicht beizukommen war?", wandte der Kaiser ein.
„Ja, doch damals wurde das Land noch von Kaiser Hakuoro regiert, der kurz darauf aber auf mysteriöse Weise verschwunden ist und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Mit seinem Nachfolger sollten wir nicht so viele Schwierigkeiten haben."
„Also, ich weiß nicht. Ein Land, das die Avu-Kamuu besiegen konnte, kann gar nicht so schwach sein.", wandte Toru, einer seiner anderen Generäle ein.
„Sie erwarten keinen Kampf und wenn wir sie überraschen, dürften sie sich nicht darauf einstellen können. Zumindest nicht schnell genug um unsere Armee noch aufhalten zu können. Und denkt an die Steuern und Abgaben, die Ihr in dem fruchtbaren Land erheben könntet!"
„Und Ihr seid sicher, das Hakuoro verschwunden ist?" Hatan war doch noch ziemlich skeptisch.
Ishi nickte nachdrücklich. „Man hat seit drei Jahren nichts mehr von ihm gehört. Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht hat er den Kampf gegen Kunnekamun doch nicht überstanden."
„Aber eine Leiche gab es nicht?"
Ishi zuckte die Schultern. „Wenn er noch da wäre, wäre dieser Oboro wohl kaum der Kaiser oder nicht?"
„Nein, wohl nicht." Hatan schwieg eine Weile während er die verschiedenen Möglichkeiten durchdachte, doch dann nickte er. „In Ordnung. Aber ich würde dennoch - um ganz sicher zu gehen - erst einmal einen Trupp Späher als Vorhut schicken bevor wir angreifen."
Ishi seufzte.
„Wie Ihr wollt, Eure Hoheit."
Hatan nickte noch einmal, dann stand er auf. Bevor er sich in seine Gemächer zurückzog, gab er den Befehl die Armee kampfbereit zu machen.

Hakuoro wusste nicht wie viel Zeit vergangen war seit die Weiße Lady aufgetaucht war und sie ihr denkwürdiges Gespräch geführt hatten, doch sie hatten sie definitiv gut genutzt. Er wusste nicht genau wie sie es machte, aber Vivianne konnte das Auftauchen seiner dunklen Hälfte provozieren, sodass er Gelegenheit hatte die Beherrschung des Siegels zu üben. Es war alles andere als einfach und seine Lehrerin musste ihre Gestalt mehr als nur einmal nach einem saftigen Schlag wieder zusammensetzen, aber sie gaben nicht auf. Die Aussicht darauf wieder zurück nach Tusukuru und zu Eruruu zu kommen spornte Hakuoro so sehr an, das er jede Gelegenheit nutzte um seine Fähigkeiten zu verbessern. Er musste es so gut beherrschen, dass es zum Reflex wurde, denn nur das war im Ernstfall ein Garant dafür, dass es auch funktionieren würde. Egal wie anstrengend es war, Hauptsache es klappte irgendwann!
Und je eher desto besser.

Der Späher schlich sich vorsichtig durch den Wald. Er hatte die Reise von Elora nach Tusukuru genau wie seine Gefährten problemlos hinter sich gebracht und war jetzt dabei seinen Auftrag auszuführen und das Land zu erkunden. Bis jetzt war er noch niemanden begegnet, doch mitten in einem großen Wald war das auch zu erwarten gewesen. Die scheinbare Einsamkeit verleitete ihn dennoch nicht dazu unvorsichtig zu sein. Seine Aufgabe war es unauffällig Informationen einzuholen, die bei der Eroberung des Landes nützlich sein würden und nicht auf sich aufmerksam zu machen. Deshalb trug er auch die Sachen eines Händlers, auch wenn seine Handelsgüter im Moment lediglich aus einem Rucksack voller Stoffe bestanden. Als Tarnung sollte es dennoch genügen.
Nach mehreren Stunden Fußmarsch dachte er schon, der Wald würde entweder gar kein Ende nehmen oder er wäre die ganze Zeit im Kreis gelaufen. Doch bevor er die Geduld verlieren konnte, hörte er mit seinen empfindlichen katzenähnlichen Ohren endlich die Geräusche von Menschen vor ihm. Mit einem erleichterten Seufzten fasste er wieder etwas Mut und beschleunigte seinen Schritt.
Kurz darauf kam der Waldrand in Sicht und hinter den letzten dicken Bäumen konnte er die Häuser eines kleinen Dorfes sehen. Menschen in bunten Kimonos tummelten sich auf den Straßen und gingen eifrig ihren Geschäften nach. Alles sah sehr friedlich, gemütlich und total unbewaffnet aus. Wenn es überall so war, dann würde der Kaiser leichtes Spiel haben. Aber er war nicht hier um einen Blick zu riskieren und dann wieder zu gehen, sondern um genaue Nachforschungen anzustellen. Also rückte er seinen Rucksack zurecht, versicherte sich noch einmal, dass das Schwert sicher festgezurrt und möglichst unauffällig war, dann setzte er sich wieder in Bewegung und betrat das Dorf.
Spielende Kinder rannten um ihn herum, schwer beladene Wagen quälten sich durch den Staub während die Bauern und Händler um sie herum wuselten. Als die Leute seiner ansichtig wurden, war er innerhalb kurzer Zeit von Neugierigen umringt, die wissen wollten was er verkaufte. Also zauberte er ein Lächeln auf sein Gesicht und begann seine 'Waren' auszubreiten.
„Schöne Stoffe! Für Euch reizende Dame ist dieser hier ganz besonders passend. Er betont die Farbe Eurer Augen!"
Die Angesprochene lief rot an, zuckte mit ihren wuscheligen Hundeohren und sagte verlegen: „Vielen Dank, aber ich muss jetzt weiter, man wartet schon auf mich."
„Tatsächlich?  Darf ich Euch begleiten? Ich komme von weit her und wollte mich hier umsehen. Vielleicht kann ich hier meine Stoffe besser verkaufen als im Nachbarreich."
Ohne dass sie ihm zugestimmt hätte, hängte er sich einfach an ihre Fersen und folgte ihr. Sie war ziemlich klein und auch noch recht jung, 20 höchstens. Sie trug einen bequemen beigen Kimono mit roten Streifen an den Säumen, einem dunkelblauen Gürtel und einem blau-weiß-gesäumten Kragen. Ihre dunkelbraunen Haare hatte sie bis auf eine Strähne, die um einen weißen Ring geflochten war, in einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie sah sehr freundlich aus, vielleicht konnte er aus ihr noch mehr Informationen herausholen.
Sie warf ihm im Gehen einen Seitenblick zu und meinte fröhlich: „Ganz sicher. In Tusukuru werdet Ihr bestimmt viele Käufer finden, der Frieden hat uns allen gut getan. Habt Ihr schon eine Unterkunft?"
„Nein, bis jetzt noch nicht. Ich bin ja gerade erst angekommen. Könnt Ihr mir vielleicht jemanden empfehlen?"
Sie überlegte einen Moment, dann sagte sie: „Ich lade Euch ein, Ihr könnt bei mir übernachten. Ich bin die Heilerin des Dorfes und wohne nur zusammen mit meiner Schwester, also haben wir genug Platz für Euch."
„Das ist sehr nett von Euch. Vielen Dank. Ich heiße übrigens Vakamori."
„Ich bin Eruruu.", stellte sie sich vor. „Das Haus da vorne ist es. Da wohne ich. Ihr wollt sicher noch Eure Ware verkaufen und ich muss noch nach ein paar Patienten sehen, also kommt heute Abend einfach dorthin."
„In Ordnung. Noch einmal vielen Dank!", rief er ihr hinterher, denn sie hatte ihre Schritte beschleunigt und schon ziemlich viel Abstand gewonnen. Sie winkte noch einmal, dann bog sie um eine Ecke.
Der Späher sah ihr noch kurz hinterher, dann machte er sich daran noch ein paar Informationen zu beschaffen.

Als er abends an die Tür des Hauses klopfte, das ihm Eruruu gezeigt hatte, hatte er durch geschickte Fragen und belauschte Gespräche nicht nur herausbekommen, dass Tusukuru ein friedliches und nicht am Krieg interessiertes Land war, sondern auch, dass Eruruu eng mit dem Kaiser und den führenden Samurai befreundet war. Er konnte das Glück, dass sie ihn eingeladen hatte, kaum fassen, denn wenn er es geschickt anstellte, konnte er seinem Kaiser einen Vorteil verschaffen noch bevor der Krieg überhaupt begonnen hatte. Es sollte nicht schwer sein seinen Plan in die Tat umzusetzen, doch sein Triumphgefühl bekam einen gewaltigen Dämpfer als er Eruruus kleine Schwester sah. Beziehungsweise den riesigen weißen Tiger gegen den sie sich wie gegen ein wuscheliges Kissen lehnte.
Sein Schrecken musste ihm deutlich anzusehen gewesen sein, denn Eruruu versuchte ihn zu beruhigen.
„Keine Angst. Mukkuru beißt nur Leute, die uns etwas Böses wollen. Ihr könnt Euch beruhigt zu uns setzen. Hier esst etwas!"
Sie hielt ihm eine Schale mit dampfender Suppe hin. Der Späher setzte sich ausgesprochen vorsichtig, den Monstertiger nicht aus den Augen lassend. Doch der zuckte nur gelassen mit der Schwanzspitze und rührte sich nicht weiter. Wo hatte das kleine Mädchen nur dieses Riesenvieh her? Und warum hatte es sie noch nicht mit Haut und Haaren verschluckt? Während er seine ausgesprochen gut schmeckende Suppe löffelte, versuchte er seinen ins Trudeln geratenen Plan so zu durchdenken, dass vielleicht doch noch etwas zu retten war. Um Eruruu entführen zu können, musste er sicher gehen, dass der Tiger ihm nicht in die Quere kam. So wie es aussah gehorchte er der kleinen Schwester (aus was für unerfindlichen Gründen auch immer) und die würde sicher nicht ruhig zusehen, wenn er mit Eruruu auf dem Arm die Flucht antrat. Er war sich auch nicht sicher, ob ein Wobtar schnell genug laufen konnte, um den Tiger abzuhängen oder ob er schnell genug an ein solches Reittier kam, also blieb nur die Schwester und den Tiger kampfunfähig zu machen. Fragte sich nur, wie er das bewerkstelligen sollte. Er konnte sie schließlich kaum k.o. schlagen, dafür war das Kräfteverhältnis definitiv nicht ausgeglichen genug.
Nun, ihm würde entweder noch ein Geistesblitz kommen oder er musste sich einen anderen Plan ausdenken.
Vorerst widmete er sich aber erst einmal der Suppe, die vorzüglich war. So eine gute Suppe hatte er lange nicht mehr gegessen und seine Beteuerungen diesbezüglich schienen auch Eruruu zu schmeicheln, denn sie lief schon wieder rot an und wedelte mit ihrem buschigen Schwanz.
Aruru verschwand bald und nahm den Tiger mit, was den Späher sehr erleichterte und schließlich begann Eruruu abzuräumen. Der Späher bot ihr an, ihr zu helfen, doch sie lehnte mit einem Lächeln ab.
„Keine Sorge, das kann ich schon allein! Bleibt Ihr nur sitzen, Ihr seid schließlich mein Gast. Ich bringe dann noch schnell Aruru ihre Gute-Nacht-Milch hinterher, die sie schon wieder vergessen hat und dann kann ich mich Euch wieder widmen! Ihr müsst mir erzählen, wie es Euch ergangen ist und was Ihr auf der Reise erlebt habt!"
Damit drehte sie sich um und balancierte die Suppenschalen geschickt nach draußen.
Der Blick des Spähers fiel auf die Schale mit warmer Honig-Milch, die immer noch auf dem Boden stand und ihm kam eine Idee. Während des Essens hatte er sich neugierig im Zimmer umgesehen und dabei war ihm unter den vielen Töpfen und Kräuterbündeln auf den Regalen auch ein Topf mit der Bezeichnung „Schlafmittel" ins Auge gefallen. Das Eruruu das Zimmer verlassen hatte, kam ihm da gerade Recht. Schnell stand er lautlos auf und huschte zu dem Topf hinüber. Er hob ihn von seinem Regal, griff sich eine großzügig bemessene Menge des gräulichen Pulvers darin, stellte den Topf wieder ab und hatte es gerade geschafft das Mittel in die Milch fallen zu lassen und sich selbst wieder hinzusetzen, als Eruruu zurückkam.
Sie entschuldigte sich noch einmal, nahm die Milch und verließ den Raum wieder um die Schale ihrer Schwester zu bringen.
Der Späher atmete tief durch. Er hatte keine Ahnung wie stark das Mittel war und ob seine Dosierung reichte, er konnte nur hoffen, dass es ausreichte um die kleine Schwester in einen tiefen Schlaf zu versetzen. Den Tiger würde das wahrscheinlich nicht betäuben, aber hoffentlich würde er ohne Befehl nicht angreifen und wenn er ganz viel Glück hatte, bekam er gar nicht mit was geschah. Wenn nicht - nun, es war eine Ehre für den Kaiser zu sterben.
Jetzt galt es zu warten, bis das Mittel wirkte. Leider wusste er auch nicht wie lange das dauerte, also begann er seiner Gastgeberin ausgiebig von seiner Reise zu erzählen.
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