Ein Licht im Dunkeln

GeschichteAbenteuer / P12
07.10.2009
09.10.2009
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Bemerkung: Ich habe mich dazu entschlossen sämtliche japanischen Höflichkeitsanreden-Suffixe wegzulassen, weil das in der deutschen Synchro des Anime auch so ist und ich mich mit der korrekten Anwendung nicht auskenne (ich bin schließlich kein Japanaer und ich lerne auch kein Japanisch!)
Diese Geschichte ist der Nachfolger von 'Save my Life'.

Vorwort des Autors:
Da ich nicht genug Utawarerumono-Fanfics zum Lesen gefunden habe, muss ich jetzt wohl selber ran. So ein Mist.

Disclaimer: Nichts gehört mir, außer Vivianne-jan...ist vielleicht auch besser so :D

Spoiler-Warnung: Wer das Anime nicht bis zu Ende gesehen hat, sollte das tun bevor er die Geschichte liest.


***


Es war dunkel um ihn herum.
Dunkel und still und sehr einsam.
Wie lange war er nun schon hier? Er wusste es nicht mehr.
Obwohl er nicht wirklich wach war, schlief er auch nicht völlig. Gedanken drifteten vor seinem geistigen Auge vorbei, Schatten glitten heran. Die Schatten seiner Freunde, seiner Familie...
Obwohl er wusste, dass er das Richtige getan hatte, bedauerte er doch dass er nicht bei ihnen hatte bleiben können. Sie fehlten ihm furchtbar obwohl er doch noch gar nicht so lange weg sein konnte. Touka, Karura, Benawi, Oboro, Aruru, Urotori, Eruruu...
Vor allem Eruruu. Ihr Gesicht stand ständig vor seinem Auge... bittend, flehend, nass von Tränen. So wie es gewesen war, als er hatte gehen müssen.
„Du hast gesagt, du wirst uns nicht verlassen!", hatte sie gerufen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten.
Ja, das hatte er gesagt. Aber er wusste auch, dass er sie in furchtbare Gefahr brachte, wenn er sich aus dem Siegel, das Urotori und Kamyu für ihn gewoben hatten, befreite. Seine dunkle Hälfte würde sie töten und das konnte er nicht zulassen.
Also blieb ihm nichts übrig als weiter betrübt in die dunkle Leere, die ihn umgab, zu starren und von ihr zu träumen...
Und die Stille gab kein Zeichen.

Eruruu setzte ihre Tasche auf dem Boden ab und lächelte ihrer Patientin, einer älteren Dame zu.
„Und wie geht es Euch heute, Großmutter?"
„Oh, schon viel besser! Die Medizin, die Ihr mir gegeben habt, hilft sehr. Ich habe kaum noch Schmerzen." Sie blinzelte schelmisch und sah so viel jugendlicher aus, als sie war. „Bald kann ich wieder mit meinem Enkel spielen."
„Das freut mich. Nehmt trotzdem noch zwei Tage diese Tropfen, dann wird es noch schneller gehen." Eruruu kramte in ihrer Tasche, doch sie hatte schnell gefunden was sie suchte und zog eine kleine Flasche heraus, die sie der Oma überreichte.
„Bitte sehr!"
„Vielen Dank." Die ehrwürdige Dame steckte das Fläschchen ein und Eruruu wollte gerade wieder aufstehen, als ein Mann um die Straßenecke stürmte und keuchend vor ihr zum Stehen kam.
„Eruruu! Eruruu! Gut das ich Euch finde, ein Notfall!", keuchte er, kaum das er sich die Zeit nahm um wieder zu Atem zu kommen.
Eruruus Herz machte einen Satz und sie dachte unwillkürlich: 'Hakuoro!',
„Großvater Shime hat sich schon wieder das Bein ausgerenkt. Bitte kommt schnell!" Die nächsten Worte des Mannes machten ihre Hoffnung jedoch schnell zunichte. Es war nicht Hakuoro. Natürlich nicht. Sie hoffte so sehr, dass er irgendwann wiederkam, dass sie jedes Mal wenn sie Nachrichten wie die eben hörte, an ihn dachte, doch immer war sie enttäuscht worden. Sie sollte vielleicht wirklich aufhören sich Hoffnungen zu machen...
Der junge Mann hatte den Schatten, der über ihr Gesicht huschte, nicht gesehen, sondern sich schon umgedreht um voraus zu gehen und ihr den Weg zu zeigen. Eruruu seufzte und folgte ihm.
Es war töricht immer noch auf ihn zu warten, es war doch schon drei Jahre her, seit er versiegelt worden war. Und doch... ein Teil von ihr konnte sich nicht mit seinem Verlust abfinden und erwartete immer noch ihn jeden Moment um die Ecke kommen zu sehen, jeden Moment seine vertraute Stimme zu hören. Ihr schmerzendes Herz hing noch genauso sehr an ihm wie in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft und auch die Erkenntnis, dass Hakuoro eigentlich ein Gott und seine wahre Gestalt die eines gigantischen Monsters war, hatte daran nichts ändern können. Sie liebte ihn, egal wie er aussah. Das hatte sie ihm auch gesagt und trotzdem hatte er sie verlassen, auch wenn es zu ihrer aller Wohl war. Es war so ungerecht!
Sie waren übereingekommen niemanden zu sagen, wer er war und was wirklich mit ihm passiert war. Für alle anderen Bewohner Tusukurus war Hakuoro einfach auf unbestimmte Zeit auf eine Reise gegangen. Es würde niemanden nutzen, wenn bekannt würde, wer er war und jetzt, wo er versiegelt war, spielte es auch keine Rolle mehr...
Eine einzelne Träne glitzerte in Eruruus Auge, doch sie blinzelte sie schnell weg, als sie um die Ecke bog und ihr stöhnender auf dem Boden sitzender Patient vor ihr auftauchte und zwang sich zu einem Lächeln. Es war schlimm genug, dass sie immer noch traurig war, da brauchten die Anderen sich nicht auch noch Sorgen zu machen. Sie konnten ihr ja doch nicht helfen.
„Eruruu! Vielen Dank, das Ihr kommen konntet, aber ich hab mir wohl schon wieder das Bein ausgerenkt! Ach, es bringt mich noch einmal um!", stöhnte der alte Mann halb vor Schmerz, halb im Scherz.
Eruruu verdrängte gewaltsam ihre düsteren Gedanken, lächelte ihn an und machte sich dann daran das Bein wieder einzurenken. Es brachte ja doch nichts, wenn sie endlos grübelte. Das hatte sie in einsamen dunklen Nächten schon genug getan.

Auch Hakuoro grübelte, wenn auch viel unzusammenhängender.
Die Bilder seiner Freunde standen vor seinem Auge, als wollten sie ihm die Einsamkeit, den Schlaf nur noch schlimmer machen. Verdammt, er wollte zu ihnen zurück!
Doch tief in sich schlief seine dunkle Seite, seine negativen Gedanken. Er konnte nicht riskieren, dass sie aufwachte und schnell ließ er diese Gedanken wieder fallen. Sie waren zu gefährlich.
Es half alles nichts, er würde noch eine Weile weiterschlafen müssen... Schlafen in der Dunkelheit und Einsamkeit bis er sicher sein konnte, dass er seine gefährliche Seite unter Kontrolle hatte. Oder bis die Welt ihn brauchen würde.
Doch die Stille gab kein Zeichen...

Eruruu saß im Schneidersitz auf ihrer Matte und zermörserte sorgfältig Kräuter in einer Schale für eine ihrer vielen Medizinen. Die Arbeit war nötig und sie machte ihr Spaß aber leider gab sie ihr viel Zeit um nachzudenken. Etwas, was sie an diesem Abend eigentlich verhindern wollte. Sie hatte sich zwar in den vergangenen Jahren damit abgefunden das Hakuoro nicht mehr bei ihr war, aber in Nächten wie dieser grübelte sie dennoch darüber. Manchmal reichte nur ein falsches Wort oder eine Szene, die sie sah, ein Raum den sie betrat und schon standen ihr die Tränen in den Augen. Sie waren seltener geworden, aber verschwunden waren diese Momente nicht völlig. Mit einem Seufzten legte sie schließlich den Stößel weg und ging um Aruru zu suchen. Ihre kleine Schwester konnte sie immer schnell wieder aufmuntern. Sie würde es auch heute schaffen.

Hakuoros Gedanken waren ein wenig zur Ruhe gekommen, sein Geist leerer. Sein Zustand glich nun einem normalen Schlaf wieder etwas mehr. Er dachte an gar nichts und ließ einfach nur die Zeit verrinnen, während er blicklos in die Dunkelheit starrte.
Plötzlich leuchtete vor ihm ein helles Licht auf. Zuerst war es nur so groß wie ein Glühwürmchen und er glaubte fast er hätte sich geirrt, doch es wurde rasend schnell größer.
Wie kam ein Licht in diese Düsternis?
Augenblicklich war seine Aufmerksamkeit erwacht, auch wenn er selbst immer noch in jenem Dämmerzustand zwischen wachen und träumen lag, den Urotori und Kamyu über ihn verhängt hatten. Aber jetzt war er nicht mehr allein dort.
Aus dem Licht schälte sich die Gestalt einer schlanken Frau in einem weißen Kleid und mit großen weißen Schwingen. Sie saß entspannt mitten in der Luft, die schulterlangen weißen Haare schwebten wie schwerelos um sie herum.
„Wer...? Wer seid Ihr? Seid Ihr eine Onkamiyamukai?", fragte Hakuoro als er seine Überraschung einigermaßen überwunden hatte. „Wie kommt Ihr hierher?"
„Mein Name ist Vivianne.", sagte die Fremde mit einer warmen Stimme. Sie sprach leise, doch in der Leere, die sie umgab, war jedes Wort problemlos zu verstehen.
„Ich bin eine Wächterin der Welt. Und ich bin hier, weil du mir Leid tust und ich dir helfen möchte, Hakuoro."
Er blinzelte verdutzt. Woher kannte sie eigentlich seinen „normalen" Namen? Und warum benutzte sie Hakuoro statt Witsarunemitea? Und wer war sie überhaupt?!
Von einem Wächter der Welt hatte er noch nie gehört.
Die Gedanken mussten ihm ins Gesicht geschrieben gewesen sein, denn sie lächelte und fügte eine Erklärung hinzu: „Ich bin ein Wesen, das seit dem Anbeginn der Zeit existiert. Ich bewahre die Balance zwischen Gut und Böse. Deshalb weiß ich nur zu gut um deine Probleme und den Kampf, den du ausgefochten hast. Doch ich weiß auch, dass ein Teil von dir immer noch ein Mensch ist, mit allen Fehlern und Schwächen."
„Und Ihr wollt mir helfen?", brachte er schließlich heraus. Hoffnung erfüllte ihn plötzlich mit einer solchen Stärke, dass seine dunkle Seite aus ihrem leichten Schlummer gerissen wurde und erwachte.
Gefühle des Glücks? Das konnte sie nicht dulden!
In Sekundenbruchteilen veränderte sich sein Aussehen, aus blau wurde schwarz und bevor Hakuoro auch nur begriffen hatte, was geschah, attackierte Witsarunemiteas dunkle Hälfte die geflügelte Frau vor ihm. Gewaltige Klauen schossen auf sie zu, angetrieben von Kräften, die mühelos ganze Landschaften auslöschen konnten. Vivianne sah mit einem milden Lächeln dem Schlag entgegen.  Hakuoros Verstand setzte wieder ein und er versuchte seine Bewegung abzufangen, doch er war zu langsam. Die Krallen teilten die Gestalt seiner Hoffnung mühelos ein kleine Fragmente bevor er in der Lage war sie zu stoppen. Für einen Moment spielte noch ein triumphierendes Lächeln um sein Maul, dann zog sich seine dunkle Hälfte wieder zurück. Sie hatte geschafft, was sie erreichen wollte und wieder einmal alles zerstört.
„NEIN!!!" Hakuoro starrte mit vor Schreck geweiteten Augen auf die Stelle, an der eben noch die Weiße Lady gewesen war. Seine einzige Hoffnung war verloren!
Doch noch während er starrte, sammelte sich der leichte Schimmer, der immer noch wie ein Nebel über den Überresten hing, wurde stärker und setzte sich wieder zu ihrer Gestalt zusammen. Sie lächelte immer noch nachsichtig.
„Ihr lebt!" Es klang als würde ihm ein ganzes Gebirge der Erleichterung vom Herzen fallen. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.
„Nein. Ich lebe nicht, ich existiere. Aber das ist nebensächlich. Was zählt ist, dass ich hier bin."
Hakuoro sah sie lange an und nickte dann nachdenklich. Es war so verlockend, die Freiheit greifbar nah, doch sein Verstand sagte ihm, dass er ihr Angebot nicht annehmen durfte. Wie er gerade wieder gesehen hatte, durfte er noch nicht aufwachen. Er hatte seine dunkle zerstörerische Hälfte nicht unter Kontrolle und durfte sie nicht auf die Welt loslassen. Es brach ihm das Herz, aber noch viel schlimmer als der Gedanke, dass er Eruruu nie wieder sehen könnte, war die Aussicht sie in Gefahr zu bringen und vielleicht sogar zu töten. Schon allein der Gedanke quälte ihn. Das durfte nie geschehen!
Deshalb senkte er den Blick und sagte leise: „Ich danke Euch, aber ich kann nicht gehen." Als Vivianne fragend eine Augenbraue hochzog fügte er hinzu: „Ihr habt es selbst gesehen, ich kann meine negative Seite nicht kontrollieren. Ich würde die ganze Welt in Gefahr bringen und das kann ich nicht zulassen." Er schloss gequält die Augen damit er sie und die Verlockung, die sie darstellte, nicht mehr ansehen musste.
Eine sanfte Berührung ließ ihn hochschrecken. Als er die Augen wieder öffnete sah er direkt in ihr Gesicht. In ihren strahlenden blauen Augen glitzerte etwas.
Etwa Mitleid?
„Ich weiß, was dir Sorgen macht und auch daran habe ich gedacht. Es gibt eine Möglichkeit. Freilich ist auch sie nicht ohne Gefahren, aber was ist schon risikolos im Leben?" Sie sah ihn fragend an und wartete wohl auf die Zustimmung um fortzufahren.
Hakuoro kämpfte einen Moment mit sich selbst, doch dann nickte er. Es konnte ja nicht schaden zu hören, was sie zu sagen hatte.
„Ich kann ein Siegel schreiben, dass Witsarunemiteas beide Hälften und seine Fähigkeiten wieder in der Maske bzw. tief in deinem Inneren versiegelt. Du bist dann nur noch Hakuoro, sein menschlicher Teil. Du könntest dich zwar daran erinnern wer du wirklich bist, aber nur vage, verschwommen und bruchstückhaft. Nur in Momenten besonderer mentaler Belastung besteht eine gewisse Gefahr, dass das Siegel bricht."
„So wie es vorher war."
Vivianne nickte. „In etwa."
„Das kann ich nicht riskieren. Wenn Tusukuru wieder von übermächtigen Gegnern angegriffen werden sollte oder einem meiner Freunde etwas geschieht, kann das zu leicht passieren. Es ist schließlich schon mehrfach passiert." So weh es auch tat, aber Hakuoro widersprach energisch.
„Das ist das Risiko, das du tragen musst. Aber es ist möglich mit bestimmten geistigen Übungen deine dunkle Seite im Zaum zu halten und das Siegel wieder zu erneuern."
Hakuoros Kopf schoss hoch und er starrte sie groß an.
„Tatsächlich?"
Sie nickte. „Es würde eine Menge Übung verlangen, aber wenn du das einmal beherrschst, hättest du die Kontrolle über Witsarunemitea und könntest das Siegel nach Wunsch und Belieben lösen und wieder neu weben. Vollständig oder in Teilen… Denn manchmal sind diese Fähigkeiten doch nicht so unpraktisch. Dennoch ist es nicht ganz ohne Risiko, denn es kann trotzdem zu Situationen kommen, in denen der Gott übermächtig wird. Du weißt schon, wenn du wirklich außer dir bist, dann überträgt sich das unter Umständen auch auf Witsarunemitea und da er jetzt auch wieder seine negativen Aspekte umfasst, könnte das ziemlich unangenehm werden. In den meisten Fällen, dürftest du ihn durch das Siegel aber unter Kontrolle haben."
Hakuoro schwieg eine Weile und dachte angestrengt nach, wog alle Möglichkeiten gegeneinander ab. Dennoch… eine bessere Gelegenheit würde er nicht bekommen, also fasste er sich ein Herz und fragte: „Würdet Ihr es mir zeigen?" Notfalls konnte er sich immer noch dagegen entscheiden.
Vivianne strahlte ihn an. „Deswegen bin ich hier."
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