Jagdsaison

von MariLuna
GeschichteMystery / P12 Slash
07.10.2009
14.10.2009
8
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4. Instinkt  

Als ich wieder zu mir komme ist es wie ein Schlag ins Gesicht. Rein instinktiv fahre ich in die Höhe, doch ein starker Druck auf die Brust presst mich zurück. Dann überrollt mich der Gestank, scharfer, beißender Chemiegestank und lässt mich würgen. Meine Augen brennen von der Helligkeit, die sich plötzlich in meine Sehnerven frisst, und nur wie aus weiter Ferne dringt eine sanfte, beruhigende Stimme an meine Ohren.

„Sssh, ganz ruhig, Rodney. Bleiben Sie liegen.“

Liegen bleiben soll ich? Gut, ich versuche es, versuche zu verstehen, was hier eigentlich vor sich geht. Eben war ich noch im Puddle Jumper, eingerollt im Sitz und habe selig vor mich hingeschlummert, und jetzt wache ich an einem Ort auf, der so hell ist und nach Chemie stinkt, daß mir regelrecht übel wird.
Ich sehne mich zurück nach dem Wald, und kaum habe ich diesen Gedanken losgetreten, fällt mir alles wieder ein.
Das Pulsieren des Blutes in meinen Adern, als mich das Jagdfieber erfasste, der betörende Geruch des vor mir flüchtenden Wildes, und am Ende mein Sieg über dreihundert Kilo geballte Eleganz. Kühler Nachtwind, der meinen Schweiß trocknet, weißer Nebel, der über einer nächtlichen Prärie schwebt und der letzte Atemzug meiner Beute.
Mir fallen auch noch andere Dinge wieder ein – John, Teyla, Ronon und eine Fremde, die mich seltsam ansehen. Ronon, der meine Beute wegträgt, die Fremde, die ihm folgt und John, der mich in den Jumper bringt.

Und ich begreife, daß ich wieder zuhause in Atlantis bin, genauer gesagt auf der Krankenstation. Nur warum verstehe ich nicht, denn ich fühle mich gut. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß mich der Hirsch verletzt hat.
Ich hebe die Hand und schirme meine empfindlichen Augen diesmal etwas ab, bevor ich ein vorsichtiges Blinzeln wage.

„Warum bin ich hier?“

Dr. Keller sieht mich an und lächelt. Ohne es zu wollen schnappe ich ihren Eigengeruch auf – Honig. Das passt gut zu ihrer Haarfarbe.

„Erinnern Sie sich nicht? Sie haben auf P3N-4519 einen Hirschen zu Tode gehetzt. Ihr Körper fand das nicht so lustig und ist wenig später kollabiert. Außerdem haben sie eine verschorfte Platzwunde am Hinterkopf. Wie ist das passiert?“

Ich versuche mich zu erinnern.

„Gestern. Labor“, entgegne ich dann knapp.

Es ist eine eher lästige Erinnerung. Viel lieber erinnere ich mich an meine Jagd. Und an die Berührung von Johns Hand auf meiner Schulter. Plötzlich fällt mir etwas ein.

„Zelenka. Ich habe ihm versprochen, ihm sein Basecap zurückzugeben. Das mit dem Hasen. Ich habe es mir ausgeliehen, als …“ ich verstumme mitten im Satz und versuche, den Gedanken wieder einzufangen, doch er ist mir entglitten.

Verdammt, was ist hier los?

Plötzlich spüre ich einen stechenden Schmerz in meiner linken Armbeuge und wie etwas Heißes durch meine Adern sickert und verstehe.

„Sie … hören Sie auf, mich mit Sedativa vollzupumpen!“ schreie ich die Ärztin an.

Wieder versuche ich mich aufzurichten, doch da durchbohrt ein glühendes Schwert mein Gehirn und landet wieder direkt in meinen Augen. Ich spüre, wie ich wieder auf das Krankenbett zurückfalle. Doch irgend etwas stimmt nicht, denn obwohl ich längst in den Kissen liege, falle ich immer weiter.

***


Colonel Samantha Carter stand etwas abseits und biß sich unwillkürlich auf die Lippen, als sie sah, wie McKay plötzlich die Augen verdrehte und wie ein nasser Mehlsack nach hinten kippte. Unwillkürlich glitt ihr Blick hinüber zu den Bioanzeigen, doch soweit schien alles in Ordnung zu sein. Sie dachte kurz an jenen Augenblick zurück, als Ronon den total durchnäßten Astrophysiker auf die Bahre des Notfallteams gelegt hatte. Sie fühlte sich schuldig, sie hätte auf ihren Instinkt hören und die Mission abbrechen sollen. Und Johns kurzer Bericht über das Geschehene bestätigte sie nur in ihren Selbstvorwürfen.
Jetzt konnte sie nur noch hoffen, daß keine irreparablen Schäden entstanden waren.  

„Nun, Doktor?“ fragte sie, als sich Dr. Keller von ihrem Patienten abwandte und zu ihr hinübertrat.

Jennifer strich sich müde über die Stirn.

„Seine Kopfplatzwunde macht mir Sorgen. Er hätte sie gestern gleich behandeln lassen sollen, jetzt ist es zu spät. Ich kann nicht mehr feststellen, wie der Schweregrad seiner Gehirnerschütterung wirklich war. Daher kann ich nicht viel machen außer ihm strenge Bettruhe verordnen. Nicht, daß es noch zu einer Gehirnblutung kommt. Diese Jagd hätte ihn umbringen können“, fügte sie dann mit hilfloser Wut hinzu.

Sam konnte sie gut verstehen, ihre Gefühle gingen in eine ähnliche Richtung.

„Könnte es sein, daß sein seltsames Verhalten mit seiner Kopfverletzung zusammenhängt?“

Jennifer zuckte mit den Schultern. „Der Scan auf Fremdeinflüsse war negativ.“

„Der Scan erfasst nicht alles.“

„Das ist mir bewusst, Colonel Carter“, entgegnete die Ärztin beinahe schroff. Doch dann hatte sie sich wieder in der Gewalt. „Ich setze ihn unter Sedativa, so kann er uns wenigstens nicht davonrennen.“

„Gut. Ich habe Dr. Zelenka, Colonel Sheppard, Ronon und Teyla angewiesen in seinem Quartier und im Labor nach möglichen anderen Ursachen zu suchen. Es frustriert mich, daß wir so wenig tun können um ihm zu helfen.“

Es tat gut, es einmal so deutlich auszusprechen und als sie das bestätigende Lächeln der Ärztin auffing, wusste sie, daß sie nicht alleine dastand. Rodney war zwar eine Nervensäge und konnte einen mehr als einmal pro Tag auf die Palme bringen, aber irgendwie hingen sowohl Colonel Carter wie auch Dr. Keller an ihm und ihn jetzt hier so zu sehen, das ging ihnen durch Mark und Bein.

In diesem Moment knackte es in Colonel Carters Headset und sie erkannte Colonel Sheppards Stimme.

„Ich glaube, ich habe etwas gefunden. Dr. Zelenka und ich sind gleich bei Ihnen.“

***


Fünf Minuten später saßen sie alle in Dr. Kellers Büro – Colonel Carter, Dr. Keller, Colonel Sheppard und Dr. Zelenka. Eine Minute später gesellten sich auch Ronon und Teyla hinzu, die direkt aus McKays Quartier kamen. In ihrer Hand hielt Teyla eine rote Schirmmütze, die sie dem überaus verblüfften Radek in die Hand drückte.

„Ihre, nicht wahr?“

„Ja, danke.“

„Rodney hatte sie auf seinem Nachttisch.“ Teyla zögerte kurz. „Auf der Innenseite ist Blut und auf seinem Kopfkissen war auch ein Blutfleck.“

Seufzend drehte Zelenka die Mütze zwischen seinen Fingern hin und her.

„Er hat gesagt, er hätte Kaffee drübergekippt“, murmelte er mehr zu sich selbst und klang dabei sehr traurig.

„Das bekommt man wieder raus“, tröstete Teyla ihn und war erstaunt, als der Tscheche den Kopf schüttelte.

„Das ist es nicht“, sagte er etwas lauter. „Er hat sie einfach genommen, um … um…“ seine Stimme versagte, wurde zu einem leisen Seufzen.

„Um zu vermeiden, daß mir auffällt, daß er verletzt ist“, beendete Sheppard seinen Satz und schnitt eine Grimasse. „Das ist so gar nicht typisch.“

„Er sagte mir, er hätte sich die Kopfwunde gestern im Labor zugezogen“, warf Dr. Keller ein.

John nickte.

„Wahrscheinlich kurz bevor ich zu ihm gekommen bin. Ich hätte es bemerken müssen. Wie konnte ich nur so blind sein? Ich dachte, sein komisches Benehmen läge an Übermüdung. Verdammt“, fluchte er leise.

Radek seufzte und legte eine kleine Plastikbox vor ihnen auf den Tisch.
„Wir glauben, daß das hier der Übeltäter ist.“

Die anderen beugten sich neugierig vor und sahen sich einem kleinen, eiförmigen Objekt gegenüber.

„Was ist das?“ fragte Colonel Carter schließlich.

Nervös rückte sich Radek seine Brille zurecht.

„Nun ja, das weiß ich noch nicht so genau. Es liegt schon seit Jahren bei uns im Labor als Briefbeschwerer herum, weil es nicht mehr funktionsfähig ist. Eher gesagt, dachten wir das. Es wies aber auch nichts darauf hin, daß es anders wäre, wir haben es wirklich gewissenhaft überprüft.“

„Schon gut, Radek“, beruhigte ihn Samantha sofort, „ich bin mir sicher, daß Sie und Ihre Leute solche Artefakte nicht leichtsinnig als Briefbeschwerer benutzen.“

„Ah … ja. Genau. Na ja, soweit ich mich noch erinnere, wurde es von den Antikern als eine Art Speichereinheit eingesetzt. Nicht wie das mit der Übertragung eines fremden Bewusstseins, sondern …“ einigermaßen ratlos zuckte er mit den Schultern. „Es hat nur bestimmte Details gespeichert und die dann an den Träger weitergegeben. Ich muß das in der Datenbank noch einmal recherchieren und genauer analysieren, wie gesagt, weil wir es für tot hielten, haben wir uns nicht ausführlich damit beschäftigt.“

„Gut, dann tun Sie das, Radek.“

Sehr aufschlussreich war das nicht, aber immerhin ein Anhaltspunkt.

„Jetzt, wo das Gerät aktiv ist, kann ich einen Handscanner so kalibrieren, daß er uns anzeigt, ob Rodney davon wirklich betroffen ist“, schlug Radek vor und begann schon eifrig auf besagtem Gerät herumzutippen.

„Das ist eine hervorragende Idee“, lobte Carter und fragte sich insgeheim, wieso Radek das nicht als erstes vorgeschlagen hatte.

In seiner ganzen Vorgehensweise erinnerte er sie manchmal sehr an Rodney und vielleicht war auch genau dies der Grund, wieso die beiden trotz ihrer unterschiedlichen Charaktere so hervorragend zusammenarbeiteten.

„Ah, ich bin fertig“, unterbrach Radek plötzlich die Stille zwischen ihnen noch bevor sie sich richtig ausdehnen konnte.

„So schnell?“ stieß Carter verblüfft hervor, doch dann klopfte sie dem Tschechen lobend auf die Schulter.

Eine Minute später standen sie alle um Rodneys Krankenbett und sahen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt.

„Ich mache mich sofort an die Arbeit“, murmelte ein merklich blasser Zelenka und eilte aus der Krankenstation.

So sehr auch alle Wahrscheinlichkeiten dagegensprachen, insgeheim hatte jeder von ihnen gehofft, daß Rodneys Gehirnerschütterung die Erklärung für alles wäre, denn das wäre eine weitaus angenehmere Alternative gewesen.

***


Müde rieb sich Dr. Keller über die Stirn. Irgendwie war es ihr gelungen, John, Teyla und Ronon aus der Krankenstation zu bugsieren. Es war spät und so sehr sie die Besorgnis des Teams um Rodney auch mitfühlen konnte, irgendwann war Schluß. Sie hatte noch drei andere Patienten, die dringend ihren Schlaf benötigten. Und Rodney stand so sehr unter Beruhigungsmitteln, der wachte heute bestimmt nicht mehr auf.
Noch ein letztes Mal überprüfte sie die Infusion, dann ging sie hinüber in ihr Büro um sich dem administrativen Teil ihrer Arbeit zu widmen.

***


Ich will nicht einschlafen. Diese Medikamente machen mich schwach, aber ich will nicht schwach sein. Ich muß dieses blöde Zeug aus meinem Körper loswerden und zwar so schnell wie möglich, bevor es mich noch einmal ausknockt. Mir läuft die Zeit davon, ich habe noch etwas vor.

Ich spüre, daß sich im Moment niemand in unmittelbarer Nähe zu mir aufhält, aber sicherheitshalber linse ich doch noch einmal unter halbgeschlossenen Augen hervor.
Es ist immer noch so unangenehm grell hier, daher mache ich die Augen schnell wieder zu.
Ich bin tatsächlich allein.

Vorsichtig ziehe ich meinen linken Arm unter die dünne Decke und fingere mit meiner anderen Hand an der Kanüle in meiner Armbeuge herum. Ich brauche nur zehn Minuten, nur lächerliche zehn Minuten, dann habe ich zu meiner alten Kraft zurückgefunden.
Oh Himmel, sei einmal auf meiner Seite und schenke mir diese zehn Minuten!
Laß sie beschäftigt sein, womit auch immer sie sich die Zeit vertreiben, ich bitte dich!

Mit einem Ruck reiße ich mir die Kanüle aus der Vene und steche sie senkrecht in die Matratze unter mir. Soll sich das Bett doch eine Sedativa-Vergiftung holen, ich für meinen Teil habe davon die Nase voll.

Jetzt kann ich nur noch hoffen, daß niemand meinen kleinen Trick bemerkt.  Ich schließe die Augen und konzentriere mich, versuche mit reiner Willenskraft, dieses elendige Zeug aus meinem System zu bekommen.

Ich muß hier weg, denn ich bin zu einem Kampf mit einem nussigen Wildbach verabredet.

***


Mit einer raschen Drehung brachte sich Sheppard vor Ronons Schlagstock in Sicherheit. Er hatte sich von dem Sateder noch zu einem kleinen Trainingskampf überreden lassen, auch wenn er wusste, daß er es spätestens in zehn Minuten bereuen würde.

Na gut, er grinste in Gedanken, dann hätte er wenigstens wieder einen Grund um auf der Krankenstation vorbeizuschauen.
Auch wenn er sich sehr wohl der Tatsache bewusst war, daß er Rodney im Moment nicht helfen konnte, er wäre gerne bei ihm geblieben. Und er wusste, daß es Ronon ähnlich erging. Vielleicht hatte er deshalb diese kleine Übungseinheit hier vorgeschlagen.

Außer ihnen befanden sich noch vier Marines im Trainingsraum, doch wirklich beachten taten weder er noch Ronon sie. Es war fast, als gehörten sie zu einer anderen Wirklichkeit von Atlantis, einer, in der alles seinen gewohnten Gang ging, wo sein Freund nicht mit einer seltsamen Fremdpräsenz im Kopf auf der Krankenstation lag.

„Ich habe recht“, meinte Ronon, während er geschickt einem Schlag auswich. „Sein Benehmen, seine Wortwahl im Jumper und diese Hetzjagd – es spricht alles dafür.“

„Warten wir ab, was Zelenka herausfindet“, beschwichtigte ihn John, während er einen Schlag mit dem Stock parierte und sich vor einem erneuten Angriff gerade noch rechtzeitig in Sicherheit brachte. Ronon war heute wirklich wieder verflixt schnell.

„Ich halte nichts von übereilten Aktionen.“

„Ich habe recht und du weißt es, Sheppard.“

„Warten wir es ab.“

In Wirklichkeit wollte er gar nicht erst genauer über Ronons Verdacht nachdenken, denn die Situation erschien ihm jetzt schon unerträglich und wenn Ronon auch noch recht behalten sollte … ihn schauderte es unwillkürlich.

Nur mit halben Ohr nahm er das charakteristische Zischen der sich öffnenden Tür hinter sich wahr, doch als Ronon plötzlich mitten im Angriff stockte und mit großen Augen auf etwas starrte, das sich direkt hinter ihm befand, kreiselte er automatisch herum und – erstarrte.

Dort stand Rodney. Schwarzes T-Shirt, graublaue Cargohose, Armeestiefel und mit einem ausgesprochen breiten Grinsen im Gesicht.

„Ronon Dex. Wir sind zu einem Kampf verabredet.“

Im ersten Augenblick war Sheppard sprachlos, doch dann ging er schnellen Schrittes auf McKay zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Rodney, du gehörst auf die Krankenstation“, es war keine Feststellung und auch keine Bitte, sondern ein eindeutiger Befehl.

Doch Rodney warf ihm nur einen gelangweilten Blick zu und wischte seine Hand beiseite als wäre sie nicht mehr als eine lästige Fliege.

„Ich will meinen Kampf. Jetzt. Sofort.“

Mit diesen Worten griff er nach Johns Schlagstock und entwand ihn diesen noch bevor dieser begriff, wie ihm geschah.

„Rodney…“

„Laß ihn, Sheppard“, meinte Ronon und nickte McKay auffordernd zu.

Dieser machte Anstalten, zu dem Sateder hinüberzugehen, doch Sheppard gelang es, ihn am Ellbogen zu packen.

„Rodney, bitte, du gehörst auf die Krankenstation. Verdammt noch mal, sei doch vernünftig.“

Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da fand er sich schon auf dem Boden liegend wieder und Sternschnuppen tanzten vor seinen Augen.
Überrascht keuchte er auf.

„Mein Kampf“, erklärte Rodney kühl und zog den Stock, mit dem er ihn ausgehebelt hatte, wieder zurück.
„Misch dich nicht ein.“
Und dann, ganz leise, so leise, daß nur John es verstehen konnte: „Meine Beute.“

***
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