Bartimäus - Der Schlüssel von Nerion (Arbeitstitel) AUF UNBESTIMMTE ZEIT PAUSIERT

von Raganos
GeschichteAbenteuer / P12
Bartimäus
05.10.2009
15.12.2009
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Unter mir breiteten sich die Felder bis an den Horizont aus, nur unterbrochen von kleinen Kiefernwäldchen, deren tiefgrüne Wipfel leicht im Wind wankten. Aus nordwestlicher Richtung war der Lärm der Stadt zu hören, und im schwindenden Tageslicht legte sich ein orangefarbener Schein auf die Wolken über ihr. Langsam begann ich, den Hügel hinabzusteigen. Das Gras war gelb und trocken, der Boden hart. Es war ein heißer Sommer und so war die Luft trotz der späten Stunde immer noch sehr trocken und warm. Ich hatte keine Eile, vor völligem Einbruch der Nacht in der Stadt zu sein, denn ich mochte das Leben in freier Natur und sollte schließlich erst Mittag des nächsten Tages im Rathaus eintreffen.  So kurz vor dem Ziel musste ich an die letzten paar Wochen des Laufens denken. Der Weg hierher war ein kleines Abenteuer gewesen, doch es war ein Vergnügen, den ganzen Tag durch das Land zu streifen, nur mit einem Kompass, einer Karte und dem Proviant, den mir die letzte hilfsbereite Bäuerin mitgab. Margarethe Hinser war eine gütige Frau gewesen, sie wollte mich gar nicht mehr gehen lassen, und als sie es dann doch musste, wollte sie mir unbedingt mehr Proviant mitgeben, als ich tragen konnte. Von dem, was ich mitgenommen hatte, konnte ich mich ernähren, bis ich in der Stadt war. Frau Hinsers Bauernhof lag jetzt eineinhalb Wochen zurück. Eineinhalb Wochen, jeden Tag 10 Kilometer, machte 100 Kilometer. 100 Kilometer und immernoch keine Fußschmerzen. Ich kam nicht umhin, stolz auf meine Schuhe zu sein. Kaum mehr als ein Stück Gummi und ein Stofffetzen waren sie leicht wie eine Feder und durch die dünne Sohle fühlte es sich fast so an, als würde ich barfuß laufen. Mittlerweile hatte ich den Fuß des Hügels erreicht und musste mich jetzt durch ein Weizenfeld schlängeln.  Gemächlichen Schrittes folgte ich den Wegen, in denen aufgrund der Traktorräder kein Getreide wuchs. Dieses Feld sprühte vor Leben und das wollte ich weder stören noch zerstören, indem ich hindurchging. Der Weizen stand mir bis unter den Brustkorb, doch noch war er nicht goldgelb. Das Feld wirkte wie ein weites, gelbgrünes Meer, immer wieder unterbrochen von riesigem Klatschmohn und jetzt tiefblauen Kornblumen. Die unbewachsenen Spuren, in denen ich lief, waren sehr uneben und immer wieder stolperte ich, weil ich in der nunmehr fast vollständigen Finsternis nichts mehr sah. Ich beschloss, mein Nachtlager aufzuschlagen, sobald ich den Rand des Feldes erreicht hatte. Vom Hügel aus war dort ein schmaler, grasbewachsener Streifen zu sehen gewesen, genug, dass ein Wildschwein mich nicht versehentlich zertrampeln würde.
15 Minuten später hatte ich es geschafft. Der vorgestreckte Wanderstock, der auf der Suche nach Schlaglöchern war, stieß auf Gras.
Ich war gerade dabei, meine Decke auszubreiten, da brachen die Wolken auf und das silberne Mondlicht flutete über das Land. Nahezu blendend schien mir das Gras ins Gesicht, und bis sich die Augen daran gewöhnt hatten, war schon alle Müdigkeit verschwunden. Ohnehin fand ich es zum Schlafen zu hell, und da ich den Weg wieder sehen konnte, packte ich meine Sachen wieder zusammen und zog weiter. An den Grasstreifen schloss sich ein abgestorbener Acker an, dessen Boden wegen Wassermangel rissig geworden war.
Ein unangenehmes Gefühl beschlich mich, als ich den Acker betrat. Ich lag quasi auf dem Präsentierteller, allein auf diesem öden Feld! Doch um diese Zeit war sowieso niemand mehr unterwegs, sagte ich mir. Trotzdem beschleunigte ich meine Schritte, bis ich fast lief. Es war ein großer Acker, größer noch als das Weizenfeld. Fast eine Viertelstunde behielt ich die Geschwindigkeit bei, und noch immer war kein Ende zu sehen, immer weiter ausgetrocknete Erde mit im Mondlicht scheinbar bodenlosen Spalten. Schließlich ging ich zum Laufen über und sprintete am Ende fast, denn ich bekam immer mehr den Verdacht, dass mich jemand verfolgte. Andauernd schien es mir, als hörte ich Schritte, doch immer, wenn ich mich umsah, war da nur das leere, weite Feld. Mehrere Male ging das so, mein Gruselgefühl schlug um, erst in große Angst, dann in Panik, immer wieder sah ich mich um, stolperte vorwärts, fiel hin, rannte weiter, und immernoch kein Ende. Als ich ein weiteres Mal in eine Spalte trat und hinfiel, weil ich mich umgesehen hatte, bekam ich einen harten Schlag an den Kopf. Doch statt ohnmächtig zu werden, konnte ich auf einmal wieder klar denken.
„Bartimäus!“, rief ich, „Es reicht, genug gespielt; komm raus!“
Vor mir erschien wie aus dem Nichts ein Junge, etwas jünger als ich, mit mediterran gebräunter Haut, dunklen Augen und schwarzen, kurzen Haaren. Er war groß, größer als ich, doch eher von magerer Gestalt. Bekleidet war er nur mit einem Lendenschurz.
Hätte er sich nicht vor Lachen am Boden gekringelt, hätte er eine geheimnisvolle Haltung gehabt, die so gar nicht zu einem normalen Menschen gepasst hätte. Mühsam und immernoch prustend schaffte es der junge Ägypter, sich in den Schneidersitz zu hieven.
„Entschuldige,“, lachte Bartimäus, „das konnte ich mir einfach nicht verkneifen!“ Er musste sich fast nach jedem Wort unterbrechen, um zu lachen. Obwohl ich sauer war, brachte mich meine Zuneigung zu ihm doch noch dazu, selbst zu lachen.
Lächelnd sagte ich: „Also gut, was machst du hier? Du wolltest dir doch den Himalaya anschauen.“
„Ja, stimmt, aber ich wollte dich vorher nochmal sehen und-“ er brach ab, als ob er sich nicht traute, weiterzureden.
„Und...?“ , fragte ich erwartungsvoll.
Verlegen blickte er zur Seite. „Dich fragen, ob du mitkommst.“
Erstaunt blickte ich ihn an.
„Naja, ich weiß ja, du hast zu tun, aber es ist so langweilig ohne dich.“, fügte er kleinlaut hinzu.
„Ich würde gern mit dir kommen, aber wie du schon gesagt hast, habe ich zu tun.“ Nach kurzem Überlegen fügte ich hinzu: „Möchtest du vielleicht mitkommen? Ich habe bestimmt sehr bald genug Freizeit, um mit dir den Himalaya zu bestaunen.“
Bartimäus‘ Blick hellte sich schlagartig auf und er schaute mich erwartungsvoll an.
„Darf ich?“, lächelte er.
„Wenn du dich benimmst.“
Zu schnell für mein Auge stand er auf und stellte sich neben mich. „Soll ich dich tragen, damit es schneller geht? Soll ich dir was zu essen kl- besorgen? Brauchst du einen Schlafsack oder ein Zelt? Ein Fahrrad?“
„Trag‘ mich doch bis zum Ende dieses Ackers, da werd‘ ich mich aufs Ohr hauen.
„Schlaf doch in der Stadt.“ Schlug Bartimäus vor.
„Du kennst mich doch. Ich schlafe draußen.“
„Ja, stimmt. Also gut, steig‘ auf!“
Kaum war ich auch seinen Rücken gesprungen, verwischten die Konturen der Umwelt, doch eh nichts mehr zu erkennen war, wurden die Dinge wieder deutlicher und ich merkte, dass wir an einem weiteren Grasstreifen angekommen waren. Diesmal lag das ausgedörrte Feld hinter uns und vor uns ein im Mondlicht silbernes, aber im Sonnenlicht wahrscheinlich goldgelbes Gerstenfeld.
„Okay, könntest du vielleicht für etwas Dunkelheit sorgen?“, fragte ich Bartimäus und fuhr mit „Bitte“ fort, als ich seinen Blick bemerkte, den ich so gut kannte. Man verletzte immer seinen Stolz, wenn man ihn nicht entsprechend seinem Wesen behandelte. Nach meiner Erweiterung der Frage entspannten sich seine Züge und er hob die Arme. Nicht, dass er das nötig hatte, aber er wollte es wohl theatralisch wirken lassen. Typisch Bartimäus. Aus dem Gras wuchs eine dunkle Wolke, die schnell Bartimäus und mich einhüllte und vor dem Mondlicht schützte. „Danke sehr. Bleibt die Wolke, wenn ich dich entlasse?“, fragte ich ihn. Er murmelte ein paar Worte (alter Schauspieler) und bejahte dann. „Gut, dann kannst du dich ja ausruhen. Wann soll ich dich rufen?“
Er schaute hinüber zum Lichtschein an den Wolken. „Kurz bevor du die Stadt betrittst, das dürfte reichen.“
„Okay, dann bis morgen.“, sagte ich und entließ ihn.
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