Ultimate Perry Rhodan

GeschichteAbenteuer / P12
Crest da Zoltral Homer G. Adams Perry Rhodan Ras Tschubai Reginald Bull Thora da Zoltral
04.10.2009
06.02.2019
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Agent King war in einer recht unvorteilhaften Lage. Sie war dem vollen Zorn von Michael Freyt ausgesetzt, und sie konnte nicht einmal argumentieren, denn der Mann hatte ja Recht. Was die grandiose Heimkehr nach der gelungenen Erstlandung auf dem Mars hatte gewesen sein sollen, war zu einem Fiasko aus Gewalt und Willkür geworden.
Eryn King erinnerte sich noch sehr gut an die Szenen und Momente nach der Ankopplung an der Landeplattform, an den Augenblick, als Agenten der Konzernsicherheit und Soldaten der Space Force einerseits über die Schleusen Zugang erlangten, und andererseits direkt über den Verbindungstunnel zur Station in die Stardust gestürmt waren. Dabei waren sie mit den fünf Besatzungsmitgliedern nicht gerade liebevoll umgegangen; First Lieutenant Agatha Nyssen war aufgrund ihrer heftigen Gegenwehr sogar das Schlüsselbein gebrochen worden. Die erfahrene Offizierin, von ihren Vertrauten und Untergebenen oft nur Rod, der Prügel, genannt, weil sie in ihrer Blütezeit eine eiskalte Schleiferin gewesen war, befand sich als einzige nicht in Isolation. Sie lag auf der Krankenstation, allerdings schwer bewacht.
Freyt blitzte sie aus wütenden Augen an. „Und? Haben Sie eine Erklärung für mich, Agent King? Eine kleine? Ich akzeptiere im Moment sogar eine Lüge.“
„Himmelherrgott, Michael, wachen Sie auf! Rhodan, Bull und Manoli sind desertiert! De-ser-tiert! Der Planetenlander steht in diesem Moment in der Wüste Gobi, direkt auf dem Staatsgebiet der Asiatischen Föderation! Sie haben ihr Heimatland verraten! Sie haben die Space Force verraten! Sie haben die Freie Welt verraten!“
„Ich weiß irgendwie nicht so recht. Ihre Worte dringen nicht bis zu mir durch. Das muss an diesem Gewehrkolben liegen, den mir einer der NetSoft-Sicherheitsleute über den Schädel gezogen hat,  weil ich eine Frage gestellt habe. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet Perry Rhodan desertieren würde! Nicht Perry!“
Ein paar Fotos, versehen mit Breitengraden und Längengraden landeten auf dem kleinen Tisch vor Freyt. „100,5° östlicher Länge und 42,33° nördlicher Breite, Captain Freyt. Rechnen Sie es ruhig im Kopf nach, wenn Sie wollen, aber diese Koordinaten sind definitiv nicht mehr in Europa. Das ist beinahe schon Russland“, erwiderte sie bissig. Langsam, sehr langsam bekam sie Oberwasser.
„Was will Perry da? Mitten im Nichts, ohne Vorräte, ohne Wasser? Wenn er hätte desertieren wollen, dann wäre er doch besser gleich auf dem Platz des Himmlischen Friedens gelandet. Oder meinetwegen bei den Russen auf dem Roten Platz. Aber doch nicht irgendwo in der Einöde. Und warum hat er Bully und Eric mitgenommen, aber nicht Flip?“
„Das ist eine gute Frage. Aber soweit ich aus dem Verhör von First Lieutenant Flipper weiß, hat er sich dazu entschlossen an Bord zu bleiben, weil er Familie hat. Eine Tochter, richtig? Das zweite Kind ist unterwegs.“
Freyt lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das Gespräch ist beendet, Agent King. Ich werde erst wieder reden, wenn ich mit General Pounder reden kann. Wenn Flip das Risiko eingeht, Perrys Flucht zu decken, sich aber selbst den Behörden ausliefert, dann ist doch irgendwas im Busch!“
„Natürlich ist was im Busch!“ King ächzte auf. Wie weit konnte sie gehen? Wie weit würde Freyt ihr folgen? Und was wusste sie selbst noch nicht? Eine weitere Aufnahme landete auf dem Tisch. „Er hat etwas gefunden. Da unten auf dem Mars.“
Interessiert nahm Freyt die Aufnahme hoch. „Eine transparente Kuppel?“
„Eine Energiekuppel, ähnlich wie der Prallschirm der Stardust. Er umspannt halbkugelförmig eine Grundfläche von fünfzig Quadratkilometern. Er lässt alles auf Molekülbasis passieren, aber alles was größer ist, wird aufgelöst. Die NATO hatte ein KK-Team zur Landestelle gebracht und eingesetzt. An diesem Ding sind sie gescheitert. Das einzige was Sinn gemacht hätte wäre ein Gasangriff gewesen, aber erstens wäre die Innenfläche zu groß für einen solchen Angriff und zweitens hatten sie keine chemischen Kampfstoffe dabei. Rhodan und seine Leute sind für konventionelle Angriffe nicht länger greifbar.“
„So, so. Er sitzt also unter einem verstärkten Prallschirm, mitten in der Wüste Gobi.“ Freyt sah auf. „Agent King, selbst wenn er dieses Spielzeug vom Mars mitgebracht hat, macht das immer noch nicht genügend Sinn für mich! Wenn er dieses Wunderwerk auf chinesischen Boden bringt, es ihnen aber nicht übergibt, warum ist er dann überhaupt erst dort gelandet?“
„Wir... Wir vermuten, dass er noch mehr mitgebracht hat. Viel mehr, Michael. Sehr viel mehr. Wir... Wir glauben, dass er auf eine Art Depot gestoßen ist. Ein Depot, das von Rechts wegen Eigentum der Freien Welt sein sollte. NetSoft hatte entsprechende Erkenntnisse und hat First Lieutenant Flipper damit beauftragt, ihnen nachzugehen.“
„Flip ist Steinequäler.“
„Er ist Doktor der Archäologie. Allerdings haben wir das nicht an die große Glocke gehängt, damit genau so was nicht passiert.“
Freyt grinste gequält. „Also ist Flip ein Konzernmann. Wie passend. Und ausgerechnet der Konzernmann hat Perry geholfen zu fliehen, bevor wir alle hier auf Freedom eingesackt wurden? Wie nett.“
King verkniff sich einen Kommentar über ihre eigene Rolle bei dieser Geschichte. Immerhin hatte auch sie einen sehr harten Gegenstand sehr schmerzhaft auf sehr empfindliche Stellen ihres Körpers gekriegt. „Wir wissen nicht, was Rhodan Flipper versprochen hat, Michael. Vielleicht eine finanzielle Beteiligung nach dem Verkauf der Artefakte. Es ist ein wenig unklar. Aber eines ist wirklich sicher: Wir wollen nicht zulassen, dass weitere dieser technischen Spielzeuge in falsche Hände fallen. Die Stardust wird gerade auf Herz und Nieren überprüft und der Planetenlander ist in der Wüste Gobi. Aber die Stardust II ist sofort startbereit. Mit einer der Crews aus der Reserve könnten Sie heute noch los, Michael.“
„Ach! Ich soll also die Stardust II nehmen und für den Konzern so viele Artefakte einsammeln wie mir möglich ist, nachdem ich behandelt wurde wie ein räudiger Straßenköter?“, blaffte Freyt.
„Erstens wurde ich genauso behandelt! Immerhin ging es um die Staatssicherheit, wie Sie an diesem wundervollen Foto sehen können!“, blaffte King und klopfte mit der Rechten auf das Bild mit der Energiekuppel. „Und zweitens ist da immer noch ein chinesisches Raumschiff auf dem Weg zum Mars! Wollen Sie, dass die technischen Spielereien denen in die Hände fallen? Was denken Sie, werden die Chinesen tun, wenn sie plötzlich mehr Macht in Händen halten? Was wird zuerst passieren? Ich sage es Ihnen: Die Freihandelszonen Japan, Taiwan und Hong Kong werden verstaatlicht, und diesmal hat die AF kein Eingreifen des Westens zu befürchten, weil der Westen gegen solch monströse Waffen nicht ankommt!“ Wütend schlug sie beide Hände auf den Tisch.
„Und Drittens habe ich eine schriftliche Entschuldigung für Sie und die Lieutenants Nyssen und Deringhouse dabei! Jeder erhält eine sofortige Beförderung auf den nächsten Rang, wenn Sie mit der Stardust II los fliegen!“
„Ist das nicht etwas viel verlangt?“, erwiderte Freyt wütend. „Wir haben absolut keine Ahnung, worum es eigentlich geht!“
„Natürlich haben wir das nicht, aber wir können nicht mehr so lange warten! Sie müssen los, am besten sofort!“
„Das hätte dem Geheimdienst vielleicht einfallen sollen, bevor die Space Force so ruppig mit uns umgesprungen ist.“
„Michael, Sie sind Soldat! Gerade Sie sollten verstehen, dass man bei dem Verdacht des Schweren Landesverrats erst handelt und dann fragt! Außerdem ist es Ihre Pflicht, Ihr Bestes für Ihr Land zu geben!“ Wütend sah Eryn King auf den gerade beförderten Major herab. „Und es war noch nie sehr leicht, das Richtige zu tun! Michael, verdammt, mögen Sie Schweinebauch mit Reisnudeln so sehr?“
„Das war ein fieser Vergleich“, erwiderte Freyt wütend. Er legte eine Hand auf das Foto mit der Strahlenden Kuppel. „Wissen Sie, was ich denke? Vielleicht ist das, was Perry tut, das Richtige. Vielleicht sind wir alle auf dem Holzweg. Vielleicht...“
„Mag sein. Aber wir können es nicht wissen. Nicht jetzt und nicht hier. Und davon fliegt die Minzhudangyuán weder langsamer, noch auf einen anderen Kurs. Hier und jetzt, Michael, können wir nur eines tun: Nehmen Sie Nyssen und Deringhouse, suchen Sie sich eine Second Crew aus und fliegen Sie zurück zum Mars. Seien Sie vor der AF da und räumen Sie das Depot so gut es geht.
Wenn es ein Depot gibt. Aber um das herauszufinden müssen Sie erst einmal hinfliegen! Das ist es, was Sie Ihrem Land und Ihren Mitbürgern schuldig sind. Das ist Ihre Verantwortung, Michael. Das ist Ihre Pflicht als Soldat und Offizier.“
„Ist diese Technik in unseren Händen denn sicherer als in denen der AF?“, spottete der Space Force-Offizier milde.
„Besser in unseren als in deren Händen, oder? Die Bürger in Japan und auf Taiwan werden es Ihnen jedenfalls danken.“
„Also gut. Eine Beförderung ist eine gute Bestechung. Ich kann nicht sagen, das ich dagegen gefeit bin. Wie sieht es mit dem Rang als Lieutenant Colonel aus?“
„Wenn Sie wiederkommen und so ein Spielzeug mitbringen wie Major Rhodan, dann sollten Sie schon mal über den ersten Stern nachdenken, Michael“, sagte die Agentin mit einem dünnen Lächeln. „Deringhouse ist bereits an Bord und geht die Startprozeduren durch. Nyssen wird, soweit ich weiß, gerade für den Start fit gemacht. Die Second Crew ist in Bereitschaft und wartet nur noch auf Ihr Okay. Und draußen wartet ein halbes Dutzend Sicherheitsleute und Space Force-Soldaten, um sich persönlich bei Ihnen zu entschuldigen und Ihnen Glück für die Mission zu wünschen. Also, wie ist es, Michael?“
Der hagere Offizier erhob sich. „Wenn mein Land ruft, habe ich wohl keine andere Wahl.“ Nachdrücklich streckte er sich. „Major also, eh?“
„Major, mit sofortiger Wirkung“, bestätigte King.
„Und ich nehme an, man hat Sie rein geschickt, weil ich eine Frau nicht gleich wieder raus brüllen würde.“
„Nicht ganz. Man hat sich einen Vorteil davon versprochen, dass wir beide die letzten Wochen zusammen trainiert haben. Können wir dann gehen?“
„Eines noch, Eryn. Was ist mit Flip? Wird er auch befördert? Kriege ich ihn für den Einsatz? Immerhin ist er wohl der einzige raumfahrende Archäologe des ganzen Planeten.“
„First Lieutenant Flipper...“ Sie stockte. „Mir ist nur bekannt, dass er nach dem ersten Verhör zur Erde geschafft wurde. Mehr kann ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Aber ich verspreche, dass ich mehr herausfinden werde.“
„Flip ist ein guter Mann. Und er hat Familie. Man sollte nicht zu hart mit ihm umspringen.“
„Ich werde das in meinem Bericht erwähnen“, erwiderte sie.
Michael Freyt verließ die kleine Zelle, und Eryn King sammelte die Fotos wieder ein. Dabei sah sie sich die Strahlende Kuppel genauer an. „Was zum Henker machen Sie nur da unten, Perry?“ Stumm schüttelte sie den Kopf und folgte dem frisch beförderten Major.
***
Opportunismus war schon immer eine Kunst für sich. Opportunisten mochte man verachten -  wenn sie ihren Job verstanden, gelang es ihnen, aus der Umkehr ihrer Prinzipien von gestern enorme Profite zu schlagen. Die Situation, die sich einem der größten Opportunisten auf der ganzen Erde gerade bot, indem Perry Rhodan nicht an der Freedom angedockt, sondern in der Wüste Gobi gelandet war, war viel zu verlockend für ihn, um nicht wahrgenommen zu werden.
Während NetSoft verzweifelt versuchte, seinen Einfluss auf die Presse dazu zu benutzen, um die Situation runter zu spielen, ja, wo immer es ging nicht einmal bekannt werden zu lassen, gingen die Aktienkurse mehr und mehr in den Keller. Mit einem Bruchteil des eigentlichen Aufwands würde es finanzstarken Investoren gelingen, im größten Mega-Konzern der Freien Welt beträchtlichen Einfluss zu gewinnen. Und dieser Einfluss würde sich lohnen. NetSoft umfasste eigene Produktions- und Entwicklungsstätten, eigene Distributorketten und eigene Dienstleistungsunternehmen, die größtenteils die vom Staat privatisierte Zivilverwaltung ausführte. Es steckte Geld in NetSofts Geschäften, viel Geld. Selbst wenn die Aktie in den Keller ging, es gab keine andere Möglichkeit, als dass sie sich wieder erholen würde, solange der Konzern existierte. Wer nun also die Ruhe behielt und den Abgrund des Kursverfalls abwartete, konnte von den verzweifelten NetSoft-Aktionären zu einem extrem kleinen Preis kaufen und reich werden.
Nicht, dass Clifford Monterny der Dritte wirklich noch mehr Geld benötigte, als er ohnehin schon hatte. Nein, ihm ging es in diesem Spiel darum, dem von seinem Großvater erschaffenen Konzern zu schaden und damit seinen Vater zu treffen. Den Vater, der ihn ins kalte Wasser geworfen hatte, um schwimmen zu lernen, indem er ihn mit einer lächerlichen Million Dollar aus Großvaters Erbe abgespeist hatte, damit er eine eigene Firma gründen konnte. Und das würde er dem alten Mann nie verzeihen. All die Behaglichkeit, all der Luxus, den er sich heute gönnen konnte, den hätte er schon in Jahren haben können, in denen er ihn noch mehr zu schätzen gewusst hätte. Aber nein, sein Vater hatte es Charakterbildung und Lehrzeit genannt. Nun, Clifford der Dritte hatte seinen Charakter gebildet. Und er hatte gelernt. Und all das würde er im Zuge dieser Krise seinem Vater vorführen.
Doch die Aktien waren nicht die einzige Option, die sich dem jungen Monterny bot, im Gegenteil. Die Aufmerksamkeit, die der kleine desertierte Major Rhodan auf sich zog, erschuf genügend Aufmerksamkeitslücken, um ihm zu erlauben, seine bereits bestehende beträchtliche Macht weiter zu vergrößern.

Clifford Monterny betrachtete seine Fingerspitzen. Sie waren nicht manikürt. Das war gut so. Er schätzte es nicht, für überheblich gehalten zu werden, auch wenn er dies mit absoluter Gewissheit war. Sein Blick ging den Arm hinauf, den weißen, schwabbligen Arm. Er hatte Jahre damit verbracht, sich ein unscheinbares Äußeres zu zu legen. Eines, bei dem die Menschen eher fort sahen als dass sie ihn freiwillig bemerkten. Und es hatte ihm genützt. Sein Vater, dieser stoische Asket, sah ihn nur mit Abscheu an, wenn er seine zwei Zentner Lebendgewicht in sein Büro wuchtete. Und das war eine kleine Freude für Clifford Monterny den Dritten. Alles, was seinen alten Herrn ärgerte, entsetzte oder gar ängstigte war gut, war wirklich gut. Und sein Aussehen sorgte dafür, dass ihn alle anderen für einen fetten, verweichlichten reichen Idioten hielten. Keiner sah, dass er dieses ganze Vermögen, mit dem er prasste, selbst erworben hatte. Sein selbst erschaffener Interceptor-Konzern war nicht besonders groß, aber nahezu autark. Vinkulierte Namensaktien garantierten, dass einerseits Kapital in die Kassen gespült wurde, er andererseits aber immer die Kontrolle über die Aktien hatte. Ihm würde nicht das passieren, was dem Konzern seines Vaters zum Verhängnis werden würde.
Ja, die Menschen unterschätzten ihn. Unterschätzten die Mühen, mit denen er Interceptor aufgebaut, stabilisiert und beständig erweitert hatte. Unterschätzten die Macht, die sich in seinen Händen ballte. Unterschätzten die Macht, die er selbst besaß.
„Sir, wir sind noch fünf Minuten vom Rendezvouz-Punkt entfernt“, sprach ihn MacAllen an, der Einsatzleiter des fünfzig Mann starken Kampftrupps, der ihn begleitete. „Unsere russischen Verbindungsleute haben uns ein clear gegeben.“
„Ich werde das selbstverständlich überprüfen“, sagte Clifford nur.
In MacAllens Augen stand für einen Augenblick nackte Angst. Dann aber nickte der große schottisch-stämmige Soldat. „Natürlich, Sir.“
Das irritierte Clifford ein wenig. Gerade er musste doch wissen, dass ein zur Marionette degradierter Taktiker in dieser Operation herzlich wenig nützte. Deshalb war MacAllen auch ziemlich sicher davor, von seiner Gabe der Suggestion erfasst und zum Sklaven gemacht zu werden. Nun, noch bestand dazu keinerlei Notwendigkeit.
„Absolute Ruhe, bitte“, sagte der Chef von Interceptor in den Raum. Die fünfzig Einsatzsoldaten und die vier Männer und Frauen seines Spezialteams verstummten sofort. Manchmal hatte Angst doch so seine Vorteile.

Clifford Monterny schloss die Augen und konzentrierte sich. Er stellte sich die Region vor, in der sie landen würden, fünf Kilometer hinter der Grünen Grenze zu China, und dreißig Kilometer von jenem mitten in der Wildnis errichteten provisorischen Stützpunkt entfernt, der ihr Ziel war. In Cliffords Vorstellung bekam der karge Steinboden Substanz, er erkannte einzelne Pflanzen, ein paar Tiere, die über den Boden huschten, oder sich angstvoll duckten, sobald sie seine Präsenz spürten. Aber die interessierten ihn nicht. Er suchte weiter und erkannte die Präsenz von zwei Menschen, wie Leuchtfeuer in finsterer Nacht. Er griff danach, ohne sie unter seinen Willen zu zwingen, nutzte sie als Anker für seine weiteren Erkundungen. Doch es schien wahr zu sein. Da unten befanden sich nur die beiden russischen Verräter, die für viele amerikanische Dollar sein Kommandounternehmen zum Erfolg führen würden.
Clifford atmete schwer aus und öffnete wieder die Augen. „Das Gelände ist sicher. Aber seid trotzdem vorsichtig“, mahnte er.
Die Leute bestätigten und begannen ihre Ausrüstung vorzubereiten. Sie würden einen schnellen, harten Schlag führen und dann wieder verschwinden, das war der Plan.

Wieder betrachtete Clifford Monterny der Dritte seine Finger. Er erinnerte sich noch sehr gut an den Tag, an dem er zum ersten Mal Homer G. Adams begegnet war. Der reiche Finanzjongleur war ein elitärer Vorreiter seiner Kunst. Er war für die Börsen das, was Einstein für die Physiker und Gagarin für die Raumfahrt gewesen war. Der Mann war ein Phänomen, ein kleines Wunder. Er schien nie etwas zu vergessen, und stets schien er zumindest zu ahnen, was sein Gegenüber dachte. Leider trug er diesen leidigen Buckel mit sich herum und weigerte sich, ihn durch eine simple kosmetische Operation entfernen zu lassen.
Es hatte Clifford nicht viel Mühe gekostet, um herauszufinden, dass der Finanzmagnat vor Jahrzehnten auch für NetSoft gearbeitet hatte, bevor sein privates Vermögen so groß geworden war, dass er seine eigene Broker-Firma hatte aufmachen können. Zuvor aber hatte er etliche der geheimen und geheimsten Projekte geleitet, welche NetSoft betrieb. Eine davon hatte schließlich zu dem Buckel geführt, der den genialen Finanzdienstleister entstellte. Eigentlich bewunderte Clifford diesen Mann und seinen Mut, mehr als vieles anderes auf der Welt. Manchmal fragte er sich, wie es gewesen wäre, wenn dieser Mann sein Vater gewesen wäre, und nicht der kalte, steife, asketische Clifford Junior. Aber darauf gab es keine Antwort.
Clifford bezweifelte auch, dass sein Vater je einen solchen Mut aufgebracht hätte wie Homer.
Denn dieser Mann hatte gewagt, was für viele geradezu undenkbar war, er hatte sein eigenes Leben riskiert. Er hatte in der Frühphase der künstlich aufgebauten Gene an einem Experiment teilgenommen und es überlebt.
Gene bestanden im Prinzip nur aus Aminosäuren, die zusammen Nukleotidbausteine ergaben. Diese Nukleotide bildeten Nukleinsäuren, welche schließlich die Doppelhelix der Desoxyribonukleinsäure formten. Sie konnten beliebig kombiniert werden, ergaben aber nicht zwangsläufig in jeder Zusammensetzung einen Sinn. Diese fertigen Säuren der DNS bildeten gewissermaßen den Bauplan für einen Menschen, von der Struktur einer einzelnen Haardrüse bis hin zur Größe und Form des Gehirns.

Die Menschheit hatte es irgendwann geschafft, eigene stabile Gene aus freien Aminosäuren zu konstruieren. Zuerst hatten sie bestehende Gene nachgebaut, dann eigene entwickelt. Bei den künstlichen Genen war man noch einen Schritt weiter gegangen. Man hatte versucht, den Genetischen Code nicht nur zu verbessern, in dem man zum Beispiel Gensequenzen austauschte, die Erbkrankheiten bewirkten. Man hatte versucht, aus dem Wust aller möglichen Kombinationen der Nukleine sinnvolle Kombinationen heraus zu filtern, die dem Menschen neue Aspekte oder gar Fähigkeiten verliehen. In diesem konkreten Fall hatten die künstlichen Gene das perfekte Gedächtnis erschaffen sollen. Es war ein gewagtes, gefährliches, ja Lebensbedrohendes Experiment gewesen, aber das Ergebnis hatte alle Erwartungen übertroffen. Der ohnehin schon hoch begabte Homer Gershwin Adams hatte sein Gedächtnis perfektioniert. Und dazu hatte er eine Gabe erhalten, die von den NetSoft-Wissenschaftlern latente Telepathie genannt worden war. Wie sie genau funktionierte konnte auch nach dreißig Jahren intensiver Forschung niemand sagen. Aber die Installation des neuen Gens in Homers Erbgut versetzte ihn in die Lage, die Stimmung seines Gegenübers zu lesen, und manchmal sogar einen intensiv gedachten Gedanken zu erfassen.
Diese Erkenntnis hatte die gesamte Forschung innerhalb des Konzerns revolutioniert. Es war von Quantenverschränkungen die Rede gewesen, von einer neuen Menschenrasse, dem Homo Superior, vom Ende aller Krankheiten, ewiger Gesundheit und ewigem Leben. Aber so weit waren die NetSoft-Forscher nie gekommen. Im Gegenteil, Industriespione hatten einen Großteil der Forschungen an einen taiwanesisch-japanischen Großkonzern verkauft, und damit das Projekt in Reichweite der Chinesen gebracht. Und auch die Russen waren an diesem Punkt aufmerksam geworden und hatten ihren Teil dazu getan, um die Technologie zur Konstruktion künstlicher Gene, speziell aber die schon von NetSoft erforschten Gene zu erhalten.

An diesem Punkt der Erkenntnis hatte sich auch Clifford dazu entschlossen, sich verbessern zu lassen. Sich aufpeppen zu lassen. Eine Fähigkeit zu erwerben, die jenseits der menschlichen Vorstellung lag.
Doch es war schief gelaufen. Das Risiko, dass die neue Erbinformation mittels Retroviren nicht in den Genetischen Code des Probanden würde integriert werden können war von Anfang an hoch gewesen, Spätfolgen wie zum Beispiel Homers Buckel oder sogar der eigene Tod wahrscheinlich. Und oftmals veränderte sich die Erbinformation, aber sie veränderte sich nicht so, wie die Wissenschaftler erwartet hatten, weil die Nukleotide sich mit Hilfe der körpereigenen Reparaturfähigkeiten selbstständig umgruppierten. Auch das konnte zum Tod führen, oder zu großen, negativen körperlichen Veränderungen. Bei ihm war so etwas geschehen: Anstatt ein Telepath zu werden und fortan die Gedanken seiner Mitmenschen lesen zu können als würde er nur ein Buch aufschlagen, hatte er eine andere Fähigkeit erhalten. Ja, erhalten, das war das richtige Wort. Er konnte fortan nicht die Gedanken seiner Gegenüber lesen, aber er konnte vorgeben, was sie denken sollten. Er konnte es sogar so weit treiben, dass die Leute glaubten, diese Gedanken wären ihre eigenen. Je öfters er mit einem Probanden arbeitete, je intensiver er sich mit ihm beschäftigte, umso nachhaltiger war diese Vorgabe. Und seine Fähigkeit wurde im Lauf der Jahre immer besser, immer stärker. Er war ein Suggestor geworden. Hinter diesem harmlosen Wort verbarg sich die Macht, einen Menschen nach seinem vermeintlich freien Willen handeln zu lassen. Und dennoch war er fortan nur noch eine Marionette von Clifford Monterny dem Dritten. Deshalb fürchteten ihn sogar seine eigenen Leute.

„Wir haben grün! Stratoklipper setzt auf! Ausrüstung aufnehmen, wir gehen raus!“, rief MacAllen lautstark. Er kam direkt zu Cliffords Sitz. „Sir, es geht los.“
Ächzend erhob sich Monterny. Das war ein großer Nachteil der Fassade, die er für alle anderen Menschen aufgebaut hatte. Die Extra-Kilos behinderten ihn enorm. Aber das war nur ein kleiner Preis für das, was er hier erreichen wollte. Hier, im Grenzgebiet zur Asiatischen Föderation, kein sechzig Kilometer von Rhodans Strahlender Kuppel entfernt, konnte echte, wahre, gespenstische Macht erlangt werden. Hier wartete Spezialist Goratschin darauf, von ihm einer höheren Aufgabe zugeführt zu werden, als der lebende Raketenschild Russlands zu sein. „Auf geht es“, sagte Clifford und konnte die Vorfreude kaum unterdrücken.
***
„Man kann sie von hier aus sehen“, sagte Peter Iwanowitsch Kosnow nachdenklich, als er mit dem Feldstecher den Horizont absuchte. „Allerdings nur die Spitze, der Rest liegt hinter der Erdkrümmung verborgen.“
Peter reichte das Fernglas hoch, nachdem er die Spitze der Energiekuppel gesehen hatte, unter der sich Perry Rhodan, Reginald Bull und Eric Manoli verborgen hielten.
„Danke dir, mein Junge“, sagte eine Bassstimme von oben.
Eine zweite, fast gleich klingende Stimme bemerkte: „Warum darfst du eigentlich zuerst durchschauen? Nur weil du zweieinhalb Sekunden älter bist als ich...“
Peter sah zur Seite und blickte auf. Das war auch nötig, denn der Mann, oder vielmehr die beiden Männer, die neben ihm standen, waren nahezu zweieinhalb Meter groß. Sie, das waren zwei Brüder im Dienste der russischen Armee. Und wäre ihre Körpergröße nicht schon genug gewesen, so verfügten sie darüber hinaus über einige Fähigkeiten und Besonderheiten, die ebenso erstaunlich wie erschreckend waren. Eine davon war, dass sie siamesische Zwillinge waren. Ihre beiden Köpfe teilten sich einen gemeinsamen Körper. Ein anderer Umstand war, dass sie immer einen Anlass zum Streit fanden.
„Sei still, kleiner Bruder, sonst finde ich die Kuppel nicht. Und je eher ich sie gesehen habe, desto eher kriegst du das Fernglas.“
Der linke Kopf schnaubte entrüstet, aber er verzichtete darauf, mit der linken, von ihm kontrollierten Hand nach dem Glas zu greifen.

Für einen Moment betrachtete Peter die große Gestalt, die blassgrünliche Haut und die haarlosen Schädel der beiden. Der rechte Kopf beanspruchte für sich den Namen Iwan, während der linke den Namen Iwanowitsch bekommen hatte. Eigentlich war der Zweitname eines Russen immer der Name des Vaters, aber da sein körperlicher wie geistiger Vater Iwan Wassijewitsch Goratschin darauf verzichtet hatte, beiden einen Namen zu geben, hatte sich diese Notlösung mit der Zeit ergeben, weil keiner der beiden Köpfe den Namen Iwan aufgeben wollte.
„Jungs, Jungs“, mahnte Peter und klopfte dem Riesen – oder vielmehr den beiden Riesen – auf die Seite. „Ihr vergesst, wir sind hier bei der Roten Armee. Hier regeln wir die Dinge anders.“ Grinsend wandte sich Peter ab und fixierte einen Oberleutnant. „Sie. Holen Sie Oberst Goratschin sofort einen zweiten Feldstecher.“
„Jawohl, Herr Hauptmann.“
„Seht ihr? Problem gelöst.“
„Siehst du das? Wir sind Oberste, aber dieser kleine Hauptmann zeigt uns, wie man die Befehlskette richtig benutzt“, klagte Iwanowitsch. „Nimm dir mal an ihm ein Beispiel. Und so was will ein große Bruder sein.“
„Hier bitte, Herr Hauptmann.“
Peter sah den jungen Offizier belustigt an. Es sprach Bände, dass der Bursche ihm das Glas gab, und nicht den Goratschins direkt. Der junge Mann hatte Angst vor den Riesen, und weder er noch die beiden Brüder konnten es ihm verdenken.
Seltsam war es schon, fand Peter Kosnow, als er Iwanowitsch das Fernglas reichte. Damals, als er das was den Oberst darstellte,  kennen gelernt hatte, da hatte er eine wahnsinnige Angst vor ihm gehabt. Heute, wo er genau über die Fähigkeiten, über die geradezu monströsen Fähigkeiten der Goratschin-Brüder informiert war, hatte er keine Angst vor ihnen, obwohl er nun eigentlich allen Grund dazu hatte.
„Da! Ich sehe die Kuppel! Ich sehe die Spitze! Siehst du sie auch, großer Bruder?“
„Ich sehe vor allem, dass da nichts für uns zu holen ist. Die Schirmwandung enthält keine Kalzium- und Kohlenstoffverbindungen, die wir zünden könnten. Totes Rennen.“
„Es ist auch nicht unsere Aufgabe die Kuppel zu vernichten, sondern sie zu beschützen“, tadelte Iwanowitsch. „Hast du beim Briefing geschlafen?“
„Wenn schon. Was tust du, wenn wir eines Tages den Auftrag kriegen, die Kuppel doch noch zu sprengen? Wirst du dann wegsehen?“
„Hm“, machte der Jüngere frustriert. „Ich verweigere keinen direkten Befehl, aber ich bin auch der Meinung, dass Perry Akopowitsch kein schlechter Mann ist.“
Bewundernd beobachtete Peter den Disput dieser beiden Männer, die als der größte Joker der russischen Verteidigung galten. Ihr Vater Iwan und ihre Mutter Ludmilla hatten damals, vor fünfundzwanzig Jahren, eine Vorreiterrolle in der russischen Gen-Wissenschaft eingenommen und als Erste mit künstlich hergestellten Genen experimentiert. Iwan war sogar soweit gegangen, sich die künstlich erschaffenen Gene selbst zu implantieren. Niemand hatte je ahnen können, dass sich diese Gene auf die nächste Generation vererben würden. Niemand hatte damit gerechnet, dass nicht der Vater, sondern die Söhne durch die künstlichen Gene erzeugte, neuartige Fähigkeiten erwerben würden. Abgesehen davon, dass Iwan Iwanowitsch Goratschin zwei Gehirne mit feinsinnigem, beinahe genialem Intellekt besaß, verfügte der Körper der beiden Brüder, oder vielmehr gesagt die beiden Köpfe über eine Fähigkeit, wie sie schrecklicher kaum sein konnte. Wenn sich die beiden Brüder auf ein gemeinsames Ziel konzentrierten, waren sie in der Lage, ihren Blick bis auf den molekularen Bereich zu vertiefen. An diesem Punkt trat ihre eigentliche Fähigkeit auf: Sie konnten Kalzium und Kohlenstoff künstlich zur Fusion anregen. Wie genau beide Fähigkeiten funktionierten hatten die russischen Wissenschaftler bis heute nicht herausgefunden, aber seit einigen Jahren, seitdem sie die Reichweite dieser Fähigkeit, die sie Zündermutation nannten, mit mehren tausend Kilometern ermittelt hatten, waren Iwan und Iwanowitsch der Stützpfeiler des russischen Antiraketenschirms. Alles was die beiden Brüder im Ernstfall brauchten, waren ein Livebild und die genauen Koordinaten eines beliebigen Objektes, um es mit ihrer Zünderfähigkeit zur Detonation zu bringen. Je mehr Kalzium oder Kohlenstoff sie dabei zündeten ließ die Explosion größer ausfallen. Experimente hatten gezeigt, dass das Maximum des Zündermutanten  in einem Bereich lag, der die Sprengkraft der Hiroshima-Bombe erreichte. Theoretisch war die Kraft seiner Kernzündung noch größer, aber auch so war die Fähigkeit erschreckend genug. Seinem Vater waren die Gene zum Verhängnis geworden; Iwan Wassiijewitsch Goratschin hatte unbewusst in seinem Körper tausende, vielleicht zehntausende Mikroexplosionen ausgelöst und war nach und nach daran gestorben. Seine Frau Ludmilla Sashakowna war vor Gram und Kummer kurz nach ihm gefolgt. Damit waren die beiden Brüder Staatsmündel geworden. Und der Staat hatte sie nicht wie eine widerwärtige Mutation behandelt, das taten nur die Menschen. Nein, in einem freien, unabhängigen Russland hatte man die beiden Goratschins ernährt, gekleidet, ausgebildet und ihre Fähigkeiten für den bestmöglichen Nutzen für Mütterchen Russland eingesetzt.

Peter hatte keine Angst vor diesen Männern. Nicht mehr. Er hatte die Brüder vor drei Jahren kennen gelernt, als er kurzfristig dem Personenschutz der beiden zugeteilt gewesen war, und natürlich hatte ihn die monströse zweiköpfige Erscheinung erschreckt. Aber ein paar Diskussionen unter sechs Augen, ein paar derbe Scherze und ein paar Partien Schach hatten wahre Wunder gewirkt. Die Goratschins, die der Einfachheit halber oft als einzelne Person behandelt wurden, hatten damals schon, im Alter von dreiundzwanzig Jahren, den Titel eines Oberstleutnant getragen und waren damit Peters Vorgesetzte gewesen. Und schon damals waren die Fähigkeiten der Goratschins beeindruckend gewesen. Damals war es ihnen bereits ein Leichtes gewesen, mit Hilfe von Echtzeit-Originalaufnahmen und Entfernungsangaben gezielt westliche Satelliten anzuvisieren und mit Hilfe ihrer Begabung zu sabotieren, was ihnen mehr als einen Orden eingebracht hatte. Frei, so richtig frei würden die beiden Brüder wohl niemals werden. Aber sie dienten dem Vaterland, wurden dafür belohnt und erhielten alles, was sie zum Leben brauchten. Sie mussten nur danach verlangen.
Das Aufwändigste, was sie jedoch nach seinem Wissen jemals hatten haben wollen, war eine Schachpartie gegen den derzeitigen Weltmeister gewesen. Ansonsten waren die Goratschins bescheiden, lebten zurückgezogen, liebten Nudeln und Borschtsch und widmeten sich ihren Hobbys, wenn sie keine Einsätze hatten. Es wäre alles in allem ein trauriges Leben gewesen, und es war nicht besonders schwer vorauszusagen, dass die beiden Brüder gemeinsam einsam bleiben würden. Aber letztendlich waren sie nicht völlig allein. Sie hatten auch Menschen wie ihn, der sich durchaus als ihr Freund ansah.

„Hauptmann Kosnow?“
Verwirrt sah der junge Geheimdienstoffizier auf. „Was?“
„Wir haben gefragt, ob Sie nachher eine Partie Schach gegen uns spielen“, sagte Iwanowitsch, der Jüngere.
„Wie? Gegen beide? Ist das nicht etwas unfair?“
„Siehst du? Ich habe dir doch gesagt, dass er kneifen würde“, brummte Iwan. Er gab Peter den Feldstecher zurück, und der aus der Hand seines Bruders landete in den Händen des Oberleutnants, der ihn mit sichtbaren Anzeichen des Entsetzens auffing.
„Ich habe nicht gesagt, dass ich kneifen würde“, murrte Peter.
Die beiden Brüder sahen zu ihm zurück. Das war ein merkwürdiger Anblick, denn beide hatten die Köpfe nach innen zu ihm zurück gedreht. „Gut. Dann sagen wir nach dem Abendessen?“
„Ich werde da sein, Oberst Goratschin“, erwiderte Peter schmunzelnd.
Iwan schmunzelte amüsiert, während Iwanowitsch sein Pokerface aufrecht erhielt. Viel zu spät hatte Peter gemerkt, dass er in eine ziemlich simple Falle der beiden getappt war. Aber das tat dem Vergnügen ihrer Gegenwart keinen Abbruch. Im Gegenteil.
„Wir freuen uns darauf, Hauptmann“, sagte Iwan.
Iwanowitsch fügte hinzu: „Bring Wodka mit, Peter. Ich habe gehört die Nächte sollen hier kalt werden. Und die Zeltwände sind dünn.“
„Zum warmhalten. Sicherlich“, erwiderte der russische Geheimdienstoffizier schmunzelnd.

Als die beiden Riesen in der kleinen Zeltstadt verschwunden waren, begleitet von dem Oberleutnant, wandte sich Kosnow wieder der Kuppel zu. Sein Auftrag würde es sein, am nahen Goshun-See eine experimentelle Entsalzungsanlage aufzustellen und bei der Gelegenheit mit Rhodan oder einem der anderen ins Gespräch zu kommen. Seine Hauptaufgabe aber war es in der Nähe zu bleiben und dafür zu sorgen, dass Rhodan unter seiner Kuppel blieb und sich an der derzeitigen Situation nichts änderte.
Er war froh, das Direktorin Michalowna die beiden Goratschins für den Notfall abkommandiert hatte, um ihn bei der Mission Rhodan zu unterstützen, denn niemand konnte sagen, wie der nächste Tag hier aussehen würde. Die Armee der AF marschierte, mehrere Divisionen mit schweren Panzern, Artillerie, Infanterie und Pionieren wurden in Richtung der Kuppel verlegt, also konnte ein Atomschlag erst einmal ausgeschlossen werden. Aber was war mit der Spezialabteilung des Militärischen Geheimdienstes der Asiatischen Föderation? Diese Sondertruppe war gefürchtet, weil sie erschreckend effizient und vor allem erschreckend spurenlos arbeitete. Gerüchten zufolge hatten die Chinesen nicht nur Japans horrend hohen Mitgliedsbeiträge zum Unterhalt der AF gewonnen, sondern auch die Hand auf die japanischen Nekekami gelegt, den Katzengöttern, oder wie sie überall auf der Welt im Volksmund hießen: Die Ninjas.
Peter konnte sich gut vorstellen, dass die Sondertruppe einige dieser absoluten Spezialisten der Tarnung, Sabotage und Spionage in ihren Reihen hatte. Das hieß, falls es sie wirklich gab. Wenn ja wäre es eine Erklärung für die erschreckenden Erfolge gewesen, welche die Sondereinheit in den letzten Jahren verzeichnet hatte. Sie war einer der Gründe, warum sich Russland trotz eines Trumpfs wie den Gebrüdern Goratschin äußerst zurückhaltend und kooperativ gegenüber der AF verhielt.
Wenn er wirklich gegen diese Sondereinheit antreten musste, dann waren Iwan und Iwanowitsch vielleicht die einzigen Menschen, die eine Hilfe für ihn bedeuten würden.

Mit einem Seufzer wandte sich Peter Kosnow ab. Morgen würde ein langer Tag werden, und bevor er an Schlaf denken konnte wartete noch eine kräftezehrende Partie Schach auf ihn. Es war vielleicht vernünftig, seine Kräfte zu schonen und aus seinem persönlichen Vorrat eine der besseren Wodka-Flaschen bereit zu stellen.
So dachte er zumindest, bis er das charakteristische Geräusch eines Schusses hörte.
Peter reagierte instinktiv. Er zog seine Dienstwaffe und warf sich zu Boden. Der Schuss war aus Richtung des Lagers gekommen. Hastig robbte er in eine gute Beobachtungsposition und zog den Feldstecher vor die Augen. Ein Angriff? Ein unvorsichtiger Rekrut, der mit der Sicherung einer scharfen Waffe gespielt hatte? Hastig sah er sich um. Nein, alles schien normal. Nur wunderte es ihn, dass sich niemand zu bewegen schien. Alle Soldaten standen da, als würden sie im stehen schlafen. Wieder bellte ein Schuss auf, und auf der anderen Seite des Lagers ging ein russischer Soldat zu Boden. Aber die Männer und Frauen im Lager reagierten immer noch nicht darauf. Himmel, was war hier los?
Dann spürte er den Druck im Schädel, ein Gefühl, als würde eine Hand nach seinem Gehirn greifen und es fest zusammenpressen. Schmerz durchzuckte ihn, furchtbarer Schmerz. Zugleich aber glaubte er eine Stimme zu hören, die ihn mit Engelszungen lockte, die ihn verführte. Die von ihm verlangte, inne zu halten und sich dem süßen Nichtstun zu ergeben.
Wütend schüttelte Peter den Kopf. Er verstand noch immer nicht, was hier geschah, aber der Druck, und damit der Schmerz wurden stärker. Beinahe hätte Peter aufgeschrien, und wunderte sich doch, dass er der einzige zu sein schien, der sich in Schmerzen am Boden wand, während alle anderen nur da standen und selig ins Nichts lächelten.
Dann fuhren die beiden Laster ins Zeltlager ein. Bewaffnete Männer in Wintercamouflage sprangen herab und sicherten die Umgebung.
Peter sah, dass einer der russischen Soldaten sein Gewehr wie in Zeitlupe vom Rücken nahm. Er kam nicht einmal dazu, es in Anschlag zu bringen. Er wurde gleich von mehreren der Neuankömmlinge erschossen.

Dann stieg er vom hinteren Wagen herab, ein kleiner, schwammig wirkender Mann mit schütterem blonden Haaren. Er trug eine nicht identifizierbare Uniform in Wintercamouflage, wie die anderen, und mit seinem Auftauchen verstärkte sich der Druck in seinem Schädel noch einmal beträchtlich. Aber er betäubte ihn nicht.
Zu seinem Entsetzen sah Peter nun, wie Iwan und Iwanowitsch vor ihr Zelt traten. Dies taten sie, als wären sie ein schlecht programmierter Roboter, oder als hätten sie den Wodka, den sie Kosnow abverlangt hatten, bereits getrunken. Der gemeinsame Körper der beiden ging direkt auf den Dicken zu.
Der musterte ihn interessiert und deutete dann auf den vorderen Wagen. Schwankend setzten sich die Goratschins in Bewegung.
Hilflos sah Peter dabei zu, wie sie den Laster erklommen und auf der Ladefläche verschwanden. Auch der Dicke kletterte nun, mit Hilfe seiner Leute, auf den ersten Laster. Dann brachen die Angreifer ihre Stellungen auf und erklommen ebenfalls die Laster.
Hilflos krampfte sich Peters Hand um seine Dienstwaffe. Das Lager war über einhundert Meter entfernt. Selbst wenn er die Kraft gehabt hätte abzudrücken, hätte er auf diese Entfernung niemals getroffen. Verdammt, sie entführten die beiden Brüder direkt vor seiner Nase! Wenigstens richteten sie an den Wehrlosen kein Massaker an.
Dieser Druck, dieser enorme Druck musste von dem Dicken ausgehen. Peter wusste nicht, wie er es machte, aber auf die anderen Soldaten schien es eine lähmende Wirkung zu haben, ja einige sahen regelrecht verzückt aus. Nur er selbst hatte diese furchtbaren Schmerzen dabei. Aber wenn der Konvoi aus den beiden Lastern das Lager wieder verließ würde auch der Schmerz nachlassen, würden auch die anderen Soldaten aufwachen und...

Angst durchfuhr Peter. Angst, die daraus entstand, wie Iwan und Iwanowitsch in den Laster geklettert waren. So als ob sie von einem schlechten Puppenspieler gelenkt worden wären. Der Dicke beherrschte Iwan! Beherrschte alle im Lager! Und er war gerade dabei, die wichtigste Waffe in der russischen Verteidigung zu stehlen! Er konnte sich sicherlich keine Zeugen erlauben, geschweige denn jemanden, der das Militär warnen konnte! Und wenn er die beiden Brüder wirklich beherrschte, wenn er über ihre Fähigkeiten informiert war – und das war er, sonst hätte er sie nicht entführt – dann musste er im Camp gar kein Massaker anrichten. Er musste Iwan und Iwanowitsch nur einen Befehl geben. Und der würde in einer Katastrophe enden.
Der Schmerz ließ nach als die Laster sich entfernten, und damit kehrte die Bewegungsfreiheit des Hauptmanns zurück. Peter gelang es nach mehreren Versuchen endlich, sich wieder aufzuraffen und zu stehen. Er legte beide Hände wie Trichter an seinen Mund, wollte die Wachsoldaten im Lager warnen, ihnen zurufen, sie sollten die Beine in die Hand nehmen und davon laufen.
Aber es war zu spät. Die Gebrüder Goratschin nutzten ihre Gabe der Zündung. Mitten im Lager erfolgte eine Explosion beachtlichen Ausmaßes. Die Druckwelle fegte Peter von den Beinen und warf ihn hart und unwirsch zu Boden. Dort blieb er liegen und krümmte sich erneut vor Schmerz. Aber mehr schmerzte ihn die Erkenntnis, versagt zu haben. Er hatte die Goratschins verloren, und damit eventuell die Zukunft Russlands.


8.
Reginald Bull wusste, dass er dumm aussehen musste, aber er konnte dieses breite Grinsen nicht abstellen. Der Flug im arkonidischen Einsatzanzug hatte ihn begeistert, ja regelrecht euphorisiert. Mit dem Miniaturprallschirm und der Antigraveinheit hatte er lediglich einen läppischen Tag gebraucht, um den Himalaja zu überqueren, und binnen eines weiteren Tages hatte er es bis nach Sydney geschafft. Selbst mit seinem Einkauf und Katmandu und den Schlafphasen, die er sich zugestanden hatte, war die Reise extrem kurz gewesen.
Nun stand er auf dem Dach eines sydneyschen Hochhauses. Bully hatte sich für das Deutsche Bank Place in der Philips Street entschieden, weil die abgestuften und für das Publikum gesperrten Dachterrassen eine zufällige Entdeckung erschwerten, während er landete und seine überschüssige Ausrüstung versteckte.
Ab hier ging die Reise für Reginald Bull ohne die Ausrüstung, aber mit dem arkonidischen Einsatzanzug weiter. Die dünne Folie, kaum stärker als ein Neopren-Anzug, konnte er unauffällig über der Kleidung tragen, in seinem Fall ein unauffälliger Geschäftsanzug, den er sich in Katmandu in einem Viertel gekauft hatte, in dem man keine großen Fragen stellte. Zum Glück hatte er einen Körperbau, der ihn Ware von der Stange einigermaßen komfortabel tragen ließ. Den Helm, der zum Anzug gehörte, trug er zusammengefaltet in der Innentasche des Jacketts. Er verhärtete sich auf die Festigkeit von Stahl, wenn er aufgesetzt wurde. Die übrigen, superflachen Aggregate, die auf dem Anzug verteilt waren, wie zum Beispiel der Deflektorschild und das Antigravgerät, trugen unter dem lockeren Anzug kaum auf. Zudem verfügte der Anzug über Steuereinheiten in den Handschuhen, die mit ein wenig Übung eine problemlose Bedienung ermöglichten. Auch im Helm gab es eine Steuerung per Blickkontakt, für den Fall, dass er seine Hände für die externen Waffen benötigte, die er für den Notfall mit sich führte. Dies waren ein Paralysator, ein Desintegrationsstrahler und ein Hypnostrahler.
Ein wenig mulmig war die Technik dem Risikopiloten schon; es war eine Sache, über die arkonidische Technik mittels der Datenimplikationsschulung auf sieben Wissensgebieten informiert zu sein und zu wissen, dass das Deflektorfeld mit einem Prinzip winziger Spiegelungen und deren Übertragung auf die gegenüberliegende Seite des Feldes arbeitete, was den Unsichtbarkeitseffekt bewirkte, aber eine andere, es wirklich erleben zu können und dabei zu zu sehen, wie jemand vor seinen Augen scheinbar im Nichts verschwand.
Oder das ein Desintegrator eine Strahlung aussandte, welche die molekulare Bindung der Atome auflöste und Materie somit zu weniger als Asche vergehen ließ.
Oder das der Hypnostrahler mit einem hochfrequenten Magnetfeld arbeitete, welches die Gehirnströme des anvisierten Menschen aus dem Rhythmus brachte und somit auf einem Weg, der sich Bully noch nicht so ganz erschlossen hatte, zu einer leicht lenkbaren Marionette machte. Sicherlich eine gute, nicht tödliche Waffe der Arkoniden. Aber Bully hätte sie nicht mitgenommen, wenn er nicht durch die arkonidische Datenimplikationsschulung gelernt hätte, dass er mit dem Hypnostrahler keine Zombies produzierte, sondern der Effekt irgendwann, abhängig von der Konstitution des Ziels, nachließ.
Reginald kannte die Prinzipien, nach dem die Waffen und Ausrüstungsgegenstände funktionierten, aber er kannte die exakte Funktionsweise nicht. Und ihn als Ingenieur und leidenschaftlichen Bastler interessierte genau das. Die Datenimplikationsschulung, die er und Perry erhalten hatten, war nach seinem Standpunkt aus unbefriedigend gewesen. Sicherlich, er hatte alle Fakten beisammen die er brauchte, um die Arkontechnik zu bedienen. Und das war sicherlich auch Teil des arkonidischen Dilemmas. Welcher Abkömmling dieser hochtechnisierten Rasse ließ sich schon derart unwichtige Details wie die exakte Funktionsweise eines Deflektorschildes per Datenimplikationsschulung imprägnieren? Gebaut wurden sie in vollautomatischen Fabriken, für die eine Neuronik zuständig war, und damit hatte es sich.
Aber für ihn reichte es nicht. Er war eben ein Mensch, der den Dingen gerne auf den Grund ging. Natürlich hatte er schon eigene Theorien, den Deflektor und den Antigrav betreffend, aber er hätte es schon gerne genauer gewusst. Bully fragte sich, ob es eine separate technische Datenimplikationsschulung gab, oder ob die Arkoniden zum Beispiel Wartungsaufgaben prinzipiell von Robotern erledigen ließen. Für ihn als alten Bastler war das ein Zustand, der ihn in den Wahnsinn trieb. Wo war da der Spaß?
Andererseits war es manchmal wirklich nicht verkehrt, nicht zuviel über diese Supertechnik zu wissen, wenn man gerade am Rand eines Hochhauses stand und sein Leben erneut dem Antrigravpack des arkonidischen Einsatzanzugs anvertrauen musste.
Mit einem Seufzer betätigte Reginald Bull die entsprechende Schaltung innerhalb der Handschuhe. Glücklicherweise war es ihm gelungen, in Katmandu auch ein Paar weißer Seidenhandschuhe auf zu treiben, die diesen Aspekt des Anzugs verdeckten. Die Innenklimatisierung verhinderte überdies, dass er transpirierte. Lediglich sein Dickschädel war der heißen Sonne Australiens ausgesetzt.
Mit einem zweiten Seufzer betätigte Reginald eine weitere Schaltung. Der Anzug trieb nun sanft nach vorne, über die Kante hinweg... Und sackte nicht mit ihm haltlos in die Tiefe. Im Gegenteil, er schwebte, nur von den antigravitatorischen Kräften eines Prozesses gehalten, den er nicht – noch nicht – verstand, mitten in der Sydneyer Nachmittagsluft. Zudem schützte ihn der Anzug-eigene Deflektorschild vor neugierigen Augen.
Nachdem er so viel Vertrauen in die arkonidische Technik gewonnen hatte, sackte er langsam ab und sank der Phillip Street entgegen.
Kurz bevor Bully den Boden berührte, manövrierte er sich in die Nische zwischen der Deutsche Bank Place und dem Nachbargebäude. Dort wurde er wieder sichtbar und trat sofort zurück auf die Phillip Street. Selbst wenn jemand beobachtet hatte, dass er quasi aus dem Nichts entstanden war, im Gewühl des Sydneyer Nachmittag würde er schnell verschwinden.

„TAXI!“ Er winkte eines der weißen Fahrzeuge mit dem gelben Schriftzug der Taxi Combined Services heran, stieg ein und ließ sich als erstes zur nächsten Bank fahren, um seine amerikanischen Dollar in australische einzutauschen.
Danach zahlte er den Fahrer aus, ging ein paar Querstraßen und nahm ein anderes Taxi. Damit fuhr er nach Liverpool City in den Unterbezirk Wallacia außerhalb Sydneys. Das war eine Fahrt von über fünfzig Kilometern Luftlinie. Im Unterbezirk angekommen, zahlte er den Taxifahrer aus und setzte die restliche Strecke, immerhin noch drei Kilometer, zu Fuß fort.
Sein Ziel war die Privatklinik von Professor Doktor Frank M. Haggard, Brieffreund seines hochgeschätzten Kampfgefährten Eric Manoli und wie dieser eine Koryphäe auf dem Gebiet der Weltraumkrankheiten. Haggard aber hatte einen etwas anderen Weg eingeschlagen als Manoli. Während Eric sich auf die Diagnose und Therapie moderner Weltraumkrankheiten konzentrierte,  hatte sich Frank Haggard vor allem einem Kernproblem der bemannten Raumfahrt angenommen, das wie eine Geißel über all jene Menschen schwebte, die längere Zeit im All blieben, und nicht auf sie beschränkt waren: Krebserkrankungen.
Im Prinzip waren Krebserkrankungen keine große Sache. In jeder Sekunde des Lebens mutierten Zellen im Körper eines beliebigen Menschen und wurden von der Immunabwehr mit Fresszellen vernichtet, bevor sie wuchern konnten. Das Problem beim Krebs  waren all die Fälle, die der Körper alleine nicht fand. Eine populäre Behandlungsmethode heutzutage war deshalb die richtige Krebsdiagnose und die anschließende Injektion mit künstlichen Botenstoffen direkt in den Krebsherd, die dann den körpereigenen Fresszellen anzeigten, wo sie ansetzen mussten.
Im Weltraum war man immens viel Strahlung ausgesetzt, weit mehr als auf der Erde oder in den die Welt umfliegenden Stratoklippern. Das Ergebnis war nicht etwa Krebs. Nein, denn die Strahlung bestand hauptsächlich aus... Nun, Wärme. Und diese Wärme, teilweise mikroskopisch kleine Hitzefelder, durchstieß den Körper nahezu ungehindert und beschädigte bei ihrem Weg hindurch hunderte, tausende, manchmal zehntausende Zellen. Je nach Stärke und Intensität der Strahlung nahm entweder die Hitze oder die Anzahl der Strahlungspartikel zu und führte so zu massiven Beschädigungen im Körper. Derart abgelenkt mit Selbstreparaturaufgaben kam es oft genug vor, dass das Immunsystem von Astronauten entstehende Krebszellen übersah oder dass beschädigte Zellen mutierten. Deshalb erkrankten Raumfahrer, vor allem langjährige, wesentlich öfters an Krebs als normale Menschen.
Doch damit nicht genug. Haggard beschäftigte sich mit allen oft auftretenden Formen von Weltraumerkrankungen. Dazu gehörte auch die Leukämie, deren Häufigkeit unter Raumfahrern der prominente Mediziner ebenfalls auf die energiereiche Strahlung im Weltall zurückführte. Es gab noch ein halbes Dutzend weiterer Krankheiten, an denen er erfolgreich forschte, und auf allen galt er als Koryphäe.
Seine Privatklinik, hier in einem Sydneyer Vorort, galt als Mekka für hoffnungslose Krebspatienten und andere artverwandte Krankheiten wie die Leukämie.
Das bereitete Bully ein wenig Unbehagen, denn wenn Haggard einwilligte Crest zu behandeln, würde er seine Patienten für unbestimmte Zeit in Stich lassen müssen. Warum konnte es nie einfach sein?

Fünfhundert Meter vom Klinikgebäude entfernt, einem zweigeschössigen Bau, setzte sich Reginald in einem kleinen Park auf eine Bank. Sekunden darauf war er verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Seufzend zog der Risikopilot der Space Force den zusammengefalteten Helm aus der Innentasche seines Anzugs, stabilisierte ihn und setzte ihn auf. Nachdem der letzte Anschluss Kontakt gefunden hatte, aktivierte Bully als erstes die Außenatmung. Prinzipiell waren diese Anzüge leichte Raumanzüge und damit autark, aber ein komplettes Pack zur Co2-Aufbereitung war erstens für den Einsatz nicht nötig und zweitens wäre der Tornister aufgefallen. Mindestens so sehr wie der Buckel vom alten Homer.
Der nächste Schritt war die volle Funktion des Anzugs zu aktivieren. In seinem speziellen Fall aktivierte er die Nahortung und legte sie mit einem von der Neuronik erstellten 3D-Bild der Umgebung zusammen. Bully machte sich keinerlei Illusionen darüber, dass Frank M. Haggard nicht überwacht wurde. Im Gegenteil, seine Bekanntschaft zu Eric Manoli hatte ihn bestimmt zu einem ersten Ziel des Geheimdienstes und der NetSoft-Sicherheit gemacht. Die Russen und das AF-Militär hatten schon auf die außergewöhnliche Situation reagiert. Warum also nicht auch NetSoft und die westlichen Geheimdienste?
Das arkonidische Ortungsgerät war außergewöhnlich. Es zeigte nicht nur die Wärmeumrisse der Menschen in einem Umkreis von drei Kilometer synchron an, es rechnete die empfangenen Daten auch gleich in Dreidimensionale Modelle der Häuser, Autos und Busse ein, machte zudem Angaben zu Entfernung und Größe der Subjekte.
Dadurch fiel es Bully relativ leicht herauszufinden, dass der Geheimdienst in der Tat reagiert hatte. Direkt gegenüber des Haupteingangs entdeckte das Ortungsgerät die Wärmebilder zweier Menschen in einem kleinen Mietshaus, die den Haupteingang mit Hilfe eines Teleskops observierten, wenn er die Körperhaltung richtig deutete.
Eine Seitenstraße weiter saßen sechs Männer in einem Van, in einer für Bürotätigkeiten typischen Sitzhaltung. In der Klinik entdeckte Reginald auf den ersten Blick keine Agenten, die sich durch ihre Haltung oder ihre Tätigkeiten verrieten, aber es konnten dort immer noch Agenten undercover arbeiten. Hinter dem Gebäude entdeckte der ehemalige Space Force-Captain einen weiteren Beobachtungsposten im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses, ebenfalls von zwei Männern besetzt.
Bully weitete die Suche aus, aber zu seiner Erleichterung fand er niemanden in typischer Scharfschützenhaltung und auch kein wartendes mehrköpfiges Einsatzkommando. Dennoch, die Klinik wurde überwacht. Und die Männer und Frauen im Van bewiesen, dass die Klinik mindestens verwanzt war, zudem waren sicherlich Telefon und Internet angezapft worden.
Ein Schmunzeln spielte um seine Lippen. Sollte er oder sollte er nicht? Einerseits hatte Perry ihm aufgetragen, nicht zu viele der technischen Möglichkeiten offen zu legen, über die sie mit Hilfe der Arkoniden verfügten, andererseits aber sah Bully nicht die Gefahr, dass die Menschen ihn mit dem derzeitigen Stand der Technik aufhalten konnten. Warum nicht die Gelegenheit nutzen und eine moderne Legende erschaffen?

Bully erhob sich und wanderte, noch immer unsichtbar, auf die Klinik zu. Dabei war er peinlich darauf bedacht, niemanden zu berühren. Bei den paranoiden Geheimdienstleuten reichte wahrscheinlich schon ein irritierter Passant, der das Nichts böse anstarrte, um sie zumindest vermuten zu lassen, dass ihrer Aufmerksamkeit etwas – oder jemand – entging.
Also wartete Bully auch artig darauf, dass jemand durch die Automatiktür trat, indem er den Bodensensor auslöste, anstatt die Tür als Unsichtbarer zu öffnen. Er huschte schnell durch und trat in die Vorhalle. Am Empfang saß eine Sprechstundenhilfe, Patienten oder Ärzte hielten sich hier nicht auf. Auf dem Boden war  Synthetikteppich verlegt worden. Gut. Die Schritte seines Einsatzanzugs würden also nicht durch die halbe Klinik hallen. An einer Schautafel orientierte er sich, während er mit Hilfe der Ortung nach den von ihm vermuteten Wanzen suchte. Im Energiemuster der Stromleitungen stachen die Energieträger der kleinen Abhörapparaturen dann auch gut sichtbar hervor. Alleine am Empfang hatte man fünf ausgelegt, zwei von ihnen mit den Telefonen verbunden. In den Gängen die Bully benutzte, entdeckte er mindestens eine. Meist war sie mit den obligatorisch vorhandenen Überwachungskameras verbunden und zapften deren Aufnahmen an. Hier lag kein Teppich, aber das Linoleum dämpfte seine Schritte ebenfalls auf ein nahezu unhörbares Maß.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Tür zu Haggards unbesetztem Büro nicht im Blickwinkel einer Überwachungskamera war, weder von außen noch von innen, drang er kurz entschlossen ein.
Der Rest war reine Routine. Eine Nachricht auf dem PC konnte er Haggard nicht hinterlassen, die Daten konnten zu einfach eingelesen werden, wenn ein einigermaßen fähiger Hacker im Van auf seine Chance lauerte. Also entschied sich Bully für die gute alte handschriftliche Notiz. Um zu verhindern, dass der Stift beim schreiben durch drückte und er dadurch auf den nächsten vier Blättern quasi Kopien seines Schriftstücks produzierte, riss er den Papierbogen ab und beschrieb ihn auf einer harten Unterlage. Danach platzierte er das Papier gut sichtbar auf dem Schreibtisch. Schnell übersah er noch mal die Situation, aber nichts deutete darauf hin, dass der Geheimdienst auch einen Beobachtungsposten eingerichtet hatte, der von außen Haggards Büro observierte. Das Risiko blieb dadurch gering. Allerdings nur wenn Haggard mitspielte. Nun hieß es warten. Genauso leise wie er gekommen war, verließ Reginald Bull das Büro wieder.

Eine Stunde später setzte sich ein blonder Hüne mit stechend blauen Augen auf die Parkbank, die bereits Bully als Ruheplatz gedient hatte. Der Mann schien kein Jahr älter als dreißig zu sein. Von der Statur her war er hauptberuflich Preisringer, aber bei dem gütigen Gesicht wirkte er, als wäre er eher Messdiener in der katholischen Kirche. In jedem Fall war er interessant.
„Danke, dass Sie kommen konnten, Professor Haggard“, sagte Bully leise.
Der Arzt sah erschrocken auf, fing sich aber schnell wieder. „Ein Funkgerät?“
„Nicht ganz“, erwiderte der ehemalige Captain. „Ich werde es Ihnen erklären. Später, Professor Haggard.“
Der Mediziner straffte sich. „Ich habe Ihnen zu danken. In dem Schriftstück, das Sie mir auf unbekannten Wegen auf den Schreibtisch gezaubert haben, stand etwas von einer Wanze in meinem Telefon. Ich habe sie tatsächlich gefunden. Aber ich habe davon abgesehen sie zu vernichten, um meine, nun, Beschützer nicht aufmerksam zu machen. Ist Ihre Funkverbindung sicher, oder kann man uns abhören, mein unsichtbarer Freund?“
„Es ist nicht wirklich ein Funkgerät“, erwiderte Bully und legte eine Hand auf die Schulter des anderen.
Frank Haggard erschrak fürchterlich, aber er widerstand der Versuchung aufzuspringen. „Das ist... interessant. Ich würde tatsächlich später gerne wissen, wie das möglich ist. Aber was verschafft mir Ihr Interesse und das von Mercants Bluthunden, mein unsichtbarer Freund?“
„Mein Interesse haben Sie, weil wir einen gemeinsamen Freund haben.“
„Eric Manoli.“ Haggard schnaufte und stützte sich schwer mit den Ellenbögen auf seinen Knien ab. „Geht es ihm gut? Ich weiß nur, dass kurz vor der Landung der Stardust auf der Freedom die Übertragung abbrach und diese Clowns vom Geheimdienst mir gesagt haben, ich solle mich melden, wenn Eric versucht Kontakt mit mir aufzunehmen.“
„Es geht ihm gut, den Umständen entsprechend. Er ist nicht in Gefangenschaft, aber auch nicht gerade in Sicherheit“, orakelte Bully.
„Kann ich an diesem Umstand etwas ändern?“, fragte Haggard gerade heraus. „Eric ist nicht nur ein Kollege, er ist auch ein guter Freund. Wenn ich etwas für ihn tun kann...“
„Kennen Sie eigentlich Erics Lieblingsbuch, Professor Haggard?“
„Was denn, was denn, mein unsichtbarer Freund? Wir unterhalten uns schon minutenlang, und jetzt erst versuchen Sie, meine wahre Identität festzustellen?“, erwiderte der Mediziner spöttisch.
„Kennen Sie sein Lieblingsbuch?“
Haggard seufzte. „Nein, tut mir Leid. Eric Manoli hat soviel mit dem geschriebenen Wort außerhalb der Fachliteratur zu tun wie ein Blinder mit einem Optiker. Wenn er also tatsächlich ein Lieblingsbuch hat, dürfte es ein Sachbuch sein. Das passt zu diesem obsessiven Arzt.“
Bully grinste innerlich. Das war eine ehrliche Antwort ohne jeden Ausflucht gewesen, und die Überwachung von Haggards Körperfunktionen hatte bewiesen, dass der Mann nicht log. Dazu passten die Bilder, die Eric ihm von Frank Haggard gezeigt hatten, und auch die Stimme klang nahezu identisch. „Sie haben den Test bestanden, Professor Haggard.“
„Das will ich auch schwer hoffen. Sollte ich allerdings verwanzt sein, dann ist es jetzt an der Zeit, dass Sie stiften gehen, mein unsichtbarer Freund, und mir am besten schriftlich mitteilen, wo wir uns das nächste Mal treffen werden.“
„Sie sind sehr umsichtig, Professor, aber ich habe Sie bereits überprüft, bevor Sie richtig gesessen haben. Sie sind nicht verwanzt.“ Reginald kontrollierte seine Ortungsanzeigen. „Und Ihr Verhalten hat bisher noch nicht das Interesse der Agenten geweckt. Ein wenig Zeit haben wir also noch. Wissen Sie, Eric möchte Sie gerne um Hilfe bitten. Sie sind seiner Worte nach die größte Koryphäe auf dem Gebiet der Krebstherapie.“
„Sie haben doch gesagt, es geht ihm gut“, zischte Haggard aufgebracht. „Und jetzt sagen Sie, er braucht meine Hilfe? Was ist es? Ein exotischer Krebs? Hat der Prallschirm die Strahlung verstärkt anstatt sie auszuschließen?“
„Nicht Eric Manoli ist krank, Professor Haggard. Erics Patient ist es. Wir haben ihn auf dem Mars gefunden. Er ist in vielerlei Hinsicht fast ein Mensch. Und er hat Leukämie.“
Neben Reginald sackte der Arzt in sich zusammen. „Müssen Sie mich so erschrecken, mein unsichtbarer Freund? Erschlagen Sie mich doch nicht gleich mit Superlativen. Was wollten Sie mir gerade weismachen? Sie haben einen Außerirdischen auf dem Mars aufgegabelt, der fast ein Mensch ist? Und der hat Leukämie?“
„Etwas in der Art, ja. Sind Sie bereit Eric zu helfen?“
„Ich nehme mal stark an, er braucht meine Hilfe sofort und kann nicht warten, bis Gras darüber gewachsen ist, was immer passierte, oder?“, brummte der Arzt sarkastisch.
„Das sehen Sie richtig, Professor.“
„Aber es handelt sich um einen Patienten, der Leukämie hat. Definitiv Leukämie, keine ähnliche Krankheit, die nur ähnliche Symptome hat?“
„Ich soll Ihnen von Eric ausrichten, dass ich die Erlaubnis habe, Sie hart und kräftig in den Allerwertesten zu treten, wenn Sie seine Fähigkeit der Diagnose in Frage stellen“, murmelte Bully belustigt.
„Schon gut. Ich habe verstanden.“ Haggard erhob sich. „Ein Außerirdischer, also. Und er ist definitiv nicht in der Hand der IIC oder eines anderen Geheimdienst? Sehr interessant. Wir treffen uns morgen früh hier wieder, Captain Bull, in genau zehn Stunden. Ich werde derweil an Ausrüstung zusammenstellen, was immer ich brauche und einen oder zwei meiner Assistenten einweihen, um sie mitzunehmen. Ein paar klare Anweisungen an meinen Stellvertreter können auch nicht schaden. Schließlich weiß ich nicht, wann ich zurückkehren kann. Für den einen oder anderen Staatsmann beschließe ich immerhin gerade ein Verbrechen zu begehen.“
„Ich werde für den Transport sorgen“, versprach Reginald Bull. „Aber verraten Sie mir zwei Dinge, Professor. Es wundert mich nicht, dass Sie mich anhand meiner Stimme erkannt haben, aber warum gehen Sie so bereitwillig mit? Was stürzt einen gut situierten Arzt wie Sie in dieses Abenteuer? Nicht, dass ich darüber nicht unendlich froh wäre.“
„Nun“, sagte der Krebsarzt und erhob sich, „einmal wäre da mein Kollege Eric Manoli. Er ist ein wahres Genie auf seinem Gebiet. Wenn er mich ruft, dann muss ich einfach kommen. Außerdem wollte ich ihn schon immer kennen lernen.“
Haggard wandte sich Bully zu und grinste. „Außerdem bekomme ich Gelegenheit, einen echten Außerirdischen zu untersuchen. Ich weiß nicht, ob ich die Forschungsdaten, die daraus resultieren, veröffentlichen darf, aber alleine ihre Existenz wäre den Medizinnobelpreis wert. Bis in zehn Stunden, Captain Bull.“
„Ich freue mich darauf“, erwiderte Reginald, erhob sich und begann Pläne für den Abend zu schmieden.

Nein, die kleine Episode schien den Geheimdienstleuten nicht aufgefallen zu sein, sie hatten ihre Positionen nicht verlassen, niemand war in Hektik ausgebrochen. Das würden sie erst am nächsten Tag, wenn Haggard mit einem oder zwei Assistenten spurlos verschwinden würde.
Bully war zufrieden. Vielleicht etwas zu zufrieden, denn deshalb entging ihm auf seiner Ortung, dass es da jemanden gab, der stets den gleichen Abstand zu ihm hielt.
***
Als Bully später am Abend in einem heimeligen Lokal zu Abend aß, fiel ihm der junge, schwarzhaarige Mann das erste Mal auf. Er trug einen dunklen Anzug und saß an der Bar. Immer wieder sah er zu Bully herüber. In seiner linken Brusttasche steckte außen eine Sonnenbrille. Alles an diesem gegelten Kerl schrie geradezu Geheimdienst, und mit einem innerlichen Seufzer bereitete sich Bully schon darauf vor, beim Gang auf die Toilette zu verschwinden, als der schwarzhaarige Mann aufstand und zu ihm herüber kam. Ohne um Erlaubnis zu fragen, setzte er sich auf den freien Stuhl Reginald gegenüber.
„Ich nehme kein Gel“, sagte er anstelle einer Begrüßung. „Mein Haar ist von Natur aus so glatt.“
Bully, schon eine harsche Antwort auf der Zunge, aktivierte vorsichtshalber die Fingersteuerung des arkonidischen Anzugs, den er permanent unter dem Geschäftsanzug trug.
„Ihre Vermutung ist richtig, Mr. Bull“, fuhr der schlanke Mann fort. „Ich lese Ihre Gedanken. Ach, bitte, unterlassen Sie es doch, den Prallschirm aufzubauen. Die Unordnung, die das auslösen würde, hat der Wirt wirklich nicht verdient. Und, bitte, nein, versuchen Sie es gar nicht erst mit dem Psychostrahler. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich meine Gehirnschwingungen nicht so ohne weiteres aus der Phase bringen lassen.“
„Was wollen Sie?“, hauchte Bully. „Wer sind Sie?“
„Ich hoffe, es ärgert Sie nicht, wenn ich die zweite Frage zuerst beantworte. Mein Name ist John Marshall, und ich bin... Langjähriger Mitarbeiter des australischen Geheimdienst. Ich... Bin das Ergebnis eines Langzeitexperiments mit künstlichen Genen. Eine Manipulation des Erbgut meines Vaters hat dazu geführt, dass ich heutzutage fremde Gedanken lesen kann, das in aller Kürze. Erlauben Sie mir nun, die zweite Frage zu beantworten: Ich will Ihnen helfen, Reginald Bull. Ich möchte, dass dieser Crest die Hilfe bekommt, die er braucht. Und ich sehe eine dringende Notwendigkeit, diese Thora auf dem Mars nicht unnötig zu reizen.“
„Irgendwie komme ich mir gerade ziemlich nackt vor“, erwiderte Bully tonlos.
„Was soll ich da erst sagen? In Ihrem Kopf laufen permanent über siebzig erfassbare Gedankenvorgänge ab. Dabei die bewussten Gedanken von jenen des Unterbewusstseins und des reinen Informationstransfers zu trennen ist Schwerstarbeit.“
„Sie Ärmster. Soll ich Ihnen vielleicht einen Drink spendieren, um Ihr Leiden zu lindern?“, erwiderte Bully barsch.
Marshall sah indigniert auf. „Hören Sie, Bull, ich habe Sie ziemlich überfallen, das gebe ich zu. Aber immerhin habe ich Ihnen und Rhodan gerade meine Mitarbeit angeboten. Ich denke, ich kann sehr nützlich für ihre neutrale Macht sein, wenn sie mich lassen. Und auch bei der Flucht von Doktor Haggard kann ich hilfreich sein.“
„Ich habe gerade sehr gute Lust, Sie nieder zu schießen, damit all die kleinen Geheimnisse, die Sie mir aus dem Kopf gesaugt haben, nicht beim Geheimdienst landen.“
„Ich bin froh, dass Sie das nicht wirklich vorhaben. Aber wie gesagt, der Psychostrahler wird auch nicht funktionieren.“ Marshall lächelte gewinnend. „Mr. Bull, zuerst eine wichtige Information: Ich gehöre nicht zu den Agenten, die Doktor Haggard überwachen. Ich bin... Ich war Beamter der australischen Regierung. Mein Hauptaufgabenfeld ist es, ausländische Agenten befreundeter und feindlicher Länder zu überwachen, die in unserem schönen Australien ihren Tätigkeiten nachgehen. Deshalb hat mich mein Vorgesetzter auf diese Überwachung angesetzt. Sie wird ausschließlich von IIC-Agenten vorgenommen. Meine Regierung billigt das, aber das hindert sie nicht daran, jemanden zu schicken, der ihnen auf die Finger sieht. Übrigens habe ich nie damit gerechnet, dass tatsächlich jemand zu Doktor Haggard kommt. Außerdem erscheint mir die Geschichte, die ich in Ihrem Kopf gesehen habe, beinahe so unglaublich, dass sie mir schon wie die Erzählung aus einem Actionkrimi erscheint. Die Landung auf dem Mars, die große stählerne Kugel, die beiden Arkoniden Crest und Thora, dann der Rückflug, die Warnung vor der Kaperung, die Landung in der Wüste Gobi und Ihr spektakulärer Weg nach Australien, ich bin wirklich beeindruckt.“
„Interessant. Und deshalb wollen Sie mir helfen?“
„Sie brauchen mich, Mr. Bull, Sie wissen es nur noch nicht. Rhodan braucht mich. Haggard und Manoli brauchen mich. Crest braucht mich.“
So wie es der Australier sagte, klang das nicht nur eindringlich, sondern sehr überzeugend.
Marshall schmunzelte ihn an. „Mr. Bull, glauben Sie wirklich, Australien wäre das einzige Land, das mit künstlichen Genen experimentiert hat? Und glauben Sie wirklich, Telepathie wäre das einzige Ergebnis dieser Experimente? Wissen Sie, warum die Asiatische Föderation damals so versessen darauf war, Taiwan und Japan in ihre neugegründete Föderation einzubinden und dafür sogar bereit war, den Ländern nahezu Autonomie zu gewähren? Sie wollte damals die Hände auf Ergebnisse genau dieser Biotechnologie legen. Mr. Bull, Ihrer und Rhodans Kampf im Taiwan-Krieg ging letztendlich nur um eine einzige Firma, die nichts weiter tat als Menschen wie mich zu produzieren. Menschen, auf die die AF nun Zugriff hat, und die sie sicherlich einsetzt. Menschen, die sie gegen Sie einsetzen wird, Rhodan und die strahlende Kuppel.“
„I-ich danke Ihnen für diese Informationen, Mr. Marshall“, sagte Bully mit tonloser Stimme. Die schiere Monströsität dessen was er gerade erzählt bekommen hatte, erschreckte ihn bis aufs Mark. Viele kleine Gerüchte, Fragmente von Erzählungen und dergleichen, die er in seiner Dienstzeit aufgeschnappt hatte, ergaben nun nach und nach Sinn.
„Das ist noch nicht alles, Mr. Bull. Bisher ahnt niemand, das Sie hier sind. Aber es bedarf nur eines aufmerksamen Beobachters, eines Insiders, der Sie hier erkennt und die richtigen Stellen informiert, um Doktor Haggards Umzug unmöglich zu machen. Seien Sie froh, dass NetSoft alles tut, um Ihre Desertion nicht bekannt werden zu lassen. Aber das geht nicht ewig gut. Morgen früh müssen wir hier stantepede verschwinden.“
Bull sah den schwarzhaarigen Mann aus großen Augen an. „Warum wollen Sie mir helfen, Mr. Marshall? Was treibt Sie dazu, Ihr Land zu verraten? Ja, verraten?“
„Sie meinen so wie Sie und Rhodan?“, spottete Marshall milde.
Nachdenklich sah der Telepath seinen Gegenüber an. Dann lehnte er sich bequem in die Lehne seines Stuhls und sah mit einem wehmütigen Blick an die Decke. „Wissen Sie, Mr. Bull, der einzige Grund, warum ich geboren wurde, ist schlicht und einfach, um Australien als Waffe zu dienen. Oh, ich bin nur eine Waffe zur Verteidigung. Ich überwache ausländische Agenten und ausländische Mutanten. Verzeihung, so nennen wir uns untereinander. Es hat Stil, finde ich. Und es zeigt am besten, wie monströs viele von uns die Fähigkeiten empfinden, die uns von normalen Menschen unterscheiden. Jedenfalls wurde ich aufgezogen und ausgebildet, um eines Tages als Agent zu dienen. Für diese Arbeit aber brauchte ich eine gute Allgemeinbildung, eine gute Orientierung in der Gesellschaft und fundiertes Fachwissen. Kurz und gut, das Werkzeug, das sich der Geheimdienst gewünscht hat, begann irgendwann Fragen zu stellen. Oh, ich war nie die Marionette, nach der meine Erzählung vielleicht klingt, aber ich war doch ein Befehlsempfänger. Zugegeben, Australien ist eine sehr friedliche Nation, und es gibt nicht wirklich Risikoreiche Aufgaben für jemanden wie mich.
Aber kann es das wirklich gewesen sein? Das frage ich mich beinahe jeden Tag meines Lebens. Ist das der Höhepunkt meiner Existenz? Habe ich das Ende meiner Entwicklung erreicht?“ Marshall sah Bull direkt in die Augen. „Nein, sage ich. Nein. Ich liebe mein Land, aber es kommt sehr gut ohne mich aus. Es hat mich nicht schlecht behandelt, aber auch nicht gerade mit Liebe. Ich wurde produziert, ich wurde wie ein gutes Werkzeug gepflegt, aber das ist nicht mein Lebenszweck. Wissen Sie, Mr. Bull, Ihre General Cosmic Company, die Sie mit Hilfe der arkonidischen Supertechnik gründen wollen wird ständig den Angriffen der Mutanten der anderen Blöcke und etlicher privater Einrichtungen ausgesetzt sein. Sie brauchen wenigstens einen Mutanten auf Ihrer Seite. Und ich glaube, ich glaube wirklich, dass die neutrale Macht, die Sie mit diesem Konzern aufbauen wollen, es wert ist, für Sie zu kämpfen. Verstehen Sie, Mr. Bull? Ich suche einen tieferen Sinn für mein Leben. Etwas, was mich wirklich ausfüllt. Und sei es für den Anfang nur, Leibwächter für den Arkoniden Crest von Zoltral zu werden.“
Marshall lachte glucksend und sah auf den Tisch hinab. „Verzeihen Sie. Ich bin emotional geworden. Das ich Telepath bin habe ich Ihnen ja schon bewiesen. Aber ich kann von Ihnen nicht erwarten, mir zu glauben, nur weil ich eine schöne Rede geschwungen habe.“
Bully musterte den jungen Mann eine lange Zeit. Dann gab er sich einen Ruck. Er erhob sich und streckte die Hand aus. „Ich möchte Sie willkommen heißen, John Marshall, als ersten Mutanten im Dienste der General Cosmic Company.“
Marshall sah auf. Auch er erhob sich und ergriff die dargebotene Hand. „Ich nehme dankend an, Mr. Bull. Auf gute Zusammenarbeit.“
***
Es gab nicht besonders viele aufregende Dinge im Leben eines durchschnittlichen Junior Highschool-Schülers in Arkansas, U.S.A., zumindest nichts, was besonderer Aufmerksamkeit wert gewesen werde. Für Mildred Orson hingegen galt das nicht. Sie hatte ihre ganz persönliche Sicht der Dinge und der Welt, und in dieser Welt stimmte etwas nicht. Eifrig und begeistert hatte sie die Marsmission ihres großen Helden Perry Rhodan zum Mars verfolgt, war eine der wenigen gewesen, die in ihrer Schule Veranstaltungen und Seminare zum Thema abgehalten und besucht hatte, und war eine von denen gewesen, die schmunzelnd den plötzlichen, enormen Zuwachs an Interesse an der Marsmission beobachtet hatte, nachdem die Stardust die Minzhudangyuán überholt und ein Sieg der Amerikaner beim Rennen auf den Roten Planeten offensichtlich geworden war. Sie hatte Viewing-Parties organisiert, auf denen sie mit anderen Mitgliedern des Astronomieclubs mit Hilfe leistungsstarker Computerfernrohre den Weg der Stardust verfolgt und einen Blick auf das ferne Hochleistungsraumschiff ermöglicht hatte. Sie hatte gejubelt, als die Stardust in den Orbit des Mars eingetreten war und sie hatte gehofft und gebangt, als das Schiff und seine Besatzung tagelang geschwiegen hatten.
Dann war die erlösende Nachricht gekommen, Rhodan hatte sich unversehrt zurückgemeldet, und die Nation damit erst Recht in Euphorie getrieben.
Doch darauf... Darauf war nichts gefolgt. Der kurze, einwöchige Heimflug war nahezu ergebnislos verlaufen, zu einer Zeit, in der sich das asiatische Fernraumschiff noch immer auf dem Weg zum Mars befand. Es hätte ein Triumph sondergleichen werden sollen, aber wie Verbrecher hatte sich die Stardust an die Freedom angeschlichen, und ebenso ereignislos waren die Besatzungsmitglieder offiziellen Quellen nach in Quarantäne verschwunden. Die offiziellen Medien berichteten jedenfalls nur beiläufig über dieses Thema, gerade so als würde Amerika nicht die Helden zurück erwarten, welche als Erste ihren Fuß auf den Marsboden gesetzt hatten.
Dies war eine Entwicklung, die Mildred nicht hatte hinnehmen können. Je mehr das Thema totgeschwiegen oder zerredet wurde, desto misstrauischer wurde sie. Anfangs war es nur ein Verdacht, doch der wurde schnell zur Gewissheit, als im Internet die ersten Gerüchte auftauchten. Die ersten sprachen davon, dass sich der Stardust Lander abgekoppelt hatte und mit unbekanntem Ziel die Erde angeflogen hatte. Darauf waren Beobachtungen russischer Hobby-Astronomen gefolgt, die den Landepunkt mit Mittelasien angegeben hatten.
In vielen ausländischen, offenen Foren wurde die Frage heiß diskutiert, ob Rhodan selbst oder jemand aus seiner Besatzung die Stardust-Technologie an die Asiaten verkauft hatte, während die eigenen Medien und amerikanische Foren noch immer zu den Themen schwiegen, beziehungsweise Threads zum Thema schnell wieder geschlossen und beteiligte User gebannt wurden, was die Verwirrung nur noch ansteigen ließ und Wasser auf den Mühlen der Desertionstheoretiker war.
Bis Mildred eines Abends auf Umwegen in einem französischen Forum auf einen Eintrag mit Bild Perry Rhodans stieß. Nachdem sie den Text gelesen hatte, war sie sich lange im Unklaren, was sie nun tun sollte. Ob sie überhaupt glauben sollte was sie da gelesen hatte. Wie sollte, wie musste sie sich nun verhalten? Wo lag ihre ganz persönliche Verantwortung in diesem Fall?
Am nächsten Morgen und nach einer langen Diskussion mit ihrer besten Freundin Felicita stellte sie ihre Lösung dem Computerclub ihrer Schule vor, ein Akt der Überzeugungsarbeit, der mehrere Stunden andauerte. Letztendlich schaffte sie es jedoch, auch die Zweifler und jene die Rhodan Desertation vorwarfen zu überzeugen. Gemeinsam erstellten sie einen Aktionsplan, um das Rhodan-Pamphlet aus dem französischen Forum auch auf amerikanischen Seiten einzustellen. Allen war klar, dass die Einträge nicht lange existieren würden, aber Mildred war sich sicher, dass andere Menschen in Amerika, die ebenfalls auf das Pamphlet gestoßen waren ebenso entschieden hatten wie sie selbst und ihre Schulkameraden, und das man die Wahrheit nicht ewig fortsperren konnte. Die Menschen würden sich entscheiden müssen, ob sie Rhodans Worten glauben wollten oder ihn als Verräter brandmarkten. Am späten Nachmittag begannen die Computer-Experten der Schule mit der Posting-Aktion, möglichst ohne Spuren zu hinterlassen. In dutzenden Foren tauchte das Pamphlet nun auf, doch genauso schnell wie es wieder gelöscht wurde erschien es an anderer Stelle wieder und erfuhr so schnell eine landesweite Verbreitung.
Noch immer unsicher, ob sie das Richtige für ihre Nation, ihre Familie, ja, die Welt getan zu haben, las sie die Worte Rhodans ein weiteres Mal durch:
„Mein Name ist Perry Rhodan. Bis vor kurzem war ich Space Force-Offizier im Range eines Majors. Diesen Rang habe ich mit meiner Rückkehr zur Erde aufgegeben. Ja, es ist wahr, ich bin der erste Mensch, der auf dem Mars war. Und ja, es ist wahr, dass ich den Stardust-Lander in die Wüste Gobi entführt habe. Ich bin nicht alleine. Doktor Eric Manoli und der ehemalige Captain Reginald Bull unterstützen mich und meine Entscheidung zu einhundert Prozent.
Auf dem Mars sind wir auf Relikte einer anderen raumfahrenden Zivilisation gestoßen, Relikten von unglaulicher Macht. Diese können eine einzelne Nation über alle anderen erheben, sie die restliche Welt beherrschen lassen. Das ist eine Verantwortung, die meine Offiziere und ich nicht zu tragen bereit waren. Wir haben beschlossen, dass wir und nur wir die Verantwortung für diese fremde Hochtechnologie übernehmen sollen; dass wir entscheiden müssen, ob, wie und an wen wir diese Hochtechnologie weiter tragen werden, und zwar zum Wohle aller Menschen, egal welcher Rasse sie angehören, auf welchem Kontinent sie leben und welche Staatsform sie unterstützen. Ich sehe mich und meine Leute als integere Menschen, weit über das Mittel hinaus, und ich traue mir und ihnen zu, unbeeinflussbar und unbestechlich diese Aufgabe zu erfüllen. Sicher gibt es auch andere integere Menschen in Amerika, die diese Aufgabe übernehmen könnten, aber sie wären an eine Nation gebunden. Wir drei aber sind es nicht mehr, wir lassen all unsere Bindungen, unsere Ränge und unsere Verpflichtungen fallen und widmen uns voll und ganz der Aufgabe, Wächter dieser Hochtechnologie und des zukünftigen sprunghaften Fortschritts zu sein.
Aus diesem Grund haben wir das Stück Land, auf dem wir gelandet sind, gekauft, und einen eigenen Konzern gegründet. Von hier aus, Staatenlos und unparteiisch, wird dieser Konzern die außerirdische Technologie studieren, nachproduzieren und verteilen, teilweise kostenlos, teilweise zu angemessenen Preisen. Wir wünschen und hoffen, dass die Menschen in unserer Heimat, in unserer neuen Nachbarschaft und an allen anderen Orten in der Welt unsere Beweggründe verstehen und eines Tages mittragen werden. Wir tun dies nur aus dem einen einzigen Grund, um für alle Menschen einen Grundstock für ein besseres Morgen zu stellen, und allen eines Tages den Zugang zu dieser Technologie zu ermöglichen. Und vielleicht ist diese Gleichheit, vielleicht ist dieses Miteinander der Auftakt für eine bessere Zukunft, eine gemeinsame Zukunft für alle Menschen, unabhängig von kleinlichen Nationen, Rassendünkeln und Klassendenken.Für ein besseres Morgen.
Gezeichnet im Namen der General Cosmic Company: Administrator Perry Rhodan.“
***
Am nächsten Morgen erwartete den berühmten Arzt Frank Haggard eine kleine Überraschung. Auf der Bank, auf der er am Vortag mit Reginald Bull gesprochen hatte, saß ein schwarzhaariger Mann Mitte zwanzig und lächelte ihm bereits von weitem entgegen.
„Kommen Sie. Setzen Sie sich, Doktor Haggard“, empfing ihn der andere fröhlich und klopfte auf den Platz neben sich.
Etwas irritiert nahm Haggard tatsächlich Platz. Wie würde unter diesen Umständen die Kontaktaufnahme mit Bull erfolgen?
„Haben Sie Ihre Leute ausgesucht und das Material zusammen gestellt, das Sie brauchen werden, Doktor Haggard?“, fragte der Fremde gerade heraus.
Nun war der Wissenschaftler ehrlich irritiert. „Wer sind Sie?“
„John Marshall, Geheimdienst.“ Ein Lächeln huschte über das junge Gesicht. „Nun, zumindest war ich das, bis zu meiner Begegnung mit Reginald Bull. Sehen Sie in mir den ersten offiziellen Mitarbeiter der General Cosmic Company. Obwohl...“ Marshall zog einen Ausweis aus seinem Jackett und betrachtete ihn mit einem amüsierten Schmunzeln, „dieses Ding sicherlich noch einen guten Zweck erfüllen wird.“
„Wo ist Captain Bull?“, fragte Haggard.
„Sydney Airport. Er besorgt uns gerade einen Stratoklipper für den Flug in die Gobi. Wir werden eine Menge Platz für den Rückflug brauchen. Soweit ich weiß müssen wir noch einiges an Material aus einer nordchinesischen Stadt mitnehmen.“
„Was ist mit dem Geheimdienst?“
„Sie meinen die IIC-Agenten?“ Lässig deutete Marshall hinter sich auf die Parkwiese. Dort erkannte Frank Haggard zehn Männer und Frauen, die gemeinsam Fußball spielten. „Ich konnte sie und ihre NetSoft-Kollegen überreden, ein kleines Turnier abzuhalten. In dieser Zeit benötigen sie ihren Überwachungswagen nicht. Wir können ihn zum Transport benutzen, wenn Sie möchten. Ein Geheimdienstfahrzeug kommt nahezu überall rein.“
Haggard riss die Augen auf, als er zum ersten Mal an diesem Morgen den schwarzen Transporter vor sich auf der Straße wirklich wahrnahm. „Was ist passiert? Was haben Sie getan?“
Marshall tätschelte die linke Innentasche. „Sagen wir, es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als ein normaler Mensch erwartet. Oder um es banaler auszudrücken: Die Arkoniden haben eine interessante Technologie.“
Der australische Geheimdienstmann erhob sich. „Wollen wir dann? Mr. Bull plant den Abflug noch für den Vormittag, und ich möchte ihn nicht unnötig warten lassen.“
„Wir nehmen wirklich den Transporter?“, fragte Haggard mit gerunzelter Stirn.
„Wie ich schon sagte, ein Geheimdienstfahrzeug kommt nahezu überall rein. Außerdem sollten wir uns beeilen, bevor auffällt, dass die Überwachungsteams nicht mehr auf ihren Posten sind.“
„Irgendwie beginnt die Sache mir Spaß zu machen“, gestand der Wissenschaftler mit dem Anflug eines Lächelns und erhob sich ebenfalls.
***
Eine gute Stunde später traf der Van mit vier Menschen an Bord an einem Nebentor des Kingsford Smith International Airport ein. Der Ausweis von John Marshall wurde anstandslos akzeptiert und der Wagen mit allen Insassen eingelassen.
Sie fuhren direkt auf das Rollfeld bis zu einem einsam stehenden Stratoklipper älterer Bauart. Ein Tankwagen stand daneben und füllte die Tanks des Senkrechtstarters bis zum Maximum. Am Fuß des Stratoklippers stand ein recht entspannt wirkender Reginald Bull und winkte ihnen bereits. Seltsam, in Natura wirkte der amerikanische Testpilot und Space Force-Soldat wesentlich schlanker als auf den Bildern, fand Haggard.
Als der Van hielt, kam Bull sofort heran und öffnete die Wagentür. „Freut mich, dass sie es geschafft haben, Frank. Ich hoffe, es gab nicht allzu viele Schwierigkeiten mit Mr. Marshall.“
„Nein, nein, im Gegenteil. Eher dank Mr. Marshall. Er hat uns etliche Schwierigkeiten vom Hals geschafft.“ Die beiden Männer schüttelten einander die Hand.
Misstrauisch ging der Blick des Professors den Stratoklipper empor. „Wir nehmen wirklich dieses Ding? Ich misstraue der flexiblen Kabinenaufhängung, wissen Sie, Bull?“
Der Pilot lächelte schief. „Keine Sorge. Ich habe das Ding persönlich durchgecheckt. Und ich garantiere Ihnen, dass sich die Innenkabinen während des Fluges problemlos in die Waagerechte verlagern werden. Außerdem garantiere ich für den ruhigsten Flug Ihres Lebens, Frank.“ Die Stratoklipper waren die modernste Form des Reisens. Senkrecht startende Flugzeuge, die einen minimalen Aufwand an dem Treibstoff benötigten, den normale Flugzeuge verbrauchten. Dieser Minderverbrauch erklärte sich aus dem einfachen Prinzip, dass die Stratoklipper grundsätzlich in den höheren Schichten der Stratosphäre reisten. Mit der senkrechten Startmethode garantierten sie dafür, diese Schichten schnell zu erreichen, und das kräftige Triebwerk sorgte für einen stabilen Flug in einem Medium, das eigentlich zu dünn war, um den kleinen Flügeln der Maschine wirklich Auftrieb zu geben.
Die Reisezeit wurde dadurch extrem verkürzt. Ein Flug von Buenos Aires nach Tokyo dauerte banale drei Stunden und verbrauchte einen Zehntel des Sprits, den eine Boeing 747 benötigt hätte. Kein Wunder also, dass die Stratoklipper die herkömmlichen Langstreckenflieger längst verdrängt hatten.
Ein Gel, welches zwischen den Flugzeugwänden integriert war, half indes, die in dieser Höhe vorherrschende weit höhere Weltraumstrahlung auf ein angenehmeres Maß zu reduzieren. All diese Fakten gingen dem Professor durch den Kopf, aber das machte diese Maschinen für ihn trotzdem nicht liebenswerter.

„Darf ich vorstellen? Zwei meiner Mitarbeiter, die uns zu dem Patienten begleiten werden. Die Dame ist Doktor Ross. Sie ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Blutanalyse. Der Herr ist Doktor Benjamin, mein bester Mann für allgemeine Medizin.“
Bull gab beiden die Hand. „Angenehm. Ma´am. Sir.“
„Ich habe die Ausrüstung auf ein Minimum beschränkt, aber es ist dennoch etwas viel geworden. Sowohl ich als auch Samantha und George haben, da wir nicht wissen wie lange wir fort bleiben werden, ein paar, nun, persönliche Dinge eingepackt.“
„Und einen Supermarkt geplündert“, fügte Marshall mit einem Augenzwinkern hinzu. „Wundern Sie sich nicht darüber, wenn Ihnen zwanzig Tüten Kartoffelchips entgegen fallen, gleich nachdem Sie fast von einem Tablett Brownies erschlagen wurden.“
Haggard winkte verlegen ab. „Wie gesagt, wir wissen ja nicht, wie lange wir bleiben müssen.“
„Das ist vollkommen in Ordnung. Wir haben mehr als genügend Stauraum. Außerdem müssen wir auf dem Weg eh noch einen Zwischenstopp einlegen. In einer kleinen chinesischen Stadt steht noch mehr Material, das ich mitnehmen möchte.“ Bull winkte einem am Tankwagen wartenden Mann zu. Der nickte und gab ein Signal an weitere drei Männer. Am Stratoklipper öffnete sich eine Klappe, und ein Wagen mit flexibler Hebebühne fuhr herbei.
„Sie lassen sich von der Flughafencrew helfen?“, fragte Haggard erstaunt.
„Ich bitte Sie, Frank. Natürlich. Immerhin habe ich diesen Stratoklipper käuflich erworben und für den Start und die Verladearbeiten bezahlt“, erwiderte Bull in leicht pikiertem Ton. „Allerdings wissen sie nicht, dass wir in die Asiatische Föderation fliegen werden, denn offiziell machen wir einen Inlandsflug.“
„Ich kann es kaum erwarten, aufzubrechen“, erwiderte Haggard amüsiert, während die Flughafenbediensteten den Van leer räumten.
„Nächster Halt ist Jiuquan“, verkündete Bull, und deutete einladend auf die große Zugangstreppe.


9.
Mr. Kirby war nicht sein richtiger Name. Wahrscheinlich war sein aktuelles Gesicht auch nicht das Richtige. Der Mann war ehemaliger CIA-Agent und hatte sich nach zwanzigjähriger Dienstzeit in der Spionageabwehr von NetSoft abwerben lassen, soweit es die Gerüchte wissen wollten. Nun arbeitete er also für Clifford Monterny Junior und war für die geheimdienstlichen Aktivitäten des Konzerns verantwortlich.
In diesem speziellen Fall hieß das, das Verhör von Clark G. Flipper zu überwachen.
Mr. Kirby beobachtete die Szene aufmerksam, aber ohne echtes Interesse. Früher, da war es anders gewesen. Da hatte Geheimdienstarbeit noch etwas bedeutet. Da war es im Geheimdienstgeschäft interessant, geradezu spektakulär zugegangen. Damals hatten die gefangenen gegnerischen Agenten noch im Würgegriff des Natrium-Pentothal geschwitzt und gezittert, im verzweifelten Kampf gegen die Droge und im Wissen, dass ein Nachlassen des Willens dazu führte, über die wichtigsten Geheimnisse zu plaudern wie ein Wasserfall.
Und heute?  Wie sehr hatte die Welt sich doch verändert. In den wenigen Fällen, in denen die Geheimdienste, egal ob staatlich oder einem Konzern zugehörig, jemanden unter Wahrheitsseren setzen durften, oder es konnten, weil die betroffene Person im Idealfall niemanden interessierte, hatten mit chemischen Lösungen schon lange nichts mehr zu tun. In solchen Fällen trat beim CIA ein besonderes Duo auf, welches diese Verhöre mustergültig durchführte und dabei einen erschreckenden Erfolg aufwies.
Und dieses Duo ließ das Verhör von Clark Flipper, der – obwohl ein Maulwurf des Konzerns – maßgeblich an Rhodans erfolgreicher Flucht Schuld trug, geradezu zu einem netten Plausch verkommen. Und so wirkte die Szene hinter dem einseitigen Spiegel im Verhörraum geradezu friedlich und erschreckend banal.

Mit einem wütenden Schnauben wandte Mr. Kirby seine Aufmerksamkeit von Clark Flipper ab und sah sich die beiden Verhörspezialisten genauer an. Fellmer Lloyd, der Chef der Truppe, saß in einem gemütlichen Sessel Flipper gegenüber und führte eine harmlose Konversation mit ihm. Dies tat er auf einem Niveau, welches man dem schwarzhaarigen, etwas derbe wirkenden Mann nicht zugetraut hätte. Im Gegenteil, er offenbarte ein Fachwissen in Archäologie, welches sogar Mr. Kirby erstaunte, der von sich behauptete, ein begabter Laie auf diesem Gebiet zu sein. Mr. Lloyd, wenn das denn sein richtiger Name war, war von seinem Äußeren eher ein Bergarbeiter, ein stämmiger, breitschultriger Mann mit wachen Augen und unzähligen Fältchen um die Augenwinkel, die bewiesen, dass er kein Kind von Traurigkeit war, doch sein Kopf schien enorme Reserven zu verbergen.
Im Hintergrund stand Nummer zwei des Duos: André Noir. Der stämmige, um nicht zu sagen dicke Francojapaner mit U.S.-Pass gähnte breit und schmatzte danach geistesabwesend. Ihn schien das ganze Verhör nichts anzugehen, er wirkte unaufmerksam und schien jede Sekunde einschlafen zu wollen.
Allein vor dieser Kombination hätte Mr. Kirby schon den Hut gezogen, vor allem vor dem eloquenten Schauspiel, welches das Team hier bot. Aber das war nicht die wichtigste Eigenschaft, die aus diesen beiden etwas Besonderes machte.
Mr. Lloyd war weit mehr als ein Mann, dessen Intelligenz sein Äußeres Lügen strafte. Er war das Ergebnis eines Experiments der NetSoft-Versuchsanstalt für künstliche Gene. Genauer gesagt war sein Vater ein Opfer dieser Forschung, und er als direkter Nachkomme hatte die positiven Aspekte dieser Forschung geerbt, während Lloyd Senior früh verstarb. Angeblich an einem Kollaps des Immunsystems, und Mr. Kirby wusste, dass er sich besser nicht zu sehr für die Begleitumstände des Todes eines Mannes interessieren sollte, der schon so lange nicht mehr lebte.
Die Fähigkeiten, die der junge Fellmer im Austausch für den frühen Tod seines Vaters erhalten hatte, waren erstaunlich. Man hatte ihn tausendfach getestet, nachdem sein Talent offenbart worden war, und sicherlich hätte der eine oder andere skrupellose NetSoft-Forscher nur zu gerne direkt in seinem Schädel nachgesehen, was ihn von ungezählten anderen Probanden unterschied, was ihn von denen unterschied, die tot waren. Aber letztendlich hatte der CIA seine Hand auf diesen Mann gelegt, und der CIA besaß selbst gegenüber NetSoft eine Autorität, die nicht einmal die allmächtige IIC unter Allan D. Mercant erreichte.
Fellmer Lloyd war das, was die NetSoft-Wissenschaftler einen Telepathen nannten. Er war in der Lage, das natürliche elektromagnetische Feld seines Gegenüber zu erspüren, zu sehen, zu fühlen, wie immer man es auch nennen wollte. Dies beinhaltete speziell das auf elektromagnetischer Basis arbeitende Gehirn. Lloyd konnte diese Strömungen lesen, und er konnte sie interpretieren. Mit einem Satz: Er las Gedanken.
Sein Kompagnon Noir war ein anderes Kaliber. Niemand wusste, wer ihm seine Fähigkeiten verliehen hatte, und wie viele Menschen hatten sterben müssen, um diesen einen Erfolg zu ermöglichen, aber Tatsache war, dass er sowohl europäisches als auch asiatisches Erbgut besaß. Noir behauptete gerne von sich, Sohn eines französischen Kaufmanns und seiner Laotischen Geliebten zu sein, aber diskrete Nachforschungen deuteten eher auf chinesisches oder japanisches Erbgut hin. Seit er sich dem CIA angeboten hatte, sorgte der Geheimdienst für seinen Schutz, und André Noir stellte dem Geheimdienst seine erstaunlichen Fähigkeiten zur Verfügung: Er war Hypno.
Genau wie es das Wort implizierte, konnte Noir einen beliebigen Menschen in eine Art Trance versetzen und ihm seinen Willen aufzwingen. Erwachte der Mensch aus der Trance, erinnerte er sich nicht mehr an den Eingriff und glaubte, aus freiem Willen zu handeln. In Noirs Akte gab es eine Notiz, die besagte, dass der Hypno in der Lage war, diesen Effekt so aufzubauen, dass er Jahrelang anhalten konnte. Noir nannte dieses Verfahren einen Hypno-Block. Und genau dies war vor wenigen Minuten geschehen. Noir hatte Flipper in Trance versetzt und ihm seinen Willen aufgezwungen. Nachdem der Raumfahrer und Archäologe erwacht war, wusste er nichts mehr von diesem Vorgang. Aber fortan würde er freundlich und vor allem offen mit Lloyd plaudern, als wären sie die ältesten und besten Freunde.
Zudem förderte Mr. Lloyds telepathische Begabung auch all jene Gedanken seines Gegenübers hervor, die dieser nicht aussprach, weil sie ihm unwichtig erschienen, und fügten sich in Lloyds analytischem Verstand zu einem Gesamtbild zusammen.
Im Prinzip zog sich Clark Flipper vor den beiden Männern bis auf den Abgrund seiner Seele aus, ohne daran überhaupt etwas falsches zu finden.
Mr. Kirby drehte die Lautstärke höher, die aus dem Verhörzimmer kam.

„Ein Foto meiner Kleinen.“ Stolz reichte Flipper ein Foto aus seiner Brusttasche an den Telepathen weiter. „Zum Glück sieht sie ihrer Mutter ähnlicher als mir.“
Lloyd lachte höflich und betrachtete das Bild eine Zeit lang, bevor er es zurück gab. „Ein schönes Mädchen haben Sie da, Clark. Es wundert mich, dass sie es und Ihre Frau für die Marsexpedition verlassen konnten.“
Clark Flipper seufzte schwer. „Es ist ja nicht so als hätte ich eine Wahl gehabt. Okay, ich wurde nicht gezwungen, sondern von NetSoft hoch bezahlt. Aber das Problem ist halt, dass es nicht allzu viele Geologen unter den Astronauten der Westlichen Welt gibt, die zudem auch erfahrene Archäologen sind. Ich habe Ihnen ja schon von meinem Geheimauftrag in den von uns vermuteten Ruinen erzählt.“
„Ein unglücklicher Zufall also. Sie sollten die Ruinen allein inspizieren, nehme ich an?“
„Falls sie denn überhaupt vorhanden sind. Nachdem wir das arkonidische Fernraumschiff gefunden haben – Aetron heißt es – war mir klar, dass der Hinweis auf die Ruinen nichtig ist. Wir hatten eigentlich nach dieser Riesenkugel gesucht. Nicht, dass ich nicht trotzdem nach den Ruinen gesucht hätte. Und dann endete unser Abenteuer damit, das wir versucht haben, Crest zur Erde zu schmuggeln.“
„Der Punkt interessiert mich. Warum haben Sie ihn nicht ganz offiziell einreisen lassen? Ich meine, er wäre Gast der U.S.A. geworden, ja, vielleicht sogar Gast des Präsidenten. Er wäre ein Botschafter gewesen, ein hoher Würdenträger. Und bitte glauben Sie doch nicht an das Ammenmärchen, dass Präsident Wilson ihn auf der Erde festgehalten hätte. Wir sind immer noch ein freies und liberales Land.“
„Es ist nicht der Präsident, der mir Sorgen gemacht hat. Es sind NetSoft, Petrokon und der AF-Geheimdienst. Und ich habe weniger um Crest gebangt als um meine eigene Familie. Was meinen Sie, hätten die Russen wohl getan, wenn bekannt geworden wäre, dass die U.S.A. einen außerirdischen Wissenschaftler in ihrer Gewalt hätten? Oder die Asiaten? Meinen Sie wirklich, die NATO hätte sich spontan entschlossen, das Wissen, welches wir von Crest erhalten würden, brüderlich mit dem Rest der Welt zu teilen? Nein, mein Freund. Da wäre es doch eher wahrscheinlicher gewesen, dass eine Drohung die nächste gejagt hätte, bis wir alle angefangen hätten, uns Bomben auf den Kopf zu schmeißen. Atomkrieg, Sie verstehen, Mr. Lloyd?“
Der Telepath räusperte sich amüsiert. „Halten Sie Ihre politische Führung wirklich für derart unfähig?“
„Es muss nicht unsere politische Führung unfähig sein“, brummte Flipper mürrisch. „Und abgesehen davon wäre Crest wohl gar nicht erst dem Präsidenten vorgestellt worden, sondern irgendwo im NetSoft-Konzern verschwunden. Nein, ich denke, nach dem Versuch Crest auf die Erde zu schmuggeln ist dies der nächstbeste gangbare Weg. Perry hat sich richtig entschieden, und er wird einen Weg finden, Doktor Haggard aus Australien zu sich zu holen. Die Technologie hat er ja.“

Mr. Kirby hustete erschrocken auf. Das war der Hinweis, auf den er gewartet hatte. Hastig öffnete er die Tür des Überwachungsraums. „Brecht sofort das Verhör ab. Lieutenant Flipper kommt wieder in seine Zelle. Die Verhörspezialisten komplimentiert in die Aufenthaltsräume. Und seht zu, dass sie nicht telefonieren können! Mindestens für eine Stunde!“
Seine Mitarbeiter brachen in Betriebsamkeit aus.  „Mr. Kirby, was soll ich General Pounder sagen? Er hat schon fünfmal angerufen und sich nach seinem Offizier erkundigt.“
Der Geheimdienstoffizier dachte nach. Wie sehr nützte der Mann ihm noch? Und wie gefährlich konnte sein Wissen in den falschen Händen sein?
„Sagen Sie ihm, dass Doktor Flipper Selbstmord begangen hat, um dem Verhör zu entgehen.“ Er sah einen seiner Männer an. „Jones. Sorgen Sie dafür, dass Flipper verschwindet.“
„Verschwindet oder verschwindet, Mr. Kirby?“
„Ersteres, Jones. Falls mich jemand sucht, ich telefoniere mit der australischen Sektion.“
***
„Was denkst du?“, fragte Fellmer seinen Kompagnon.
André Noir grinste ihn frech an, was das dünne Oberlippenbärtchen ein wenig betonte. „Wenn du mich fragst hat NetSoft Dreck am Stecken, und das nicht zu knapp. Die wollten sich neues Spielzeug besorgen lassen und nicht mit den anderen Kindern teilen. Aber leider hat der Bote selbst zugegriffen. Wir müssen annehmen, dass die gesamte Technologie, über die diese Arkoniden verfügen nun in Rhodans Händen ist. Der Mann sitzt da nicht nur in der Wüste, er sitzt wahrscheinlich auf dem größten technologischen Schatz der Weltgeschichte, und hat außerdem mit diesem Crest noch jemandem, der ihm genau zeigen kann, wie die Technologie bedient wird. Ich bitte dich, Fellmer, diese verdammten Rotaugen können zwischen den Sternen fliegen! Das sollte genug über die Qualität der Technik sagen.“
„Rotaugen?“ Fellmer Lloyd runzelte die Stirn. „Crest hat goldene Augen.“
„Ja, das weiß ich selbst. Als ich auf deiner telepathischen Fähigkeit mitgereist bin, habe ich auch ein schönes Bild unseres Leukämie-Patienten gesehen. Aber ist dir noch nicht aufgefallen, dass dieser Arkonide irgendwie albinotisch wirkt?“
„Albinotisch?“
„Ist wahrscheinlich ihr Schönheitsideal. Du weißt schon, Überzüchtung und dergleichen führt irgendwann dazu, dass eine ganze Familie mit der Zeit ein typisches Gebrechen entwickelt. In Europa war das der Hochadel, der meist an Blutarmut litt. Blaue Lippen, blasse Haut, all das ließ überhaupt erst die Geschichte vom Blauen Blut aufkommen. Wenn du mich fragst, dann sind Crest und Thora von Adel, und das ist ihr Stigma. Albinotisch halt. Du erinnerst dich, die wenigen anderen arkonidischen Raumfahrer, denen unser Freund Clark begegnet ist, hatten dunkelblondes oder sogar schwarzes Haar.“
„Wenn deine kleine Theorie stimmt“, wandte Lloyd ein.
„Wenn meine Theorie stimmt.“ Der Hypno nickte beiläufig. „Schön, dass du mitarbeitest.“
„Ich danke dir für diesen kleinen Exkurs in Vererbungslehre. Bringt uns das einen Vorteil?“
„Nicht wirklich, aber eine Erklärung, warum Crest an Leukämie erkrankt ist und dieses Leiden bei den ach so hochtechnisierten Arkoniden eine solche Katastrophe ist: Degeneration, wenn du mich fragst. Auch diese Vergnügungssucht mit den Fiktivspielen, die wir in Flippers Erinnerung gesehen haben, ordne ich mal grob in diese Sparte ein.“
„Ich frage dich nochmal: Was nützt uns das?“
„Es nützt uns insofern etwas, das wir nun wissen, dass erstens da draußen ein ganzes Sternenreich von einer blutarmen Elite albinotischer Hochadliger regiert wird, die jederzeit Leukämie kriegen können, ohne auf Heilung zu hoffen, und zweitens unser bester Ansatzpunkt die absolute Koryphäe auf dem Gebiet der Leukämie-Forschung ist, nämlich Professor Doktor Frank Haggard.“
„Na, danke. Das werden unsere NetSoft-Freunde wohl auch herausgefunden haben. Und solange wir hier in diesem gemütlichen Aufenthaltsraum sitzen, können wir dieses Wissen nicht weitergeben.“
„Das ist morgen immer noch früh genug“, wiegelte Noir ab. „Die Aktion in Australien wird von NetSoft und der IIC durchgeführt, und alle Aktionen der IIC landen irgendwann auf dem Schreibtisch der CIA. Wenn wir dann unsere Wissensfragmente hinzu legen, reicht es immer noch, um das Gesamtbild zu erkennen.“
„Du meinst, es schadet überhaupt nichts, dass NetSoft versucht, uns in diesem bequemen Raum quasi abzustellen?“, fragte Lloyd amüsiert. „Was hindert sie daran, uns einfach umzubringen?“
„Ich bitte dich. Wir sind für den CIA viel zu wertvoll, als dass NetSoft mit dem kurzen Hinweis durchkommen würde, wir zwei wären bei einem Unfall umgekommen. Außerdem habe ich unauffällig zwei Subalterne mit einem Hypnoblock versehen, falls Mr. Kirby wirklich darauf aus ist, mit uns zu spielen. Und an deiner entspannten Haltung sehe ich, dass du just in diesem Moment Mr. Kirbys Gedanken liest.“
Fellmer Lloyd grinste burschikos. „Ich versuche nur, unsere unfreiwillige Wartezeit mit ein wenig Sinn zu versehen, alter Freund. Und den meisten Sinn, den ich hier erkennen kann, macht das Schicksal von unseren archäologischen Freund Doktor Flipper aus.“
„Meinst du, sie werden ihn umbringen?“
Lloyd machte eine abwertende Geste. „Ich bitte dich. Der Mann ist Offizier der Space Force, hat eine eigene Familie, ist zudem wichtiger Wissenschaftler auf NetSofts Gehaltsliste. Natürlich bringen sie ihn um, wenn er ihnen nichts mehr nützt. Denkst du wirklich, die ganzen kleinen Kriege, die wir auf internationaler Konzernebene mitbekommen haben, laufen plötzlich nur noch im Computer ab? Und ein Clark G. Flipper, der Rhodans Crew vor der Enterung gewarnt hat, wird von ihnen sicherlich behandelt wie ein gefangener Feindagent.“
„Sie quetschen ihn aus und wenn sie ihn nicht umdrehen können wird er entsorgt“, komplettierte der Hypno. „Was für eine Schweinerei.“
„Meinst du sie machen es hier?“, hakte Lloyd nach.
„Sicherlich nicht in diesem Stützpunkt. Sie werden mit ihm raus in die Wüste fahren. Dort übernehmen die Kojoten und die Ratten die Entsorgung.“
„Hm, ein amerikanischer Staatsbürger droht getötet zu werden, und wir beide, Staatsbedienstete des amerikanischen Volks, könnten sie daran hindern. Warum sitzen wir dann hier eigentlich rum?“
„Weil die Regierung, die uns bezahlt, es sich nicht mit NetSoft verderben will, schon vergessen? Unser glorreicher Präsident Malcolm Wilson würde nur dann etwas gegen den NetSoft-Konzern unternehmen, wenn er so etwas wunderbares wie die Arkontechnologie in Händen hätte. Dann könnte er den Konzern auf die Zivilverwaltung zurück drücken, die er im Regierungsauftrag bundesweit erledigt.“
„In seinen Träumen“, meinte Lloyd belustigt.
„Und? Was tun wir jetzt wirklich, großer Chef?“ André Noir sah seinen direkten Vorgesetzten traurig an. „Sind wir wirklich schon Teil dieser korrumpierten Regierung, sodass uns das Leben eines Familienvaters nicht soviel wert ist wie unsere Karriere?“
„Sei froh, dass wir unsere Karriere nicht bei den Russen oder bei der AF haben“, murrte Lloyd. „Im Moment gibt es nur einen besseren Arbeitgeber als die CIA für uns. Und ich bezweifle stark, das die IIC uns wirklich haben will.“
„Was denn, was denn? Du würdest den Schoß unserer großen Mutter CIA verlassen, wenn ein besserer Job winkt? Für ein paar Dollar mehr?“
„Ein wenig Altruismus mehr würde mir schon vollkommen reichen“, erwiderte Lloyd. „Im Moment können wir nichts tun, André, sieh das ein. Aber ich könnte seine Spur verfolgen. Dann wissen wir später wenigstens, wo wir seine Überreste suchen müssen.“
„Du weißt, dass ich es sehen kann, wenn du dich mit deiner telepathischen Fähigkeit in die Gedanken eines anderen Menschen einklinkst? Ich bin ein mieser Telepath, aber ich würde alles sehen was du auch siehst. Zudem kannst du mit deiner geheimnisvollen Fähigkeit der Ortung sehr genau bestimmen wo sich ein Mensch aufhält, wenn du seine Gedankenstruktur kennst und dich intensiv auf ihn konzentrierst. Übrigens auch etwas, worin ich mich einklinken kann.“
„Und ich bin nicht in der Lage das zu verhindern“, erwiderte Lloyd mit einem dünnen Lächeln. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Zum Glück sind die Dinger hier schön bequem.“
Auch Noir machte es sich gemütlich. „Wenn das raus kommt, brauchen wir beide einen neuen Job, fernab jeder NetSoft-Filiale.“
Das Verhörduo lachte leise. Dann schloss einer nach dem anderen die Augen.
***
Als Peter Kosnow erwachte, meldete sich sofort beißender Kopfschmerz, so als ob die zweite Flasche Wodka schlecht gewesen wäre. Er schlug die Augen auf, aber das grelle Licht in seiner Umgebung ließ ihn aufstöhnen.
„Ruhig, Junge“, sprach ihn jemand auf englisch an. „Du hast eine Gehirnerschütterung. Damit ist nicht zu spaßen. Geh es langsam an.“
Der Kopfschmerz rollte weiterhin durch seinen Schädel, während Peter mühsam seine Gedanken zu ordnen begann. Englisch... Das bewies, dass er nicht in der Hand der Asiatischen Föderation war. Es hieß aber auch, dass er sich nicht mehr im Lager befand.
Urplötzlich überkam ihn die Erkenntnis! Das Lager! Die Goratschins! Er wollte sich aufrichten, aber der beißende Schmerz in seinem Kopf machte es ihm unmöglich.
„Es ist vielleicht besser, wenn ich dich fixiere, mein Junge“, sagte die Stimme. „Auf den Rat deines Arztes hörst du jedenfalls nicht.“
Nachdem der schlimmste Schmerz abgeebbt war, öffnete Peter erneut die Augen, aber diesmal wesentlich vorsichtiger. Er blinzelte ein paar mal, bis sich seine Iris an die Lichtverhältnisse angepasst hatten. Über ihm spannte sich eine orange Zeltplane. Von irgend woher fiel Licht herein, und ein besorgt drein schauender Mann mit schwarzen Haaren und starkem Stoppelbart sah auf ihn herab. „Kannst du mich verstehen, mein Junge?“
„Da“, ächzte er und fügte auf englisch hinzu: „Ich verstehe Sie.“
Der Schwarzhaarige sah erleichtert aus. Er wandte den Blick zu einer Stelle im Zelt, die Peter nicht sehen konnte. „Crest, bitte tun Sie mir einen Gefallen und rufen Sie Perry herbei. Sein Findelkind ist aufgewacht.“
„Natürlich, Doktor Manoli“, antwortete eine tiefe Stimme durch den Raum.
„Bleib ganz ruhig, Junge. Ich habe dir was gegen die Gehirnerschütterung gegeben. Außerdem etwas gegen das Fieber. Du hast auch noch diverse Abschürfungen und offene Wunden, aber nichts, was nicht nach der Desinfektion und einem guten Verband abheilen würde.“
„Spassiba“, hauchte er. „Danke.“
„Er ist also wach“, klang eine neue Stimme auf. Ein großer hagerer Mann trat in sein Sichtfeld und sah auf ihn herab. „Sie sind in Sicherheit, Hauptmann Kosnow. Seien Sie ganz unbesorgt.“
„Rhodan?“, ächzte der Russe. „Perry Rhodan?“
Der Amerikaner nickte. „Das ist richtig. Ich bin Perry Rhodan. Und Sie sind Hauptmann Peter Kosnow von der russischen Armee. Wir haben die Explosion gesehen, die Ihr Lager zerstört hat. Neugierig wie ich bin habe ich mich dort umgesehen und Sie gefunden. Sie sind der einzige Überlebende, Hauptmann Kosnow. Es tut mir Leid.“
Peter sah den Amerikaner an und erkannte, dass der seine Worte ehrlich meinte. Er nahm wirklich Anteil am Tod von Menschen, die von Rechts wegen zumindest nicht seine Freunde waren. „Warum...?“
„Sollte ich Sie in der Einöde liegen lassen? Es sah nicht so aus als würde in nächster Zeit ein Rettungstrupp für Sie landen“, tadelte Rhodan.
„Ich bin nicht gerade Ihr Freund“, wandte der Russe ein.
Rhodan lächelte mitleidig auf ihn herab. „Sie waren in Not, Peter Kosnow. Und deshalb habe ich Sie in mein Lager geschafft, wo mein Arzt Sie versorgen konnte. Es ist nicht meine Art, weg zu sehen und jemanden sinnlos sterben zu lassen. Ich weiß, die Welt ist nicht so wie ich, aber wenn niemand einen Anfang macht, wird sie sich nie ändern.“
Peter stöhnte auf und schloss für einen Moment die Augen. „Mir ist übel.“
„Eric, hast du was gegen die Übelkeit?“
„Keine Sorge, selbst wenn ihm übel ist, kotzen wird er nicht. Er hat genügend für drei ausgebrochen. Deshalb kriegt er von mir ja auch eine Kochsalzlösung intravenös gegen den Flüssigkeitsverlust.
Das spielt sich alles nur in deinem Kopf ab, Junge. Dir kann eigentlich gar nicht schlecht sein.“
Peter nickte verstehend. Es half ihm zwar nicht, aber er verstand den Arzt.
Rhodan. Manoli. Und ein dritter Mann namens Crest, den er nicht sehen konnte. Bedeutete das, dass er sich unter der Strahlenden Kuppel befand?
„Darf ich eine Frage stellen?“, klang Rhodans ruhige Stimme auf.
„Fragen Sie“, hauchte der Russe.
„Hauptmann Kosnow, was ist bei Ihnen passiert? Was hat das ganze Lager ausgelöscht?“
„Es... Es tut mir Leid, ich darf es Ihnen nicht sagen, Rhodan. Aber... Es war ein Angriff. Und eine Entführung. Ich... Kann ich mich bei meinem Vorgesetzten melden?“
„Natürlich, Hauptmann Kosnow. Ich habe Sie gerettet, nicht entführt. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie sich kräftig genug fühlen, dann können Sie mein Satellitentelefon benutzen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dass die halbe westlich Hemisphäre dabei zuhören wird.“
Peter grinste matt. „Ich werde nicht ins Detail gehen.“
Rhodan schmunzelte. „Versuchen Sie noch etwas zu schlafen. Danach reden wir darüber, wie wir Sie wieder über die Grenze schaffen können. Im Moment befinden Sie sich nämlich auf AF-Gebiet. Und wenn ich ehrlich bin, können wir Sie hier im Moment überhaupt nicht gebrauchen.“
„Es tut mir Leid, wenn ich Ihnen zur Last falle.“
„Oh, es geht nicht um das zur Last fallen. Es geht darum, dass Sie mit uns gefangen sein werden, je länger wir warten.“ Rhodan nickte freundlich. „Ich komme in einer Stunde mit dem Telefon wieder.“
„Danke, Major Rhodan.“
„Nicht Major. Nicht mehr.“
„Danke, Towarisch.“
Rhodan stockte für einen Moment. Dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Njesaschta. Nichts zu danken.“

Nun war Peter wieder mit dem Arzt alleine.
Er hatte überlebt, gut. Und er würde mit seinen Vorgesetzten konferieren können. Aber die Grundidee, Rhodan von außen zu unterstützen, konnte er vergessen. Definitiv und wirklich vergessen. Nicht, nachdem man ihm die Goratschins quasi unter der Nase weg gestohlen hatte. Okay, die andere Seite hatte einen Suggestor auf ihrer Seite, damit hatte niemand im Camp gerechnet. Andererseits wurden sie vom Geheimdienst darauf trainiert, das Unerwartete zu erwarten. Er hatte versagt, daran gab es nichts zu beschönigen. Und die Direktorin würde nicht zögern, ihn für dieses Versagen büßen zu lassen.
Andererseits hatte er jetzt etwas, was beinahe genauso wertvoll war wie Iwan und Iwanowitsch Goratschin. Rhodan kannte ihn nun. Das bedeutete keine Vertrauensbasis, aber zumindest eine Chance.
„Da hast du ja richtig Schwein gehabt, dass ausgerechnet Perry dich aufgelesen hat und nicht die Asiaten, was?“ Manoli grinste ihn freundlich an.
„Ich lebe noch“, erwiderte der Russe matt. Langsam fühlte er die Müdigkeit über sich hereinbrechen. „Das ist alles, was jetzt zählt.“ Noch konnte er seinem Vaterland dienen und Perry Rhodan beschützen. Auch wenn er noch überhaupt keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte.
***
Mit einem Seufzer begann sich General Tai Tiang zu strecken, bis es laut und vernehmlich in seinem Rücken knackte. Danach setzte er zu einer einfachen Dehnübung an, bis sein körperliches Wohlbefinden wiederhergestellt war. General Roon beobachtete den Chinesen dabei. „Sie machen kein T´ai-Chi?“
Tiang schmunzelte bei der Frage des Offiziers aus Bangladesh. „Sie glauben wohl auch, dass alle Chinesen sich morgens auf der Straße versammeln und gemeinsam eine T´ai-Chi Chuan-Übung exerzieren, was?“
„Nun...“, begann der Bangladeshi verlegen.
„Im Moment habe ich keine Zeit für eine komplette Übung. Ich werde es nachholen, wenn sich die Gelegenheit bietet.“
Tai Tiang wandte sich abrupt ab, und der Ein Sterne-General aus dem Land am Fuß des Himalaja folgte ihm. Da hatte der alte Mann ihn wirklich hoch genommen. Aber es war kein Zynismus gewesen, eher wohlwollender Spott. Und das gefiel Roon. Die Chinesen nahmen die Offiziere der AF, die nicht aus China stammten, viel zu oft nicht ernst, und das ärgerte nicht nur ihn. Tai Tiang war da irgendwie erfrischend anders.
„Unser Ziel!“, sagte General Tai und deutete in die Ferne. Vor ihnen, in von den Pionieren exakt vermessenen elf Kilometern Entfernung, erhob sich die als Strahlende Kuppel bekannt gewordene Sphäre mitten in der Wüste Gobi. Ein Teil des Schirms überlappte mit dem nahen und relativ unbedeutenden Goshun-See, aber die Pioniere und auch die Spezialeinheiten hatten recht früh herausgefunden, dass ein Eindringen auf diesem Weg unmöglich war.
„Eigentlich ist es recht hübsch anzuschauen“, murmelte Roon bei sich. „Schade, dass wir es zerstören müssen.“
„Für das asiatische Volk nutzbar machen“, tadelte Tai.  „Erst wenn uns das nicht gelingt, werden wir sie zerstören.“ Der hoch dekorierte General sah hinter sich, auf den Rest der Kolonne, der sie voran gefahren waren. Eine komplette Panzerdivision war ihnen gefolgt, die sich nun nach einem vorher erarbeiteten Schema auf die Zufahrtswege zur Kuppel verteilte. Dazu kamen drei Divisionen Infanterie, die sämtliche kleineren Wege, Pässe und das Steppenland überwachen würden, damit nicht mal eine Maus ohne Passierschein bis auf Rufweite an die Kuppel heran kam. Außerdem führten sie im großen Maße konventionelle Artillerie mit sich, die nun ebenfalls auf neuralgische Punkte verteilt wurde.
„Ein wenig viel, um Mr. Rhodan eine Räumungsklage zu überreichen“, murmelte Roon.
„Es ist erst einmal ein Durchsuchungsbefehl wegen des Verdachts der illegalen Einreise. Wenn Mr. Rhodan darauf nicht reagiert, haben wir das Recht, angemessene Gewalt auszuüben. Und wenn mich nicht alles täuscht, kommen wir da mit Hammer und Meißel nicht wesentlich weiter.“
„Das halten Sie für angemessen?“, fragte Roon zweifelnd. „Zwei Artilleriebataillone, eine Panzerdivision, ein Bataillon Raketenschützen, vier Geschwader Jagdbomber, Hubschrauberunterstützung und sogar die Spezialabteilung? Wo stecken die Burschen überhaupt?“
Als hätte er damit ein Signal gegeben entstand direkt neben dem Bangladeshi eine Gestalt aus dem Nichts. „General Tai.“
Der hoch dekorierte Veteran ließ sich nicht anmerken, ob das plötzliche auftauchen des Japaners ihn überrascht hatte. „Ah, Kakuta. Kommen Sie, um Meldung zu machen?“
„Ja, General Tai. Wir haben bereits einen Posten außerhalb der Kuppel bezogen und führen erste Untersuchungen durch. Die Kuppel selbst scheint sich die natürlichen Magnetfeldlinien zunutze zu machen, die von einem starken Generator im Innern erzeugt werden, soviel haben wir schon herausgefunden. Der Schirm ist aber so energiereich, dass er Materie sofort verglühen lässt. Auf diesem Weg kommen wir nicht durch. Allerdings hat Spezialist Sengu herausgefunden, dass der Schirm selbst nicht bis in den Boden reicht. Erste Probebohrungen haben aber ergeben, dass sich der Schirm automatisch vertieft, sobald Hohlräume in bis zu zwei Metern unterhalb seines Standortes entstehen. Wir gehen tiefer, aber dafür brauchen wir stärkeres Gerät.“
„Was ist mit Ihrer Fähigkeit, Kakuta? Dieses Telekinetisieren?“, hakte Tai nach.
„Teleportation, General. Ich habe versucht den Schirm zu durchdringen, wurde jedoch zurückgeworfen. Aber ich denke, wenn wir es schaffen tief genug zu graben und einen stabilen Tunnel voranzutreiben, kann ich wieder springen.“
„Was braucht Li dafür?“
„Wir haben uns bereits einen Hügel ausgeguckt. Die Anfahrtswege sind von der Kuppel aus gesehen verdeckt, aber es sind immer noch zwei Kilometer Luftlinie.“
„Ich verstehe. Das Fünfte Pionierbataillon wird ab sofort unter Lis Kommando gestellt. Erwarten Sie die Einheit binnen der nächsten Stunde.“
„Danke, General Tai.“
„Ach, und Kakuta. Wenn Sie es schaffen in die Kuppel hinein zu springen, versuchen Sie zuerst etwas von diesem Spielzeug zu finden, das Mr. Rhodan augenscheinlich auf dem Mars gefunden hat. Es wäre doch schade, wenn diese wertvollen Dinge vernichtet werden würden, oder?“
Tako Kakuta verneigte sich vor dem General. „Ich habe verstanden.“
Kurz darauf war der Mann verschwunden. Dort wo er gestanden hatte, gab es ein leises Geräusch, als die Luft in das entstandene Vakuum zurück fiel. Sonst existierte kein Zeichen seiner Existenz mehr.
„Es ist gespenstisch“, murmelte Roon beeindruckt. „Diese Fähigkeit, per Gedankenkraft von Ort zu Ort in Nullzeit zu reisen...“
„In der Spezialeinheit gibt es noch viel gespenstischere Fähigkeiten, mein lieber Roon. Wussten Sie, dass einer von Lis japanischen Leuten Funk- und Radiofrequenzen sehen kann? Und das ist nur eine von vielen Fähigkeiten, welche die Japaner mitgebracht haben.“
„Erstaunlich.“
„Das ist es. In der Tat.“ Tai schmunzelte. „Zum Glück sind sie auf unserer Seite.“
Tai Tiang wandte sich halb um und winkte einen Wagen heran. Der dem amerikanischen Hummer nachempfundene Geländewagen preschte sofort herbei und hielt direkt neben dem General. „Roon, bringen wir es hinter uns. Sagen Sie Rhodan, dass wir einen Durchsuchungsbefehl haben. Wenn er die Durchsuchung verweigert, werden wir Gewalt anwenden.“
„Was soll ich sagen, wenn er sich darauf beruft, dass wir in Brüssel gegen ihn Anklage wegen Kriegsverbrechen erhoben haben?“
„Dass er selber Schuld ist. Was kauft er auch ein Grundstück in der Asiatischen Föderation?“
Tai nickte dem Jüngeren zu. Der salutierte, und bestieg den Geländewagen.

Während der Wagen über das Gelände holperte, zogen hinter ihm die Panzereinheiten auf. Es war für ihn als Militär klar ersichtlich, dass sich die Metallkolosse vom Typ T-101 auf ein Bombardement vorbereiteten. Auch die Artillerie baute sich auf, allerdings in größerer Entfernung und in von den Pionieren errichteten Stellungen.
„Rhodan müsste ein Idiot sein, wenn er die ganzen Vorbereitungen nicht sieht“, murmelte Roon bei sich.
Kurz vor der Kuppel hielten sie an. Roon stieg aus, begleitet von Major Butaan, einem indischen Geheimdienstoffizier, der ihm als Berater zur Verfügung gestellt wurde. Und natürlich als zweites Paar Augen und Ohren. Selbstredend überwachte Butaan nicht nur die Umgebung, das Gespräch mit Rhodan und die Strahlende Kuppel. Butaan überwachte auch ihn, den Armeegeneral. Alles andere wäre auch eine lächerliche Farce gewesen.
Vor der energetischen Kuppel hockte sich Roon hin. Er hätte nur die Hand ausstrecken zu brauchen um die wie Gold schimmernde Oberfläche zu berühren. Aber die Warnungen der Spezialisten waren eindeutig gewesen. Würde er das Energiegebilde berühren, wäre er im nächsten Moment nur noch ein Haufen Asche.
Langsam richtete er sich wieder auf und trat einen Schritt zurück.
Dann begann er kleine Steine zusammen zu suchen.
„Darf ich fragen, was Sie da tun, General?“
„Sicher dürfen Sie das, Major Butaan. Ich suche mir einen Klingelknopf.“
Der Inder sah den Bangladeshi verwundert an. „Einen Klingelknopf?“
„Ja, meinen Sie, Rhodan kommt sofort angelaufen, nur weil sich jemand an der Kuppel rum treibt? Davon gibt es hier genügend. Die Spezialeinheit ist hier vertreten, die Russen sind im Norden und haben garantiert schon heimlich Leute hergeschickt. Und mit Sicherheit ist auch ein Kommando der NATO-KK irgendwo an der Arbeit. Wenn Rhodan, Bull und Manoli jedem nachgehen würden, der an ihrer Kuppel herum experimentiert, hätten sie nichts anderes mehr zu tun.“
Mit einer Handvoll Kiesel erhob sich Roon wieder. Dann begann er, die Steine in regelmäßigem Rhythmus in den Schirm zu werfen. Die Steine vergingen dabei in kleinen Blitzen.
„Was wollen Sie damit erreichen, General?“, fragte der Geheimdienstoffizier irritiert.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass Rhodan den Schirm überwachen kann und jene Orte feststellen kann, an denen experimentiert wird. Immerhin, sie bedeckt eine Fläche von fünfzig Quadratkilometern. Da hat der gute Space Force-Major weite Strecken zu laufen. Er wird sich nur auf den Weg machen, wenn es sich lohnt. Gestern zum Beispiel ist ein Spionagecamp der Russen explodiert. Angeblich hat Rhodan die Kuppel dafür sogar verlassen, aber die Information ist vage, weil sie nicht von einem unserer Leute gemacht wurde. Man hat sie uns nur verkauft.
Wenn nun aber jemand vor dieser Kuppel hockt und in regelmäßigem Abstand Steine hinein wirft, wird Rhodan das bemerken und als Kontaktaufnahme interpretieren.“
„Warum funken wir ihn nicht einfach an? Das würde schneller gehen.“
„Soweit ich weiß hat er auch ein Satellitentelefon da drin. Wir könnten anrufen, das geht noch schneller“, erwiderte Roon. „Nein, Major Butaan, solche Dinge erledigt man von Angesicht zu Angesicht. Ich will seine Reaktionen sehen.“
„Wenn Sie meinen.“ Butaan schien nicht sehr überzeugt zu sein, aber das war Roon egal. Er glaubte an sich und seine Methoden. Außerdem hatte er General Tai hinter sich.

„Ich werde verrückt. Da kommt tatsächlich einer“, sagte Butaan mit Staunen in der Stimme. Tatsächlich näherte sich von der Mitte der Kuppel, wo sich der Stardust-Lander und zwei Zelte befanden, eine hagere Gestalt ihrer Position. Das interessante daran war, das sie flog – ohne erkennbare Hilfsmittel.
Nach einiger Zeit erkannten die Männer Perry Rhodan. Er trug zwar den Space Force-Overall, aber er hatte die amerikanische Flagge und seine Rangzeichen entfernt.
„Guten Tag, meine Herren“, sagte Rhodan auf englisch.
Roon schmunzelte bei dieser zur Schau gestellten, so typisch westlichen Arroganz. Natürlich ging der Mann davon aus, dass die Unterhaltung auf englisch erfolgen würde, und nicht auf Kanton oder Mandarin. Und natürlich hatte er Recht.
„Guten Tag, Major Rhodan. Mein Name ist General Roon. Mein Begleiter ist Major Butaan.“
Rhodan nickte dem Geheimdienstmann freundlich zu.
Butaan erwiderte die Geste überrascht und deutete eine Verbeugung an.
„Was kann ich für sie tun, meine Herren?“
„Nun, Major Rhodan...“
„Es heißt nur Mr. Rhodan. Ich bin kein Mitglied der Space Force mehr“, korrigierte der Amerikaner.
„Nun, MR. Rhodan“, fuhr Roon mit Betonung fort, „Ihre Ankunft und die Ihrer Gefährten hat bei uns einige Probleme aufgeworfen. Mir ist bewusst, dass Sie sich auf einem Privatgrundstück befinden, aber auch für Privatbesitz gibt es Regeln und Gesetze. In Ihrem Fall müssen wir vermuten, dass Sie dabei sind, auf Ihrem Grundstück ein Verbrechen zu verschleiern. Wir verdächtigen Sie, Mr. Bull und Mr. Manoli des Schmuggels und des Verstoß gegen das Waffengesetz, nach der Privatpersonen keine letalen Waffen besitzen dürfen.“ Langsam, geradezu theatralisch, zog Roon einen Brief aus seiner Uniformjacke. „Deshalb hat das Oberste Landesgericht Beijing eine Durchsuchung des Grundstücks angeordnet, durchführbar ab sofort. Mr. Rhodan, ich muss Sie hiermit auffordern, uns Zugang zu Ihrem Privatgrund zu gewähren.“
„Was ist wenn ich mich weigere?“
„Dann werden wir geeignete Maßnahmen ergreifen und uns gewaltsam Zutritt zur Kuppel verschaffen.“
„Sie verstehen sicherlich, dass ich einer Durchsuchung nicht zustimmen kann, solange Ihr Land mich wegen nicht begangener Kriegsverbrechen anklagt.“
„Um herauszufinden, ob sie begangen oder nicht begangen wurden, haben wir das Internationale Gericht. Jeder Mensch mit einem reinen Gewissen würde sich dieser Anklage stellen, wenn es die Umstände erlauben. Andererseits, warum sind Sie auch auf dem Staatsgebiet der AF gelandet? Sie hätten doch vorhersehen können, was passiert. Immerhin sind auch wir nur Staatsdiener, und auch wir müssen die Gesetze befolgen.“
„Das verstehe ich. Ich war auch Soldat, wenn Sie sich erinnern möchten. Ich kann nichts dagegen einwenden, wenn Sie versuchen sollten, die Kuppel zum Beispiel durch Dauerbeschuss zu überlasten, um... Ihre Durchsuchung durchzuführen.“
„Aber?“
„Aber, was, General Roon?“
„Ihre Worte klangen so, als sollte dort noch ein aber folgen, Mr. Rhodan.“
Perry Rhodan lächelte leicht. „Aber ich habe selbstverständlich damit gerechnet. Denken sie, diese Kuppel könnte dem konzentrierten Beschuss einer ganzen Panzerdivision standhalten, meine Herren? Denken sie, die Artilleriebataillone, die sicherlich auch taktische Atomgranaten mit sich führen, können diesen Schirm durchdringen?“
„Denken Sie, Sie sind unangreifbar?“, fragte Roon ein wenig ärgerlich.
„Nun, wenn Sie mich so fragen: Ja.“
„Ich frage mich, wie unangreifbar Ihr Co-Pilot Mr. Bull ist, der die Kuppel vor zwei Tagen verlassen hat. Ich bin sicher, er wird zurückkommen. Und dann werden wir ihn wegen der illegalen Einreise befragen müssen. Auch wegen des Vorwurfs der Schmuggelei.“
Rhodans Miene verlor das Lächeln und wurde starr. „Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass in diesem Moment eine einstweilige Verfügung am Internationalen Gerichtshof beantragt wurde, die der General Cosmic Company Souveränität und freien Zugang zum Firmengebiet gewähren soll.“
„General Cosmic Company?“, hakte Butaan nach und beteiligte sich damit erstmals am Gespräch.
„Unser kleiner Betrieb, den wir hier aufbauen wollen. Natürlich streben wir dafür eine gute Nachbarschaft mit der Asiatischen Föderation an.“
„Darüber können wir reden. Nachdem wir Mr. Bull verhört und das... Firmengelände untersucht haben.“
„Vielleicht gibt es einen Weg, die... Anklage zurückzunehmen?“, fragte Rhodan.
„Ich befürchte, ich muss darauf bestehen, die Untersuchungen durchzuführen. Mein Boss ist General Tai Tiang. Er ist ein Demokrat der alten Schule, und er würde niemals einen Volksbeschluss eines ordentlichen Gerichts in Frage stellen oder sogar sabotieren. Sie sollten ihn kennen. Er hat die Befreiung von Taiwan angeführt.“
Im Gesicht Rhodans zuckte nicht ein Muskel, und in Roon erwachte so etwas wie Anerkennung für das perfekte Pokerface des Amerikaners. „Andererseits bin ich sicher, dass eine gesunde Firma, die der AF kräftig Gewerbesteuer bezahlt, durchaus im Sinn des Volkes ist. Darüber können wir reden – nachdem sich unsere Befürchtungen zerstreut haben, also nach der Durchsuchung.“
„Diese Durchsuchung kann ich Ihnen nicht gewähren. Nicht, solange die Anklage gegen mich und Mr. Bull nicht zurückgezogen wurde. Guten Tag, meine Herren.“ Rhodan wandte sich um und ging. Hastig verbeugte sich Butaan aus einem Reflex heraus, bevor er sich bewusst wurde was er tat. Aber Roon hatte es zum Glück nicht gesehen.
„Mr. Rhodan!“, rief der General.
Der Amerikaner wandte sich halb um. „General Roon?“
„Sie wissen, was jetzt als nächstes erfolgt! Und ich informiere Sie hiermit darüber, dass wir als erstes mit einem Belastungstest beginnen werden. Die Explosion einer taktischen Atomgranate, die genau ins Zentrum des Schutzschirms gesetzt wird, dürfte bei einer Fläche von fünfzig Quadratkilometern den Rand schon nicht mehr erreichen, oder?“
Rhodan lächelte spöttisch. Das hatte nicht viel mit einem Pokerface zu tun. Es war ein Gesichtsausdruck, der Sicherheit verkündete. Dieser Mann glaubte wirklich daran, dass die taktische Atomgranate keinen Erfolg erzielen würde.
„Tun Sie, was Sie nicht lassen können“, erwiderte der Amerikaner amüsiert. Dann hob er seine Uhr zum Mund – zumindest sah es nach einer Uhr aus – und murmelte ein paar Worte. Anschließend setzte er seinen Weg fort.

„Wir sollten machen, dass wir zurückkommen“, brummte Roon. „Und dann werden wir zum ersten mal seit langem einem wunderschönen Feuerwerk zuschauen können. Die erste taktische Atomgranate seit siebenundzwanzig Jahren wird über asiatischem Boden detonieren.“
Roon ging voran und Butaan folgte ihm. Das heißt, er wollte folgen, aber er kam nicht voran. Erstaunt beobachtete der Geheimdienstoffizier, wie General Roon vom Boden abhob. Und auch unter seinen Füßen befand sich plötzlich eine beachtliche Menge Luft. Der Hummer erhob sich nun ebenfalls und schwebte langsam nach oben.
„Was geschieht hier? Ein Telekinet?“, rief Butaan aufgebracht.
„Nein, das ist etwas anderes!“, rief Roon zurück. Langsam nahmen die beiden Männer und der Wagen Fahrt auf und drifteten in Richtung der asiatischen Stellungen zurück. „Etwas vollkommen anderes! Ein Telekinet kann nur ein bestimmtes Gewicht anheben und seine Kraft nur auf eine bestimmte Menge an Zielen verteilen! Ich habe noch von keinem Telekineten gehört, der einen drei Tonnen schweren Wagen heben kann und noch die Konzentration hat, zwei Männer hoch zu heben!“
„Dann ist es eine Maschine!“, rief Butaan.
„Eine telekinetische Maschine?“ Roon runzelte die Stirn, während sein Körper durch eine unbedachte Bewegung zu einem Überschlag ansetzte.
„Nein, General! Bedenken Sie doch, wo die Strahlende Kuppel herkommt gibt es womöglich noch mehr zu finden! Was, wenn uns Rhodan mit einer Maschine für Antigravitation beschießt?“
„Antigravitation?“ Roon rieb sich nachdenklich das Kinn, eigentlich ein witziger Anblick während er in die Höhe schwebte und um sich selbst zu rotieren begann. „Was hat der Mann nur alles auf dem Mars gefunden?“

Eine halbe Stunde und eine hitzige Diskussion mit General Tai Tiang später schoss ein Artilleriegeschütz eine Testgranate ab. Die Waffe zog eine ballistische Bahn, bis sie vom Zentrum der Kuppel vier Kilometer entfernt war, dann schwebte sie nur noch in der Luft. Ein paar Sekunden nach dem Abschuss detonierte sie weitab der Kuppel.
Tai Tiang räusperte sich vernehmlich. „Also wirklich Antigravitation? Bereiten Sie eine Rakete vor, Roon. Wir nehmen einen taktischen Atomsprengkopf.“
„Sind Sie sicher, dass wir das ohne Erlaubnis aus Beijing tun sollten?“
„Sie waren es doch, der Rhodan damit gedroht hat, oder?“, erwiderte der alte General streng. „Nun schießen Sie das Ding schon ab!“
Drei Kilometer entfernt wurde eine Mittelstreckenrakete vom Typ Langer Marsch abgefeuert. Sie wurde von einem Ziellaser direkt ins Zentrum der Kuppel gelenkt. Durch den eigenen Antrieb konnte sie den Kurs beinahe exakt halten, selbst als sie in das Antigravitationsfeld geriet. Dann aber... Geschah nichts. Es gab eine kleine, unspektakuläre Explosion, als der Raketentreibstoff in Brand geriet. Sekunden später existierte von der Rakete nur noch Asche.
„War die Rakete in Ordnung? War der Sprengkopf in Ordnung?“, raunte Tai mit Ehrfurcht in der Stimme.
„Sie wurde vor dem Abschuss mehrfach und von verschiedenen Spezialisten überprüft“, bestätigte Roon, den das kalte Grausen im Griff hatte.
„Unglaublich! Das bedeutet, Rhodan kann eine atomare Explosion verhindern! Roon, wir müssen in diese Kuppel! Wer weiß, was Rhodan noch alles vom Mars mitgebracht hat!“
Roon nickte zu diesen Worten. Zugleich aber machte sich der General auch Sorgen. Denn je mehr Fähigkeiten der ehemalige Risikopilot offenbarte, desto dringlicher wurde es auch für die Russen und für den Westen, die Hand auf diese Technologie zu legen. Und wenn eine der Parteien glaubte, es wäre besser, diese Technologie zu vernichten, anstatt sie der Asiatischen Föderation in die Hände fallen zu lassen, dann standen sie vielleicht kurz vor einem Atomkrieg.
***
Es war ein Ehrfurcht gebietender Anblick, der sich Perry Rhodan bot, als er per arkonidischem Funk mit dem Mars konferierte. Auf dem kleinen Bildschirm, der Hauptausgabestelle für den Echtzeitkontakt mit der Aetron, wurde die Kommandantin Thora von Zoltral abgebildet. Der Bildschirm war nicht größer als ein durchschnittlicher Computermonitor, dennoch schaffte es die weißblonde Frau, nicht nur den Bildschirm mit ihrer Präsenz zu füllen, sondern auch noch auf Rhodan herab zu sehen.
„Nein!“, sagte sie laut und wütend. „Nein, Rhodan! Ich werde Ihnen nicht helfen! Ihr wunderschöner Plan, Crest heimlich zur Erde zu schaffen und dort behandeln zu lassen ist ja dank Ihres Fehlers, den Geheimdienst zu unterschätzen, gründlich daneben gegangen. Ich wette, wenn ich mit der Aetron Eins direkt in dieser Primitivenstadt gelandet wäre, hätte es weniger Aufsehen erregt als Sie mit Ihrer spektakulären Flucht und der Errichtung eines Energieschirms!“ Sie wandte sich zur Seite, stemmte die Fäuste in die Hüfte und fuhr im gleichen Tonfall fort: „Und mit dir, mein lieber Ka´Marentis, habe ich auch ein Hühnchen zu rupfen! Vertrau den Menschen, hast du gesagt! Rhodan weiß was er tut, hast du gesagt! Und was ist jetzt? Dein Arzt ist viertausend terranische Kilometer entfernt, du sitzt unter einer Energiekuppel fest und bist von primitiven terranischen Truppen eingekreist!“
„Das ist nicht zu bestreiten. Aber beweist die schnelle und umfassende Reaktion der Asiatischen Föderation nicht, dass ihr Potential wie das aller Menschen gewaltig ist?“
Thora schien für einen Moment entsetzt Luft zu holen. „Was, bitte? Habe ich das richtig gehört? Crest, du bist auf diesem Planeten, um dich behandeln zu lassen! Niemand hat jemals von dir verlangt, dass du an der Erde und ihren Bewohnern Gefallen findest!“
„Entschuldigung, Thora, aber Sie haben primitiv vergessen.“
Ihr Blick kehrte zu Rhodan zurück. „Was, bitte?“
„Sie haben im letzten Satz vergessen, die Menschen als primitiv zu bezeichnen. Ich wollte nur aushelfen“, erwiderte der Risikopilot freundlich.
Crest schmunzelte bei diesen Worten.
„Ach, so ist das. Verbündet ihr euch jetzt schon gegen mich?“ Die arkonidische Frau nahm die Arme von den Hüften und verschränkte sie vor der Brust. „Ich war von Anfang an gegen diese Idee. Und bis jetzt hat sie auch nichts gebracht, im Gegenteil! Alles ist noch schlimmer geworden! Noch ein Raumfahrzeug ist auf dem Weg zum Mars, und ich rede nicht von dem primitiven Strahltriebwerkschiff mit diesem unaussprechlichen Namen.“
Rhodan runzelt die Stirn. „Ein zweites Schiff?“
„Baugleich mit der Blechbüchse, mit der Sie durch das All geflogen sind.“ Thora zog eine Augenbraue hoch. „Übrigens eine Leistung, die hohen persönlichen Mut erfordert, und damit meinen Respekt verdient.“
Perry wollte zu einer harschen Erwiderung ansetzen, aber Crest winkte ab.
Der Raumfahrer begriff. Thora war nicht sarkastisch, sie hatte ihre Worte tatsächlich ernst gemeint.
„Wie dem auch sei, mein gutes Mädchen, man hat heute mit einer primitiven Kernfusionsgranate auf uns geschossen. Der Anti-Neutronenschild hat funktioniert, aber es war tatsächlich nur ein kleines Kaliber. Wir können es nicht ausschließen, dass sie mit stärkeren Bomben schießen werden, die sie außerhalb des Anti-Neutronenschilds zünden können.“
„So, so. Ihr braucht also ein stärkeres Feld. Eines, das bis zu zehn Kilometer in die Höhe reicht, nehme ich an.“
„Und einen Umkreis von zwanzig erreicht“, bestätigte Crest.
„Ich stelle es in den Hangar. Dort können Sie es sich abholen, Rhodan.“
„Moment Mal, Thora. Glauben Sie etwa, das Schiff, das zu Ihnen unterwegs ist, wahrscheinlich die Stardust II, ist mit meinen Leuten bemannt?“, warf Rhodan hastig ein.
„So blauäugig bin ich nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie mit einem Psychostrahler und ein wenig Wagemut Ihre Stardust wiederbekommen können. In läppischen zwei Wochen kann der Generator für das Feld Ihr Gelände beschützen.“
„Sie machen es mir nicht sehr leicht, Thora“, erwiderte Rhodan ärgerlich.
„Thora, meine Gute“, wandte Crest ein und hob beschwichtigend die Hände. „Du weißt so gut wie ich, dass es so einfach nicht geht. Bitte nimm die Aetron Eins und bring es persönlich herüber. Bei der Gelegenheit könntest du auch gleich ein paar Arbeitsroboter mitbringen. Unser Freund Perry möchte hier an dieser Stelle eine Firma errichten, und ich denke, wir können ihm bei diesem Vorhaben helfen.“
„Ist all das Wissen und die Technologie, die wir in den Lander gestopft haben, nicht schon Bezahlung genug?“, fauchte sie. „Musst du ihnen noch mehr Technik zwischen die Zähne schieben?“
„Perry hat mustergültig reagiert, als es darum ging, mich und mein Wissen zu beschützen. Ich denke, das alleine hat eine Belohnung verdient.“ Der Archivar sah die jüngere Zoltral streng an. „Thora, ich würde es dir als dein Großonkel ungern befehlen müssen.“
„Ich bin die Kommandeurin der Aetron“, sagte sie verbissen.
„Und ich leite diese Expedition. Hast du unsere Ziel vergessen?“ Von einem Moment zum anderen hatte Crest alle Freundlichkeit abgelegt. Nun wirkte er wütend, und das machte ihn um Jahre jünger. „Darf ich dich daran erinnern, dass ich dabei bin, langsam und qualvoll zu sterben? Ich brauche einen Arzt dieser Primitiven, damit er mich rettet. Und damit das klappt, muss die Energiekuppel sicher bleiben. Denn wenn es nicht funktioniert, bin ich bald tot, und ohne Crest keine Crest-Datei. Ohne Crest-Datei keine Expedition. Hast du das verstanden, Großnichte?“
In Thoras Gesicht rangen Wut und Ärger mit Vernunft. Letzteres gewann schließlich, und die junge Arkonidin wandte sich brüsk ab. „Es war vollkommen unnötig, mich auch noch zu erpressen!“
Das Lächeln kehrte auf das Gesicht des Arkoniden zurück. „Wann darf ich dich hier erwarten, verehrte Thora?“
„In zehn bis zwölf Stunden. Vielleicht vierzehn. Ich muss mir genau überlegen, was ich alles mitbringen werde, denn einen zweiten Flug wird es nicht geben. Hast du gehört, Crest, wenn ihr euch mit der neuen Hilfe wieder übertreffen lasst, dann werde ich eher mit einem Schiffsgeschütz diese Gigantwüste Sahara zweiteilen, um deine Freilassung zu erzwingen als dass ich Rhodan und Bull erneut zur Hand gehe.“
„Damit kann ich leben“, sagte der alte Arkonide.
„Ach, eines noch, Thora“, mischte sich Rhodan ein. „Es ist wegen der Stardust II. Soweit ich weiß, gab es an Bord meines Schiffs einen Geheimauftrag, der besagte, dass Lieutenant Flipper ominöse Ruinen auf dem Mars untersuchen sollte. Es kann sein, dass die Geldgeber nun denken, die Technologie, über die ich verfüge, stamme aus diesen Ruinen. Dann ist die Stardust II unterwegs, um diese Ruinen zu finden und zu plündern.“
„Seien Sie unbesorgt. Ich werde die Metallbüchse perforieren, wenn ich sie mit der Aetron  Eins passiere.“ Thora weidete sich am offenen Entsetzen im Gesicht des Risikopiloten, bevor sie weiter ausführte: „Keine Sorge. Ich vergehe mich nicht an Primitivlingen. Die Neuronik der Aetron ist selbstständig genug, um selbst in meiner Abwesenheit die geeigneten Abwehrmaßnahmen zu treffen. Sei es nun ein Schiff Ihres NetSoft-Konzerns, sei es die Asiatische Föderation oder die Russische. Sind Sie beruhigt, Rhodan?“
„Das bin ich in der Tat. Und, Thora, danke. Sie könnten auch gedankenlos einfach töten, was Ihnen nicht passt. Die Technologie dazu hätten Sie.“
Wütend sah die Arkonidin Rhodan an. „So sehen Sie mich also? Hat Ihnen noch niemand erklärt, dass das Leben als heiliges Gut von den She´Huan gegeben wurde, und das man es genauso behandeln sollte? Und wer immer die bessere Technologie hat, hat auch die größere Verantwortung, die sich daraus ergibt. Es würde mich allerdings nicht wundern, wenn Ihr primitives Gehirn das nicht versteht.“ Mit einem letzten, Teils ärgerlichen, Teils spöttischen Blick deaktivierte Thora die Verbindung.
„Ich glaube, sie mag Sie“, bemerkte Crest schmunzelnd.
„Finden Sie? Ich habe mich Zeit meines Lebens nie besonders gut darin verstanden, was Frauen ausmacht, aber ich bin mir ziemlich sicher, sie würde am liebsten mit ihren Fingernägeln über mein Gesicht fahren und vier tiefe Kratzer darin hinterlassen, als Warnung an alle anderen, die ihr widersprechen.“
„Ich sagte es doch. Sie mag Sie.“
„Dann möchte ich nicht wissen, was sie mit denen anstellt, die sie hasst.“
***
Dank der arkonidischen Hochtechnologie war es Bully ein leichtes gewesen, den Stratoklipper kurz  nach dem Start für die Radarortung unsichtbar zu machen. Danach war es ein Leichtes, das Leitsignal der Maschine zu deaktivieren, um vollends zu verschwinden. Derart gerüstet flog der erfahrene Pilot den Stratoklipper in die Stratosphäre. Dort wartete er ab, bis der Senkrechtstarter von der senkrechten in die Horizontale gegangen war und die Kabinen damit ihren Schwenk um neunzig Grad erlebt hatten. Nun wurde aus dem mehrstöckigen Bau des Senkrechtstarters ein normales Flugzeug, das aus einer einzigen großen Innenfläche bestand. Die einzelnen Kabinen waren so konstruiert, dass man problemlos zwischen ihnen wechseln konnte. Egal ob der Klipper waagerecht in der Stratosphäre flog oder auf einem Flughafen ruhte.
Die Strecke nach Jiuquan nahm weniger als eine Stunde in Anspruch, und dank modernster Hilfsmittel fand Bull die kleine Stadt recht schnell. Aus Ermangelung an einem guten Flughafen setzte er den Stratoklipper im eigentlichen Gewerbegebiet auf, und hoffentlich nahe an der Lagerhalle, in der all die feinen Sachen lagerten, die Homer hoffentlich mittlerweile für sie dort eingelagert hatte.
Nachdem die Kabinen erneut umgeschwenkt waren und die große Maschine zur Ruhe gekommen war, erhob sich Bull von seinem Sitz und nickte Marshall auf dem Co-Pilotenplatz zu. „Wollen wir dann? Können Sie eigentlich chinesisch, John?“
Der Telepath lächelte leicht. „Mandarin oder Kanton?“
„Oh.“ Bull rieb sich die Schläfe. „Ich nehme an, Sie als Gedankenleser haben es einfacher als andere Menschen, fremde Sprachen zu lernen.“
„Das auch. Und natürlich gehört es zu meinem Job, die Sprachen der wichtigsten Wirtschaftszentren der Region zu kennen. Oder haben Sie schon mal versucht, die Gedanken eines Chinesen zu lesen, ohne die Sprache zu kennen?“ Marshall schnaubte belustigt. „Natürlich haben Sie das noch nicht, Bully, aber ich denke, mit diesem Beispiel verstehen Sie die Problematik am besten.“
Reginald Bull nickte wissend. „Das ist unerhört hilfreich für uns. Beherrschen Sie auch die Schrift, John?“
„Selbstredend.“ Der junge Telepath grinste selbstsicher. Aber dieser Gesichtsausdruck verschwand schnell wieder.
Bull sah alarmiert herüber. „Ärger?“
„Das kann man wohl sagen. So wie es aussieht, ist hier der Sammelplatz für eine weitere Panzerdivision unter einem General Lao Tin-To. Und der lässt gerade einige seiner schweren Brocken ins Gewerbegebiet einrücken. Wir sollten sofort wieder starten.“
Bully bekam einen seltsamen Glanz in den Augen. „Was denn? Und all die schönen Sachen hier zurücklassen, für die wir teuer bezahlt haben? Das kommt überhaupt nicht in Frage. Im Gegenteil, wir sollten uns über die Gelegenheit freuen, plötzlich hilfreiche Hände bekommen zu haben.“
Marshalls Hand ruhte auf der Innentasche seines Jacketts. „Sie wollen doch nicht etwa...?“
„Oh, doch, ich will. Wie heißt eigentlich der direkte Vorgesetzte von General Lao?“
„Was für ein Zufall. Der General denkt gerade daran, vielleicht von ihm belobigt zu werden, wenn er sich um den illegal gelandeten Stratoklipper erfolgreich kümmert. Er glaubt nicht wirklich daran, dass wir zu Rhodan und der Strahlenden Kuppel gehören, schließt die Möglichkeit aber auch nicht aus. Andererseits könnten wir auch Schmuggler oder Amerikaner sein und...“
„John“, mahnte Bully. „Sein Name.“
„Oh, entschuldigen Sie. Man verliert sich so leicht in den Gedanken anderer.“ Der Telepath zog den arkonidischen Psychostrahler aus der Innentasche des Jacketts. „Sein Name ist General Roon, und er dienstälter als General Lao.“
„Roon, Hm? Der Name gefällt mir irgendwie.“ Bully grinste wild.
***
Lao Tin-To war ein Karrieremensch. Damals, als junger Leutnant, hatte er während der Dezemberrevolution auf die Streitkräfte gesetzt, und nicht auf die Partei. Das Ergebnis war seine Beförderung zum Oberleutnant gewesen. Später, in der Taiwan-Befreiungsoffensive, war er einer der ersten gewesen, die sich für einen Waffenstillstand ausgesprochen hatten, und tatsächlich war zuerst der Waffenstillstand, danach ein Friedensvertrag, und in dessem Zuge der Einzug der wirtschaftlichen Sonderzonen Japan, Taiwan und Korea in die Asiatische Föderation eingetreten. Das war seine Beförderung zum Major gewesen. Danach war es etwas schleppender voran gegangen. Bis zu seinem jetzigen Rang, dem einfachen General, hatte er beinahe zehn Jahre benötigt, aber das lag wohl einfach am Mangel der Möglichkeiten. Nicht, dass er nicht jede sich bietende ergriffen hätte, um sich dem Oberkommando ins Gedächtnis zu rufen. So wie diese Gelegenheit, die sich aus dem Blauen heraus für ihn angeboten hatte. Der illegal gelandete Stratoklipper war aus dem Nichts aufgetaucht, und allein das war schon Grund genug der Sache nachzugehen. Lao konnte wirklich von Glück sagen, dass das Flugzeug in Erscheinung getreten war, als er gerade mit seiner Division die Stadt passiert hatte. Und er würde diesen Vorfall nutzen. Auf jeden Fall aber würde er handeln.
Aus diesem Grund fuhr er auch auf dem vordersten Panzer der Abteilung mit, die zum Gewerbegebiet unterwegs war. Darum war er auch einer der Ersten, die den Stratoklipper zwischen den Hallen aufragen sahen. Die Maschine war grau in grau gestrichen und hatte keinerlei Hoheitsabzeichen. Der Baustil aber ließ auf ein taiwanesisches Modell schließen – oder ein deutsches, denn von denen stammte die „Inspiration“ für ein paar eigene AF-Modelle.
Vor der Maschine erwarteten ihn zwei Männer. Ja, das war die richtige Formulierung. Sie erwarteten ihn, und als Lao sein Fernglas benutzte, blieb ihm beinahe der Atem weg. „Roon? Hier? Fahrer, bringen Sie uns direkt vor das Flugzeug!“ Das versprach vielleicht keinen Karriereaufschwung, aber definitiv eine interessante Geschichte zu werden.
„Guten Morgen!“, rief Lao Tin-To, als der gewaltige Panzer mit quietschenden Ketten neben den beiden Männern zum stehen kam. Er sprang mit weit mehr Elan herab, als er wirklich hatte und salutierte General Roon und seinem unbekannten Begleiter.
Roon salutierte zurück. „Es tut gut, Sie hier zu sehen, General Lao“, sagte er knapp, aber durchaus nicht unfreundlich.
„Es ist ungewöhnlich, Sie hier anzutreffen. Ich habe Sie bei General Tai Tiang an der Strahlenden Kuppel erwartet, nicht hier mitten in der Einöde.“
Roons Gesicht bekam einen spöttischen Zug. „Ich bin nicht befugt, Ihnen Details über die Operation mitzuteilen, die ich hier durchführe.“
„Ich verstehe.“ Lao nickte schwer. Irgendetwas großes geschah hier, wenn es so geheim war, dass ein Zwei Sterne-General einem Ein Sterne-General nicht verraten konnte, worum es ging. Andererseits, vielleicht verschaffte es ihm einen Vorteil, indirekt hieran beteiligt zu sein. Der Gedanke, der plötzlich so klar und so beständig in seinem Geist aufleuchtete, erschien ihm so logisch und so richtig, dass er spontan sagte: „Wenn ich Sie in irgendeiner Form unterstützen kann, General Roon, dann...“
Der andere General seufzte. „Es tut mir aufrichtig Leid, aber die Umstände meiner Mission sind so geheim, dass ich Sie nicht einmal ansatzweise darüber informieren kann, mein guter Lao Tin-To.“
„Hm. Da kann man nichts machen. Ich will Sie auch nicht weiter aufhalten, General Tai erwartet meine Division so bald wie möglich.“
„Andererseits“, klang Roons Stimme erneut auf, und der Panzergeneral schöpfte neue Hoffnung, „andererseits könnten Sie mich mit Arbeitskraft unterstützen. Wenn Ihnen das nicht viel zu banal ist, Lao Tin-To.“
„Mit Arbeitskraft?“ Na, das war immerhin besser als nichts. „Was soll ich tun?“
„Nun, General Lao, Sie könnten damit anfangen, uns ein paar Transportlastwagen zu rufen. Es gibt da nämlich etwas, was unbedingt zur Strahlenden Kuppel geschafft werden muss.“


10.
„Junge, Junge.“ Tama Yokida griff dankbar zu der Flasche, die ihm Son Okura reichte und öffnete den Drehverschluss. Nach einem kräftigen Schluck und einem erleichterten Seufzer setzte er sich an Ort und Stelle auf den Boden. „Eine Scheiß Arbeit ist das hier, wisst ihr das? Warum überlassen wir die Arbeit nicht den Pionieren? Warum wühlen wir schon wieder durch die Erde? Sind wir nun Spezialisten, oder was?“
„Hör auf zu meckern“, rief Son Okura zurück, während er eine der Flaschen an Wuriu Sengu aushändigte. „Du bist immerhin der einzige, der nicht körperlich arbeiten muss.“
„Was kann ich dafür, dass ich Telekinet bin? Außerdem ist das auch Arbeit, und sogar sehr anstrengende Arbeit, bitteschön. Ja, glaubt ihr denn, es kostet mich keine Kraft, wenn ich hier die Felsbrocken aus dem Erdreich löse, die von den Pionieren ausgebuddelt, aber nicht transportiert werden können?“ Erschöpft strich sich der Mutant mit dem Ärmel seiner Uniformjacke über die Stirn.
„Keine Sorge, wir bewundern alle deine Leistungsfähigkeit“, rief Wuriu  herüber. „Und wir wissen alle, was für ein feiner Kerl du bist. Also beeile dich ein wenig und geh zurück an deine Arbeit, bevor Li kommt und dich faul rum sitzen sieht.“
„Ich dachte eigentlich, wir haben die Pioniere kommen lassen, damit Fachleute diesen Tunnel graben“, brummte Yokida ärgerlich und stand ächzend wieder auf. „Warum müssen wir auch arbeiten?“
„Wir wissen nicht, wie gut Rhodan wirklich ausgerüstet ist, deshalb können wir kein schweres Gerät benutzen. Wenn es aus der Erde grummelt und rumort, obwohl die Gegend kein Erdbebengebiet ist, fällt das doch dem Dümmsten auf“, erklärte Sengu grinsend.
„Besonders hell kann unser Risikopilot ohnehin nicht sein. Immerhin ist er in der Föderation gelandet, die ihn wegen seiner Kriegsverbrechen steckbrieflich sucht. Ein wenig Lärm wird ihm schon nicht auffallen.“ Yokida seufzte und ging weiter nach vorne. Dort arbeitete einer von acht Trupps mit Spaten bewaffneter Pioniere und trieb den Gang mit purem Muskelschmalz voran. Die Männer wurden regelmäßig ausgetauscht, um die hohe Geschwindigkeit zu gewährleisten, mit der sie sich durch die Erde arbeiteten. Ob sie dies wirklich tagelang aushalten konnten, um unter die Kuppel zu kommen, war dahingestellt. Aber das würde die Zeit zeigen. Und dafür, dass sie erst angefangen hatten, war bereits eine beachtliche Strecke geschafft.
„Macht mal Platz“, wies er die Pioniere an. Gehorsam stellten die AF-Soldaten ihre Arbeit ein und traten beiseite. Wieder hatten sie einen großen Felsbrocken freigelegt. Tama Yokida fixierte die Steinmasse, und stellte sich vor, sie mit imaginären Händen zu ergreifen. Als er diese Vorstellung abgeschlossen hatte, als er den kalten Stein unter seinen imaginären Händen spüren konnte, riss er an dem Felsen. Anstandslos schwebte das Stück Granit in die Höhe. „Achthundert Kilo ungefähr“, murmelte Yokida. „Schwerstarbeit ist das, Schwerstarbeit!“
Sengu winkte ihm mit seiner Schaufel zu. „Sieh mal womit ich arbeiten muss, weil ich keine telekinetischen Kräfte habe.“
„Jammer doch. Warum wühlst du hier unten eigentlich im Dreck? Nur weil du aussiehst wie ein Bergarbeiter musst du ihn nicht gleich mimen. Deine Fähigkeit, durch feste Materie zu sehen ist doch schon nützlich genug. Warum holst du dir dann freiwillig Blasen an den Händen?“
„Warum verteilt Okura-kun Wasser, obwohl er als Frequenzseher mit einem Tunnelbau nichts zu tun hat?“
Tama lächelte schief. „Weil er das gesamte Lichtspektrum von ultraviolett bis infrarot sehen kann und hier unten keine Lampe braucht?“
„Weil er sich nützlich fühlen will. Und das will ich auch. Ich kann die Pioniere hier doch nicht alleine schuften lassen.“
„Das ehrt dich, Sengu-kun. Aber hast du schon mal drüber nachgedacht, dass du die armen Jungs in zweierlei Hinsicht zu Tode erschrickst, wenn du hier unten bist? Einerseits weil du ein Furcht erregender und monströser japanischer Mutant bist, andererseits weil du der machtvollen, geheimnisumwitterten und gefährlichen Spezialeinheit angehörst.“
„Ich weiß selbst, dass ich nicht normal bin. Durch feste Materie hindurch sehen zu können ist beinahe so ungewöhnlich wie Materie mit der Kraft des Willens schweben zu lassen. Aber ich will mich wenigstens ab und an normal fühlen. Verstehst du das?“
Tama Yokida verharrte kurz. Dabei fiel der Felsbrocken zu Boden und verursachte einen dumpfen Laut, der die Pioniere in der Arbeit verharren ließ. Als die Männer sahen, dass nichts aufregendes passiert war, arbeiteten sie weiter.
Yokida räusperte sich verlegen und griff erneut telekinetisch nach dem Felsen. Er murmelte eine Entschuldigung und ging weiter.
Die Pioniere zumindest behandelten den Späher, wie seine Fähigkeit in der Truppe intern genannt wurde, wie einen der ihren. Vielleicht waren sie doch nicht allzu weit von der Normalität entfernt. Vielleicht... Aber das war müßig. Die Soldaten schufteten bis zum Umfallen. Sie hatten gar keine Zeit, sich zu fürchten. Andererseits hätte Tama einiges dafür gegeben, auf dieser Welt einen Ort zu haben, an dem er nicht für einen der beiden Gründe gefürchtet wäre: Für seine Mutantenkräfte und für seine Mitgliedschaft in der Spezialeinheit. Wobei, letzteres hatte er sich nicht gerade ausgesucht. Er war hinein gewachsen wie die meisten anderen Mitglieder auch. Langsam machte er sich auf den anstrengenden Marsch den Tunnel hinauf, zurück an die Oberfläche, um den Felsbrocken auf einen der wartenden Tieflader zu werfen.

Als Tako Kakuta in den Tunnel trat, fiel ihm zuallererst ein schwebender Felsbrocken auf, der auf ihn zu kam. „Tama, kannst du nicht vor dem Felsen gehen?“, rief Kakuta. „So siehst du ja gar nicht, ob du jemanden unwissentlich zerquetschst.“
„Sogar wenn man nicht Son Okura ist“, verteidigte sich der Telekinet, „sollte man in der Lage sein, den Felsen rechtzeitig zu sehen. Wenn er dich stört, dann teleportiere doch.“
Tako trat an die Seite und ließ Felsen und Felsenbeweger passieren. „Was sind wir heute wieder bissig. Bekommst du deine Tage, Tama-chan?“
„Hat dir schon mal jemand einen Freiflug spendiert? Von hier zur Strahlenden Kuppel und zurück?“, konterte der Telekinet.
„Friede, Friede. Komm wieder runter und beruhige dich. Wir sind alle nervös und aufgeregt.“
Der Fels fiel mit dumpfem Laut zu Boden und blieb dort dankenswerterweise auch liegen, anstatt wie in der griechischen Legende des Sysiphos wieder hinab zu rollen. Tako vermutete wohl zu Recht, dass Yokida den Felsen telekinetisch an seinem Platz hielt.
„Du hast gut reden, großer Anführer. Du musst ja auch nicht bis zum umfallen arbeiten. Du kannst da oben sitzen, planen und Tee trinken.“
„Anführen ist aber auch eine wichtige Arbeit“, wandte Tako mit todernster Stimme ein. „Meinst du, ihr lenkt euch von alleine bei einer so wichtigen Mission?“
Als sich der Fels aus seinem Erdbett erhob, wehrte Kakuta mit beiden Händen ab. „Friede, Friede, mächtiger Titan. Ich mach doch nur Spaß.“
Der Felsen landete wieder auf dem Boden. „Titan?“
„Ein Wesen aus der griechischen Mythologie. Ein sehr mächtiges und kräftiges Geschöpf.“
„Du darfst griechische Literatur lesen?“ Die Augen des anderen leuchteten. „Hast du das Buch noch?“
„Ich kann es dir gerne leihen, wenn du möchtest. Aber vorher musst du dafür griechische Schrift und die Sprache lernen.“
„Egal. Hauptsache, mal...“ Tama Yokida senkte den Kopf.
Tako beendete den Satz auch so. Hauptsache mal etwas lesen, was nicht erst durch ein Dutzend Zensuren gegangen war. Hauptsache, ein klein wenig Selbstbestimmung erlangen. Sicher, die AF behandelte sie gut, sogar zuvorkommend. Aber sie sprach ihnen auch jegliche Selbstständigkeit außerhalb militärischer Situationen vollkommen ab. Li Tschai-Tung, der Anführer der Spezialtruppe, hatte des öfteren Verbesserungen versprochen, und immerhin konnten die japanischen Mitglieder der Einheit ab und an ihr Mutterland besuchen und sich auf die Suche nach möglichen Verwandten begeben, aber auch das konnten sie nur unter perfekter Bewachung.
Manchmal fragte sich Tako Kakuta selbst, wie lange er dieses Leben noch aushalten würde. Manchmal fragte er sich, ob er nicht ein normales Leben führen konnte, wenn er seine Fähigkeit der Teleportation verlor. Ein einfaches, aber freies Leben.
Nun, vielleicht nicht zu einfach und nicht zu frei. Und auch bitte nicht zu unspektakulär. Weltbewegend durfte es ruhig sein. Ach, wenn er ehrlich war, dann nahm er eine gewisse Unfreiheit in Kauf, denn dieses Leben wurde einfach nie richtig langweilig. Und bisher hatte er noch keine Alternativen entdeckt.
Kakuta erwachte aus seinen Überlegungen, als Tama mit der Rechten vor seinem Gesicht schnippte. „Hallo, jemand Zuhause?“
„Was? Entschuldige, ich war in Gedanken. Du kannst das Buch gerne haben, aber bilde dir nicht ein, du würdest die Sprache und die Schrift so schnell lernen wie russisch.“
„Russisch. Das war ja auch dienstlich.“ Yokida winkte ab. „Das hier ist Vergnügen, und das darf ruhig länger dauern.“
Tako klopfte dem Telekineten auf die Schulter und nickte. „Du kannst es dir nachher aus meinem Zelt holen. Aber sieh zu, dass unsere Diener nichts davon mitbekommen. Es war schwer genug, dieses eine Buch zu besorgen.“
Mit Diener umschrieben die Mutanten spöttisch die Aufpasser, die ihnen von der AF gestellt wurden. Sie waren zwar in der Spezialeinheit, aber selbst die hatte ihren eigenen Geheimdienst, der auf sie achtete.
„Ich gehe pfleglich damit um, versprochen.“
Kakuta nickte. „Wie tief seid ihr eigentlich mittlerweile?“
„So an die zwanzig Meter. Wieso?“
„Ich habe daran gedacht, einen weiteren Testsprung zu machen.“
„HA!“ Anklagend deutete Tama mit dem rechten Zeigefinger auf den Teleporter. „Testsprung, von wegen! Du willst doch nur wieder wie ein Häuflein Elend am Boden liegen, damit sich Ishi-chan aufopferungsvoll um dich kümmern kann, genau wie gestern!“
Tako seufzte tief und lange. Es war wohl etwas sinnlos, dem Telekineten zu erklären, dass ein Teleportersprung direkt erfolgen musste, also auf einer geraden Linie, ein Umstand, den der Teleporter erst herausgefunden hatte, nachdem er so spektakulär am Schutzschirm gescheitert war, der genau in seinem Weg gelegen hatte. Zugegeben, Ishi hatte ihn danach sehr ängstlich eine ganze Zeit lang nicht mehr aus den Augen gelassen. Aber Tako hielt es für übertrieben, sich deshalb gleich von Tama eine Affäre nachsagen zu lassen.
Und es brachte wohl auch nichts, Tama zu erklären, dass er dennoch durch feste Materie springen konnte. Wenn der Tunnel also tief genug war und sich nur noch Erde zwischen ihm und dem Schutzschirminneren befand, konnte er es erneut riskieren.
„Du solltest ihr definitiv Bescheid sagen“, scherzte Tako. „Ich bin auf der Sohle zu finden.“
„Du willst da wirklich noch mal durch?“, fragte der Telekinet nach, und in seiner Stimme war unverhohlene Sorge zu hören. „Tako, verdammt, baue keinen Mist. Wir brauchen dich noch!“
„Ich bin mir keiner Schuld bewusst!“, antwortete der Teleporter mit dem Motto der Truppe. Innerlich aber fürchtete er sich vor einem weiteren Fehlsprung. Das letzte Mal hatte weh getan, wirklich weh getan. Andererseits hatte sich Ishi wirklich sehr um ihn gesorgt. War das die Schmerzen wert?
„Viel Glück, du Windhund!“, rief ihm Yokida nach.
„Wer Können hat, braucht klein Glück!“, rief Tako zurück. Aber er fühlte sich bei weitem nicht so zuversichtlich wie er klang.

Unten auf der Sohle der Grabungen angekommen stellten die Pioniere sofort das graben ein und salutierten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Mitgliedern der Spezialeinheit hatte Tako nicht nur den Rang eines Spezialisten, sondern auch einen Offiziersrang. Die Einheit umfasste so viele verschiedene Sektoren, dass ein eigener Anführer für die Mutanten, wie sie sich selbst gerne nannten – in Anspielung auf die Knabenchorsänger, die im Stimmbruch in keine Tonlage passten – sinnvoll erschienen war. Tako fühlte sich noch immer nicht ganz wohl in seiner Rolle. Er war sicher, dass es irgendwo da draußen einen Besseren als ihn für diesen Job gab. Aber er erfüllte seine Pflicht, zumindest das, wovon man ihm gesagt hatte, dass sie es war.
Der hagere Japaner salutierte zurück. „Gute Arbeit, Männer. Macht erstmal Pause.“
Das nahmen die zehn Pioniere gut auf. Sie ließen ihr Werkzeug an Ort und Stelle stehen und machten sich an den Ausstieg, wo die Feldküche der Einheit längst einen Tisch mit frischem Tee aufgebaut hatte.
Als Kakuta mit Son Okura und Wuriu Sengu alleine war, warf der Teleporter dem Späher einen fragenden Blick zu. Der stämmige Sengu ächzte genervt, erhob sich aber und trat direkt vor das Ende der Grabungen. Fest stemmte er beide Hände in die Erde und ließ dabei seine Stimme langsam zu einem Grollen anschwellen.
„Wuriu-kun“, tadelte Tako, „bitte ohne Show-Effekte.“
Sengu lachte peinlich berührt. „Entschuldige, die Macht der Gewohnheit.“ Der breitschultrige Spezialist, der durchaus selbst als Pionier oder sogar als Bergarbeiter durchgegangen wäre, wandte sich erneut der Erde zu. Dazu schloss er die Augen für einen Moment und riss sie kurz darauf wieder auf. Nach einiger Zeit sackte er nach hinten weg und landete hart auf seinem Hintern.
Kakuta und Okura stürzten hinzu, aber Sengu winkte ab. „Schon gut, es geht. Es geht wirklich.“ Er sah seinen direkten Vorgesetzten an. „Du hast einen halben Meter, wenn es hoch kommt. Und dazu musst du dich flach auf die Erde legen. Wäre besser. Ich möchte nicht wissen was passiert, wenn ein Teil von dir im Schutzschirm gefangen wird, aber der Rest nicht.“
„Ich werde zurückgeschleudert, was sonst? Das gleiche passiert mir auch wenn ich in fester Materie materialisiere. Dieser Energiedom ist für mich, als wäre er ein massiver Berg.“ Unschlüssig beobachtete Kakuta die Erdwand. „Flach auf den Boden legen, meinst du, Wuriu-kun?“
„Ist besser. Du hast wirklich nicht viel Spiel, wenn du eine gerade Linie in den Innenraum brauchst, die nicht vom Schutzschirm abgedeckt wird.“
Kurz betrachtete Tako seine zitternden Hände. Oh ja, es hatte weh getan. Reichlich weh getan. Aber dennoch, sein Tatendrang war ihm dabei im Wege zu warten, bis sie den Tunnel bis unter die Kuppel voran getrieben hatten, was durchaus noch ein bis zwei Wochen dauern konnte. Außerdem befürchtete der Japaner, dass die Militärs sich dazu entschließen würden, mit Hilfe der Grabungen einen unterirdischen Angriff zu führen, sei es ein Einsatzkommando sei es eine Wasserstoffbombe, und dann war die Chance vertan, etwas über die fremde Mars-Technologie zu erfahren. Und ehrlich gesagt war Kakuta darauf wahnsinnig neugierig.
Son Okura trat heran, nahm Kakuta die Dienstpistole aus dem Holster, überprüfte sie, entlud die Waffe und drückte ab. Danach steckte er das Magazin wieder ein und lud durch. Sein nächster Blick ging zu den Reservemagazinen, der übernächste zum Kampfmesser und der Letzte zum sehr effektiven und gerne eingesetzten Pfefferspray. „Keine Handgranaten?“
„Wenn ich in die Verlegenheit komme, Handgranaten einzusetzen, bin ich so gut wie verloren“, brummte Kakuta verstimmt.
„Ist ein Argument. Wenn du nicht mehr teleportieren kannst, bist du erledigt.“ Okura klopfte ihm kräftig auf die Schulter. „Deine Ausrüstung ist in Ordnung, du hast drei Reservemagazine. Die Waffe ist fertig geladen und gesichert. Du kannst jederzeit springen. Und wenn was ist, dann ruf.“
„Sehr witzig“, murrte Kakuta. In der Kuppel würde er auf sich gestellt sein, ohne Aussicht auf Hilfe. Andererseits war es nahezu unmöglich, einen Teleporter zu fangen. Der Schutzschirm war das erste ernsthafte Hindernis, das er je kennen gelernt hatte. Tako ließ sich auf den Boden sinken, direkt neben der aktuellen Grabung, und machte sich so flach wie möglich. Dann konzentrierte er sich auf sein Ziel, das Zentrum der Strahlenden Kuppel. Von diesem Moment an war es nur noch ein winziger Gedanke bis zum Sprung.
Danach war gar nichts mehr...
***
Als Clark G. Flipper aus dieser merkwürdigen Trance erwachte, in der er sich mit Fellmer Lloyd unterhalten hatte, stellte er verwundert fest, dass er sich in einem Hummer befand, einem Privatgefährt, das amerikanischen Militärfahrzeugen nachempfunden war. Das Ding war geländegängig, und ein Blick aus dem Fenster zeigte ihm, das dies in dieser Gegend auch nötig war. Sie fuhren auf einer geradezu endlosen Savannenlandschaft ins Nirgendwo, während von seiner linken Seite aus gesehen die erbarmunslose Mittagssonne brannte.
Ein kurzer Blick auf seine Hände und Füße zeigte ihm, dass sie miteinander verkettet waren. Ein übliches Vorgehen, um Gefangene zu binden und an der Flucht zu hindern. Mit ihm im Wagen saßen drei Männer, alle drei in schmucklosen grauen Overalls ohne Rang- oder Firmenabzeichen, alle mit grauen Käppis ausgestattet. Alle drei trugen Sonnenbrillen, und zwei von ihnen hielten Pistolen in den Händen. Sie fuhren ohne GPS, das ihnen in dieser endlosenen Grasebene die Orientierung erleichtert hätte. Andererseits hätte dies den Wagen ortbar gemacht. Clark war gewiss kein dummer Mann, der nur zwei gravierende Fehler in seinem Leben aufwies, nämlich sich für NetSoft als Archäologe hergegeben zu haben und nicht mit Perry und den anderen gegangen zu sein. Deshalb hatte er sehr schnell eine Ahnung, was ihm nun bevorstand. Ein einsamer Wagen, der ins Nichts fuhr, ohne Positionsmelder, mit einer Handvoll gut bewaffneter, schweigsamer Männer, fernab jeder Straße, mitten in der Unendlichkeit der Prärie, sagte ihm mehr als genug über sein zukünftiges Schicksal.
„Er ist wieder bei sich“, meldete der Mann, der mit gezogener Pistole neben ihm saß.
Ein missbilligender Laut kam vom Fahrersitz. „Damit hätte er sich auch noch zwei Minuten Zeit lassen können. Was für ein Ärger.“
„Planänderung? Soll ich ihn betäuben?“
Ein resignierender Seufzer antwortete ihn. „Lass den Mist. Es ist eh gleich alles vorbei.“
Clark fühlte sich, als hätte ihm jemand die Füße unter dem Körper fort gezogen. Er verlor jeden Halt und fiel und fiel und fiel... Als er sich würgend übergab, verschwand der Schwindel endlich.
„Scheiße, verdammte! Er kotzt mir auf die Schuhe!“, rief der Mann, der neben ihm saß. Hastig rückte er so weit ab wie es der Hummer zuließ.
„Es trifft schon keinen falschen“, lachte der Beifahrer. „Bewahren Sie Ruhe, Doktor Flipper. Dann machen wir es schnell und schmerzlos.“
Clark hätte nicht gedacht, dass ihn die Worte des Beifahrers noch hätten treffen können, aber sie waren wie ein Tritt in seinen Magen. Sie wollten ihn wirklich töten. Und wahrscheinlich würden sie ihn hier mitten im Nirgendwo liegen lassen, damit sich die wilden Tiere um seine Überreste kümmerten. Das war also der Preis, den er dafür bezahlen musste, weil er sich mit NetSoft eingelassen hatte, weit mehr als es eigentlich klug gewesen war. Irgendwie hatte er geahnt, dass sein Hang zu finanzieller Sicherheit nach hinten losgehen würde. Aber er hatte nicht wissen können, dass sein altruistischer Moment, als er Perry vor der bevorstehenden Kaperung auf der Freedom gewarnt hatte, der Auslöser sein würde.
Nein, er bereute nichts. Aber tief in ihm war Bedauern. Seine Familie war abgesichert, auch wenn es für Sandy schwer sein würde, die kleine Karen und das noch ungeborene, namenlose Kind alleine groß zu ziehen. Sein Tod würde ihr einen wahren Geldsegen aus seiner Versicherung und dem Space Force Fond für Hinterbliebene bescheren. Es würde nicht ausreichen ihr den Mann zu ersetzen oder seinen Kindern den Vater, aber es war beruhigend zu wissen, dass sie niemandem zur Last fallen musste und sich aussuchen konnte, wer ihr bei ihrer schwierigen Aufgabe helfen würde. Spätestens in einem Jahr würde er auch ohne das seine Leiche gefunden werden würde für tot erklärt werden, und bis dahin floss sein beträchtlicher Sold beständig auf das gemeinsame Konto.
Beim Gedanken an seine Familie füllten sich seine Augen mit Tränen. Dies war der einzige große Punkt, den er wirklich bedauerte. Er würde nie erfahren, ob das ungeborene Kind ein Junge oder ein Mädchen sein würde. Er würde beide Kinder fortan nicht begleiten können, sich nicht über ihre Streiche ärgern dürfen, sie nie wieder in die Arme nehmen und sie trösten können, wenn sie sich weh getan hatten. Er durfte sie niemals wieder sehen. Diese Erkenntnis tat ihm am meisten weh, und beinahe hätte er aufbegehrt, getobt, versucht sich zu befreien, obwohl er genau wusste, wie sinnlos es doch war. Stattdessen ließ er den Kopf hängen und schluchzte leise.
„So, hat er es also endlich gemerkt?“, warf der Beifahrer freudlos ein. Eine Hand legte sich auf Clarks Schulter. „Wir machen es schnell und schmerzlos, versprochen, Doc.“
Ein dicker Klumpen schnürte Clark die Atemwege zu, ansonsten hätte er dem Mann geantwortet, wohin und wie tief er sich seinen kurzen und schmerzlosen Tod würde stecken können, aber so kämpfte er nur um ein wenig Atem.

„Wir sind da“, sagte der Fahrer und hielt. Die beiden vorne stiegen aus, während der Mann neben Clark drohend die Pistole auf ihn gerichtet hielt. Dann ging seine Tür auf, und der Beifahrer zerrte ihn grob aus dem Hummer. Der Wagen stand nicht weit von einem Wasserloch, und das platt getretene Gras bewies, dass es hier einen erheblichen Wildwechsel gab. Dazu gehörten sicherlich auch Raubtiere. Wölfe, Koyoten, Präriefüchse. Alle Tiere halt, die nichts gegen eine leicht erbeutete Extraportion Fleisch hatten. Von ihm würde sehr schnell nicht mehr übrig bleiben als das Skellet.
Die drei Männer positionierten ihn mit dem Rücken zur Wasserfläche.
Der Fahrer atmete sichtbar tief durch, während er seine eigene Waffe überprüfte. „Haben Sie noch einen letzten Wunsch, Doktor Flipper? Möchten Sie eine Zigarette? Oder einen Schluck Schnaps?“
Clark stand mit all der Würde da, die er aufbringen konnte. Er wollte diesen Männern bei ihrem unseligen Werk keine Schwäche zeigen, aber als er das Angebot des anderen hörte, spürte er die Tränen kommen und die Knie weich werden. „S-sagen... Sagen Sie meiner Frau, dass ich sie liebe.“
Bedauernd schüttelte der Fahrer den Kopf. „Sie hätten sich eine Zigarette wünschen sollen, Doc.“
Mit einem deutlichen Klacken entsicherte der Fahrer seine Waffe und lud sie durch. Mit metallischem Knacken wurde eine Kugel in die Kammer geladen. Der Bolzen spannte sich. Die Waffe war auch Schussbereit. Der Beifahrer lud ebenfalls durch. Nur der Mann, der neben Clark gesessen hatte, war bereits schussfertig.
„Auf drei“, sagte der Fahrer und richtete seine Waffe auf den Beifahrer. Der richtete seine auf den dritten Mann, welche wiederum auf den Fahrer zielte.
„Eins. Zwei.“
Irritiert beobachtete Clark dieses Schauspiel. „Hören Sie, meine Herren. Was...“, fragte er, wurde aber von seinem Sitznachbarn grob unterbrochen.
„Klappe, Doc!“
„Drei!“, rief der Fahrer, und drei Schüsse bellten auf wie einer. Für eine bange Sekunde standen die drei Männer da wie erstarrt, dann sackten sie in sich zusammen wie Kartenhäuser bei einem Erdbeben.
„Äh, hallo?“, fragte Clark vorsichtig. Als sich die drei Männer nach mehreren Minuten nicht gerührt hatten, wagte er sich vorsichtig heran. Er beugte sich über den Fahrer, aber für den Mann war es vorbei. Die Kugel seines Beifahrers war durch die linke Schläfe eingedrungen und hatte ihn mit schweitzer Präzision getötet. Auch die anderen beiden Männer wiesen diese Verletzung auf. Irritiert und vor allem erschrocken wandte sich Clark vom Ort dieses wirren Geschehens ab. Im Wagen fand er schließlich einen kleinen Flachmann, den er auf diesen Schreck zur Hälfte leerte. Der scharfe Bourbon schmeckte beinahe wie Honig in seinem Mund, und das wohlige, einlullende Gefühl des Alkohols, der warm durch seinen Magen rann, verschaffte ihm für einen Moment Erleichterung und Ablenkung.
Wieder sah er auf die drei toten Männer herab, und wieder konnte er nicht verstehen, was hier geschehen war. Man hatte ihn hier raus gebracht, um ihn zu töten und dann der erbarmungslosen Natur zu überlassen. Das war nicht geschehen. Stattdessen hatten sich die drei Männer gegenseitig umgebracht. Nein, gegenseitig hingerichtet traf es besser, viel besser.
Ächzend lehnte er sich gegen den Hummer und trank einen weiteren Schluck. Sollte er die drei hier begraben? Oder vielleicht mitnehmen und die nächste Stadt aufsuchen? Würde er den Wagen fahren können? Wann würde man den Wagen und die drei vermissen? Wann würde man merken, dass er noch lebte, aber die da tot waren? Clark wusste, dass es nun das Klügste wäre, den Autoschlüssel bei den Toten zu suchen, und sich außerdem jeden einzelnen Cent zu nehmen, den die drei in ihren Taschen hatten, aber er konnte sich nicht dazu überwinden. Noch nicht. Immerhin aber nahm er dem Fahrer seine Waffe ab, entlud die Kammer, entnahm das Magazin und sicherte die Waffe. Die übrige Kugel steckte er wieder auf das Magazin auf und lud die Pistole, jedoch ohne durchzuladen. Danach wagte er es zumindest, die Taschen des Fahrers zu durchsuchen und stieß auf Anhieb auf den Schlüssel für die Ketten. Bevor er sich jedoch überwinden konnte, auch die anderen Taschen zu durchsuchen, lenkte ihn das Geräusch eines Wagenmotors ab.

Hastig lud Clark seine neue Waffe durch und entsicherte sie. Tatsächlich, ein weitere Hummer kam genau aus Fahrtrichtung auf ihn zu. Da hatte NetSoft ja wirklich schnell reagiert, das hatte er nicht erwartet.
„Hallo, Doktor Flipper!“, rief der Beifahrer freudig herüber und winkte mit einer Hand, während er bis zur Hüfte aus dem Fenster schaute.
Clark hatte das Gefühl, den Mann schon mal gesehen zu haben, die schwarzen Haare, die feisten Wangen und das dünne schwarze Bärtchen. Sein Blick ging zum Fahrer, und auch den breitschultrigen, vierschrötigen Mann brachte er mit einer vagen Erinnerung in Verbindung.
Der Wagen hielt, und die beiden Männer stiegen aus. Sofort lief der Dicke auf die drei Toten zu und deutete mit allen Anzeichen des Stolzes auf sie. „Na, was sagst du, Fellmer? Ist das eine Spitzenarbeit? Alle drei, und das auf einen Streich.“
„Wenn du meinst, du kannst stolz darauf sein, dass du sie dazu gebracht hast, sich gegenseitig zu erschießen“, brummte der andere Mann, Fellmer Lloyd, ernst, während er bedächtig auf Clark zuging.
Der Dicke verzog seine Lippen verdrießlich. „Natürlich kann ich stolz darauf sein! Immerhin haben sie geglaubt, sie würden einen erstklassigen Wissenschaftler, Familienvater und zudem Veteran der ersten Marslandung erschießen! Es ist doch mehr als ausgleichende Gerechtigkeit, dass es stattdessen sie selbst erwischt hat, oder?“
Lloyd seufzte. „Hören Sie, Flipper, denken Sie gar nicht erst darüber nach, was André gerade gesagt hat.“
„Das war Ihr Werk?“, fragte Clark entsetzt und ließ die Waffe sinken. „Sie haben die drei dazu gebracht, sich gegenseitig zu erschießen?“
„Es war ein Hypnoblock“, bestätigte André mit einem missmutigen Schnauben. „Ich habe sie darauf programmiert sich gegenseitig zu erschießen, wenn sie dabei sein sollten, Sie zu erschießen, Doc. Genau wie es in der Bibel steht, Auge um Auge und Zahn um Zahn. Nur dass wir das erste Auge nicht bezahlen mussten und gleich zur Rache übergegangen sind. Ich war ja eigentlich der Meinung, Sie wüssten es zu schätzen, dass Sie weiter leben durften, Doc“, tadelte der Dicke.
„Oh, ich bin dankbar. Äußerst dankbar sogar, auch wenn ich gerade das Gefühl habe, im vollkommen falschen Film zu sein und überhaupt nichts mehr verstehe.“
Lloyd trat an ihn heran, nahm die Pistole aus seinen Händen und sicherte sie wieder. Danach steckte er sich in seine Jacke. „Vertrauen Sie mir, Flipper. Denken Sie einfach nicht mehr drüber nach. Das gibt nur Kopfschmerzen. Sie leben, und die da nicht. Trotzdem sollten wir machen das wir hier weg kommen, denn wenn NetSoft merkt, dass das Killerkommando überfällig ist, werden sie nach dem Hummer suchen. Und ich habe keine Ahnung, wie schnell sie sein werden.“ Er ergriff Clarks rechten Arm. „Es gibt da übrigens jemanden, den Sie kennen lernen sollten.“
Der Dicke ergriff die Linke Flippers. „Oh ja, das sollten Sie. Das sollten Sie definitiv.“
„Und wer ist das? Ich hoffe doch, niemand von NetSoft“, argwöhnte Clark.
„Es ist niemand von NetSoft. Und auch niemand vom CIA.“ Lloyd grinste selbstgefällig. „Es ist unser neuer Brötchengeber. Freuen Sie sich darauf, Flipper.“
„Alles ist besser als hier im Nichts tot herum zu liegen“, brummte Clark.
Ein heftiger, aufmunternder Schlag landete auf seinem Rücken. „Die Einstellung gefällt mir, Doc. Übrigens, ich bin André Noir. Freut mich mit Ihnen arbeiten zu dürfen.“
„Es fängt ja interessant an“, murmelte Flipper, während sie gemeinsam zum zweiten Hummer gingen.
***
Als Tako Kakuta wieder erwachte, meldeten sich als erstes höllische Kopfschmerzen. Bunte Blitze tanzten vor seinen Augen und alles deutete auf einen schweren Migräne-Anfall hin, den er hin und wieder erlitt, wenn er seine Fähigkeiten überschätzt hatte. Gestern nach dem Fehlsprung war es auch zu einer leichten Migräne-Attacke gekommen, aber im Moment wäre er dankbar dafür gewesen, wenn ihm jemand den Kopf abgeschnitten hätte.
„Ruhig, mein Junge“, sagte eine sonore Stimme auf englisch. „Du hast ziemlich übel ausgesehen, als wir dich gefunden haben. Lass es langsam angehen.“
„Wie geht es denn unserem zweiten Gast?“, klang eine zweite, tiefe Stimme auf.
„So weit so gut, Crest. Er führt sich zwar auf, als wäre er direkt vor einen Panzer gelaufen, aber ich kann keine Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung erkennen. Trotzdem zeigt er alle Symptome eines Traumas.“
„Eine Frage, Eric. Wie ist der junge Mann in die Kuppel hinein gekommen?“
„Keine Ahnung. Vielleicht hat er sich unter durch gegraben?“
„Diese Option ist auszuschließen. Perry und ich überwachen die seismischen Aktivitäten in der näheren Umgebung mit Hilfe der portablen Neuronik. Der Tunnel, den die Asiatische Föderation gräbt, ist noch nicht einmal ansatzweise in unserer Nähe.“
Tako zuckte zusammen. Sie wussten vom Tunnel? Andererseits hatte er es beinahe erwartet. Wer ein technisches Wunderwerk wie diese Kuppel errichten konnte, war sicherlich auch in der Lage, die seismischen Aktivitäten im näheren Umkreis genau zu erfassen.
„Abgesehen davon“, fuhr die Stimme fort, die zu Crest gehörte, „ist Perry dabei, den Außenradius abzugehen. Nur für den Fall, dass es der AF doch gelungen ist, die Kuppel zu unterminieren. Aber bisher hat er sich nicht gemeldet.“
Wer war dieser Crest? Er gehörte definitiv nicht zur Crew der Stardust, sonst hätte Tako den Namen gekannt. Ein Einheimischer konnte es auch nicht sein, denn sein englisch war zu glatt und perfekt. Eigentlich sogar etwas gestelzt, fand Tako. So sprachen Deutsche, die versuchten, krampfhaft Oxford-englisch zu sprechen. Ein Agent der IIC vielleicht? War das ganze Geschehen eine Farce? Ein Trick des so genannten freien Westen? Ein Geheimdienstmanöver mit einem noch unbekannten, aber furchtbaren Ziel? Das einzige, was sich Tako denken konnte war der Versuch, die AF zum Einsatz von Atomwaffen zu provozieren, aber dann musste der Westen und damit die NATO ein Ass im Ärmel haben, ein unglaubliches Ass wie diesen Energieschirm, um einen wirklichen Nutzen daraus zu ziehen. Dann wäre es verständlich, wenn sie hinterher sagen konnten: Wir haben nicht angefangen. Ein beängstigender Gedanke. Spontan versuchte Tako Kakuta zu teleportieren, aber wieder wurde er zurückgeworfen, diesmal aber direkt. Er verschwand von seiner Liege und befand sich eine halbe Sekunde später erneut dort.
„Haben Sie das auch gesehen, Eric?“
„Crest, bitte kneifen Sie mich mal. Ist der Mann hier wirklich gerade verschwunden und wiedergekehrt?“
„Wir haben das gleiche gesehen“, klang Crests Stimme zufrieden auf.
Zum Glück war Takos unüberlegter Fluchtversuch nicht mit weiteren Kopfschmerzen verbunden. Die alten verstärkten sich lediglich. Das wurde etwas besser, als etwas kaltes auf seinem Kopf landete.
„Lassen Sie die Augen zu, Soldat. Und lassen Sie den Eisbeutel auf der Stirn. Beides wird Ihnen gut tun. Haben Sie das verstanden?“
Tako nickte vorsichtig. Dabei verrutschte der Eisbeutel etwas, und er öffnete die Augen einen Spalt breit. Ein schneller Griff, der ihm keine Schmerzen bereitete, fixierte den Eisbeutel. „Danke“, hauchte er auf englisch. Aber die Augen ließ er geöffnet, solange seine Kopfschmerzen nicht schlimmer wurden.
Der eine Mann, der direkt neben ihm stand, hatte kurzes schwarzes Haar und trug die Space Force-Kombination. Das musste Eric Manoli sein, der Arzt der Mission. Soweit Tako wusste, wurden Teile seiner veröffentlichten Arbeiten sogar in der AF-Raumfahrtmedizin gelehrt und angewendet.
Neben ihm stand ein großer, breitschultriger Mann mit langem weißen Haar. Sein Gesicht war blass und seine Augen leuchteten beinahe golden in dem bartlosen Gesicht. Irgendwie erschien es Tako fahl zu sein.
„Die Frage ist, was haben wir hier gesehen?“, murmelte Crest.
„Das kann ich Ihnen beantworten!“, klang eine dritte Stimme auf. Ein etwas kleinerer Mann mit militärisch kurz geschnittenen Haaren betrat das Zelt und reichte Manoli ein Telefon. „Zufällig habe ich es auch gesehen, als ich vom telefonieren zurück kam. Ich habe Anweisungen erhalten, erst einmal zu bleiben wo ich bin, da es fraglich scheint, dass die Asiaten mich sang- und klanglos gehen lassen werden. Im Gegenzug wurde mir freigestellt mich nützlich zu machen.“ Der Mann grinste breit. „Wie dieses nützlich machen definiert werden soll, haben mir meine Vorgesetzten jedoch nicht gesagt. Aber ich denke, es ist ein guter Anfang, wenn ich ihnen ein Geheimnis verrate. Natürlich kein russisches Geheimnis.“
„Sie spielen auf die merkwürdige Fähigkeit unseres zweiten Gastes an, nicht wahr, Hauptmann Kosnow?“, fragte Crest, und lächelte dabei hintergründig.
„In der Tat. Unser Freund hier ist Japaner. Das ist an sich schon sehr ungewöhnlich, weil die Japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte per Gesetz auf japanisches Gebiet beschränkt sind und nur im Rahmen von Anforderungen der AF oder bei Manövern außerhalb der ökonomischen Sonderzone Japan agieren dürfen. Aber dieser junge Mann hier gehört zur Spezialeinheit. Na, das war eigentlich zu erwarten gewesen, nachdem ihr vier hier so spektakulär gelandet seid.“
Kakuta riss erschrocken die Augen auf. Vier? Wenn das stimmte, dann... Dann hatten sie Crest vom Mars mitgebracht? Die Aussagen und Hinweise in der Westlichen Welt waren noch immer extrem spärlich, die Rückkehr der Stardust wurde bestenfalls in einigen unabhängigen Medien diskutiert, und von denen erreichte kaum etwas die AF. Aber es gab mehr als ein Gerücht, das wissen wollte, dass der Lander der Stardust abgestürzt und die Besatzung getötet worden war. Von einem Hinweis, dass Rhodan einen Humanoiden auf dem Mars gefunden hatte, war Tako jedenfalls nichts zu Ohren gekommen.
„Entschuldigen Sie, dass ich Ihr Geheimnis verraten habe, Crest“, sagte der Hauptmann zerknirscht.
„Das geht in Ordnung, Peter. Es ist ja nicht so als hätte ich es vor Ihnen verborgen. Warum sollte ich es dann vor ihm?“, antwortete Crest freundlich. „Wie Perry gesagt hat, wir werden hier eine lange Zeit verbringen müssen, also wird es Zeit mit offenen Karten zu spielen. Oder so ähnlich.“
Der Fremde, augenscheinlich ein Außerirdischer, trat näher an Tako heran. „Japaner, Spezialeinheit und auf undefinierbare Weise in den Innenraum des Energieschirms gelangt... Das sind die Hinweise die wir haben, auch ohne, dass wir ihn befragen. Und all diese Daten zusammengefügt ergeben was, Peter?“
Erst jetzt erkannte Tako die Uniform des anderen. Das war eine russische Feld-Camouflage. Und ein diskretes Abzeichen am Kragen wies ihn als dem Geheimdienst zugehörig aus. Das bedeutete, der Mann vor ihm war einer von Tante Tatjanas Bluthunden. Und es hätte ihn nicht gewundert, wenn Peter Kosnow wusste, dass...
„Er ist ein Mutant.“
Tako stöhnte leise auf. Warum plauderte der Russe ein Staatsgeheimnis so locker aus, als wäre er nach dem Inhalt einer Teigtasche gefragt worden? Auch seine Regierung zog Nutzen daraus, wenn die Fähigkeiten der Mutanten eine, nun, interne Sache blieben.
„Was bitte ist ein Mutant?“, hakte Manoli nach. „Ich glaube nämlich nicht, dass wir es hier mit einer Figur aus einem billigen Horrorstreifen zu tun haben. Oder einen Sänger im Knabenchor.“
Kosnow lächelte dünn. „Ein Mutant unterscheidet sich von einem Menschen durch eine wichtige Eigenschaft: Künstlich konstruierte Gene. Entweder wurden sie ihm mittels Retroviren eingesetzt, oder seinen Eltern. Im Fall von unserem Gast würde ich sagen, er stammt aus dem geheimen Mutantenprojekt des japanischen Akatsuki-Konzerns, der vor ungefähr zwanzig Jahren auf Taiwan damit begonnen hatte, gezielt Menschen heran zu züchten, denen bestimmte konstruierte Gene eingesetzt wurden. Das Ergebnis dieser Versuche ist, soweit wir es ermitteln konnten, zum Beispiel die Fähigkeit, Materie mit purer Willenskraft zu bewegen, Gedanken zu lesen... Oder von einem Ort zum anderen zu gelangen, und auch das nur mittels Willenskraft. Kennen Sie so etwas nicht in Ihrem Imperium, Crest?“
Der Außerirdische lächelte freundlich. „Ich bin sicher, auf einigen Planeten des Tai´Ark Tussan wurden und werden derartige Projekte durchgeführt, und in unseren Archiven gibt es sicherlich hunderttausende Fallbeispiele für künstliche Gene und ihre Verwendung. Aber auf meiner Heimatwelt bemüht man sich, das natürliche Leben zu verlängern, nicht es mit gewagten Experimenten gewaltsam zu verkürzen.“
„Das halte ich für eine sehr kluge Entscheidung. Leider konnten die Probanden des Akatsuki-Konzerns diese nicht selber treffen.“ Kosnow sah Kakuta direkt in die Augen. „Aus speziell präparierten Eizellen und Spermien erzeugt, von Leihmüttern ausgetragen und von vorne herein mit künstlichen Genen manipuliert, das ist die Geschichte dieses Experiments. Soweit ich weiß haben von zweihundert Probanden elf oder zwölf überlebt. Ursprünglich waren es wohl ein paar mehr, aber als die AF die Anlage erobert hat, wurden wohl versehentlich einige der... auch körperlich veränderten Versuchspersonen von den Soldaten getötet. Mag sein, dass es für den einen oder anderen eine Gnade war.“
Manoli zog die Augenbrauen zusammen. Dadurch bildete sich eine steile Falte auf seiner Nasenwurzel. „Sie meinen, die Asiatische Föderation hat Japan, Korea und Taiwan nur angegriffen, um...“
„Um die schauerlichen Experimente von Akatsuki zu beenden“, vervollständigte der Russe bedeutungsschwer. „Aber dann haben sie erkannt, dass sie nicht gleich alle Versuchskaninchen umbringen mussten. Einige erwiesen sich mit der Zeit als recht nützlich. Sie, zum Beispiel, Tako Kakuta, haben die Fähigkeit der Teleportation entwickelt. Sie können sich mittels Gedankenkraft von einem Ort zu einem anderen transportieren, und das in Nullzeit.“
In Takos Gehirn überschlugen sich die Gedanken. Was geschah hier mit ihm? Was versuchte der Russe ihm da einzureden? Und wieso klang es so plausibel? Er spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. Seine Augen verschwommen. War es das? War er nur ein Produkt? Eine Laborratte, die nur deshalb noch leben durfte, weil sie nützlich war? Und was war mit den anderen Japanern in der Spezialeinheit? Was war mit Li Tschai-Tung, ihrem chinesischen Anführer?
„In Nullzeit? Er kann also mit der Kraft dieser künstlichen Gene eine Art Tunneleffekt erzeugen?“, fragte Crest neugierig. „Dann ist es kein Wunder, dass es ihn so übel erwischt hat. Eine Art Wurmloch, welches er durch den Energieschirm erzeugt, würde auch die elektromagnetische Aufladung aufnehmen, die der Schirm erzeugt. Es wäre quasi so als würde er mitten im Sprung auf eine Mauer treffen, die ihn zurückwirft. Das wird es sein, was wir gesehen haben. Als er hingegen bis in die Kuppel gesprungen ist, hat er nur einen Teil des Energieschirms berührt, wurde zwar durchgelassen, aber kräftig durchgeschüttelt. Sehr interessant. Wirklich, sehr interessant.“
„Ich bin mir im Moment nicht so sicher, ob wir darüber hier und jetzt diskutieren sollten“, klang Manolis Stimme auf. „Verdammt, Peter, Sie haben dem Jungen gerade das Genick, das Kreuz und das Herz gebrochen. Warum haben Sie uns das nicht draußen erzählt?“
„Weil ich finde, dass ein Mensch das Recht haben sollte, alles über seine Herkunft zu wissen“, erwiderte der Russe böse. „Sehen Sie ihn sich an. Seit zehn Jahren wurde er dazu ausgebildet um für die Asiatische Föderation zu arbeiten. Und in all der Zeit hat ihm nie jemand etwas über Akatsuki oder seine Eltern erzählt, dafür garantiere ich.“
„Raus jetzt, Peter, bevor ich handgreiflich werde. Sie verletzen meinen Patienten.“
„Bin ich nicht mehr Ihr Patient, Doktor?“, fragte Kosnow ärgerlich.
„Im Moment hat dieser Patient Vorrang. Crest, bitte.“
„Natürlich, Eric. Kommen Sie, Peter, wir reden draußen weiter.“
Manoli winkte den Russen noch einmal kurz zurück. „Eines wüsste ich gerne noch. Warum wissen Sie so gut über dieses Thema Bescheid, Peter?“
Der Hauptmann lächelte traurig, geradezu wehmütig. „Meinen Sie wirklich, die Japaner waren die einzigen, die künstliche Gene erzeugen konnten? Meinen Sie, sie waren die einzigen, die damit experimentiert haben? Kommen Sie, Crest, suchen wir Rhodan.“

„Es tut mir Leid, junger Mann. Ich an Peters Stelle hätte nicht alles übers Kreuz gebrochen. Selbst wenn ich es erzählt hätte, hätte ich dies Happen für Happen getan, und nicht alles auf einen Schlag erledigt. Russischer Betonschädel“, murrte der Amerikaner wütend.
Kakuta wischte sich mit der Linken über die Augen. „Wie geht es jetzt weiter?“
„Wir werden Sie vor den Schirm bringen, sobald Sie wieder geradeaus gehen können. Perry hofft, dass wir damit unseren guten Willen beweisen können, bald als gute Nachbarn zusammen zu leben.“
„Das meinte ich nicht“, sagte Tako leise.
„Oh, darum geht es Ihnen. Nun, Sie haben immer noch einen Trost, junger Mann. Kosnow kann von vorne bis hinten gelogen haben.“
„Aber es passt!“, rief der Japaner aufgebracht. „Es passt doch alles! Ich kann mich daran erinnern, in einer Einrichtung gewesen zu sein, in der wir permanent trainiert und getestet worden waren! Angeblich war es ein Waisenhaus für besonders Begabte, aber wir wurden mit jedem Jahr weniger! Und auch an die AF und ihre Invasion kann ich mich erinnern! Sie haben verhindert, dass...“
Unwillkürlich riss Tako Kakuta die Augen auf und setzte sich aufrecht hin. „Merkwürdig, warum habe ich daran nie gedacht? Es ist, als wäre ein Damm gebrochen worden... Ich weiß noch, wie wir in diese Kammern gebracht wurden, immer zu fünft. Und dann... Das Licht begann zu flackern und erlosch bis auf die Notbeleuchtung. Aus der Kammer neben der unseren hörte ich Waffenfeuer, Kinder schrien um Hilfe und wurden dann ganz still. Dann ging die Tür zu unserer Kammer wieder auf. Einer unserer Beschützer sah herein, hob sein Gewehr und... Und wurde von jemanden erschossen. Ich...“ Andächtig legte Kakuta beide Hände vor sein Gesicht. „Nein, sie haben uns befreit. Sie benutzen uns, das ist richtig. Aber bei ihnen geht es uns besser als in dieser... In dieser Einrichtung. Warum habe ich das alles vergessen? Warum war das alles weg? Ich war so oft in Japan und habe nach meinen Verwandten gesucht, aber nie habe ich an dieses Heim gedacht. Nicht daran, wie viele meiner Freunde dort gestorben sind. Nicht daran gedacht, dass es diese Nacht gegeben hat.“ Er schluchzte leise. „Mein ganzes Leben war ein einziger Betrug.“
Manoli legte mitfühlend eine Hand auf die Schulter des Japaners. „Nicht das ganze Leben. Sie sind hier, tragen eine Uniform und stellen Ihre Fähigkeiten für einen guten Zweck zur Verfügung. Das ist etwas, wofür viele Menschen Sie beneiden würden.“
„Worum beneiden? Ein Freak zu sein? Konstruiert worden zu sein?“
„Nein. Nützlich zu sein“, sagte Manoli ernst und sah dem Japaner in die Augen, ohne eine Spur von Unsicherheit zu zeigen.
Tako sah diesen Blick und nahm seine Hände wieder herab. Dann senkte er betreten den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich weiß wirklich nicht. Man behandelt uns gut, Li ist ein guter Freund und Vorgesetzter, und es macht ja auch Sinn, für das eigene Volk zu kämpfen, oder? Aber habe ich überhaupt ein Volk?“
„Weil ein Teil Ihrer Gene durch künstliche Gene aufgepeppt wurde? Sie und die anderen haben sicherlich irgendwo in Japan genetische Verwandtschaft. Und selbst wenn das nicht der Fall sein sollte, können Sie es immer noch so halten wie Perry Rhodan und Reginald Bull.“
Kakuta sah auf. „Was meinen Sie damit, Doktor?“
Der Italoamerikaner verzog den Mund zu einem Schmunzeln. „Nun, für sie sind alle Menschen ihr Volk. So wird es zumindest sein. Ab jetzt. Ab hier.“
Manoli klopfte dem Japaner noch einmal aufmunternd auf die Schulter und nickte dazu väterlich. „Legen Sie sich wieder hin, junger Mann. Ruhen Sie sich noch etwas aus. Außerdem sorge ich dafür, dass Kosnow nicht noch einmal hier hereinkommt. Er ist hier auch nur ein Gast.“
„Es ist egal.“ Tako ließ sich wieder nach hinten sinken. „Der Hauptmann war wohl der erste Mensch, der wirklich ehrlich mit mir war.“
„So kann man es auch sehen. Aber ich persönlich wäre nicht wie der irre Axtmörder mitten ins Getümmel gesprungen. In einer Stunde schaue ich wieder nach Ihnen, mein Junge.“
„Doktor, es heißt Kakuta. Tako Kakuta.“
Manoli nickte knapp. „Also gut. Kakuta-san. Versuchen Sie zu schlafen.“
Der Arzt verließ das Zelt und ließ den Japaner damit allein.
Der Teleporter versuchte die Augen zu schließen, aber weder wollte die Ruhe kommen, noch wollte die Migräne verschwinden. Er hatte einmal ein englisches Buch gelesen, eine analytische Abhandlung über die verschiedenen Religionen. Bei den Christen gab es eine wichtige Passage, die sich mit der Verbannung aus dem Paradies beschäftigte. Weil der Mensch eine Erkenntnis erlangt hatte, die ihn mit seinem Gott gleich setzte, durfte er nicht mehr im friedlichen und sorgenfreien Paradies leben, sondern musste sich den Härten der Welt stellen. Das war genau die Situation, in der er sich gerade befand. Es gab kein Zurück mehr. Er hatte das angenehme Leben im Paradies verloren, ein für allemal.


10.
Als der Arkonide und der Russe Rhodans Position erreichten, wandte sich der ehemalige Major der Space Force nicht einmal um. Angestrengt beobachtete er die nähere Umgebung durch den Energieschirm hindurch, der alles in einen leichten Gelbton zu tauchen schien.
„Halten Sie es für klug, hier draußen herum zu laufen, wo Sie jeder sehen kann, Crest?“, tadelte der Amerikaner.
„Halten Sie es für klug zu glauben, dass meine Anwesenheit auf diesem Gelände immer noch ein Geheimnis ist?“, entgegnete Crest ironisch.
Rhodan sah kurz zurück und die Lachfältchen in seinen Augenwinkeln zogen sich zusammen. „Gutes Argument.“
Ein kurzer Blick traf den Russen. „Was haben Ihre Vorgesetzten gesagt, Mr. Kosnow? Wo kann ich Sie absetzen?“
„Wenn es keine Umstände macht, würde ich vorerst lieber hier bleiben“, entgegnete der Russe. „Sehen Sie, ich habe ein ganzes Lager voller Soldaten verloren, ich stecke sechzig Kilometer tief mitten in asiatischem Territorium, und weit und breit ist keine russische Einheit, zu der ich zurückkehren könnte. Wobei ich mich immer mehr frage, ob auf mich nicht das Erschießungskommando wartet, wenn ich heimkehre. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen, Mr. Rhodan, aber ich hänge an meinem Leben. Ich habe ja nur das eine.“
Rhodan schmunzelte. „Gut, Sie können bleiben. Vorerst.“ Wieder starrte Rhodan angestrengt nach draußen. „Aber glauben Sie nur nicht, ich wäre weich oder leichtgläubig. Ich kenne die meisten Ihrer Motive, und ich kenne jetzt auch das Geheimnis der russischen Raketenschilde.“
Für einen Moment fühlte sich der Russe, als hätte ihm jemand einen Kübel Eiswasser in den Nacken geschüttet. „Woher...?“
Crest meldete sich zu Wort. „Ein spezielles Werkzeug, das wir Psychostrahler nennen. Es schwächt den Willen und macht für... Ideen empfänglich. Nachdem Perry Sie gerettet hat, haben Sie im Schlaf von den Geschehnissen geredet. Wir hielten es für sinnvoll, mehr darüber zu erfahren, deshalb haben wir Sie mit dem Psychostrahler in eine leichte Trance versetzt. Natürlich konnte niemand ahnen, was Sie uns erzählen würden.“
„Ich sagte doch, halten Sie mich nicht für weich“, versetzte Rhodan.
„Dann... Dann habe ich alles verraten?“
„Nicht alles“, wehrte Crest ab. „Die Frage nach der Fähigkeit von Oberst Goratschin, dieses zünden, hat Ihnen Schmerzen bereitet, deshalb haben wir auf eine Antwort verzichtet. Aber vielleicht verraten Sie uns eines Tages freiwillig, was es damit auf sich hat.“
Kosnow atmete erleichtert aus. Obwohl es sinnlos war, dieses Geheimnis behalten zu wollen, während die Goratschins sich längst in den Händen eines unbekannten Suggestors befanden und damit vielleicht eine Gefahr für den Weltfrieden werden würden, war er doch froh, das er nicht mehr preis gegeben hatte. Das setzte zwar voraus, dass Crest und Rhodan ihn nicht anlügten, aber irgendwie konnte er nicht glauben, dass die zwei Spielchen mit ihm spielten.
„Ich... halte Sie nicht für weich, Mr. Rhodan. Ich kenne Ihre Karriere in groben Zügen und wurde vor meinem Einsatz mit einer Abschrift Ihrer Akte vertraut gemacht. Ehrlich gesagt habe ich mich darauf gefreut, vielleicht mit Ihnen, Bull und Manoli zusammen zu kommen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal auf Sie angewiesen sein würde. Ursprünglich sah der Plan vor, dass ich...“
„Dass Sie das Patt zwischen uns und der AF möglichst lange stabil halten. Das haben Sie uns schon verraten, Mr. Kosnow. Und obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, wo da der Nutzen für uns liegt, und wo der Nutzen für Russland ist, denke ich, ich gehe kein großes Risiko ein, Sie eine Zeit lang hier zu behalten. Immerhin strebt die General Cosmic Company irgendwann einmal normale Beziehungen mit ihren Nachbarn an, und es ist nicht schlecht, wenn wir dann schon den einen oder anderen näher kennen.“
Kosnow senkte den Kopf, um das Lächeln zu verbergen, das über sein Gesicht huschte. „Ich fühle mich geehrt, Mr. Rhodan.“

Der Russe sah wieder auf. „Wenn die Frage erlaubt ist, was machen Sie hier eigentlich?“
„Er kommt. Tatsächlich.“ Rhodan wandte sich kurz um. „Die Frage beantwortet sich gleich von selbst. Wollen sie zwei mal ein echtes Husaren-Stück sehen? Bully führt gerade eines aus.“
Rhodan deutete auf einen nahen Hügel, über den gerade ein Lastwagen kroch. Ihm folgten sieben baugleiche Modelle nach und nach, und hielten stur auf die Kuppel zu.
Von der Beifahrerseite des vorderen Lasters ragte ein Arm aus dem Fenster und winkte heftig. Kurz darauf war auch das markante Gesicht Bulls und der rote Kurzhaarschnitt zu sehen.
„Erstaunlich. Er fährt mitten durch die Linien der AF“, merkte Crest an. „So als hätte er das Recht dazu.“
Rhodan schmunzelte. „Der gute Reginald hat einen erstaunlich fähigen Begleiter in Australien aufgetan. Er spricht fließend Kanton, hat die Handhabung des Psychostrahlers recht schnell gelernt und verfügt über die Gabe des Gedankenlesens.“ Rhodan sah zu Crest herüber. „Damit dürfte er etwas ähnliches sein wie unser japanischer Gast, der so unvermittelt bei uns aufgetaucht ist, Crest.“
„Wenn ich es nicht schon gesagt habe, tue ich es jetzt: Ihr seid eine interessante Spezies.“ Der Arkonide lächelte sichtlich mit Wohlwollen.
Rhodan winkte zurück, und der vorderste Laster hielt nun direkt auf ihn zu. Kurz vor der Sperre hielt er an, Bull stieg ab und trat an den Schirm heran. „Hallo, Perry. Ich habe den Kram, den du bei Homer bestellt hast.“
„Und ich habe deine Nachricht bekommen. Auch wenn du die Funkeinrichtung deines Einsatzanzugs benutzt hast, bist du sicher es war klug so viel Klartext zu senden? Was wenn die AF oder eine andere Fraktion mitgehört hat und den Text dechiffrieren kann?“, tadelte Rhodan.
„Tut mir Leid, aber wir haben ja vorher keine Verschlüsselung vereinbart, und alles was du mit ein wenig Kopfrechnen knacken kannst, stellt auch die Geheimdienste vor keine großen Probleme, oder?“
„Du hättest uns auch überraschen können.“
„Oder darauf setzen, dass die Menschen arkonidische Funkfrequenzen eben nicht abhören können“, konterte Bull.
Rhodan seufzte viel sagend. „Wie auch immer. Geschehen ist geschehen. Ich öffne dir eine Strukturlücke. Ist es sicher?“
Reginald Bull grinste breit. „Natürlich ist es sicher. Sie halten Marshall für einen ihrer höheren Offiziere, einen gewissen General Roon. General Lao Tin-To hat mir seine Hilfe beim umladen von Doktor Haggards Material und bei den Sachen aus dem Lagerhaus   geradezu aufgedrängt. Und dann ist da noch ein etwas älterer Stratoklipper im Gewerbegebiet von Jiuquan, den ich irgendwann mal abholen sollte, wenn die Chinesen ihn nicht beschlagnahmen. Ich habe ihn teuer bezahlt.“
„Mit General Roon hatte ich auch schon zu tun. Er ist hier in der Gegend. Deshalb sollten wir uns beeilen, bevor der Widerspruch auffällt.“ Rhodan nickte anerkennend.  „Ich wusste, du würdest eine Lösung für das Kapazitätsproblem finden.“
„Kleinigkeiten, Perry. Soll Marshall die AF-Soldaten anweisen, bis zu unserem Camp zu fahren und dort abzuladen?“
„Die Ladung ist kontrolliert worden?“
Bull nickte ernst. „Der arkonidische Orter im Anzug ist erstaunlich effektiv. Ich konnte keine Spuren von Sprengstoff und dergleichen entdecken. Auch eine biologische Kontamination ist ausgeschlossen.“
„Gut. Lass sie einfahren und dann die Laster aufgeben. Wir geben sie später zurück. Ich will das Risiko so klein wie möglich halten. Jederzeit kann der echte Roon hier auftauchen und die Wirkung des Psychostrahlers in Frage stellen.“ Rhodan manipulierte sein Armband, und kurz darauf entstand ein Einschnitt im Schirm, groß genug um die Laster passieren zu lassen.
Einer nach dem anderen fuhren die Lastwagen ein und parkten mustergültig in einer Reihe nebeneinander. Aus dem zweiten Wagen stieg ein schlanker schwarzhaariger Europäer und winkte zur Gruppe um Bull herüber. Das musste Marshall sein. Weitere Europäer und asiatische AF-Soldaten verließen die Lastwagen, und formierten sich unter Marshalls Befehl zu einer Marschkolonne. Ein waschechter Ein Sterne-General führte die Formation an.
„Äh, Perry, da kommt jemand.“
Rhodan sah kurz zur Seite und erkannte einen schnell näher kommenden Hummer, dessen Standarte er schon einmal gesehen hatte.
Derweil hatte der General den Abmarsch befohlen. Diszipliniert, wie man es von einer gut gedrillten Kampftruppe erwarten konnte, marschierten die Fahrer auf die Lücke im Energieschild zu. Lao Tin-To hielt kurz an und sprach mit Marshall auf Kantonesisch. Der Australier antwortete in der gleichen Sprache, und anscheinend waren seine Worte zufriedenstellend, denn der General setzte seinen Weg vor den Schirm fort.
Zusammen mit den anderen Europäern kam Marshall näher. „Mr. Rhodan, Mr. Crest.“ Er fixierte den Russen kurz. „Mr. Kosnow.“
„Ich bin erfreut, Sie in unserer Firma willkommen zu heißen, Mr. Marshall. Was haben Sie gerade noch mit dem General besprochen?“
Marshall lächelte schief. „Nun, General Lao Tin-To wunderte sich, dass ich die Kuppel nicht mit ihm verlassen wollte, und ich habe ihm gesagt, ich hätte hier eine diplomatische Mission zu erfüllen.“ Der Australier sah zu dem näher kommenden Hummer herüber. „Leider wird er gleich den Schreck seines Lebens kriegen.
Aber ich bin unhöflich. Darf ich Ihnen vorstellen? Professor Haggard, Doktor Ross und Doktor Benjamin.“ Abwechselnd wies Marshall auf den blonden Riesen hin, dann auf die Dame  und danach auf den untersetzten Mann in seiner Begleitung.
Rhodan reichte jedem die Hand. „Es freut mich, sie hier begrüßen zu können, Ma´am, Gentlemen. Darf ich Ihnen Crest von Zoltral vorstellen? Ihren Patienten.“
Der Arkonide trat freudestrahlend heran und reichte den dreien ebenfalls die Hand. „Es ist mir ein Vergnügen, sie alle kennen zu lernen. Und ich freue mich schon auf die Arbeit mit ihnen.“
„Komm, Dicker, wir müssen die Lastwagen zum Lander fahren, die Ladung protokollieren und schon mal mit dem Aufbau beginnen.“
Reginald Bull sah den Russen neben Rhodan nahezu ausdruckslos an. „Wie nett, dass du uns schon Hilfe besorgt hast.“
„Warum sollst nur du für das Wachstum unserer Firma sorgen?“, konterte Perry Rhodan, und klopfte dem alten Freund auf den breiten Rücken. „Machen wir uns an die Arbeit.“
Gemeinsam gingen sie zu den acht wartenden Lastwagen der AF.

Vor dem Energieschirm befand sich indes General Lao in einem echten Dilemma. Denn der Mann, der vor ihm aus dem Hummer stieg und ihn wutschnaubend zur Rede stellte, war kein anderer als Roon, genau der gleiche, den er gerade erst im Innern der Kuppel zurückgelassen hatte.
„Lao, was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht, für Perry Rhodan den Spediteur zu spielen?“
„Aber... Aber... Es war Ihr Befehl! Von Jiuquan bis hier hatten Sie die Leitung des Unternehmens!“
Roon tauschte einen merkwürdigen Blick mit seinem Untergebenen.  „Major Butaan, General Lao und seine Leute sind erschöpft. Lassen Sie sofort Sanitäter kommen und die Männer ins Lazarett schaffen. Außerdem bereiten Sie eine Befragung durch Ihre Leute vor.“
„General, was hat das zu bedeuten? Ich habe doch auf Ihren Befehl hin...“
„Keine Sorge, Lao, Sie und Ihre Männer sind nicht inhaftiert und auf sie wartet auch nicht das Kriegsgericht. Ich glaube Ihnen, wenn Sie sagen, ich hätte das Kommando gehabt. Das Problem dabei ist nur, ich war die ganze Zeit hier. General Tai wird Ihnen das bestätigen können. Und jetzt müssen wir herausfinden, was wirklich passiert ist.“
Lao Tin-To blinzelte ein paarmal, und wäre beinahe gestürzt. Nur das beherzte Zugreifen des indischen Geheimdienstoffiziers bewahrte ihn davor. „Mir ist... Auf einmal so schummrig. Ich... Tragen Sie eigentlich Anzug, General Roon?“
„Verstehen Sie jetzt, was ich meine, Lao? Niemand macht Ihnen einen Vorwurf, aber wir müssen herausfinden, wie Rhodan und seine Schergen es geschafft haben Sie zu täuschen.“ Mürrisch wandte sich Roon wieder ab. General Tai würde überhaupt nicht erfreut sein, wenn er mit solchen Nachrichten zurück kam. „Und dann müssen wir eine Abwehrmaßnahme entwickeln. Oder die Gefahr ein für allemal ausradieren.“ Roon fürchtete sich vor diesem Szenario besonders, denn es sah den massiven Einsatz von Atombomben vor. Und er fürchtete sich vor der Antwort des Westens und der Russen.
***
Keine fünftausend Kilometer entfernt versuchte gerade Tatjana Maximowna Michalowna, Direktorin des staatlichen Geheimdienstes SEP, ihre zitternden Hände in den Griff zu kriegen. Auf ihrem Schreibtisch landeten nur die wichtigsten Fakten, die geheimsten Berichte und die dringlichsten, den Frieden fördernden oder störenden Fakten.
In diesem Fall lag ein Bericht auf ihrem Schreibtisch, der sich vorab mit der Situation am Beobachtungsposten befasste, der zur Observation der Strahlenden Kuppel aufgebaut worden war. Nachdem sich der Posten Stundenlang nicht mehr gemeldet hatte, waren Satellitenfotos geschossen worden. Später war der Posten von Stealth-Flugzeugen zusätzlich fotografiert worden. Nachdem als sicher galt, dass die Goratschin-Brüder nicht in der Nähe waren, hatte sie endlich eine Spezialabteilung des Innenministeriums angewiesen, das Lager zu untersuchen. Mittlerweile aber hatten die Pathologen das Heft in die Hand genommen. Und ihre bisherigen Ergebnisse hatten sie bis vor wenigen Minuten enorm beunruhigt. Doch seit ihrem Telefonat mit Hauptmann Kosnow war sie nahe daran, in einen hysterischen Schreianfall auszubrechen. Bis dato war sie davon ausgegangen, dass es ein Zusammentreffen mit der Asiatischen Föderation gegeben hatte; oder dass alternativ die Goratschin-Brüder die Kontrolle über ihre Fähigkeiten verloren hatten. Beides unschöne Szenarios. Vor allem der Verlust von Iwan und Iwanowitsch war beinahe schon ein Genickbruch für die russische Verteidigung.
Aber die Nachricht von Kosnow und seine Beobachtungen verdeutlichten vor allem eines: Die Goratschins waren entführt worden. Die wenigen versteckten Codeworte, die Kosnow in das Gespräch eingebaut hatten, waren nicht dazu geeignet gewesen, ein vollständiges Bild zu liefern, aber zumindest konnte sich Tatjana in Kombination mit dem forensischen Bericht daraus zusammenreimen, dass die Entführten keine Gegenwehr geleistet hatten und auch die meisten Wachen überhaupt nicht reagiert hatten. Wie die Schafe, die zur Schlachtbank geführt wurden hatten sie sich töten lassen. Nein, die meisten waren nicht erschossen worden, sie waren in der Explosion umgekommen, die sehr wahrscheinlich von den Goratschins ausgelöst worden war. Das ließ darauf schließen, dass die Entführer Einfluss auf den Willen von Iwan und Iwanowitsch hatten, und der Folgeschluss sprach danach zwingend von einem Mutanten. Genauer gesagt mussten es entweder der CIA-Agent Noir gewesen sein, oder Kitai Ishibashi von der Spezialabteilung der AF. Natürlich bestand immer noch die Möglichkeit, dass ein Suggestor an dieser Operation beteiligt gewesen war, der entweder bisher im Geheimdienstgeschäft nicht in Erscheinung getreten oder das erste Mal aktiv geworden war, aber das schloss Tatjana nachdrücklich aus. Dazu musste die Aktion zu kontrolliert erfolgt und der Suggestor mit seiner Gabe zu vertraut gewesen sein. Wenn nun aber die Goratschins in den Händen der Chinesen oder der Amerikaner waren, dann reduzierte das den Raketenschild der Russischen Föderation erheblich. Noch schlimmer, wenn die Zündergabe nun ihren Feinden gehörte, konnte das in ein furchtbares Fiasko führen. Zumindest aber hatte man den Trost, dass ein suggestiv beeinflusster Mensch bei weitem nicht so reaktionsschnell und aktiv war wie ein Unbeeinflusster.
Ihre Aufgabe war nun klar. Sie musste dem Präsidenten und Petrokon gegenüber nun von ihrem Verdacht der AF und dem CIA berichten. Außerdem musste der alternative Raketenschirm sofort aufgebaut werden. Dieses komplexe und damit anfällige System bestand aus gut zweihundert Stratoklippern teilweise neuester Bauweise. Diese Senkrechtstarter hatten den großen Vorteil, nach Erreichen der Stratosphäre  mit sehr wenig Energieaufwand stundenlang auf Position zu bleiben; jeder einzelne war mit bester Ortungstechnik ausgerüstet und verfügte über zwanzig Abfangraketen. Jeder einzelne Stratoklipper konnte binnen einer halben Stunde gegen zwei in Reserve stehende Maschinen mit ausgeruhten Crews ausgetauscht werden, im Notfall konnten sogar alle Stratoklipper zugleich aufsteigen und selbst einen massiven Atomschlag abwehren. Die Fehlerquote lag bei zwei Prozent, und dort lag das Problem. Natürlich zielte der Gegner nicht auf das platte Land oder auf Dörfer und Kleinstädte, sondern auf die Großstädte und die industriellen Zentren. Dorthin, wo es weh tat. Was dies für Russland bedeutete, wenn von einhundert Atomraketen zwei hindurch kamen, wollte sie sich besser nicht ausmalen. In diesem Fall wären die Goratschins ihr Trumpf für eine komplette einhundertprozentige Verteidigung gewesen.
Die Aufmarschgebiete der Stratoklipper waren natürlich an den Brennpunkten, also die Europagrenze, die Grenze zur AF und der Nordpolarkreis, weil die meisten amerikanischen Raketen zuerst über den Nordpol fliegen würden; es verkürzte ihre Angriffszeit um bis zu vierzig Prozent und war eigentlich ein alter Trick der konventionellen Luftfahrt.
Sicherlich, die Stratoklipper mussten starten und den Raketenschirm aufbauen. Aber gleichzeitig durfte das nicht in eine Provokation ausarten und zu dem Verdacht führen, dass Russland seinerseits einen Angriff plante. Nun hieß es, viel Fingerspitzengefühl zu entwickeln. Sehr viel Fingerspitzengefühl. Und genau deshalb brauchte sie Peter Kosnow weiterhin in der Strahlenden Kuppel, als ihre Augen und Ohren. Wenn die AF die Goratschins hatten, dann würde er es sicherlich als einer der ersten herausfinden können, immerhin wurde die Spezialeinheit in unmittelbarer Umgebung der Strahlenden Kuppel eingesetzt.

Als das Telefon klingelte, erschrak die Direktorin der SEP derart, dass ihre Füße unten gegen den Schreibtisch schlugen. Ihr Herz hämmerte wie wild, und während sie nach dem Hörer griff, dachte sie ironisch, dass ihr das Klingeln garantiert ein paar graue Haare beschert haben musste. „Michalowna.“
„Oberst Radic hier. Direktorin Michalowna, es gibt eine merkwürdige Entwicklung an der Strahlenden Kuppel, die wir mit Hilfe unserer Spionagevorrichtungen erfasst haben. Es sieht ganz so aus als wären die AF-Streitkräfte dabei behilflich gewesen, Material in Rhodans Sphäre zu schaffen.“
Tatjana Michalowna erstarrte. Für einen Moment glaubte sie ihren Herzschlag nicht mehr zu spüren, als kaltes Entsetzen nach ihr griff. „Wie sicher ist das?“
„Das ist leider noch nicht das Kernproblem. Ausgeführt wurde diese Aktion von General Lao-Tin-To, einem Panzergeneral. Wir haben einen Kontakt im General Tai Tiangs Stab, der uns einen ersten mündlichen Bericht zugespielt hat. Demnach beharrt Lao Tin-To darauf, dass er seine Befehle direkt von General Roon bekommen hat, Tais Stellvertreter. Er behauptet auch, Roon unter der Kuppel zurückgelassen zu haben, obwohl der General die Frontlinie rund um die Kuppel in den letzten beiden Tagen nicht verlassen hat.“
„Das bedeutet...“, hauchte die Russin mit kaltem Entsetzen in der Stimme.
„Das bedeutet, dass Rhodan mittlerweile über einen eigenen Suggestor verfügt.“
„Ich danke Ihnen, Oberst Radic. Das sind wichtige Informationen für uns alle. Seien Sie und Ihre Leute weiterhin so wachsam.“
„Selbstverständlich, Direktorin Michalowna.“
Ihr Gegenüber legte auf, und Tatjana war mit ihren Gedanken alleine. Das war es also? Warum war sie so kometenhaft in die Geheimdienstränge aufgestiegen, warum hatte sie sich so abgemüht, den Direktorenposten zu erreichen, warum hatte sie die Tortur einer Genimplantation über sich ergehen lassen? Warum war sie im unglaublich jungen Alter von dreißig Jahren die Herrin des wichtigsten Schutzwalls der russischen Föderation geworden, wenn nun vor ihren Augen alles zusammen zu brechen schien? Sie konnte nun leider zwei Dinge nicht mehr mit Gewissheit ausschließen. Erstens, dass Rhodan hinter dem Angriff und der Entführung steckte, der die Gebrüder Goratschin zum Opfer gefallen waren und zweitens, dass Hauptmann Kosnow wirklich die ehrliche und reine Wahrheit sprach. Dennoch, dieser radikale, alles auslöschende Angriff passte nicht zu Rhodan, aber da sie Kosnow noch weniger trauen konnte als schon zuvor, immerhin befand er sich auf der falschen Seite der Kuppelwandung, war es ihre Pflicht, ihren Verdacht gegenüber dem Präsidenten zu formulieren. Sie spürte, wie ihre Hände zitterten.

Langsam, bedächtig, streckte sie die Rechte nach dem Telefon aus. Das Zittern ließ nach. Etwas. Aber da war immer noch die Angst vor einem Atomkrieg. Vor einer brutalen, die russischen Städte vernichtenden Macht. Konnte es eine globalere Katastrophe geben? Und selbst danach, wenn einhundert oder mehr Bomben explodiert waren, drohte den Überlebenden der nukleare Winter, eine unsichere Zeit, die sicherlich ausreichen konnte, die Menschheit entweder erheblich zu dezimieren oder gleich ganz auszurotten.
Wieder begannen ihre Hände zu zittern, und sie zwang sich, ruhiger zu atmen. Sehr viel ruhiger zu atmen. Als sie die Schnellwahltaste für das Telefon des Staatspräsidenten drückte, hatte sie das zittern beinahe im Griff.
„Vladimir Andrejewitsch, es gibt eine sehr unschöne Entwicklung die Strahlende Kuppel betreffend. Vielleicht haben Sie den Bericht schon auf Ihrem Schreibtisch.“
„Welchen Bericht meinen Sie exakt, Tatjana?“
„Innerhalb der Asiatischen Föderation kursiert gerade ein mit Fakten untermauerter Bericht, der besagt, dass Perry Akopowitsch einen eigenen Suggestor hat. Mit dessen Hilfe gelang es ihm, General Lao Tin-To kurzfristig zu unterwerfen und sich seiner unfreiwilligen Mithilfe zu versichern. Die Asiaten untersuchen diesen Vorfall noch, und wir haben einen Kontakt im Tai Tiangs Stab, der uns auf dem laufenden hält. Demnach ist Lao-Tin-To immer noch felsenfest davon überzeugt, auf Befehl seines Vorgesetzten gehandelt zu haben.
Außerdem habe ich einen Anruf von Hauptmann Kosnow erhalten. Während des Gesprächs deutete er mehrfach die Existenz eines uns unbekannten Suggestors an, der die Obersten Goratschin entführt hat. Eins und eins ergibt zwei, Vladimir Andrejewitsch.“
„Sie meinen doch nicht etwa“, klang die Stimme des Staatspräsidenten auf, „dass Perry Akopowitsch die Goratschins hat?“
„Ich glaube es nicht. Aber ich kann es auch nicht ausschließen. Aber wenn der schlimmste Fall eintritt, und Perry Akopowitsch nur Teil eine großen Mission ist, die vielleicht darauf abgezielt hat, unseren Eckpfeiler der Landesverteidigung in die Hände zu bekommen, befürchte, dass er die Goratschins gegen die Asiatische Föderation einsetzen wird. Was das bedeutet, können Sie sich denken.“
Erschrocken atmete der Staatspräsident aus. „Ich... Ich rufe sofort eine Notfallsitzung ein! Kommen Sie so schnell wie möglich nach Moskau!“
„Ich breche noch in dieser Stunde auf.“
„Tatjana, empfehlen Sie einen Präventivschlag gegen die Kuppel? Sollen wir einem Einsatz von Oberst Goratschin gegen die AF oder gar gegen uns zuvor kommen?“
„Vladimir Andrejewitsch, ich empfehle vor allem die Ruhe zu bewahren. Ein Atomschlag ist keine Entscheidung, die man so leicht vom Zaun brechen sollte. Zuvor sollten wir zumindest feststellen, dass sich Oberst Goratschin erstens unter der Kontrolle von Rhodans Suggestor befindet und zweitens unter der Strahlenden Kuppel.
„Ich verstehe. Tatjana, beeilen Sie sich. Wenn es zum Äußersten kommt, ist Ihr Platz in der Zentrale des SEP.“
„Ich habe verstanden.“ Ohne ein weiteres Wort legte sie auf.

Doch bevor ihre Finger den Hörer fahren lassen konnten, schreckte sie auf. In ihrem Geist stand klar wie laut gesprochen ein Gedanke, der nicht ihr gehörte: „ALARM!“
Tatjana lehnte sich zurück und schloss die Augen. Die Behandlung mit künstlichen Genen, die sie über sich hatte ergehen lassen war ein Wagnis gewesen. Aber den Überlebenden hatte der Dank von Mütterchen Russland, unglaubliche Fähigkeiten und eine schnelle Beförderung gewunken. Das Ergebnis war bei ihr die wenn auch schwache Fähigkeit gewesen, die Gedanken anderer Menschen zu lesen, und die hatte ihr schon manches Mal aus der Klemme geholfen. Andererseits war die Kommunikation mit anderen Telepathen, weit fähigeren Leuten als sie, geradezu problemlos und konnte über hunderte Kilometer erfolgen. In diesem Fall gehörte der Gedanke zu Agent Kuznetsov. Sie versuchte, sein Gedankenmuster zu finden, seine eigentlich intensiv strahlenden Fähigkeiten zu erspüren, denn der Mann war vollwertiger Telepath und in dieser Disziplin weit fähiger als sie es je sein würde, doch da war nichts. Dabei sollte Sergej Andrejewitsch Kuznetsov in der Empfangshalle des unauffälligen Gebäudes, das ihr als heimliches regionales Hauptquartier diente, keine vierzig Meter unter ihr Dienst tun. Sie sah ihn nicht, sie spürte ihn nicht, als hätte es ihn nie gegeben. Und das konnte nur eines bedeuten: Er war tot!
Ihre Hand schnellte vor, in Richtung auf den Alarmknopf, der die Wachmannschaft alarmieren, Verschlusszustand auslösen und die nahe Garnison aufscheuchen würde, aber sie erreichte den Knopf nie.
Erst verwundert, dann ängstlich starrte Tatjana auf ihre Hand, die mitten in Schlag verharrte. Und dann begriff sie, und jeder einzelne Gedanke dieses Begreifens, des Erkennens der Tatsache, was hier geschah, was mit ihr geschah, troff wie ein glühender Tropfen Eisen durch  ihren Verstand.
„Aber, aber. Das würde ich jetzt aber nicht tun. Es würde nur die Zahl der Toten unnötig erhöhen.“
Tatjana sah auf. Vor ihrem Schreibtisch stand ein großer, weißblonder Mann mit gepiercten Lippen. Er trug eine schwarze Sonnenbrille und grinste sie frech an. Das Auffälligste an ihm war zweifellos, dass er zwar eine militärische Fleckentarnhose trug, seine Jacke jedoch mit dem Tigermuster eher an einen Halbstarken als an einen Soldaten erinnerte. Sie tat ihn ab. Er war nur ein Subalterner.
Gefährlicher war sein Begleiter. Genauer gesagt der Mann, den er bis in ihr Büro gebracht hatte. Der Mann war groß und fett, genauer gesagt schwabblig und unansehnlich. Aber da war etwas Vertrautes, etwas nur allzu Bekanntes in seinen Augen, in seinem Gesicht, an der Nase...
„Entschuldigen Sie, dass wir hier so rein platzen. Und entschuldigen Sie, dass ich in der Lobby einige Ihrer Leute töten lassen musste. Wir wollen doch nicht, dass die Militärgarnison hier plötzlich auftaucht, oder?“ Er grinste selbstgefällig, und irgendwie drängte sich Tatjana der Vergleich mit einem Teufel auf. Nein, das war falsch. Der Teufel fraß nur die Seele. Aber der da vor ihr wollte auch noch den Verstand.
Der fette Mann grinste selbstgefällig. „Es ist gut, Freddy. Sieh zu, ob du hier irgendwo nützlich sein kannst, und hole mich und Direktorin Michalowna in fünf Minuten hier ab.“
Der großen, drahtige Mann grinste schief und zog ein paar Handgranaten aus der Jacke. „Darf ich die Garnison besuchen und ein wenig mit ihnen spielen?“
„Hilf lieber dabei, die Sprengladung im Keller vorzubereiten, wenn du schon mit Sprengstoff spielen willst. Ich habe doch gerade erklärt, dass wir keine schlafenden Hunde wecken wollen, oder?“
„Aber Boss!“, begehrte der junge Mann auf.
„Tue, was ich sage!“, blaffte der Dicke und der Große gehorchte.
Tatjanas Hoffnung, dass diese temporäre Ablenkung den Bann auf sie schwächen würde, erfüllte sich nicht. Sie war noch immer erstarrt, geradezu in der Zeit eingefroren. Aber was wirklich eingefroren war, das war ihr Wille.
Der Hagere verschwand und hinterließ nur ein wenig Luft, die in das Vakuum eindrang, welches entstand, als er aus dem Raum sprang. Ein Teleporter also.
Der Dicke wandte sich wieder Tatjana zu. „Entschuldigen Sie, dass ich mich nicht vorstelle, aber man kann ja nie wissen, ob es hier nicht ein paar Abhöreinrichtungen gibt, die nicht einmal Sie kennen. Und es wäre problematisch meinen Namen hier zurück zu lassen.“
„Was wollen Sie?“, brachte Tatjana unter größter Kraftanstrengung hervor.
Schlagartig wurde der Druck auf ihr Bewusstsein größer. Eine Frauenstimme wimmerte leise, und es dauerte einen Augenblick, bis sie begriff, dass sie es selbst war.
„Wir machen eine kleine Reise, allerdings nicht nach Moskau. Wir fliegen zu mir nach Hause.“ Sein Blick wurde kalt, und nicht einmal das viele, skurril Fett konnte ihm einen gemütlichen oder gar trägen Eindruck geben. Dieser Mann war das Verderben pur. „Schätzen Sie sich glücklich, Tatjana Maximowna, dass Sie eine Telepathin sind und ich gerade mein eigenes Mutantenkorps aufstellen will. Ich kann Sie also gebrauchen und Sie müssen vorerst nicht sterben. Ich sollte mir eine Notiz machen, damit ich dran denke mich bei Perry Rhodan für diese nette Möglichkeit zum einkaufen zu bedanken. Wann gibt es sonst Mutanten im Sonderangebot, wenn nicht bei dieser grandiosen Ablenkung?“ Er grinste selbstgefällig, und Tatjana wurde klar, dass sich die Goratschins nicht in der Hand Rhodans befanden. Nein, der Fette hatte die Brüder! Und endlich wusste sie, was ihr an ihm so bekannt vor kam. Zwar waren seine Augen unter all dem Fett fast zugequollen, aber dennoch erkannte sie die Farbe und die Form wieder. Dies waren die Habichtaugen eines Monternys. Sein Großvater hatte sie gehabt, sein Vater hatte sie, und er, Clifford Monterny der Dritte, hatte sie auch.
Der Dicke streckte die Hand aus. Daraufhin erhob sich Tatjana und trat hinter dem Schreibtisch hervor. Ihr Verstand funktionierte so gut wie immer, wie eine gut geölte Maschinerie, aber ihr Körper betrog sie. Die suggestorische Kraft dieses Mannes war bemerkenswert, war gespenstisch, war tödlich. Sie ergriff gegen ihren Willen die kalte, feuchte und fette Hand des anderen und sah ihm aus nächster Nähe in die Augen. Kein Zweifel, dies waren Monterny-Augen. Und er baute sein eigenes Mutantenkorps auf. Tatjana erkannte, in welch großer Gefahr sie sich befand, und in welch noch größerer Gefahr die Welt war, wenn niemand diesem hier Einhalt gebot. Panik stieg in ihr auf, als sie erkannte, dass sie den Präsidenten eventuell in einen Konflikt mit der Asiatischen Föderation geführt hatte, dass sie ihm nicht berichten konnte, wer wirklich hinter dem Überfall auf das Lager steckte.

Der Bursche mit der Tigerjacke, den Monterny Freddy genannt hatte, erschien wieder.
„Eine Minute, Boss, dann beginnt das Feuerwerk.“
„Gut. Bring uns hier raus, Freddy.“
Der Schlacks mit der Sonnenbrille grinste breit, fasste je eine Hand des Dicken und der russischen Direktorin und aktivierte seine Fähigkeit der Teleportation. Zwanzig Sekunden vor der Detonation, die das ganze Gebäude zu einem Haufen Schutt und Asche zusammenstürzen lassen würde.
Kurz bevor sie dieses Büro gezwungenermaßen verließ, fragte sich Tatjana, ob sich dieser Mann bewusst war, was er mit der Entführung der Goratschins angerichtet hatte. Wenn alles wirklich schlecht lief, dann konnten seine Taten einen Atomkrieg auslösen. Oder auch nur einen begrenzten, aber atomar geführten Konflikt. Das Leid der Menschen würde in jedem Fall unermesslich werden. Und sie hatte durch ihre Empfehlung diese Situation für Staatspräsident Tomisenkow auch noch prekärer gemacht. Das Blut aller Menschen, die im nun unweigerlich folgenden Konflikt sterben würden, egal ob er konventionell oder atomar geführt werden würde, musste dann auch an ihren Händen kleben. Ihr spurloses Verschwinden würde die Situation für Vladimir Andrejewitsch nur noch weiter verschärfen, ihn zum handeln drängen, und eventuell würde er alles auf eine Karte setzen und dem Raketenschutz der Stratoklipper vertrauen.
Was dachte sich dieser kleine, übergewichtige Mann nur bei seiner Sorglosigkeit, mit der er einen Krieg auslöste? Die Lösung zu diesem Rätsel an Egoismus und Vorteilnahme lag in einer simplen Erklärung: Dieser Mann war ein Monterny. Die Menschen interessierten ihn nicht, nur sein persönlicher Erfolg. Und dieser Monterny rechnete sich gute Chancen aus, selbst noch vom Ende der Welt zu profitieren. Und ausgerechnet in seinen Händen ruhte nun ihr weiteres Schicksal. Tatjanas Herz verkrampfte sich vor Angst um ihr Land und ihre Landsleute.
***
Vladimir Tomisenkow stand als Staatschef vor der schwierigsten Entscheidung seines Lebens. Gewiss, die Entführung der Gebrüder Goratschin war schlimm gewesen, aber die Möglichkeit, dass sie sich in Rhodans Händen befanden, quasi der Supertechnologie hinzu gefügt wurden, nagte an ihm. Wenn dies wirklich der Fall war, dann würde Russland der Raketenschild auch nichts mehr nützen, weil ein Stratoklipper nach dem anderen von den Brüdern ausgeschaltet werden würde. Bisher hatte die Regierung Russland Rhodan als nützlich angesehen, oder zumindest geglaubt, einen größeren Konflikt zu verhindern, solange er unter seiner Kuppel blieb. Aber nun waren die Karten neu gemischt, anders verteilt, und Russland drohte der Verlierer zu sein.
„General Sukow soll sich sofort bei mir melden“, befahl er seinem Vorzimmer über die Sprechanlage. Sie mussten etwas tun, und auch wenn sich alles in Vladimir Andrejewitsch Tomisenkow dagegen sträubte, der Oberbefehlshaber der Atomstreitkräfte Russlands musste hinzu gezogen werden. Wenn es doch nur gelang, einen begrenzten Schlag gegen die Strahlende Kuppel zu planen... Wenn es denn nur gelang, den zu erwartenden Gegenschlag abzufangen und auf diplomatischem Wege ein Ende zu erreichen, bevor die Sache eskalierte... Wenn es überhaupt eine Möglichkeit gab, Rhodans Unterschlupf zu gefährden!
Und wenn die NATO wenigstens für ein paar Stunden still hielt, dann gab es bald keine außerirdische Technologie mehr auf der Erde, und der alte Status Quo war vielleicht wiederhergestellt. Tomisenkow atmete tief ein. Die Verantwortung senkte sich auf seine Brust wie ein Amboss und schnürte ihm den Atem ab.
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