When you Wish upon a Star

GeschichteRomanze / P12 Slash
Amerika Russland
02.10.2009
02.10.2009
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Inspiriert durch folgenden wundervollen Fancomic:
http://community.livejournal.com/hetalia/1527129.html

~~~

Der Umschlag lag auf seinem Tisch. Kein Absender. Kein Empfänger. Nichts, was auf die Herkunft schließen ließ. Doch das machte nichts, denn Alfred wusste auch so, von wem er war und wie der Inhalt lautete.
Es waren jedes Mal die gleichen Worte in der ihm altbekannten, geschwungenen Handschrift, die deutlich zeigte, dass der Verfasser viel eher das kyrillische als das normale Alphabet gewohnt war.
Alfred musste den Umschlag nicht einmal öffnen, die Botschaft nicht lesen. Er wusste, was von ihm verlangt wurde.

Heute Nacht an unserem speziellen Ort.

~*~

Es wunderte ihn zugegebenermaßen, dass es in dieser Nacht nicht regnete. Viele – viel zu viele – ihrer Begegnungen, die positiven wie die negativen, hatten bei Regen und Donner stattgefunden, in sibirischer Kälte, die sich in Mark und Bein fraß, oder in dichtem Schneegestöber.

Doch diese Nacht war angenehm mild und die Sterne leuchteten hell am Firmament. Beinahe so, als wollten sie ihm den Weg weisen.
Wie unnötig … er wusste doch, wohin er gehen musste.
Wie von selbst lenkten ihn seine Schritte weiter, höher, die Wege entlang, den Sternen entgegen.

Natürlich wartete der andere bereits auf ihn, und er wusste nicht, ob ihn dieser Umstand amüsieren oder verärgern sollte. Es wäre nämlich falsch, wenn man behauptete, dass Russland ihm jemals einen Schritt voraus gewesen wäre. Vielmehr begleitete Russland ihn auf Schritt und Tritt, war ihm immer dicht auf den Fersen, war … nun gut, in letzter Zeit war der andere manchmal ein wenig schneller, hatte die neuste Rakete, die neuste Waffe einen Sekundenbruchteil vor Amerika in die Finger bekommen und rieb es ihm jedes Mal unter die Nase, um ihn zu provozieren.

Aber … konnte man es ihm verübeln? Er selbst tat es ja auch …

„Du bist gekommen“, sagte Braginsky leise und verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. Sein Schal flatterte in der leichten Brise und der Windhauch zerzauste seine Haare ein wenig.
„Das verwundert mich.“

„Ich komme jedes Mal.“

„Du hast den Brief nicht gelesen.“

Alfred lächelte humorlos. Wahrlich, Russland hatte seine Spione überall. Er erwiderte jedoch nichts, sondern nahm schweigend seine Brille ab und verstaute sie sorgsam in einer der Taschen seiner Fliegerjacke.

„Was tust du da?“ Braginsky neigte den Kopf zu Seite und musterte ihn mit neugierigem Blick.

„Ich will-“ Dich nicht sehen, lag es ihm auf der Zunge. Doch das wäre eine Lüge gewesen, denn er brauchte keine Brille, um Braginsky … um Ivan zu erkennen. Das prägnante Gesicht mit den schmalen Lippen, der typisch slawischen Nase und diesen unendlich violetten Augen hatte sich schon seit langer Zeit in sein Gehirn gebrannt, und er sah es jedes Mal vor sich, wenn er die Augen schloss.
„Wenn ich einen Teil meiner selbst ablege“, sagte er stattdessen, „dann kann ich leichter so tun, als wäre ich nicht hier. Dann kommt es mir weniger wie Verrat vor.“

Eigentlich hatte er damit gerechnet, dass Ivan ihn auslachte oder ihn mitleidig ansah. Doch nichts dergleichen geschah. Russland schenkte ihm, seinem Freud, Feind und Liebhaber, nur ein Lächeln, das durch seine Ehrlichkeit bestach und dessen Intensität selbst den unbarmherzigen Schnee der russischen Tundra zum Schmelzen bringen würde.
„Verrat an deinem Volk?“, fragte er in einem leisen, bitteren Tonfall. „Deinen Kindern?“

Sofort schämte Alfred sich dafür, dieses Thema überhaupt angesprochen zu haben. Russland sah sein Volk noch immer als seine Kinder an, und das obwohl sie ihn im Laufe der Jahrhunderte so sehr gequält, ausgenutzt und verletzt hatten und es noch immer taten.Und er, Alfred selbst, im Gegenzug …
Er schüttelte den Kopf und verdrängte den Gedankengang schnell. Da sich Ivan inzwischen gesetzt und es sich auf dem Hügel bequem gemacht hatte, ihn auffordernd und einladend betrachtete, ließ sich Alfred zögernd auf seinem Schoß nieder, schmiegte sich an die Wärme, die der andere ausstrahlte. Überraschenderweise, wie Alfred jedes Mal aufs Neue fand. Ebenso überraschend war es seiner Meinung nach immer wieder, wie eng sich ihre Körper aneinander schmiegten, wie perfekt sie zusammenpassten.
Beinahe, so dachte Alfred, als er sich in den beigen Mantel krallte und als sich Ivans Arme besitzergreifend – oder beschützend? Mitfühlend? Verständnisvoll? - um ihn legten, wie füreinander gemacht.

So blieben sie eine Weile, schweigend, in Gedanken versunken, die Nähe des jeweils anderen genießend. Nur manchmal strichen Ivans behandschuhte Finger durch Alfreds Haare. Nur manchmal wechselte Alfred seine Position ein bisschen, um näher an die Finger zu kommen, um seinen Kopf an Ivans breite Schulter zu lehnen oder um zärtlich über über Ivas Hände zu streichen.

Irgendwann hob Ivan den Blick und sah in den Sternenhimmel.
„Sieh mal“, meinte er lächelnd. „Eine Sternschnuppe.“ Als Alfred nicht reagierte, sah er zu ihm herab, blickte ihn aus neugierigen, violetten Augen an.
„Hast du einen Wunsch, Amerika?“

Amerika … dieser Name, der ihm in diesen, solchen Momenten vorkam wie eine tonnenschwere Last auf seinen Schultern. Dieser Name, den er aus Ivans Mund nicht hören wollte. Der Name, der Aufschluss über das gab, was Ivan von ihm zu hören wünschte.
„Es ist nicht wichtig“, sagte er schließlich. „Es ist immer nur derselbe Wunsch.“

Er geht ja doch nie in Erfüllung …

„Ah?“ Ivan legte den Kopf schief. „Verrätst du ihn mir?“

Alfred schwieg einige Zeit. Wieder sah er die Szenerie vor sich, die er nicht sehen wollte. Sah das, was ihr Leben bestimmte, ihre Beziehung zueinander, ihre Aufgabe in der Welt. Das, wofür er sich schämte.
„Manchmal“, begann er leise. Manchmal, wenn sie sich gegenüberstanden, weil sie sich hasserfüllt und hämisch anstarrten, weil sie es mussten, weil es zu ihrem Krieg dazugehörte, weil sie es nicht übers Herz bringen würden, gegeneinander zu kämpfen, wenn sie sich anlächelten … „Da wünsche ich mir, ich müsste nicht Amerika sein. Und du nicht Russland. Und stattdessen ...“ Seine Stimme wurde leiser, unsicherer. „Stattdessen wünsche ich mir, dass wir glücklich sein könnten.“

Ivan schwieg. Und Alfred seufzte. „Sehr egoistisch von mir, oder?“

„Ja“, hauchte Ivan. „Sehr sogar.“
Er sagte es mit einer Wärme, einer Sehnsucht und Bitterkeit in der Stimme, die ihnen beiden klarmachte, dass auch er – Ivan, Russland, Vater und Beschützer seiner Kinder – das Gleiche dachte, wünschte und herbeisehnte.

Wahrlich, wie egoistisch … von ihnen beiden.
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