Die neue Ordnung

GeschichteAbenteuer / P12
30.09.2009
05.09.2019
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Es war nach dem großen Sieg. Groß nur für die, welche sich als Gewinner glaubten.
Die Ordnung, die Gerechtigkeit, das Licht hatte ihr äonenaltes Ziel erreicht: Den Sieg über Chaos und Dunkelheit.

Nahe des Schlachtfelds, auf einer hohen Klippe, standen zwei Männer. Der eine, jüngere, trug eine silberbeschlagene Rüstung. Auf seiner Schulter thronte eine Krähe, die er öfter fliegen ließ, damit sie ihm kundtat, was in der Welt geschah. Sein Name war Crow. An seiner Seite hing ein Schwert. Er sah hinab auf das Schlachtfeld, nein, auf das Schlächterfeld, und seine Miene wurde starr und hart.
Der andere, Ältere lachte hässlich und deutete hinab. Dabei warf er seinen schwarzen Umhang zurück und entblößte seine mattierte Rüstung mit dem tiefschwarzen Schwert an seiner Hüfte. „Siehe, Crow, die Ordnung hat gewonnen. Sieh hinab, wie sie tanzen und feiern, wie sie auf den Leibern ihrer toten Feinde ihre Tische aufstellen.
Wer weiß, wie viele von denen, die entleibt oder sterbend da unten liegen, wirklich Teil des Chaos waren? Oder wer nur aus Angst vor der selbstherrlichen Ordnung in ihren Reihen war?“
„Mylord“, klang Crows Stimme auf, fest und klar, „der Sieger schreibt die Geschichte.“
Der Ältere nickte. „Recht hast du, Crow. Der Sieger schreibt die Geschichte. Solange niemand übrig bleibt, der dem widersprechen kann.“
Der Ältere ging in die Hocke und strich mit der behandschuhten Hand über das zertretene Gras auf der Klippe. Als er sie vor die Augen hob, erkannte er Blut an ihr. „Sie haben den Boden mit dem Blut ihrer Feinde getränkt, ihn geweiht für ihren Kreuzzug des Lichtes, ohne Gnade und ohne Rücksicht.“
„Wie ich bereits sagte, Mylord, der Sieger schreibt die Geschichte. Doch Ihr scheint euch damit nicht abzufinden. Warum habt Ihr dann nicht in den Kampf eingegriffen?“
Die Augen des Älteren gingen in die Tiefen der Zeit zurück, bekamen den Glanz des Ewigen. „Crow, du kennst mich nur unter meinem jetzigen Namen und nennst mich Mylord. Und gewiss, in meinem langen Leben trug ich viele Namen und war des Öfteren ein Bruder, Fürst, Gefolgsmann und auch König. Einst stand ich sogar in den Reihen derer, die dort unten ihren Sieg zelebrieren.“
Der Blick kehrte zurück in die Gegenwart. „Weisst du, Crow, wie man Ordnung zu definieren hat? Weisst du, wie immens wichtig Ordnung für jede Armee dieser Welt ist? Weisst du, wie hehr die Ideale der Menschen dort unten sind?"
„Das sind viele wichtige und schwere Fragen, Mylord“, erwiderte der junge Krieger und dachte nach. „Wie erkläre ich Ordnung? Doch wohl am ehesten damit, dass alle seinen geregelten Gang geht. Dass die Ebbe kommt, wenn sie kommen soll, dass die Flut kommt, wenn sie an der Reihe ist. Dass ein Dolch in die Richtung fliegt, in die ich ihn werfe.
Aber auch das ist Ordnung: Eine Gemeinschaft, in der jeder seine feste Aufgabe hat, in der jeder ein Teil der Gesamtlast trägt und somit die Gruppe unterstützt.
Für eine Armee ist die Ordnung immens wichtig. Jede Armee braucht ihre Hierarchie, braucht feste Versorgung und gute Führung.
Und zur dritten Frage, Mylord, jene dort führten ihre Truppen mustergültig im Sinne der Ordnung. Andererseits waren auch ihre Gegner mehr als erfahren auf diesem Gebiet.
Ich denke, dass dies nur Teil der notwendigen Disziplin, und keinesfalls ein hehres Ideal ist.
Die anderen Ideale, nein, ich will sie Ansprüche nennen, sind: Sie allein sind im Recht. Diesen Anspruch haben sie hier auf den Feldern vertreten und gesiegt. Sie allein sind die Vertreter von Licht und Ordnung. Auch in diesem Punkt haben sie gesiegt.
Und letztlich ist jeder, der nicht für sie ist, gegen sie. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.“
Wieder lachte der Ältere. „Gut beobachtet, Crow. Du siehst also, worauf ich hinaus will.
Jene dort, die über die Horden des Bösen gesiegt haben, halten sich für die Streiter des Lichts, die Hüter der Freiheit. Und doch haben sie diese Ideale mit jedem Toten in den Staub getreten. Sieh hinunter, wie sie feiern. Alles ist geregelt. Wer wie viel Wein erhält, wer bei wem sitzen darf oder muss, und auch wie ausgelassen ein jeder sein darf. Es dauert nicht mehr lange, und ihnen wird auch noch befohlen, in den richtigen Bahnen zu denken, damit diese Ordnung Bestand hat. Nicht mehr lange, und jeder, der einen Funken Kritik äußert, ihn auch nur denkt, wird zum Feind. Und Feinde vernichten diese Krieger ohne Gnade.“
„Wie wir gesehen haben, Mylord. Und was ist jetzt?“
„Was sollte schon sein? Diese Welt wird schon bald so aussehen, wie sie es sich wünschen, und damit mehr einer Hölle gleichen, als die Welt, die ihre Feinde errichtet hätten.“
„So schlimm seht Ihr die Zukunft, Mylord? Warum habt Ihr dann nicht doch in den Krieg eingegriffen, wo Ihr doch die Macht dazu habt?“
Ein wehmütiger Zug spielte um den Mund des Älteren. „Bis zuletzt habe ich gehofft, dass einige von ihnen zur Besinnung kommen. Dass sie lernen, erkennen. Und diese Hoffnung habe ich noch immer nicht aufgegeben. Ich werde nach diesen Ausschau halten.“

Sie sahen wieder hinab auf den Festplatz. Zwischen den Tischreihen gingen Wachen mit grimmigen Mienen, um jene, die zu sehr ihrer Freude nachgaben, zu ergreifen, maßzuregeln oder gar einzukerkern. Sollte dies die Zukunft sein?
„Halt!“, erklang hinter ihnen ein scharfer Ruf.
Sie wirbelten herum, Crow die Hand am Schwertgriff. Doch ein Wink des Älteren hielt ihn davon ab, es zu ziehen.
Es war eine Patrouille von zehn Kriegern des Lichts, wie sie hundertfach ausgesandt worden waren, um Überlebende und Versprengte zu finden und zu töten.
„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, rief ihr Anführer.
„Nichts. Wir wollten gerade gehen“, sagte der Ältere leise und wandte sich ab.
„Halt!“, klang der Ruf wieder auf. „Ihr deucht mich Krieger zu sein. Warum, so frage ich mich, habt Ihr nicht an unserer Seite gegen das Chaos gefochten?“
„Genug Kriege gesehen haben meine Augen. Genug Tod, genug Wunden, genug Leid und genug Folter. Ich bin dessen müde. Mich dürstet es nicht nach Kriegsglück und Siegen. Lasst mich und meinen Freund einfach unserer Wege ziehen und diesen Tag vergessen. Ihr habt gesiegt. Belasst es dabei.“
Doch da zogen die Soldaten ihre Schwerter blank. „Ihr seid nicht mit uns? Doch wer nicht mit uns ist, muss Teil der Chaostruppen sein, oder noch schlimmer, ein verdammter Neutraler! Dies ist der wirrste Haufen auf dieser Welt, der nicht verstehen will, dass wir alle gegen das Böse zusammenstehen müssen! So oder so, Ihr seid gegen uns. Und darum werdet Ihr sterben!“ Mit gezogenen Klingen drangen sie auf die beiden Krieger ein.

Crow wirbelte herum, hielt sein Schwert in der Hand. Noch in der Bewegung zog er es einem Soldaten über den Leib. Der feste Stahl sprengte seine Rüstung und seinen Leib. Seine Krähe stieg auf und blieb dort.
Den nächsten tötete Crow, indem er einfach dessen Schwert zerteilte und die Wucht des Schlages nutzte, Helm und Schädel aufzuspalten.
Zur gleichen Zeit warf der Ältere seinen Umhang über die Schulter und zog die finstere Klinge. Damit tänzelte er vorbei an dreien der Krieger, und als er danach einen Herzschlag lang verharrte, fielen sie tödlich verwundet zu Boden.
So stellten sich die beiden, das Blut ihrer toten Gegner an den Klingen, den restlichen fünf. Die drangen auf sie ein, bezahlten dies aber ebenso wie ihre Kameraden mit dem Leben. Der letzte aber warf scheu sein Schwert fort und floh.
Da stürzte die Krähe herab, spannte ihre Flügel um sein Gesicht und raubte ihm das Leben.
Noch immer zornig kehrte der Vogel zurück auf Crows Schulter.

„Und nun, Mylord? Was wollen wir nun tun?“
So standen sie da, inmitten von Blut und Tod. Da nickte der Ältere schwer. „Sie sagen, sie vertreten die Ordnung. Dabei ist es nur die Sterilität. Sie sagen, sie seien die Guten. Aber ihre Handlungen sind böser und gnadenloser als die jener, welche sie bekämpfen.
Sie glauben, ihr Kampf ist zu Ende? Er beginnt gerade erst. Denn fortan stehen sie gegen mich und einen jeden, der mir folgen will!“
Crow sank auf ein Knie. „Dann lasst mich der Erste sein, der Euch folgt, Mylord. Lasst mich uns als das benennen, was jene bekämpfen, sie herausfordern und ihre eigene Torheit gegen sie wenden. Wir wollen nicht gut sein, denn das wahre Gute tötet nicht und führt keine Kriege. Aber wir wollen nicht Sklaven erziehen wie jene dort. Ein jeder, der uns folgt, mag sich in unsere Ordnung einfügen, aber doch frei bleiben im Herzen und in der Entscheidung.
Sie werden uns Dämonen rufen, aber insgeheim werden sie uns fürchten und uns weichen. Denn ist nicht unser Handeln so viel gerechter als ihres?“
„So sei es!“, rief der Ältere mit Donnerstimme. „Sei mein erster Gefolgsmann, Lord Crow. Sei mein Herold und mein Erster Warlord. Und lasst uns gemeinsam mit all jenen, die uns folgen wollen, dem Guten den Kampf ansagen.
Gerechter wird unser Handeln dadurch nicht, mein erster Warlord, denn Gerechtigkeit gibt es nicht mehr. Aber wir tun, was getan werden muss!“
„Aye, Mylord“, erwiderte der Warlord.
„Gehen wir, Lord Crow. Hier an diesem verfluchten Ort haben wir nichts mehr verloren.“

Sie wandten sich um und verschwanden in der beginnenden Dämmerung.
Ein Ende? Nein, dies war der Anfang...
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