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Sommernachtsfeuer

von Yorukage
KurzgeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
26.09.2009
13.05.2010
10
22.378
1
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Dieses Kapitel
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26.09.2009 2.123
 
Bei Sommernachtsfeuer handelt es sich um eine kleines Sidesstory zu Aldones' Fluch von Nekomiffy und mir. Sie spielt ca. 18 Jahre vor Beginn der eigentlichen Handlung und stellt das Armida von Raghnall Altons Jugend in den Mittelpunkt.

Ich habe mich hier ausnahmsweise einmal an einem Genre versucht, das mir eigentlich überhaupt nicht liegt und mit dieser Romanze im klassischen Sinne vermutlich in so jeden Schmalztopf gegriffen, der in Reichweite stand. Es war mein erster Versuch und es wird voraussichtlich auch mein letzter bleiben. Ich bitte also um Nachsicht für ungelenke Formulierungen.
Dafür habe ich mich allerdings im Ermorden von Charakteren und "Not-Me!"-s kolossal zurückgehalten - was wirklich nicht einfach war - und kann zumindest behaupten, dass es keine Toten gibt. ;)

Die Geschichte ist ein Oneshot im eigentlichen Sinne, auch wenn die Geschichte weitaus länger geworden ist, als ich es beabsichtigt habe (die leidige Schreibdynamik). Ich nutze daher die Kapitelaufteilung hier der Übersichtlichkeit halber, um keine zu lange Textwurst zu fabrizieren. Somit sind die Kapitel also nicht als Kapitel, sondern vielmehr als Absätze zu verstehen.
Zur Zeit befindet sich die Geschichte in der Überarbeitung. Ich werde die Teile hier nach und nach posten, sobald ich sie gebügelt, ordentlich zusammengelgt und salonfähig gemacht habe.

Darüber hinaus gilt natürlich der gleiche Disclaimer wie für "Aldones' Fluch" mit dem kleinen Zusatz, dass Nekomiffy 50% der Anteile an den Charakteren hält. ;-)

ACHTUNG SPOILER!!!
Wer "Aldones' Fluch" noch nicht gelesen hat und beabsichtigt, dies nachzuholen, dem empfehle ich dringend, diese Geschichte ersteinmal links liegen zu lassen und "Aldones' Fluch" mindestens bis Kapitel 21 zu lesen.




Sommernachtsfeuer



Mit einem lauten Poltern fiel die Tür zum Brunnenhaus hinter der jungen Magd ins Schloss, und sie strich sich erschöpft eine vorwitzige blonde Haarsträhne aus den Augen.
Noch immer hatte Shavonne sich nicht an die harte körperliche Arbeit und die langen Tage, die bereits früh vor der Morgendämmerung begannen und erst weit nach Sonnenuntergang endeten, gewöhnt, und sie hätte nie damit gerechnet, dass einfaches Tagwerk so anstrengend sein konnte.
Schon mehrere Zehntage war sie nun auf Armida, schuftete Tag für Tag, scheuerte Pfannen, putzte den Herd, fegte die Asche auf. Dinge, die sie nicht einmal in ihren kühnsten Träumen je zu verrichten gedacht hatte, gehörten jetzt zu ihren Alltag und waren die einzige Möglichkeit für sie, zu überleben, seitdem sie auf sich allein gestellt war.
Aber sie war fest entschlossen, sich nicht unterzukriegen zu lassen; gleichgültig, wie schwer es ihr fiel oder ob abends ihre Arme so schwer waren, dass sie sie kaum zu heben vermochte und der Rücken schmerzte, als sei sie eine alte Frau. Denn was sie erwartete, wenn sie entlarvt wurde, war weit schlimmer als das bisschen Wasserschleppen und Bodenwienern.
Dieses Wissen war ihr eine ständige Warnung, und so rappelte sie sich mühsam wieder auf, um den schweren Holzeimer an der eisernen Kette hinabzulassen, während sie weiter ihren Gedanken nachhing. Zwar war die Arbeit, die sie täglich zu verrichten hatte, schwer, und jeden Morgen kostete es sie aufs Neue all ihre Überwindung, ihr kratziges Strohlager zu verlassen, aber sie musste zugeben, dass es der Dienerschaft an diesem Hof eigentlich recht gut ging. Es wurde nichts Unmögliches von einem verlangt, das Essen war reichhaltig und abwechslungsreich, und obwohl sie erst seit kurzem hier diente und sozusagen die schmutzigste Arbeit zu verrichten hatte, besaß sie bereits eine eigene Kammer mit Ofen und ausreichend Brennholz, um des Nachts nicht zu frieren.
Trotzdem beabsichtigte sie nicht, hier lange zu verweilen. Ein Leben als Magd, von morgens bis abends zu schuften, damit reiche Herren ein annehmbares Auskommen hatten und sich dem Müßiggang widmen konnten, war mit Sicherheit nicht das, was sie sich unter ihrer Freiheit vorgestellt hatte. Sie hatte nur vage Geschichten über die Priesterinnen der Avarra gehört, da Erzählungen über derartige Dinge an ihrem Hof verboten gewesen waren, aber deren Insel war ihr Ziel. Sie musste lediglich warten, bis sie wieder genügend Proviant und ein bisschen Geld für die weitere Reise zusammengespart hatte.
Mit einem Ruck zog sie den gefüllten Eimer über die Brunnenkante und erstarrte: Das Antlitz, das ihr von der schimmernden Wasseroberfläche entgegenblickte, hatte nichts mehr mit der strahlenden sechzehnjährigen Schönheit gemein, die weit über die Grenzen gerühmt worden war. Ihre weiße Haut wurde durch einen schwarzen Rußfleck auf der Wange entstellt, und die langen blonden Locken, die ihr Gesicht umrahmten, waren zerzaust und staubig, während dunkle Ringe unter ihren saphirblauen Augen von zu wenig Schlaf zeugten. Mit einem Seufzen wischte sie sich den Schmutz aus dem Gesicht und füllte den großen Wasserkrug, um sich wieder auf den Weg in die Küche zu machen, wo sie vermutlich schon wieder sehnsüchtig erwartete wurde.
Aber die Zeit, die sie noch hier verbringen musste, war absehbar.
Ein paar Zehntage nur würde es wahrscheinlich noch dauern, bis sie für eine Weiterreise gewappnet war und endlich zu der Heiligen Insel der Priesterinnen aufbrechen konnte. Dass sie die Fähigkeiten besaß, um bei ihnen aufgenommen zu werden, stand für sie vollkommen außer Frage, hatten ihre Lehrmeisterinnen doch immer ihre starke Empathie und ihre außergewöhnliche Begabung zur Heilung gelobt. Wenn sie den Damen dort ihr Anliegen vortrug und ihr Anliegen schilderte...
Lautes Hufgetrappel und ein erschrockener Warnruf rissen sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um, um zu sehen, was die Ursache für diesen Aufruhr war, und erstarrte. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie den schwarzen Hengst an, der sich über ihr aufbäumte. Hufe schlugen nach ihr, und für den Bruchteil eines Augenblicks glaubte sie schon, ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Der Krug entglitt ihren Händen und zerschellte auf dem harten Stein, so dass sein Inhalt sich über den Hof ergoss, als sie das Gleichgewicht verlor und ins Taumeln geriet.
Hart schlug sie mit dem Kopf auf, und für einen Moment tanzten Sterne vor ihren Augen. Warum nur hatte sie nicht auf ihren Vater gehört und Armida und seine Ungeheuer weiträumig gemieden? Nun ging ihre Reise zu Ende, ehe sie überhaupt begonnen hatte...

„Geht es dir gut?“ Eine dunkle Stimme riss sie aus der drohenden Ohnmacht, und sie spürte, wie sanft ihr Kopf angehoben wurde. Vorsichtig wagte sie zu blinzeln, immer noch in Erwartung des schwarzen Ungetüms, das sie über ihr erhob, aber sie blickte lediglich in ein Paar tiefgrüne Augen, die sie besorgt musterten.
„Hast du irgendwelche Schmerzen?“, fragte der junge Mann erneut und strich ihr vorsichtig eine Haarlocke aus dem Gesicht.
Shavonne jedoch war unfähig zu antworteten. Sprachlos blickte sie in das markante Gesicht des jungen Herrn von Armida, in dem die letzten Spuren jugendlichen Übermuts fast vollständig der erhabenen Würde gewichen war, die seine Position erforderte. Ihr Herz pochte, und sie versuchte vergeblich ein Wort über die Lippen zu bringen, schaffte es aber schließlich, den Kopf zu schütteln.
„Nein, mir... mir fehlt nichts“, antwortete sie mit belegter Stimme.
Lord Alton musterte sie skeptisch. “Ich werde besser den Heiler rufen, bevor...“
„Es ist schon in Ordnung“, fiel sie ihm ins Wort und richtete sich mit seiner Hilfe ein wenig auf. Sie wusste nicht recht, was mit ihr los war, aber die Anwesenheit dieses Mannes verwirrte ihre Gedanken. Es waren starke Arme, die sie hielten, und der herbe Duft, der von ihm ausging, ließ ihr Herz höher schlagen. Ein seltsames Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit ging von ihm aus, und einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, einfach den Kopf an seine Schulter zu legen und...
Voran bei Zandrus Neunter Hölle dachte sie da gerade? Schamvolle Röte stieg ihr in die Wangen, und sie fixierte die blau-grüne Blumenstickerei, die die Ärmel seines dunkelblauen Seidenhemdes zierte. „Ich muss wirklich weiterarbeiten“, wehrte sie seine Fürsorge ab.
„Nun, ich denke, die Küche wird so lange warten können, bis Bertrand einen Blick auf dich geworfen hat. Im Zweifelsfall werde ich veranlassen, dass deine Aufgaben von jemand anderem übernommen werden, bis du wieder vollends genesen bist“, ermahnte Raghnall Alton sie ernst, doch Shavonne schüttelte vehement den Kopf.
„Nein!“ Mit einem Satz war sie auf den Füßen und klaubte die Reste ihres Eimers zusammen. Ihr Kopf schmerzte ob des harten Aufschlags, und für einen Augenblick wurde ihr schwindelig, als sie sich zu schnell bewegte. Sofort war Lord Altons stützender Arm zur Stelle.
„Muss ich dir unbedingt erst befehlen, dich auszuruhen?“, fragte er mit einem Stirnrunzeln.
„Ich weiß sehr wohl, wann ich mich ausruhen muss und wann nicht, vai Dom“, antwortete sie spitz. „Und nun wäre ich Euch sehr verbunden, wenn Ihr mich meine Arbeit tun lassen würdet. Ihr entschuldigt mich.“ Sie musste dringend etwas Abstand zwischen sich und diesen Mann bringen, bis sie wieder klar denken konnte. Vermutlich war der Aufprall doch härter gewesen, als sie vermutet hatte.
Der Herr von Armida musterte sie verdutzt ob ihres resoluten Auftretens, ließ sie aber gewähren. „Sei aber das nächste Mal vorsichtig, wenn du über den Hof gehst. Es kommt häufiger vor, dass hier das eine oder andere Pferd über den Hof prescht, und nicht immer ist jemand da, um es aufzuhalten.“
„Seid Ihr besser vorsichtig, wenn Ihr das nächste Mal über den Hof reitet. Es kommt häufiger vor, dass die eine oder andere Magd über den Hof geht, und irgendwann ist niemand mehr da, der Euer Essen kocht“, hielt die junge Magd ein wenig schnippisch dagegen. Den Rest ihrer Würde zusammenkratzend, richtete sie sich kerzengerade auf und stolzierte hoch erhobenen Hauptes vom Platz, die Trümmer ihres Wasserkruges in der Hand, als trage sie nicht einen Scherbenhaufen, sondern die goldene Blüte der Heiligen Cassilda. Den Blick Lord Altons spürte sie noch im Rücken, bis sich die Küchentür hinter ihr schloss.
Erst jetzt erlaubte sie sich, erleichtert aufzuatmen.
Zu was in alles in der Welt hatte sie sich hinreißen lassen? Raghnall Alton war ein Mann wie jeder andere auch. Eingebildet, selbstüberschätzend und über die Maßen aufgeplustert. Sie hatte Dutzende von dieser Sorte kennenlernen müssen und war ihrer mehr als überdrüssig. Darüber hinaus war er verheiratet, sie sollte also nicht einmal einen Gedanken an ihn verschwenden. Und dennoch ließ die Erinnerung an seine fürsorgliche Umarmung ihr Herz höher schlagen, ohne dass sie dies irgendwie verhindern konnte. Dabei wusste sie noch nicht einmal viel über den Herrscher von Armida, außer dass er erst vor wenigen Monden nach dem überraschenden Tod seines Vaters den Thron bestiegen hatte und dass die Küchenmädchen für ihn schwärmten.
Und natürlich durfte sie die Tatsache nicht außer Acht lassen, dass er ein Alton war; ungehobelte, streitsüchtige Raufbolde, die über die Gefühle anderer trampelten wie ihre Pferde über das zarte Grün einer Frühlingswiese. Ihr Vater hatte sie oft genug vor dieser Familie gewarnt – und nur deswegen war sie überhaupt hierher gekommen: Die Küche der Altons war mit Sicherheit der letzte Ort, an dem ihre Familie und ihr schrecklicher Verlobter sie suchen würden.
„War das nicht Dom Raghnall?“ Die aufgeregte Stimme von Merla, einer der Küchengehilfinnen, ließ sie aus ihren Gedanken schrecken. “Oh, du Glückliche! Ich würde wirklich alles geben, einmal so in seinen Armen zu liegen“, beantwortete diese ihre Frage gleich selbst, während sie angestrengt durch das matte Fensterglas auf den Hof starrte,
„Glücklich? Sein Pferd hätte mich fast zu Tode getrampelt.“ Shavonne fuhr entrüstet herum. Merla war ein dralles Mädchen ungefähr in ihrem Alter, mit schwarzen vollen Haaren und einem runden Gesicht, das Shavonne immer an die Milchspeise denken ließ, die sie als kleines Kind immer so gerne gegessen hatte.
„Für so einen Moment würde ich mich bedenkenlos von hundert Pferden niedertrampeln lassen. Er ist einfach wundervoll.“ Voller Entzücken schlug die andere die Hände ineinander.
Shavonne glaubte ihren Ohren nicht zu trauen und schüttelte leicht den Kopf, als könne sie das Hirngespinst damit verscheuchen, während sie ihr Gegenüber entgeistert anstarrte.
Wie konnte man derart einfältig sein? Als gäbe es nichts Wichtigeres im Leben, als irgendeinem Mann hinterherzulaufen und...
„Nona, wo bleibt das Wasser?“, die vorwurfsvolle Stimme eines Küchengehilfen riss sie aus ihrem Entsetzen.
Das Wasser. Das hatte sie ja vollkommen vergessen. „Es gab ein kleines Missgeschick“, stotterte sie erschrocken. „Der Krug ist mir entglitten und auf dem Boden zerschellt.“
„Nona, Nona, was mache ich nur mir dir?“ Der junge Koch schüttelte resigniert den Kopf. „Es kann nicht angehen, dass du bei jeder zweiten Aufgabe, die ich dir gebe, mit irgendeiner Ausflucht kommst, warum du sie nicht erledigen konntest. Wenn du hier arbeiten willst, musst du schon achtsamer und sorgfältiger – und vor allen Dingen schneller werden. Wenn sich das nicht ändert, werde ich dem Coridom wohl oder übel sagen müssen, dass du dir anderweitig eine Beschäftigung suchen musst. “
Shavonne lief rot an und sah beschämt zu Boden. Sie konnte doch gar nichts dafür. Wenn dieser achtlose Kerl mit seinem ungestümen Pferd nicht gewesen wäre, hätte sie den Auftrag doch schon lange ausgeführt.
„Bitte verzeiht. Ich mache mich umgehend an die Arbeit“, antwortete sie dennoch kleinlaut und griff eilig nach einem intakten Holzeimer, ehe sie fluchtartig die Küche verließ, um ihr Versäumnis nachzuholen.


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