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Auf Umwegen ans Ziel

von Dara
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
19.09.2009
19.06.2012
50
64.139
3
Alle Kapitel
192 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
19.09.2009 1.863
 
Danke für die Reviews, es macht wirklich Spaß für euch zu schreiben ;-)

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Rieke kam am nächsten Nachmittag vorbei. Als Finja die Tür öffnete, wurde sie erstmal in den Arm genommen: „Hi, wie geht es dir?“ Finja nahm Rieke mit in die Küche: „Geht so, ich frage mich die ganze Zeit, wie es Chris geht.“ „Geht so, er ist gestern lange spazieren gegangen und hat sich dann ausgesprochen“, Rieke lachte über Finjas erstaunten Blick. „Und das weißt du woher?“ „Na, er hat mit mir geredet!“ „Mit dir, wo hast du ihn denn getroffen?“ „Ich wusste doch, dass du mit ihm redest. Da habe ich vor deiner Haustür auf ihn gewartet, hab mich nicht abwimmeln lassen, bin gefühlte Stunden neben ihm her gelaufen, bis er irgendwann mal den Mund aufmachte.“ Finja verstand die Welt nicht mehr: „Aber warum kümmerst du dich um Chris?“ „Naja, erstmal dir zu liebe, du konntest ihn ja schlecht trösten. Außerdem finde ich ihn sympatisch und ich fand, er solle nicht allein sein mit seiner Traurigkeit.“ „Du magst ihn“, Finja schmunzelte, „wenn dir jemand vor einem halben Jahr gesagt hätte du würdest Chris mögen und dich um ihn kümmern, hättest du ihn für verrückt erklärt!“ „Man kann seine Meinung doch ändern!“ Finja blickte Rieke forschend an: „Wie sehr magst du ihn? Könntest du dir vorstellen...“ „Im Moment ganz bestimmt nicht. Man fängt nichts mit einem Mann an, von dem sich gerade jemand getrennt hat. Und wenn du schlau bist, hältst du dich auch bei Kim daran. Man weiß doch, dass die nur jemanden zum Kuscheln und Bett wärmen suchen, damit sie nicht merken, wie einsam sie sind. Und kaum haben sie die Trennung überwunden, ist man abgeschrieben und sie suchen sich 'ne neue Frau für's Leben. Besser ist es, abzuwarten bis sie die Trennung überwunden und den Kopf frei für eine Neue haben!“ Finja sah Rieke erstaunt an, konnte aber nicht umhin ihr zuzustimmen, irgendwie hatte ihre Freundin wohl recht.
Sie plauschten noch ein bisschen über Männer, dann machte Rieke sich wieder auf den Weg: „Ich habe keine Lust hier zu sein, wenn Kim kommt!“

Ungefähr eine Stunde später kam Kim, während er auf dem Weg nach oben war, bereitete sich Finja innerlich auf das Zusammentreffen vor. Es verlief allerdings anders, als sie gedacht hatte. Kim stand vor der Tür, begrüßte sie nicht, sondern fragte nur: „Kannst du Ida nehmen? Ich brauche ein bisschen Zeit für mich.“ „Klar“, mehr konnte sie nicht sagen, denn schon drückte er ihr Ida in die Hand und ging wieder. Verwundert blieb Finja zurück. Er hatte nicht traurig oder zornig ausgesehen, einfach nur sehr ernst. Vielleicht waren seine Gesichtszüge auch ein wenig starr gewesen, sie hatte gar nicht genug Zeit gehabt, das genau zu sehen. Nun gut, sie würde abwarten, was er tat, wenn er Ida wieder abholte.
Kaum war Kim weg, kamen Greta und Lotta rein: „Wir haben unten Kim gesehen, aber er hat nur 'Hallo' gesagt, warum ist er denn schon wieder gegangen?“ Glücklicherweise sahen sie dann Ida, freuten sich, dass sie da war und begannen sie zu betüdeln. Ihre Frage hatten sie vergessen.

Als Kim nach drei Stunden zurück kam, verhielt er sich nicht anders als vorher. Er aß mit ihnen Abendbrot und wirkte sehr ernst, benahm sich sonst aber normal. Als die Kinder im Bett waren, setzten sie sich zusammen und und tranken noch einen Tee. Finja wusste nicht so richtig, wie sie mit ihm umgehen sollte und beschloss abzuwarten. Tatsächlich fing Kim an: „Du weißt ja, dass Sandra weg ist“, sagte er völlig emotionslos, „da brauche ich natürlich Unterstützung mit Ida. Kannst du sie nehmen, wenn ich zum Training muss oder ein Spiel habe oder eine Auswärtsfahrt?“ Finja überlegte einen Augenblick, gut, wenn er das erst geklärt haben wollte, sollte das wohl so sein. „Nein , kann ich nicht. Ich nehme Ida natürlich gerne, wenn es passt, aber ich arbeite und da kann ich sie schlecht mitnehmen. Du brauchst auf jeden Fall auch noch jemand anderes.“ Erstaunt sah Kim sie an: „Und ich dachte, du würdest mir helfen!“ „Soweit es mir möglich ist gerne, aber alles kann ich nicht übernehmen. Was du brauchst ist eine Kinderfrau.“ „Kinderfrau?“, fragte er ratlos. „Ja, jemanden, der sich wenn nötig den ganzen Tag um Ida kümmern kann und auch mal nachts, wenn du unterwegs bist.“  Jetzt verstand Kim: „Aber ich kenne niemanden, der sowas macht.“ Finja dachte nach: „Da kann ich dir womöglich helfen. Elisa hat neulich meine Kollegin im Kindergarten vertreten, sie ist total nett und hat vorher als Kinderfrau gearbeitet,bis die Kinder, die sie betreute zu groß für eine Kinderfrau waren. Aber sie suchte eine neue Anstellung als Kinderfrau. Soll ich sie mal anrufen? Dann kannst du sie mal kennenlernen.“ Da Kim nickte, versuchte Finja Elisa zu erreichen. Das wäre eine ideale Lösung, Elisa war supernett und genau so wie Finja sich immer eine Kinderfrau vorgestellt hatte.
„Ich habe vereinbart, dass ihr euch morgen trefft. Sie kann allerdings bis Ende März keine Nachtbetreuung machen, aber das lässt sich bis dann wohl regeln.“ „Danke“, Kim sah erleichtert aus, „das hilft mir! So, ich mache mich jetzt auf den Heimweg!“ Einer Umarmung zum Abschied wich er geschickt aus, so wie er die ganze Zeit jeglichen Körperkontakt vermieden hatte. Zurück blieb wieder eine verwunderte Finja. Was war das denn für eine Reaktion auf Sandras Trennung von ihm? Sehr seltsam, aber Finja war sicher, dass da noch etwas nachkommen würde.

In den nächsten zwei Wochen verhielt er sich allerdings völlig unauffällig, er funktionierte. Er sprach nicht viel, lachte gar nicht, aber machte sonst alles wie immer. Ging zum Training, traf sich mit Kollegen, kümmerte sich um Ida und kam ab und zu mal bei Finja vorbei. Er war sich zu Finjas großer Freude mit Elisa einig geworden und so wusste sie Ida in guten Händen.
Nach zwei Wochen bekam sie allerdings abends einen Anruf von Elisa: „Finja, Kim ist nicht zur verabredeten Zeit zurückgekommen, ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich muss los, aber ich kann Ida ja nicht allein lassen.“ „Leg ihm einen Zettel hin und bring sie zu mir, ich kümmere mich um sie.“ Elisa brachte Ida vorbei: „Du weißt ich bin nicht besonders anstellig, wenn's mal später wird, aber ich warte jetzt schon seit drei Stunden.“ Sie verabredeten, dass Elisa am nächsten Morgen Ida in Finjas Wohnung betreuen sollte, falls Kim nicht wieder auftauchen sollte. Wenn doch, sollte er Elisa eine SMS schicken. Als Elisa fort war, versuchte Finja Kim zu erreichen. Ans Handy ging er nicht, also schrieb sie ihm eine SMS. Er meldete sich aber nicht. Mitten in der Nacht wurde sie vom Klingelton ihres Handys geweckt. Es war eine SMS gekommen: „Pass bitte eine Weile auf Ida auf, ich brauche etwas Abstand! Danke!“ Sofort versuchte sie Kim anzurufen, aber er hatte sein Handy ausgeschaltet. Sorgen machte Finja sich noch nicht richtig, aber sie hoffte, dass Kim bald wieder auftauchen würde.

Das geschah allerdings nicht, nach vier Tagen war sie langsam ziemlich sauer. Als sie Mini in Melsdorf traf, er kam gerade nach Hause, als sie nach der Arbeit noch ein paar Brötchen vom Bäcker holte, fragte sie ihn nach den Trainingszeiten an diesem Tag. „Achtzehn bis zwanzig Uhr, aber warum willst du das wissen? Zugucken ist nicht erlaubt.“ „Ich muss mit Kim sprechen und da ich ihn sonst nirgends erreichen kann, passe ich ihn dann eben nach dem Training ab.“ Mini sah sie neugierig an, fragte aber nicht. „Na, dann sehen wir uns heute Abend!“

Ab zwanzig Uhr stand sie vor der Halle, in der die THWs trainierten. Rieke hütete zuhause ihre Kinder. Nach und nach kamen die Spieler raus, blieben noch einen Moment stehen und quatschten ein bisschen. Mini kam als drittletzter und hielt bei ihr an: „Kein guter Tag für ein Gespräch, Kim ist sehr schräg drauf heute, erst hat er sich mit Alfred angelegt und jetzt streitet er mit Zeitzi. Da bin ich lieber gegangen.“ Kim stritt mit Chris? Keine gute Neuigkeit. „Ich geh mal schauen, oder darf ich nicht rein?“ „Kein Problem, denke ich, sind alle angezogen“, Mini grinste sie an. Finja ging rein, schon im Gang hörte sie die Stimmen der beiden. Kim schrie gerade: „Du musst gerade reden, du bist doch Schuld, dass Sandra weg ist, wer hat ihr denn immer erzählt, dass ich nicht gut genug bin?“ Chris Antwort hörte sie nicht. „Na klar, wahrscheinlicher ist, dass du ihr den Neuen selbst vorgestellt hast, weil er so gut zu ihr passt. Dir war doch alles recht, wenn sie sich nur von mir trennt!“ Sie hörte jetzt zwar Chris' Stimme, aber verstand nicht was er sagte. „Du hast doch keine Ahnung, wie weh mir das tut. Ich habe sie verloren und das tut scheißweh, das kennst du doch überhaupt nicht, dir geht es doch gut!“ Jetzt hörte sie auch Chris' Antwort: „Du weißt doch gar nicht wie es mir geht und was das angerichtet hat. Du hast doch keine Ahnung, wie ich mich fühle!“, und er kam Richtung Tür. Schnell lief Finja wieder nach draußen, sie wollte jetzt nicht zwischen die Streithähne geraten. Wenig später kam Chris raus, stampfte an ihnen vorbei, stieg in sein Auto und weg war er.
Dann kam Kim, er sah immer noch aufgebracht aus. Er schaute Finja an: „Was willst du denn hier?“ Diese Frage brachte Finja endgültig auf die Palme: „Kannst du dir das nicht denken? Seit vier Tagen ist Ida bei mir und du hast dich nicht ein einziges Mal blicken lassen. Du gehst nicht an dein Handy und bist auch sonst nicht zu erreichen. Ist es da verwunderlich, dass ich hier auftauche und mit dir sprechen will?“ Finja merkte, dass die anderen Spieler sie mit offenem Mund anstarrten. Marcus fing sich als erster und fragte erstaunt: „Ida ist bei dir? Aber wo ist denn Sandra?“ Oh nein, es konnte ja wohl nicht sein, dass die noch nichts wussten. Hatte Kim ihnen nichts erzählt? Oder Chris? Hatte denn niemand was gemerkt? Finja sah Kim an, der sie wutentbrannt anstarrte. Ihr rutschte das Herz in die Hose, was hatte sie denn jetzt angerichtet? Da sagte Kim schon mit kalter, zorniger Stimme: „Vielen Dank Finja. Jetzt wissen wenigstens alle was ich für ein Looser bin. Dass meine Frau mich verlassen hat, dass ich sie nicht mehr glücklich machen konnte, dass ein anderer sie besser befriedigt hat. Dass sie mir Ida auf's Auge gedrückt hat, weil die in ihr neues Liebesglück nicht passte.  Dass mich meine Frau seit einem Jahr betrügt und ich es nicht bemerkt habe. Vielen Dank, jetzt können mich alle bemitleiden. Wegen dir kann ich mich nirgendwo mehr sehen lassen. Jetzt hast du mir auch das letzte bisschen Normalität genommen. Ich hasse dich dafür!“ Er rannte zu seinem Auto, schmiss seine Sachen rein und fuhr mit aufheulenden Reifen davon.

Seine Kollegen sahen erst sich untereinander und dann sie entsetzt an. Alle versuchten zu verstehen, was da eben geschehen war. Finja wollte ihnen nichts erklären und schon gar nicht wollte sie hier anfangen zu heulen. Mit einem: „Dann bleibt Ida wohl vorerst weiter bei mir!“, verschwand sie schnell zu ihrem Auto und fuhr ebenfalls weg. Sie wollte nur noch nach Hause und sich bei Rieke ausheulen.
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