Nijura - das Feuer der Dämonennacht

von Ollowain
GeschichteMystery, Fantasy / P12
16.09.2009
04.04.2015
46
39502
 
Alle Kapitel
78 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Die Dämonennacht. Die Nacht aller Nächte. Nijura schlenderte langsam daher. Als sie sich an Kavehs Sorge um sie erinnerte, musste sie unwillkürlich schmunzeln. Der Elf konnte sehr rührend sein. Stets keimten in ihm Ängste auf, dass sie nicht glücklich war, dass sie immer noch Scapa nachtrauerte. Ja, sie musste sich eingestehen, dass sie den schwarzhaarigen Jungen vermisste. Er war zwar ein Mensch von stets wechselnden Gefühlen und Manieren gewesen, aber sie hatte dennoch ihr Herz an ihm verloren. Der Meisterdieb hatte das gewisse Etwas gehabt.

Es gibt ihn nicht mehr … Nijura, er ist fort!! Vereint mit seiner geliebten Arane. Vergiss ihn!, schoss es ihr durch den Kopf. Tränen stiegen der Halbelfe in die Augen.
Arane. Scapas wahre Liebe. Sie - Nijura - hatte er nie gewollt. Nie war er in ihr interessiert gewesen. Immer nur war es der Dolch, der ihn an ihrer Seite gehalten hatte.
Das Mädchen mit den leicht grünlichen, kurzen Haaren merkte nichts von den außenstehenden Elfen, wie sie gemeinsam tanzten und sich in dieser einzigartigen Nacht amüsierten.
Noch heute Morgen, als Kaveh gekommen war, um ihr seine Hilfe anzubieten. Da war sie mit einem Mal glücklich gewesen. Doch nun war diese ferne Freude wie weggewischt. Das Mädchen fragte sich, ob es nicht ferne Einbildung war.

Entmutig verkroch sie Nijura auf ihr Zimmer. Taumelnd, da sie zwischen all den Tränen kaum etwas sehen konnte, kam sie in ihre Unterkunft hineingestolpert. Wie durch ein Wunder hatte sie die Treppenstufen bewältigt. Angekommen brach sie augenblicklich auf die Knie und abgrundtiefe Trauer übermahnte sie, wie die Hirsche Arane und Scapa überrannt hatten. Das Blätterdach über ihrem Baumhauszimmer raschelte leise, als wollte er sie trösten. Silbernes Mondlicht brach durch ihr Fenster und tauchte sie, wie sie da auf ihrem gemütlichen, weichen Bett hockte, ins schimmernde Licht.
Du hast Gefühle und den Wunsch, ein schönes Leben zu führen. Aber beides wird schamlos missachtet. Da fragt es sich natürlich, warum du über diese Empfindungen verfügst, säuselten ihre Gedanken.
Ein herzzerreißender Schluchzer entwich ihren Lippen und sie streckte sich in voller Länger auf ihrem Bett aus. Sie achtete nicht darauf, dass das erdbraune Kleid mit den feinen, goldenen Verzierungen dadurch einige Knitterfalten bekam. Sie vergrub nur ihr Gesicht im weichen Kissen und scherte sich auch nicht um die Tatsache, dass es durch ihre Tränen ganz feucht wurde.

In all ihrem Kummer merkte sie nicht, wie jemand ihr Gemach betrat.
„Nijú, was ist mit dir?“, erkundigte sich ein klare Stimme zaghaft. Es war Kaveh.
„Nichts! Mit mir ist alles in Ordnung …“, schluchzte die Halbelfe. Ihn schien sie damit nicht überzeugt zu haben.
„Na, das sehe ich aber anders“, sagte Kaveh fest entschlossen. Auf leisen Sohlen durchquerte er das Zimmer und ließ sich neben seiner Freundin aufs Bett sinken.
„Nijú, wenn dich etwas bedrückt, dann bin ich gerne bereit, dir zuzuhören und zu helfen. Das weißt du doch hoffentlich“, sagte er und legte Nijura sanft einen Arm um die Schulter. Diese hatte aufgehört zu schluchzen und meinte nur: „Ja … ja, ich weiß!“ Nach einigem Zögern fügte sie etwas selbstbewusster hinzu: „Ich muss mit dem Tod von Scapa klarkommen. Es ist gar nicht so einfach, wie ich gedacht habe. Ich habe ihn geliebt! Das Problem war ja nur, dass er die ganze Zeit über diese Arane wollte!“, sprudelte es aus dem Mädchen heraus.
„Ich verstehe sehr wohl deinen Schmerz. Solch eine Tatsache ist wirklich quälend. Aber überlege doch mal! Angenommen, es hätte Arane nie gegeben. Würde dann immer noch eine Chance bestehen, dass er sein Herz an dich verlieren würde?“, fragte Kaveh ruhig. Nijura ließ sich dieses Motiv durch den Kopf gehen. Was wäre, wenn …
„Ich weiß es nicht. Sein Charakter war nicht unbedingt …“, begann sie zögerlich.
„… leicht gewesen“, beendete Kaveh. Das Mädchen glaubte zu hören, wie der Elf eine abfällige Geste machte.
„Ich will dir keineswegs etwas Falsches einreden, aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob in dem Fall eine wahre Liebe zwischen euch beiden entstanden wäre“, verriet ihr Kaveh.
„Warum sagst du so etwas?“, fragte Nijura leise. Etwas in ihr flüsterte ihr zu, dass sie die Antwort gar nicht hören wollte. Dennoch interessierte sie es brennend, was ihr Kamerad dazu zu sagen hatte.
„Scapa war ein Dieb gewesen! Jemand, der von Dingen anderer Leute lebte, der sich etwas holte, wann immer es ihm beliebt war. Du willst mir demnach doch nicht ernsthaft erzählen, dass er ein Mädchen von deiner Sorte aufrichtig lieben würde?!“
Kavehs Argumente klangen in Nijuras Ohren einleuchtend. Dennoch wehrte sich ein Teil ihres Verstandes gegen jedes Wort, das über des Elfen Lippen kam.

Auf ihr Schweigen reagierte Kaveh mit Vorsicht.
„Es tut mir wirklich leid, wenn ich dich gekränkt habe, aber es ist in der Tat so, oder nicht?!“, entschuldigte er sich mit gedämpfter Stimme. Nijura nickte, sofern es ihre Position erlaubte.
„Womöglich hast du Recht“, gestand sie niedergeschlagen.

Hat er nicht!! Nein, nein, nein. Du liebst Scapa immer noch. Kaveh ist ein Freund. Nochmal wirst du dein Herz nicht verlieren. Nicht hier, nicht an Kaveh. Niemals!!

Nur langsam formte ihr Verstand diese Worte. Die Halbelfe fragte sich, was wohl daran falsch wäre, wenn sie jetzt Kaveh lieben würde. Unsinn, schaltete sie sich. Nichts als Unsinn! Plötzlich fiel ihr auf, dass Kaveh noch immer an ihrer Seite hockte.
„Vielen Dank, dass du mit mir darüber geredet hast. Es hat mir wahrlich geholfen!“, bedankte sie sich. Der Elf erwiderte nichts, aber Nijura ahnte, dass er lächelte. Eine Weile herrschte drückendes Schweigen zwischen den beiden. Man hörte nur entfernte Geräusche des Festes.
„Kommst du noch mit zur Feier, oder willst du lieber …“, begann Kaveh schüchtern.
„Ich komme mit! Wirklich, es klappt schon“, versicherte Nijura und richtete sich mit einem Ruck auf. Sicher war sie sich jedoch nicht. Sie wollte Kaveh nur nicht besorgen oder gar beleidigen, in dem sie ihm mitteilte, dass sie keine Lust hatte.
Sie versuchte entspannt zu lächeln und betrachtete des Elfen schmale Figur und sein fein geschnittenes Gesicht. Die hellbraunen Haare hatte er teils zu Zöpfen geflochten, die hinten in einem eleganten Knoten zusammengehalten wurden.
Wie an dem Tag, wo wir uns kennen gelernt haben, schoss es ihr durch den Kopf und sie dachte an die vergangene Zeit zurück. Die in ihr aufsteigenden Emotionen schnürten ihr für einen Augenblick die Kehle zu.
Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Dann ergriff sie die Hand von Kaveh, die er ihr entgegenhielt.
„Es wird schon!“, flüsterte Kaveh und zog Nijura leise drängend zum Fest.



Auf der Feier hatte offensichtlich niemand ihre Abwesenheit bemerkt und Kaveh mischte sich gemeinsam mit Nijura unter die Menge der Elfen. Nijura glaubte fast, dass die Stimmung noch weiter gestiegen war. Jeder ließ seine Launen frei. Freude und das Gefühl der Freiheit beherrschte den Wald. Die einzelnen Baumkronen wogen sich sachte unter der abendlichen Brise. Und die Grillen, die versteckt im saftig grünen Gras hockten. Sie summten immer noch vor sich hin. Unschuldig und beruhigend. Nijura warf einen kurzen Blick nach oben.
Die Sterne funkelten, schienen Liebe und Entspannung auszustrahlen. Mit ihrem geheimnisvollen Leuchten versprachen sie von fernen Träumen. Im Hintergrund hörte die Halbelfe die Bäume flüstern. Sie sprachen von dem Abend, redeten ihr ein, dass sie ihn genießen sollte.
Lass dich fallen, hörte sie einen Baum raunen.
„Nijura?!“, unterbrach Kaveh ihre geistige Abwesenheit. Sie lächelte ihn zur Antwort an.
„Lass uns tanzen, Kaveh! Wir wollen doch nicht zulassen, dass dieser Abend ohne weiteres an uns vorbeirauscht, nicht wahr?“
Mit diesen Worten zog sie den verdutzen Elfen in die tanzende Menge der Elfen. Ein Lachen entfloh den Lippen von Nijura. Gefühlsmäßig war sie wieder am Morgen dieses Tages angekommen.
Doch das Leben ging weiter. Es war nur die Frage ihrer Einstellung, wann und ob sie etwas daraus machen würde.

Kaveh war von ihrem plötzlichen Stimmungswechsel sichtlich überrascht. Doch er ließ sich ebenfalls von den Emotionen des Abends davontragen.
Freude und das Gefühl von endloser Freiheit beherrschten ein jedes Herz. Er war erstaunt, wie gut Nijura tanzen konnte. Ihre Bewegungen waren locker und fließend. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich das, was er in ihrer Nähe fühlte.
Frohsinn.
Er fragte sich, ob sie nun endgültig über Scapas Tod hinweg gekommen war. Kaveh wünschte  es sich mehr als alles andere. Nichts war ihm lieber, als dass seine Nijú diesen verfluchten Scapa vergaß. Am besten für immer!
Kaveh schluckte seinen Zorn über den Menschendieb runter und strich die bösen Gedanken aus seinem Kopf.
Stattdessen lächelte er Nijura an und sie antwortete mit einem leisen Lachen. Sie war glücklich – wieso auch immer – und das war das Einzige, was zählte.
Kaveh musste erneut schmunzeln. Er verstand ihre Gefühle einfach nicht. Sie waren so verwirrend. Von glücklich zu traurig. Von traurig zu glücklich. Ein fliegender Wechsel.
Nichts desto trotz musste sich Kaveh eingestehen, dass er Nijura liebte. Er liebte sie vom ganzen Herzen und er war bereit für ihre Liebe zu kämpfen. Sei es auch ein fernes Ziel, er war bereit diesen Weg zu betreten. Diese Erkenntnis hatte er all die gemeinsame Zeit nicht wahrgenommen, wohlmöglich ausgeblendet. Doch nun wusste er es. Kaveh wusste, was ihn die vergangenen unzähligen Tage dazu bewegt hatte, sich in Nijuras Nähe aufzuhalten.


Für dich, Nijú, würde ich meine Beine ins Feuer legen. Ich will alles für dich tun! Sei es auch das Gefährlichste, was man sich denken kann.
Review schreiben