Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Ecton Heights

von veone
Kurzbeschreibung
GeschichteMystery / P18 / Gen
05.09.2009
14.11.2010
48
193.386
11
Alle Kapitel
215 Reviews
Dieses Kapitel
7 Reviews
 
 
05.09.2009 2.004
 
AN: Hmpf – ich leide im Moment an absoluter Unkreativität. Die sogar so schlimm ist, dass ich mich durch meine alten Geschichten grabe. Geschichten die ich eigentlich nie mehr anfassen wollte (aus ganz, ganz merkwürdigen Gründen *hust*). Ecton Heights ist hier das Paradebeispiel, dass ein Autor paranoid werden kann. Nun ja – ich poste es aber trotzdem wieder. Mal sehen, was ihr dazu sagt... wenn ihr was dazu sagt. (Was wirklich total nett wäre und so und naja ... ihr wisst schon. ^^)



1.



Der Regen prasselte mit grimmiger Entschlossenheit nieder. Beinahe so, als wäre er ein Lebewesen. Beinahe so, als würde er den Jungen, der unter dem finsteren Horizont umherstolperte und immer wieder auf dem schlammigen Boden ausglitt, vom Angesicht der Erde schwemmen wollen.

Tatsächlich konnte Angus, so der Name des unglücklichen Jungen, nicht einmal die Hand vor Augen sehen. Zu dicht war der Regen, der die auch so schon pechschwarze Nacht für jeden Lichtstrahl, der weiter als fünf Meter von ihm entfernt war, undurchdringlich werden ließ.

Er rutschte einmal mehr aus und rappelte sich einmal mehr wieder auf. Ohne den Schmerz zu bemerken, der sich schon seit einiger Zeit den Weg von seinem rechten Knöchel in das Bein hinauf bahnte, lief er weiter. Sein gesamter Körper war inzwischen von Dreckklumpen bedeckt und seine Seiten stachen, wie das bei untrainierten Menschen wie ihm grundsätzlich der Fall ist, wenn sie sich unüblichen Anstrengungen aussetzen.

Aber nichts davon zählte. Alles was wichtig war, war die Brücke zu erreichen, bevor Shawn etwas Schlimmes tat. Etwas, das vielleicht noch schlimmer war als das, was er schon getan hatte.

Um Luft ringend, kämpfte Angus sich durch die Sintflut voran, die um ihn herum tobte, jedes Geräusch erstickte, jeden Meter zu einer wahren Tortur werden ließ.

Die Angst in seinem Innern trieb den Jungen weiter, versorgte ihn mit Bildern, die teils seiner Fantasie, teils dem entsprangen, was er heute abend hatte mitansehen müssen. Blut, kalter Stahl, Verzweiflung, Tod. Nichts, was er jemals wieder würde vergessen können. Ein Panoptikum an Eindrücken, das sich noch um ein paar unwillkommene Bilder erweitern würde, wenn er nicht rechtzeitig an der Brücke ankam.

Ihm war klar, was Shawn tun würde, falls ihn niemand davon abhielt. Und es brachte Angus dazu sich zu fühlen, als würde jemand seinen Hals mit einer riesigen eisernen Hand zusammendrücken. Er hatte nicht annähernd genügend Freunde, um es sich leisten zu können, auch nur einen von ihnen zu verlieren. Nicht heute, nicht so.

Er sah den Stein nicht, der ihn abermals zu Fall bringen sollte. Doch er spürte den Schmerz, der scharf wie ein Messer durch das Gelenk der linken Hand schnitt, mit der er den Sturz abgefangen hatte.

Angus schrie gequält auf und blieb für einen Moment lang im Regen hocken. Das schmerzende Handgelenk umklammernd, ein trockenes Schluchzen unterdrückend. Es war dieser Moment, in dem er begriff, dass alles was er tat umsonst sein würde. Dass er sich etwas vormachte. Shawn musste die Brücke schon längst erreicht haben und er war niemand der lange zögerte.

Panik und Trauer drohten nach Angus zu greifen. Das Gefühl des Verlustes wollte sich in seinem Herzen ausbreiten, doch noch war der Junge nicht bereit es zuzulassen. Noch bestand eine Chance und mochte sie auch noch so klein sein.

Bitte, ich werde alles tun, was nötig ist, flehte Angus, erneut auf die Füße kommend. Ich werde ihnen sagen, dass es Notwehr war. Niemand wird jemals etwas erfahren, Shawn. Dieses Mal passe ich auf dich auf. Bitte mach nichts Dummes! Alles wird wieder gut.

Sich an den Gedanken wie an ein Rettungsboot klammernd, lief der Junge weiter in die Richtung in der er die Ecton-Bridge vermutete.

Seine Mühe sollte zumindest teilweise belohnt werden, denn der Regen begann nachzulassen. Aus den fadenartigen Schauern, die sich zu einem undurchdringlichen Schleier verwoben hatten, wurden wieder Tropfen, durch die man sehen konnte.

Angetrieben von frisch aufflammender Hoffnung, hastete Angus durch die Dunkelheit. Er glaubte endlich ein Licht zu sehen. Nicht allzuweit entfernt. Das Licht der Brücke das ihn wie ein Leuchtturm durch die Finsternis navigierte.

Adrenalin jagte durch seine Venen, als er seinen schmerzenden Körper zu einer letzten Kraftanstrengung anpeitschte und auf das Licht zusprintete. Schon nach ein paar hundert Metern schälten sich die Umrisse der Ecton-Bridge aus dem Zwielicht, das allerdings nicht von der Brückenbeleuchtung herrühren konnte.

Angus blieb wie angewurzelt stehen, als er sah, was durch die Finsternis leuchtete, ihn geleitet und angezogen hatte, wie einen Nachtfalter.

Ein kalter Schauer brachte seinen ganzen Körper zum zittern, als er auf Shawns umgestürzte Kawasaki starrte, die in der Mitte der eisernen Brücke lag. Ihr Motor lief noch und zeriss die ansonsten absolute Stille der Nacht. Regentropfen tanzten im Licht des Scheinwerfers, der die gespenstische Szenerie beleuchtete.

Wie in Trance machte Angus einen Schritt nach vorne. Er wusste, dass er zu spät war. Dass er Shawn nicht mehr helfen konnte. Dass er besser nicht zum Rand der Brücke gehen und die Tiefe schauen sollte, wenn er den schrecklichen Bildern in seinem Kopf nicht noch mehr hinzufügen wollte.

Und doch ...

Es war wie in einem dieser Träume, in denen man genau weiß, dass man etwas nicht tun sollte und sich dann dabei beobachten kann, wie man es doch tut.

Angus ging zum Rand des Geländers. Seine unverletzte Hand krallte sich um das kalte, nasse Metall, als er den Blick langsam senkte und eine Gewissheit bekam, die er eigentlich gar nicht haben wollte.

Shawns Körper trieb im flachen Wasser des Green-Rivers. Sein Gesicht war nicht zu sehen, nur das dunkle, im Wasser wogende Haar, das seinen Kopf wie Seetang umrahmte. Die dunkle Lederjacke, die Angus ihm vor noch nicht einmal einem Monat geschenkt hatte, blähte sich um seinen reglosen Körper wie ein schwarzer, unheilbringender Ballon.

Vielleicht ist er noch nicht tot!, schoss es Angus durch den Kopf. Vielleicht ist er nur bewusstlos.

Die kleine rationale Stimme in seinem Innern, die ihm sagte, dass man einen Kopfsprung von der Ecton-Bridge unmöglich überleben konnte, ging im neuerlichen Adrenalinschub unter, der durch Angus Körper rauschte, als er sich daran machte, die steile Böschung, die zum Ufer führte, hinabzuklettern.

Mehr als einmal war der Junge dicht daran im nassen Gras auszurutschen und die Schräge herunter zu stürzen. Etwas, das seiner Gesundheit noch abträglicher gewesen wäre, als der Sturz von vorhin, ging es hier doch beinahe acht Meter in die Tiefe.

Er benötigte fast fünf Minuten, bevor er die Kletterpartie, die auch mit zwei gesunden Händen nicht einfach gewesen wäre, gemeistert hatte. Fünf Minuten voller Angst. Angst versagt zu haben, wirklich zu spät zu kommen. Angst einen Freund endgültig verloren zu haben.

Entgegen seiner eigenen Befürchtungen erreichte Angus halbwegs unversehrt das Ufer des Green Rivers. Sein Herz schlug als würde es jeden Augenblick zerspringen und in seinem linken Handgelenk pochte unaufhörlich ein Schmerz, der verriet, dass es gebrochen sein musste.

Doch der Junge zögerte nicht lange. Kaum unten angekommen, stolperte er in das eiskalte, nicht einmal knietiefe Wasser des Flusses und griff mit seiner unverletzten Hand nach dem Kragen der Lederjacke. Ohne wirklich über das nachzudenken, was er da tat, zog Angus den Körper seines Freundes, der sich erst leicht, dann aber zunehmend schwerer aus dem Wasser bringen ließ, an Land.

Keuchend schleppte er den massiveren Jungen ans Ufer, wo er schließlich neben ihm in die Knie brach.

"Shawn?", wisperte Angus zaghaft durch den inzwischen sanft fallenden Regen. Bitte bitte sei nicht tot!, fügte er in Gedanken hinzu, als er die bewegungslose Silhouette seines Freundes beobachtete. Das Licht der Kawasaki mochte hier unten nicht viel mehr als ein schwacher Schein sein, doch es genügte, um den zitternden Jungen erkennen zu lassen, dass Shawn nicht atmete.

Unbewusst strich Angus sich sein klitschasses Haar aus der Stirn und versuchte zu entscheiden, was er tun sollte. Alles was er über Wiederbelebungsmaßnahmen wusste, stammte aus dem Fernsehen und war nicht besonders tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Aber es war alles was er jetzt hatte.

Entschlossen griff er abermals nach dem Kragen des anderen, um ihn herum zu rollen. Es brauchte zwei Anläufe, doch schließlich gelang es Angus, Shawn auf den Rücken zu drehen.

"Nein!"

Ein merkwürdiges Geräusch, halb Wimmern, halb Schmerzenschrei entrang sich der Kehle des Jungen, als er seinem Freund endlich ins Gesicht schauen konnte. Oder in das, was davon übrig war.

"Nein!"

Angus keuchte fassungslos. Jeglichen Gedanken an Reanimation hatte er in dem Augenblick aufgegeben, als er erkannte, dass ein Teil von Shawns Schädel regelrecht weggebrochen war.

Einfach so.

Dort, wo die rechte Schläfe in den Haaransatz überging, war nichts als eine blutige Masse, die nicht einmal vom Wasser weggespült worden war. Shawns rechtes Auge war so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass man es kaum noch als Auge bezeichnen konnte. Sein linkes dagegen stand weit offen. Starr und gebrochen war sein milchiger Blick in den Nachthimmel gerichtet. Regentropfen sammelten sich in diesem Auge und liefen an der Wange entlang. Gerade so als würde Shawn weinen.

Aber Shawn würde nie wieder weinen.

Die Erkenntnis traf Angus wie ein Schlag in die Magengrube. Shawn Calloway war tot. Shawn Calloway, Ex-Footballheld der Ecton-Heights Academy. Shawn Calloway, der sich als einer der wenigen die Mühe gemacht hatte, hinter das Äußere eines kleinen, dicken Jungen zu schauen und gemocht hatte, was er entdeckte. Shawn Calloway, der vor nicht einmal einer Stunde einen Menschen umgebracht hatte.

"Nein!"

Das Wort war nicht mehr als ein Flüstern, als es abermals Angus Lippen verließ. Die Flamme seiner Hoffnung war verloschen und ließ ihn verloren in der kalten Dunkelheit zurück. Ohne dass er es wirklich merkte, zog er die Knie dicht an seinen zitternden Körper und legte den gesunden Arm darum. Dabei löste er nicht einen einzigen Moment lang den Blick vom Leichnam seines Freundes.

Angus weinte stumm. Mit jeder Träne, die ihm über die runde Wange lief, fühlte er sich leerer. Als würde alles aus ihm hinausrinnen was ihn zu der Person machte, die er war. Vielleicht würde er, wenn er nur lange genug hier saß und weinte, einfach so verschwinden. Aufhören zu existieren.

"Du siehst nicht gut aus, Angus. Vielleicht solltest du irgendwo hingehen, wo es wärmer ist, hm?"

Wie in Trance wandte Angus seinen Kopf in die Richtung, aus der ihn plötzlich jemand angesprochen hatte.

"D-du?" Der Junge konnte das Beben in seiner Stimme nicht unterdrücken, als er sah, wer ihm und Shawn da auf einmal Gesellschaft leistete.

Ruhig und entspannt, so als könne ihn nichts und niemand auf der Welt aus der Ruhe bringen, saß der Neuankömmling auf einem der großen Findlinge die am Ufer des Green River verstreut lagen. Der schwache Nieselregen schien weder ihm noch der Zigarette, die er in der Hand hielt etwas auszumachen.

Angus beobachtete das Profil des anderen Jungen im Gegenlicht der Kawasaki. In seinem Innern füllte sich das schwarze Loch, das bis eben noch gedroht hatte seine ganze Seele zu verschlingen, mit Furcht. Wieso hatte er seine Anwesenheit nicht bemerkt?

Joel war jemand, den Angus normalerweise nicht übersah. Nicht mehr seit dem Tag unter der Buche.

Eine Gänsehaut kroch den Rücken des Jungen herauf und breitete sich von dort aus über seinen gesamten Körper aus. Alles in ihm schrie nach kopfloser Flucht. Doch Angus konnte nicht gehen. Er konnte Shawn nicht alleine zurück lassen. Nicht mit ihm.

Eine seltsame Ruhe überkam ihn, als er diese Entscheidung traf. Sein Blick suchte den des Jungen auf dem Felsen.

Joel allerdings starrte nur andächtig auf den Fluss und zog hin und wieder mit einer beiläufigen Bewegung an seiner Zigarette. Ein dunkler Schatten, einem Albtraum entsprungen.

"Warum ...", begann Angus unendlich traurig und starrte auf den Leichnam seines Freundes hinunter, um gleich darauf Joel einen vorwurfsvollen Blick zuzuwerfen. "Warum hast du das nur getan?"

Er erwartete nicht wirklich, dass der andere Junge ihm antworten würde. Doch Joel wandte ihm seinen Kopf zu. Das schwache, rötliche Licht der Zigarette zwischen seinen Lippen, verzerrte das schmale Lächeln auf ihnen zu einem bösartigen Grinsen.

"Weil", erwiderte der andere Junge und ließ den Rauch durch die Nase ausströmen. "... ihr mich gelassen habt."
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast