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Das Blut ist willig, aber das Fleisch ist schwach

GeschichteMystery, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Gary Golden Maximillian Strauss
05.09.2009
07.12.2012
8
27.629
2
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
05.09.2009 3.939
 
Anmerkungen:

Diese FF ist eine Mischung aus dem Pen&Paper und dem Spiel „Vampire The Maquerade: Bloodlines.
Es wird ein etwas größeres Projekt, allerdings werde ich nicht regelmäßig daran schreiben, geschweige denn posten. TROTZDEM werde ich diese FF auf jeden Fall beenden, so wie ich es mit allen tue. Wem also diese FF gefällt (egal ob er jetzt reviewt, oder nicht) sollte sie sich vielleicht, sofern hier angemeldet, auf die Favoriten- und Alertliste packen, um sie weiter verfolgen zu können und um nicht alle paar Wochen nachschauen zu müssen. Ich schreibe und poste wann mich die Lust packt.

Was ich hier plane? Eine Tremere/Tzimisce  Romeo und Julia Geschichte und viel, viel Action. Auch diejenigen, die das Spiel nicht kennen, werden hier gut mit eventuellen Vorstellungen und OCs bedient. Wen OCs abschrecken, wegen Mary Sue-Gefahr sei versichert: ich nenne meine Protagonisten nicht Amethystia Yogurtula Voldemortina Gorgeous.
Aber Yogurtula ist ein toller Name, wenn ich es mir so überlege….

Der Schauplatz hält sich weitgehend an die Game-locations, aber auch nicht ausschließlich.

Über Kommentare würde ich mich freuen und wenn ihr dieser FF eine Chance gäbt.

******

1.Kapitel: Fleischblut

Sodenn sey veranlasset, dass die Karparten dem Clan im Wege stehe und es von äußerster Wichtigkeit sey die Pyramide zu versetzen, womit der ehrwürdige Regent dies in meine Hände legte. Die Fleischformer seyen von nun die meinige Erschwernis---

---- Erneut fiel ihr eine blonde Haarsträhne in die Augen, sodass ihre Aufmerksamkeit ein weiteres Mal dem Text entzogen wurde. Abwesend strich sie das fast weiße Haar beiseite, sodass ihr die ungetrübte Sicht auf den deutschen Text nicht verwehrt wurde, der sie schon seit Beginn der Nacht gefesselt hatte.
Die gemütlichen Ledersessel in der Tremere-Bibliothek taten ihr übriges, sie dazubehalten. Noch andere „Neonates“  saßen um sie herum versammelt, doch kein Wort entfloh ihren Lippen und wenn doch, dann war es ein gemurmeltes Wort eines antiken Pergaments, das es zu übersetzen galt, je nach Rang war es ein anderes Dokument mit anderen Geheimnissen.
Shoshannah knabberte an ihrem Stift, mit dem sie sich hin und wieder einen Vermerk in ihr Notizbüchlein schrieb. Es war kein langer Absatz, den sie zu übersetzen gedachte, aber sie tat sich mit dem Deutschen schwer. Es war eine brüchige handschriftliche Abschrift einer Notiz, die sich mit dem Umzug des Tremere Hauptquartiers von Transsylvanien nach Wien beschäftigte.
Die junge Shoshannah, jung sowohl in ihrer Erscheinung und Mitgliedschaft im Clan Tremere, war erst vor ein paar Wochen in den zweiten Kreis aufgestiegen und mit diesem Aufstieg eröffnete sich eine neue Welt des Wissens für sie.
Das Gefühl, sich bewährt zu haben, erfüllte sie mit Demut und Stolz. Sie verbrachte ihre Nächte von Sonnenuntergang bis kurz vor Sonneaufgang in der gut ausgestatteten Bibliothek des Tremere Chantries in L.A.
Der Bibliothekar, einer der stolzen Angestellten für den Clan und ein ehrwürdiger Tremere, belächelte den Jungspund Shoshannah, die versuchte, sich hervorzutun. Drei elementare Blutmagierituale hatte sie bereits gemeistert, was auch von ihrer intensiven Forschung und Lehre der Bücher herrührte.
Er saß nicht unweit von ihr und sortierte einige Bücher, die andere, weniger gewissenhafte Schüler, liegengelassen hatten. Er hörte Shoshannah seufzen. Es lag klare Frustration in ihrer tiefen, rauchigen Stimme, die nicht so recht zu dem zierlichen Körper passen wollte.
„Was bedrückt Dich, Neonate?“, hörte er sich fragen, während er umsichtig den Staub von seinen roten Samthandschuhen strich.
Shoshanna fuhr förmlich aus ihrem Stuhl hoch. Einer ihr Ranghöherer Tremere hatte sie angesprochen, was bedeutete, dass sie nun um Hilfe bitten durfte, wenn sie es klug anstellte. Der Codex besagte, dass es einem Rangniederen nicht gestattet war ohne Erlaubnis einen Ranghöheren mit Konversation zu belästigen. Der Ranghöhere hatte somit die Unterhaltung zu beginnen.
„Der Text,  Bibliothekar Ryo, will sich mir nicht so recht erschließen.“
Ryo, legte den Kopf schief und ein belustigtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Der Amerikaner japanischen Ursprungs,  faltete sorgsam die behandschuhten Hände in seinem Schoß. Der Blick, den Shoshannah zu erwidern hatte, war ein forschender und fast schon mahnender.
„Du lässt Dich doch sonst nicht so entmutigen, du Tremere des zweiten Kreises.“, neckte Ryo und beugte sich leicht vor, um noch tiefer mit seinem Blick in sie zu dringen. Shoshannah wand sich unbehaglich auf ihrem Sessel und fühlte sich wie ertappt. Denn sie konnte besser sein, wenn sie wollte, aber so recht wollte ihr das heute Nacht nicht gelingen.
Ohne um Erlaubnis zu fragen, entriss ihr Ryo mehr oder minder sanft die Übersetzung und fuhr mit den Augen die weichen Schlingen und harten Punkte von Shoshannahs Schrift nach.
Hin und wieder gab er ein Brummen von sich, das sie als Missbilligung interpretierte.
„Viele, viele Fehler….“, sagte er schließlich und gab ihr das Blatt zurück.
„Tut mir Leid, Bibliothekar Ryo. Ich wollte Ihre Zeit nicht mit meinem Dillentantismus verschwenden. Ich bitte um Verzeihung.“
Anstatt sich zu einer Antwort herabzulassen, zog Ryo die Ärmel seines schwarzen Gehrocks zurück, um auf seine Uhr zu sehen. Sie sagte ihm, dass die Nacht noch nicht im Ersterben begriffen war.
„Warum gehst Du nicht mal raus? Ich weiß, das würdest Du nicht von einem alten Bücherwurm wie mir erwarten, aber es ist auch nicht gut, die ganze Nacht zu verschwenden, wenn man eine Blockade hat. So nützt Du Deinem Klan wenig.“
„Dann werde ich mich meinem ersten Pfad zuwenden.“
„Nein“, kam es darauf von Ryo und er brach in schallendes Gelächter ob Shoshannahs überraschten Gesichtsausdrucks aus. Besänftigt legte er ihr eine samtige Hand auf die Knie, „Du bist noch jung und hast die Ewigkeit vor Dir, wenn Du es ordentlich anstellst. Du hast noch Hunderte von Jahren, das alles zu lernen. Gönne Dir eine Nacht. Eine Nacht nur. Die Pyramide fällt schon nicht in sich zusammen, wenn Du mal das Unleben in all seinen Facetten kennenlernst.“
Shoshannah seufzte, „Sie haben ja Recht. Aber was soll ich da draußen? Ich bin tot, ein Vampir, wenn man so will. Mein Sire ist irgendwo in Europa zu einem Häufchen Staub reduziert worden und ich habe nichts außer diesem Chantry. Ich will nicht zu dem Leben da draußen zurück.“
„Du wirst auch nie wieder ein Teil davon sein, Neonate. Ich sehe, wie Du mich jetzt skeptisch ansiehst, aber es stimmt. Denn Du bist kein Mensch mehr. Geh raus und habe ein wenig Spaß. Ich werde dem Schließer sagen, dass Du aus bist. Er soll auf Dich warten und zur Not mache ich Dir noch auf.“
„Und was ist mit der Maskerade?“
Ryo verdrehte die Augen und war kurz davor sich die Haare zu raufen. Er hatte ja noch nie einen Schüler erlebt, der so ernst war wie Shoshannha. Wenn ihm das Unleben keine Geduld gelehrt hätte, dann wäre er ausfällig geworden.
„Möchtest Du einem Ranghöheren etwa widersprechen?“, fragte er deshalb drohend, „Und nebenbei: die Maskerade brichst Du nicht, indem Du nur draußen herumgehst und ein wenig Nightlife atmest, Glaub mir, ich war auch einmal jung.
Kaum waren seine letzten Worte verklungen, nahm er ihr den deutschen Text weg und auch das Papier, auf dem sie ihre Übersetzung ins Englische hingekritzelt hatte.
„Jetzt kusch Dich schon!“, fügte er ungewöhnlich schroff hinzu. Shoshannah erlaubte sich ein Grinsen, als sie leisen Schrittes aus der Bibliothek entschwand. Ryo raffte diese Bücher immer wie ein hungriges Tier an sich.
Sie brauchte keine Jacke, denn ihre tote Haut spürte die nächtliche Kälte nicht. Diese hatte sich schon ihren Knochen breitgemacht. Dennoch warf sie sich wenig begeistert über Ryos vorgeschlagenen Befehl eine Bluse über, bevor sie ging. Das Chantry würde für sie offen stehen, wenn sie wiederkam. Auch wenn Shoshannah nicht lange in der Halbwelt der Vampire ihr Totsein genossen hatte, ahnte sie, dass diese Art von strenger Geborgenheit den Tremere ureigen war. An die Schrecken der Blutmagie wollte sie in diesem Zusammenhang nicht denken. Sie stand mit ihrem Wissen am Anfang eines tiefen Abgrunds, der sie hinabführte in das „Dunkle Zeitalter“.
Eine Brise wühlte ihr durch die halblangen Haare und eine ihrer unlieben Erinnerungen an ihr „anderes Leben“ stieg an die Oberfläche. Sie hatte an dem Tag ihres „Kusses“ eigentlich zum Frisör gehen wollen.
„Natürlich kam alles anders.“, murmelte sie voller Bitterkeit, sich einige lästige Strähnen hinter die Ohren streichend. „Es kommt immer anders als man denkt. Vor allem wenn Männer im Spiel sind.“
Die Tür des Chantries fiel hinter ins Schloss und schob sie hinaus ins nächtliche Stadtleben. Aus der Hauptstraße wehte ihr aufgedrehte Dance-Musik entgegen und ein Plakat an der Bushaltestelle erklärte ihr, warum man so belästigt wurde: eine Fashion-Night für irgendeinen, halbseidenen guten Zweck.
„Da hat sich Ryo aber einen guten Zeitpunkt ausgesucht.“, sagte sie wieder zu sich selbst. Das Letzte, was sie wollte, waren Menschen um sie herum. Aber sie kannte sich gut genug, dass sie wusste, dass es sie ohnehin in den Pulk des Geschehens ziehen würde.
Die heißen, glücklichen Gesichter verschiedener Liebespärchen, oder die mit sich zufriedenen Singles, die einfach nur genossen sich im Beat der Musik zu bewegen. Das war alles, was Shoshannah brauchte, um mit sich selbst unglücklich und unzufrieden zu sein.
Dennoch konnte sich die eingefleischte Pessimistin nicht so recht zu ihrer Griesgrämigkeit bezüglich der Menschheit durchringen. Ein Blick in ein Schaufenster lockte sie doch das Versäumte nachzuholen.
„Bin ich denn wahnsinnig? Ein Vampir geht zum Frisör?“, neckte sie sich selbst, als sie einen dieser Trendfrisöre betrat, der noch hell erleuchtet war und versuchte einig Nachtschwärmer anzulocken. Schlaflos für einen guten Zweck.
Nämlich um ihre Haare ein wenig in Ordnung zu bringen, auch wenn das nicht lange anhalten würde. Als Kainskind war man im Statusquo gefangen.
Shoshannah zog eine Nummer und während sie nun wartete, zerknüllte sie den kleinen Fetzen zwischen ihren schlanken Fingern. Ihre langen Fingernägel rissen ein Adermuster in das Stück Papier, das mit seiner Druckerschwärze auf ihre Haut abfärbte. Als sie das jedoch bemerkte, wurde sie schon aufgerufen.
Das war die erste Nacht, in der sie bemerkte, dass es doch noch etwas Menschliches in ihrer Brust hauste: die Eitelkeit.
Die Antagonistin des Geistes, die dem Blutstrom in ihren Adern entgegen schwamm, mit dem festen Ziel sich im Fleisch zu profilieren und nicht in wichtigeren, inneren Werten.
Und wie man nicht aus seiner Haut kam, egal wie sehr man es versuchte, wie sehr man nicht das eigene Fleisch zu seinen Gunsten formen konnte, blieb die Eitelkeit trotz allem erfolglos.
Oberflächlich und dumm.
Nicht so wie das Blut, welches das belebendste Element in diesem toten Körper war.
Darauf sollte sie sich konzentrieren, schalt sie sich, kaum war sie auch wieder entlassen.
Schließlich war sie eine Tremere, da sollte sie das Fleisch wenig interessieren…wobei sie als Jüdin beides als untrennbare Einheit empfand.
„Zum Glück bist du nicht very, very, very orthodox!“, stiegen die Worte ihres toten Sires in ihrem Blute hoch.
Ja, zum Glück, dachte sie mit einem unterbewussten Griff an die kleine Blutampulle, die an einer Kette um ihren schlanken Hals baumelte. Das Dunkel der Nacht verlief sich in der jiddischen Gravur, die „In libe dein bruder Levi.“ (1)

Als sie wieder in die kühle Nachtluft trat, strich diese verführerisch an ihr entlang. Dennoch mische sich etwas Kratzendes, Fremdes hinein und es fröstelte sie mit einem unbestimmten Unbehagen. Eine junge Frau rempelte Shoshannah an und für einigen Augenblick drang diese menschliche Hitze durch ihre dünne Strickjacke, was sie zum Schaudern brachte. Wie als wollte sie eine unangenehme Substanz von sich wischen, strich sie sich über die Stelle und fauchte dem Mädchen was Böses hinterher.
Die Wärme verflüchtigte sich schneller, als sie wollte, doch kam es einer Erleichterung gleich, als sie in der kalten Nacht verflog, die so schicksalsschwanger von Osten herwehte.
Sie begab sich in den Schutz des Hollowbrook-Hotels, das nun schon seit einigen Jahren im Umbau inbegriffen war, sodass  man schon bereits vergessen hatte, dass es einmal ein verlassenes Hotel gewesen war. Es war noch vor ihrer Embrace gewesen, als ein junger Vampir an diesem Ort eine Sabbatzelle ausgehoben hatte. Das alles war natürlich noch vor Ludwig Erasmus Zeit gewesen, nämlich als der unbeliebte Prinz LaCroix die Stadt im Griff hielt, aber mit eben jenem, jungen Vampir gefallen war.
„Kollateralschaden“ war der Ausdruck, der damals fiel, gewesen, als sie ihren Regenten deswegen gefragt hatte.
Maximilian Strauss hielt sich sehr bedeckt, wie gut, oder wie schlecht seine Beziehung zu dem ehemaligen Prinzen gewesen war und auch darüber, inwiefern er dem Ventrue Ludwig Erasmus den Weg geebnet hatte.
Oder auch inwiefern dieser dem Tremere-Clan nützte.
Wenn sie daran dachte, wurde ihr Unbehagen größer. Die Pyramide saß in einem großen Netz und wartete nur darauf ihren Anspruch mit all den verfügbaren Mitteln zu erzwingen. Sie war zu weit unten in der Hierachie, um davon zu profitieren.
Dieses Unbehagen, das sie spürte war lediglich eine Folge davon, dass sie noch nichts  von dieser Macht besaß, die den Höheren vorbehalten blieb, bis sie sich diese verdient hatte.
Shoshannah bedachte das ehemalige Hotel mit den grünen Fenstern noch einmal argwöhnisch, bevor sie an der Klinikruine links abbog und einmal kurz durch den flackerten Lichtkegel glitt, der die verrostete Hintertür bedachte.
LA war eine Stadt, in der sie verschwinden konnte, ohne sich Gedanken machen zu müssen, wohin. Aber es war auch immer eine Stadt gewesen, die keinerlei Liebe für sie bereithielt.

*

„Was gibt es, Maximilian?“, fragte Ryo noch während er die Tür des Regenten Arbeitszimmers hinter sich schloss.
Der Regent von LA hob den Kopf und bedeutete dem Tremerebibliothekar Platz zu nehmen.
Es gab keinen protzigen Kamin oder klischeehafte Gemälde in dem kleinen, aber genügenden Raum. An der Wand mit exquisiten Versailler Stofftapeten hing ein kleines Regal im Form einer Pyramide, das wenig persönliche Gegenstände Maximilians beherbergte: ein Paar Möpse(2) aus Porzellan mit Goldpartien, die im Licht der Tiffanylampen safrangelb glänzten, und andere kleinere Nippessachen, die ihn an seine einstige Sterblichkeit erinnerten.
Darunter befanden sich einige Embleme und Anstecker des Freimaurerordens und ein böhmisches Rubinglas, dessen rote Farbe in den spärlichen Lichtverhältnissen kaum zur Geltung kam.
Als die Zeit des Schweigens vorbeigegangen war, nahm der Regent das Wort und sah Ryo dabei tief in die Augen:
„Ludwig hat mir Interessantes in die Hände gespielt.“, begann er und schob dabei eine kurze, handschriftliche Notiz und ein schlechtes Zeitungsphoto über den Tisch.
Ryo begutachtete beides kurz und stutzte ob des Inhalts.
Er kam nicht dazu, dieser Überraschung Ausdruck zu verleihen, denn Maximilian Strauss lenkte diese in andere, ungewöhnlichere Bahnen.
„Wärst du so freundlich mir darzulegen, welche Schüler sich bisher besonders hervorgetan haben?“
„Verzeih mir die Frage. Maximilian, aber---„
„Ich frage ungern zweimal.“, kam es bestimmt von der breiten, aber nicht allzu großen Gestalt Strauss, der dennoch gebieterisch hinter seinem Schreibtisch thronte.
Ryo ließ die Notiz, Notiz sein und erging sich in einer Retrospektive aus Fehlschlägen, während er jeden einzelnen an den Fingern abzählte, wie es seine exzentrische Art nun mal war.
„Jonathan Hawkes ist sehr eifrig und macht dementsprechend schnell Fortschritte.“
Kaum hatte der Bibliothekar seine Einleitung begonnen, unterbrach Maximilian auch schon erneut.
„Ich weiß, ich weiß. Ich bin über die einzelnen Fortschritte wohl besser unterrichtet als du. Ich bin versucht zu sagen, dass jeder Tremere ein Eiferer ist. Was ich ersuche, ist deine Meinung. Wer glaubst du, könnte diese kleine Aufgabe für den Klan erfüllen? Gibt es jemanden, der dir, als stiller Beobachter, besonders…profitabel erscheint?“
Strauss kaute auf dem Wort vor der Pause, doch letzlich konnte er kein Besseres finden. Die Schüler mussten sich hervortun, sich beweisen, welch anderes Wort hätte denn ausdrücken können, was sie dem Klan bringen sollten?
„Jeden, den ich sehe, hat seine Vor-und Nachteile. Weshalb lässt du es nicht die Virgilen für dich erledigen?“
„Ich spüre eine Veränderung, die in der Nachtluft heranweht. Die Gestirne scheinen wie von einem Schleier des Unheils beschlagen. Ich möchte das nicht ausführen, aber meine Intuition sagt mir, dass die Virgilen hier gebraucht werden. Hier im Chantry.“, er machte eine ausladende Handbewegung und am Ende jenes Ablaufes ballte er die Hand zu Faust, bevor er diese sinken ließ und sich entspannte. Eine Eigenheit, die er hatte.
„Es ist nur ein Botengang, wenn man so will, und für die Jungen eine Möglichkeit sich zu profilieren.“
„Ich wäre immer noch für Jonathan Hawkes.“, sagte Ryo, während er seine Handschuhe glattstrich. Er mochte es nicht, wenn der Samt Falten schlug.
„Ja…Jonathan ist ein starker Kandidat, allerdings kommen seine Fortschritte erst nach einer großen Anzahl von Fehlschlägen. Er lernt nicht durch ein ernsthaftes Studium der Materie, sondern durch Leichtsinn und Schusseligkeit.“, sinnierte Maximilian, während seine kalten Augen den anderen Tremere durch die Gläser seiner Brille taxierten.
„Dann würde ich Ethan---“
„Was ist mit Shoshannah Cohen?“
Ryo begegnete Maximilian Blick in überraschter Manier und fühlte sich ertappt. Er wandte ihn ab und fasste kurz den Mut, um erneut aufzusehen.
Der Regent hatte sich der Notiz zugewendet, um seinem Bibliothekaren den kleinen Gesichtsverlust zu ersparen.
„Sie macht sich gut“, gab Ryo nun zu und verschränkte die Hände, während er mit abwesenden Blick über das Pyramidenförmige Regal im Hintergrund fuhr.
„Gut?“, ein Lächeln spielte sich auf Maximilians Lippen und als er Ryos schwerlich unterdrückte Genervtheit in Form eines „Ja.“ Zu Ohren bekam, entließ er es in den Raum.
„Warum hast du sie nicht von Anfang an vorgeschlagen, Ryo?“
„…“, der Angesprochene schwieg. Es sprach nichts dagegen sie für diesen kleinen Botengang einzusetzen, außer dass sie es selber vielleicht vorgezogen hätte für ewig in der gemütlichen Bibliothek zu bleiben. Er wäre der Letzte sie in die Welt hinauszutreiben, die sie freiwillig verlassen hatte.
„Ich denke nur, dass diese Aufgabe ihr zu viele Kompetenzen abverlangen wird, die sie nicht hat.“
„DIE es zu vermitteln gilt.“
Maximlian Strauss betonte das erste Satzfragment hart, um Ryos Satz trotz Interpunktation fortzusetzen. Der Tremere-Regent nickte amüsiert:
„Würdest du sie bitte zu mir schicken, sobald sie das Chantry wieder betritt?“
Erneut musste Ryo sich über die Allwissenheit des Regenten wundern, allerdings war er längst über das Überraschungsmoment hinaus. Maximilian leitete diese kleine „Tremerewohn –und Lerngemeinschaft“.
Der Japaner nickte und wurde sodann von Maximilian entlassen. Als sich die Tür schloss entspannte sich der Regent ein wenig. Er konnte sich nicht erklären weshalb, aber die aristrokatische Steifheit des Österreichers verließ ihn auch nicht angesichts seiner engsten Vertrauten. Der Asiat durfte sich glücklich schätzen dieses Vertrauen zu genießen.
Allerdings war Strauss nicht entgangen, dass Ryo den Namen der jungen Tremere wissentlich nicht zuerst genannt hatte, obwohl er es in einer anderen Situation sehr wohl getan hätte.
Er lachte in sich hinein: „Da will wohl jemand nicht, dass man meinen könne, er habe zu viel für sie übrig.“
Kopfschüttelnd machte sich Maximilian Strauss daran alles Nötige vorzubereiten, denn ablehnen konnte Shoshannah Cohen diese Aufgabe nicht, ohne willentlich ihrem Klan zu schaden.

*

Besagte Shoshannah war bereits auf dem Heimweg. Als sie am „Confession“ vorbeiging überlegte sie kurzum, ob sie nicht mal das Clubbing ausprobieren sollte. Allerdings, kam es ihr dann so treffend in den Sinn, sollte sie etwas tun, was sie als Sterbliche schon nicht getan hatte?
Außerdem war sie ihrer Eitelkeit schon erlegen. Der Beweis waren die Massen an Shoppingtüten.
Ein Vampir beim Einkaufen.
„Bin ich die einzige, die die Ironie daran erkennt?“, sagte sie laut zu sich selbst.
Ryo hatte wirklich einen perfekten Tag ausgewählt, um sie in Versuchung zu führen. Kein Wunder, dass sie den Lockungen des Night Shoppings nicht widerstehen konnte.
„Wenigstens kann ich über mich selber lachen!“, dachte sie nun, aber dieses Denken wurde unterbunden, als sie bemerkte, dass sie in all ihrer Denkerei einfach am Chantry vorbeigegangen war. Das war nichts Neues für Shoshannah, die schon zu Lebzeiten diverse Umwege hatte laufen müssen, weil sie zu angestrengt nachdachte. Deswegen blieb sie doch in der behüteten Tremerebibliothek, denn dort konnten nur ihre Gedanken wandern und nicht ihre Füße.
Weit war sie allerdings nicht gekommen, nämlich nur eine Seitenstraße weiter. Plötzlich ging die Tür zu ihrer Linken auf, zu der sich die Absteige „Last Round“ befand.
„FUCK YOU, JACK!! Hörst du: FUCK YOU UND NINES GENAUSO!!!“, brüllte eine junge, hochgewachsene Frau in den dunklen Türrahmen. Shoshannah war ganz angetan von dieser schieren Lautstärke, die diese Stimmbänder entfalten konnten, und  so kam das Unausweichliche. Die Frau rempelte sie an und war drauf und dran ihre Wut an der Tremere auszulassen:
„EY! Was glotz du so, Prissy?!“, fauchte sie und bleckte die Zähne, auf denen ihr knallroter Lippenstift abgefärbt hatte. Shoshannah verkniff sich ein Grinsen.
„Ich bin da unten nur falsch abgebogen…“, sagte sie stattdessen.
„WAS? Ich meine…wie bitte, Kleine? Wo wolltest du hin?“
Das klang nun schon freundlicher, obwohl ihre Gegenüber sichtlich kochte.
Shoshanna war informiert genug, um den Namen Nines mit einem Kainiten zu verbinden. Die Vermutung lag nahe, dass auch die Frau ein Vampir war und überdies zu den Anarchen gehörte, denn wie sonst hätte sie Verbindungen zu Nines Rodriguez haben können?
Und sie wusste auch, dass andere Vampire nicht unbedingt wissen mussten, dass sie eine Tremere war. Tremere sein. bedeutete Verschwiegenheit, Loyalität und Integrität.
Deswegen sagte sie:
„Zu den Skyline Apartments. Ich weiß schon, wie ich gehen muss, aber ich war so in Gedanken versunken, dass mich meine Füße einfach irgendwohin getragen haben.“
Die Frau, die sie zu den Brujah rechnete, da diese den größten Anteil an Anarchen in LA ausmachten, hob eine getrimmte, dünne Augebraue. Der abfällige Blick auf die vielen Shoppingtaschen zauberte ein Lächeln auf ihr zuvor verhärmtes Gesicht. Vielleicht war sie aber auch nur ein Ghoul…
So trainiert war ihr Auge für ihre Mittoten noch nicht, dass sie das einschätzen konnte.
„Hast ordentlich zugeschlagen, was, Kleines?“
„Kann man sagen.“, meinte Shoshannah schüchtern und strich sich eine weißblonde Haarsträhne hinter die Ohren. Dennoch betrachtete sie die Brujah nun eingehender.
Sie war eine hübsche Frau, der das Leopardenprintkleid überraschend gut stand, und sie trug die Haare wie Betty Page.
„Du solltest nicht mehr allzu lange draußen bleiben, Kleines. Es wird bald hell.“, die Vampirin klopfte ihrer Mitleidenden auf die Schulter, bevor sie sich eine Marlboro zwischen die Lippen klemmte, um die Unterhaltung zu unterbinden.
„Ich habe noch Zeit und es auch nicht weit.“, erwiderte Shoshannah ob des Kommentars. Hiermit hatten sie sich beide als Vampire geoutet. Es war schließlich nicht ungewöhnlich für Kainiten sich gegenseitig erahnen. Nur bei Toreadoren, so hielt sich das hartnäckige Gerücht, war das schon schwieriger.
„Hmpf.“, brummte ihre Gesprächspartnerin und paffte wütende Wolken in den Nachthimmel.
„Also, bye-bye!“
Nun ganz ohne Wort zu geben wollte die Tremere nun doch nicht verschwinden. Also ließ sie sich zu dieser Schlussfloskel hinreißen. Die Brujah nickte abwesend. Seufzend stemmte diese die Hände in die Hüften und schien gar nicht so wirklichen zu realisieren, was soeben geschehen war. Ihre unterdrückte Wut prickelte unangenehm auf Shoshannahs Haut.
Sie war recht erleichtert, als sie die Frau nicht mehr in ihrer Nähe wusste. Sie wirkte trotz ihres femininen Auftretens recht grobschlächtig und gewalttätig.
Ein kleiner imaginärer Kieselstein fiel von ihrer Brust, als sie das Chantry endlich wieder betrat. Sofort umarmte sie die Geborgenheit der Geheimnistuerei wie eine lang verschwundenen Tochter.
Ja, hier fühlte sich die Tremere wohl.
Nicht da draußen in der kalten, unerbittlichen Stadt, wo der Regen sich nicht kümmerte, ob er nun Dreck oder Blut in die Gullis trug.

„Shoshannah Cohen, der ehrwürdige Regent Maximilian Strauss wünscht Dich zu sprechen.“

Doch die Pyramide duldete ebenso kein Versagen.

****

(1) Dieser Satz ist jiddisch, unterscheidet sich aber nicht sonderlich von dem deutschen Pendant. (Super gemacht, Voodoo *g*) Warum ihr dieser Anhänger so viel Konflikte bereitet? Nun, wer will, kann sich nach dem jüdischen Blutritus umsehen…
Auch ihr Nachname (Cohen abgeleitet von Kohanim) und dessen konkrete, ursprüngliche Bedeutung wird noch von Bedeutung sein, denn den Kohanim  lastet eine Besonderheit an…

(2) Die Mopsloge war ein Gag auf die Freimaurer, übernahm aber Gepflogenheiten und Symbole der Freimaurer.
http://www.lexikus.de/Ueber-den-Mopsorden-in-Meklenburg

Und zuletzt noch eine Anmerkung über Ryos „Du/Dich/Dir/Deines –Großschreiberei
Man hat früher aus Höflichkeit in Briefen jene Personalpronomen groß geschrieben. Ryo „spricht“ so und bringt dadurch seine Höflichkeit zum Ausdruck.
 
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