Bruderliebe

von LockXOn
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16
OC (Own Character) Tatsuha Uesugi
01.09.2009
26.09.2013
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Autorennotizen

Klicken.

Du störst.

„Auch dir einen wunderschönen guten Tag, geliebter Bruder!“

„Was willst du?“

„Ich habe mich gefragt, ob du nicht Spaß und Freude daran hättest, einen armen, obdachlosen, völlig harmlosen und absolut pflegefreien Mönch in Ausbildung das Wochenende über bei dir wohnen zu lassen?“

„Nein.“

„Och, Eiri, sei nicht so! Ich verspreche, so leise wie möglich zu sein und euch mit drei Mahlzeiten am Tag zu beglücken!“

„Nein.“

„Eiriiiii! Komm schon! Du wirst gar nicht merken, dass ich da bin!“

„Frag Mika.“

„Mika hat Gäste, das weißt du genau, schließlich bist du einer von ihnen! Und ich bin der Letzte, den Tohma auf der privaten Geburtstagsparty von Herrn Sakuma zulassen würde!“

„Ich stimme ihm ausnahmsweise zu.“

„Eiri! BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE BITTE!!!“

„Hmmm ... Nein.“

„Aniki! Wenn ich schon nicht zu einer so wichtigen Familienfeier eingeladen werde, dann will ich wenigstens auf das Extra-Super-Sonderkonzert! Papa erlaubt mir das nur, wenn du mich aufnimmst!“

„Ich sagte Nein‘, Herrgott nochmal! Der rothaarige Idiot liegt mir schon seit einer Woche damit in den Ohren. Es ist völlig normal zu altern, ich weiß nicht, warum so ein Trara um Ryuichi Sakuma gemacht wird. Und jetzt gehst du mir auch noch mit diesem Mist auf den Sack!“

„Herr Sakuma ist ein Gott! Ich flehe dich an, Eiri, das ist wirklich-“

Klicken.

„Obermegawichtig für mich. Mist.“

Mit einem herzzerreißenden Seufzen ließ Tatsuha den Telefonhörer sinken und starrte an die gegenüberliegende Wand seines Schlafzimmers. Dann wählte er gleich noch einmal die Nummer seines älteren Bruders und wartete. Es piepte zehn Mal, ehe wieder das leise Klicken ertönte. „Aniki“, bettelte er umgehend wieder los, „ich beschwöre dich! Ich tue alles, was du willst, wenn du-“

„- nicht zu erreichen. Versuchen Sie es später nochmal oder hinterlassen Sie eine Nachricht. Wenn mir Ihr Anliegen nicht gefällt, können Sie allerdings lange auf Antwort warten.“

Tatsuha blinzelte irritiert und begann innerlich zu kochen. Wie konnte man ihm so einen bescheidenen Wunsch wie ein Bett für die Nacht verwehren, zumal Eiri und Shuichi den Samstag ohne ihn bei Tohma und Mika verbringen und mit seinem großen Idol persönlich feiern würden? Für ihn als schwarzes Schaf der Familie hingegen blieb nur der Weg in Nittle Graspers kurzfristig angekündigtes „Birthday-Special-Concert“, um Ryuichi gebürtig zu ehren!

Nachvollziehbar also, dass er wütend war – wütend genug, um seinen Bruder so richtig in Erklärungsnöte bringen zu wollen.

Er hob seine Stimme zum Sopran und kicherte anbiedernd in den Hörer: „Bonjour, Eiri-Maus! Hier spricht Mimiru, du weißt schon, die ‚Braut mit den Kirchenglocken‘. Also, Sugarpuff, ich wollte nur Bescheid sagen, dass Mittwoch in Ordnung geht, sag einfach Bescheid, wo wir uns treffen. Aber ich warne dich: Vergiss danach nicht wieder deinen süßen Tiger-String bei mir, sonst müsste ich ihn persönlich bei dir vorbeibringen und du kämest gar nicht mehr zum Arbeiten! Au Revoir, mein Herz!“ Dann legte er zufrieden auf und hustete angestrengt.

Anschließend fischte Tatsuha die Konzertkarte unter dem Kopfkissen hervor und betrachtete sie frustriert. Nun hatte er zwar dafür gesorgt, dass Eiri ein hochnotpeinliches Gespräch mit Shuichi bevorstand, aber das machte seine Situation um keinen Deut besser. Sanft strich er mit den Fingerspitzen über die schwarzen Lettern.

Sieben höllische Stunden hatte er in der Warteschlange verbracht, um an eine der wenigen Backstage-Karten zu gelangen, hatte seinen Vater tatsächlich so weit bekommen, ihn bis spät in die Nacht durch Tokio streifen lassen zu wollen und jetzt das! Sein egozentrischer Bruder war die einzige Hürde zu einem glücklichen Abend mit Ryuichi Sakuma und dieser hatte nichts Besseres zu tun, als sich extra groß zu machen! „Nein“, berichtigte sich Tatsuha mürrisch, „wohl eher unüberwindlich.“ Es sickerte erst jetzt richtig zu ihm durch: Die Party des Jahrhunderts würde ohne ihn stattfinden. Er schluckte mühsam. Es war einfach nicht fair. Tohma hatte sogar ihren Vater eingeladen! Nicht, dass dieser im Traum daran gedacht hätte, hinzugehen. Natürlich nicht. Dafür wurde Tatsuhas Traum an allen Ecken und Enden gestutzt, um schließlich von Eiris sturer Gemeinheit zu Staub zermalmt zu werden. Er hatte sich schon damit abgefunden, niemals mit seinem Idol in persönlichen Kontakt zu treten, aber sogar stundenlang bei allen möglichen Familienmitgliedern betteln zu müssen, um wenigstens an den öffentlichen Auftritten von Nittle Grasper teilnehmen zu dürfen, nagte langsam an seiner Geduld.

Leise kullerten Tränen der Enttäuschung über seine Wangen. Minderjährig zu sein war so ... so ...

„SCHEISSE!“

Mit aller Kraft trat er gegen seinen unbeteiligten Nachtschrank. Der Ärger übernahm jetzt die Führung. „Ich heule über Sachen, die sich nicht ändern lassen. Tse, ich bin doch ein echter Idiot“, brummte er und wischte sich mit dem Ärmel energisch über die Augen. Sein Blick fiel erneut auf die Karte in seinen Händen. „Everything’s Possible“, las er auf der Rückseite und entschied, dass das ein unheimlich passendes Motto für Ryuichis Geburtstag war – aber es wohl leider nicht auf ihn übergehen wollte.

Ein bitteres Lächeln huschte ihm übers Gesicht, als ein lautes Rumoren durchs Zimmer hallte. Nicht zu fassen. Trotz seiner üblen Weltuntergangslaune verspürte er Hunger und so verließ er leise vor sich hin fluchend sein Zimmer und wanderte seufzend zur Küche.

Sein Vater saß am Tisch und trank genüsslich heißen Tee. Als er Tatsuha erblickte, fragte er neugierig, nichtsahnend vom Desaster, das sich abgespielt hatte: „Und? Was sagt Eiri?“ Tatsuha verdrehte die Augen und antwortete mit vor Sarkasmus triefender Stimme: „Er ist ausgerastet vor Freude! Holt mich sogar vom Bahnhof ab, weil er es gar nicht erwarten kann, seinen heißgeliebten kleinen Bruder in die Arme zu schließen!“ Sein Vater nickte lächelnd: „Schön. Das hätte ich gar nicht von ihm erwartet. Es scheint ihm recht gut zu gehen. Wann fährst du los?“ Der jüngste Uesugi strich sich erschöpft mit der Hand über die Augen: „Paps, falls du es nicht gemerkt haben solltest-“

Doch plötzlich manifestierte sich ein neckischer Gedanke in seinem Gehirn und er biss sich fast auf die Zunge im hastigen Bestreben, die Wahrheit zu verschlucken. Stattdessen räusperte er sich verlegen und stieß hervor: „Ja, weißt du, er ... er war einfach froh, mal wieder von mir zu hören, es ist ja schon eine Weile her und so.“

„Ja, du hast dich wirklich lange nicht bei ihm gemeldet.“

„Ja, ich ... ich soll dich von allen grüßen.“

„Wie nett. Bestell ihnen bitte auch meine herzlichsten Grüße.“

„Mika ist anscheinend schwer enttäuscht, dass du abgesagt hast.“

„Das tut mir leid, aber diese neumodischen Partys sind nichts für einen alten Mönch wie mich. Aber du hast mir noch nicht auf meine Frage geantwortet.“

„Äh ...“

„Wann fährst du?“

„Oh! Klar! Also ... Morgen um Zwei?“

„Sehr schön. Ein paar Tage Ruhe werden dem Tempel sicher guttun.“

„... Sicher. Ich ... ich geh dann mal wieder.“

Als Tatsuha die Schiebetür hinter sich geschlossen hatte, zitterte er wie nach ausgiebigem Eistauchen. Das konnte nicht wahr sein! Seine Zunge hatte sich verselbständigt und die Hand, die sie fütterte, schamlos belogen! Oder so ähnlich. Nach Strich und Faden jedenfalls!

Was habe ich getan?!‘

„Du hast dir den Weg ins Paradies geebnet“, flüsterte sein inneres Stimmchen.

Ich habe Papa belogen! Wenn das rauskommt, bin ich Asche!

Von mir erfährt niemand was.

Er wird mich auf dem Komposthaufen ausstreuen!

Wenigstens hast du Ryuichi Sakuma ein letztes Mal in voller Pracht erlebt.

Ich kann nicht einfach gehen! Wenn was passiert, dann-‘

Was soll passieren? Du bist ein Teen mit dem Gesicht eines Twens. Solange du nichts ... nicht so viel trinkst, deine Nerven behältst und dich nicht von Eiri, Tohma, Mika oder Shuichi erwischen lässt ...

Ich kann nicht!

Du hast die Wahl. Herr Sakuma singt unveröffentlichte Songs auf diesem Konzert. Du bist einer der Auserwählten, die sie schon vor dem Release der neuen CD zu hören bekommen. Oder du kannst drei Tage deines Lebens damit verschwenden, dich darüber zu ärgern, dass sich deine gesamte Familie auf der Party des Jahrhunderts vergnügt, ohne dich auch nur eingeladen zu haben.

Das kommt raus, das kommt raus, das kommt raus, das kommt raus-‘

Kommt es nicht.

Kommt es doch!

Kommt es nicht!

Kommt es doch!

Kommt es nicht!

Kommt es doch!

Nicht!

Doch!

Nicht!

Doch!

NICHT!

... Okay.

Ein irres Grinsen breitete sich auf Tatsuhas Gesicht aus. Er musste sich beeilen. Es gab eine Menge zu erledigen.

---


Shuichi saß im Schneidersitz auf der Wohnzimmercouch und fummelte nervös an einer Kissenecke herum. Diskret linste er zu Eiri hinauf, der neben ihm saß und auf die Tastatur seines Laptops einhämmerte.

Ein paar Minuten vergingen, in denen man nur das Klackern der Tasten vernahm, doch dann hielt es Shuichi nicht mehr aus und räusperte sich energisch: „Yuki, hör mal, wegen Tatsuha ... Ich finde, du solltest-“ Es brachte ihm einen Seitenblick des Angesprochenen ein, der ihm deutlich verriet, was passierte, wenn er das Thema noch einmal anschnitt. Shuichi schluckte: „Ich meine ja nur, wäre es wirklich so schlimm? Es sind doch nur drei Tage. Und er ist der Einzige, der nicht eingeladen wurde.“ Eiri starrte ihn düster an. „Ich weiß ja, warum ihr sie voneinander fernhaltet“, bemerkte der Sänger umgehend, „aber er tut mir leid.“

Endlich seufzte der Schriftsteller und fuhr sich mit der Hand über die Augen: „Shu, es ist für alle so am besten. Du kennst doch meinen besessenen Bruder. Tatsuha würde nichts unversucht lassen, Sakuma rumzukriegen, sobald er ihm gegenübersteht. Und wer wird dann den Ärger bekommen, wenn tatsächlich was laufen sollte? Sakuma könnte im schlimmsten Fall verhaftet werden und das kapiert dieser kleine Idiot einfach nicht! Willst du deinen Lieblingssänger im Knast besuchen müssen?“ Ein trauriges Kopfschütteln erfolgte, doch ganz wollte Shuichi nicht lockerlassen: „Aber er will doch nur zum Konzert.“

„Glaubst du echt, dass sich dieses Energiebündel damit zufrieden gibt? Wenn wir ihm auch nur die winzigste Möglichkeit dazu geben, wird er uns weich zu allem klopfen, und wenn es nur dazu dient, ihm das nervtötende Maul zu stopfen. Es ist zu riskant, glaub mir. Ich kenne diesen Spinner wesentlich länger als du und ich will und werde mir diesen Spießrutenlauf nicht antun.“

„Du hast ja recht, aber ...“

Eiri seufzte und tätschelte den Kopf seines Freundes: „Lass dir davon nicht die Laune verderben. Der Bengel wird drüber hinwegkommen. Garantiert brütet er schon über seinem nächsten Plan. Wahrscheinlich hält er gerade eines seiner unzähligen Videos im Arm und sabbert beim Gedanken an seinen-“

---


„Ryuichi Sakuma! Er ist einfach ein GOTT!“

Tatsuha saß auf dem Boden, umringt von dutzenden Nittle-Grasper-Videokassetten, und starrte mit heraushängender Zunge auf den Fernseher. Es lief „Shining Collection“, einer seiner Lieblingssongs. Dass der Text der Feder seines Bruders entstammte, tat der Begeisterung wenig Abbruch.

Sein Rucksack lag gepackt auf dem Bett, das Motorrad stand aufgetankt auf dem Hof und seine Klamotten, die er am nächsten Tag tragen wollte, waren so sauber und steril wie auf der Konzeptzeichnung ihres Designers.

Sicher, einige wenige Zweifel nagten noch an seinem Gewissen, aber jetzt, nachdem er mehrere Stunden mit dem Ansehen all der im Laufe der Jahre zusammengetragenen Videos verbracht hatte, hatte er sich selbst von der Legitimation seines Vorhabens überzeugt. Ryuichi war es wert, über glühende Kohlen zu laufen und Tatsuha war aufgeregt, doch er hatte sich geschworen, das Konzert zu besuchen und wenn er anschließend unter einer Brücke schlafen musste.

Mit einem gedämpften Jauchzer warf er sich aufs Bett und kuschelte sich in die Matratze. Es würde schon alles gutgehen. Schließlich war es ja nicht so, dass Tokio bei Nacht von Irren und Außerirdischen beherrscht wurde. Der abstruse Gedanke amüsierte ihn, und so kicherte Tatsuha, was schnell in ein herzhaftes Gähnen überging.

Vielleicht sollte er den Tag beenden, damit der nächste schneller anbrach.

Eine Zeitlang wälzte er sich noch unruhig im Bett, bevor die geistige Anspannung langsam verflog und er in einen tiefen Schlummer fiel.

---


„Tatsuha.“

Keine Reaktion.

„Tatsuha!“

Nichts.

Ein Pieks in die Seite.

„Hmmm?“

„Planet Erde an Tatsuha! Mensch, du pennst ja mit offenen Augen! Ich habe gefragt, ob du die Aufgabe von letzter Woche gelöst hast.“

„Aufgabe ...?“

Ein Schlag auf den Kopf.

„Au.“

„Die Matheaufgabe, die du mir gestern eigentlich vorbeibringen wolltest.“

Ups.

„Klar, hier.“

„Ichi, du solltest wirklich mal deine Hausaufgaben selber machen. Dann würde dir Tatsuhas Vergesslichkeit auch keine schlaflosen Nächte bereiten. Willst du blöd sterben?“

„Das Teil war mir doch viel zu einfach! Ich hab Besseres zu tun, als mich mit so banalen Dingen zu beschäftigen, Mina!“

„Und du schreibst auch nur aus purer Langeweile so miese Noten, um dir die Zeit in dieser banalen Schule zu vertreiben, richtig?“

„Genau!“

Tatsuha hörte das Gerangel seiner Freunde kaum, war er mit seinen Gedanken doch meilenweit entfernt – in drei Stunden würde er schon auf dem Weg nach Tokio sein, in neun würde das Konzert beginnen! Nittle Grasper, Nittle Grasper und nochmal Nittle Grasper, mindestens bis Mitternacht ... des nächsten Tages. Und vielleicht, nur vielleicht würde sich Ryuichi dieses Mal bei der Autogrammstunde etwas länger mit ihm unterhalten, als es eigentlich nötig war.

Er war so in seine wohlige Welt versunken, dass er nicht mal das Eintreten ihres Lehrers mitbekam. Erst als mit lautem Knall ein Buch auf seinen Tisch geschlagen wurde und er in die brodelnden Augen des Mannes blickte, bemerkte er, dass er als Einziger noch beharrlich auf seinem Stuhl hockte.

„Wie ich sehe, bist du der Meinung, mir heute mal keinen Respekt zollen zu müssen, Tatsuha“, säuselte Ayato Koizumi in dem ganz speziellen Tonfall, den er für verängstigte kleine Kinder und Überraschungsangriffe reserviert hatte. Tatsuha sprang entsetzt auf die Beine: „Schei... Ich meine, ich bitte um Entschuldigung, ich habe nicht aufgepasst, ich meine, ich war in Gedanken, ich meine, es war nicht meine Absicht, ich meine-“ Ayato unterbrach das Gestammel mit einem humorlosen Schmunzeln: „Schreib die Lösung für die Hausaufgabe an, sei so gut, hm?“

„Jawohl!“

Mit hochrotem Kopf und verschwitzten Händen stürmte Tatsuha zur Tafel und kritzelte hastig drauflos.

Wie peinlich, ausgerechnet heute, hoffentlich lässt er mich nicht nachsitzen, hoffentlich lässt er mich nicht nachsitzen!‘

Als er fertig war, wollte er nicht ohne eine gewisse Erleichterung an seinen Platz zurückkehren – die erheiterten Blicke, die seine Mitschüler in seinen Rücken gebohrt hatten, waren fast unerträglich gewesen. Doch sein Lehrer, der auf der Ecke seines Tisches hockte, machte eine Geste, die ihn vorne verharren ließ: „Vielen Dank, Tatsuha. Kenichiro, erkläre nun bitte der Klasse, wie man auf diese Lösung kommt.“ Kenichiro erbleichte sichtlich und begann, unzusammenhängendes Zeug zu brabbeln, während es dem Ursprung des Lehrerzorns immer heißer wurde.

Als es endlich still war und alle Augenpaare von Kenichiro über Tatsuha zu Ayato glitten, war dessen Stirn bereits in tiefe Falten gelegt: „Vielen Dank für diesen ... aufschlussreichen Vortrag, Kenichiro. Ich schlage vor, dass du etwas Nachhilfe bei Tatsuha nimmst und deine Aufgaben demnächst auf eigene Faust löst, anstatt vom Klassenprimus abzuschreiben, dessen Gedankengänge du offensichtlich noch nicht ganz nachvollziehen kannst. Vielen Dank, Tatsuha, die Lösung ist korrekt. Da du wenigstens meinen Unterricht ernst zu nehmen scheinst, sehe ich von einer Bestrafung deines höchst unhöflichen Verhaltens ab. Du darfst dich setzen.“

Zutiefst erleichtert ließ Tatsuha den Atem entweichen und sank, nachdem er ihn nach einem unverschämt langen Weg endlich erreicht hatte, auf seinen Stuhl zurück. Minako kicherte leise über die hochroten Köpfe ihrer Freunde, wollte aber den Lehrer nicht auch noch auf sich aufmerksam machen, sodass sie es sich sparte, sie zusätzlich zu belehren.

Der folgende Unterricht verlief ereignislos und Tatsuha rutschte ungeduldig auf dem Gesäß hin und her, trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch und erntete schließlich einen erneuten durchdringenden Blick. Doch dann lächelte Ayato ganz unverhofft und sagte amüsiert: „Ich habe mitbekommen, dass einigen von euch heute ein wichtiges Event bevorsteht und da mir die Betroffenen anscheinend sowieso keine große Beachtung schenken wollen, entlasse ich euch ausnahmsweise inoffiziell etwas früher vom Unterricht. Ich wünsche euch ein schönes Wochenende!“ Ohne Proteste sprangen alle begeistert auf und verbeugten sich zum Abschied.

Wenige Minuten später rannten Tatsuha, Kenichiro und Minako durch das Schultor. „Tatsuha, du machst Fotos, nicht wahr, ich will alles erfahren, was beim Konzert hinter den Kulissen abgeht“, keuchte Minako, „Ich kann noch gar nicht fassen, dass dein Bruder sich wirklich erbarmt hat, dich aufzunehmen!“ Ihn durchfuhr ein jäher Schreck und er zuckte unbewusst. Ein schlechtes Gewissen konnte hartnäckig sein. Zum Glück bemerkten es die anderen nicht, ganz in ihren höchst eigenen Gram vertieft. „Ich wünschte, ich hätte auch eine Karte bekommen“, schmollte Kenichiro, „Was ist schon ʼne Party ohne Gleichgesinnte?!“ Tatsuha verzog das Gesicht zu einer mitfühlenden Grimasse: „Es tut mir leid, sie haben wirklich nur Einzelkarten verkauft, sonst hätte ich euch welche mitgebracht, ehrlich! Sie wollten damit die Chancen besser verteilen oder so ...“

„Schon gut, ich glaube dir ja. Aber ich erwarte einen detaillierten Bericht am Montag, klar?“

„Glasklar!“

Mit einem energiegeladenen Victory-Zeichen trennten sie sich und gingen ihrer Wege.

Zuhause schaufelte sich Tatsuha schnell noch etwas Mittagessen in den aufgedrehten Magen, um das laute Knurren zu beruhigen. Sein Vater war nirgends zu sehen, hielt sich offenbar im Tempel auf, wofür er recht dankbar war. Er bezweifelte, dass es ihm noch einmal gelungen wäre, den alten Mann zu beschwindeln. Selbst wenn seine Familie nicht unbedingt aus Weicheiern mit sonderlich viel Skrupel bestand und sich ihre Mitglieder gegenseitig oft sehr rustikal behandelten, gefiel er sich nicht unbedingt in der Rolle des unzuverlässigen Sohns, diesen Job überließ er gut und gerne seinem großen Bruder. Tatsuha hatte nie ganz verstanden, wie Eiri sich immer so gleichgültig gegenüber aller Vorwürfe geben konnte. Er hingegen konnte sich nur allzu bildlich vorstellen, wie enttäuscht ihr Vater über den jüngsten Vertrauensbruch sein würde und der Gedanke ließ seine Innereien gnadenlos verrücktspielen.

Im Rekordtempo räumte er das ganze Haus auf, wohlwissend, dass der Drang dazu eine Reaktion auf die brodelnden Schuldgefühle war. Wenigstens fühlte er sich im Anschluss weniger schlecht. Dann pinnte er noch eine Notiz an den Kühlschrank, um etwaig interessierte Verwandte von allen möglichen Sorgen zu befreien und zu verhindern, dass sich sein Vater bei den Geschwistern meldete, denn das hätte zu peinlicher Verlegenheit geführt. Anschließend schulterte er Rucksack, Lederjacke und Helm und verließ das Haus mit einem minimal miserablen Gefühl und maximaler Vorfreude auf einen Abend voller Ausgelassenheit und Spaß.

Als sein Vater ein paar Stunden später die Küche betrat, war er erst angenehm überrascht ob der unerwarteten Ordnung im Haus und entdeckte dann die Nachricht.

‚Hallo Papa, du bist offensichtlich im Tempel und ich kann nicht länger warten. Mach dir keine Gedanken um mein Motorrad, ich hab zwar gesagt, dass ich den Zug nehme, aber ich fahre doch lieber selber hin, um Eiri nicht auf die Nerven zu gehen wegen des sinnlosen Rumkutschierens. Ich habe alle meine Schulsachen mitgenommen, keine Sorge wegen der Hausaufgaben. Sonntagabend bin ich wieder da, mach dir bis dahin ein paar schöne Tage!‘

Zufrieden nickend begann der Mönch, seinen Nachmittagstee zuzubereiten. Ein ruhiges Wochenende lag vor ihm und er war entschlossen, es zu genießen, denn schon bald würde er es mit einem besonders mitteilungsbedürftigen Jüngsten zu tun bekommen – was zweifelsohne all seiner Kräfte bedürfen würde.

---


Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Noriko Ukai und Ryuichi Sakuma standen auf der Bühne und sahen interessiert dabei zu, wie Tohma Seguchi, Direktor von NG-Records, Keyboarder und Freund Unmengen von Arbeitern durch die Gegend scheuchte, umstellen und umgestalten ließ und dabei immer sein typisch freundliches Lächeln auf den Lippen bewahrte. An diesem besonderen Tag mussten alle mit anpacken, auch die Mitglieder von Bad Luck, Angehörige der Mitarbeiter und sogar Angehörige der Angehörigen. Tohma hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Ryuichis Wunsch, an seinem Geburtstag ein Konzert geben zu können, nachzukommen. Die Zeit dafür war erheblich knapp, aber er wollte nicht mehr Tohma Seguchi heißen, wenn er es nicht mal schaffte, einem Freund einen kleinen Gefallen zu tun.

Er wurde angerempelt, sah sich um und lächelte den mit Kabeln bepackten Shuichi an, der augenblicklich in Schweiß ausbrach und mit Lichtgeschwindigkeit das Weite suchte. Er seufzte schwer.

Vielleicht war es doch eher ein großer Gefallen. Aber es war ein von Ryuichi geäußerter Wunsch. Und so sollte es also sein.

Die bittere Wahrheit war jedoch: die Prozedur verstimmte ihn.

Es gab Schwierigkeiten bei der Beleuchtung. Schwierigkeiten bei der Sicherheit. Schwierigkeiten bei der Akustik. Und wer sollte helfen? Tohma Seguchi, das Universalgenie. Wofür, verdammt nochmal, hatte er Fachkräfte aller Sparten engagiert, wenn sie beim kleinsten Problem an seinem Rockzipfel hingen und ihm verzweifelt in den Ohren lagen?!

Erschöpft rieb er sich die Augen, als sich ihm auf einmal eine Hand auf die Schulter legte. „Na, gestresst?“, erklang es in dunkler Stimmlage direkt in seinem Rücken und man konnte das hämische Grinsen hinter den Worten erahnen. Tohma lächelte, diesmal nicht aufgesetzt: „Ein wenig. Ich bin überrascht. Hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich hier aufkreuzt. Du willst doch nicht wirklich mit anpacken, oder?“

„Für wen hältst du mich? Ich bin gekommen, um andere leiden zu sehen. Vorzugsweise dich.“

„Womit hat Shuichi dir gedroht?“

„... Liebesentzug.“

„Natürlich.“

„Nicht, dass mich das jucken würde.“

„Natürlich.“

„Bin aus freien Stücken hier.“

„Zweifellos.“

„Tatsuha wird nicht kommen.“

Nun, diese Aussage kam nun doch etwas unerwartet. Tohma hob die Augenbrauen und drehte sich endlich Eiri zu, der sichtlich frustriert auf einer nicht entzündeten Zigarette herum kaute, während ihm sein abgenutztes Feuerzeug offenbar den Dienst verweigerte: „Ich bin schockiert. Warum nicht?“ Eiri ließ sich zu einem gleichgültigen Achselzucken herab: „Hab mich geweigert, den kleinen Verrückten bei mir übernachten zu lassen. Keine Bleibe, kein Konzert. Eine von Vaters Launen. Er wird drüber hinwegkommen.“ Tohma schwieg. Endlich schoss eine kleine Flamme empor und sein Schwager zog mit kaum hörbarem erleichterten Seufzen kräftig an der Zigarette. Dann beobachteten beide stumm das eifrige Treiben.

Minuten vergingen, ohne dass einer von ihnen etwas sagte, ehe Tohma sich räusperte: „Tut mir leid. Wenn die Feier nicht bei uns stattfinden würde, hätten wir ihn aufgenommen. Ich kann seine Enttäuschung nur erahnen.“ Jetzt war Eiri an der Reihe, überrascht zu sein: „Seit wann interessierst du dich für das Seelenleben meines Bruders? Du solltest froh sein, ihn außerhalb von Sakumas Reichweite zu wissen!“ Tohma seufzte resigniert, druckste einige Sekunden herum und rieb sich dann ratlos die Stirn: „Er hat ein Lied für ihn geschrieben.“ Eiri schnitt eine irritierte Grimasse: „Was?“

„Und er fragt ständig nach ihm.“

„...“

„‚Warum sehe ich deinen Schwager nur noch so selten? Den Jüngeren mit den fröhlichen Augen?‘“

„Wovon redest du?“

„Eiri ... Ich habe nicht gemerkt, wann das passiert ist, aber Ryuichi interessiert sich brennend für Tatsuha. Ich habe stundenlang auf ihn eingeredet und versucht, ihm die Flausen auszutreiben, aber ich fürchte, ich konnte ihn nicht zur Vernunft bringen. Die Verbindung zu dir und Shuichi hat seine Aufmerksamkeit wohl geradewegs wieder auf ihn gelenkt.“

„Aber wie kann er sich an ihn erinnern? Wir haben ihn seit damals doch so gut es ging von ihm ferngehalten?“

„Ich bitte dich, Eiri. Wie viele Autogramme bunkert Tatsuha jetzt schon? Er steht doch in jeder Autogrammstunde an vorderster Front. Sein Enthusiasmus amüsiert Ryu schon lange. Und weil du ihn jedes Mal, wenn er dich sieht, an dein ‚lustiges Alter Ego‘ erinnerst, ist es nicht wie mit irgendeinem anderen Fan, der ihm sympathisch ist und den er nach zehn weiteren Unterschriften wieder vergessen hat. Außerdem macht Tatsuha ständig auf sich aufmerksam, ob nun mit Absicht oder nicht“, Tohma lachte trotz bedrückter Miene, „Er ist halt ein Uesugi durch und durch.“ Eiri runzelte misstrauisch die Stirn: „Du redest, als sei erst kürzlich was passiert.“ „Ach, das Übliche“, winkte er unwillig ab, erbost über sich selbst, dass ihm in seiner Sorge etwas herausgerutscht war, worüber sich niemand sonst Gedanken zu machen brauchte, „Beim letzten Konzert hat er sich mit ein paar Störenfrieden angelegt, die eine Gruppe Fans belästigt haben. Anscheinend hat sich eine Freundin von ihm darunter befunden. Es kam beinahe zu einer Schlägerei. Die Sicherheit hat alle Beteiligten aus dem Saal entfernt, Tatsuha inbegriffen. Später hat mich Ryu gebeten, ihm eine persönlich an ihn gerichtete Autogrammkarte zu überbringen. Und auf der Rückseite ...“

„Stand seine persönlich an meinen minderjährigen Bruder gerichtete Handynummer?“

„Korrekt.“

„Euer Bandleader ist ein pädophiles Schwein.“

„... Sieht fast so aus.“

Eiri starrte zu Boden, während er die Zigarette zwischen den Fingern hin und her drehte: „Und?“ Tohma zuckte die Achseln: „Ich habe sie entsorgt und Ryu glauben lassen, Tatsuha sei nicht interessiert. Dass er nur ein Fan sei.“ Beide Männer kicherten und Eiri schüttelte fassungslos den Kopf: „Ich verwette meine rechte Hand darauf, dass er für heute einen Sturm auf Sakumas Wohnung geplant hatte. Soviel zu ‚nur ein Fan‘.“ Dann wurde seine Miene wieder ernst: „Es ist besser so. Nicht auszudenken, was passierte, wenn wir sie unbeaufsichtigt miteinander verkehren ließen.“ Tohma nickte nur, den Blick zum Grasper-Sänger wandern lassend, der sich weit entfernt vor der Bühne aufgeregt mit Noriko unterhielt. Doch ein beunruhigender Gedanken ließ ihn nicht mehr los.

Allerdings ist Ryu jetzt erst richtig heiß auf ihn.‘

Wenn die beiden intriganten Männer gewusst hätten, dass sie ihren Bruder direkt in die Arme eines traurigen Schicksals trieben, hätten sie sich mit Kusshand mit einer Anzeige wegen Verführung Minderjähriger auseinandergesetzt.

Dieses Schicksal hauste in einem schäbigen Appartement am Rande Tokios. Es hatte braune, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare, braune Augen, trug einen abgewetzten Ledermantel und hörte auf den Namen Yuma Kitazawa.

---


Tatsuha war jenseits aller Sorgen.

Tausende von treuen Grasper-Fans standen in bebender Spannung um ihn herum, unterhielten sich und lachten, tanzten und sangen. Bald würde alles perfekt sein – in dem Augenblick, in dem Ryuichi Sakuma die Bühne betrat.

Seinen Stammplatz in den vorderen Reihen hatte sich Tatsuha diesmal nicht erkämpft, schließlich war es sicherer für ihn am schattigen Rand der Halle, denn das Letzte, was er jetzt brauchte, war ein aufgeregt johlender und winkender Shuichi oder ein anderes bekanntes Gesicht, das das Jüngste Gericht für ihn einläutete.

Er strahlte selig. Hier fühlte er sich wohl. Und das hatte ihm seine gemeine Sippe verleiden wollen!

Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass ein gutes Stück entfernt von ihm ein Mann im Schatten einer der mannshohen Lautsprecherboxen stand, der sein Leben auf den Kopf stellen sollte.

Yuma starrte mit leeren Augen auf das auf der Bühne aufgestellte Keyboard.

Tohma Seguchi. Der Mann, der Eiri Uesugi nach Amerika gebracht hatte. Der Mann, der Yuki Kitazawa als dessen Lehrer engagiert hatte.

Der Mann, der Mitschuld am Tod Yuki Kitazawas trug.

Der Mann, der an diesem Tage dafür bezahlen würde.

Seine Hand ballte sich um den kalten Schaft der Pistole in seiner Manteltasche.

Alles war perfekt geplant. Seit rund einem Jahr lebte er nun schon in Tokio und beobachtete sein Ziel. Tohma war ein Arbeitstier, die meiste Zeit über befand er sich im NG-Gebäude oder war unterwegs. Nur selten verbrachte er Zeit zu Hause bei seiner Frau. In allen drei Fällen befanden sich stets Bodyguards in seiner Nähe und diese machten ihre Arbeit gut. Schon sehr bald war ihm klargeworden, dass er nur während eines Konzerts eine vage Chance hatte, den Keyboarder zu ermorden und mit viel Glück unerkannt zu entkommen.

Und an diesem Tag war es endlich so weit.

Niemand konnte sich vorstellen, wie sehr er Tohma hasste! Dieser verfluchte Mistkerl reiste ungebeten in sein Land, brachte einen verhaltensgestörten Jugendlichen mit und drückte ihn seinem kleinen Bruder aufs Auge. Wie oft hatte Yuki ihm vorgejammert, wie sehr ihn die Anhänglichkeit dieses Balgs belastete. Er erinnerte sich noch gut an den unterdrückten Zorn, den Yuki stets zu verbergen versucht hatte.

Tief in dunkle Gedanken versunken runzelte er die Stirn, während er eines ihrer frustrierenden Gespräche Revue passieren ließ.

‚Ich werde noch wahnsinnig!‘

Ist es wirklich so schlimm? Er sieht so freundlich aus.‘

Ist er ja auch! Aber er hängt mir die ganze Zeit am Rockzipfel! Die ganze Zeit Yuki hier, Yuki da! Und weil das Herzchen ein kleines Sensibelchen ist, darf man ihm auf keinen Fall widersprechen. Entweder ich schlucke alles oder hab Seguchi am Arsch!‘

Dann steig aus, bevor es dich fertigmacht. Ich habe dich schon lange nicht mehr so angespannt erlebt. Du bist doch kein Psychiater!‘

Aber ich brauche die Kohle, Yuma. Das Studium berappt sich nicht von allein. Und weil Seguchi mir so viel versprochen hat, habe ich den Job bei Walter’s aufgegeben.‘

‚...‘

Ich bin total genervt. Er ist so eine verdammte Klette.‘

Yuki, hör mal, ich könnte ihn doch von Zeit zu Zeit übernehmen. Stell mich ihm vor, ich bin sicher, dass wir uns gut verstehen werden. Das würde dich bestimmt entlasten.‘

‚Nein.‘

‚Aber-‘

Nein! Ich will dich da nicht mit reinziehen. Du weißt nicht, worauf du dich einlässt!‘

‚Es macht mir nichts-‘

Es wird dir etwas ausmachen. Du würdest spätestens beim dritten Treffen ausrasten. Er bringt sogar mich auf die Palme und du kennst meine Engelsgeduld! ... Oh Mann, ich will endlich mal wieder Zeit für Jess haben. Ist das zu fassen? Ich sehe Eiri öfter als meine eigene Freundin!‘

‚...‘

‚Weißt du, was ich ihm versprechen sollte? Dass ich ihn niemals verlassen würde. Erzähl mir einer was von Psychose.‘

‚...‘

‚Er ist ein netter Kerl, deshalb sollte ich nicht so reden. Aber es ist einfach so ... entsetzlich belastend. Es ist, als sollte ich seine Familie ersetzen – und mehr. Ich muss ihm ständig sagen, was er tun soll. Er ist vollkommen unselbständig!‘

Steig aus, Yuki. Du hast ein eigenes Leben. Niemand kann von dir verlangen, die Verantwortung für seins zu übernehmen!‘

‚Keine große Wahl im Moment. Nur ... Ich bin so müde, Yuma.‘

Nur einen Monat nach diesem Gespräch war Yuki getötet worden. Erschossen von diesem verdammten kleinen Psychopathen! Und der ehrwürdige Tohma Seguchi hatte dafür gesorgt, dass alles „still und vernünftig“ geregelt wurde! Keine Untersuchung, kein Verfahren, keine Strafe. Offiziell hieß es sogar, dass Yuki während eines Auslandspraktikums verschwunden war und nur vermisst wurde.

Es hatte Yuma über ein Jahr hartnäckigste Nachforschungen gekostet, die Wahrheit hinter dem Verschwinden herauszufinden.

Notwehr?! Eiri hatte sich vor Yuki schützen müssen?! Wer zum Teufel hatte Yuki vor ihm beschützt?!

Alles an Einfluss, den er aufwarten konnte, hatte es gebraucht, um ihn rechtmäßig für tot erklären zu lassen. Zuerst hatte er über eine Exhumierung nachgedacht, doch was hätte die schon gebracht? Yuki war eines Verbrechens bezichtigt worden, wegen dem die Öffentlichkeit zweifellos mit Eiri sympathisiert hätte.

Nein, alles, was er noch für seinen kleinen Bruder hatte tun können, war, ihn in Frieden ruhen zu lassen.

Er war vollkommen hilflos gewesen.

Yuma kniff die Augen zusammen und biss angestrengt die Zähne aufeinander, um nicht auf der Stelle loszuschreien und Amok zu laufen. Nein, er würde die Chance nicht verspielen. Nicht so kurz vor dem Ziel.

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Endlich war es soweit. Alle Anwesenden wurden kurzzeitig von den Deckenstrahlern geblendet und im nächsten Augenblick ertönte die Stimme: „Hallo, Leute! Ich bin überglücklich, euch heute so zahlreich begrüßen zu dürfen! Wie ihr ja wahrscheinlich schon mitbekommen habt, bin ich Ryuichi Sakuma und heute ist mein Geburtstag, den ich mit euch, treue Grasper-Fans, gebürtig feiern will! Wollt ihr mit mir feiern, Freunde?!“ Die Menge brüllte geschlossene Zustimmung.

„Perfekt! Na dann, Tohma, Noriko! Legt los!“

Tatsuha stimmte mit den anderen Fans in ein kollektives Begeisterungsgeschrei ein, als in ohrenbetäubender Lautstärke die ersten Akkorde von „Shining Collection“ aus den Boxen dröhnten.

Ein Song nach dem anderen wurde gespielt und er sang mit, wo er konnte, tanzte bei den rockigeren Titeln und heulte bei den melancholischen Liedern und fühlte sich ganz allgemein wie auf Wolke sieben. Da vorne stand er: Sein Hobby, sein Idol, sein bester Freund, der ihn in guten wie in schlechten Tagen begleitet hatte, der ihn niemals alleine ließ. Sein Held! Und er war ihm so nah wie nie zuvor!

... Warum war er ihm so nah wie nie zuvor?

Ohne es zu merken, hatte sich Tatsuha von seinem Enthusiasmus leiten lassen und sich immer weiter zur Bühne vorgedrängt. Mit ein bisschen Anstrengung hätte er den Boden, auf dem sein Gott wandelte, mit den Fingerspitzen berühren können. An jedem anderen Tag hätte er Glückstränen geweint, doch heute lief es ihm kalt den Rücken herunter.

Nah bei Ryuichi hieß nah bei Tohma. Und nah bei Tohma hieß unglücklicherweise ...

Oh, Scheiße.

Da stand er, mit einer Kippe im Mundwinkel, vor der Brust verschränkten Armen und einem jubelnden Shuichi an der Seite.

Eiri beobachtete genervt die Band, senkte dann den Blick und erstarrte, als er einen seltsam vertrauten schwarzen Haarschopf keine Sekunde zu spät in der Menge abtauchen sah. Er runzelte die Stirn.

Unmöglich.

... Oder?

Tatsuha wurde blass, als er beobachtete, wie sich sein Bruder von der Wand abstieß und zögernd in seine Richtung wanderte. Die goldenen Pupillen sprangen von einem Punkt zum anderen. Eiri schien ihn nicht wirklich erkannt zu haben, war aber misstrauisch genug geworden, um nachzusehen.

Ein Fluchen entrann Tatsuhas Kehle, während er sich geduckt durch die Masse schob. Den Wasserfall hinunter zu schwimmen, war kein Problem – es wurde nur nie erklärt, wie man wieder hinauf gelangte. Und der blonde Dämon hatte diese verteufelte Ausstrahlung, die die Menschen um ihn herum instinktiv auf Abstand gehen ließ, ganz im Gegensatz zu ihm selbst.

Als er die dritte unachtsame Faust vor die Nase bekam, fuhr sein Kopf einmal zu hoch auf und sofort spürte er den eiskalten Blick im Nacken, der ihn ironischerweise in heftigen Schweißfluss ausbrechen ließ. Blitzschnell zog er den Kopf wieder ein und sprintete los.

Was sich lediglich in einem etwas schnelleren Trippeln äußerte.

Eiris Augenbrauen zogen sich noch enger zusammen. War er paranoid, oder was? Er hatte doch jetzt ganz deutlich die stupide Fresse seines kleinen Bruders gesehen!

Oder?!

Bei diesem Chaos war es schwer zu sagen. Die Menschenmasse teilte sich vor ihm wie das Meer vor Moses, aber sie vermochte sich leider nicht durchsichtig zu machen.

Unbewusst hoben sich seine Mundwinkel in einem finsteren Schmunzeln. Wenn dieser kleine Scheißer tatsächlich die Anordnungen ihres Vaters missachtet und heimlich hergekommen war, würde der Tag vielleicht noch interessant werden.

„Oh, Buddha, hilf mir“, dachte Tatsuha verzweifelt, „ab jetzt nehme ich auch meine Pflichten als Mönch immer ernst, versprochen! Nur hilf mir hilf mir hilf mir-“

Plötzlich schob sich ihm ein Vorhang in den Weg und er überlegte nicht zweimal, ehe er sich mit Tränen der Dankbarkeit in den Augen unter den dicken Stoff duckte und sich an die dahinterstehende Säule presste.

Keine Sekunde später trat sein Verfolger ins Blickfeld.

Eiri blieb unschlüssig stehen, drehte den Kopf zu allen möglichen Seiten, ließ den Blick ziellos umher wandern. Nach gut einer Minute misstrauischer Observation musste er zu dem enttäuschenden Schluss kommen, dass seine Imagination ihm einen Streich gespielt hatte. Außerdem fiel ihm Shuichi keine Sekunde später von hinten um die Taille und moserte: „Was ist los mit dir?! Du kannst mich doch nicht einfach stehenlassen! Komm schon, gleich kommt die Showeinlage, wo Ryuichi sich mit Wasser übergießt, genau wie in dem Film, wie hieß er noch gleich ...“

Ihre Stimmen entfernten sich und Tatsuha gönnte sich den Luxus, erleichtert aufzuatmen. Und dann ertönte es dunkel, einen winzigen Hauch höhnisch, aber hauptsächlich abgrundtief erbost über ihm: „Und? Bist du bald mal fertig?“

Er konnte schwören, dass sein Herz aussetzte.

Yuma hatte den Trubel der Fans dazu genutzt, sich langsam an sein Ziel heranzupirschen. Seine Welt war geschrumpft, je mehr er sich der Bühne genähert hatte. In seinem Sichtfeld hatte es nur noch Tohma Seguchi gegeben. Noch ein paar Schritte für einen sicheren Treffer. Vielleicht noch drei?

Zwei.

Einer ...

Gerade, als er die Pistole schon halb aus der Tasche gezogen hatte, prallte etwas heftig gegen ihn und verschwand blitzschnell unter seinem Mantel. In der Aufregung stockte ihm der Atem.

‚Was zum-‘

Er sah auf, als gleich darauf ein blonder Mann an ihm vorbeitrat und mit grantigem Blick die Menge beobachtete. Seine eigenen Augen weiteten sich vor Schreck und selbst die Waffe entglitt ihm lautlos zurück in ihr dunkles Versteck.

Eiri Uesugi.

Hatte er ihn erkannt? Yuma sah Yuki relativ ähnlich, wenn man sie nicht direkt nebeneinanderstellte und verglich. Andererseits wäre Eiri in dem Fall kaum kommentarlos an ihm vorbeimarschiert.

Das Wesen unter seinem Mantel vibrierte. Unschlüssig sah er an sich hinunter, konnte aber nur eine Hand erkennen, die sich in seinem Shirt verkrampft hatte.

Hatte Eiri jemanden verfolgt? Aber wenn, wen?

Yuma wurde von dem lautstark protestierenden Shuichi von seiner ungewissen Spannung abgelenkt. Der Sänger stürmte an ihm vorbei, sprang Eiri an und redete wie ein Wasserfall auf ihn ein. Und als wenn seine Nervosität nicht schon perfekt angeheizt gewesen wäre, traf, als sie an ihm vorbei zurück zur Bühne schlurften, kurz sein Blick auf jenen Eiris.

Dessen Augenbrauen hoben sich fast unmerklich und er schien für den Bruchteil einer Sekunde stehenbleiben zu wollen, doch dann sagte er nichts weiter und wanderte davon.

Yuma jedoch fluchte in seinen Bart. Eiri hatte ihn registriert. Nicht erkannt, so viel war aus dem Mangel an Aufmerksamkeit ersichtlich, aber später würde er sich seinen Teil denken, wenn Tohma nun plötzlich von einem unbekannten Heckenschützen getroffen werden sollte. Nein, das Risiko war zu groß.

Er kam nicht zum Zug. Und das nur wegen ...

Mit wachsender Wut schaute er hinunter auf einen schwarzhaarigen Hinterkopf, der den Bewegungen des Schriftstellers gefolgt war und nun leise aufatmete. Yuma konnte nicht anders, er stemmte eine Hand in die Hüfte und ließ seiner Frustration freien Lauf.

„Und? Bist du bald mal fertig?“

Das dunkle Ebenbild seiner Nemesis starrte ihn mit schockierten braunen Augen an und erneut stockte ihm der Atem. Der andere schien die plötzlich durch seinen Körper jagende Rigidität nicht zu bemerken, brach vielmehr nach einigen peinlichen Sekunden in ein erleichtertes Grinsen aus: „Yo, Alter, hast du mich erschreckt! Du hörst dich fast genauso an wie mein großer Bruder!“

Tatsuha richtete sich im Schutz der Lautsprecher zu seiner vollen Größe auf und blinzelte irritiert, als er den Kopf noch ein Stückchen in den Nacken legen musste. Sein Retter legte den eigenen fragend schief: „Was glotzt du so, Kleiner?“ Irritiert zog er einen Schmollmund, zuckte dann aber mit den Schultern: „Binʼs nicht gewohnt, dass jemand größer ist als ich. Gibt nicht viele davon in meinem Bekanntenkreis, nur meinen Bruder, einen durchgeknallten Manager, meinen Klassenlehrer ... Bist du ein Mischling?“

Yuma starrte ihn verblüfft an, obwohl er sich ziemlich sicher war, dass ihn die Frage noch zusätzlich hätte entrüsten sollen – aber dieser Kerl konnte offenbar Beschimpfungen so harmlos aussprechen, wie andere nach der Uhrzeit fragten. Also steckte er nur die Hände in die Manteltaschen und erwiderte ausdruckslos: „Geht dich zwar ʼnen Feuchten an, aber ja, ich bin Halbjapaner. Und du scheinst ja gewaltig Hosenflattern vor Eiri zu haben, wenn du dich ohne zu zögern wildfremden Typen unter die Wäsche wirfst.“

Tatsuha stutzte und rieb sich verlegen die Nase: „Ja, das tut mir wirklich leid. Hab dich für ʼnen der Pfeiler gehalten. Bei der Statur kannst du mir aber echt keinen Vorwurf machen, du hast Sixpacks wie ein Ochs... Moment. Woher kennst du meinen Bruder?“ Ein leicht paranoider Ausdruck huschte ihm übers Gesicht, doch Yuma rollte nur mit den Augen und winkte lässig ab: „Eiri Uesugi kennt in diesen Kreisen wohl wirklich jeder. Und dir sagt man sicher nicht zum ersten Mal, dass du ihm gleichst wie ein Ei dem anderen. Und jetzt mach, dass du verschwindest, du hast mir den Tag meines Lebens versaut!“ Abrupt wandte er sich ab und manövrierte sich durch die Masse in Richtung Ausgang. „Irgendwie unheimlich, der Typ“, dachte Tatsuha, der ihm erstaunt hinterher schaute, „Unheimlich, aber cool!“

Dann kümmerte er sich nicht weiter darum und konzentrierte sich wieder völlig auf den Supermann auf der Bühne.

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Er war so nah dran gewesen!

Grenzenlos frustriert rieb sich Yuma die Stirn, während er ziellos durch die nächtlichen Straßen wankte. Er musste verflucht sein, anders konnte er es sich nicht erklären, dass das Schicksal ihm ausgerechnet einen weiteren dieser vermaledeiten Uesugis vor die Füße gejagt hatte. Sein perfide ausgeklügelter Plan war mit einem Schlag den Bach runtergegangen – oder sollte er sagen, mit einem Zusammenstoß?

Er kicherte humorlos in sich hinein. Vielleicht hätte er nicht so viel trinken sollen, dachte er, als er die bereits vierte Mülltonne mit auf Wanderschaft nahm. Aber er war so zornig gewesen, dass er seinen Ärger einfach im Alkohol ertränken musste, ehe sein Kopf geplatzt wäre. Nun bereute er es, denn ihm wurde schwindelig und er musste sich an einer Straßenlaterne abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

„Hey, Leute, seht mal. Schon wieder so ein Scheißpenner.“

„Zu faul zum Arbeiten, was, du Verlierer?“

„Geh uns aus der Sonne oder willst du Ärger?“

Mit einem genervten Augenrollen seufzte er schwer. Und wieder einmal drei beliebige Individuen, im Grunde intelligente Wesen, die trotzdem nicht gescheit genug waren, ihre übermäßige Freizeit sinnvoll zu nutzen.

Die jugendlichen Nachtschwärmer bauten sich hinter ihm auf und grinsten hämisch, und so wandte er sich ihnen ohne besondere Begeisterung zu und musterte sie mit einer Mischung aus Langeweile und Gereiztheit. Einer von ihnen trat eine leere Cola-Dose nach ihm, die an seinem Schienbein abprallte und klappernd auf der Straße zum Liegen kam. Er zuckte nicht mal mit der Wimper.

„Ha! Mir scheint, der legt’s wirklich drauf an, Freunde.“

„Nein“, dachte Yuma unwillkürlich, „ihr legt es drauf an. Ich für meinen Teil versuche nur, in Frieden diese Serpentinstrecke zurückzulegen, die ich eigentlich als schnurgerade Straße in Erinnerung habe.“ Doch er sagte nichts, machte lediglich einen Schritt zur Seite, um an ihnen vorbei zu schlendern. Als er jedoch mit ihnen auf einer Höhe war, fuhr ihm plötzlich ein Fuß zwischen die Beine.

Er seufzte erneut und zog sein folgendes Bein so kraftvoll nach, dass der Angreifer mit einem peinlich hohen Schrei zu Boden ging.

Die beiden anderen benötigten einen Moment, um zu begreifen, was passiert war, während er nur seelenruhig weiter schwankte, doch sie erholten sich überraschend schnell von dem Schock. „He, du Mistkerl“, schrie der, den er im Hinterkopf als Rädelsführer eingestuft hatte, „Glaub ja nicht, dass du so davonkommst! Dafür bezahlst du!“ Sie packten ihn an den Armen, während sich das erste Opfer mühsam wieder aufrappelte: „Gut so, haltet ihn schön fest, wir wollen doch nicht, dass er nach dem ersten Schlag schon umkippt!“ Gekicher erklang um ihn herum und der Delinquent baute sich drohend vor ihm auf, grinsend eine Hand in die andere boxend. Yuma bedachte die Geste der Überlegenheit nur mit einem gelangweilten Stirnrunzeln.

Doch plötzlich spürte er ein leichtes Prickeln in sich aufsteigen. Ahnungsvoll hielt er die Luft an und kniff die Augen dabei fest zu. Heiliges Kanonenrohr, einen schlechteren Zeitpunkt hatte sich sein Körper nicht aussuchen können.

„Ha, seht ihr, jetzt hat er die Hosen voll!“

Yuma fing an zu zittern und legte leicht den Kopf in den Nacken.

„Ja, Mann, bete schon mal. Aber glaub nicht, dass sich Gott um so einen Abschaum wie dich kümmern wird!“

Yuma atmete so tief ein, wie er konnte und ...

Nieste seinem Gegenüber geradewegs ins Gesicht.

Nach getanem Werk blinzelte er und schnupfte ein wenig, ehe er sich wieder auf den Angreifer konzentrierte: „Entschuldige, Kleiner, was sagtest du? Ich war kurz abgelenkt ... Oh! Ach du lieber Scholli, das tut mir leid. Wenn es trocknet, lässt es sich sicher abkratzen.“

Der Junge schrie zornentbrannt auf und schlug zu.

Er traf nur leere Luft. Yuma war abgetaucht und schickte alle drei Raufbolde auf einmal mit einem schnellen Rundumkick zu Boden. Dem Pechvogel, der zufällig neben ihm landete, jagte er zusätzlich einen Ellenbogen in den Magen und vernahm zufrieden ein schmerzerfülltes Grunzen. Während sich sein Opfer stöhnend zusammenkauerte, stand er schwindelnd auf: „Also gut, Kinder. Wenn ihr nicht wollt, dass euer Sextett nach Hause rollen muss, solltet ihr es gut sein lassen und euch verziehen. Ich bin wirklich nicht gut drauf.“

Das Sextett, das grundsätzlich noch immer ein Trio war, hörte selbstverständlich nicht auf ihn.

Sich nicht darauf verlassend, in seinem Zustand zielgenau zuschlagen zu können, setzte er bei ihrem nächsten Angriff lieber auf einen weiteren Rundumkick aus einem flinken Handstand. Zwei von ihnen erwischte er, der dritte taumelte rechtzeitig zurück. Yuma hob anerkennend die Augenbrauen: „Oh, Glückwunsch. Dein IQ übersteigt den der meisten Pilze!“

Sein Aggressor zückte ein Messer.

„Oh, komm schon. Das willst du nicht wirklich.“

Der Junge brüllte etwas Unverständliches, was sich in seinen beschwipsten Ohren anhörte wie „Schkidichbrädiumduuse“ und stürmte geradewegs auf ihn zu. Yuma holte mit der Faust aus ...

Und sein Gegner wurde im nächsten Augenblick seitwärts in eine Mauer geschleudert, in der er mit dem Kopf steckenblieb und daraufhin nur noch kläglich mit den Beinen zuckte.

Yuma stutzte und folgte den rollenden Bewegungen einer vollen Cola-Dose, die an seinem Schuh zu einem jähen Stopp kam.

„Hey, Alter“, rief ihm Tatsuha, noch immer in Pitcherpose, von der anderen Straßenseite zu, „alles klar bei dir?“ Yuma nickte nur: „Eine Frage: Was hat der Kerl gerade gesagt?“ „Ich kill dich, ich bring dich um, du Sau“, übersetzte man ihm bereitwillig.

„Ah.“

Yuma öffnete die Coke, steckte sie dem zuckenden Bündel umgedreht zwischen Steiß und Hosenbund, steckte die Hände in die Manteltaschen und zog von dannen.

Er hörte eilige Schritte hinter sich und weinte Tränen der Verzweiflung. Wusste dieser Typ nicht, wann es genug war? „He, warte doch! Du siehst aus, als könntest du Hilfe brauchen“, beharrte Tatsuha, „Wenn du mir sagst, wo du wohnst, nehme ich dich auf meinem Bike mit!“ „Nein, danke“, knurrte er missmutig zurück, „ich komme bestens alleine klar.“

„Aber du taumelst, als wenn du zehn Liter Whiskey gekippt hättest! Und da vorne ist eine-“

Yumas Schienbein kollidierte mit einem schweren Gegenstand, noch ehe die Warnung ausgesprochen war.

„AUTSCH! Ja, herzlichen Dank, SCHEISSVERFICKTEMÜLLTONNENSCHEISSE! Geh heim, siehst du nicht, dass du mir auf den Geist gehst?!“

„Du könntest ruhig ein bisschen höflicher sein, immerhin habe ich dir gerade das Leben gerettet.“

„Ja, sicher. Und ich dir deins vorhin im Konzert. Ich denke nicht, dass ich dir irgendwas schulde.“

„Gar nicht wahr, das war doch nichts Ernstes!“

„Deinem Gesicht nach zu urteilen hätte dich die Apokalypse erwartet. Wir sind also quitt.“

„Oh, komm schon! Nimm Hilfe an, wenn sie dir angeboten wird!“

„Irgendwie habe ich das unangenehme Gefühl, dass du was von mir willst.“

„Ach was, wie kommst du darauf?“

„Du folgst mir wie ein verdammter Streuner! Also sprich dich aus und verzieh dich!“

„Warum soll ich mir die Mühe machen, es dir zu sagen, wenn ich mich danach sowieso verdrücken muss?“

„Weil ich ein menschliches Wesen mit Bedürfnissen bin. Eines davon ist, meine angeborene Neugierde zu stillen. Also, lass ausser Lippe fallen.“

Tatsuha stupste verlegen die Zeigefingerspitzen zusammen: „Naja, das Konzert ist zu Ende und ich bin ziemlich pleite und hab keine Bleibe. Und da bin ich zufällig dir über den Weg gelaufen und dachte, wenn Fremde in Tokio zweimal aufeinandertreffen, muss es ein Wink des Schicksals sein! Also habe ich meine letzte Dose Reiseproviant geopfert, um dir zu helfen, ehe dich der Kerl wie Schweinebraten aufschlitzt und bin der Meinung, dass dir das durchaus eine Gegenleistung wert sein sollte ...“

„Was ... willst ... du.“

„Kannst du mich das Wochenende über in deiner Bude übernachten lassen?“

„Klar, hol deine Sachen.“

„EHRLICH?!“

„Nein.“

„Wie kann dir dein eigenes Leben so wenig wert sein?!“

Yuma blieb abrupt stehen und massierte sich die Schläfen. Tatsuha stoppte ebenfalls und grinste ihn gewinnend an. Er schüttelte resigniert den Kopf: „Bin ich hier der Einzige, der ein Problem erkennt? Du fragst einen wildfremden Kerl, ob du drei Tage in seiner Wohnung verbringen kannst und erwartest, dass er dich mit Freuden aufnimmt? Ist das nicht vielleicht ein bisschen zu optimistisch?“ Doch Tatsuha wirkte völlig arglos: „Das passt schon! Ich bin ein Mönch, weißt du? Ich habe diese göttlichen Instinkte und so. Von dir geht keine düstere Aura aus, höchstens ein bisschen Depression. Du bist in Ordnung!“ Yumas Braue zuckte.

‚Verarscht ihr mich alle?‘

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als irritiert den Kopf zu schütteln und energisch davon zu marschieren: „Schon mal dran gedacht, dass du in meinen Augen nicht in Ordnung sein könntest?“ Erneut verfolgte man ihn und er musste sich sehr zwingen, seine Pistole in dieser Nacht nicht doch noch zu gebrauchen.

„Also, lässt du mich?“

„Nein!“

Verfluchter Alkohol.

Eine halbe Stunde später hielt Tatsuha am Straßenrand. Er schaute am Gebäude hoch und rümpfte die Nase: „Autsch. Was für ʼne heruntergekommene Gegend!“ „Wenn’s dir nicht passt, ich halte dich nicht zurück“, ertönte es in seinem Rücken. „Home sweet home“, trällerte er daraufhin vergnügt und half Yuma vom Motorrad.

Mit etwas Mühe schafften sie es in den dritten Stock, wo Yuma seine Schlüssel zückte und eine mit Graffiti beschmierte Tür öffnete: „Fühl dich wie zu Hause, aber handele nicht danach, was bedeutet, in dieser Wohnung wird nur addiert, nicht subtrahiert, capisce?“ „Si, capisce“, strahlte Tatsuha und setzte sich auf den nächstbesten Stuhl, „Wow, von persönlicher Note hast du aber auch noch nie was gehört, oder? Das ein oder andere Poster? Ein paar Magnete am Kühlschrank? Topfpflanzen?“ Yuma streifte sich motivationslos den Mantel ab und fiel vornüber aufs Bett: „Ist eh nur temporär gewesen, morgen fliege ich zurück nach Amerika. Gute Nacht.“ Tatsuhas Kopf fuhr auf: „Was?! Hey, du hast mir gesagt, ich könnte hier drei Tage verbringen!“ Yuma murmelte gleichgültig: „Kannst du auch, Kleiner, die Miete ist für den ganzen Monat bezahlt. Gute Nacht.“

„Hey, nur fürs Protokoll: Ich heiße Tatsuha, nicht Kleiner. Tatsuha Uesugi.“

„Hochinteressant. Gute Nacht.“

„... Verrätst du mir auch deinen Namen?“

„Nein. Gute Nacht.“

„Komm schon! Sei nicht so unkooperativ!“

„Ich lasse dich in meiner Wohnung übernachten. Für mich ist das Kooperation genug. Gute. Nacht.“

Tatsuha schmollte. Eine ganze Weile saß er still da und lauschte der gleichmäßigen Atmung seines unfreiwilligen Zimmergenossen. Als Yuma endlich ein paar leise Schnarchlaute von sich gab, grinste er dämonisch, schlich zu dem am Boden liegenden Mantel und begann eifrig, die Taschen zu durchwühlen.

Das erste, was er fand, war ein Bild von zwei brünetten Jungs. Der ältere der beiden schlief soeben seinen Rausch neben ihm aus. Der Jüngere erschien ihm seltsam vertraut.

Doch als er sich auch nach mehreren Minuten schärfster Konzentration weder an das „Wann“, noch das „Wo“ erinnern konnte, legte er es als Zufall zu den geistigen Akten und wühlte erneut im Mantel herum.

Als nächstes fiel ihm eine Brieftasche in die Hände und er fischte neugierig den Personalausweis heraus.

Yuma Kitazawa. Kitazawa ... Noch nie gehört. Yuma ... ‚Traum‘, wie?‘

Er sah zu dem schlafenden Mann hinüber, steckte die Brieftasche zurück an ihren Platz und machte sich auf, eine Decke zu suchen. Dabei blieb er jedoch an einem Mantelzipfel hängen, stolperte und fiel mit lautem Krachen zu Boden, wo er leise stöhnte und sich wimmernd die Nase rieb. Schnell schaute er Richtung Bett, in der Befürchtung, seinen grantigen neuen Freund aufgescheucht zu haben, doch Yuma hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Ein Hoch auf den Alkohol!

Als er aufstand, stieß sein Fuß an ein kleines, schweres Objekt.

Eine Pistole.

Tatsuha starrte erst perplex darauf hinab, hob sie dann jedoch hastig auf, wischte sie mit einem Ärmel ab und schob sie flink zurück in Yumas Tasche. „Meine Güte“, dachte er, während er anschließend einen verdächtig aussehenden Schrank durchstöberte und triumphierend eine dort entdeckte Wolldecke heraus kramte, „Amis und ihre Paranoia!“
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