Immer wieder zu dir

GeschichteRomanze / P16 Slash
30.08.2009
20.09.2009
4
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Dieses Kapitel
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Titel: Immer wieder zu dir
Genre: Romanze
Altersfreigabe: PG16-slash
Beta: TheBlueLady und Denebola

Disclaimer: Alle Figuren aus „Fluch der Karibik“ gehören nicht mir, sondern Walt Disney. Jack Sparrow mag in seiner Interpretation auch zu einem großen Teil Johnny Depp gehören, mir ist er aber leider ebenfalls nicht. Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte.

Inhaltsangabe: Manchmal verstecken sich unter dem Deckmantel von Abscheu und Verachtung ganz andere Gefühle. Welche das sein können, findet Commodore James Norrington heraus, als Captain Jack Sparrow anfängt, sein Spiel mit ihm zu spielen …

Anmerkung: Ganz großer Dank geht an meine beiden Beta-Leserinnen TheBlueLady und Denebola!
Außerdem würde ich mich natürlich sehr darüber freuen, wenn ihr mir ein kleines Review hinterlasst, damit ich weiß, ob euch meine Gedanken zu den beiden Herren gefallen *smile*

Und jetzt viel Spaß beim Lesen!


~*~


Kapitel I – Zweifel


~*~



Ich bemerke erst, dass die Sonne bereits ihre letzten warmen Strahlen über den Horizont sendet und Port Royal in ein goldenes Licht taucht, als ein leises Klopfen mich aus meiner Konzentration reißt.
 
Stirn runzelnd hebe ich den Kopf. Als ich jedoch mit einem kurzen Blick auf die schwere Standuhr feststelle, wie spät es ist, weiß ich, wer vor der Tür zu meinem Arbeitszimmer steht.
 
„Komm herein, Mary“, sage ich deshalb und nur Sekundenbruchteile später betritt mein Hausmädchen mit einem Tablett in der Hand den Raum.
 
„Euer Abendessen, Commodore“, erklärt sie lächelnd.
 
„Stell es hierher, ich werde später etwas essen“, erwidere ich und deute auf den kleinen Beistellwagen neben meinem Schreibtisch.
 
Mir fällt auf, wie sich das Lächeln auf Marys Gesicht verflüchtigt. Trotzdem folgt sie meiner Anweisung und mustert anschließend mit einem skeptischen Blick die Berge von Akten, die sich vor mir türmen.
 
„Ihr habt wieder einmal die Zeit vergessen, nicht wahr?“, stellt sie fest.
 
Ich hebe die Augenbrauen, verkneife mir jedoch im letzten Moment das Lächeln, das bei ihrem tadelnden Tonfall an meinen Mundwinkeln zupft.
 
„Die Arbeit sammelt sich an, wenn ich auf See bin“, erwidere ich stattdessen.
 
„Dann solltet Ihr Euch entweder einen Stellvertreter suchen, der Eure Aufgaben hier an Land für Euch erledigt, und ganz auf See bleiben, oder aber häufiger zurückkehren. Was Ihr hier tut, schadet Eurer Gesundheit, Commodore.“
 
Nun kann ich mir ein Lächeln nicht mehr verkneifen. Mary ist erstaunlich rigoros für ihr Alter und ich bin mir nur allzu bewusst, dass ich ein solches Verhalten eigentlich unterbinden und sie für ihre unangemessene Bemerkung sogar bestrafen müsste. Doch sie weiß sehr genau, wie weit sie gehen kann, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen und ich halte nichts von willkürlichem und übertriebenem zur Schau stellen meiner Macht. Außerdem ist es – und wenn ich ehrlich bin, ist das der entscheidende Grund –  ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sie sich sorgt.
 
„Du kannst für heute Schluss machen“, sage ich schließlich, noch immer amüsiert. „Den Rest werde ich alleine schaffen.“
 
Einen Moment lang sieht sie aus, als wolle sie noch etwas sagen, doch dann macht sie lediglich einen kleinen Knicks. „Gute Nacht, Commodore.“
 
„Gute Nacht“, schicke ich ihr schmunzelnd hinterher, als sie das Arbeitszimmer verlässt.  
 
Einige Zeit lang klingen noch geschäftige Geräusche aus der Küche an mein Ohr, dann aber höre ich, wie sich die Tür des Dienstboteneingangs öffnet und kurz darauf wieder schließt.
 
Ich bin allein im Haus.
 
Seufzend schiebe ich die letzte Akte, die ich bearbeitet habe, von mir und werfe einen Blick auf das Abendessen. Ich weiß genau, dass es unberührt bleiben wird, auch wenn ich mir dafür morgen entsprechendes von Mary werde anhören dürfen.
 
Müde reibe ich mir über die brennenden Augen und stehe auf. Strecke mich, um die typische, bleierne Erschöpfung zu vertreiben, die den Körper nach mehrstündigem Sitzen stets ergreift. Unwillkürlich zieht es mich zum offenen Fenster, dessen Vorhänge von einem lauen Wind aufgebauscht werden und von dem aus ich auf ganz Port Royal blicken kann bis hinunter zum Meer.
 
Obwohl es erst wenige Tage her ist, dass wir in Port Royal anlegten, um die Vorräte aufzustocken und einige Reparaturen an der Dauntless vorzunehmen, so fühle ich doch bereits, wie mich das Rauschen der Wellen, das ich selbst hier oben noch hören kann, zu sich zieht.
 
Je länger ich auf See bin, je länger ich den kühlen Wind auf meiner Haut spüre und die spritzende Gischt auf meinem Gesicht, desto schwerer fällt es mir, wieder an Land zu sein. Es sind Schiffsplanken, auf die ich gehöre, und nicht das Parkett eines feinen Salons. Je öfter ich dem Meer den Rücken kehre, desto klarer wird diese Gewissheit.
 
Dann solltet Ihr ganz auf See bleiben, erinnere ich mich an Marys Worte.
 
Doch das kann ich ebenso wenig.
 
Denn dann wäre es für uns beide noch schwerer, zueinander zu finden.
 
Mit einem leisen Lächeln bleibt mein Blick an dem Pier hängen, wo wir uns zum ersten Mal begegnet sind. An dem Tag, als du Elizabeth das Leben gerettet hast. Es kommt mir vor, als sei es Jahre her und gleichzeitig erinnere ich mich noch so genau an jede Kleinigkeit, als sei es gestern gewesen.
 
Deine abgetragenen Stiefel, die Hose, die von einem verblichenen, rot-weiß gestreiften Tuch auf deinen schmalen Hüften gehalten wird, das schmutzige, weiße Hemd. Ich weiß noch genau, welche Anspannung mich durchfuhr, als ich dein Gesicht musterte. Die hohen Wangenknochen, die beiden geflochtenen Kinnzöpfe, den goldenen Hautton, all das eingerahmt von einem wirren, tiefschwarzen Haarschopf, der nur von einem roten Tuch gebändigt wird und in den aller möglicher – und unmöglicher – Zierrat eingeflochten ist. Und natürlich deine dunklen, kohleumrandeten Augen, aus denen mir in dem Moment, als ich dir meine Degenspitze an die Kehle setzte, eine Mischung aus Unbekümmertheit, täuschend echt wirkender Unschuld und Verdrießlichkeit darüber, deine Pläne durchkreuzt zu sehen, entgegenschlug.
 
Ich kannte dieses Gesicht, hatte es auf unzähligen Zeichnungen gesehen und doch musste ich sicher sein. Ich konnte nichts dem Zufall überlassen, nicht in diesem Fall. Mit einem Trick brachte ich dich dazu, mir deine Hand zu geben, und in dem Moment als sich meine Finger um deine schlossen, schob ich mit der anderen Hand deinen Hemdsärmel zurück.
 
Und sowohl das eingebrannte P, als auch der tätowierte Spatz, welcher der Sonne entgegenfliegt, machten meine Vermutung zur Gewissheit.
 
Mir stand tatsächlich Jack Sparrow gegenüber.
 
Jener Mann, der selbst unter Piraten einen fast schon legendären Ruf hat. Der die Herzen so vieler ehrbarer junger Damen höher schlagen lässt, weil sie mit ihm eine romantische und heldenhafte Seite der Piraterie verbinden.
 
Mir stand der Mann gegenüber, auf den zu treffen und den zu fassen ich gehofft hatte, seit ich mir schwor, alle Piraten der Karibik aufzuspüren und unschädlich zu machen.
 
Ich war so begierig darauf, dich in Ketten zu legen, so geblendet von dem unfassbaren Zufall, der dich mir in die Hände spielte, dass alles andere gleichgültig wurde. Selbst, dass du der Frau das Leben gerettet hast, der ich nur Minuten zuvor einen Heiratsantrag gemacht hatte.
 
Erst viel später ist mir bewusst geworden, dass der skrupellose, gierige und feige Pirat, der du in meinen Augen warst, kein ihm unbekanntes Mädchen gerettet, sondern die Tragödie zu seinem Vorteil genutzt hätte.
 
Damals am Pier jedoch verspürte ich nur kalte Genugtuung, als Gillette dir die Eisen anlegte. Ich hätte dich um keinen Preis der Welt verschont, warst du doch der berüchtigtste Pirat der Karibik. Und auch der harte Blick aus deinen dunklen Augen und die zynische Erwiderung auf meine Bemerkung, eine gute Tat revidiere nicht all deine anderen Verbrechen, brachte meinen Entschluss nicht ins Wanken. Nicht den Bruchteil einer Sekunde.
 
Doch dann hast du den einzigen Moment zu handeln genutzt, der sich dir bot.
 
Und Elizabeth’ Leben war als Preis zu hoch, das ist mir in dem Moment bewusst geworden, als du ihr die Ketten um den Hals schlangst und mir Angst und eine ohnmächtige, demütigende Wut die Kehle zuschnürten.
 
Zielsicher hattest du den einzigen Punkt gefunden, der mich angreifbar machte und ich zweifelte nicht daran, dass du ihn gnadenlos ausnutzen würdest. Nicht bei der kalten Entschlossenheit, die ich in deinen Augen erkennen konnte und die nichts mehr übrig ließ von dem zu groß geratenen Kind, sondern dich zu dem gefährlichen und ernst zu nehmenden Piraten machte, von dem ich gelesen hatte.
 
Dass du gleichzeitig mit Elizabeth’ Angst spieltest, dass du mich mit jenem lüsternen, schadenfrohen Grinsen ansahst, als sie dir deinen Gürtel umschnallte und du erkanntest, wie gerne ich in dieser Situation an deiner Stelle gewesen wäre – all das hat meinen Zorn fast explodieren lassen. Wie wenig musste dir ein Menschenleben Wert sein, dass du selbst mit deinen wehrlosen Opfern noch deine Spielchen triebst?
 
Du hast uns jedoch alle zum Narren gehalten. Jeder andere Pirat hätte Elizabeth ohne mit der Wimper zu zucken getötet oder sie zumindest weiterhin als Geisel benutzt.
 
Aber du bist nicht wie die anderen, auch wenn du ein großes Talent dafür hast, die Menschen um dich herum diese Tatsache vergessen zu lassen – nur um sie daran zu erinnern, wenn sie es am wenigsten erwarten.
 
Dass du Elizabeth verschontest und sie uns nur in die Arme stießest, um die Verwirrung zur Flucht zu nutzen, war das Erste, das an meiner so fest gebildeten Meinung über dich rüttelte. Wenn auch zu diesem Zeitpunkt nur unbewusst.
 
Auch in den darauffolgenden Tagen hast du dir nie in die Karten schauen lassen. Du spieltest uns gegeneinander aus, logst, betrogst und manipuliertest uns alle.
 
Angefangen bei dem aberwitzigen, aber – wie ich damals widerwillig anerkennen musste – genialen Manöver, das dir die Interceptor in die Hände spielte, bis hin zu deinem zwielichtigen Plan, uns Barbossa und seine Crew auf dem Silbertablett zu servieren. Du hast alles getan, um am Ende genau das zu bekommen, wofür du das Ganze überhaupt erst begonnen hattest: die Erfüllung deiner Rache.
 
Doch an einem Punkt bist du gescheitert. Und es ist dieser Punkt, der dir stets aufs Neue im Weg steht, der dich niemals so sein lässt wie die anderen, selbst wenn du dich noch so sehr bemühst.
 
Denn welcher Pirat tötet nur dann, wenn es unbedingt sein muss? Welcher Pirat vermeidet es, sich an Schwächeren zu vergreifen? Und welcher Pirat vertraut auf eine Crew, die ihn einen Tag zuvor noch zurückgelassen hat?
 
Du bist nicht wie sie, nicht nur.
 
All die Kleinigkeiten, über die ich bereits gestolpert war, seitdem wir dich und Elizabeth von dieser Insel gerettet hatten, auf der Barbossa euch aussetzte, gipfelten in Elizabeth’ und Turners Berichten darüber, was in der Höhle geschehen war.
 
Jenes leise Unbehagen, das in mir aufstieg, während ich ihnen lauschte, ließ sich jedoch nicht mit meinem Pflichtbewusstsein vereinbaren, war nichts, das ich mir erlauben konnte. Wenn ich dich ohne zu zögern dem Henker übergeben wollte, wenn ich ignorieren wollte, dass du dich am Ende doch für die richtige Seite entschieden hattest, selbst wenn es dir vorrangig um deine Rache ging, musste ich das Bild des Piraten wiederherstellen, den ich mein Leben lang verabscheut hatte.
 
Dass dieser Versuch jedoch so sehr scheitern würde, als ich zu dir nach unten in die Brigg ging, und stattdessen Dinge in Bewegung setzte, die ich mir nie hätte erträumen lassen, war das Letzte, das ich erwartete.


**** Rückblick ****

James Norrington war niemand, der auf seine Feinde herabsah und nachtrat, wenn sie am Boden lagen. Doch heute würde er eine Ausnahme machen.
 
Sie waren auf dem Weg von der Isla de Muerta zurück nach Port Royal. Elizabeth war in Sicherheit, William Turner würde, so hatte es Gouverneur Swann zumindest angedeutet, eine Begnadigung erhalten, und sie hatten eine Horde Geisterpiraten besiegt.
 
Als wäre all das nicht bereits genug, hatte er auch jenen Mann wieder in seiner Gewalt, den er zur Strecke bringen wollte, seit er zum ersten Mal von ihm gelesen hatte.
 
Jack Sparrow war erneut von seiner Crew im Stich gelassen worden.
 
Trotzdem fühlte sich der Triumph schal an.
 
James wusste nicht, ob es von Anfang an zu Sparrows Plan gehört hatte, dass Elizabeth, Turner und im Endeffekt auch er selbst und seine Männer überlebten oder ob es nur ein zufälliger Nebeneffekt gewesen war. Doch im Grunde war es gleichgültig. Denn es änderte nichts daran, dass sie überlebt hatten. Und auch nicht daran, dass James sich nicht wohl fühlte bei dem Gedanken, den Mann zu hängen, dem sie diese Tatsache verdankten.
 
Seine Hand schwebte über dem Griff der Tür zur Brigg. James wusste nicht, wie lange er schon hier stand. Er musste Sparrow gegenüber treten und sich davon überzeugen, dass dieser noch immer der Pirat war, den er verabscheute. Alles andere, jeder Anflug von Mitgefühl oder Anerkennung, ließ sich nicht mit dem vereinbaren, das James verinnerlicht hatte und das ihn so sehr ausmachte: seinem Pflichtgefühl, seiner Treue zur Royal Navy, seinem Stolz. Warum also haderte er so mit sich selbst?
 
Wie um diesen letzten Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben, drückte er entschlossen den Griff nach unten und öffnete die Tür. Sofort schlug ihm der Geruch von abgestandener Luft und brackigem Wasser entgegen und James verzog unwillkürlich das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse.
 
Was er jedoch sofort bereute, als eine spöttische Stimme aus der Dunkelheit die Stille durchbrach.
 
„Nicht ganz das, was Ihr gewohnt seid, Commodore, nehme ich an. Verzeiht, dass ich Euch nichts Besseres bieten kann.“
 
Genau das war es, was James gehofft hatte zu finden. Diesen Spott, die Unverschämtheit, das in dieser Situation vollkommen unangemessene Selbstbewusstsein. All das machte es von einem Moment auf den anderen so viel einfacher, sich wieder daran zu erinnern, warum dieser Mann an den Strang gehörte. Trotz allem.
 
„Ihr habt nichts anderes verdient“, entgegnete James kühl und trat an die Zelle heran. Die Öllampe, die er aus seiner Kajüte mitgebracht hatte und die er auf ein altes und mittlerweile leeres Pulverfass stellte, schenkte ihm ein flackerndes Licht.
 
Jack Sparrow saß auf dem Boden an die Schiffswand gelehnt, den Kopf gesenkt, sodass sein Gesicht im Schatten lag. In der Hand hielt er eine Flasche Rum, wie James Stirn runzelnd feststellte. Er würde Befehl geben müssen, Elizabeth und Turner nicht mehr zu Sparrow zu lassen.
 
Bei James’ Worten hatte Sparrow den Kopf gehoben und der Spott, der in seiner Stimme mitgeklungen hatte, zeigte sich nun auch in dem Lächeln, das sich auf seine Lippen legte und seine goldenen Zähne im Schein der Lampe aufblitzen ließ.
 
„Was bleibt wohl für Eure Feinde, wenn Ihr bereits Eure Freunde so unliebsam behandelt, frage ich mich?“
 
Der lauernde, provozierende Tonfall in Sparrows Stimme ließ jene irrationale Wut in James auflodern, die er nur zu gut kannte, seit er dem Piraten zum ersten Mal begegnet war. Eine Wut, deren Ursprung er sich nicht erklären konnte und die er doch nicht unterdrücken konnte, sobald Sparrow ihm gegenüber stand. Trotzdem ließ er keine Anzeichen dieser Wut bis auf sein Gesicht vordringen, zu gut saß seine Rüstung aus eiserner Beherrschung, die ihm von Kindesbeinen an anerzogen worden war.
 
„Wie kommt Ihr darauf, Euch als meinen Freund zu bezeichnen, frage ich mich“, erwiderte er schneidend. Die winzige Spur des Mitgefühls, das er bis vor ein paar Minuten noch empfunden hatte, war verschwunden.
 
Sparrows Augenbrauen zuckten indessen herausfordernd nach oben. „Nun, ich erinnere mich daran, Euch die untoten Piraten vom Hals geschafft zu haben“, erklärte er. In seiner gewohnt umständlichen Art, die jedoch trotzdem eine merkwürdige Eleganz besaß, erhob Sparrow sich vom Boden und kam in dem ihm eigenen, wiegenden Gang auf James zu. „Ohne mich würdet Ihr noch immer dort oben an Bord stehen und mit Eurem Degen herumfuchteln“, fuhr er selbstgefällig fort und unterstrich jedes seiner Worte mit weit ausholenden Gesten seiner Hände. „Heldenhaft, aber ohne Zweifel wirkungslos. Oder Ihr hättet bereits das Zeitliche gesegnet. Heldenhaft natürlich.“
 
Bei seinem letzten Satz machte Sparrow eine so heftige Handbewegung, dass er dabei einen Teil des Rums verschüttete. Ruckartig wandte er sich dem Fleck auf den Schiffsplanken zu, schien angestrengt darüber nachzudenken, was er jetzt tun sollte, doch all das registrierte James kaum.
 
Denn mit nur wenigen Worten hatte Sparrow es geschafft, ihm vollkommen den Wind aus den Segeln zu nehmen.
 
Er war hier herunter gekommen, um Sparrow in seine Schranken zu weisen, um ihm klar zu machen, dass ihm dieses Mal keine aberwitzige Flucht gelingen würde. Um Sparrow seine Genugtuung spüren zu lassen. Um sich selbst davon zu überzeugen, dass dieser Pirat nichts anderes als den Tod verdiente, gleichgültig, wie geschickt er auch darin sein mochte, Sympathie und Mitgefühl für sich zu wecken. Oder auch gerade wegen dieses Geschicks.
 
Doch nun hatte Sparrow ihn an der Stelle getroffen, die James so verbissen zu ignorieren versuchte, zerrte genau das an die Oberfläche, was James vehement unterdrückte, seit der Pirat mit Elizabeth und Turner aus der Höhle zurückgekehrt war. Nämlich seinen untrüglichen und so tief verankerten Sinn für Ehre, für Richtig und Falsch.
 
Trotzdem weigerte sich James, der hartnäckigen Stimme in seinem Inneren nachzugeben. Er würde sich von Sparrow nicht so weit manipulieren lassen, dass er sich von all dem abwandte, dem er sich verpflichtet fühlte.
 
„Ihr bleibt trotz allem, was Ihr seid“, setzte er daher an, noch immer mir jener distanzierten und fast schon angewiderten Kälte in der Stimme. „Und auf Piraten wartet ...“
 
Weiter kam er jedoch nicht, denn bei seinen Worten hatte Sparrow sich ihm in einer schwungvollen Bewegung wieder zugewandt und den rechten Zeigefinger gehoben. „Schock- schwere Not, der schnelle Tod“, unterbrach er James.
 
Dann trat er noch einen Schritt näher an die Gitterstäbe heran und aus den dunklen Augen schlug dem Commodore das unverkennbare, selbstsichere Funkeln entgegen. „Noch habt Ihr mich nicht am Galgen, James“, raunte er.
 
James konnte fast spüren, wie sich bei Sparrows Worten ein Hebel in seinem Kopf in Bewegung zu setzen begann. Der Pirat hatte etwas an sich, das ihn wie nichts anderes auf der Welt an der Rand seine sonst so makellosen Beherrschung trieb und James wusste, es würde nicht mehr lange dauern, bis er genau diese Beherrschung verlor. Ungeduldig ballte er die Hände zu Fäusten, um das haltlose Zittern zu verbergen. Ein untrügliches Zeichen dafür, wie nahe er schon am Abgrund stand.
 
„Wie kommt Ihr darauf, dass Ihr diesem Schicksal entgehen könntet?“, wollte er wissen und für einen Moment empfand er grimmigen Stolz darüber, dass sich nichts von seiner Wut in seiner Stimme niederschlug. Es gelang ihm sogar, ein herablassendes Lächeln auf sein Gesicht zu zwingen.
 
Sparrow starrte ihn an, ungläubig und als zweifle er ernsthaft an James’ Verstand. Dann breitete er die Arme aus. „Ich bin Captain Jack Sparrow!“, erklärte er schließlich, verständnislos den Kopf schüttelnd und so selbstverständlich, als sei eine andere Erklärung vollkommen überflüssig.
 
James blinzelte, war wie vor den Kopf geschlagen und glaubte einen Moment lang, sich verhört zu haben, doch dann durchfuhr ihn der Zorn so plötzlich und so heftig wie ein glühend weißer, alles versengender Blitz. Er würde aus diesem Wortgefecht nicht als Verlierer hervortreten, würde sich nicht blenden und einwickeln lassen von diesem unglaublichen, unerschütterlichen Selbstvertrauen!
 
„Und was für ein grandioser Captain müsst Ihr sein, bedenkt man, dass Eure Crew Euch bereits zum zweiten Mal in nur wenigen Tagen im Stich gelassen hat!“, zischte er.  
 
James hatte Sparrows Gesicht gesehen, als er aus dem kleinen Boot gestiegen war, mit dem er, Elizabeth und Turner von der Isla de Muerta zur Dauntless gerudert waren. Er wusste, dass der Verrat nicht spurlos an dem Piraten vorbeigegangen war, hatte seine Worte daher mit voller Berechnung gewählt. Und obwohl er nichts anderes wollte, als Sparrow endlich klar zu machen, wo er hingehörte, traf ihn dessen Reaktion wie ein Schlag ins Gesicht.
 
Er hatte mit einer weiteren, nichtssagenden Bemerkung gerechnet, mit sinnlosem Geplänkel, vielleicht sogar mit Wut. Mit irgendetwas, das ihm nicht auch nur das Geringste darüber verriet, wie es in Sparrow tatsächlich aussah. Nicht jedoch mit dem Ausdruck von Schmerz und Enttäuschung, der für Sekundenbruchteile über das Gesicht des Piraten flackerte, bevor er jegliche Emotion aus seinen Zügen verbannte und einen Schritt zurücktrat.
 
„Sie haben sich an den Kodex gehalten, wie ich es ihnen befohlen habe“, erwiderte Sparrow tonlos.
 
James brauchte ein paar Sekunden, um zu reagieren, brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was hier gerade passierte, doch dann lachte er auf, versteckte seine Fassungslosigkeit unter dem Hohn und der Gehässigkeit. „Als wäre dieser Kodex ein wahres Gesetz! Ihr haltet Euch doch nur daran, wenn es Euch zum Vorteil gereicht!“
 
„Ihr wisst nichts über den Kodex!“, fuhr Sparrow auf.
 
So heftig, dass James zusammenzuckte, sich unwillkürlich fragte, was es mit diesem Kodex auf sich hatte, dass Sparrow so unbeherrscht reagierte. Doch er gab keine Antwort, wartete darauf, dass der Pirat weiter sprach. Ihm eine harsche Bemerkung entgegenschleuderte, ein abwertendes Lachen, doch nichts davon geschah. Stattdessen zog sich Sparrow noch weiter in die Schatten seiner Zelle zurück. James hatte das untrügliche Gefühl, dass er das nur tat, um den Ausdruck in seinen Augen zu verbergen und ohne, dass er genau sagen konnte, warum, machte ihn diese Tatsache noch wütender.
 
„War es das Wert?“, fragte er drängend und er wusste, dass man ihm seinen Zorn nun anhörte. Sparrow würde mühelos erkennen, dass das Band um seine Beherrschung bis zum Zerreißen gespannt war. „All das, was Ihr getan habt?“
 
Die Wut kochte in ihm nach oben, immer weiter, ließ sein Blut wie glühend heiße Lava durch seine Adern schießen. Die Quelle dieser Wut lag mittlerweile so dicht an der Oberfläche, dass James nur die Hand ausstrecken müsste, um sie zu berühren, doch er schreckte davor zurück. Denn das hätte auch bedeutet, sich mit Konsequenzen auseinander setzten zu müssen, die er nicht bereit war zu tragen.
 
Ein goldenes Aufblitzen in der Dunkelheit war die Antwort auf James’ Frage, als Sparrow beinah nachsichtig lächelte. „Ihr wisst nicht, was es bedeutet, Pirat zu sein.“
 
Und es war dieser Moment, dieser eine Satz, ausgesprochen in einem Tonfall voller Mitleid, der James’ so mühevoll aufrecht erhaltene Selbstbeherrschung in Luft auflöste.
 
„Hört endlich auf, Euch selbst zu belügen!“, explodierte er. „Wofür lohnt es sich, dass Ihr in wenigen Tagen am Galgen hängt?! Für eine Crew, die Euch immer wieder verrät?! Für Eure Rache?! Für dieses verdammte Schiff?!“
 
Mit seiner unbändigen Wut drängte auch deren Ursprung unaufhaltsam an die Oberfläche: es war eine Mischung aus Zorn über diesen Piraten, dessen Egoismus und Unmoral James den Atem raubte und der am Ende doch das Richtige tat, mit diesem verdammten guten Herz in seiner Brust, das er so gut zu verstecken wusste, vermutlich am besten vor sich selbst; aus der widerwilligen Anerkennung für den Scharfsinn, mit dem Sparrow es schaffte, sich selbst aus den unmöglichsten Situationen herauszuwinden und Fassungslosigkeit über die Naivität, mit der Sparrow den Menschen um sich herum sein Vertrauen schenkte; nicht zuletzt war es Zorn über sich selbst, der er hier stand, Sparrow hatte demütigen wollen – und den es zu seinem eigenen Entsetzen mehr erschütterte, als er es je für möglich gehalten hätte, dass sein Plan offensichtlich funktionierte.
 
„Ihr wisst nicht, was ich getan habe, um an dieses Schiff zu kommen!“, riss Sparrows Stimme ihn aus seinen Gedanken und an dem gepressten Tonfall erkannte James, dass er den Piraten mit seinen Worten getroffen hatte.
 
Gut so, dachte James grimmig in dem entschlossenen Versuch, sich selbst von der Richtigkeit seines Plans zu überzeugen, trat an die Gitterstäbe heran und schlug mit einer Hand dagegen. Machte noch nicht einmal mehr den Versuch, seine Wut im Zaum zu halten. Je mehr Sparrow sagte, desto aufgewühlter und unbeherrschbarer tobte sie in seinem Inneren. Denn dessen Worte machten ihm immer deutlicher bewusst, wie sehr Sparrow sich von all dem unterschied, woran er selbst glaubte. Wer riskierte schon sein Leben, log, betrog und starb am Ende sogar für ein verdammtes Schiff?!
 
„Und wofür?“, wiederholte James daher, nicht minder laut als zuvor. „Um Gold zu erbeuten? Schätze? Dafür, sich nicht an Regeln halten zu müssen? Für dieses vermeintliche, verfluchte Stück Freiheit?!“
 
Erneut sah er den Piraten zusammenzucken und für einen wahnwitzigen Augenblick lang war James kurz davor, seine Worte zurückzunehmen, da er instinktiv ahnte, einen Schritt zu weit gegangen zu sein. Doch er biss sich auf die Zunge, verbannte den Gedanken daran in den hintersten Winkel seines Kopfes. Er würde nichts von dem bereuen, was er hier tat. Gar nichts!
 
Doch als Sparrow wieder in den Schein der Lampe trat, konnte James sich nur im letzten Moment davon abhalten, von der Zelle zurückzuweichen. Denn aus Sparrows sonst so unbekümmertem, schalkhaftem Gesicht schlug James nun ein ungefilterter, bitterer Schmerz entgegen.
 
„Ihr werdet wirklich nie begreifen, was es bedeutet, Pirat zu sein“, wiederholte er leise.
 
Jack Sparrow hat keine Hoffnung mehr.
 
Die Erkenntnis traf James so jäh und unvermittelt und trotzdem mit solch einer unumstößlichen Gewissheit, dass er nun tatsächlich einen Schritt zurücktaumelte, geradezu fühlen konnte, wie ihm alles entglitt, worauf er stets unbeirrbar vertraut hatte. Er war sich sicher, dass Sparrow all das Entsetzen und die Fassungslosigkeit ob dieser Erkenntnis mühelos von seinem Gesicht ablesen konnte.
 
Und so sehr er auch genau darauf gewartet hatte, so sehr es sein Ziel gewesen war, Jack Sparrow am Boden zu sehen, um sich selbst davon zu überzeugen, das Richtige zu tun – so sehr traf ihn nun die Tatsache, dass dieser Mann dort in der Zelle, der ihn mit einer Mischung aus Resignation und mitleidiger Nachsicht ansah, nichts mehr mit dem berüchtigten Piraten zu tun hatte, den zu jagen er sich vor so vielen Jahren geschworen hatte.
 
Trotzdem hatte James seine Rolle aufrecht zu erhalten. Denn all das änderte nichts. Durfte nichts ändern.
 
„Ihr macht es Euch verdammt leicht, Sparrow“, sagte er deshalb und er hörte selbst, dass seine Stimme nicht halb so gefasst klang, wie er es gerne gehabt hätte. „In ein paar Tagen wird sich zeigen, wohin Euch Euer Weg geführt hat, immer nur Euch selbst zu dienen.“
 
Sparrow verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. Und es gelang ihm trotz der seltsamen Melancholie in seinen dunklen Augen, James herausfordernd anzufunkeln.
 
„Und Ihr werdet mich endlich da haben, wo Ihr mich immer haben wolltet“, mit einer spöttischen Verneigung hob er die Rumflasche und prostete James zu. „Trinken wir also auf meinen Tod, Commodore.“
 
James wusste nicht, was er sagen sollte. Es gab nichts, das er sagen konnte.
 
Ja, er hatte Sparrow am Galgen sehen wollen. Doch nicht so. Er wollte sich nicht mit dieser Hoffnungslosigkeit auseinandersetzten. Nicht mit dieser – und James drehte es bei diesem Wort beinah den Magen um – Gebrochenheit. All das, gepaart mit dem unbeugsamen Stolz, den Sparrow trotzdem noch immer ausstrahlte, und der Unerschrockenheit, mit der er seinem Tod entgegensah, machte es plötzlich so viel schwerer, den Piraten einfach nur zu verabscheuen.
 
Doch etwas anderes durfte er nicht.
 
James wandte sich ab, denn er ertrug den Anblick des Anderen nicht mehr. Ertrug den Gedanken nicht, die Schuld dafür zu tragen, dass aus dem Piraten Jack Sparrow plötzlich der Mensch Jack Sparrow geworden war. Es hinterließ ein Gefühl der Leere in ihm, dem er sich nicht stellen wollte. Dem er sich nicht stellen konnte, ohne alles in Frage zu stellen, woran er immer geglaubt hatte.
 
Und so ergriff er die Flucht, trat von der Zelle weg und gab sich der verzweifelten Hoffnung hin, dass er nicht länger nachdenken würde, sobald er Sparrow nicht mehr ins Gesicht sehen musste.
 
Kurz jedoch, bevor er die Brigg verlassen konnte, blieb er wie erstarrt stehen. Sparrow hatte begonnen zu singen. Es war das gleiche Lied, das auch Elizabeth vor acht Jahren auf der Überfahrt von England nach Port Royal gesungen hatte. Doch in Sparrows rauer Stimme schwang eine Melancholie mit, die dem Piratenlied etwas Düsteres verlieh. Auf diese Art gesungen hatte es den bitteren Beigeschmack von Abschied-Nehmen.
 
So schnell er konnte schloss James die Tür hinter sich und es war ihm gleichgültig, was Sparrow nun vom ihm denken musste. Er wollte diese Stimme nicht mehr hören, wollte sich einreden, dass er nur gehen müsste, um nicht länger all den widersprüchlichen Gefühlen ausgesetzt zu sein, die in ihm tobten. Und doch wusste er, dass es nicht funktioniere würde. Das Lied hatte ihm endgültig klar gemacht, wie sehr sein Plan gescheitert war. Wie sehr er sich selbst etwas vorgemacht hatte, als er glaubte, den Piraten zu hängen wäre das einzig Richtige.
 
Denn stattdessen musste er sich nun damit auseinander setzten, wie grauenvoll falsch es sich anfühlte. Und dass sein Bild des Piratenkapitäns in Scherben zu seinen Füßen lag.


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