Warum findest du es nicht selbst heraus?

GeschichteHumor / P12 Slash
Amerika Russland
21.08.2009
21.08.2009
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Warum findest du es nicht selbst heraus?

Es gibt viele verschiedene Ausdrücke der Verwunderung und Überraschung: aufgerissene Augen, leicht geöffnete Lippen – das kleine 'o', das meistens Frauen formen, wenn man sie mit teuren Geschenken überhäuft –, erhobene Augenbrauen.

Der auf Ivan Braginskys Gesicht war jedoch einer, den nicht viele Menschen zu sehen bekamen. Er hatte eine Augenbraue erhoben und den Kopf ganz leicht auf die linke Seite geneigt. Das Lächeln auf seinen Lippen war immer noch vorhanden, wirkte inzwischen jedoch ein kleines bisschen gequält. Kein Wunder, wenn man bedachte, welche Frage ihm gerade gestellt wurde …
„Was möchtest du?“, fragte er noch einmal nach, weil er offensichtlich glaubte, sich verhört zu haben.

Aber Alfred war mehr als gewillt, sich zu wiederholen. Grinsend stand er – eingepackt in eine dicke Jacke, eine Mütze auf dem Kopf, damit ihm die Ohren nicht einfrieren und abfallen würden – vor Braginsky, hielt den leichten Koffer noch immer in der Hand.
„Ich wollte fragen, ob ich ein paar Tage bei dir bleiben kann.“

„Warum?“, war die einzige Antwort, und wie so viele Sätze, die aus Braginskys Mund kamen, hatte auch dieses eine Wörtchen mehrere Bedeutungen, aus welchen man die richtige heraussuchen musste. Warum willst ausgerechnet du bei mir bleiben? Warum sollte ich dich hereinlassen? Warum zum Teufel hast du dein Land überhaupt verlassen und warum lässt du mich nicht in Ruhe?

Alfred entschied sich dafür, auf die dritte Möglichkeit einzugehen:
„Mein Boss meinte, es würde der Beziehung zwischen uns beiden gut tun,“ sagte er und nickte, war stolz auf seine eigene glorreiche Lüge. Es war wahr, dass sein Boss ihn losgeschickt hatte … aber aus einem ganz anderen Grund.

„Was du nicht sagst. Und ich dachte, zwischen uns beiden bestünde keine Hoffnung mehr.“
Jetzt war das Lächeln wieder echt, wenngleich auch bitter und zynisch, und Alfred wusste, an welche Begebenheiten Ivan dachte … an jene, die den Höhepunkt und das Ende ihrer Freundschaft dargestellt hatten.

„Mein Boss ist eben ein hoffnungsvoller Mensch“, meinte Alfred nur und seufzte kaum hörbar, verlagerte das Gewicht vom einen Fuß auf den anderen. „Würdest du mich jetzt reinlassen? Bitte? Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte … ich friere!“

Braginsky seufzte ebenfalls. Bei ihm jedoch war es lauter, ein Stoßseufzer, ein leiser Vorwurf an den Himmel und an Gott, der ihn mit Alfred bestrafte – für eine Sünde, die er mit Sicherheit kannte.
Dann endlich trat er langsam zur Seite und vollführte eine einladende Geste, die genauso falsch wirkte, wie es beabsichtigt war.

Doch Alfred störte das nicht. Er war endlich der Kälte entkommen und nahm, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, die Mütze ab und putzte seine Brille, die durch die plötzliche Wärme beschlagen war. Schließlich grinste er Braginsky breit an und löcherte seinen Gastgeber wider Willen mit Fragen.
„Wo ist mein Zimmer?“ und „Wann gibt es Abendessen? Können wir Hamburger haben?“ waren nur drei davon.

~*~

Natürlich gab es keine Hamburger. Alfred hatte damit gerechnet – wann sollte Braginsky auch die Zeit gehabt haben, welche zu besorgen? –, aber das hielt ihn nicht davon ab, sich deswegen zu beklagen. Murrend stubste er mit der Gabel gegen seine Piroggen und schob sie vom einen Ende des Tellers zum anderen.
„Dein Essen ist mies!“

„Du kannst gerne wieder gehen, wenn es dir nicht passt“, sagte Ivan nur enerviert und goss sich ein Glas Vodka ein, worüber Alfred natürlich die Nase rümpfte. Der Mann trank das Zeug, als wäre es Wasser!

„So schnell wirst du mich nicht los. Ich bin hier um unsere Beziehung zu kitten, und das werd ich auch tun, ob du es willst, oder nicht!“

„Schön. Dann kitte du mal. Ich gehe schlafen.“
Als Braginsky sich erhob, wickelte er den Schal, den er selbst Zuhause und selbst beim Essen nicht abnahm, enger um seinen Hals. Wohl um sich einen Kommentar zu verkneifen.

Auch Alfred sagte nichts – aber aus einem anderen Grund; wenn er den Mann wenigstens für kurze Zeit los wäre, könnte er seinen wahren Plan ausführen. Und tatsächlich, als Braginsky sich verabschiedete und Alfred die Tür zu dessen Zimmer zuschlagen hörte – lauter, als es nötig gewesen wäre! Ivan war wohl wirklich genervt –, wartete er noch einige Zeit, dann stand er ebenfalls auf und schlich sich in das Büro des anderen.

Beziehungen reparieren! Ha! Wer war er denn? Die Wohlfahrt oder ein sentimentaler alter Bock?! Nicht doch! Er war nur aus einem Grunde hier: Um herauszufinden, weshalb Braginskys Boss die Forderung, seine Atomwaffen aufzugeben, so schnell unterzeichnet hatte.
Irgendetwas konnte da einfach nicht stimmen!
Und Alfred würde es herausfinden.

Leise öffnete er die Tür und schloss sie ebenso lautlos hinter sich, knipste die kleine Taschenlampe an. Er hatte genügend James Bond-Filme und andere Agentenkrimis gesehen, um zu wissen, dass die Bösen – und Ivan war böse, wenn auch nur aus dem Grunde, dass er mit Alfred nicht immer einer Meinung war –, ihre geheimen Papiere immer in verschlossenen Schubladen aufbewahrten.
Oder offen auf ihrem Schreibtisch.
Oder in Geheimverstecken hinter Bücherregalen.
Oder … okay, um ehrlich zu sein, hatte er keine Ahnung, wo genau Russlands geheime Pläne aufbewahrt wurden.
Aber er würde sie schon finden!

Oder eben auch nicht.
Zu dem Schluss kam er, als er eine Stunde später das Büro auf den Kopf gestellt hatte. Bücher waren aus ihren Regalen gerissen worden und lagen nun unordentlich auf dem Boden herum. Sorgfältig gestapelte Papierberge erinnerten jetzt an einen dieser gemeinen Windstöße, die immer dann alles durcheinander bringen, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann. Schubladen waren herausgezogen worden und passten jetzt irgendwie nicht mehr ganz in ihre Fassungen – vielleicht hätte er nicht so sehr ziehen sollen, dass die Scharniere abbrachen, aber man wusste doch einfach, dass hinter Schubladen Geheimverstecke lauerten oder dass sie einen doppelten Boden besaßen! –, und Alfred war versucht, einfach aufzugeben.
Für heute zumindest.

Als er jedoch gerade aufgestanden war und sich zur Tür drehte, erstarrte er.
Denn im Türrahmen lehnte kein geringerer als der Hausherr persönlich.
Und er grinste. Nein, er lächelte nicht, zumindest nicht dieses nette Lächeln, aufgrund dessen man ihn manchmal für einen grenzdebilen Spinner hielt.
Nein, dieses Grinsen war gefährlich, und als seine schneeweißen Zähne im schwachen Lichtkegel der Taschenlampe aufblitzten, kam Alfred sich vor wie das Reh, das vor dem wilden Jagdhund stand und zu entsetzt zum Weglaufen war.

„Na, Alfred“, begann er und kam langsam, bedächtig, raubtierartig auf ihn zu.
„Wie ich sehe, möchtest du mein Büro umgestalten. Aber warum denn im Dunkeln?“

Als die Schreibtischlampe angeknipst wurde, blinzelte Alfred über die plötzliche Helligkeit.
„Ich hatte den Lichtschalter nicht gefunden“, log er schlecht und verzog die Lippen zu einem unsicheren Lächeln.

„Natürlich.“
Natürlich glaubte er ihm kein Wort. Und kaum stand er vor Alfred, da beugte er sich zu ihm herab, hauchte ihm seinen warmen Atem ins Ohr – und Alfred war hin- und hergerissen, ob er jetzt erschauern oder sich fragen sollte, wie irgendetwas an diesem Mann noch warm sein konnte – und flüsterte: „Du wirst alles wieder aufräumen. Und zwar perfekt. Verstanden? Wir wollen doch nicht, dass dieser kleine Zwischenfall unsere 'Beziehung' stört, oder?“

„Nein, das wollen wir nicht“, meinte Alfred zähneknirschend.

Und während er den Rest der Nacht mit Aufräumen, Putzen und Reparieren verbrachte – natürlich alles unter Ivans wachsamen Augen – sprach er sich selbst Mut zu und seufzte.
Morgen war auch noch ein Tag.
Morgen würde er mehr Erfolg haben.
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