Flügelschläge einer Liebe

von pinkspida
GeschichteDrama, Romanze / P18
Kaoru OC (Own Character)
20.08.2009
14.02.2020
34
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32. Gefühlsumschwung

〈《♡》〉


An Silvester waren wir alle zusammen ausgegangen. Miriam, Sascha, Akiko und wir fünf. Wir gingen in einen Club, der eine Silvesterparty veranstaltete. Ich war angespannt. Das war ich seit Weihnachten. Wir hatten Sophie Flugtickets geschenkt und um Weihnachten herum sollten sie bei ihr ankommen. Sie hatte sich noch nicht gemeldet. Weder bei Sascha, noch bei Miriam. Sie hatten noch einen Brief beigelegt, aber auch darauf gab es noch keine Reaktion. Natürlich war auch immer der Gedanke dabei, dass der Brief nicht bei ihr angekommen war. Wir redeten es uns ein, weil es nicht bedeutete, dass sie bewusst nicht antwortete.Wenn der Brief nicht bei ihr ankam, konnte sie nicht darauf reagieren. Daran klammerten wir uns fest, weil wir nicht wahrhaben wollten, dass sie es ignorierte. Wir sprachen in der letzten Zeit viel darüber und wollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie doch wieder Kontakt suchen würde. Wir dachten, sie bräuchte Zeit, das alles sacken zu lassen und wir wollten ihr anbieten, diese Freundschaften nicht aufzugeben. Aber sie hatte sich noch nicht gemeldet und wir hofften dass sie es irgendwann tun würde. Denn wir wussten, dass mindestens Miriam und Sascha wie Familie für sie waren und glaubten, dass sie das nicht für immer aufgeben würde. Die Hoffnung blieb sehr hartnäckig.

In dem Club suchten wir uns einen großen Tisch in der Lounge und setzten uns. Wir bestellten die erste Runde zu trinken. Die Stimmung war sehr unbeschwert. Shinya und Kyo hatten sich dazu entschlossen, ihre Beziehung öffentlich zu machen. Es war ihnen egal, was in der Öffentlichkeit passieren würde, sie hatten das Versteckspiel einfach satt. Sie würden keinen offiziellen Kommentar abgeben, aber auch keine drei Meter Abstand mehr zueinander halten. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, aber ich würde ihnen beistehen und zu ihnen halten, egal was passieren würde. Genau so ging es auch Die und Toshiya. Über ihn kursierten schon einige Gerüchte, da man ihn sehr oft mit Miriam zusammen sah, aber auch er kommentierte es nicht. An Weihnachten hatte Die sich endlich getraut. Er hat Akiko gefragt, ob sie ihn heiraten wollte. Natürlich sagte sie 'Ja'. Ich hatte es nicht anders erwartet und war deswegen auch nicht überrascht. Also waren die einzigen tatsächlich ungebundenen nur noch Sascha und ich. Und ich versuchte immer noch es in vollen Zügen zu genießen und mein Dasein mit vielen Frauen zu feiern.
Sascha und ich waren in der vergangenen Zeit oft ausgegangen. Und die Presse zerriss sich wie zu Erwarten darüber das Maul, vor allem wenn Sascha mich mal wieder in eine etwas andere Bar geschleift hatte, weil er der Meinung war, dass er mal wieder dran wäre, einen Mann kennen zu lernen. Aber es war mir egal. Sollte die Presse sich doch so lange darüber auslassen, wie sie wollte. Es interessierte mich nicht. Es gab deutlich wichtigerer Dinge.
Auch an Silvester hatte ich mich den schönen Dingen des Lebens zugewandt. Schon beim Ankommen in diesem Club, war mir die eine oder andere Frau aufgefallen. Es versprach ein guter Abend zu werden. Die Frauen lagen mir zu Füßen, ich hatte das Gefühl, dass ich nur mit dem Finger schnipsen bräuchte und sie würden mir jeden Wunsch erfüllen. Ich fühlte mich berauscht. Ich fühlte mich, als hätte ich Macht.
Wir tranken viel und hatten unglaublichen Spaß an diesem Abend. Als es auf null Uhr zu ging, wurde ich doch etwas wehmütig, als ich den ganzen Pärchen dabei zusah, wie sie sich in den Armen lagen. Um mich davon abzulenken suchte ich mir wahllos eine Frau und verbrachte mit ihr den restlichen Abend.
Am Neujahrsmorgen wachte ich in irgendeinem Hotelzimmer auf. Ich muss wohl zu besoffen gewesen sein, um nach dem Sex noch nach Hause zu gehen. Ich schälte mich aus der Umklammerung der Frau und stieg aus dem Bett. Ich suchte meine Kleidung zusammen und verließ das Zimmer. Als ich vor dem Hotel auf der Straße stand, rief ich mir ein Taxi, nachdem ich festgestellt hatte, dass es zum laufen zu weit war. Ich konnte mich an die Nacht nicht mehr erinnern. Ich wusste nicht, wie ihr Name war, oder was wir alles getrieben haben. Ich hatte ziemliche Kopfschmerzen, die drohten mir den Schädel zu sprengen. Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause und eine Schmerztablette nehmen. Mein Kopf brummte und laute Geräusche ließen die Schmerzen schlimmer werden.

Anfang Februar begannen wir uns sorgen zu machen. Sophie hatte immer noch nicht reagiert und die Flugtickets verfallen lassen. Miriam hatte von ihren Freunden in Köln erfahren, dass Sophie verschwunden war. Niemand hatte sie gesehen und niemand hatte Kontakt zu ihr. Was wir wussten war, dass sie auch nicht mehr in ihrer Wohnung wohnte. Inzwischen stand dort ein anderer Name am Klingelschild. Wir wussten nicht, ob ihr etwas zugestoßen war, oder ob sie einfach untergetaucht war. War sie noch in Köln, oder ganz wo anders? War die vielleicht in ihre Heimat zurückgekehrt? Miriam und Sascha kannten niemanden, der es hätte wissen können. Ich war vor Sorge fast umgekommen und das hatte ich meine Kollegen auch ordentlich spüren lassen. Jede Kleinigkeit ließ mich sofort die Nerven verlieren. Ich schrie oft herum, wenn etwas nicht so war, wie ich es wollte und ich bemerkte oft genug, dass die Anderen häufig schon in Deckung gingen, sobald ich einen Raum betrat.
Mir war bewusst, dass ich mich unmöglich verhielt, aber ich konnte es auch nicht abstellen. Irgendwie musste ich meiner Sorge Ausdruck verleihen, ohne dabei zusammenzubrechen. Also ließ ich meinen Frust an allen anderen aus. Auch die Frauen, mit denen ich ständig das Bett teilte, waren mir mehr egal denn je. Ich nahm mir einfach, was ich brauchte. Und sie ließen es zu.
Sascha bat die Freunde, die Augen und Ohren offen zu halten und sobald sie was erführen sollten, sich zu melden. Er selbst hatte dann noch die Idee, Sophie noch einmal zu schreiben. Diesen Brief wollte er als Einschreiben versenden, um so zumindest zu erfahren, ob er an sie zugestellt werden konnte, oder nicht. Wir würden dadurch zwar nicht erfahren wo sie lebte, aber das ob, wäre geklärt. Ich war mit der Idee einverstanden und bat Sascha, noch einmal Flugtickets dazu zu legen. Eine Woche später waren die Flüge gebucht und die Tickets auf Reisen. Dann mussten wir abwarten, bis die Nachricht kam, ob der Brief zugestellt wurde, oder nicht. Und das wurde er. Die Nachricht erreichte uns zwei Wochen später. Der Brief wurde an den Empfänger zugestellt. Mir war ein so großer Stein von Herzen gefallen. Sie lebte noch. Doch gleichzeitig bedeutete es, dass sie bewusst nicht auf Saschas Brief reagiert hat. Sie wollte nicht. Sie wollte keinen Kontakt zu ihren Freunden. Es war genau das, was ich bei Saschas und Miriams Ankunft in Japan schon prophezeit hatte.
Ich fiel wieder in ein Loch. Wir waren gerade mitten in der Tourplanung und ich stürzte mich in die Arbeit. Ich fing an Sophie für feige zu halten, dass sie einfach den Kontakt abbrach. Ich wollte, dass sie wenigstens den Mumm hatte, mir persönlich zu sagen, dass sie mich nicht will. Ich drängte Sascha und Miriam dazu, ihren Freunden Druck zu machen, damit sie sie fanden. Ich wollte Sophie unbedingt noch ein einziges Mal wiedersehen. Sascha und Miriam überlegten, selbst noch einmal nach Deutschland zu fliegen, um sie selbst zu suchen. Aber Toshiya war wegen Miriams Schwangerschaft dagegen. Er wollte nicht, dass sie sich in ein Flugzeug setzte, bis das Kind da war.
Sascha telefonierte viel herum, um vielleicht doch noch etwas von Sophies Aufenthaltsort zu erfahren. Aber wirklich niemand wusste etwas. Miriam erinnerte sich irgendwann daran, dass sie ja einmal diesen Mann vor Sophies Haus gesehen hatten, aber da keiner der Beiden wusste, wer er war, verlief auch das im Sande.

An irgendeinem Abend Ende Februar saßen wir alle zusammen und überlegten, welche Möglichkeiten wir noch hätten.
»Wir könnten nach der Geburt nach Deutschland fliegen«, schlug Miriam vor. Aber da ich unbedingt mit wollte, war das nicht möglich. Zu der Zeit würden wir wieder auf Tour sein. Wir müssten es dann nach der Tour machen. Dann wäre Oktober. Ich wusste nicht, ob ich so lange warten wollte. Mein Vorschlag, dass Sascha und ich ohne Miriam fliegen könnten, wurde von Miriam direkt mit den Worten: »Wagt es bloß nicht, ihr ohne mich in den Arsch treten zu wollen« abgeschmettert. In diesem Moment merkte ich wieder, dass nicht nur ich unglaublich verletzt war, sondern Miriam und Sascha ebenfalls. Sie hatten ihre beste Freundin verloren. Ihre Familie. Und im Endeffekt war ich daran Schuld. Ich fühlte mich zumindest so.
»Ich will aber nicht bis nach der Tour warten.«
»Wie ist der Plan denn? Hab ihr irgendwo etwas Pause? Vielleicht könnten wir die nutzen?«, schlug Sascha vor. Ich zog mir die Dokumente heran und überflog sie kurz: »Nein, immer nur ein paar Tage Ruhe zwischendurch. Keine in der wir nach Köln fliegen könnten.«
»Ist der Plan schon komplett fertig?«
»So gut wie.«
»Sind alle Locations schon gebucht?«
»Nein, das ist die Vorplanung. Jetzt geht es an die Buchung.« Ich hatte eine Ahnung, als Sascha so bohrte. Und er bestätigte es mir kurz darauf: »Dann lässt sich ja vielleicht noch eine kleine Pause einbauen. Vielleicht eine Woche?«
»Aber wo? Ich müsste das mit unseren Managern besprechen.«
»Oder wir fliegen kurz nach der Geburt«, warf Miriam ein. Sascha und ich schauten sie an und als Toshiya schon zum Protest ansetzen wollte schob Miriam hinterher: »Das ist kein Problem Säuglinge dürfen schon mit wenigen Wochen fliegen.«
»Mir wäre trotzdem nicht wohl dabei.«
»Mach dir nicht zu viele Sorgen, das geht schon. Ich will Sophie auch unbedingt sehen, besser gestern als morgen.« Damit hatte sich die Diskussion für sie erledigt und Toshiya stimmte zum Schluss zu. Also suchten wir uns einen Termin Mitte Juni, damit wir rechtzeitig zur Tour zurück sein würden. So hätten wir immerhin drei Wochen, um sie zu finden.
Miriam freute sich schon darauf, weil sie diese Zeit auch dazu nutzen wollte, ihre Familie mit dem Säugling zu besuchen. Das war schließlich auch der ausschlaggebende Grund für Toshiya gewesen, doch zuzustimmen. Wir machten uns dann daran den Plan auszuarbeiten und mit allen zu sprechen. Dann stand fest, dass Toshiya, Miriam, Sascha und ich im Sommer nach Deutschland fliegen würden. Die anderen Drei würden sich um die restlichen Tourvorbereitungen kümmern, wenn wir fliegen. Ich hoffte so sehr, dass es funktionieren würde und dass wir sie finden würden. Das war der einzige Anker, den ich in dieser Zeit hatte.
Ich arbeitete, traf mich mit Frauen und dachte fast pausenlos daran, Sophie zu finden. Die Wochen vergingen, ohne dass wir etwas Neues erfuhren. Sophie war immer noch verschwunden. Der März verging und der April kam. Miriams Bauch wurde immer dicker und sie strahlte immer mehr. Sie war absolut glücklich. Irgendwann sagte sie mal zu mir, dass sie es zwar unglaublich schade fand, wie alles gelaufen war, aber dass sie auch froh war, dass es so war. Denn sonst wäre sie nicht hier und nicht so überglücklich. Sie wusste, dass ich litt, aber sie würde immer wieder so handeln. Auch wenn es für sie schwierig war, würde sie das Ergebnis dieses Weges nicht verpassen wollen. Sie war froh uns zu kennen und wollte es in keinem Fall rückgängig machen, selbst wenn es bedeutete, ihre beste Freundin zu verlieren. Sie war angekommen. Das nahm ich deutlich wahr. Ich nahm sie in den Arm und sagte ihr, wie froh es mich machen würde, dass sie ihr Glück gefunden hatte. Ich freute mich wirklich für sie. Sie strahlte eine solche Zufriedenheit aus und strotzte vor Energie, obwohl es nur noch fast vier Wochen bis zum errechneten Geburtstermin waren.
Der April ging und der Mai kam. Das Wetter wurde besser und ich immer nervöser. Ich war aufgekratzt und ruhelos. Miriam und Toshiya bereiteten sich auf die Geburt vor. Ich half den beiden in den letzten Monaten das Zimmer für den kleinen Menschen zu gestalten. Wir besorgten Möbel, bauten sie auf und strichen die Wände in Gelb- und Grüntönen. Wir wussten alle nicht, was es werden würde. Die werdenden Eltern wollten sich überraschen lassen, also hielten sie alles in neutralen Farben. Miriam scheuchte alle, die nicht rechtzeitig verschwunden waren, durch die Gegend. Sie hatte Wasser in den Beinen, Rückenschmerzen und bewegte sich schwerfälliger. Jedes Mal wenn sie einen Raum betrat rief sie: »Platz da, der Wal kommt.« Sie nahm es eindeutig mit Humor, aber keiner von uns wagte es, in dieser Richtung selber Scherze zu machen. Vor ein paar Wochen hatte Kyo es einmal versucht, aber dann auch ganz schnell gemerkt, wie schnell und flink eine Hochschwangere doch noch sein konnte. Danach hielten wir uns mit unseren Späßen zurück, wenn sie mit im Raum war. Mitte der zweiten Maiwoche ging es dann plötzlich ganz schnell. Die Jungs und ich waren im Studio und mit der Setlist für die Tour beschäftigt, als Toshiyas Handy klingelte. Miriam war so laut, dass wir sie alle verstehen konnten. Sie schrie, dass das Kind kommen würde und er sich gefälligst sofort auf den Weg in die Klinik machen sollte, denn wenn er nicht da sein würde, wenn das Kind kam, würde sie ihn vierteilen. Natürlich ließ er sich dass nicht zwei mal sagen und stürmte sofort kopflos aus der Tür. Dabei riss er noch unsere ganzen Papiere vom Tisch. Er war so schnell aus der Tür hinaus, dass wir es kaum mitbekommen hatten.
Wir gingen ihm hinterher und fuhren mit ihm gemeinsam zur Klinik. Dort trafen wir auf Sascha, der Miriam hergebracht hatte. Mit ihm warteten wir, während Toshiya bei Miriam war. Es dauerte noch ein paar Stunden bis Toshiya irgendwann freudestrahlend, erschöpft und mit einem kleinen Bündel auf seinem Arm zu uns in den Flur trat. Sie hatten eine gesunde Tochter bekommen. Und als ich mir das verknitterte, kleine Mädchen ansah, wusste ich, dass es nicht lange dauern würde, bis sie uns alle völlig um den Finger gewickelt hatte. Für einen kurzen Moment durften wir mit zu Miriam ins Zimmer. Sie lag völlig erschöpft und müde im Bett, strahlte aber mit Toshiya um die Wette. Wir beglückwünschten sie und wünschten ihr alles Gute, bevor wir die Beiden mit ihrem frischen Familienglück alleine ließen und die Klinik verlassen hatten.
Drei Tage später durften Mutter und Kind nach Hause. Toshiya war der stolzeste Vater, den ich je gesehen hatte. Sie nannten ihre Tochter Naomi und es passte gut. Sie wollten unbedingt einen Namen, der sowohl hier, als auch in Europa gebräuchlich war und ich fand, sie hatten eine gute Wahl getroffen. Naomi war ein ruhiges Kind, sie schrie kaum und damit hatten die Beiden wirklich Glück. In der Nacht wechselten sie sich damit ab, sich um die Kleine kümmern. Man merkte es ihnen an, sie waren völlig übermüdet, aber glücklich.
Der Juni brach an und Miriam und Toshiya gewöhnten auch an ihre Elternrolle. Naomi war ein sehr aufgewecktes und neugieriges Baby.
Unsere Flüge waren gebucht und ich konnte es gar nicht mehr abwarten endlich los zu kommen. Der Tag unseres Abfluges rückte immer näher und eine Woche vorher fing ich schon an, meine Sachen zu packen.
Und dann kam der Tag. Wir fuhren alle gemeinsam zum Flughafen. Meine Kollegen verabschiedeten uns und wünschten uns viel Glück. Wir waren ins Blaue hinein ins Flugzeug gestiegen. Wir hatten immer noch keine Informationen oder Anhaltspunkte, wo wir beginnen würden. Wir hofften einfach, dass es uns gelingen würde. Auch wenn es ziemlich aussichtslos war.
Als das Flugzeug auf die Startbahn rollte, wollte ich wieder aussteigen. Die Aussichtslosigkeit erdrückte mich und ich wollte es einfach nur vergessen. Ich wollte mich nicht mehr mit dieser vergeblichen Suche quälen.

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-tbc-
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