Das geheime Leben der Hatsumomo

von Karuta
GeschichteDrama / P16
Dr. Krebs Großmutter Hatsumomo Mameha Mutter Tantchen
20.08.2009
31.08.2009
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"Das Herz stirbt einen langsamen Tod, wirft Hoffnung auf Hoffnung ab, wie welkes Laub, bis eines Tages keine mehr übrig ist, keine Hoffnung - nichts bleibt."
(Memories of a Geisha)

Memories of a Geisha
Hatsumomos life

Niemand kann von sich aus entscheiden in welche Welt und von welchen Eltern er geboren wird. Aber vielleicht kann man es und man erinnert sich nur nach der Geburt nicht mehr daran. Sollte das wirklich so sein, dann hatte ich wirklich eine schlechte Wahl getroffen, als ich oben auf den Wolken saß und auf meinen ersten Atemzug wartete. Ich hatte wirklich eine sehr schlechte Wahl getroffen, unter all den Menschen dort unten, aber das wichtigste war, dass ich überhaupt geboren wurde.
Denn genau das stand auf Messers Schneide und beinahe hätte dieses Messer meinen Lebensfaden durchgeschnitten, noch bevor ich die Sonne nur einmal gesehen hatte.
Meine Mutter - Yukiko - war einer der berühmtesten Geishas des Gionvirtels und lebte zwischen Partys, Banketten, Theaterauftritten und Männern, während sie selber versuchte ihr Leben einiger Maße auf eine Reihe zu bringen. Mit berühmt meine ich nicht damit, dass sie beliebt und erfolgreich war, sondern, dass wirklich jeder Mann sie kannte und sich über sie lustig machte. Yukiko war eine sehr naive, kindische und leichtgläubige Frau, zwar sehr hübsch, aber nicht sonderlich intelligent und bald fanden das auch ihre Kunden heraus.
Bald begannen die Männer und die Geishas sich daraus einen Spaß zu machen, sich über sie lustig zu machen. Sie begannen sogar Wetten abzuschließen, wann sie wieder eine Dummheit begehen würde, oder wer sie schneller dazu brachte bestimmte Dinge zutun. Männer, sowie Geishas begannen sie auszunutzen und zu schikanieren und sie nahm es hin, wie es eine Maus in den Fängen einer Schlange den Tod hinnahm. Sie war eine Fliege gefangen in einem Netz und konnte sich vor der Spinne nicht mehr schützen.
Die Spinne war in diesem Fall ihr Danna, dessen Name ich nie in Erfahrung bringen konnte. Ich weis nur, dass er ein wirklich schrecklicher, aber reicher Mann war und sie mit Geld überschüttete.
Als er erfuhr, dass sie von ihm schwanger war, wollte er sie zur Abtreibung zwingen, doch sie brachte es nicht übers Herz. Ihre Dummheit und ihre Naivität retteten mir das Leben.
Mein Vater war natürlich überhaupt nicht begeistert. Er hatte Familie - eine Frau und sogar drei Kinder - und konnte sich kein weiteres Maul erlauben zu stopfen. Meine Mutter war daraufhin auf sich allein gestellt, abgesehen, dass er ihr noch einmal eine hohe Summe zahlte, damit sie ihn niemals wieder ansprach.
Aber was brachte denn das Geld, was gerade einmal für ein paar Monate reichte, wenn ihr Bauch immer wuchs und dieser kaum noch hinter Obis und Kimonos zu verstecken ging? Ihre Okia war natürlich nicht darüber erfreut. Sie mussten jetzt nicht nur mit sinkenden Einnahmen rechnen, sondern bald auch mit einem schreienden Kind in ihrer Mitte, welches viel Geld benötigen würde. Sie überlegten lange, was sie mit ihr machen sollten, aber zum Glück kam rauswerfen nicht in Frage, denn das würde mehr Verlust bedeuten, als sie zu behalten.
So konnte ich also behaupten, dass ich schon ein Glückskind war, noch bevor ich geboren worden war. Ich bin den Tod entgangen und habe meine Mutter vor dem Ruin bewahrt, wenn auch nicht die Okia, in der sie gerade lebte.
Diese war nämlich schon vor der Schwangerschaft von Yukiko sehr verschuldet und als meine Mutter im sechsen Monat war, schloss die Okia und meine Mutter stand auf der Straße.
Sie versuchte sich damit durchzuschlagen, in den Teehäusern auszuhelfen und als Dienerin ihr Lebensunterhalt zu verdienen. Sie bekam von wenigen Männern Geschenke, welche sie veräußerte, doch es waren schwere Zeiten.
Bald konnte sie überhaupt nicht mehr als Geisha arbeiten, denn sie hatte weder Geld für ihr Make-up, noch für die teuren Kimonos oder den Haarschmuck.
Sie konnte damit nur noch hoffen, irgendwo zuflucht zu finden und ihr Leben irgendwann wieder in gerade Bahnen zu bringen.
Aber diese letzte Hoffnung wurde gänzlich verloren, als sie bald eine Krankheit ereilte und sie sich wie eine verletzte Hündin in eine Gasse zurück zog und nur noch versuchte zu überleben.
In ihrer Hoffnungslosigkeit wendete sie sich an eine sehr bekannte und erfolgreiche Geisha - Takino - und bat sie, sie aufzunehmen, damit sie mindestens ihr Kind zur Welt bringen konnte.
Takino zögerte lange, doch nach dem Versprechen, sie würde später alles zurück zahlen, erlaubte die Geisha meiner Mutter ihre Quartiere zu nutzten und hier bis zur Geburt ihres Kindes zu bleiben.
Sie bekam also Nahrung, Unterkunft und Takino, die ein weiches Herz hatte, bezahlte ihr sogar die Arztrechnung, die jedoch bei dem Gesundheitszustandes meiner Mutter sehr hoch waren. Der Arzt meinte sogar, es sei ein Wunder, dass sie mich noch nicht verloren habe und dass das Kind einen solchen Lebenswillen zeigte, dass es sicherlich ein Junge werden würde.
Meine Mutter war davon wenig begeistert. Natürlich, ein Junge war in der damaligen Zeit sehr angesehen und würde es weiter bringen können, aber ein Mädchen hätte zur Geisha werden und hätte sie dann im Geldverdienen unterstützt können. Nun zerbrach auch diese Hoffnung und ihr Lebenswille sank immer mehr. Sie begann zu trinken und schien kurz vor der Geburt nur noch ein Frack ihrer selbst zu sein.
Ihre einstige Schönheit war verblasst und einer hässlichen Fratze gewichen, die sich auf ihrem Gesicht verbreitet hatte. Jedes mal, wenn sie in den Spiegel schaute, hasste sie sich mehr dafür und mich genauso.
Am sechsten Juni 1910 War es dann soweit. Es stürmte, regnete und gewitterte, als würde das Wetter wissen, dass ich geboren werden würde und dass ich womöglich nur Schmerz bringen könnte. Nach all dem Glück, was ich vor meiner Geburt hatte, schien nun das Unglück über mich herzuziehen. Jeder Mensch schien wahrscheinlich nur eine kleine Handvoll an Glück in seinem Leben zu haben… ich hatte es schon aufgebraucht.
Meine Mutter war zu geschwächt, um mich alleine auf die Welt zu bringen und so rief Takino nach einem Arzt, der ihr helfen könnte. Die Geburt dauerte länger als drei Stunden, dann war ein Leben geboren - und eins genommen. Meine Mutter überlebte die Geburt nicht. Sie hatte an diesem Abend eine ganze Flasche Sake getrunken und hatte nicht einmal mitbekommen, wie ich auf die Welt trat, oder wie sie starb. Sie war einfach eingeschlafen während der Geburt. Und auf einmal war ich da, wie ein Vogel auf dem Baum, beobachtet von einem Geier, der über einen fliegt.
Takino zog mich auf, aber nicht lange. Sie gab mir - nach dem Wunsch meiner Mutter -  den Namen Mami - wahre Schönheit und überlegte dann, wie sie mit mir gutes Geld machen könnte. Sie musste die Ausgaben meiner Mutter wieder reinbringen, sonst würde sie die nächsten Monate nicht überstehen und wirklich, sie fand eine gute Methode, das verlorene Geld wieder zu bekommen.
Sie verkaufte mich im Alter von drei Jahren an die Okia Nitta und dort beginnt meine Geschichte. Die Geschichte von Mami, oder besser gesagt, die Geschichte von Hatsumomo.