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Die Herrschaft des Phönix

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P16 / Gen
Gordon B. Smith Samuel Hirschmann
19.08.2009
28.09.2010
27
114.525
 
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19.08.2009 4.429
 
„Kann ich Sie sprechen, Sir?“
„Was ist denn? Sie wissen, dass ich gleich einen wichtigen Termin habe.“
„Mir ist es auch wichtig.“
Isabel wusste nicht, welches Gefühl in ihr überwog, ob es Verzweifelung war oder Wut. Die Eifersucht nagte an ihr wie eine bösartige Ratte. Vielleicht, wenn sie sich selbst ihrer sicherer gewesen wäre, dann wäre es ihr nicht so elend ergangen. Aber sie konnte sich nicht sicher sein, sie konnte sich seiner nicht sicher sein. Längst wusste sie, dass sie für den General nichts weiter als ein Freizeitvergnügen war, eine Frau, die er benutzte, um seine intimen Wünsche auszuleben. Aber bisher hatte auch sie davon profitiert, sie hatte ihn regelmäßig gesehen, er hatte sie einigermaßen anständig behandelt, und vor allem war sie die einzige Frau in seinem Leben gewesen, so wenig sie ihm auch bedeutete. Aber sie hatte sich immer einreden können, es würde vielleicht einmal anders werden, wenn er nur erkannte, wie sehr sie ihn verehrte und liebte. Alles war sei bereit für ihn zu tun. Sie verriet Menschen, um ihm zu beweisen, wie sehr sie hinter ihm stand, auch wenn diese ihr nichts getan hatten, manchmal sogar hatten sie niemals das gesagt oder getan, was sie in ihre Berichte geschrieben hatte. Aber sie wollte dem General Ergebnisse liefern, ihm eine fleißige Mitarbeiterin sein. Nun aber war diese Frau aufgetaucht, diese Doppelgängerin Emmas, und die Bedrohung ihrer Stellung wurde greifbar. Ihr war zumute, als zöge sich eine Schlinge um ihren Hals immer enger. Der General hatte sofort Erkundigungen über diese Anna Corvillo eingezogen, aber er hatte es nicht über ihren Tisch getan, sondern Colonel Dumont direkt beauftragt, als wolle er nicht, dass sie davon erfuhr. Natürlich hatte sie es doch erfahren, da sie sofort in ihr Büro gegangen war, als sie diese Frau mit Manuel Rodriguez gesehen hatte. Gerne wäre sie Dumont mit ihrem Bericht zuvor gekommen, aber es war bereits zu spät gewesen. Die Akte lag bereits bei Smith. Und dann hatte er diese Corvillo auch noch in sein Büro bestellt und sich mit ihr unterhalten. Natürlich hatte er das getan, denn er war neugierig geworden, wer die Frau war, die seiner Emma so ähnlich sah. Jede Minute, welche diese Frau in seinem Büro verbrachte, war Isabel wie eine Stunde erschienen. Sie hatte sich das Gehirn zermartert, worüber die beiden wohl sprechen mochten, und die Versuchung, ihnen zuzuhören, war fast übermächtig gewesen. Wenn der General dies aber bemerkt hätte, so wäre seine Reaktion alles andere als wohlwollend ausgefallen, also hatte sie sich zusammengenommen.
Dann hatte er sie zur Tür gebracht, ihr hinterher gelächelt. Wie er sie angesehen hatte! Für sie hatte er noch nie einen solchen Blick übrig gehabt, so weich und freundlich. Tränen der Wut stiegen in Isabels Augen. Wie durch einen Schleier sah sie Anna Corvillo hinterher. Sah ihre üppigen Hüften, gegen die sie selbst sich schon längst ein hartes Training auferlegt hätte. Die flachen Schuhe, wo sie sich dem General zuliebe in die unbequemsten Pumps hinein quetschte, anstatt ihre geliebten Soldatenstiefel zu tragen. Sie hatte sich selbst aufgeopfert, ihre Seele verkauft, und nun schien alles umsonst zu sein.
Der General zögerte bevor er ihr antwortete. „Nun gut, dann kommen Sie schon rein, aber machen Sie es kurz.“
Sie betrat sein Büro, noch immer in dem teuren Abendkleid, das sie sich für diesen Tag gekauft hatte. In der Hoffnung, er würde sich mit ihr auf der Gala sehen lassen, aber er hatte keinerlei Anstalten gemacht, sich in das Gewühl der Menschen zu begeben. Das Sicherheitsrisiko wäre zu hoch, sagte er, aber das hatte ihn auch am Vormittag nicht davon abgehalten, ein Bad in der Menge zu nehmen. Er tat eben, was ihm gerade einfiel, und nichts konnte ihn umstimmen, wenn er einmal einen Entschluss gefasst hatte. Wenn er nur am Vormittag auch so auf seine Sicherheit bedacht gewesen wäre, dann hätte er diese Frau vielleicht niemals bemerkt.
„Was gibt es denn?“, fragte der General unwirsch. Ihre Anwesenheit war ihm alles andere als recht.
„Ich finde, du solltest wissen, dass ich die beiden zusammen beobachtet habe, Manuel Rodriguez und diese Anna Corvillo.“
„Ist das jetzt ein offizieller Bericht? Dann bitte ich Sie, auch die Form einzuhalten, Kommissarin Montero. Andernfalls bitte ich Sie, wiederzukommen, wenn ich Zeit für Sie habe.“
Sie würgte die Demütigung hinunter, wie sie schon viele vorher geschluckt hatte. „Das ist ein offizieller Bericht, Sir.“, erwiderte sie und kämpfte erneut mit den Tränen. „ich dachte, es würde Sie vielleicht interessieren, dass ich ein Gespräch zwischen den beiden mitbekommen habe, das mir etwas seltsam erschien. General Rodriguez verhielt sich sogar verdächtig, wenn ich das sagen darf.“ Gerne hätte sie auch Manuel Rodriguez gleich etwas ausgewischt, auch wenn dieser Mann ihr nie etwas zuleide getan hatte. Im Gegenteil, er war einer der wenigen aus Smiths Stab, der sie immer mit ausgesprochener Freundlichkeit behandelt hatte.
„General Rodriguez ist einer meiner besten Offiziere“, erwiderte Smith kalt. „Sie sollten schon etwas Eindeutiges gegen ihn vorzubringen haben, bevor Sie sich hier in Andeutungen ergehen. Andererseits würde ich sehr ungehalten werden.“  
Natürlich hielt er seine Hand über Rodriguez, wie konnte es anders sein. Bei keinem anderen seiner Offiziere wäre er so nachsichtig gewesen. Eine Andeutung allein hätte ausgereicht, um diesen Menschen vor ein Erschießungskommando zu bringen. Aber Rodriguez war ja Emmas Bruder. Isabel hasste ihn. „Es schien ihm gar nicht zu gefallen, dass diese Corvillo hier aufgetaucht ist“, fuhr Isabel trotzig fort. „Sie hatten eine heftige Auseinandersetzung deswegen. Rodriguez meinte, sie gefährde seine Karriere mit ihrem Verhalten und setze alles aufs Spiel.“
„Ich habe diese Punkte bereits eben mit Ms. Corvillo besprochen. Das ist alles nichts Neues mehr für mich. Also wollen wir jetzt wirklich hier weiter meine Zeit verschwenden, oder haben Sie etwas wirklich Neues für mich? Sonst verlassen Sie jetzt bitte mein Büro, ich habe zu tun.“
„Aber siehst du denn nicht, dass da etwas faul ist? Warum sollte Rodriguez sonst etwas gegen die Anwesenheit dieser Frau haben? Ich sage dir, die beiden haben etwas zu verbergen!“
„Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich von Ihnen mehr Sachlichkeit erwarte“, erwiderte der General eisig. „Man könnte ja fast meinen, Sie hätten ein persönliches Interesse an der Sache.“
„Natürlich habe ich das“, platzte es aus ihr heraus. Tränen schossen ihr in die Augen, ihre Stimme wurde weinerlich, obwohl sie dagegen ankämpfte. „Meinst du denn, ich hätte keine Augen im Kopf? Ich würde nicht merken, was hier vorgeht? Diese Frau sieht aus wie deine Emma, und schon verlierst du den Verstand! Lässt alle Vorsicht beiseite! Wer weiß, was die beiden planen! Dieser Rodriguez spielt ein falsches Spiel, das merke ich! Mich würde es nicht wundern, wenn er hinter deinem Rücken gegen dich intrigiert, und du willst es nicht wahrhaben!“
Der General war bleich geworden und erhob sich langsam aus seinem Sessel. „Das ist es also. Du bist rasend vor Eifersucht! Und deswegen soll ich einen meiner besten Männer aus dem Weg räumen, nur weil er dich an meine Frau erinnert. Was bildest du dir eigentlich ein, wer du bist?“ Er schlug mit der Faust auf die Tischplatte. „Wenn du meinst, dass du aus meiner Sympathie für dich derart Kapital schlagen kannst, dann täuschst du dich gewaltig, meine Liebe. Solche Manipulationsversuche werde ich nicht dulden, ist das klar? Ich bin keiner der kleinen Jungs, mit denen du früher herumgespielt hast.“
Isabel fühlte sich plötzlich elendig und klein. Sie schalt sich selbst eine Närrin, weil sie sich nicht besser zusammen gerissen und klüger agiert hatte. Aber jetzt war es zu spät. Sie hatte den General gegen sich aufgebracht. Damit hatte sie sich nicht nur ihre Karriere verdorben, sondern auch den Mann verloren, den sie über alles liebte. „Ich wollte dich weder manipulieren noch mit dir spielen“, erwiderte sie verzweifelt. „Ich wollte dich nur warnen!“
„Natürlich aus vollkommen uneigennützigen Motiven heraus.“ Er lachte höhnisch. „Es ist wohl besser, wenn du jetzt gehst. Nimm dir heute den Rest des Tages frei und melde dich erst wieder hier, wenn ich es dir sage. Ich will dich vorerst nicht mehr sehen.“
Gedemütigt verließ sie das Büro. Was für ein furchtbarer Tag, und sie hatte sich solche Mühe gegeben, schön für ihn zu sein. Aber das reichte wohl nicht, schöne Frauen gab es im Ministerium zuhauf, und die meisten von ihnen hätten alles gegeben, um an ihrer Stelle zu sein. Sie aber wollte nur noch in ein Loch im Boden versinken, am liebsten alles hinter sich lassen. Wie sehr verfluchte sie den Tag, als sie in auf Asinara am Flugfeld begrüßt hatte, alles wäre vielleicht anders verlaufen, wenn sie für ihn nur eine unter vielen Soldaten gewesen wäre. Angeschlagen wie ein verletztes Tier zog sie sich in ihr Apartment zurück und warf sich bäuchlings auf ihr Bett. Das Bett, in dem sie mit ihm so viele leidenschaftliche Stunden verbracht hatte, aber jetzt war es für sie nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern ein Nest, in das sie sich zurückzog. Sie weinte wie ein kleines Kind, bis ihre Augen rot waren und sie fast glaubte, keine Tränen mehr zu haben. Im Zimmer wurde es langsam dunkel, aber sie fand nicht die Kraft, dass Licht einzuschalten. Heimlich hoffe, sie, er würde sich doch noch melden, seine harten Worte zurücknehmen und sie um Versöhnung bitten, weil er erkannt hatte, dass sie es nur gut gemeint hatte, als sie ihn vor Rodriguez warnte. Denn sie war immer noch überzeugt, dass etwas mit dem Brigadegeneral nicht stimmte. Aber das Telefon blieb stumm, und sie selbst wagte es nicht, sich bei Smith zu melden. Er hatte gesagt, er wolle sie nicht mehr sehen, und sie kannte ihn gut genug um zu wissen, dass er sich so bald nicht umstimmen lassen würde.
Tagelang ließ er sie warten, während sie in ihrer Wohnung auf und ablief wie ein Tiger im Käfig. Sie aß kaum etwas, da sie sich zu elend dazu fühlte und schlief auch kaum, denn sobald sie das Licht ausmachte, um sich zur Ruhe zu legen, kamen die quälenden Gedanken. Nicht, dass sie tagsüber nicht auch über alles nachgedacht hatte, aber abends im Bett schienen sich ihre Grübeleien zu Gespenstern zu verdichten, die in allen Ecken des Zimmers lauerten. Die harten Worte des Generals hatten sich in ihr Gehirn eingebrannt und hallten darin wieder wie ein Echo. Nach fünf Tagen sah sie nur noch wie ein Schatten ihrer selbst aus, ihr Haar hing ungepflegt herab, unter ihren Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet, ihre Haut wirkte fahl wie die einer Kranken. Und krank fühlte sie sich auch. Ihr war klar geworden, wie sehr sie sich von Smith abhängig gemacht hatte, wie sehr er ihr Leben und Handeln bestimmt hatte. Aber nun war es zu spät, um noch etwas daran zu ändern.  
Am sechsten Tag ließ er sie endlich in sein Büro rufen, ein Beamter der III. Abteilung teilte es ihr wenig freundlich mit. Ein weiteres Zeichen dafür, dass ihr Stern im Ministerium gesunken war, noch vor wenigen Tagen hätte es der Mann niemals gewagt, derart mit ihr zu sprechen. Sie hatte eine Stunde Zeit, sich auf das Gespräch vorzubereiten. In der irrsinnigen Hoffnung, alles könne wieder gut werden, duschte sie sich und cremte sich sorgsam ein. Anschließend überschminkte sie ihr blasses Gesicht und legte ihre Uniform an, nachdem sie diese noch einmal sorgsam auf eventuelle Falten oder Flecken untersucht hatte. Sie wollte angemessen vor den General treten, er sollte nichts über die Qualen wissen, welche sie in den letzten Tagen durchlitten hatte.
In ihrem Büro saß bereits eine Andere hinter ihrem Schreibtisch, eine dunkelhaarige Frau mittleren Alters mit gepflegtem Haarschnitt, bekleidet mit einem zivilen Kostüm. Der General hatte also schon Ersatz für sie gefunden, zumindest was ihre Stelle als Assistentin anging. Die Frau blickte kurz von ihrer Arbeit auf und teilte Isabel lächelnd mit, dass sie bereits erwartet würde. Mit klopfendem Herzen trat sie ein.
„Da bist du ja“, begrüßte sie Smith in scheinbar ungezwungenem Plauderton. „Setze dich doch bitte, ich habe dir etwas wichtiges mitzuteilen.“ Er hatte ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen, das Isabel nur zu gut kannte. Meistens lächelte er so, wenn er einen Gegner ausgeschaltet hatte, zufrieden wie ein gesättigter Löwe. Sie fragte sich, wie er sie kalt zu stellen gedachte, da er von einer Verhaftung immerhin bisher abgesehen hatte. Ihr Magen schien sich umzudrehen als sie sich in einen der Sessel vor seinen Schreibtisch setzte.
„Ich hatte gehofft, dass du noch einmal mit mir reden würdest“, erwiderte sie und sah ihm gerade in die Augen.
„Aber ja, meine Liebe“, er lächelte noch immer. „Immerhin habe ich eine neue Aufgabe für dich.“
„Ich habe gesehen, dass du schon jemand anderen an meinen Schreibtisch gesetzt hast.“
„Ich konnte nun einmal nicht auf eine Assistentin verzichten, und Ms. Wahlberg ist eine außerordentlich fähige Mitarbeiterin, wie man mir versicherte. Natürlich kann sie dich nicht in allen Belangen ersetzen. Als Kommissarin wird sie wohl nicht arbeiten, aber sie weiß schon genau, welchen Salat ich mittags bevorzuge.“
„Nun, dann ist ja bestens für dich gesorgt“, erwiderte Isabel spöttisch.
Smith ignorierte ihren Unterton. „Aber ja. Ich denke, ich werde mich in Zukunft darauf beschränken, meiner Assistentin nur einen fest umrissenen Kompetenzbereich zuzuweisen, das erspart mir doch einiges an Ärger. Aber nun zu dir. Ich habe deine Arbeit als Kommissarin sehr geschätzt, daher denke ich, dass du auch weiterhin in diesem Bereich arbeiten solltest, in einer verantwortungsvollen Position. Allerdings nicht hier in Metropolis. In unserer Außenstelle in New York ist ein guter Posten frei geworden, ich dachte mir, das wäre eventuell etwas für dich. Du wärst dort in einer leitenden Position tätig und hättest dein eigenes Ressort.“
„Du schickst mich also fort?“ Sie schluckte. Dieses ihr angedrohte Exil schien ihr schlimmer als jede Verhaftung zu sein. Die Kollegen dort würden wissen, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Niemand, der es einmal nach Metropolis geschafft hatte, ging freiwillig dort wieder fort, schon gar nicht nach ein paar Monaten. Jeder würde sich seinen Teil denken können und vielleicht sogar erahnen, was wirklich geschehen war. Ihre Stimme verriet ihre Panik, auch wenn sie dagegen anzukämpfen versuchte. „Aber warum? Du könntest mich auch innerhalb der Hauptstadt versetzen.“
„Ich halte das angesichts der Umstände nicht für ratsam. Eine strikte räumliche Trennung mit möglichst viel Abstand zwischen uns beiden scheint mir im Moment sinnvoller zu sein.“ Er lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. „Du kannst selbstverständlich alles behalten, was ich dir geschenkt habe, einschließlich der Möbel und Bilder. Ich habe dafür gesorgt, dass du auch in New York angemessen untergebracht bist, du sollst nichts von deinem gewohnten Lebensstandard einbüßen. Mach einfach eine Liste von den Gegenständen, die du haben willst, und ich lasse sie dir nachsenden. Im Übrigen steht in einer Stunde eine Diana für dich bereit, die dich nach Amerika bringen wird. Dein Arbeitsantritt ist morgen, du hast dann noch ein wenig Zeit, um dich einzugewöhnen. Pack nur das Nötigste ein, alles andere wird dir nachgeschickt.“
„Du hast es sehr eilig, mich los zu werden“, bemerkte sie bitter, während ihr die Demütigung den Boden unter den Füßen fortriss. Am liebsten hätte sie gebettelt, er möge es sich anders überlegen, aber nun meldete sich auch ihr Stolz. Sie wollte vor ihm nicht als Bittstellerin auftreten, sondern in Würde gehen.
„Du solltest es nicht so sehen“, erwiderte er ruhig. „Freue dich doch auf den Neuanfang. Du kannst dir dort eine eigene Karriere aufbauen, unbelastet von allem. Ich will schließlich nicht in Unfrieden von dir scheiden, sondern dir eine zweite Chance bieten.“
„Dann habe ich dir wohl zu danken“, erwiderte sie mit mühsam unterdrücktem Sarkasmus.
„Aber nein“, wieder ignorierte er ihren Unterton. „ich weiß doch fähige Mitarbeiter zu schätzen.“ Er stand auf und seufzte. „Ich glaube, du solltest dich jetzt auf den Weg machen, meine Liebe, damit du nicht in den Berufsverkehr kommst.“
Sie verstand den Hinauswurf in seinen Worten und stand ebenfalls auf. Langsam kam er um den Schreibtisch herum und legte ihr die Hände auf die Schultern.
„Hey“, sagte er leise, „es hat eben nicht sein sollen mit uns beiden. Nimm es nicht persönlich.“ Er küsste sie zum Abschied auf die Stirn. „Ich wünsche dir alles Gute.“
Sie murmelte etwas, dass sie ihm auch alles gute wünsche und verließ dann fast fluchtartig das Büro. In ihrem Apartment riss sie eine Reisetasche aus dem Kleiderschrank und warf wahllos Kleider und Unterwäsche hinein. Im Bad verfuhr sie ähnlich, schaufelte einfach ein paar Cremetöpfchen und Flakons in einen Kulturbeutel. Sie war so wütend, dass sie am liebsten die Wohnungseinrichtung zertrümmert hätte, aber ihr Verstand sagte ihr, dass sie sich letztlich damit nur selbst schädigte. Dem General wäre es egal, ob nach ihrer Abreise hier nur noch Trümmer vorzufinden waren, ihm bedeuteten diese Dinge nur wenig. Plötzlich hatte auch sie es eilig, aus Metropolis fort zu kommen. Sie war hier unerwünscht, also würde sie gehen.
Die Diana stand für sie auf dem Dach des Ministeriums bereit. Noch nicht einmal einen Piloten hatte der General für sie abstellen lassen, aber das war auch nicht nötig. Sie wusste mit dem kleinen Fluggerät umzugehen. Wütend warf sie ihre Tasche auf den Rücksitz und ließ sich selbst in den Pilotensitz sinken. Dann verriegelte sie die Türen und ließ den Antrieb anspringen. Kurz kontrollierte sie die Anzeigen für Treibstoff und Sauerstoff und prüfte, ob der Bordcomputer ihr das OK für den Start gab, dann bat sie beim Leitstand um Starterlaubnis. Diese wurde ihr ohne Probleme erteilt. Mit einem Fauchen der Antriebsdüsen hob die Diana ab und stieg hoch in den Himmel über der Stadt. Rasch schrumpften die Gebäude unter ihr zusammen. Sie war froh, dass sie sich nun auf den Flug konzentrieren musste und für einen Moment von ihren düsteren Gedanken abgelenkt war. Bald würde sie sich über dem Meer befinden und die Hauptstadt ein für alle Mal hinter sich lassen.
Die Explosion ließ noch die Scheiben von Smiths Büro vibrieren, als die Sprengladung die Diana in der Luft zerriss. Unten in den Straßen würden die Menschen zum Himmel hinauf sehen und an ein furchtbares Unglück glauben, dem das kleine Schiff zum Opfer gefallen war. Der General lächelte. Sollten die Bürger ruhig an einen Unfall denken, er allerdings hatte Vorsorge getroffen, dass die Diana niemals in New York ankommen würde. Es war die sauberste Lösung gewesen, auch wenn es ihm ein klein wenig um Isabel Leid tat. Sie war eine fähige Mitarbeiterin gewesen, aber sie war ihm durch ihre Eifersucht zur Last geworden. Natürlich hätte er sie auch verhaften lassen können, aber das hätte eventuell einige Indiskretionen ihrerseits nach sich gezogen. Seufzend wandte er sich wieder seinem Schreibtisch zu.


***


Emma Rodriguez – sie dachte nun immer häufiger wieder an sich mit diesem Namen – lag im Dunkeln in ihrem kleinen Schlafzimmer. Neben ihr schlief Sophie, die wieder einmal darum gebettelt hatte, zu ihr ins Bett kriechen zu dürfen. Eigentlich fand Emma, dass das Mädchen schon zu alt für so etwas war, aber sie hatte ihr die Bitte nicht abschlagen können. Wie immer hatte sie das schlechte Gewissen geplagt, das Mädchen könne zu kurz kommen. Seit Jahren wuchs Sophie mit der Lüge auf, ihr Vater wäre kurz nach ihrer Geburt bei einem Raumzwischenfall gestorben, aber bis vor ein paar Monaten hatte sich Emma mit der Tatsache trösten können, dass sie ihre Tochter mit dieser Lüge vor der bitteren Wahrheit schützte, dass ihr Vater ein verurteilter Kriegsverbrecher war. Jetzt saß dieser Kriegsverbrecher an der Spitze des Staates und hätte dem Mädchen mehr bieten können, als Emma es mit ihren bescheidenen Möglichkeiten vermochte, eine erstklassige Schulbildung und ein sorgenfreies Leben, in dem kein Wunsch unerfüllt bleiben musste, weil das Geld wieder einmal nicht reichte. Ob Sophie damit glücklicher wurde, stand allerdings auf einem anderen Blatt. Die Kleine war allerdings im Moment so begeistert von der Reinigenden Flamme, dass Emma nicht daran zweifelte, ihr Vater würde ihr gefallen. Alles Negative ging spurlos an ihr vorüber.
Gerade heute war im Haus wieder einmal ein Ehepaar im ersten Stock verhaftet worden, niemand wusste warum, und niemand wagte zu fragen. Der neue Mieter stand allerdings schon fest, ein Kommissar der III. Abteilung, der mit seiner Frau die Wohnung bereits besichtigt hatte. Vielleicht war eben das der Grund der willkürlichen Festnahme gewesen, die Wohnungen  in dieser Gegend galten als begehrt. Emma fühlte sich fest im Griff der Partei, und es würde wohl auch nicht mehr lange dauern, bis sie wieder zum Beitritt gedrängt werden würde. Bisher hatten weder Latour noch sonst jemand wieder danach gefragt, was sie nur verwunderte. Normalerweise war der General nicht so geduldig, Emma hatte erwartet, er würde den Kommissar vorschicken, um sie noch einmal darauf hin zu drängen. Aber das mochte lediglich eine Frage der Zeit sein.
Emma verfiel in einen leichten, unruhigen Schlaf. Sophie neben ihr atmete leise und gleichmäßig, sie hätte also beruhigt sein können, aber dennoch fand sie keinen inneren Frieden. Wieder und wieder ging sie im Geiste das Gespräch mit dem General durch, wunderte sich noch immer, wie einfach es gewesen war, ihn zu täuschen. Er hatte die Geschichte mit der Cousine geglaubt, so hoffte sie jedenfalls. Wenn es nicht so war, dann hatte er sich immerhin nichts anmerken lassen.
Ein leises Summen weckte sie. Zunächst glaubte sie, es wäre ein verspätetes Insekt, das sich durch das gekippte Schlafzimmerfenster verirrt zu ihr hatte. Automatisch schlug sie danach, aber sie griff nur in die Luft. Ein schwacher Lichtschimmer fiel auf ihr Gesicht. Unwillig öffnete sie die Augen und suchte nach dem Störenfried, aber was sie sah, war kein Insekt, sondern ließ sie vor Angst erstarren. Mit allem hatte sie gerechnet, nur damit nicht. Was dachte sich der General noch aus, um die Bürger in Angst und Schrecken zu versetzen? Über ihrem Bett schwebte eine Überwachungsdrohne der Geheimpolizei. Von weitem hatte sie diese unheimlichen Flugroboter schon gesehen, wie bei jedem Bürger waren sie auch vor ihrem Fenster schon vorbei gehuscht um ihre Sensoren nach verdächtigen Gesprächen oder Handlungen auszustrecken. Die meisten Bewohner der Stadt ignorierten sie mittlerweile, oder zwangen sich zumindest dazu, sie nicht weiter zu beachten. Aber über ihrem Bett hatten sie sicher noch keine gehabt. Die Drohne sah aus wie ein riesiges, albtraumhaftes Insekt, mit einem lang gezogenen, ovalen Körper, der durch aneinander gereihte Glieder flexibel gestaltet war. So hatte sie sich auch durch die Fensterspalte bewegen können. Am Körper waren verschiedene Antennen befestigt, mit denen die Drohne Daten empfing und sendete. An ihrem Vorderteil gab es ein Kameraauge, das Emma mit leblosem Blick bedrohlich anstarrte. Mühsam unterdrückte sie einen Schrei, um Sophie nicht zu beunruhigen. Unwillkürlich zog sie die Bettdecke bis zum Hals hoch.
Als Kind hatte sie einmal einen alten Science Fiction Film gesehen, in dem außerirdische Invasoren die Erde überfielen. Der Held und die Heldin hatten sich in ihm in einem alten Farmhaus vor ihnen versteckt, als plötzlich ein fremdartiges Kameraauge an einem Fühler durch das Fenster hinein geführt wurde. Emma fand die Szene so beängstigend, dass sie noch Wochen danach nicht ohne Licht schlafen konnte und immer wieder voller Angst zu ihrem Fenster hinüber starrte, obwohl ihre Eltern und ihr Bruder sie deswegen auslachten. Es wäre doch bloß ein Film, und sie bräuchte keine Furcht davor zu haben, dass so etwas wirklich passiere. Nun war der Albtraum Wirklichkeit geworden, nur, dass sie es hier nicht mit Eroberern vom Mars zu tun hatte, sondern mit einer bösartigen Erfindung eines irdischen Ingenieurs, der für den General arbeitete. Und sie konnte sich auch nicht wie der Held der Geschichte mit einer Axt zur Wehr setzen, sondern nur da sitzen und hoffen, das Ding würde bald verschwinden. Nie mehr würde sie sich in ihren eigenen vier Wänden sicher fühlen können. Der Schutz der Wohnung, früher in der Verfassung verankert, galt den neuen Machthabern gar nichts mehr. Aber warum bloß setzten sie sie dieser Schikane aus? Was bezweckte die Geheimpolizei damit? War das etwa die befürchtete Erinnerung daran, dass sie der Aufforderung des Generals, der Partei beizutreten, noch nicht gefolgt war?
Ängstlich starrte sie die Drohne an, die mit leisem Summen über ihrem Körper verharrte. Kleine blinkende Lämpchen zeigten Aktivitäten an, die Emma nicht  einordnen konnte. Sie wich ein Stück zurück und setzte sich im Bett auf, was die Drohne veranlasste, ihrer Bewegung zu folgen. Fast erwartete sie, das Teufelsding würde jeden Moment auch noch einen Stachel ausfahren und sie angreifen. Aber es behielt seine Position bei und begnügte sich damit, sie weiterhin aus seinem einen Auge anzusehen.
Neben ihr bewegte sich Sophie. „Was ist denn los, Mama?“, fragte sie verschlafen. „Warum schläfst du denn nicht?“
„Schlaf ruhig weiter, Sophie“, sagte Emma so ruhig wie möglich. „Es ist gar nichts.“
Aber Sophie hatte sich bereits aufgesetzt und rieb sich die verschlafenen Augen. Es dauerte einige Sekunden, bevor sie begriff, was vor sich ging, dann starrte auch sie die Sonde an. Einen schrillen Schrei ausstoßend, klammerte sie sich an Emma fest. „Mama, was ist das?“, rief sie weinerlich. „Ist das gefährlich? Ich habe Angst!“
„Das brauchst du nicht, Schätzchen“, sagte Emma gegen ihre Überzeugung. „Da will uns nur jemand besuchen. Es passiert gar nichts.“
„Aber es sieht so scheußlich aus.“
„Es tut uns aber bestimmt nichts.“  
Als wolle die Drohne Emmas Worte bestätigen, schoss sie in diesem Moment ein Stück zurück, wobei sich das Summen zu einem hellen Pfeifton steigerte. Sie klappte ihre Antennen ein und wich zum Fenster zurück. Wie eine Schlange wand sie sich durch den Spalt hindurch und entwich blitzschnell in die Nacht. Emma atmete erleichtert auf, auch wenn diese Erleichterung gleich von der Angst überschattet wurde, so etwas könne jederzeit wieder geschehen. Sophie weinte noch immer. Für sie beide war an Nachtruhe nicht mehr zu denken.
Im Ministerium saß der General an seinem Schreibtisch und beobachtete seinen Bildschirm, der ihm die von der Sonde übermittelten Videodaten anzeigte. Er sah die Frau, die ihm als Anna Corvillo bekannt war in unruhigem Schlaf und glitt mit den Fingerspitzen fast zärtlich über das Display. Wie sehr sie ihn an Emma erinnerte! Aber ihre genetischen Daten lagen vor, ausgewertet von der kleinen Nagelfeile, die man ihr vor ein paar Tagen vor ihrem Besuch bei ihm abgenommen hatte. Zwar war eine Verwandtschaft zu Emma Rodriguez erwiesen, aber es gab keine hundertprozentige Übereinstimmung zu den Daten, die noch von ihr in den alten Dateien erhalten waren. Smith beobachtete sie weiter, sah wie sie erwachte und erschrocken die Sonde bemerkte. Ihre Tochter schlief neben ihr. Er genoss noch einen Augenblick den Anblick, weidete sich sogar ein wenig an ihrer Angst. Es war gut, wenn sie ein wenig Angst vor ihm hatte, um so leichter würde es ihm später fallen, sie wieder zu trösten. Als er genug gesehen hatte, gab er den Befehl zum Abbruch der Aktion. Vielleicht würde sie nun begreifen, dass sie nicht mit ihm spielen konnte, denn es ärgerte ihn, dass sie sich noch nicht in das Parteiverzeichnis eingeschrieben hatte. Aber sie würde es tun, bald, dessen war er sich ganz sicher.
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