Trinkt aus und kehrt heim!

von jandrina
GeschichteAbenteuer / P16
Aragorn Legolas
18.08.2009
10.09.2009
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Kapitel 2 – Frostiger Winter

„Hey, Hilde, ist Zottelbart heute schon aufgekreuzt?“, fragte mich Marie an einem unbehaglichen Dezembertag mit leicht aggressivem Unterton in der Stimme.

Telcontar war nach unserem kurzen Kommunikationsversuch einige Wochen ferngeblieben, nur um sich danach noch betonter als sonst abseits zu halten. Und auch ich verspürte keinen Wunsch, mit ihm zu reden. Obwohl mich unleugnebar interessierte, warum er sich selbst einen der vielen Namen Aragorns gab, war ich doch ängstlich. Weniger dass er mir etwas antun würde als davor, in etwas involviert zu werden, dessen ich nicht gewachsen war. Das war nicht untypisch für mich. Glaubte man meinem verstobenen Onkel, war meine Feigheit der Hauptgrund warum ich einen so ‚öden Job für fantasielose Versager’ hatte.

Ich verdrängte den Gedanken. Mein Onkel war tot, und seine Erziehungsversuche an mir mochten schlecht gewesen sein, aber sie waren abgeschlossen.

„Nein, ich habe Telcontar heute noch nicht gesehen. Warum fragst Du nach ihm?“

„Ich habe ihn letzte Woche im Buch über die griechischen Heldensagen blättern sehen, und vermisse es jetzt.“

„Oh, gut dass Du mich erinnerst. Ich habe es mit nach Hause genommen, hier ist es.“ Ich kramte das Buch aus meiner Tasche, und gab es Marie, die mich mit schiefgelegtem Kopf musterte. „Ich mag diese Sagen, dass weißt Du doch.“, verteidigte ich mich.

„Ich sage ja gar nichts.“

„Ich muss rasch zur Bank, soll ich Dir etwas vom Lädchen mitbringen?“ lenkte ich ab.

Ihre Stimme blieb hart: „Nein, danke.“

Ich huschte zur Bank, und als ich auf dem Rückweg nur hundert Meter von der  Bücherei laute Stimmen hörte, war ich fast froh, einen Vorwand zu haben, der eisigen Stimmung zwischen Marie und mir – fast so eisig wie die derzeit herrschenden Temperaturen – noch einen Moment länger ausweichen zu können. Da war ein Drama, das mich nicht direkt betraf, eine fast willkommene Abwechslung.

„Du Bastard! Hau ab! Ich ruf einen Anwalt, wenn Du mich noch einmal anfasst!“, keifte eine Frau, die ich gelegentlich bei uns gesehen hatte. Sie bevorzugte Beziehungsdramen. Offenbar hielt sie wieder einmal den Augenblick für gekommen, ihr erworbenes Wissen kreativ anzuwenden.

Ihr Mann, der sich normalerweise die aktuellsten Werke zu Wertanlagen auslieh und genau so trocken wirkte wie diese Lektüre, packte sie am Arm und schrie zurück: „So, tust Du das? Na dann los, ruf ihn doch, Deinen Anwalt.“

Sie versuchte sich loszureißen und kreischte: „Pfoten weg!“

In dem Moment fuhr etwas wie ein dunkler Blitz zwischen die beiden. Sekunden später stand der Mann mit dem Rücken gegen eine Hauswand, und wurde von Telcontar dort fixiert.

Das war so schnell gegangen, dass für einen Augenblick keiner sich rührte. Dann sprang die Frau vor und trommelte mit ihren Fäusten auf Telcontars Rücken ein. Dabei schrie sie: „Lass ihn los! Das ist mein Mann! Lass sofort los, oder ich rufe die Polizei!“

Inzwischen hatten sich einige Menschen angesammelt. Ein Mädchen neben mir kicherte nervös. Telcontar warf einen ratlosen Blick in die Runde, während er noch immer den Mann im festen Griff hielt, aber keine Anstalten machte, sich gegen die vehementen Fausthiebe der Frau zu wehren. Wahrlich, ein Kavalier der alten Schule!

Als sein Blick auf mich fiel, machte ich einen zögerlichen Schritt vor, und hob besänftigend die Hand. „Lassen Sie ihn los, Telcontar. Er wollte seiner Frau nichts tun, das sah nur so aus. Ist es nicht so, Frau Becker?“

Sie wirbelte zu mir herum, und fauchte nun mich an: „Natürlich nicht. Wir sind schließlich seit 16 Jahren glücklich verheiratet.“

Und Herr Becker, der inzwischen ebenso zögerlich wie vergeblich gegen Telcontars Griff ankämpfte, keuchte: „Wie können Sie es wagen, das auch nur anzudeuten. Und wer ist dieser Affe überhaupt, dass er sich einmischt?“

Telcontar, dem offenbar zu dämmern begann, dass die Dinge nicht ganz so waren wie sie schienen, blickte von Herrn Becker zu seiner Frau und dann wieder zu mir. Spontan machte ich eine besänftigende Geste. Dabei sagte ich: „Es ist sicher ein Missverständnis, Herr Becker. Der Herr hat vermutlich ihre Worte für bare Münze genommen. Telcontar, kommen Sie mit zur Bücherei?“

Mit einer weiteren Handbewegung untermalte ich meine letzten Worte, damit sich auch Telcontar ihre Bedeutung erschließen mochte, und tatsächlich ließ er Herrn Becker los, machte einen exakt armlangen Bogen um Frau Becker und trat neben mich. Ich deutete in Richtung Bücherei, behielt aber weiterhin die Beckers im Auge. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Telcontar einen Schritt zurücktrat, um mir den Weg dorthin freizumachen, aber das zänkische Ehepaar nicht aus den Augen ließ. Es blieb mir nichts anderes übrig, als vorauszugehen, nicht ohne Herrn und Frau Becker noch freundlich zuzunicken. Telcontar folgte mir.

Mir war nicht danach, Marie zu erzählen was sich zugetragen hatte, und Telcontar war mangels gemeinsamer sprachlicher Basis ein ungeeigneter Gesprächspartner, also drehte ich noch eine flotte Runde um den Block, um mir die Spannung aus den Gliedern zu laufen.

Als ich zehn Minuten später meinen Dienst wieder aufnahm, sah ich mich bei der ersten Gelegenheit nach Telcontar um und entdeckte ihn an völlig unerwarteter Stelle. Tief in seinem Mantel vergraben kauerte er an unserem größten Heizelement in der Ecke der Bücherei, in der die alten Schinken über Geschichte standen.

Erst vor kurzem mussten wir die Polizei rufen, damit sie uns half, einen nach tagealtem Urin stinkenden Vagabunden hinauszuwerfen, der genau diese Ecke als sein vorübergehendes Domizil auserkoren hatte, und auch auf mehrfache Aufforderung von uns nicht bereit war, die Bücherei am Abend zu verlassen. Telcontar hatte die Szene damals genau beobachtet, und seitdem noch konsequenter darauf geachtet, nie ohne Buch angetroffen zu werden. So weltfremd er in einigem wirkte, zumindest schien er eine klare, wenn auch leicht überzogene, Vorstellung davon zu haben, welches Verhalten in einer Bücherei erwartet wurde.

Als ich einige Minuten später hinter einem der Regale in seiner Nähe hervortrat, auf der  Suche nach einem Band über den Dreißigjährigen Krieg, kam er hastig auf die Füße und taumelte auf ein Regal zu. Dort griff er wahllos nach dem nächstbesten Buch und schlug es auf. Es wackelte so heftig in seinen Händen, dass er die Worte nicht einmal entziffern könnte wenn er den Band richtig herum halten würde.

Erst jetzt sah ich, dass er käsebleich war, und seine Kleidung wirkte dunkler als gewöhnlich. Es dauerte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, dass sein dunkelgrüner Mantel, die braunen Hosen und Stiefel feucht waren. Das war mir zuvor überhaupt nicht aufgefallen, wohl da mein Fokus hauptsächlich auf die Beckers gerichtet war.

Nicht nur seine Hände zitterten, sondern sein ganzer Körper erbebte immer wieder in Schauern. Aber genauso wenig wie ich ihm die Vorgänge um den Ehekrach erklären konnte, konnte ich nun fragen was ihm widerfahren war. Ich seufzte.

Er ließ das Buch sinken, und beugte den Kopf. Sein Gesicht war nun vor mir verborgen hinter seinen dunklen langen Haaren, aber ich meinte seine Zähne klappern zu hören. Spontan griff ich ihn am Arm und zog ihn zurück zur Heizung. Dort bat ich ihn mit einer auffordernden Geste, Platz zu nehmen, und sagte mit betont freundlicher Stimme: „Setzen sie sich, bitte. Ich besorge ihnen etwas Heißes zu trinken.“

Zögernd kauerte er wieder nieder, immer noch das Buch, das er als Vorwand ergriffen hatte, fest umklammert in der Hand. Dann sah er mich an, und sein intensiver Blick hielt mich für einen Moment in ihrem Bann, aber dann ich drehte mich auf dem Absatz um und ging um Wasser warm zu machen.

Marie kam in unsere kleine Küche als ich gerade einen Becher Gemüsebrühe aufgoss. Sie sagte: „So wie es aussieht, hat der Zottelbart nun noch das Interesse an Büchern verloren, und zeigt seine wahren Motive.“

„Hast du nicht gesehen wie nass er ist? Er friert. Lass ihn in Ruhe, er hat uns bisher nicht die mindesten Schwierigkeiten gemacht. Soll er doch heute mal an der Heizung sitzen statt die Regale abzuwandern.“

„Hey, ist ja gut. Kein Grund sich aufzuregen. Ich habe nur keine Lust wieder die Bullen anzurufen.“

„OK“, lenkte ich ein: „falls er später Schwierigkeiten macht, fordere ich diesmal Hilfe an.“

Ich trug die heiße Brühe vorsichtig zu Telcontar, und hielt ihm den dampfenden Becher hin. Er starrte für mehrere Sekunden darauf, bis er ihn mir schließlich mit zitternden Händen abnahm. Dann blickte er mir in die Augen und murmelte: „Hannon le.“

Mit einem leisen Lächeln korrigierte ich ihn: „Das Wort, das sie sicherlich meinen, heißt ‚Danke’.“

Er runzelte die Stirn und starrte mich an. Ich nahm ihm den Becher wieder ab, und sagte: „Danke. Hannon le.“ Dann streckte ich ihm den Becher wieder entgegen.

„Danke.“, flüsterte er diesmal, als er ihn nahm, und als ich ihn angrinste, lächelte er verhalten.

Dann hob er den Becher, und roch daran. Erst zögernd, aber dann so enthusiastisch dass ich mir Sorgen um seine Speiseröhre machte, goss er die heiße Flüssigkeit in sich hinein. Ich überlegte, ob ich ihm auch eine Decke anbieten sollte, aber dann entschied ich mich dagegen. Er ging mich nichts an, war nur ein Kunde wie die anderen auch. Außerdem wollte ich keine weitere Diskussion mit Marie heraufbeschwören. Mit etwas Warmem im Bauch und an die Heizung gelehnt ließ das Beben auch schon nach und Farbe kehrte in sein Gesicht zurück.

Er blieb wo er war bis wenige Minuten bevor wir die Bücherei für den Tag dichtmachten. Einige Male war er zwar eingenickt, aber wir mussten ihn nicht auffordern, den Raum zu verlassen. Er stand von sich aus rechtzeitig auf, räumte das Buch zurück an seinen Platz, stellte den Becher mit einem scheuen Blick zu mir hin auf meinen Schreibtisch, und ging.

In der folgenden Woche kam er nicht, und die Woche darauf hatten wir über die Weihnachtstage und für einen anschließenden wohlverdienten kurzen Urlaub geschlossen, den ich wie all meine freien Tage zuhause bei einem guten Buch verbrachte.

~~~~~

Der Januar brachte viel Schnee mit sich. Deshalb kam ich am ersten Tag etwas verspätet. Marie würde sogar noch später kommen, sie hatte noch einen Termin. Fast hätte ich die Gestalt, die in eine Ecke gepresst versuchte sich vor dem eisigen Wind zu schützen, übersehen. Ich bemerkte ihn nur, weil ein rauer Hustenanfall ihn verriet. Es war Telcontar.

Er folgte mir nicht sogleich, sondern erst als ich ihn mit einer Geste dazu aufforderte, während er einen weiteren Hustenanfall zu unterdrücken versuchte. Er sah nicht gut aus, seine Augen waren gerötet und er hatte rote Flecke im ansonsten viel zu blassen Gesicht. Ich dachte daran, wie nass er beim letzten Mal gewesen war.

Aber er verhielt sich wie immer, suchte sich ein Bücherregal und vertiefte sich in ein Buch über Kräutergärten. Und schließlich war er nicht der einzige, den im Winter eine Erkältung plagte. Aus mehreren Ecken konnte man es Husten und Schniefen hören.

Einige Stunden später kam auch Marie, und wir tauschten Neuigkeiten aus, und besprachen die Arbeitsaufteilung der nächsten Tage. Dann setzte ich mich in den leeren kleinen Lesesaal um ungestört die Post zu bearbeiten. Ich war so vertieft, dass ich Telcontar, der in der Tür stand, zunächst nicht bemerkte, bis unterdrücktes Husten mich auf ihn aufmerksam machte.

Als er sicher war, meine Aufmerksamkeit zu haben, trat er zunächst unsicher von einem Fuß auf den anderen, dann kam er zu mir an den Tisch und berührte den Stift, der dort für jeden, der Bedarf an einem Schreibutensil hatte, neben ein paar leeren Blättern lag. Aber er nahm ihn nicht mit, stattdessen starrte er mich unverwandt an.

„Brauchen sie den Stift? Nur zu, dafür liegt er hier.“

Ein weiteres Mal trat er nervös hin und her, und berührte den Stift erneut. Irritiert griff ich danach, und hielt ihn ihm hin.

„Danke.“, sagte er mit heiserer Stimme, aber er ging nicht wie ich erwartet und auch gehofft hatte, stattdessen legte er den Stift auf den Tisch zurück und hob mit der anderen Hand ein Buch, das ich bisher nicht gesehen hatte.

Es war ein Bestimmungsbuch über Heilkräuter und er schlug eine Seite mit einem Foto auf und legte es auf den Tisch. Dann deutete er auf sich und nannte seinen Namen, danach zeigte er auf mich und nannte meinen Namen, schließlich legte er seinen Finger sachte auf die Pflanze auf dem Bild. Seine Augen durchbohrten mich fast, und ich musste schmunzeln über sein beredtes Mienenspiel.

Ich griff nach dem Buch, und las den kurzen Text unterhalb des Bildes. „Thymian.“, beantwortete ich dann seine Frage. „Diese Pflanze heißt Thymian.“

„Thymian.“, wiederholte er mit deutlichem Akzent, und seine Stimme klang noch rauer als bei den wenigen malen, die ich ihn zuvor hatte sprechen hören. Es schien ihn ja wirklich böse erwischt zu haben. Plötzlich wurde mir klar, das Thymian bei Husten eingesetzt wurde, ich hatte selbst vor einem Jahr Thymiantee getrunken als ich eine hartnäckige Bronchitis hatte. Fragte er deshalb nach genau dieser Pflanze?

Er ergriff nun den Stift, und etwas zögerlicher auch ein Blatt Papier, dann malte er einige merkwürdige Symbole darauf – stellten sie Tolkiens Elbisch dar? – dann schob er mir das Papier hin. Den Stift legte er dazu, und als ich ihn nur verwirrt ansah, machte er eine vage Handbewegung, und murmelte ein weiteres mal: „Thymian.“

„Sie wollen dass ich es aufschreibe? Kein Problem…“. Mit diesen Worten schrieb ich ‚Thymian’ in klaren Druckbuchstaben neben seine Linien. Wir wiederholten das Spiel mit zwei weiteren Pflanzen, Weide und Kamille. Danach dankte er mir höflich, legte den Stift wieder genau an die Stelle wo er vorher gelegen hatte und hing lautlos hinaus. Das Blatt Papier nahm er mit.

Noch immer verblüfft starrte ich hinter ihm her. Mir war nicht entgangen, dass auch Kamille bei Erkältungen eingesetzt werden konnte, und Weidenrinde war schließlich der Vorläufer des heutigen Aspirin. Alle drei Pflanzen mochten bereits im Mittelalter – oder in Mittelerde – von Heilern bei einer Erkältung empfohlen worden sein.

Einem plötzlichen Impuls folgend prüfte ich meine Teebestände, und tatsächlich fand ich noch einige Beutel mit Thymian. Ich bereitete einen Becher Tee, nahm noch zwei Aspirin mit, und suchte Telcontar.

Er saß an einem der Tische und versuchte meine Worte nachzubilden, und dabei stellte er sich genauso ungeschickt wie ein Erstklässler an. Die krakeligen Buchstaben waren kaum zu erkennen.

Ich stellte den Becher neben ihm auf den Tisch, und sein Kopf fuhr abrupt zu mir herum. Es war das erste mal, dass ich ihm unbemerkt nahe gekommen war, offenbar war er so hochkonzentriert auf seine Tätigkeit, dass er alles um sich herum vergaß.

Ich war mir nicht sicher, ob das was ich tat das richtige war, aber ich legte die zwei Aspirin neben den Becher, und indem ich erst auf das eine dann auf das andere deutete, erklärte ich ihm: „Thymian. Und Weide…, sozusagen.“

Er nahm den Becher und roch am Tee. Mit einem Lächeln bestätigte er: „Thymian.“ Aber die Tabletten schienen ihn zu verwirren. Er roch an einer, rollte sie zwischen seinen Fingern, und schließlich leckte er sogar an ihr, nur um gleich darauf das Gesicht zu verziehen. Zögernd fragte er: „Weide…?“

Lachend erwiderte ich: „Nun, es ist keine Weide, aber es wird ihnen genauso gut helfen. Hier, ich zeige es ihnen.“ Ich legte mir die Hand an die Stirn als ob ich Fieber prüfen wolle, dann berührte ich meinen Hals und zog ein übertrieben schmerzverzerrtes Gesicht, schließlich schniefte und hustete ich und dann sagte ich ‚Weide’ und lächelte, um zu zeigen, dass es einem nach dem Genuss von Weide besser ging. Schließlich wiederholte ich das ganze, nur das ich anstatt ‚Weide’ zu sagen auf die Tabletten deutete.

Er war noch immer skeptisch, so nahm ich eine der Pillen und schluckte sie, um ihm zu demonstrieren dass sie harmlos waren. Er starrte mich über eine Minute lang unverwandt an, als erwarte er dass ich auf der Stelle tot umfallen würde, aber dann nahm die andere Tablette und trank den Tee. Dann dankte er mir, wendete sich wieder den Schreibübungen zu, und ich begann Bücher in die Regale zu räumen.

Als ich nach einer knappen halben Stunde zufällig in seiner Nähe war, hörte ich ihn leise, fast wohlig, aufseufzen, und als ich zu ihm hinsah, lächelte er scheu, und neigte für einen Moment den Kopf in einer Geste der Dankbarkeit. Offenbar wirkte das Aspirin.

~~~~~

„Telefon, Hilde!“, rief mir Marie über das lärmende Getöse zu.

Mein Mund war voller Torte, also gab ich Marie durch eine Kopfbewegung zu verstehen, dass ich das Gespräch im ruhigeren Lesesaal annehmen würde.

„Hallo Süsse, alles Liebe zum Geburtstag. Wie fühlt Frau sich als 50zigjährige alte Schachtel?“

Nur meine beste Freundin Brigitte, die seit einigen Monaten mit ihrer neuesten Liebe in Sydney lebte, konnte mich in einem Satz sowohl mit einem Kosewort wie auch einem Schimpfnamen belegen, ohne dass es mich ärgerte.

„Danke, prima.“, erwiderte ich lachend. „Jetzt wo die stressigen Wochen der Inventur hinter uns liegen, und wir zur Abwechslung mal feiern können. Im Moment vertilgen mehr Kunden als wir sonst in einer Woche haben meine Kuchen und Maries Torte, und das obwohl wir Fastnacht haben. Irgendjemand muss ihnen von der kostenlosen Fressorgie hier berichtet haben.“

„Ist Telcontar zufällig auch da?“, fragte Brigitte lauernd. Seit ich ihr Zottelbarts Namen genannt hatte, faszinierte er sie. Als Fantasy-Närrin und begeisterte Fanfiction-Leserin war sie felsenfest überzeugt, dass er aus Mittelerde direkt in unsere kleine unbedeutende Leihbücherei gestolpert war, um natürlich von mir und Marie mit wehenden Fahnen – oder war es Röcken? – errettet zu werden. Diese Überzeugung von ihr war genau so unerschütterlich wie ihr Vertrauen in die Geisterbeschwörungen, die sie vor einigen Jahren regelmäßig durchgeführt hatte.

Ich lachte, und sagte: „Ja, heute ist er mal wieder da. Er hat sich erst abseits gehalten, aber schließlich hat ihn der Kuchenduft wohl doch verführt. Ich glaube, er verdrückt bereits sein viertes Stück. Das hat er auch nötig. Oder es war Dein Elbenzauber-Tee, der ihn angelockt hat? Der ist übrigens fantastisch, vielen Dank dafür. So einen guten Kräutertee habe ich schon lange nicht mehr getrunken, ich muss unbedingt schauen, ob es den hier auch gibt. Und die Ingwerkekse sind natürlich auch wieder allererste Sahne, aber die habe ich versteckt, die sind für mich ganz allein.“

„Altes Leckermaul.“, neckte sie mich. „Es freut mich, dass sie Dir schmecken. Aber erzähl mal, warum sagst Du dass Telcontar so viele Kuchen nötig hat? Aus der Wachstumsphase dürfte er ja raus sein, wenn Du ihn auf Mitte Zwanzig schätzt.“

„Ich glaube er hat Gewicht verloren, und viele Reserven hatte er nie.“, antwortete ich, nun ernster.

„Du solltest ihm wirklich helfen, Hilde.“

„Na, Du machst mir Spaß. Komm doch her und hilf ihm selbst, wenn er Dir so wichtig ist. Da ist mir Maries ewiger Vorschlag, die Männer in Weiß zu rufen, ja fast noch lieber.“, verteidigte ich mich, nur um gleich darauf einzulenken: „Ich habe es ja auch schon überlegt, wenn ich ehrlich bin. Wenn er wirklich den Waldläufer konsequent spielt und nur von dem lebt was die Natur so bietet, wird er Mühe haben zu überleben, jetzt im tiefsten Winter. Aber Geld ist keine Lösung, dass weißt Du selbst, und jede Bahnhofsmission würde ihm Essen und Unterkunft geben, wenn er sich an ein paar Regeln hält.“

„Hat er Dich denn je um Geld gebeten?“

„Nein, nur um Information, und das ist ja sein gutes Recht. Selbst wenn er etwas ungewöhnlich dabei vorgegangen ist. Ich habe Dir ja neulich schon davon erzählt.“ Mir wurde das Gespräch unbehaglich, und ich versuchte abzulenken: „Vielleicht bilde ich mir das ja auch alles nur ein und er hat gar nicht abgenommen. Mit dem komischen Umhang, den er dauernd trägt, ist seine Figur sowieso nicht richtig zu erkennen. Aber jetzt erzähl mal, wie läuft es denn so in Downunder?“

Sie ging bereitwillig auf den Themenwechsel ein, und wir quatschten noch ein paar Minuten über ihren neuen Partner Steve, und über den Job, den sie gefunden hatte, aber meine Gedanken kehrten unfreiwillig immer wieder zu knochendürren Händen zurück, die zögernd nach den dargebotenen Köstlichkeiten griffen.

~~~~~

Wieder einmal suchte er Zuflucht nahe der metallenen Hütte, in einer Mulde, die halb bedeckt von einem alten Baumstamm war. Verborgen zwischen den toten Blättern von Ahorn und Buche lag er zusammengekrümmt am Boden.

Die Hütte stand am Rande der Stadt, außerhalb einer ummauerten Wiese mit merkwürdigen Steinen darauf, an denen Leute oft weinten. Sie schienen ihre Toten hier zu begraben.

Hier pflegte es nach Einbruch der Nacht einsam zu sein, als ob die Menschen diesen Platz ihrer Vorväter bei Dunkelheit fürchteten. Ihm war es recht. Es war nicht das erste Mal, dass er hier Zuflucht suchte, vor der Kälte, oder in Momenten wie diesem, wenn sein Körper ihm den Dienst verweigerte.

Sein Hauptdomizil lag über einen Tagesmarsch entfernt, und er kehrte regelmäßig dorthin zurück, hielt dort den kleinen Bogen versteckt, den er vor wenigen Tagen fertiggestellt hatte und der zur Hasenjagd taugen mochte, oder vielleicht um kleine Vögel zu erlegen. Auch ein spärlich bestücktes Kräuterlager unterhielt er dort, nachdem er durch das ungeplante Bad im Fluss die meisten derer, die er bei sich trug, verloren hatte. Wehmütig dachte er an die Fenchelsamen, ein letztes Überbleibsel aus seiner früheren Welt. Wie gut würde es jetzt tun, einige davon zu kauen.

Nur knapp gelang es ihm, rechtzeitig zu einem Busch in der Nähe zu kriechen, bevor sein Magen ein weiteres mal deutlich zu verstehen gab, dass nach Wochen mit karger Kost die süßen Teigstücke mit Creme nicht bekömmlich waren. Als er nur noch Galle hervorwürgte, schloss er in stiller Verzweiflung die Augen.

Hoffnungslosigkeit drohte über Kampfeswillen zu siegen.

Keiner hier sprach seine Zunge. Keiner war willens, die Zeit aufzubringen, ihm die seine nahe zu bringen. Wenige Worte nur hatte er aufgeschnappt. Die eine Frau im Haus der Bücher war eine Quelle der Hilfe, er verdankte ihr viel. Mehr konnte er nicht erwarten.

Ein anderes Mal hatten zwei Kinder ihr süßes Obst mit ihm geteilt, und ihn dabei gelehrt dass die ihm unbekannte länglich geformte Frucht ‚Banane’ hieß.

Einige weitere Worte hatten sich ihm im Kontext erschlossen, beim Studium der Bücher. Aber es waren nicht die Art Worte die er brauchte. Als Gerüst um damit einen Weg nach Hause zu finden konnten sie ihm nicht dienen. Noch gab es Bücher die er nicht studiert hatte. Und unzählige, deren Botschaft er noch nicht einmal erahnen konnte. Vielleicht barg eins von ihnen das Geheimnis, was er zu ergründen suchte. Aber er war so müde.

Er bezweifelte, dass es ihm noch einmal vergönnt sein würde, Arwens Lächeln zu sehen. Wenn er doch wenigstens die vertrauten Wälder und Berge sehen und den Duft der Auen und Moore riechen könnte, willig würde er das Schicksal akzeptieren, dass ihn dort erwartete, selbst Schande und Tod.

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