Trinkt aus und kehrt heim!

von jandrina
GeschichteAbenteuer / P16
Aragorn Legolas
18.08.2009
10.09.2009
8
28527
3
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Dieses Kapitel
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Disclaimer: Die Charaktere und Handlungsorte, die jeder erkennen kann, gehören der Familie Tolkien und/oder New Line Cinema. Diese Geschichte ist ein reines Fanprojekt, ausschließlich zu meinem Vergnügen und hoffentlich das anderer entstanden, Gewinne darüber hinaus werden nicht erzielt.

Warnung: Die Geschichte selber – Prinzip ‚Arda trifft Erde’ –  ist AU, knüpft aber an Canon an. Es ist ein dramatisches Actionabenteuer, ich bin nicht sicher, welches Genre mehr gilt.

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Prolog

Lautlos ging er die Straße entlang, sich dicht an die Häuser haltend, und darum bemüht sowohl seine Faszination als auch sein Entsetzen zu verbergen.

Die Menschen waren merkwürdig gekleidet, und jeder schien beständig in Eile zu sein. So viele schillernde Farben auf einem Fleck hatte er noch nie gesehen, noch nicht einmal an Markttagen in Bree. Aber wenigstens drohten keine Pferdelosen glitzernden Karren, die sich scheinbar von allein mit nahezu unglaublicher Geschwindigkeit bewegten und unheimliche Geräusche von sich gaben, ihn hier in dieser Gasse zu überrollen.

Seit Stunden schon war er auf den Beinen. Um diese Stadt zu erreichen, war er lange gewandert, und schließlich durch einen weiten Fluss geschwommen. Seine Kleider waren noch nicht getrocknet und dankbar spürte er die frische Kühle auf seiner Haut, denn die Sonne schien heiß herab, und kein Lüftchen wehte in diesem nahezu endlosen Meer aus den verschiedenartigsten Gebäuden. Noch dankbarer war er, dass er überhaupt wieder reisen konnte. In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in dieser fremden Welt hatte er sich im Wald – aber was für ein Wald, kränker noch als der Düsterwald – verborgen, und seine Wunden mit Hilfe der wenigen Kräuter, die er bei sich trug, gepflegt.

Aber inzwischen war er genesen von den Verletzungen, die ihm während der Gefangenschaft, und später vor dem Palast Thranduils zugefügt worden waren, und konnte sich anderen Problemen zuwenden, wie der Nahrungsbeschaffung. Wild war rar, und ohne vernünftige Ausrüstung nur schwer zu erlegen. Aber er fand Apfelbäume und Nussbäume, und auch Wasser gab es im Überfluss in dieser andersartigen Landschaft. Am ehesten fühlte er sich an das Auenland erinnert, bis er die ersten Siedlungen sah. Dann war ihm sofort klar, dass hier keine Hobbits lebten, und auch nicht Elben.

Arwen. Ob er sie je wieder sehen würde?

Wie anders war diese unglaublich lärmende und stinkende Stadt. Wieder einmal fragte er sich, warum er die Wälder verlassen hatte. Dort war es trotz der verblüffenden Unlebendigkeit der Bäume doch erträglich gewesen – wäre da nicht diese nagende Ungewissheit: wo war er? Und warum war er hier?

War dies der Ort, an den jeder Sterbliche schließlich gelangte? War sein Leben der Preis für den vergeblichen Versuch die Elben im Düsterwald zu warnen? Es mochte gut sein. Er senkte den Kopf bei dem Gedanken. Fürwahr, er wusste, dass er in seinem Leben nur wenig getan hatte, um sich einen ehrenvollen Platz auf der anderen Seite zu verdienen.

Ein Bild, welches von einem seiner letzten Momente in Arda noch deutlich vor ihm stand, war das des wutverzerrten Gesichts von König Thranduils Sohn. Legolas würde es sicherlich nur gerecht finden, dass er nun allein auf sich gestellt umher irrte, als Fremder unter Fremden. Es war ein bekanntes Gefühl.

Keine der Sprachen die er beherrschte, wurde von den Bewohnern auf dem Land verstanden. Er lernte dass es besser war zu schweigen. Und er entschied, nach Antworten in einer Stadt zu suchen.

Rufe rissen ihn aus seinen düsteren Gedanken. Einige breitgebaute Männer, die mit merkwürdigen Kappen einen Teil ihrer langen Haaren verbargen und lederne schwarze Rüstungen mit dem Zeichen des Adlers trugen, bedrängten einen schmächtigen Burschen.

Er richtete sich auf, griff automatisch nach dem Dolch den er verdeckt bei sich trug, der einzigen Waffe die er bei seiner Flucht hatte mitnehmen können. Aber er zog ihn noch nicht, sondern beobachtete. Der Bursche eilte in einen gläsernen Hauseingang, und die Gruppe Männer zog lärmend weiter.

Als alles ruhig war, ging er langsam zu dem Haus mit den großen Fenstern hinüber. Und zu seiner Verblüffung sah er eine schier endlose Menge an Regalen voll mit Büchern…

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Kapitel 1 – Ein Fremder

Es war meine jüngere Kollegin Marie, die mich aus meinen gut behüteten Träumen von einer langen Urlaubsreise an antike Stätten riss, und mich auf den Fremden aufmerksam machte.

„Sieh mal, der Typ in dem komischen Mantel, da drüben, er sieht wie ein Vagabund aus, findest du nicht?“

„Der im braunen Umhang mit Kapuze? Und mit den merkwürdigen Hosen? Ist so was zurzeit modern?“

Marie erwiderte lachend: „Nein, ganz gewiss nicht, außer in Filmen wie ‚Der Herr der Ringe` oder ein paar abgewrackten Mittelalterschinken. Wirklich, Hilde, Du musst öfter ins Kino gehen.“

Grinsend, den die Kinofrage war ein sorgfältig gepflegter Disput zwischen uns, beobachtete ich den groß gewachsenen Mann. „Dafür habe ich alle Werke von Tolkien gelesen, also gib nicht so an. Aber Du musst zugeben, er bewegt sich wirklich einzigartig. Wie ein Panther kurz vorm Sprung. Und diese kleinen Zöpfe sind apart. So kann selbst ein Mann sein Haar lang tragen, finde ich.“

Neckend zog Marie an meinem sorgfältig geflochtenen grauen Pferdeschwanz. „Vor allem solang er uns weiterhin an der welligen Pracht des nicht geflochtenen Teils teilhaben lässt. Nur den Zottelbart, den könnte er abschneiden.“

Wir wurden unterbrochen von einer Kundin, die auf mich zu kam und nach einer Empfehlung für einen leichten Sommerkrimi fragte, und Marie wandte sich einer wartenden Schülerin zu, die wie jeden Dienstagabend einen ganzen Rucksack voll Bücher ausleihen wollte.

Während ich der Krimihungrigen Kundin einige Vorschläge unterbreitete, beobachtete ich weiterhin den Fremden. Er schien sich tatsächlich für Bücher zu interessieren. Was die meisten in unsere kleine Leihbücherei zog war für Herumtreiber oft nur Vorwand, beibehalten für wenige Minuten, bevor sie sich eine ruhige Ecke für ein Nickerchen suchten. Aber dieser Mann nahm sorgsam ein Buch nach dem anderen aus dem Regal und blätterte ehrfürchtig darin.

Achselzuckend wandte ich mich dann aber meinen Aufgaben des Tages zu, da ich nicht erwartete, ihn noch öfter zu sehen, und Bücher liebevoll zu behandeln war schließlich kein Verbrechen.

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Zu unserer Überraschung kam er wieder. Mehr als einmal.

„Hast du schon herausgefunden, woran Zottelbart am meisten interessiert ist?“, fragte ich Marie betont unschuldig an einem ruhigen Oktobermorgen, und benutzte dabei den von Marie geprägten Spitznamen, der haften geblieben war obwohl der Fremde inzwischen nur noch Stoppeln im Gesicht trug.

Wir pflegten ein kleines Ratespiel zu spielen. Wer als erstes korrekt Hobbys oder Beruf einer Person anhand der Bücher erriet, wurde von der anderen zum Kaffee eingeladen. Es ergab sich fast immer eine Gelegenheit, mit den Kunden zu plaudern und unauffällig herauszufinden, wer von uns der Wahrheit näher kam.

„Du machst mir Spaß“, neckte Marie mich, „selbst wenn ich etwas bemerkt hätte, würde ich es dir wohl kaum sagen, bevor ich nicht ganz sicher wäre, oder?“

„Nein, vermutlich nicht. Ich denke, ich muss ihn selbst im Auge behalten.“

Und genau dafür ergab sich auch prompt später am Tag eine Gelegenheit.

„He! Sie haben mein Buch. Genau das brauche ich, meine Gunnera manicata ist krank. Sie hat lauter braune Flecke, und Sie halten den besten Gartenratgeber in ihren schmutzigen Fingern. Also, geben Sie schon her, so jemand wie Sie versteht sowieso nichts von Pflanzen. Zieht noch nicht mal seinen Mantel aus, wo gibt’s denn so was. Kein Benehmen, diese Jugend von heute.“ Die kreissägenartige Stimme von Frau Seiboldt, deren einzige Sorge ihren Balkonpflanzen galt, informierte mich darüber, dass meine Künste als Vermittlerin wieder einmal gefragt waren.

Als ich um das Regal mit den Gartenbüchern trat, bot sich mir ein einzigartiges Bild. Die aufgebrachte Frau Seiboldt stand armefuchtelnd vor Zottelbart, der sich mit weit aufgerissenen Augen langsam vor ihr zurückzog, als wenn er dem sprichwörtlichen Säbelzahntieger weichen würde. Das Buch, um das es ging, hielt er dabei fest umklammert.

Bevor ich intervenieren konnte, schnappte sich die alte Scharteke den grünen Band und riss ihn dem verdutzten Mann geradezu aus den Händen. Ich hatte noch nicht entschieden, ob ich ihr ungebührliches Verhalten nun eher amüsant oder ärgerlich finden sollte, als Zottelbart zu mir blickte, und noch einen Schritt zurücktrat. Seine Hände hielt er seitlich von sich, als wenn er signalisieren wollte, dass er unbewaffnet war. Ich kannte die Geste aus Filmen, und musste nun wirklich ein Grinsen unterdrücken.

Also wirklich, wir waren hier ja nicht im Wilden Westen.

Aber bitte, wenn er das Buch so kampflos abgab, musste ich mich nicht auf eine fruchtlose Diskussion mit der möchtegerne Gunnerazüchterin einlassen. Zottelbart wandte sich dem Regal mit klassischer Dichtkunst zu, wobei er mir besorgte Blicke zuwarf. Frau Seiboldt stolzierte mit ihrer Beute zu ihrem Lieblingssessel. Und ich gesellte mich zu Marie, die die Szene offenbar amüsiert beobachtet hatte.

„Mit was hat sie denn dem armen Kerl gedroht? Dass er nackt auf ihrem Balkon die Blumen schneiden muss? Er wirkte ja ganz eingeschüchtert.“

„Nicht ganz so schlimm.“, meinte ich schmunzelnd, fragte dann aber ernster: „Sag mal, hast du je eine Waffe an ihm gesehen?“

„Eine Waffe? Nein, natürlich nicht. Wie kommst du denn darauf?“

Ich lachte nur verlegen, die Frage war wirklich dumm.

„Eigentlich habe ich noch überhaupt nichts an ihm gesehen außer der Kleidung die er trägt.“

„Stimmt“, bestätigte ich. „Nicht mal eine Tasche oder so. Da er nie Bücher ausleiht, braucht er ja auch keine, aber komisch ist es schon. Hast Du eigentlich schon mal mit ihm geredet?“

„Mir ist mal eins der verteufelt schweren Gesetzesbände runter gefallen, und er hat es aufgehoben bevor ich mich auch nur danach bücken konnte. Da habe ich versucht ihn ein bisschen auszuhorchen, aber er hat kein einziges Wort gesagt, sondern sich bei den Kinderbüchern verkrochen. Entweder spinnt der, oder er ist taubstumm und kann nicht dazu stehen.“

„Er ist schon ein wenig merkwürdig, das gebe ich ja gern zu, aber musst Du gleich wieder das schlimmste denken? Es kommen ja noch andere her, die nicht so gesprächig sind. Und es war doch aufmerksam von ihm, Dir das Buch aufzuheben.“

„Er muss wegen mir nicht sprechen, aber ich sage Dir, mit dem stimmt was nicht-:“

Eine Frau aus der Nachbarschaft unterbrach uns, sie brauchte Hilfe, um ein geeignetes Buch für ihren Neffen zu finden, und an dem Tag sprachen wir nicht weiter über den seltsamen Mann.

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Der November kam, und ich nutzte an einem ruhigen Mittwochmorgen einen der Computer, um ein Geburtstagsgeschenk für Brigitte, meiner besten Freundin, vorzubereiten. Zottelbart war als einziger außer Marie und mir in der Bücherei, und er würde weder meine Dienste noch den Computer brauchen.

Brigitte liebte Landkarten aller Art, und außerdem war sie leidenschaftliche Fantasy und Science Fiction Leserin, und so sammelte ich verschiedene Karten aus dem Internet zusammen, um daraus einen Kalender für sie zu basteln. Nachdem ich mich für eine wunderbar kitschige Sternkarte entschieden hatte, die das Klingonenreich darstellte, war ich nun dabei, die Suchergebnisse für Landkarten von Mittelerde zu sichten, als ich plötzlich einen unterdrückten Laut hinter mir hörte. Es war Zottelbart, der mit ein paar raschen Schritten neben mich kam und eine zitternde Hand nach dem Monitor ausstreckte.

Er murmelte etwas, das ich nicht verstehen konnte – aber immerhin, stumm war er schon mal nicht -  und ich fragte: „Was haben sie gesagt?“

Er antwortete nicht, aber sein Atem ging rasch. Ich versuchte es noch einmal: „Mögen sie Karten?“

„Wo?“

„Was meinen Sie? Wo ich diese Karte gefunden habe? Kein Problem, das kann ich ihnen zeigen.“ Ich schloss das Fenster mit der Karte, und das Suchfenster tauchte auf. Er flüsterte etwas unverständliches und drehte sich mit unfreundlichem Gesichtsausdruck halb zu mir. Rasch fuhr ich fort, während ich die Karte wieder öffnete: „Hier ist der Link, sehen Sie.“

Als er die Karte wieder sah schloss er für einen Moment die Augen. Seine Finger wanderten zu Bruchtal, danach über Isengard nach Gondor und hoch zum Düsterwald, und dabei sagte er einige Worte, von denen ich nur das elbische Wort für Bruchtal erkannte. Fragend wiederholte ich es: „Imladris?“

Er nickte enthusiastisch, und deutete erneut auf Bruchtal.

Ich deutete auch darauf und sagte: „Bruchtal.“

Er runzelte die Stirn. Vielleicht kannte er ja das Englische Wort. „Rivendell?“

Auch diese Bezeichnung schien ihm unbekannt zu sein. Ein komischer Kauz. Verstand er nur Elbisch? Verschiedene Szenarien, wer er sein könne, schossen durch meinen Kopf. Vom Terroristen mit einer heimlichen Leidenschaft für Tolkiens Welt bis zum Entflohenen aus der Irrenanstalt der sich für einen Elben hielt schien mir im Moment alles möglich.

Energisch rief ich mich zur Ordnung. Ich war ja schlimmer als Marie.

Er deutete wieder auf Bruchtal, und sagte einige Worte, aber ich verstand ihn nicht. Er wiederholte das ganze mit – wie mir schien – verschiedenen Sprachen, aber nichts davon war mir auch nur annähernd vertraut. Schließlich entschied ich mich, auch etwas zu den Kommunikationsversuchen beizutragen.

Ich deutete auf meine Brust und sagte meinen Namen: „Hilde.“

Sein durchdringender Blick traf mich, als er meinen Namen mit einem merkwürdigen Akzent wiederholte. Ich lächelte ihm zu, deutete auf ihn, und fragte: „Und wie ist Ihr Name?“

Nach kurzem Zögern legte er sich die Hand auf die Brust, verbeugte sich leicht und sagte: „Telcontar.“

Das sollte wohl ein Scherz sein. Telcontar war einer von Aragorns vielen Namen, genauer war es die elbische Übersetzung von Streicher. Entweder war er ein besessener Liebhaber von Rollenspielen oder Marie hatte Recht und er war verrückt. Automatisch versuchte ich einzuordnen, in welchem Zeitfenster er sich wohl seiner Meinung nach aufhielt. Telcontar hieß sein Haus erst nach seiner Krönung, aber Streicher war er lange davor schon gerufen worden. Wie auch immer, er gab nicht seinen wahren Namen preis, und auch der abgetragene Zustand seiner Kleidung suggerierte, dass er sich wohl noch in der Waldläuferphase befand.

Verrückt oder Rollenspiel, für den Moment spielte ich einfach mit, gab einem spontanen Einfall nach und sprach den elbischen Gruß: „Mae govannon, Telcontar.“

Er holte scharf Luft, starrte mich für einen Moment fassungslos an, dann purzelten die Worte nur so aus ihm heraus – aber ich verstand nichts. Mit einer abwehrenden Geste sagte ich: „Sorry, ich verstehe kein Elbisch. Ich kann nur ein paar Worte, wie Mellon oder Galad.“

Sein Blick ließ mich nicht los, als er leise wiederholte: „Galad?“

„Ja, Galad. Das heißt doch Licht, nicht wahr?“

Ich nahm einen der Stifte, die wir überall herumliegen hatten, und schrieb Galad, und dahinter Licht. Das gleiche tat ich noch mit ein paar weiteren Worten, die ich zufällig aufgeschnappt hatte, und dabei sagte ich die Worte deutlich und betont, in der Hoffnung dass er verstand was ich tat. Als ich etwa acht Wortpaare aufgeschrieben hatte, zuckte ich mit den Schultern und setzte ein bedauerndes Gesicht auf, um anzudeuten, dass damit die Grenzen meiner Kenntnis der Elbischen Sprache erreicht waren.

Noch einmal versuchte er sich mit mir zu verständigen, er sprach langsam und es schien mir wieder als wenn er verschiedene Sprachen benutzen würde, aber ich erkannte kein einziges Wort. Schließlich wendete er sich wieder dem Bildschirm zu.

„Wo?“

Und diesmal meinte ich zu verstehen. Dem Impuls widerstehend, die Augen genervt zu verdrehen, schüttelte den Kopf und öffnete stattdessen eine Landkarte unserer Gegend. Dort deutete ich auf unser kleines Städtchen, dann vergrößerte ich den Kartenausschnitt langsam, bis erst Deutschland, dann Europa und schließlich die ganze Welt darauf zu sehen waren.

Er verfolgte alles was ich tat mit der Faszination eines Kindes, welches etwas ihm vollkommen Neues sieht. Ob bewusst oder unbewusst, es war eine Schauspielerische Glanzleistung.

Als ich ihn erwartungsvoll ansah, wiederholte er seine Grußgeste und verließ die Bücherei mit gebeugtem Kopf.

„Was war denn das?“

Maries Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

„Stell Dir vor, er scheint sich tatsächlich für Aragorn zu halten.“

„Ich sag’s ja, der spinnt.“

„Wie ein Geistesgestörter kommt er mir eigentlich nicht vor. Und dumm ist er nicht.“

„Intelligenz und Geisteskrankheit schließt sich ja nicht aus.“

Ich weiß nicht, warum ich mich Maries Argumentationen verschloss. Vielleicht störte mich ihr schnelles Urteil, vielleicht wollte ich auch einfach nur der Wahrheit nicht ins Auge sehen. „Nun, vielleicht nimmt er an einem Rollenspiel teil.“

„Rollenspiel! Also wirklich! Marie, der ist einfach nur plemplem.“

„Und Du musst jeden gleich in eine Schublade stecken. Wir wissen doch nichts über ihn.“

„Glaub doch was Du willst, aber ich sage Dir, der gehört in eine Irrenanstalt. So einfach ist das.“ Mit diesen Worten stürmte sie davon, und ich blickte betreten hinter ihr her.

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Er ging tagelang, durchmaß die Wälder rund um die Stadt von einer Seite zur anderen mit seinen weit ausgreifenden Schritten, suchte nach vertrauten Bergformationen am fernen Horizont, sprach zu den wenigen wilden Tieren die er sah und fragte die vereinzelt stehenden uralten Bäume.

Aber er konnte nicht finden wonach er sich sehnte. Seine Heimat war ihm ferner als je zuvor. Nicht nur ein Graben, den Worte zu schaffen oder zu überbrücken vermögen, trennte ihn. Nein, es war mehr. Aber er konnte es nicht begreifen.

Und jeder Tag, an dem er nach Antworten suchte, brachte mehr Kälte, und Hunger.

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