Maßgeschneidert

GeschichteAllgemein / P12
25.07.2009
08.08.2009
3
19285
12
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Dieses Kapitel
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A/N: Mein dritter Dark Knight Streich; diesmal jedoch beschränkt auf drei kleine Episoden, wöchentlich aktualisiert. Ich wünsche viel Spaß und freue mich über konstruktive Gedanken.

Disclaimer: Der Joker und sämtliche Settings aus demselben Universum gehören nicht mir, ich leihe sie mir nur aus. Die Rechte liegen hierbei bei Bob Kane und den DC Comics; die Handlung orientiert sich jedoch einzig und allein an den im Film „The Dark Knight“ vorkommenden Elementen und Geschehnissen. Ich kann lediglich Anspruch auf meine Protagonistin erheben, ich verdiene aber – oh Wunder – keinen Cent mit dieser Erzählung.

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Maßgeschneidert


-1-

Maßgebend


Die müde Glut des in seiner eigenen unerträglichen Hitze dahinsiechenden Spätsommers schwelte auf dem aufgeweichten, klebrigen Asphalt der Großstadt. Obwohl die Sonne bereits so schräg am Himmel stand, dass es den Anschein erweckte, die stummen gläsernen Fassaden der Wolkenkratzer müssten sie stützen, war es noch immer heiß genug, dass man erwartete, der geronnene Teer würde wabernde Blasen werfen.

Das Zwielicht streute Kaskaden ungesunden purpurnen Lichts über das Stadtbild; weinrote Schatten ergossen sich wie Blutlachen auf Gehwege und Straßen. Auf ihnen pilgerten hunderte, tausende Bewohner Gotham Citys von ihren Arbeitsstätten nach Hause in einem Strom pulsierender Gleichgültigkeit. Ein jeder folgte seinem Weg, mied den Blick des anderen, der in nahezu militaristischem Gleichschritt dem Marschrhythmus der Menge folgte und wie von einem fremden Mechanismus geleitet die schwitzende Stadt durchquerte. Die Luft roch nach Abfällen und Abgasen, war ein stickiger Cocktail aus Unrat und giftigem Atem.

Lauren Catterson stöhnte leise, obwohl die beiden Ventilatoren, die die Eingangstür ihres kleinen gemütlichen Geschäfts zu beiden Seiten flankierten, auf Höchstleistung liefen und die erdrückende Hitze wirbelnd und bebend zu verdrängen versuchten. Sie schloss die Tür mit dem Glasfenster, das ihr einen Ausblick auf die stets mit Hektik gefüllte Straße bot, und drehte schwer seufzend das kleine Pappschild, das signalisierte, ob ihr kleiner Schneiderladen geöffnet oder geschlossen war. Lauren drehte es auf ‚geschlossen’, wenngleich sie wusste, dass es keinen Unterschied machte, was das Schild sagte. Der kleine Laden, den sie mit viel Leidenschaft, aber leider deutlich weniger Erfolg führte, genoss keine große Kundschaft. Wenn sie ehrlich zu sich selbst gewesen wäre, hätte sie auf die roten Zahlen, die ihre Bücher schon seit Anfang des Jahres schrieben, reagiert und aufgegeben. Aber Lauren war nicht nur hartnäckig, sondern gefährlich sentimental. Der Laden war das Erbe ihrer Mutter, die ihn mit viel Schweiß und Tränen auf die Beine gestellt hatte. Seit ihrem Tod vor über sechs Jahren hatte Lauren das Geschäft übernommen, bis die Konkurrenz mit wesentlich größerem Grundkapital und reicheren Ressourcen in die Stadt gezogen war und die kleinen Schneidereien nach und nach ausgeschaltet hatte. Sie konnten preiswerter und in größeren Mengen produzieren, verzeichneten demnach einen wesentlich größeren Umsatz. Lauren hingegen war allein, hatte nicht einmal genügend Einkommen verdienen können, um sich eine zuverlässige Assistentin zu leisten, die tagsüber den Verkauf oder aber die Buchhaltung übernehmen konnte. Seit Jahren stemmte sie all diese Aufgaben allein und gelangte allmählich an das Ende ihrer Kräfte.

Immer wieder sprach sie sich selbst Mut zu, sagte sich, dass es nur ein saisonales Problem war, dass die kommende Frühjahrsmode die Wende bringen würde, und wenn nicht das Frühjahr, dann der Sommer, der Herbst, der Winter...doch ihre Einkünfte hatten graduell abgenommen, während ihre Sorgen mit jeder verrinnenden Jahreszeit gleichzeitig gewachsen waren.

Sie strich sich den braunen Pony aus der Stirn und ließ ihre Hand einige Sekunden auf der schweißfeuchten Stirn liegen, während ihre rechte Hand das halbnackte Mannequin an der kühlen, leblosen Schulter berührte, so als erführe sie dadurch Trost. Zu ihrer linken baute sich der Verkaufstresen auf, der sie stumm und grau anglotzte. Stoffproben stapelten sich auf ihm und nickten erschöpft und staubbefleckt im Luftzug der Ventilatoren. Zu ihrer Rechten reihten sich Kleiderständer parallel und ordentlich auf, einige ihrer eigens geschneiderten Kleider hingen an Bügeln dicht an dicht, während sich hinter ihnen ihr kleiner Arbeitsbereich erstreckte.

Sie hatte nicht einmal das nötige Geld, um sich eine neuere Nähmaschine zuzulegen. Ein klassisches Modell prangte unhandlich und klobig auf dem Schreibtisch, eine honiggelbe Stoffstrecke ruhte unter dem Greifer und wartete darauf, vollendet zu werden. Lauren fiel an jedem verdammten Tag in dieses Loch ihrer Existenz, wurde ausnahmslos tagein tagaus mit ihren Ängsten konfrontiert, den Laden schließen und auf der Straße stehen zu müssen. Sie hatte versagt, war dem Traum ihrer Mutter nicht gerecht geworden.

Ihre Finger schlossen sich um die knöcherne Schulter der Puppe, das magere Modell aus porzellanfarbenem Kunststoff. Selbstmitleid brachte sie nicht weiter und doch badete sie Tag für Tag darin, darauf hoffend, dass die Wende bald kommen mochte, nur um immer wieder enttäuscht zu werden.

Lauren wurde aus ihren tristen Gedanken gerissen, als unweit hinter ihr das leise Klingeln der drei Türglöckchen ertönte, die an einem Faden angebracht waren, der verschoben wurde, wann immer die Vordertür ihres Ladens geöffnet wurde.

„Es ist geschlossen“, sagte sie und fuhr herum. Über Kundschaft hätte sie erfreut, wenn nicht gar euphorisch sein sollen; seit drei Tagen war sie ihre einzige Gesellschaft während der Öffnungszeiten gewesen. Aber heute war kein guter Tag. Lauren wollte nur noch in ihr schäbiges Einzimmerapartment, dessen Wände so dünn waren, dass man das geräuschvolle Atmen des Nachbarn hören und daran die Zeit messen konnte; wollte schlafen, oder wollte es zumindest versuchen, sofern es die unerträgliche Hitze zuließ. Heute war einer dieser Tage, an dem sie am liebsten alles hingeschmissen und aufgegeben hätte. Solche Tage häuften sich in letzter Zeit, doch wie sooft fehlte ihr der Mut, konsequent zu sein.

Sie hob den Kopf und betrachtete den Kunden, der ihren Laden betreten hatte. Die Tür war klingend hinter ihm ins Schloss gefallen, das einfallende, unwirkliche Licht der Dämmerung hüllte seine Gestalt in Schatten, sodass nur eine schmale Korona aus farbigen Nuancen seinem phantomartigen Wesen Form und Akzente verlieh. Lauren sah einen wirren Haarschopf, der kupferfarben im schwindenden Sonnenlicht wirkte, aber in Wahrheit vielleicht blond sein mochte; sie sah die breiten und doch schlanken Schultern, die in einem grauen Jackett steckten und eine flüssige, geschmeidige Linie bildeten, als sie hängend zu beiden Seiten seines Kopfes abfielen wie die Gliedmaßen einer erschlafften Marionette.

Sie wusste nicht, woran es lag, aber es missfiel ihr, sein Gesicht nicht erkennen zu können. So, wie er direkt vor der Tür stand und den Ausgang versperrte, barg er die Aura eines Gespensts, so unwirklich wie ein Schatten, nicht mehr als ein Schemen, den gut und gern ihre eigene Fantasie gezeichnet haben mochte. Sie war der Annahme, der fremde Besucher habe ihre Worte nicht gehört, und wenn er sie doch gehört hatte, so schien er sie nicht sinngemäß verstanden zu haben. Er erwiderte nichts, stand stumm in der Tür, sodass Lauren nur sprach, weil sie es mit der Angst zu tun bekam und der Klang ihrer Stimme ihre Nervosität minderte.

„Tut mir leid. Für heute habe ich geschlossen“, wiederholte sie mit Nachdruck und intensivierte unbewusst ihren Griff um die leblose Puppe an ihrer Seite, als sie sah, dass er den Kopf leicht drehte. Das träge Licht malte bronzefarbene Konturen auf seinem Gesicht nach. So erkannte sie im undurchdringlichen Dunkel seines Profils die leicht gewölbte Linie seiner Nase und die gleichmäßig abfallende Fläche seiner Wangen. Alles andere blieb im Dunkeln.

Zum ersten Mal beschlich sie der Eindruck, dass der Neuankömmling nach Ladenschluss vielleicht nur hier war, um Ärger zu machen. In Gotham war kaum ein Geschäft unbefleckt von illegalen Machenschaften. Nicht selten wurden schwarz unter der Ladentheke Waren vertickt, die wenig mit den üblichen Gütern zu tun hatten, die das Geschäft vertrieb. Nur eine Straße weiter hatte die Mafia ihre schmierigen Finger im Spiel, erpresste Anteile an den ohnehin schon mageren Gewinnen und bezeichnete diese großmütig als Schutzgeldzahlungen. Bislang war Lauren davon verschont geblieben. Wahrscheinlich hatte sich herumgesprochen, dass bei ihr nicht viel absprang, dass es sich nicht lohnte, auch sie bis auf den letzten Heller auszuquetschen. Bisher.

Ihre Finger schlossen sich reflexartig um den schmalen Hals des Mannequins, fest genug, um imaginäre Würgemale auf dem makellosen Weiß zu hinterlassen. Dann endlich begann ihr Gegenüber zu sprechen, Erlösung und Schrecknis gleichermaßen. „Wenn...geschlossen ist...warum war die Tür dann offen?“

Die Frage war eine simple, hätte in einer anderen Situation vermutlich höhnisch oder augenzwinkernd gewirkt; aber etwas an dem Tonfall des Fremden verstärkte ihre zittrige Nervosität. Obwohl er leise sprach und seine Stimme einer angenehmen Melodie folgte, lag etwas Bedrohliches hinter der Fassade freundlichen Singsangs.

Lauren blinzelte heftig. Die mangelnde Kundschaft der letzten Tage und Wochen hatte sie neurotisch werden lassen, weswegen sie ein Detail wie simple Sprechweise übersensibilisiert deutete. Das redete sie sich zumindest ein. „Ich war gerade im Begriff zu schließen, also wenn Sie so freundlich wären und...“ Sie machte einen Schritt auf ihn zu, entschlossen, für ihn keine Ausnahme zu machen und ihn aus dem Laden zu befördern. Ein nicht unbeachtlicher Teil ihres Handelns wurde von der dumpfen Empfindung gelenkt, dass etwas mit diesem Mann nicht in Ordnung war. Dass er gefährlich sein konnte. Es war pure Intuition gepaart mit der Paranoia, die die Schatten eines dämmernden Abends voraus schickten, nicht mehr als ein unbegründbares Gefühl.

Sie verstummte abrupt und blieb stehen, als er sich weich und geschmeidig, fast katzengleich bewegte und sich ihr in den Weg schob, somit verhinderte, dass sie sich an ihm vorbei schieben und den Türknauf erreichen konnte. Der veränderte Winkel des Lichteinfalls offenbarte ihr weitere Passagen seines Gesichts, Passagen, die ihres Erachtens im Dunkel besser aufgehoben gewesen wären. Es mochte nur eine optische Täuschung sein, vielleicht eine Hautunregelmäßigkeit, die das Zwielicht grotesk verstärkte, aber Lauren glaubte, dass dort, wo sein Mund hätte sein sollen, nur eine sichelförmige Kraterlandschaft existierte und aus den Schatten entwuchs. Wie eine Geschwulst stach es aus der glatten Ebene seiner Wangen hervor, ähnlich den Geschwüren eines Aussätzigen.

Lauren wich instinktiv zurück, so als hätte sie sich verbrannt oder gestochen. Noch im selben Moment schalt sie sich unhöflich, schickte es sich schließlich nicht, sich jemandem gegenüber aufgrund von Äußerlichkeiten abweisend zu verhalten. Vielleicht war es ein Ausschlag, der von seinem Mund besitz ergriffen hatte, oder Aknenarben. So wie das Licht sie umrandete, wirkte es allerdings so, als gruben sie sich tief in sein Fleisch.

Die Schneiderin realisierte, dass sie ihn anstarrte, senkte rasch den Blick und räusperte sich leise: „Kommen Sie morgen während der Öffnungszeiten wieder, dann kann ich Ihnen weiterhelfen.“

Ihre Stimme hörte sich zittrig und unstet an, verriet zu viel von ihrer irrationalen Furcht. Was für einen Grund hätte der Fremde, sie zu überfallen? Sie hatte nichts, das von wert für ihn hätte sein können. Sie zwang sich zur Ruhe. Er hatte nichts anderes getan, als ihren Laden nach Ende der Öffnungszeiten zu betreten und das ging auf ihre eigene Kappe, weil sie nachlässig genug gewesen war, die Tür nicht gleich zu versperren. Kein Grund also, in Panik auszubrechen. Auch wenn Gotham City nicht gerade das friedlichste Fleckchen auf Erden war, so war es doch schlichtweg übertrieben, in jedem Fremden eine Gefahr zu vermuten.

Wieder unternahm sie den Versuch, sich an ihm vorbei zu stehlen, jedoch mit ähnlichem Misserfolg wie zuvor. Diesmal trat er so energisch in ihren Weg, dass sie beinahe gegen seine Schulter gestoßen wäre. Für den kurzen Augenblick, in dem sie ihm nahe gewesen war, stach ihr ein unerklärlich giftiger Geruch in die Nase. Er roch nicht nach Chemie, viel eher war es die eigentümliche Mixtur verschiedenster Gerüche, die sein sonderbares Parfum komponierte. Ein Hauch von schwerem, süßlichem Moschus war in die herbe Note von etwas anderem eingebunden, dass Lauren in diesem kurzen Moment nicht zuzuordnen wusste. Es mochte albern anmuten, einen Duft als gefährlich zu betiteln, doch genau dieses Attribut schoss ihr durch den Kopf und animierte ihr Herz dazu, kräftig gegen den Brustkorb zu schlagen.

„Ich werde nicht viel von deiner Zeit stehlen“, versprach er ihr mit diesem melodischen, seltsam schleichenden und schmeichelnden Unterton. Seine Stimme war tief, aber es kam ihr so vor, als intonierte er jedes Wort bewusst weicher und höher, wie ein Schauspieler, der das gesamte Repertoire seiner Eloquenz zum Besten gab.

Lauren sah zu ihm auf, reichte ihm nur knapp über die Schulter und ahnte, dass ihre Chancen schlecht standen, wenn sie versuchte, ihn zu überwältigen. Selbst wenn er nicht der Kräftigste zu sein schien, strahlte er doch die Präsenz eines Raubtiers aus, das schnell genug reagieren konnte, wenn es nötig war. Im Stillen verfluchte sie sich dafür, ihr Pfefferspray in ihrer Handtasche aufbewahrt zu haben, die natürlich im hinteren Teil des Ladens lag. Es war nur ihr Freibrief, unbeschadet den Weg zwischen ihrer Wohnung und dem Geschäft hinter sich zu bringen. Die Erfahrung, einmal überfallen worden zu sein, hatte sie zu diesem Schritt genötigt, auch wenn sie kein Freund von handgreiflichen Auseinandersetzungen war. Nun aber nützte ihr die kleine handliche Sprühflasche herzlich wenig.

„Bitte...ich...morgen...“, murmelte sie zusammenhangslos, verstummte aber abrupt, als er mit einer Hand sein Jackett öffnete und mit der anderen einen Gegenstand aus der Innentasche fischte. Was sie in einem ersten Anflug von Panik für eine Waffe gehalten hatte, entpuppte sich im schweren Scharlachrot des Dämmerlichts als einfacher Umschlag. Lauren realisierte erst jetzt, dass sie angespannt den Atem angehalten hatte. Ihr Blick haftete auf dem Umschlag in seiner Hand; der Umstand, dass er schwarze Lederhandschuhe trug, beruhigte sie nicht unbedingt. Warum lief er im Spätsommer, noch dazu in einem drückend schwülen wie in diesem Jahr mit Handschuhen durch die Gegend? Entweder, weil er Grund hatte, seine Hände zu verbergen, oder aber weil er keine Spuren hinterlassen wollte.

Sie zuckte angstvoll zusammen, als er ihr den Umschlag hinhielt, richtete ihren Blick wieder auf sein in Schatten getauchtes Gesicht. Die Konturen seiner Augen konnte sie vage ausmachen, doch nicht klar und deutlich genug, um aus seinem Blick zu lesen.

„Ich möchte etwas in Auftrag geben“, sagte er ruhig und hielt ihr geduldig den Umschlag hin, den sie zu ergreifen zögerte.

„Und...und das wäre?“ Ihr Hals war trocken und rau, so als kündigte sich eine Erkältung an. Den Versuch, ihn durch bloße Worte aus dem Laden zu treiben, hatte sie aufgegeben. Er machte nicht den Eindruck, als würde er locker lassen, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, und wenn er von ihr verlangte, dass sie ihm eine ordentlichere Aufmachung zusammenschneiderte, dann würde sie es tun, wenn es das war, was ihn dazu bewegen würde, sie in Ruhe zu lassen. Seine Anwesenheit machte sie nervös, aber nicht auf eine angenehme Weise.

Der Fremde schlug den Umschlag gegen seine Brust und begann unvermittelt durch den Innenraum des Ladens zu flanieren, gab den Weg nach draußen frei, aber Lauren wusste, dass sie nicht einfach verschwinden und den Laden sich selbst überlassen konnte. So drehte sie sich zu ihm um und beobachtete mit zunehmendem Argwohn, wie er schwingenden Schrittes an den Regalen vorbei zog und einzelne Stoffstrecken betastete, hier und da in sich hineinmurmelte, wie um seine Zustimmung oder aber Abneigung bestimmten Stoffen gegenüber zum Ausdruck zu bringen.

„Ich...äh...brauche einen neuen Anzug“, sagte er und drehte sich zu ihr um. Jetzt, da das Licht nicht mehr in seinen Rücken fiel und sein Gesicht schwärzte, konnte sie mehr als nur vage Züge erkennen. Das, was sie für einen Ausschlag gehalten hatte, mussten Narben sein, so tiefschürfend und wulstig, dass sie unmöglich einem schweren Aknebefall in seinen Jugendtagen zugeschrieben werden konnten. Vielmehr sah es aus, als hätte ihm jemand die Mundwinkel aufgeschlitzt. Kraus und ungekämmt fielen ihm Strähnen des hellen Haares in die Stirn, hätten sein linkes Auge verhüllt, hätte er nicht den Kopf schief gelegt. Die Narben an seinem Mund formten ein groteskes, keilförmiges Lächeln, das sich nicht auf seine Lippen übertrug. Es war ein grässlicher Anblick, der sich ihr bot; umso dankbarer war sie, dass die sich mehrenden Schatten des Zwielichts einen Teil seines Gesichts verhüllten.

Mit einer Hand griff er nach einem der herabhängenden Kleider und ließ dessen seidigen Saum verspielt zwischen seinen Fingern hindurchgleiten. Lauren schauderte es bei diesem Anblick.

„Einen Anzug?“, wiederholte sie, worauf er den Kopf noch weiter zur Seite neigte und erwiderte: „Einen Anzug. Du weißt doch, was das ist, ein Anzug, meine ich?“

Er bleckte die Zähne im Versuch eines Lächelns, das jedoch einer Drohgebärde anverwandter war. Normalerweise mochte sie es nicht, wenn sie so offenkundig verspottet wurde, aber sie war zu eingeschüchtert, um wirklich aufmüpfig zu reagieren.

„N-natürlich“, erwiderte sie und zwang sich zur Ruhe. Es kostete sie viel Überwindung, den Laden zu durchqueren und an ihn heranzutreten, wie sie es üblicherweise tat, um ihr Klientel zu beraten. Obgleich sie keine Waffe an ihm ausmachen konnte, traute sie ihm nicht über den Weg. Er wandte den Kopf in eine andere Richtung und inspizierte eine weitere Rolle samtenen Stoffs, aus den Augenwinkeln jedoch beobachtete er Lauren so genau, dass es ihr nicht entgehen konnte.

„Das ist kein besonders gutes Material“, mokierte er sich und rieb mit dem Daumen über die Oberfläche der Rolle, so als könnte er die Konsistenz des Stoffes durch seine Handschuhe hindurch ertasten.

„Für Spezialanfertigungen gebe ich separate Bestellungen auf. Teure Stoffe verkaufen sich nicht besonders gut...ich würde pleite gehen, wenn ich nur exquisite Materialien anbieten würde.“

Der Fremde drehte den Kopf und spähte über seine Schulter zu ihr hinab, sein Gesicht wirkte fahl und gegerbt, obwohl er nur wenig älter als sie selbst zu sein schien. Keine Falte zierte sein Gesicht, lediglich seine ungepflegte Aufmachung und die entsetzlichen Narben, die ihre Blicke wie Magnete anzogen, ließen ihn älter wirken als er sein mochte.

„Ein Geschäft kann nur gut laufen, wenn man auch bereit ist...Opfer zu bringen“, sagte er ruhig, doch etwas an diesem besonnenen, tiefen Klang dieser Worte ließ Lauren einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen. Eine Stimme in ihrem Kopf zog leise flüsternd in Erwägung, dass er mit Opfern keine überteuerten Stoffe meinte.

Noch immer sah er sie an, abwartend, wie in einer Art Lauerstellung. Sein Kopf wippte sacht auf und ab, so als nickte er im Stillen sich selbst zu. Seine schroffen Züge zuckten leicht, so als wäre er unentschlossen, ob er ihr ein weiteres weniger schmeichelhaftes Lächeln schenken oder eine Grimasse ziehen sollte. Einzig seine Augen, so dunkel und undurchdringlich, dass Lauren ihnen keine Farbe zuzuordnen wusste, ruhten konstant auf ihr, schienen sie nicht nur zu taxieren, sondern zu durchdringen.

„Also“, stieß er plötzlich schnarrend hervor und wedelte mit dem Umschlag gedankenlos vor seiner Brust herum. Was sich darin verbergen mochte, konnte Lauren nur erahnen. Unter dem bräunlichen Papier zeichneten sich mehrere kleine Päckchen in der Größe von Zigarettenschachteln ab.

„Ich möchteeee...“, er legte den Kopf leicht in den Nacken und verdrehte die Augen, so als hätte er den Faden dessen verloren, was er hatte sagen wollen. Die Art, wie er dieses Wort in die Länge zog und dehnte, brachte Laurens Haut dazu, sich trotz der vorherrschenden Hitze zu einer Gänsehaut zusammenzuziehen. „...ich möchte, ich möchte, ich möchte...“, säuselte er vor sich hin, als wäre es ein Mantra, eine Art sinnloser Sprechgesang, in dem er sich verlor, „...ich möchte“, sagte er noch einmal und schenkte Lauren wieder dieses wölfische Lächeln, das ihr seine vergilbten Zähne zeigte, die wiederum keinem täuschenden Effekt des warmen Lichts verschuldet waren, „...dass du mich neu einkleidest. Von Kopf...bis Fuß.“ Mit diesen Worten ließ er seinen dunklen Blick über Lauren wandern. In seinen Augen schlummerte keine Anzüglichkeit, keine Zweideutigkeit. Die Schneiderin war sich nicht sicher, ob sie das nicht vielleicht besser und erträglicher gefunden hätte.

„Woran haben Sie gedacht? An Alltagskleidung, oder benötigen Sie etwas für festliche Anlässe?“, bemühte sich Lauren angestrengt, professionell zu bleiben. Ihre kindischen, unerklärlichen Ängste beunruhigten sie so sehr, dass sie sich selbst nicht wieder erkannte.

„Festliche Anlässe“, wiederholte der Fremde und stieß eine kehlige Lachsalve aus, in der wenig Humor mitschwang. Oder nur Humor, der Lauren so fremd und unheimlich war wie dieser Mann selbst. „...festliche Anlässe klingt gut, wirklich gut“, murmelte er und wieder zog er die zerklüfteten Lefzen zu diesem horrenden Grinsen zurück, sodass es Lauren allen Mut kostete, nicht den Blick abzuwenden, „aber ich brauche die Kleidung dann doch eher...für die Arbeit.“

Die junge Frau schluckte. Obwohl es nur sein Schatten war, der sie berührte, genügte dieser geringe Abstand zu ihm schon, um ihr gehöriges Unbehagen zu bereiten. „In welcher Branche sind Sie tätig, wenn ich fragen darf?“ Eigentlich wollte sie das lieber nicht wissen und bezweifelte zudem, eine aufrichtige Antwort zu erhalten.

Ihr Gegenüber schürzte die schrecklich entstellten Lippen und erwiderte mit einem belustigten Funkeln in dem undurchdringlichen Onyx seiner Augen: „Darfst du, Schätzchen, darfst du...ich bin...ich bin...“, seine Zunge tanzte fahrig über die zerschlissene Wulst, die seine Unterlippe war; das Geräusch, das sie dabei erzeugte – ein feuchtes, unerwartet lautes Schmatzen – forderte ihre Nackenhärchen dazu auf, dicht an dicht gereiht Spalier zu stehen. „Ich bin...in der Unterhaltungsbranche tätig.“

Auf dem Mund, der unnatürlich von grässlichen Narben zu einem Halbmond erweitert wurde, ruhte ein maliziöses Grinsen, ein Lächeln, das zu bösartig war, um sich diese Bezeichnung redlich zu verdienen.

Was er mit Unterhaltungsbranche wohl meinte? Im Fernsehen beschäftigte man jemanden wie ihn mit Sicherheit nicht vor der Kamera.

„Daher darf es ruhig ein wenig...knalliger sein.“ Er peitschte dieses Wort regelrecht über seine Lippen, wie um dessen Sinn lautsprachig zu untermalen. „Lass mal sehen...“, murmelte er und flanierte um sie herum wie eine Hyäne, die nur darauf wartete, dass die angeschlagene Beute zu schwach wurde, um sich gegen den Aasfresser zur Wehr zu setzen, „...wie wäre es mit ein wenig...Farbenfreude?“ Er griff blitzschnell mit der freien Hand in das Regal und zog eine violette Rolle ordinären Samts daraus hervor, hielt und drehte es vor seinen Augen und befand es mit einem knappen, aber deutlichen Nicken für gut genug. „Meinst du, daraus ließe sich etwas machen, Püppchen?“

Es missfiel ihr, dass er dazu übergegangen war, ihr diese erniedrigenden Spitznamen zu geben, und doch wies sie ihn nicht darauf hin. Stattdessen nahm sie ihm die Rolle ab und schätzte die Meter, die ihr noch verblieben waren. Der Fremde schien zu erkennen, was sie da tat und nahm ihr die Rolle ebenso geschwind aus der Hand. „Nein, nein, nein, nein, nicht dieser...äh...kratzige Stoff...der ist viel zu schwer...ich muss mich leicht und schnell bewegen können, weißt du? Ich bin...Künstler.“ Er deutete mit der freien Hand eine elegante und schnelle Bewegung seines Armes an, die einem Pinselstrich oder dem Schwingen eines Dirigierstabes gleichkommen mochte und doch nichts von beidem zu verkörpern schien.

„Wie gesagt, so viele verschiedene Stoffe habe ich nicht auf Lager. Aber ich kann eine Bestellung aufgeben.“

Er quittierte ihre Entgegnung mit einem abwesenden Nicken, während er die halbnackte Mannequin befingerte, an der sich Lauren kurz zuvor festgehalten hatte. „Jackett und Anzughose“, zählte er auf, ehe er sich mit der unerwarteten Eleganz eines Tänzers drehte, sodass das eher schäbig wirkende graue Jackett, das er im Moment trug, um seinen schmalen Körper schwang. „In diesem Farbton...und dann...brauche ich noch...ein Hemd, eine Weste...und Handschuhe...wie es sich für anständige Gentlemen gehört.“ Natürlich die Handschuhe. Die hätte sie unter keinen Umständen vergessen.

Seine Augenbrauen tanzten schalkhaft, ein Hinweis darauf, dass er seine Worte nicht sonderlich ernst nahm.

„In...in welcher Farbe?“, hörte sie sich fragen, ihre Stimme erklang von ganz weit weg, so als käme sie nicht wirklich aus ihrer Kehle. „Da lass ich mich gern von dir überraschen, Schätzchen...nur...Gelb steht mir nicht wirklich. Macht mich blass.“ Er nestelte mit der freien Hand an seinem Kragen herum, um ihn zu richten, was dem zerknitterten Stoff, der wie die Flügel eines Papierkranichs eingeknickt war, zu keiner besseren Präsentation verhalf. „Aber es darf gern extravagant sein...“ Er bedachte sie mit einem eindringlichen Blick, der hypnotisch auf sie wirkte und ihr schwindlig werden ließ.

„In Ordnung...“, sagte sie schwach, hatte endgültig eingelenkt. Nichts war mehr von ihrer vorangegangenen Vehemenz, dass er den Laden verlassen sollte, übrig. Wahrscheinlich hätte er sie dazu bringen können, seine Garderobe noch in dieser Nacht fertig zu schneidern, hätte sie die dafür nötigen teuren Stoffe auf Lager gehabt. Es war verrückt und unheimlich, aber sie sah keinen Weg darin, sich ihm zu entziehen, wenngleich er ihr gegenüber keine einzige Drohung geäußert hatte, die das Gefühl gerechtfertigt hätte, dass er gefährlich war.

Er bewegte sich wieder auf sie zu, ein leichtes Hinken schlich sich in seine Bewegungen ein, das auf eine Verletzung oder aber simple Nachlässigkeit bezüglich jedweder Eleganz schließen ließ. Wieder war es der Umschlag, den er ihr hinhielt und diesmal ergriff sie ihn aus heimlicher Furcht davor, ihn zu erzürnen, wenn sie es wieder nicht täte. Er war ungewöhnlich schwer und obwohl die Neugierde groß war, warf sie keinen Blick hinein.

„Das ist...äh...eine kleine Anzahlung.“ Seine Stimme war um einige Nuancen dunkler geworden, so als wäre es ein illegales Geschäft, einen maßgeschneiderten Anzug in Auftrag zu geben. In Lauren breitete sich das nervöse Gefühl aus, das so flatterig war wie der Flügelschlag hektisch ums Licht tanzender Motten und ihr zuflüsterte, dass es möglicherweise wirklich etwas Verbotenes war, seine Bitte zu erfüllen.

„Für die Stoffe. Mit diesem Zeug“, er ließ seinen Blick mit verächtlich verzogenen Mundwinkeln, die trotz allem immer noch für ihn weiterlächelten, über die Auslage schweifen und rümpfte abschließend die Nase, „kommst du mir besser nicht an.“

Diese Worte sprach er leise und nachdrücklich, der tiefe Bass seiner Stimme schwang so intensiv in der stickigen Luft, dass er nachhaltig oszillierend über ihre Wirbelsäule kroch und diese mit nahezu krampfender Gänsehaut versah. Das zähnefletschende Lächeln, das er folgen ließ, bestätigte Lauren in der Annahme, es mit einem Verrückten zu tun bekommen zu haben.

„Natürlich nicht.“ Lauter als ein Flüstern waren ihre Worte nicht, selbst wenn sie es gewollt hätte, hätte sie nicht lauter sprechen können. Wie gelähmt von seiner fast schon infernalischen Präsenz, sah sie sich außerstande, auch nur einen Finger zu rühren oder sich dessen zu vergewissern, dass es wirklich eine Baranzahlung war, die in dem Umschlag in ihren Händen verborgen lag. Er legte den Kopf schief und betrachtete sie mit einem gewissen Amüsement, das Lauren völlig abhanden gekommen war. Sie fand diese sonderbare Situation alles andere als unterhaltsam.

Der Fremde mit dem entsetzlichen Narbengeflecht hob den linken Arm und schüttelte den Ärmel seines Jacketts beiseite, nur um einen Blick auf sein nacktes Handgelenk zu werfen. „Ah, es ist schon spät und ich habe noch zu tun, zu tun habe ich, oh ja.“

Lauren wusste nicht, was sie skurriler finden sollte – den Umstand, dass er vorgab, die Uhrzeit auch ohne Zuhilfenahme eines Zeitmessers ablesen zu können oder dass er plötzlich vor sich hinplapperte wie ein Papagei.

Er straffte seine seltsam vornüber gebeugte Gestalt und drehte seinen Kopf  hin und her, was seine Wirbel mit einem hörbaren Knacken kommentierten, das Lauren abermals erschaudern ließ. Dann begann er vor sich hinzusummen und schob sich an ihr vorbei, spazierte geradewegs auf den Ausgang zu.

„Warten Sie! Ich habe doch Ihre Maße gar nicht!“ Am liebsten hätte sie sich selbst für diese Worte geohrfeigt. Anstatt darüber froh zu sein, dass sich dieser unheimliche Zeitgenosse aus ihrem Laden trollte, lud sie ihn dazu ein, noch länger hier zu bleiben.

Er drehte sich halb zu ihr um, warf erneut einen sinnlosen Blick auf sein bloßes Handgelenk und seufzte laut: „So leid es mir tut und ich gern noch auf einen Plausch bliebe, so habe ich doch Verpflichtungen, denen ich nachkommen muss. Ohne Stoffe wirst du ohnehin nicht mit der Arbeit beginnen können, also schlaaage ich vooor...“ Wieder glitt seine Zunge wie die einer Schlange über seine Lefzen. Der bloße Anblick erzeugte in ihr Übelkeit. „...dass ich in den nächsten Tagen wiederkomme, damit wir uns auch darum kümmern können.“

Lauren gefiel die Art nicht, mit der er sie musterte. Das Gefühl, die verwundete Beute eines lauernden Aasfressers zu sein, stahl sich in ihr Bewusstsein zurück. Dennoch ertappte sie sich dabei, wie sie benommen nickte, während er sich zufrieden umdrehte, die Tür öffnete und sich gegen den vorübergehenden Passantenstrom richtete.

Die Glöckchen am Türrahmen, die Lauren wegen ihres freundlichen und hellen Spiels nie als lästig empfunden hatte, schrillten nun in schmerzender Dissonanz über ihrem Kopf, als sie sich an die Tür begab, um sie zuzustoßen und mit einer hastigen Handbewegung abzuschließen. Das pflaumenfarbene Licht einer prächtig gedeihenden Dämmerung verschluckte den unheimlichen Besucher, doch das Wissen um sein Verschwinden erfüllte Lauren nicht gerade mit Erleichterung. Er würde wiederkommen, dessen war sie sich sicher. Für den Streich eines Witzbolds war seine ganze Art und sein Anliegen zu beängstigend und echt gewesen.

Als sie sich vergewisserte, dass er wirklich weitergezogen war, betrachtete Lauren den Umschlag in ihrer Hand. Mit einer fahrigen Bewegung strich sie sich eine schulterlange Strähne aus dem Gesicht und begab sich auf zittrigen Beinen in den hinteren Teil ihres Ladens. Die Ventilatoren summten in routinierter Monotonie; ihre Stimmen waren zu einer Lautstärke angeschwollen, die Lauren unerträglich vorkam. Im Vorübergehen zog sie die Stecker und ließ die wenig nützlichen Störenfriede verstummen.

Mit einem Klicken sprang die kleine Schreibtischleuchte an, als sich Lauren auf den schlecht gefederten Bürostuhl niederließ, der längst seine letzte Ruhe auf dem Sperrmüll hätte finden müssen, hätte Lauren die nötigen Mittel besessen, sich einen richtig bequemen Arbeitsstuhl zu leisten.

Ihre Finger zitterten, als sie den klebrigen Falz des Umschlags Zentimeter für Zentimeter aufzupfte. Das Papier erzeugte ein knisterndes Geräusch, ein verhaltenes Seufzen, das sich nicht erst die Mühe machte, den langen Weg über ihre Ohren zurückzulegen, sondern sich direkt in ihren Verstand einnistete. Ihr Atem war nicht mehr als ein stockendes Keuchen, das Herz schlug ihr so schnell, dass ihr gesamter Hals mit jedem Pulsschlag pochte.

Als sie den Umschlag geöffnet hatte, kippte sie ihn und schüttete dessen Inhalt auf ihren Schreibtisch. Sie hätte genauso gut mit den Fingern nach dem Inhalt fischen können, aber ihre lebhafte und irrationale Fantasie verbot es ihr, um unangenehmen Überraschungen aus dem Weg zu gehen. Auf dem Tisch landeten mit seidenweichem, zaghaftem Klopfen mehrere gut verschnürte Bündel von Geldscheinen. Lauren ergriff nach einigem ungläubigen Zögern eines von ihnen und beleuchtete den obenauf liegenden Schein im warmen Licht der kleinen Lampe. Es war eine Hundertdollarnote.

Eilig löste sie die papiernen Bänder, die die Bündel zusammenhielten und begann jeden Schein zu prüfen. Obwohl sie keine Expertin auf diesem Gebiet war, schienen ihr die Geldscheine keine Fälschungen zu sein. Wieder und wieder drehte sie die glatten und makellosen Noten in ihren Händen, begleitet von fassungslosem Kopfschütteln. Alles in allem hatten in dem Umschlag zweitausend Dollar gesteckt. Das, was er großmütig als ‚Anzahlung’ bezeichnet hatte, genügte, um Stoffe für eine zweite oder dritte Ausführung seiner Bestellung zu ordern. Nie hatte sie so viel Geld in bar vor sich liegen gehabt, doch egal, wie oft sie die Noten in ihren Händen drehte und wendete, sie verschwanden nicht wie von Geisterhand, sondern blieben real.

Das Geld war der letzte Beweis, den Lauren benötigt hatte, um die Theorie von einem schlechten Scherz zu verwerfen. Es war kein Witz, kein Streich, kein Spaß. Wenngleich der fremde Kunde ein immerwährendes Lächeln auf den Zügen getragen hatte, war Lauren nicht mehr nach Lachen zumute, wenn sie daran dachte, dass er wiederkommen würde. Und das würde er, daran zweifelte sie nicht.

-tbc-
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