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Magenta II - Zwischen Azeroth und Kalimdor

von Maginisha
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
18.07.2009
29.09.2010
17
215.392
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18.07.2009 8.619
 
Mit Macht brandeten die graugrünen Wogen des westlichen Ozeans an den Strand. Der heulende Wind trieb Wolkenfetzen über den stählernen Himmel und bog das lange Gras der Ebenen in einem nie enden wollenden Rhythmus, der die Wellenbewegungen des Meeres bis tief ins Landesinnere trug. In diesem Meer aus Gras bewegte sich langsam eine Herde agiler, dunkelbrauner Körper, deren eisenlose Hufe sichelförmige Spuren im Sand hinterließen. Scheinbar ziellos wanderten die freien Pferde umher, so wie sie es immer schon getan hatten; eins mit dem Wind und der ungestümen Landschaft.
Grazil beugte die Stute am Rande der Herde ihren langen Hals, rupfte ein  paar der süßen Halme vom Boden und hob sofort wieder den Kopf, um nach Feinden Ausschau zu halten. Normalerweise hätte nicht einmal das Fohlen an ihrer Seite sie dazu verleiten können, diesen Leckerbissen so wenig Beachtung zu schenken, doch heute zerfiel selbst das beste Futter in ihrem Maul zu Staub. Etwas Bedrohliches lag in der Luft, das nichts mit den kreisenden Raubvögeln oder dem Tross Blitzechsen zu tun hatte, der am Horizont vorüber zog. Unruhig spielten die Ohren der Stute im Wind, der ihre Mähne zauste und dann plötzlich verebbte. Gleichzeitig, als wären sie nur ein einziges Pferd, hob die Herde den Kopf. Alle spürten, dass etwas um sie herum geschah…und begannen zu laufen.
Über ihnen türmten sich wie aus dem Nichts Wolkenmassen auf. Der Himmel wurde nachtschwarz und trockener Donner rollte über die panisch flüchtenden Pferde hinweg. Purpurfarbene Blitze zuckten aus dem Schwarz zur Erde und setzten das Gras in Brand. In blinder Furcht rannte die Herde um ihr Leben, schnaubend, keuchend, die Augen weit aufgerissen, Schaum vor dem Maul, die Beine blutig geschnitten. Bis an die Grenzen ihrer Kraft getrieben galoppierten sie über den glühendheißen Boden, auf dem ihre Hufe einen fast ebenso gewaltigen Donnern entfachten wie der, der den Himmel über ihnen erbeben ließ. Die Kleinen und Schwachen begannen zurückzufallen. Das Fohlen verlor seine Mutter im Gewühl der stampfenden Pferdeleiber und wieherte voller Angst, doch für sie gab es nur noch den Weg nach vorn. Nur weg von dem Donner, dem Feuer und dem unbeschreiblichen Grauen, das dahinter lag. Dann aber riss die Realität auf und vor dem, was folgte, gab es keine Flucht mehr.
Wie die Faust eines zornigen Gottes fuhr eine gewaltige Kraft vom Himmel herab und wirbelte Tiere und Gestein durch die Luft, als wären es welke Blätter. Der magische Wind heizte die entstandenen Feuer an und meterhohe Flammensäulen bildeten ein Inferno, das Seinesgleichen suchte. Das Land brannte und nichts, was in ihm war, überlebte. Die Stute schrie, als ihr Leib auf die Erde geschleudert wurde. Sie schrie, als die Flammen über sie hinweg rollten. Sie schrie, als das Feuer von ihr Besitz ergriff. Sie schrie, doch sie starb nicht.
Herausgerissen aus dem misshandelten Körper wurde ihre Seele hinauf gezwungen in das Dunkel, das nun den ganzen Himmel über den brennenden Ebenen beherrschte. Hinüber gezogen in die chaotische Dimension des wirbelnden Nethers, verdrehte und veränderte sie sich. Das einst stolze Geschöpf wurde geknebelt, gebunden und verdorben von den Mächten, die seinen Körper zerschmettert und verbrannt hatten. Zauber um Bann um Fluch legte sich über das Wesen der Stute, die nun weitaus mehr und weitaus weniger als ein einfaches Pferd war. Sie war ein neues Wesen geboren aus Leiden, Schmerzen und Dunkelheit und sie war noch eines: unendlich wütend.




Mit klopfendem Herzen erwachte Magenta aus ihrem Alptraum. Benommen sah sie sich im um sie herum herrschenden Halbdunkel um. Die Luft war heiß und stickig und voller Rauch von den glimmenden Kohlebecken, die den Raum vor ihr nur mäßig erhellten. Wer immer aus dem gleißenden Sonnenlicht vor der Eingangsöffnung herein trat, würde einige Zeit lang rein gar nichts erkennen, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Ein simpler Schachzug, um unerwünschte Besucher rechtzeitig abfangen zu können, bevor sie mehr sahen oder hörten, als dem Besitzer des Turms lieb war.
Auf Magentas Schoß lag noch das Buch, in dem sie gelesen hatte, als sie eingeschlafen war. In dem Werk über die Nutzung dämonischer Mächte, las sich das, was sie gerade geträumt hatte, allerdings gänzlich anders. Neben einem Bild von einem Pferd mit brennenden Augen und flammenumspülten Hufen stand:
„Mit maechtigen Zaubern gelang es den hoechst ehrwuerdigen Mitgliedern des Schattenrates die als uneynfangbar geltenden Rosse zu zaehmigen, auf dass sie von da an bereyt waren zu dienen und ihre wahren Meyster anzuerkennigen. Eyn Teufelsross wird niemals muede, erlahmigt nicht und benoetigt niemals neue Eysen fuer seyne Hufe.“
Schaudernd dachte Magenta an die Vision, die sie von der „Zähmung“ gehabt hatte, und doch konnte sie sich nicht der Vorstellung entziehen, einmal eines dieser Rosse zu reiten. Allerdings würde sie dafür sorgen, dass es einen bequemen Sattel trug, denn im Moment konnte sie sich auf wenig mehr als ihre Rückseite konzentrieren, die vom stundenlangen Sitzen auf einer hölzernen Bank schon ganz und gar wund gescheuert war. So leise wie möglich versuchte sie, sich in eine bequemere Position zu bringen…und erntete prompt einen bösen Blick von einem der Akolyten, die in der Halle vor ihr ein mächtiges Ritual vorbereiteten. Beschwörungskreise leuchteten matt im Licht der Ritualfeuer und Rune um Rune wurde ihnen von den eifrigen Schülern hinzugefügt. In Stormwind wäre ein solches Unterfangen unmöglich gewesen - schon allein deswegen, weil der entsprechende Akolyt ein weiblicher Ork war - doch hier in Ratchet störte sich niemand daran, dem man nur genug Gold für seine Toleranz bot. Innerlich seufzend harrte Magenta der Dinge, die da kommen sollten.

Hinter ihr lag eine ereignisreiche Zeit, die sie, wenn auch nicht inmitten, so doch am Rande der kleinen Gruppe von Abenteurern verbracht hatte, die sie auf ihrem bisherigen Weg durch Azeroth kennen und teilweise auch lieben gelernt hatte. Gemeinsam hatten die sechs Abenteurer die Defias-Bande bekämpft und dabei geholfen, einen Aufstand niederzuschlagen, die diese hinterhältigen Schurken mit den blutroten Masken im Kerker von Stormwind angezettelt hatten. Glücklicherweise kam niemand auf die Idee, die Helden irgendwie mit dem Tod von Lord Wischock in Verbindung zu bringen, auch wenn Schakal, der Zwergenschurke, sich beim Empfang ihrer Belohnung fast verplappert hätte.
Kaum waren sie nach dieser geschlagenen Schlacht zurückgekehrt, hatte sie der Hilferuf von Hochtüftler Mekkatorque, dem König der vertriebenen Gnome, erreicht. Dieser kleine Kerl mit der piepsigen Stimme hatte sie gebeten, in der ehemaligen Hauptstadt des gnomischen Reiches einige wertvolle Artefakte zu bergen. Dieser Ausflug nach Gnomeregan schließlich war es gewesen, der bei Magenta das Fass zum Überlaufen brachte.
Die ganze Zeit schon hatte sie sich wie das sechste Rad am Wagen gefühlt und doch immer wieder von Abumoaham, dem Magier und Mann an ihrer Seite, zu hören bekommen, dass sie sich das nur einbilde. Aber während alle anderen eine scheinbar sinnvolle Aufgabe erfüllten, mühte Magenta sich damit ab, ihre Dämonen unter Kontrolle zu bekommen und sich nicht in irgendwelchen Gängen zu verirren. Beides stellter sich als äußerst schwierig heraus, vor allem weil ihre Sukkubus Fierneth offensichtlich Gefallen an Bladewarrior gefunden hatte und versuchte, den jungen, gut aussehenden Krieger um ihren Dämonenfinger zu wickeln, sobald Magenta sie auch nur eine Sekunde aus den Augen ließ. Und während die Hexemeisterin noch damit beschäftigt war, einen kniehohen Wachroboter zu verfolgen, der quäkend vor ihr davon hüpfte, hatte Abumoaham zusammen mit Emanuelle, der Gnomin und  zweiten Magierin der Truppe, bereits eine halbe Armee riesiger, waffenstrotzender Gegner in Schutt und Asche gelegt.

Niemand - nicht einmal Risingsun, die wunderhübsche, blonde Paladina - hatte Magenta einen Vorwurf gemacht, doch die teils belustigten, teils mitleidigen Blicke, die sie über die schwelenden Überreste hinweg getroffen hatten, hatten ihre Unzufriedenheit bis ins Unermessliche gesteigert.
Wieder zurück in Stormwind hatte Magenta sich dann mit klopfendem Herzen und entschlossenem Gesicht vor ihren Lehrmeister gestellt und Antworten verlangt. Antworten auf die Frage, wie sie einen Magier besiegen konnte. Gakin Dunkelbinder hatte seine Schülerin nachdenklich gemustert und dann langsam geantwortet:
„Ihr müsstet lernen, wie man einen Teufelsjäger beschwört. Diese mächtige Dämonen gebieten auch den größte magischen Kräften Einhalt, was sie im Gegenzug selbst für ihre Herren gefährlich macht. Doch ich habe nicht die nötigen Reagenzien und Gegenstände hier, um Euch zu unterrichten. Ich kenne allerdings jemanden, der es kann. Reist nach Ratchet, Magenta, und sprecht dort mit Strahad Farsan. Er ist ein mächtiges Mitglied unseres Inneren Kreises und wird Euch sicher weiterhelfen können.“

So war Magenta nach Ratchet gereist. Allein. Natürlich hatte Abumoaham angeboten, sie zu begleiten, doch Magenta hatte aus einem Vorwand heraus abgelehnt. Dieses Abenteurer, so hatte sie sich vorgenommen, wollte sie ganz allein bestehen. Inzwischen allerdings war sie sich nicht einmal mehr sicher, ob es wirklich ein Abenteuer werden würde, das mehr Gefahren beinhaltete, als einen blutig gescheuerten Hintern. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb sie sich ihre geschundene Rückseite.
„Ah, Magenta, unser neues Wunderkind.“, erklang da eine tiefe Stimme, die Magenta in der unwürdigen Tätigkeit einfrieren ließ. „Die Realität entspricht nicht ganz der Legende, wie mir scheint.“
Vor Magenta stand ein Mann, dessen Hut in der derzeitigen Farbe ihres Gesichtes ihr vage bekannt vorkam und dessen auffällige Garderobe jedem Magier Ehre gemacht hätte. Lachend beugte er sich vor und tätschelte ihr beruhigend die Wange. „Aber Ihr seid ja nicht gekommen, um zu hören, wie ich Witze über Euch mache. Mein Name ist Strahad Farsan. Ich hörte, Ihr sucht mich.“
Wie von der Tarantel gestochen sprang Magenta auf und verbeugte sich eilig. „Entschuldigt, Meister Farsan, ich wusste ja nicht…“
„Ach, halb so wild.“, lachte der Mann. „Kommt, ich möchte Euch jemanden vorstellen. Menara?“
Eine Frau in einer ärmellosen Robe trat auf Magenta zu und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Kar Aman, Magenta. Willkommen in unserer kleinen Enklave, die denen Zuflucht bietet, die den so genannten Dunklen Künsten zugetan sind. Wir machen hier keine Unterschiede in Stand oder Rasse, sondern streben danach die Mächte, die wir nutzen, und auch die, die sie nutzen, gleichermaßen gut unter Kontrolle zu halten. Denn einige von uns neigen dazu, sich hinreißen zu lassen und dem Sog nachzugehen, der von der anderen Seite ausgeht.“
Während sie das sagte, lächelte sie, als würde sie darüber reden, größere Kartoffeln zu züchten und als wäre es ganz normal, Hexenmeister zu sein und sich tagaus tagein dämonischer Mächte zu bedienen. Magenta fand diese Tatsache seltsam und entspannend zugleich.

Nur wenig später saß Magenta zwischen den beiden älteren Hexenmeistern, die sie zu einem Ruheplatz im Schatten eines großen Baumes gebracht hatten. Sie bekam stark gesüßten Tee, Brot und kleine Spieße mit stark gewürzten Fleischstücken, an denen sie sich prompt verschluckte. Hustend nahm sie noch einen Schluck aus einem tönernen Becher, der eine weiße Flüssigkeit enthielt. Fast hätte sie den Inhalt wieder von sich gegeben.
„Kodomilch ist nicht jedermanns Sache.“, lächelte Menara Voidrender und reichte Magenta einen weiteren Becher mit Wasser. „Sie hat einen sehr eigenen Geschmack.“
„Das habe ich gemerkt.“, krächzte Magenta und schüttelte sich innerlich bei der Erinnerung an die salzig-säuerliche Brühe.
Strahad Farsan, der sich wie die beiden anderen auch auf den bunten Sitzkissen auf dem Boden niedergelassen hatte, nahm einen Zug aus dem Mundstück der neben ihm stehenden Wasserpfeife und blickte in Richtung des azurblauen Meeres. Der süßliche Geruch des Tabak mischte sich mit dem Aroma der Speisen und der Seeluft zu einer betörenden Mischung, die Magenta fast vergessen ließ, warum sie eigentlich hergekommen war. Schläfrig vom Essen und der heißen Sonne hatte sie Schwierigkeiten die Augen offen zu halten. Immer wieder sackten ihre Lider einfach wieder nach unten, bis Strahad Farsan schließlich die Stille brach.
„Einen Teufelsjäger also.“, sagte er mit abwesendem Gesichtsausdruck. „Was Ihr zu beherrschen sucht ist kein Schosshündchen, Magenta. Ein Teufelsjäger giert nach Blut und noch mehr nach Magie. Bekommt er beides nicht in ausreichenden Mengen, wird er die Hand beißen, die ihn füttert. Seine Zähne und Klauen reißen Löcher in Euer Fleisch und seine Tentakel saugen die Magie aus Euch heraus, wie man ein köstliches Getränk mit einem Strohhalm schlürft.“
Der Blick des Hexenmeisters bohrte sich in Magentas. „Und doch fragt Ihr mich nach den Mitteln um ihn zu beschwören? Ihr müsst sehr mutig sein oder sehr dumm.“
Magenta schluckte. Ihr Hals war während Farsans Schilderung irgendwie ganz rau und trocken geworden.
„Ich…“, stotterte sie, “Ich habe schon mal einen Teufelsjäger gesehen und…“
Magenta verstummte als Strahad Farsan schallend anfing zu lachen. Als sie sah, dass auch Menara Voidrender ein Grinsen unterdrückte wusste sie, dass sie einem schlechten Scherz aufgesessen war. Wütend langte sie erneut nach ihrem Trinkgefäß und versuchte so gut es ging, ihr brennendes Gesicht dahinter zu verbergen.
„Ihr müsst entschuldigen, aber Euer Gesichtsausdruck war einfach zu köstlich.“, lachte Strahad Farsan und schlug Magenta aufmunternd auf die Schulter. „Sicherlich werdet ihr diese Aufgabe mit Bravour meistern. Immerhin habt Ihr auch das Kaldorei-Spinnen-Kebap überlebt.“
Mit gemischten Gefühlen nahm Magenta diese Äußerung als Kompliment und schob unauffällig die Schüssel mit den Fleischspießchen ein Stück weiter von sich weg.
„Was habt ihr da?“, erkundigte sich Menara Voidrender und griff nach Magentas Arm. Kritisch beäugte sie den Riss im Ärmel der Robe, den Magenta mehr schlecht als recht zusammen geflickt hatte.
„Das war…ein Unfall.“, nuschelte Magenta und spürte, wie ihre Wangen einen noch dunkleren Farbton annahmen. „Ein…jemand hat die Robe zerrissen. Ich wollte den Riss immer noch mal auftrennen, aber irgendwie…“
„Ihr habt denjenigen doch sicherlich zur Rechenschaft gezogen?“, hakte Menara Voidrender ein.
Stumm schüttelte Magenta den Kopf. Bei der Erinnerung an die Begegnung im Park fuhren ihre Finger unwillkürlich über den Riss im Stoff. Nur zu gut erinnerte sie sich an ihre zweite Begegnung mit den drei Nachtelfen, bei dem einer der drei sie versehentlich verletzt und ihre Wunden dann mit einem fremdartigen Zauber geheilt hatte. Die Berührung seiner Haut war kühl, aber nicht unangenehm gewesen und er hatte…
„Ihr braucht eine neue Robe.“, unterbrach Menara Voidrender Magentas abschweifende Gedanken. „Eure Kleidung ist wie Euer Aushängeschild. Ist sie schäbig oder zerrissen, seid Ihr der Obrigkeit suspekt. Und wenn unsereins etwas nicht tun sollte, dann ist es Aufmerksamkeit erregen. Manche Blumen gedeihen besser, wenn man sie im Dunklen hält.“
Die andere Hexenmeisterin zeigte ein hintergründiges Lächeln und deutete dann auf ihre eigene Robe. „Die hier ist nicht mehr als ein einfaches Kleidungsstück, lediglich dazu geeignet, mich vor der Sonne und anzüglichen Blicken zu beschützen. Doch es gibt auch besondere Kleidung, die ihrem Träger Kraft verleiht und ihn in seinem Bestreben nach Macht unterstützen kann. Ich kann euch helfen, eine solche Robe zu bekommen.“
„Was muss ich dafür tun?“, frage Magenta neugierig.
„Nun zuerst müssen wir ein Grundgerüst aus Stoff für Eure neue Garderobe haben.“, erklärte Menara Voidrender. „Mit den richtigen Zutaten und Zaubern wird sie sich in etwas verwandeln, das weit über dem liegt, was ein normaler Schneider auf seinem Webrahmen herstellen kann. Doch wir können nicht irgendeine Robe nehmen. Was wir brauchen, ist eine Robe von Arcana. Nur wenige Schneider beherrschen die Kunst, sie herzustellen. Die Aufzeichnungen, die es über die Herstellung dieser speziellen Robe gibt, sind selten. Aber vielleicht habt ihr ja Glück und findet jemanden, der diese Kunst beherrscht.“
Menara Voidrender zwinkerte Magenta verschwörerisch zu. „Am meisten würde es mich natürlich beeindrucken, wenn ihr sie selbst herstellen würdet, aber ob Euer Können dafür ausreicht? Aber wie auch immer. Findet eine solche Robe und ich werde Euch zeigen, wie man daraus einen Gegenstand großer Macht herstellen kann.“
„Aber wie soll ich hier jemanden finden, der mir eine solche Robe macht.“, wandte Magenta ein wenig unwirsch ein. „Ich glaube kaum, dass ich zu einem der Goblins hier in Ratchet gehen kann, um sie zu bekommen.“
„Da trifft es sich doch gut, dass auch ich Euch mit leeren Händen von hier fortschicken muss.“, schaltete sich Strahad Farsan wieder in das Gespräch ein. „Denn um Euren Teufelsjäger zu beschwören, wird mehr nötig sein als ein einfacher Beschwörungskreis und ein paar dunkle Runen. Ihr benötigt einen Folianten der Kabale. Diese Bücher wurden von den ersten Hexemeistern geschrieben, denen es gelang, ohne Hilfe einen Teufelsjäger zu beschwören. Doch auch diese Bücher sind sehr selten. Wenn ihr genaueres über mögliche Fundorte wissen wollte, so reist nach Ironforge und sucht dort in der Bibliothek nach Krom Starkarm. Er ist ein fahrender Hexenmeister und hortet alte Schriften wie andere Zwerge das Gold. Findet ihn und er wird Euch sicher zu einem dieser Folianten bringen.“

Kurz darauf stand Magenta wieder am Anlegesteg von Ratchet und fragte sich, warum sie überhaupt hergekommen war. All das hätte der „große Meister“, ihr doch auch in einem Brief mitteilen können. Das hätte ihr eine ganze Menge Scherereien erspart. Verdrossen ließ sie sich auf einen der Poller sinken und begann, kleine Steine ins Wasser zu werfen. Dabei strich ihr Blick über den Horizont, an dem der auffrischenden Wind begonnen hatte, weiße Wolkenberge aufzutürmen.
Warm strich die Abendluft über Magentas Gesicht und ließ eine Haarsträhne aus dem Knoten in ihrem Nacken schlüpfen. Sie kitzelte an der freien Haut ihrer Schultern, aber anstatt sie wieder zurückzustecken schloss die Hexenmeisterin die Augen und atmete tief ein. Sie roch den Geruch des Salzwassers, das nasse Holz, den Sand, die Essensgerüche, die von den Tavernen und Garküchen ausginge. Sie hörte das Knarren der am Steg vertäuten Schiffe und das weit entfernt scheinende Rufen und Lärmen der Bewohner und Besucher von Ratchet. Es war ein friedlicher Augenblick, bis sich etwas wie Sehnsucht in Magenta breit machte. Eine Sehnsucht, die keinen Namen und kein Gesicht hatte und doch unablässig gegen ihr Herz pochte und sie aus dem Gleichgewicht brachte. Verärgert öffnete Magenta die Augen wieder.
„So ein Blödsinn.“, schimpfte sie leise. „Als wenn mir mal abgesehen von einem Teufelsjäger irgendetwas fehlen würde.“
Missmutig kramte sie den Reiseproviant hervor, den ihr die Hexenmeister mitgegeben hatten. Kauend ließ sich so ein Sonnenuntergang allein am Meer doch gleich viel besser ertragen. So beschäftigt verharrte Magenta am Steg, bis endlich das Schiff einlief, dass sie gleich am nächsten Morgen zurück  in die östlichen Königreichen bringen sollte.




„Mir ist langweilig.“
Mit Schwung warf Easygoing den schweren Lederball gegen die Wand und fing in wieder auf. Ein paar der Blätter, die das Dach des Hauses bildeten, schwebten zu Boden. Der große Druide mit den langen, dunkelblauen Kriegerzöpfen lag rücklings auf einem der Betten und betrachtete für einen Moment den eintönigen Ausblick, der sich ihm darbot. Es hatte sich jedoch immer noch nichts daran geändert, dass sich Darnassus, die Hauptstadt der Nachtelfen, friedlich und völlig ohne zu bekämpfende Feinde vor ihrer Behausung ausstreckte und sich träge in der milden Nachmittagssonne aalte. Ärgerlich holte er erneut zu einem Wurf aus.
„Was willst du denn machen?“, fragte Deadlyone, der sich in eine der Fensteröffnungen gelümmelt hatte. Mit einer beiläufigen Bewegung fischte Easygoings Bruder den Ball aus der Luft, bevor er wieder zurückspringen konnte.
Easygoing knurrte, als er sich seines Spielzeugs beraubt sah. Er sprang auf, ging auf den wesentlich kleineren Nachtelfen zu und griff nach dem Ball. Der aber lachte nur und wich der Bewegung aus. Deadlyone mochte nicht so groß und so kräftig sein wie Easygoing - manch einer war schon so unvorsichtig gewesen, ihn schmächtig zu nennen - doch was ihm an Stärke fehlte, machte er durch größere Wendigkeit und Geschicklichkeit wieder wett, wie sein Bruder nun feststellen musste.
Grinsend hielt er den Ball in seiner anderen Hand und wedelte damit vor Easygoings Nase herum. Blitzschnell griff der Druide danach, doch wo immer er hinlangte, der Ball war bereits nicht mehr dort. Schließlich riss Easygoings nicht allzu langer Geduldsfaden und er schlug seinem Bruder mit der flachen Hand vor die Brust. Keuchend gab der Schurke seine Beute frei, die zu Boden fiel, vor das zweite Bett im Raum kullerte und gegen Abbefarias Fuß stieß.
„Ihr nervt.“, brummte der junge Druide und schlug die Augen auf.
„Es kann ja nicht jeder den ganzen Tag lang im Bett liegen.“, höhnte Deadlyone vom Fenster aus und rieb sich die schmerzende Brust. „Außerdem sagt ich ja schon: Was willst du denn machen?
„Schlafen!“, murmelte Abbefaria und drehte sich seelenruhig um, so dass die anderen nur noch seinen Rücken betrachten konnten.
Zwei leuchtende Augenpaare trafen sich im violetten Halbdunkel der Hütte. Eines von ihnen zwinkerte verschwörerisch, das andere bewegte sich durch ein Kopfnicken auf und ab. Perfekte, lautlose Kommunikation, wie sie nur unter gut aufeinander abgestimmten Teams zu finden war…oder unter Brüdern.

„Ihr Schweine, lasst mich sofort hier runter!“, bellte Abbefaria und versuchte den Strick zu erreichen, mit dem seine beiden Kontrahenten ihn an einen der unteren Äste eines Baumes gebunden hatten. Er mühte sich jedoch vergeblich, denn seine Hände glitten immer wieder an dem glatten Stück Strick ab und so baumelte er mehr oder weniger hilflos kopfüber und starrte auf seine feixenden Freunde hinab.
„Lange haltet ihr mich damit nicht.“, knurrte er mehr zu sich selbst. „Eine kleine Verwandlung und ich…“
Er verstummte schlagartig, als eine fremde, junge Nachtelfe zu ihnen trat. Sie trug die Kleidung eines Boten und hielt eine Schriftrolle in ihren Händen.
„Ich suche Ceredrian.“, sagte sie und sah ein wenig zweifelnd zu dem gefangenen Abbefaria hinauf. „Ist er hier?“
Wie aus dem Boden gewachsen stand Deadlyone mit einem gierigen Grinsen neben der Botin. „Das wäre dann ich.“, sagte er und streckte verlangend die Hand nach dem Brief aus. Die Nachtelfe machte unwillkürlich einen Schritt rückwärts und zog die Stirn kraus.
„Beweist es mir.“, forderte sie. „Ich habe gehört, Ceredrian soll ein großer Charmeur und wahrer Gentleman sein. Ihr scheint mir nicht mehr als ein gewöhnlicher Dieb.“, bürstete sie ihn ab.
Entrüstet warf sich Deadlyone in die Brust. „Aber wie könnt ihr solches sprechen, holdes Weib. Mir scheint ihr habt ein wenig zu lange in die Sonne geschaut. Fürwahr bin ich Ceredrian.“
Mit diesen Worten verbeugte er sich zu einem übertriebenen Kratzefuß und hüpfte mit albernen, kleinen Sprüngen um die Botin herum. Dabei wedelte er affektiert mit den Armen und kiekste mit hoher Stimme, als habe er eine Feldmaus verschluckt:
„Ceri-Cera-Ceredrian, so nennt man mich, oh seht mich an. Ich kann nix außer komisch sprechen und aller Frauen Herzen brechen.“
Röhrendes Gelächter der beiden Druiden war der Lohn für die gelungene Vorstellung Deadlyone grinste breit und verbeugte sich übertrieben tief.
„Danke! Danke! Ich liebe euch alle!“, rief er und verteilte schmatzend Kusshände in die Luft. Dann drehte er sich lächelnd zu der Botin um. „Bekomme ich nun meine Korrespondenz?“
Die Nachtelfe zweifelte sichtlich noch, doch langsam aber sicher bewegte sich ihre Hand mit der Schriftrolle in Richtung des unschuldig aussehenden Nachtelfen mit der dunklen Lederkleidung, der jetzt den Kopf schief legte und sie anstrahlte. Seine langen Finger schlossen sich mit der Präzision einer Bärenfalle um das Pergament.
„Herzlichen Dank.“, sagte er und war von einem auf den anderen Augenblick verschwunden.
Überrascht blinzelte die Botin und sah sich suchend um. Easygoing, der diesen Trick seines Bruders schon zur Genüge kannte, bedachte die Nachtelfe mit einem Kopfnicken, verwandelte sich in eine große, violette Raubkatze mit einer silbernen Mondsichel auf der Schultern und verschwand ebenso in den Schatten. Einzig der immer noch gefangene Abbefaria baumelte einsam und verlassen von seinem Ast herab.
„Oh na wunderbar.“, fauchte er, als die Botin ihn in Ermangelung eines anderen Ziels rachsüchtig fixierte. „Aber ich bleibe nicht, um eure Suppe auszulöffeln.“
Ebenso wie Easygoing verwandelte auch er sich in die Katzenform der Druiden. In dem Moment, als sich sein Nachtelfenfuß in die schlankere Raubtierpfote verwandelte, rutschten seine Fessel davon ab und der Druide und landete mit einem gewaltigen Plumps auf dem Fußboden. Abbefaria unterdrückte ein schmerzerfülltes Miauen und flüchtete ebenso wie die beiden anderen vor ihm in die Verstohlenheit. Zurück blieben lediglich ein nahezu leerer Platz und eine sichtlich verwirrte Botin.
„Ich dachte Katzen landen immer auf ihren Füßen.“, spottete Deadlyones Stimme neben ihm und Abbefaria zuckte unmerklich zusammen. Die Tarnung des Schurken war so perfekt, dass er fast nicht von seiner Umgebung zu unterscheiden war. Erst jetzt verrieten die in der Katzenform geschärften Sinne des Druiden ihm, dass sich Easygoings Bruder genau hinter ihm befand. Eine Position, an der Abbefaria  ihn lieber nicht zu finden wusste.
„Es war nicht tief genug.“, raunzte er daher gereizt zurück, bis ihm einfiel, dass der Schurke ihn in seiner derzeitigen Form nicht verstehen konnte. Leise knurrend schlich er daher in Richtung eines mächtigen Baums und somit außer Sichtweite der Botin, die inzwischen begonnen hatte, hinter Büschen und Sträuchern nach den verschwundenen Nachtelfen zu suchen. Dort verwandelte er sich zurück, nur um festzustellen, dass Easygoing es sich bereits wieder in den unteren Ästen bequem gemacht hatte.
Und da sagen sie immer, ich wäre faul , dachte Abbefaria bei sich und seufzte leise. Es war schon erstaunlich, wie unterschiedlich die beiden Druiden in vielen Dingen waren…und wie ähnlich wiederum in anderen. Während Easygoing sich gerne im direkten Kampf mit anderen maß, hielt Abbefaria seine Gegner lieber ein wenig auf Abstand. Das verschaffte ihm einerseits die Möglichkeit seine Zauber ungestört zu wirken, mit denen er den meisten Gegnern mehr zusetzte, als wenn er seine Fäuste oder Krallen einsetzte, und außerdem hatte er so immer noch die Möglichkeit zu fliehen, wenn er einmal unterlegen war. Doch waren sie beide auch Druiden und ihr Wissen um die druidischen Künste verband sie beide ebenso wie die Sturheit, die sie beide manchmal and den Tag legen. Es gab allerdings jemanden, der sie in dieser Disziplin noch um Längen übertraf.

„Gib mir jetzt endlich die Schriftrolle!“, grollte Easygoing und streckte seine Hand fordernd nach dem Pergament aus.
Entschieden schüttelte Deadlyone seinen Kopf, dass ihm sein blauer Pferdeschwanz um die langen Ohren flog. „Kommt nicht in Frage. Ich hab´s gefunden, ich behalte es auch.“
„Du kannst doch nicht mal lesen. Ein taubstummer Troll hat mehr Intelligenz als du. Und ein Ork sieht intelligenter aus als du, das kannst du mir glauben“, versuchte Easygoing seinen Bruder so weit zu reizen, dass dieser unvorsichtig wurde und ihn nahe genug heran ließ, damit er ihm seine Beute abnehmen konnte. Doch er hatte seine Rechnung ohne die trickreichen  Finten des Schurken gemacht. Immer wenn er glaubte, er habe ihn in die Enge getrieben, entwand sich der grinsende Deadlyone seinen zupackenden Fingern und drehte ihm eine lange Nase. Dazu nutzte er nicht nur faire Mittel, wie der Druide feststellen musste, als ihm eine Ladung Sand ins Gesicht flog und ihm für einen Moment die Sicht nahm. Als er sich die tränenden Augen soweit ausgerieben hatte, dass er seine Umgebung wieder einigermaßen erkennen konnte, war Deadlyone verschwunden.
„Du mieser, kleiner Feigling.“, brüllte Easygoing. „Komm raus, damit ich dich in meine Arme schließen kann.“ Aber sein Bruder war nicht so dumm, seinen Aufenthaltsort durch eine Antwort zu verraten. Stattdessen raschelte es kurz darauf hoch über den beiden Druiden im Baum und ein höchst zufriedener Deadlyone machte sich daran, das Siegel der Schriftrolle aufzubrechen. Er entrollte gerade das Pergament, als eine Stimme so süß wie wilder Honig und so schneidend wie ein frisch geschliffener Dolch zu wissen verlangte, was er dort zu tun gedachte.

„Ceredrian!“ Deadlyones Grinsen wurde noch eine Spur breiter. „Ich habe mir erlaubt, deine Fanpost zu öffnen. Du hast doch nichts dagegen, oder?“
Der Nachtelf, der in ihre Mitte getreten war, sah nicht danach aus, als wäre er sehr amüsiert. Er schien direkt aus dem Tempel des Mondes gekommen zu sein, wo er als Priester seinen Dienst im Namen der Mondgöttin Elune tat. Die weiße Robe mit den silbernen und blauen Ornamenten gehörte zu den traditionellen Gewändern, die die Priester und Priesterinnen bei den Ritualen der Heilung trugen. Zusammen mit den aufwendig gearbeiteten Schmuckstücken aus reinem Silber und dem Sonnenlicht, das sich wie eine Corona um die weißhaarige Gestalt legte, war er durchaus eine beeindruckende und gleichzeitig beruhigende Erscheinung.
„Du wirst jetzt sofort da runterkommen und mir den Brief aushändigen. Sonst sehe ich mich gezwungen, andere Maßnahmen zu ergreifen.“, sagte Ceredrian in einem Tonfall, der klar machte, dass er keinen Widerspruch duldete.
Deadlyone überhörte die Warnung geflissentlich und hielt sich das Schriftstück unter die Nase. „Mhm.“, machte er und schnüffelte. „Ich glaube, er ist sogar parfümiert und...“

Der Schurke bekam nicht die Gelegenheit, seinen Satz zu beenden. Bevor er sich versah, war er bereits dabei wieder von dem Baum herunterzuklettern. Er sah hilflos dabei zu, wie er auf denn konzentriert wirkenden Ceredrian zuwankte, wie seine Hand mit der Schriftrolle sich hob und wie sein Cousin mit einem triumphierenden Blick sein Eigentum wieder an sich nah. Erst dann entließ ihn der Priester wieder aus der Gedankenkontrolle.
„Das bekommst du zurück.“, zischte Deadlyone wütend und brachte sicherheitshalber ein paar Meter zwischen sich und den lächelnden Priester.
„Ich glaube, ich habe es bereits zurück.“, gab Ceredrian jovial zur Antwort. Damit entfaltete er Schriftrolle und begann zu lesen. Während sein Blick über die Reihen von sorgfältig gesetzten Buchstaben flog, wurde seine Miene ernst. Am Ende des Briefes angelangt hob er schließlich den Kopf und sah zu seinen Freunden hinüber.
„Wie es aussieht, ist der Inhalt dieser Nachricht eher ernster, denn delikater Natur. Wir sollten sobald wie möglich aufbrechen.“




Bibbernd und zitternd drückte sich Magenta tief in die weißen Federn im Nacken des Greifen, der sie in diesem Moment über die schneebedeckten Täler und Hänge Dun Moroghs trug. Vor weniger als einer halben Stunde, hatte die Hexenmeisterin noch in der gewaltigen Hitze der Sengenden Schlucht geschwitzt und sich vom Leib gerissen, was eben vom Leib zu reißen war, wenn man mehrere hundert Meter über dem Erdboden auf dem Rücken einer Mischung aus Adler und Löwe saß und nichts von seinem kostbaren Habe in den Lavafeldern am Boden verglühen sehen wollte. Jetzt jedoch hätte Magenta gern doppelt so viel Kleidung inklusive Schal und Handschuhen zu ihrer Garderobe gezählt, denn in dieser Höhe war der schneidende Wind so eisig, dass sie der festen Überzeugung war, sie müsse jeden Moment vor Kälte zerspringen.
Der Greif stieß einen warnenden Laut aus und schraubte sich noch weiter in die Höhe. Unter Magenta rauschte ein Berggipfel hinweg und sie sah die blauen Fratzen der wilden Eistrolle, die sich hier hin zurückgezogen hatten, wütend zu sich hinauf starren. Ein vereinzelter Speer versuchte, sie von ihrem Reittier zu stoßen, doch er verfehlte sie um mehrere Meter und verschwand wirkungslos im eisigen Nebel. Trotzdem stieß Magenta dem Greif die Hacken in die Seiten, um ihn ein wenig anzutreiben. Das Tier protestierte krächzend, gehorchte jedoch und schon bald sah Magenta die Tore von Ironforge am Horizont auftauchen. Die gigantischen Torflügel bildeten den Eingang zur Hauptstadt der Zwerge, die diese robusten, erdverbundenen Gesellen direkt in das gewaltige Felsmassiv hineingebaut hatten.
Der Anblick des Tores und somit die Aussicht auf eine Ruhepause und einen warmen Schlafplatz schienen auch Magentas Reittier anzuspornen. Seine Flügelschläge wurden schneller und die schmale Öffnung, durch die er ins Innere der Festung segelte stürzte förmlich auf Magenta zu. Unwillkürlich zog sie den Kopf ein, als der Greif die schwer bewachte Felsluke passierte. Sie hatte jedoch nichts zu befürchten, denn kein fliegender Ankömmling, der auf einem Greif saß, wurde von den Wachen behelligt. Die stolzen Tiere ließen nur Freunde der Zwerge, mit denen sie eine tiefe Beziehung verband, auf ihrem Rücken reiten.

Noch ein wenig steif stieg Magenta schließlich von ihrem Greif, der - im Gegensatz zu ihr - sofort von dem wartenden Greifenmeister versorgt wurde. Magenta war das ganz recht, denn in der durchdringenden Hitze der großen Schmiede, stand ihr schon wieder der Schweiß auf der Stirn.
„Hast ne lange Reise hinter dir, eh?“, sagte der Greifenmeister und tätschelte dem Greif den Hals. „Guter Junge. Hattest ordentlich was auszustehen, was?“
„Nicht mehr als ich.“, knurrte Magenta in der Annahme, dass der Zwerg sie nicht hören würde. Dummerweise hatte sie sich getäuscht.
„Hast du von Booty Bay bis hierher die Flügel geschwungen oder er?“, giftete der Zwerg. „Es ist nicht üblich, die Tiere über so eine lange Strecke fliegen zu lassen.“
Ein wenig schuldbewusst senkte Magenta den Kopf. Sie hatte in Erwägung gezogen, in Stormwind zwischenzulanden, so wie sie es mit dem Greifenmeister in Booty Bay, der südlichsten Stadt des Kontinents verabredet hatte. Doch als die Hauptstadt der Menschen mit ihren ordentlich gedeckten Dächern, den sauberen Gassen und gepflegten Gärten auf sie zugekommen war, hatte sie das Tier abdrehen und weiter in Richtung Ironforge fliegen lassen. Dem verdutzten Greifenmeister in Stormwind hatte sie nur ein paar Münzen für den verlängerten Weg zugeworfen und sich ansonsten nicht weiter um sein Geschrei gekümmert. Vermutlich war er es, der den Greifenmeister von Ironforge über Magentas Betragen informiert hatte.
Warum sie das getan hatte, wusste sie selbst nicht. Die einfache Erklärung wäre gewesen, dass sie zielstrebig ihr Ziel verfolgte. Die zweite, weitaus wahrscheinlichere war, dass sie unliebsame Begegnungen vermeiden wollte. Begegnungen wie die, in die sie schnurstracks hineinlief, als sie auf dem Weg vom Greifenmeister zur Bibliothek um die nächste Ecke bog.

„Magenta?“ Das Erstaunen gepaart mit einem paar weit aufgerissener blauer Augen unter einer blonden Haarmähne und einem zu einem freudigen Lächeln verzogenen Mund mochten den ungeübten Beobachter täuschen, doch die Hexenmeisterin sah genau, dass Risingsun sich nicht besonders freute, sie zu sehen. Ein wenig zu unauffällig nahm sie ihre Hand von Abumoahams Ellenbogen. „Aber was tust du in Ironforge?“
„Ich wollte…“, begann Magenta und wurde gleich darauf einer Antwort enthoben, als ein Paar starke Arme sie zu sich zogen und Abumoahams Lippen einen sanften Begrüßungskuss auf ihren Lippen platzierten.
„Du mir gefehlt.“, murmelte er mit dem schweren Akzent, der ein lebenslanges Überbleibsel seiner Kindheit bei den Trollen bleiben würde. „Ich mir Sorgen gemacht.“
„Das brauchst du doch nicht.“, lächelte Magenta und strich über sein sonnengebräuntes Gesicht. „Ich pass` schon auf mich auf.“
„Fragt sich nur, wer auf die Leute aufpasst, die dir begegnen.“, scherzte Risingsun völlig ernst. „Blade träumt nachts immer noch von diesem…Ding.“
Obwohl sich Magenta über diese Bemerkung ärgerte, musste sie doch innerlich grinsen. Wenn es jemanden gab, der ihre Sukkubus noch abstoßender fand, als sie selbst, war es die Paladina. Sie zwang sich zu einem Lächeln.
„Was macht ihr beide hier?“, erkundigte sie sich höflich. „Wo sind Emanuelle, Schakal und Blade?“
„Oh, Schakal gesagt, er Geschäfte zu machen.“, erklärte Abumoaham bereitwillig. „Emanuelle, wir nicht wissen. Sie unterwegs zu testen geheimes Experiment. Und Bladewarrior…“ der Magier lächelte und zwinkerte Magenta verschwörerisch zu. „Wir ihn geschickt zu besorgen kleine Überraschung. Wir ihn treffen wollen vor Toren von Ironforge. Du mitkommen?“
„Ich…äh“, stammelte Magenta und wusste nun schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten nicht, was sie antworten sollte. Sie wollte auf keinen Fall verraten, was sie gerade tat. Andererseits wollte sie auch nicht unhöflich sein und wenn sie ehrlich war, hatte sie Abumoahams Anwesenheit auch vermisst. Es tat gut, jemand an seiner Seite zu wissen.
„Wir könnten vorgehen.“, bot Risingsun hilfreich an. „Du kannst ja nachkommen, wenn du deine Sache erledigt hast.“
Dankbar nickte Magenta. „Das werde ich tun. Es sollte auch nicht allzu lange dauern.“
„Einverstanden.“, verkündete Abumoaham und küsste Magenta noch einmal zum Abschied. „Wir dich erwarten vor Toren von Ironforge.“
Halb erleichtert, halb ärgerlich sah Magenta den beiden nach. Wie gerne wäre sie jetzt an Stelle der Paladina gewesen, die sich ganz selbstverständlich wieder bei dem Magier eingehakt hatte. Doch sie hatte noch einen Besuch zu machen bei diesem Krom Starkarm zu machen.

Krom Starkarm hielt nicht, was sein Name vermuten ließ. Magenta fand den Zwerg inmitten riesiger Bücherstapel, die er rechts und links eines wackeligen Schreibpults aufgebaut hatte. Gegen normale Zwerge, die allesamt muskelbepackt und kantig erschienen, war Krom Starkarm regelrecht schmalbrüstig, auch wenn er Magenta sicherlich immer noch mit einer Hand hochgehoben hätte. Im Moment beschränkte er sich jedoch darauf, eine Schreibfeder zu schwingen und Dutzende von voll geschriebenen Pergamentfetzen mit noch mehr unleserlichen Buchstaben zu versehen, so dass das Ganze aussah, als wäre eine ganze Armee Ameisen mit Blaubeermarmelade an den Füßen über das Papier gekrochen. Er wirkte verärgert über die Störung und wedelte ungeduldig mit der Hand.
„Geht mir aus dem Licht, Ihr seht doch, dass ich zu arbeiten habe.“, brummte er und schob Magenta kurzerhand zur Seite. „All diese Aufzeichnungen lassen sich schließlich nicht von allein wieder herstellen. Verdammte Troggs!“
„Aber Strahad Farsan schickt mich.“, wand Magenta ein. „Der Hexenmeister aus Ratchet.“
Der Zwerg stockte mitten in seiner Bewegung und starrte Magenta fassungslos an. Dann sah er sich hektisch nach allen Seiten um und zog sie in eine Ecke der Bibliothek.
„Wollt Ihr nicht vielleicht noch ein wenig lauter schreien?“, funkelte er sie an. „Meint Ihr vielleicht, ich habe mir all die Jahre die Hände in den Bergwerken blutig geschuftet, nur damit man mich unbehelligt ließ, nur damit Ihr jetzt überall herumposaunt, dass ich ein wenig mehr Interesse an Dämonen zeige, als er für einen Zwerg üblich ist?“
„T-tut mir leid.“, stotterte Magenta.
„Davon kann ich mir auch nichts kaufen.“, brummte der Zwerg. „Aber nun hört endlich auf, meine Zeit zu verschwenden und sagt mir, weswegen Ihr hier seid.“
Nachdem Magenta geschildert hatte, wonach sie suchte, blickte der Zwerg für einen Moment ins Leere. Magenta überlegte gerade, ob sie ihn wohl antippen sollte für den Fall, dass er eingeschlafen war, da erwachte er aus seiner Starre.
„Also ein Foliant der Kabale sagt Ihr. Es kommt mir bekannt vor, obwohl ich mir sehr sicher bin, dass ich noch nie einen zu Gesicht bekommen habe. Und glaubt mir, ich erinnere mich an jedes Buch, dass ich einmal gelesen habe. Aber wartet, ich werde im Register der Bibliothek nachsehen.“
Der Zwerg verschwand und kam kurz darauf mit einigen sehr verstaubten Buchbänden zurück. Er öffnete einen nach dem anderem, murmelte und brummte vor sich hin, um ihn dann zu schließen und sich dem nächsten zu widmen. Im letzten Band schließlich, einen schon recht zerschlissenen Buch mit einem dunkelroten Einband einen Eintrag fand, der ihn zufrieden stellte.
„Hier haben wir es ja.“, sagte er und tippte triumphierend mit dem Finger auf eine Eintragung. Magenta bemühte sich, etwas zu entziffern, doch da schlug der Zwerg ihr schon das Buch vor der Nase zu. Staub wirbelte auf und Magenta nieste.
Schönheit , wünschte eine Stimme in ihrem Kopf.
Ruhe, Pizkol , schnaubte Magenta in Gedanken. Seit sie wusste, dass ihr Wichtel nicht zwangsläufig alles hören und sehen musste, was um sie herum passierte, hatte sie ihm befohlen, sich aus ihren Gedanken herauszuhalten, bis sie ihn zu sich rief. Allerdings hielt er sich nicht immer daran.
„Es gibt Aufzeichnungen darüber, dass es früher einmal ein solches Buch hier in Ironforge gab.“, erklärte Krom Starkarm wichtigtuerisch. Er genoss sichtlich, wie sehr die junge Hexemeisterin an seine Lippen hing. „Doch dann wurde es verlegt. In die Bibliothek des Königsreichs Alterac.“
„Fein.“, sagte Magenta ungeduldig. Sie befürchtete, dass die anderen doch nach ihr suchen würden, wenn sie sich nicht bald auf den Weg machte. „Dann brauche ich ja nur dorthin zu…“
Sie unterbrach sich, als der Zwerg anfing, lauthals zu lachen. „Der war nicht schlecht, Mädchen.“, gluckste er. „Geschichtskunde ist nicht so dein Fachgebiet, nicht wahr?“
„Nein.“, gab Magenta ehrlich zu.
„Das Königreich von Alterac fiel bereits nach dem zweiten Großen Krieg, wenngleich auch nicht unter den Füßen der Horde sondern durch die Hand seiner ehemaligen Verbündeten. König Perenolde musste den Verrat, den er damals an der Allianz beging, teuer bezahlen.“
Magenta unterdrückte ein Gähnen und erntete daraufhin einen rüden Rempler des Zwergs.
„Menschen!“, lamentierte er. „Da will man Euch mal eine wertvolle Lektion in der Geschichte Eures eigenen Volkes unterbreiten und Ihr gähnt. Ha!“
„Bitte, ich wollte Euch doch nicht beleidigen.“, versuchte Magenta sich herauszureden. „Es ist nur so, ich habe eine lange Reise hinter mir und bräuchte dringend eine Ruhepause.“
„Fein. Mir auch egal“, schimpfte der Zwerg und wandte sich zum Gehen. „Dann sucht mal schön in den Ruinen von Alterac nach dem verschollenen Buch. Ihr werdet es nicht finden, prophezeie ich mal.“
„Warum nicht?“, wollte Magenta wissen.
„Das verrate ich Euch nicht.“, meckerte der Zwerg. „Ein solches Wissen gehört nicht in die Hände eines unfähigen Jungspundes, wie Ihr es seid.“
„Aber…“, Magenta zermarterte sich ihr Hirn, wie sie den Zwerg noch umstimmen könnte. Wenn sie dieses Buch nicht bekam, würde sie niemals einen Teufelsjäger bekommen. Es musste doch einen Weg geben, den Zwerg umzustimmen. Magentas Blick fiel auf das Schreibpult des Zwerges, wo neben der Schreibfeder und den Massen an beschriebenem Papier auch ein leerer Bierkrug stand. Magenta grinste, als ihr eine Idee kam.
„Wisst Ihr, Ihr habt Recht.“, flötete sie versöhnlich und fischte den Krug vom Tisch. „Ich war zu voreilig. Warum fangen wir nicht noch einmal von vorne an und Ihr erzählt mir, was Ihr wisst, bei einem schönen Krug frisch gezapften Bieres.“
Krom Starkarm musterte sie argwöhnisch. „Ihr meint wohl, ich wäre so billig zu kaufen.“, knurrte er wenngleich sein Ton auch nicht mehr ganz so feindselig war.
Magenta rief sich ein Bild von Risingsun ins Gedächtnis und versuchte sich an einer Imitation ihres gewinnenden Lächelns. „Ich dachte auch nicht an ein billiges Bier, sondern an ein echtes Donnerbräu Lagerbier.“
Die Augenbrauen des Zwergs wanderten nach oben. Zumindest nahm Magenta das an. Bei der starken Gesichtsbehaarung der Zwerge war ihre Mimik meist etwa so gut auszumachen wie das Essen auf dem Teller eines Feinschmecker-Restaurants.
„Ihr scheint euch gut auszukennen.“, sagte Krom Starkarm und leckte sich unbewusst die Lippen.
„Oh, ich habe einen Freund hier in Ironforge.“, erklärte Magenta leichthin. „Der hat mir auf unserer letzten Reise in die Geheimnisse der zwergischen Biere eingeweiht.“
Als sie das Gesicht des Zwergs sah setzt sie schnell hinzu: „Soweit ein Mensch denn in der Lage ist die überragende Braukunst der Zwerge zu verstehen.“
„Nun denn.“, brummte Krom Starkarm und strich sich über den Bart. „Dann werde ich einmal sehen, was mein Durst und Euer Geldbeutel sich zu erzählen haben. Ich in sicher, die beiden werden noch gute Freunde werden.“
Mit diesen Worten nahm der Zwerg Magenta seinen Bierkrug aus der Hand und steuerte schnurstracks auf das nächste Wirtshaus zu. Etwas unsicher folgte Magenta ihm und hoffte inständig, dass sie sich mit der Aufgabe, einen Zwerg zum Trinken einzuladen, nicht doch etwas zu viel aufgehalst hatte.





„Vergiss es.“, knurrte Easygoing und stieß Deadlyone reichlich unsanft vor die Brust. „Ich habe gesagt, du bleibst hier.“
„Und ich habe gesagt, ich komme mit.“, beharrte der andere Nachtelf und stemmte trotzig de Hacken in den Erdboden. „Immer habt ihr allen Spaß. Ich will auch mal was von der Welt sehen.“
„Von Spaß kann in diesem Fall nicht die Rede sein.“, versuchte Ceredrian die Wogen ein wenig zu glätten. „Raene Wolfrunner hat uns um Hilfe gebeten, weil es Probleme im Steinkrallengebirge gibt.“
„Ja eben.“, trumpfte Deadlyone auf. „Schwierigkeiten, Abenteuer, Aufregung. Ich will auch etwas davon abhaben.“
Wütend drehte Easygoing den uneinsichtigen Nachtelfen zu sich herum und brachte sein Gesicht nur wenige Zentimeter vor das des Schurken. „Ich glaube, du hast nicht ganz kapiert, worum es hier geht. Dort sterben Menschen.“
„Als wenn ich das nicht verstanden hätte.“, fauchte Deadlyone zurück und versuchte den Druiden von sich zu schieben. „Meinst du vielleicht, ich benutze meine Dolche nur um anderer Leute Post zu öffnen und Schlösser zu knacken?“
„Es ist beschlossen, du bleibst hier.“, knurrte Easygoing und wandte sich zum Gehen.
„Vielleicht könnte er uns ja doch ganz nützlich sein.“, meinte Ceredrian nachdenklich. Abwehrend hob er die Hände, als Easygoing versuchte ihn mit seinen Blicken einem schmerzhaften Tod zu überantworten. „Es war ja nur eine Idee. Er hat schließlich dieselben Rechte wie wir. Meinetwegen kann er mitkommen, auch wenn ich deine Bedenken verstehe“
„Fein.“, spuckte Easygoing aus. „Wir können ja abstimmen. Wer dafür ist, dass Deadly mitkommt, hebt jetzt die Hand.“
Deadlyones Hand schoss sofort in die Höhe. Ceredrian überlegte eine Weile, dann strich er sich die Robe glatt.
„Ich werde mich enthalten. Schließlich vertrete ich sozusagen Elunes Interessen. Wie könnte ich entscheiden, was ihr Wille ist. Ich werde daher die Rolle des Schiedsrichters übernehmen.“
„Auch gut.“, brummte Easygoing. „Wer ist dagegen, dass er mitkommt?“
Der große Druide hob augenblicklich seine Hand. Da es dadurch unentschieden stand, richteten sich alle Augen auf Abbefaria. Der rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her.
„Ich enthalte mich auch.“, sagte er. „Es ist mir egal, ob er dabei ist.“
„Du kannst dich nicht enthalten.“, informierte Ceredrian ihn freundlich lächelnd. „Immerhin steht und fällt das Urteil mit deiner Abstimmung.“
Etwas hilflos sah Abbefaria von einem zum anderen. Er wusste, dass Easygoing ihm eine Entscheidung für das Mitkommen seines Bruders sehr übel nehmen würde. Andererseits sah er keinen wirklichen Grund, warum sie nicht noch jemanden mitnehmen sollten. Immerhin war die Reise, die sie antreten wollten nicht ungefährlich und jede zupackenden Hand willkommen; auch wenn diese Hand sich gern aus den Taschen andere Leute bediente.
„Ich…“, begann er und wurde von einem Wirbelwind unterbrochen, der über ihn herfiel und sich bei näherem Hinsehen als seine kleine Schwester erwies. Navala schüttelte lachend ihren Kopf mit den kurzen, grünen Haaren, grinste frech und tippte ihm gegen die Nase.
„Wenn er mitkommt, will ich auch mit.“, verkündete sie. „Und Fortis wird uns ebenfalls begleiten.“
Sie wies auf einen etwas abseits stehenden Nachtelfen mit einem weißen Pferdeschwanz, den Abbefaria schon früher in ihrer Gegenwart gesehen hatte. Er trug eine der traditionellen Rekrutenrüstungen und das Übungsschwert an seiner Seite war ein Zeichen dafür, dass er sich offensichtlich in der Ausbildung zum Krieger befand. Ein wenig schüchtern hob er die Hand zum Gruß.
Abbefaria sah im leuchtenden Gesicht seiner Schwester, dass sie es ernst meinte. Aber sie war doch, für Nachtelfenmaßstäbe, noch so jung. Er konnte es nicht verantworten, dass sie sich in Gefahr brachte. Und er verstand, dass Easygoing wahrscheinlich ebensolche Gedanken gehabt hatte, als er seinem Bruder die Erlaubnis mit ihnen zu kommen verweigerte. Nicht, dass Abbefaria wirklich fand, dass das in Deadlyones Fall nötig gewesen wäre. Aber er respektierte die Entscheidung seines Freundes zumal es schwierig gewesen wäre, Navala in Darnassus zu lassen, wenn sie Deadlyone mitnehmen. So räusperte er sich und verkündete:
„Ihr kommt nicht mit. Alle drei.“
Die Reaktionen auf diese Entscheidung waren sehr unterschiedlich. Während Fortis fast erleichtert wirkte, und Navala einen Flunsch zog, sprühten Deadlyones Augen regelrecht Funken.
„Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.“, schrie er wütend. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und stürmte in Richtung das Zentrums der Stadt davon. Ein wenig beunruhigt sah Abbefaria ihm nach. Auf seine Nachfrage hin winkte Easygoing nur ab.
„Der beruhigt sich schon wieder. Alles nur heiße Luft.“
„Und ich?“, schmollte Navala. „Ich darf schließlich auch nicht mit.“
„Du bleibst hier, und übst fleißig, wie man Wunden reinigt und Leute heilt.“, erklärte Easygoing lachend. „Und wenn du dann mal groß bist, kannst du den guten Ceredrian hier in Grund und Boden heilen.“
„Das gefällt mir.“, grinste die junge Druidin und reckte beide Daumen in die Höhe. „Also dann mal los, die Hippogreife warten schon auf euch.“
Ein wenig beunruhigt sah Easygoing nun in Richtung des magischen Kristalls, der die aus der Krone Teldrassils, des riesigen Baumes, auf dem die Nachtelfenstadt lag, zu dessen Wurzeln transportieren würde. Daran, dass ihm eine Flug auf einem Greifen bevorstand, hatte er gar nicht mehr gedacht. Allein Gedanke daran, sich so hoch in die Luft zu erheben, ließ ihn schwindeln.
„Wir fahren mit dem Schiff.“, verkündete er. „Wenn wir uns beeilen erwischen wir noch die Fähre, die kurz vor Sonnenuntergang ausläuft. Also los, bewegt eure müden Knochen.“
Abbefaria nahm seine kleine Schwester noch einmal beiseite und sah ihr geradewegs ins Gesicht. „Versprich mir, dass du keinen Unfug machst.“
„Oh kannst du nicht einmal aufhören, mein großer Bruder zu sein?“, stöhnte Navala. „Wenigstens für fünf Minuten?“
„Nein, das kann ich leider nicht.“, grinste Abbefaria. „Denn wenn ich es könnte, hätte ich dich schon lange gegen ein pflegeleichtes Exemplar eingetauscht.“
Er drückte seine Schwester kurz an sich und beeilte sich dann, den anderen zu folgen. Es muss nicht erwähnt werden, dass sie das Schiff natürlich verpassten und so gezwungen waren, mit dem Greifen zu reisen. Obwohl es sicherlich amüsant gewesen wäre, all die Schimpfworte aufzulisten, mit denen Easygoing Ceredrian bedachte, als der es wagte festzustellen, dass der grüne Schimmer um die Nase des Druiden einen interessanten Kontrast zu seiner violetten Haut bildete.





Inzwischen ernsthaft beunruhigt nahm Magenta eine der letzten Münzen aus ihrem Geldbeutel und legte sie auf den Tresen der Zwergenschänke. Krom Starkarm hatte inzwischen so ziemlich alles verflüssigt, was Magenta besaß inklusive ihres neu erworbenen Zauberstabes. Und er schien immer noch durstig. Allerdings schien er immer noch nicht gewillt, mit der von der Hexenmeisterin so dringend benötigte Information herauszurücken. Stattdessen betrachtete er sinnierend den Boden seines Bierkruges.
„Ich kann ihn schon wieder sehen.“, verkündete er und unterdrückte ein Rülpsen. „Ich hoffe, Ihr habt noch ein wenig Zeit und Gold mitgebracht?“
Magenta übersah den hoffnungsvollen Blick des Zwergs und schüttelte energisch den Kopf. „Tut mir leid, ich bin pleite.“, verkündete sie. „Wenn Ihr jetzt vielleicht…?“
Krom Starkarm fixierte sie mürrisch. „Aber ich habe Euch die Geschichte von Alexandros Morgraine und seinem Sohn doch erst zur Hälfte erzählt.“
„Jaja.“, wiegelte Magenta verzweifelt ab. Wenn sie jetzt etwas nicht hören wollte, dann waren das irgendwelche dummen Geschichten über irgendwelche brennenden Schwerter, die Asche überall verstreuten. „Ich bitte Euch doch nur, mir endlich zu verraten, wo ich den Folianten der Kabale finden kann.“
Bis darauf, dass er noch einmal kräftig Rülpsen musste, schienen die Mengen an Bier und Bourbon, die er in sich hineingeschüttet hatte, spurlos an Krom Starkarm vorbeigegangen zu sein. Listig funkelte er Magenta an.
“Was hätte ich wohl von diesem Handel.“, fragte er lauernd. „Zuerst beleidigt Ihr mich, dann versprecht Ihr mir ein ordentliches Zechgelage, um dann nach dem Aperitif die Feier abzusagen und dann erwartet Ihr auch noch, dass ich Euch helfe?“
Sag ihm, du würdet ihm den Folianten bringen, sobald du ihn gefunden hast , mischte sich Pizkol ungefragt ein.
Halt den Schnabel, fauchte Magenta aufgebracht.
SAG ES!
„Ich bringe Euch den Folianten, sobald ich ihn gefunden habe.“
Erschrocken biss sich Magenta auf die Lippen. Sie hatte das eigentlich gar nicht sagen wollen, doch in ihrem Kopf schwappte zu viel Alkohol gegen zu wenig gute Ideen. Warum hatte sie sich nur zum Mittrinken überreden lassen? Sie konnte von Glück sagen, dass ihre Arti…Artikal…ihre Sprache noch nicht darunter gelitten hatte.
Eigenartigerweise hatte ihr dahin gesagtes Versprechen genau die Wirkung, die sich Magenta eigentlich vom Bier erhofft hatte. Die Augen des Zwergs begannen zu funkeln, die Wangen zu glühen und in sein Gesicht trat ein leicht verrückter Ausdruck.
„Wisst Ihr ich begehre schon lange einmal ein Blick auf eines dieser einzigartigen Werke zu werfen.“, flüsterte er heiser. „Es wurden nur wenige Kopien dieses Meisterwerkes hexenmeisterlicher Beschwörungskunst angefertigt. Das einzige Exemplar, von dem ich weiß, ist aus den Ruinen der Bibliothek von Alterac entschwunden. Man sagt, Murlocs, grausame Fischmenschen, hätten sich des Buches bemächtigt. Doch ich sage, es war genau andersherum. Doch das Buch war nicht stark genug, und die fischschuppigen Wilden zerstörten den Folianten. Eine Hälfte behielten sie, die andere jedoch fiel einem Sturm zum Opfer und wurde samt der Kiste, in der sie sich befand, weit auf das Meer hinaus getragen. Man munkelt, sie sei an den Küsten von Tanaris wieder an Land gespült worden. Wo Sie jedoch von dort aus hinwanderte, weiß niemand so genau.“
Magenta konnte ihr Glück kaum fassen. Sie hatte es mit einem Mal ziemlich eilig und ließ einen verträumt vor sich hin brabbelnden Krom Starkarm an seinem Tisch zurück. Endlich hatte sie wieder ein Ziel vor Augen. Wahrscheinlich würde es nicht einfach werden, die Teile des Folianten zu finden doch dann stand ihrem eigenen Teufelsjäger nichts mehr im Weg.
Als wenn das der einzig nützliche Dämon wäre, den es gibt quäkte Pizkol in ihrem Kopf ungehalten. Findest du nicht, dass ich eine Belohnung verdient habe? Immerhin habe ich dafür gesorgt, dass der Zwerg das Maul aufmacht.
Belohnung?
, amüsierte sich Magenta. Ich dachte, Fierneth sei dir Belohnung genug.
Eisiges Schweigen war die Antwort. Magenta wusste warum, hatte sie doch zufällig eines der Gespräche zwischen dem Wichtel und der Sukkubus belauscht. Der „schmalbrüstige Kerl mit den kurzen Hörnern“ hatte dabei nicht besonders gut abgeschnitten. Zumal er sich dabei mit dem muskelbepackten Bladewarrior hatte vergleichen lassen müssen. Er war hochbeleidigt gewesen und hatte die Sukkubus eine „Rassenverräterin“ geschimpft, weil sie einen Menschen ihm vorzog. Seitdem sprachen die beiden nicht mehr miteinander.
„Also schön.“, sagte sie leise und murmelte die Formel, die den Wichtel zu ihren Füßen erscheinen ließ. „Aber wenn du Ärger machst, kommst du sofort zurück.“
„Würde mir nie einfallen.“, grinste der kleine Dämon scheinheilig und folgte seiner Herrin unschuldig pfeifend bis vor die Tore der Stadt.
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