Der Hengst

von jandrina
GeschichteAllgemein / P12
17.07.2009
17.07.2009
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Der Hengst

Disclaimer: Die Charaktere und Handlungsorte, die jeder erkennen kann, gehören der Familie Tolkien und/oder New Line Cinema. Diese Geschichte ist ein reines Fanprojekt, ausschließlich zu meinem Vergnügen und hoffentlich das anderer entstanden, Gewinne darüber hinaus werden nicht erzielt.

A/N: Die Zeitlinie aus dem Buch gilt, aber Basis für die Handlung ist der Film.

(wer lieber hört als liest: http://jinjurly.com/audfiles/1201004061.zip - Länge ca. 18 Min., Größe ca 17 MB, leider etwas verrauscht)

* * * * *

Im Jahre 3011 des dritten Zeitalters

Es ist ein wundervoller warmer Sommermorgen, und ich sehe dem heutigen Viehmarkt mit erwartungsvoller Spannung entgegen. Zu diesem Ereignis werden Menschen aus der ganzen Umgebung in unser Dorf am Flüsschen Limlight kommen, um Pferde, Kühe und andere Tiere zu erwerben oder zu verkaufen. Normalerweise bin ich nicht selber als Käufer aktiv, dafür habe ich schließlich Angestellte. Aber heute mache ich eine Ausnahme. Ich habe mir vorgenommen, ein Pferd zu kaufen – nicht etwa irgendein Pferd, sondern den idealen Zuchthengst – und diese Aufgabe überlasse ich niemandem anderen.

Seit einer Stunde schlendere ich schon über den Marktplatz, aber die Ackergäule, die ich bisher gesehen habe, überzeugen mich nicht. Sie sind zwar gut bemuskelt und haben eine breite Brust, sicher sind sie ausgezeichnet geeignet für die Feldarbeit, aber ich habe mir etwas anderes in den Kopf gesetzt. Ich suche einen Hengst, der meiner herrlichen Stute gerecht wird. Ich habe sie vor einigen Monaten von einem Händler aus dem Süden erstanden, und sie hat schlanke schnelle Beine, eine endlose Ausdauer, kohlschwarzes Fell  und die wunderbarsten Augen die ich je bei einem Pferd gesehen habe. Nur die Augen von Sibolda, meiner Frau, sind noch schöner.

Der Gedanke an Sibolda ruft die Erinnerung an unseren heutigen Streit wieder in mein Gedächtnis. Ich liebe sie über alles, aber manchmal versteht sie mich einfach nicht. Schließlich muss ich meine Interessen vertreten, ich muss sicherstellen, dass jeder der sich Geld von mir leiht, es auch zurückzahlt. Wie kann ich weiterhin für unser Auskommen sorgen, wie all ihre Bedürfnisse und Wünsche erfüllen, wenn ich nicht sorgsam auf die Einhaltung der Regeln achte? Sie allerdings wirft mir vor, dass ich zu wenig auf das Wohlergehen anderer Menschen bedacht bin.

Das schmerzt. Ich denke ständig an Ihr Wohl. Kann sie das nicht erkennen? Sie bekommt was immer sie verlangt. Was sonst erwartet sie von mir? Erwartet sie wirklich, dass ich die Schulden, von Ulf, dem Helfer des Schmieds, einfach vergesse? Wo würde das enden? Ich weiß, es ist schwierig für Ulf, das Geld zurückzuzahlen, aber er hat Arbeit, und es wird nur wenige Jahre dauern, bis er schuldenfrei ist. Wie kann er es wagen, meine Frau mit dieser lächerlichen Kleinigkeit zu belästigen.

Dann sehe ich das Pferd, und all meine Gedanken an die Diskussion über Ulf sind wie weggeblasen. Es ist ein prächtiger Hengst, sein Fell glänzt in einem wunderbaren Braunton, Mähne und Schweif sind schwarz wie die Nacht. Das Tier ist deutlich größer als meine Stute und seine breite Brust verspricht eine ausdauernde Lunge, aber trotzdem ist sein Körperbau feingliedrig, mit schlanken kraftvollen Beinen, die ihn bestimmt schnell und weit tragen können.

Dieses Pferd muss ich haben!

„Ich grüße Euch, Reisender. Mein Name ist Roncun und mir gehört der einzige Laden in unserem feinen Dorf. Wenn ihr also etwas benötigt, lasst es mich wissen, und ich sehe was ich für Euch tun kann.“, grüße ich den Besitzer des Hengstes.

Seine Antwort fällt freundlich genug aus: „Man nennt mich Streicher, ich bin ein Waldläufer aus dem Norden. Auf Euer Angebot komme ich gerne zurück, ich wollte meine Vorräte sowieso ergänzen.“

Wir schlendern zu meinem Haus, und der Junge, der gerade aushilfsweise den Laden führt, kann seine Überraschung kaum verbergen. Es ist ungewöhnlich, dass ich einen Kunden selbst bediene, meist überlasse ich das meinen Angestellten. Aber in diesem Fall, das gebe ich gerne zu, habe ich ein besonderes Interesse, und er ist schlau genug, das zu erkennen und im hinteren Teil des Hauses zu verschwinden.

„Ihr habt nach Weizen und Mais gefragt. Wie viel braucht Ihr?“ greife ich unser vorheriges Gespräch wieder auf.

„Was kostet es?“

Ich nenne ihm den Preis, und er bittet mich um eine nahezu winzige Menge, vor allem in Anbetracht wie weit von zuhause er weg ist. Meine Hoffnung steigt, er schient nicht viel Geld zu besitzen. Sein weniges Gepäck ließ mich dies bereits vermuten, aber ich sage nichts, sondern wiege ihm die gewünschte Menge ab, und gebe es ihm.

„Braucht Ihr sonst noch etwas?“

Er zögert einen Moment, dann fragt er: „Habt Ihr einen Wetzstein?“

„Ja, ich habe zufällig einen hier.“ Mit diesen Worten zeige ich ihm einen guten Wetzstein, den ein Krieger erst vor einer Woche gegen eine Ampulle Wein getauscht hat. „Hier, seht, er ist noch fast neu.“

„Ja, genau nach so einem habe ich gesucht“, murmelt er, während er den Stein genau ansieht. „Wie viel möchtet Ihr für ihn haben?“

Der Preis, den ich ihm nenne, ist nicht übermäßig hoch, aber ich habe ihn höher angesetzt als ich denke dass er bezahlen kann. Und in der Tat, mit einem leisen Seufzen gibt er mir den Wetzstein zurück.

„So viel habe ich nicht bei mir.“

„Nun, wir könnten einen Tauschhandel abschließen.“

Streicher, der sich bereits zum Gehen abgewandt hat, verharrt und fragt: „Tauschen? Was könnte ich besitzen, das von Euch für Interesse ist?“

Seine grauen Augen bohren sich in meine, und mir wird klar, dass er etwas in der Art erwartet hat. Aber dennoch, er braucht Geld und ich will sein Pferd. Ich mache ihm ein Angebot, dass er unmöglich ausschlagen kann: „Euren Hengst. Ich gebe Euch ein anderes Pferd, es stehen mehrere von meinen besten Tieren zum Verkauf, Ihr habt die freie Wahl unter ihnen. Es sind gute Pferde, sie werden Euch tragen wohin immer Euer Weg Euch führt. Zusätzlich bekommt Ihr noch Verpflegung, so viel in Euren Beutel passt, und in die Packtaschen, die ich Euch auch noch dazu gebe. Oh, und natürlich den Wetzstein.“

„Das ist in der Tat ein großzügiges Angebot“, sagt er langsam, aber dann fährt er bestimmt fort: „aber ich trenne mich nicht von meinem Pferd. Er ist mir ans Herz gewachsen, ich habe ihn eigenhändig ausgebildet, und er hat mich schon durch manche Gefahr getragen.“

Ich bin seit Kindestagen an Händler, ich weiß wann ich eine Chance auf einen Handel habe, und wann nicht. Dieser Mann wird sein Pferd nicht für Geld oder andere Waren hergeben. Ich hasse es zu verlieren, aber das zeige ich nicht. „Wirklich schade. Meine Stute wäre sicher sehr erfreut über seine Gesellschaft gewesen. Wenn Ihr es Euch noch anders überlegt, lasst es mich wissen.“

Seine Lippen zucken in unterdrücktem Lachen, und er verbeugt sich leicht vor mir, während er sich verabschiedet: „Meine aufrichtige Entschuldigung an Eure Stute. Lebt Wohl, Roncun.“

Ich verlasse den Laden hinter ihm, um zurück zum Markplatz zu schlendern. Dabei stehle ich einen letzten bewundernden Blick auf den prachtvollen Hengst, aber ich werde von Ulf unterbrochen, der aus einer Seitengasse angerannt kommt, und sich mir zu Füssen wirft. Während er sich an meinen Mantel krallt, beginnt er hektisch und kaum verständlich von der Frau die er liebt zu erzählen. Und davon, dass er sie nicht heiraten kann, weil ihr Vater keinen als Ehemann akzeptiert, der verschuldet ist.

Ich höre kaum hin, meine Frau hat mir all dies schließlich bereits erzählt, und ich mache mir eher Sorgen um die Leute die sich um uns versammeln. Im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen genieße ich normalerweise, aber nicht aus einem Grund wie diesem. Und nun beginnt der Junge auch noch zu weinen! Meine Wangen werden heiß vor Verlegenheit.

„Es tut mir leid, Ulf, aber wir haben einen Vertrag. Du musst mir das Geld, das ich dir geliehen habe, zurückzahlen. Wo würde es enden, wenn ich jedem seine Schulden erlassen würde? Alle würde das zukünftig von mir erwarten, und wovon würde meine Familie dann leben?“

Inzwischen hat sich eine Gruppe bestehend aus Nachbarn und zufällig vorbeilaufenden um ums versammelt, und ich höre vereinzelte Anschuldigungen gegen mich, aber ein paar signalisieren mir auch ihr Verständnis für meine Situation. Einer fährt sogar den Junge an: „Warum hast du überhaupt Schulden gemacht, wenn du nicht vorhast, es zurückzuzahlen. Das hättest du dir besser vorher überlegt!“

Ich erkenne den Sprecher, er schuldet mir selbst Geld und ist im Rückstand mit den Zahlungen. Na, der sollte sich eher mal an die eigene Nase fassen!

„Ich weiß…, es war für meine Mutter, sie war krank, sie brauchte den Arzt…“ verteidigt sich Ulf, noch immer unter Tränen. „Bitte… ich flehe Euch an… bitte…“

Nun wird es mir wirklich unangenehm. Noch immer hängt das Bürschchen an meinem Mantel und sein verzweifeltes Flehen ist kaum hörbar zwischen seinen Schluchzern. Und das Schlimmste: ich erinnere mich wieder an seine Mutter. Sie starb nur wenige Tage nachdem ich ihm das Geld geliehen hatte. Es war nicht einmal viel Geld, ich könnte problemlos darauf verzichten, aber hier geht es um das Prinzip. Und nach dieser Szene kann ich erst recht nicht nachgeben. Ich setze mein strengstes Gesicht auf. „Wir haben eine Vereinbarung, und ich erwarte, dass du deinen Teil erfüllst. Und nun lass meinen Mantel los, Ulf.“

Da sagt jemand an meiner Seite leise zu mir: „Wie viel schuldet er Euch?“

Verblüfft drehe ich mich um und starre Streicher an. Wo kommt der denn so plötzlich her? Er wiederum hat nur Augen für Ulf. Ich nenne ihm leise die Summe, wohl wissend, dass auch er das Geld nicht hat. Streicher streichelt seinem Hengst über die Nase, und flüstert dem Tier etwas ins Ohr, dann drückt er mir abrupt die Zügel in die Hand. Sein Gesicht ist ausdruckslos. „Sein Name ist Leofa. Er gehört Euch. Ich denke, nun ist der junge Mann hier frei von seiner Schuld?“

Ich bin so erstaunt, dass ich nur ein Nicken zustande bekomme. Außerdem unterbricht uns jetzt noch jemand anders: „Streicher, was tust du? Kann ich dich nicht einen Moment aus den Augen lassen, ohne dass du eine Dummheit begehst?“

Ein alter Mann kommt auf uns zu. Sein Haar und Bart sind grau, genau wie sein langer weiter Mantel und der spitze Hut. Dennoch bewegt er sich erstaunlich rasch und gelenkig für einen Mann in seinem Alter, und der lange Stab scheint weniger Stütze als Zierde zu sein. Drohend baut er sich vor Streicher auf, und im Geiste stimme ich ihm zu: Streicher ist ein Idiot. Der wiederum ist unbeeindruckt, und erwidert den herausfordernden Blick des Alten. Seine Antwort ist leise, aber bestimmt: „Zwei Liebende haben die Gelegenheit in Heirat vereint zu werden. Und ich kann es ihnen ermöglichen. Sage mir, Gandalf, wie könnte ich etwas anderes tun als ihnen zu helfen?“

Gandalf scheint kurz zu überlegen, ob er diese Frage wirklich beantworten soll, aber dann seufzt er und legt seine Hand auf Streichers Schulter. „Ich verstehe, mein Freund, ich verstehe. Nun, dann komm. Was wir suchen werden wir hier nicht finden, wir müssen uns woanders umsehen, und vielleicht warst du der Weisere von uns beiden, Pferde werden uns nicht von Nutzen sein wo wir als nächstes hin müssen.“

Und bevor ich fragen kann, ob Streicher das restliche Geld für den Hengst in Geld oder in Waren haben möchte, brechen sie auf.

Ich wage es nicht, das Pferd allein zu lassen, obwohl bereits die halbe Nacht vorbei ist, ohne dass etwas passiert ist. Der Hengst ist mir willig gefolgt. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen bin ich misstrauisch. Ich fürchte Streicher und sein Freund werden versuchen ihn mir wieder abzunehmen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand so ein prachtvolles Tier einfach so abgibt um jemandem vollkommen Fremden zu helfen. Auch Streichers Worte zu Gandalf beruhigen mich nicht wirklich. Ulf und Streicher haben sich noch nie getroffen, ich habe herumgefragt, und Ulf ist mindestens so überrascht wie ich, nur im Gegensatz zu mir ist er nun glücklich während ich mir Sorgen mache und mich unbehaglich fühle.

Mein Unbehagen beruht sicherlich zum Teil darauf, dass ich eine Falle wittere. Aber es passiert nichts. Der Hengst steht ruhig neben der Stute und frisst sein Futter. Sie haben sich vom ersten Moment an ausgezeichnet verstanden. Und es mag gut sein, dass das Fohlen, auf das ich hoffe, bereits gezeugt ist.

Die Nacht vergeht, und es passiert nichts.

Am Morgen schicke ich einen meiner Helfer los, um nach den Fremden zu fragen, und er teilt mir mit, dass sie unsere Gegend bereits gestern Abend verlassen haben. Die Fremden sind weg, aber mein Unbehagen bleibt. Und mir wird klar, dass es nicht Furcht ist, die ich fühle, sondern Scham.

* * * * *

Im Jahre 3017 des dritten Zeitalters

Mit Stolz blicke ich über meine kleine Herde. Die Zucht wirft noch kein Geld ab, aber das spielt keine Rolle. Ich habe noch eine zweite Stute aus Harad erwerben können, und die Fohlen meiner beiden Schönheiten entwickeln sich in wahrlich prachtvolle Tiere. Wenn ich mich je von ihnen trennen kann, werden sie mir eine gute Stange Geld einbringen. Außerdem habe ich ja noch immer mein Geschäft, und es läuft gut. Und seit meine Frau mich davon überzeugt hat, das große Stadthaus gegen eine kleine Farm einzutauschen, ist das Leben zwar einfacher aber auch günstiger geworden. Und sehr viel erfüllender, wie ich zu meiner Überraschung festgestellt habe.

Ich liebe Momente wie diesen. Zu beobachten, wie die Pferde im roten Abendlicht zur Ruhe kommen, hat etwas sehr beruhigendes. Aber diesen Abend kommen die Pferde nicht zur Ruhe. Ganz besonders Leofa, der Hengst, den ich einst von Streicher bekommen habe, läuft ruhelos auf und ab, und hält nur inne, um angespannt und mit gespitzten Ohren in den Wald zu starren.

Vielleicht ist ein Wolf unterwegs, denke ich mir, und überlege, ob ich die kleine Herde über Nacht in den Stall sperren soll. Aber dann lösen sich einige große Schatten vom Waldrand, und ich erkenne dass es sich um eine Gruppe Reiter handelt.

Es sind Männer aus Rohan. Unsere Bande mit Rohan sind lose, aber freundschaftlich. Hier im Grenzgebiet, gerade außerhalb König Theodens Reich, profitieren wir vom Schutz der mutigen Reiter, ohne zu Abgaben verpflichtet zu sein. Das ist mir klar. Und mir ist auch klar, dass die Zeiten düster sind, und der Schatten Mordors näher rückt.

Ich habe diesen Tag schon lange gefürchtet – und nun ist er gekommen.

Der Anführer der kleinen Gruppe bringt sein Pferd vor mir zum stehen, und sagt: „Ich bin Eomer, Eomunds Sohn. Ich grüße Euch.“

„Willkommen, Eomer,“ erwidere ich höflich. „Mein Name ist Roncun. Wie kann ich euch von Diensten sein?“

Er springt von seinem Schlachtross – ein mächtiges Tier, von fast so kräftiger Gestalt wie der beste von Leofas Söhnen – und antwortet: „Es gibt in der Tat einen Dienst um den ich Euch im Namen König Theodens bitten möchte. Wie Ihr bestimmt wisst, steigt die Zahl unserer Feinde beständig, aber die Menge der uns zur Verfügung stehenden Pferde schwindet. Ihr habt hier eine feine Zucht, sogar in Edoras spricht man von Eurem fabelhaften Hengst.“

Ich hebe verblüfft meine Augenbrauen. Mir war nicht klar, dass Leofas Ruhm bis an des Königs Hof reicht.

Eomer lässt seinen Blick über die Herde schweifen, und vor allem über Leofa. „Er ist wirklich prachtvoll, und seine Nachkommen sehen viel versprechend aus.“

Darauf antworte ich nicht, stattdessen versuche ich mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen. Ich wusste, das dieser Tag kommen würde, und deshalb sind meine besten Pferde, zwei junge Stuten und drei Junghengste, alles Nachkommen Leofas und der Stuten aus dem Süden, wohl verborgen auf versteckt liegenden Weiden. Die Reiter aus Rohan werden mir die Zuchtstuten und den Leithengst nicht nehmen, und die Fohlen sind noch zu jung zum Absetzen. Ich muss nur die Ruhe bewahren, und sie werden unverrichteter Dinge von dannen ziehen.

„Habt ihr die Jährlinge und die älteren Fohlen schon alle verkauft?“

Eomer kommt gleich zur Sache. Als Verkäufer und Geschäftsmann bevorzuge ich eine etwas andere Taktik, aber in diesem Fall möchte auch ich die Angelegenheit so schnell wie möglich hinter mich bringen. „Ja, mein Herr.“

Einige der Reiter murmeln ärgerlich, sie glauben mir offensichtlich nicht. Eomer bringt sie mit einem scharfen Blick zum schweigen, dann sagt er: „Ihr wisst, warum wir hier sind, ist es nicht so? König Theoden braucht starke gute Pferde, hat aber kein Geld, um sie in ausreichender Menge zu kaufen. Aber wir sind nicht gekommen um zu rauben. Wir nehmen nur, was uns freiwillig gegeben wird.“

Dazu sage ich wieder nichts, und nach einem Moment seufzt Eomer. „Wie Ihr wollt.“

Während er aufsteigt, spricht er zu seinen Männern, und aus seiner Stimme kann ich die Enttäuschung heraushören: „Kommt, Reiter von Rohan, wir müssen weiter, wir haben noch einen weiten Weg vor uns bevor wir uns ein Nachtlager suchen können.“

Sie wenden ihre Pferde und reiten weg. Ich kann es kaum glauben, sie reiten wirklich weg.

Aber ich bin nicht glücklich, ich bin noch nicht einmal erleichtert. Stattdessen überkommt mich ein wohlbekanntes Gefühl von Unbehagen. Ich erkenne es sofort, nach sechs Jahren ist es mir wohl vertraut. Vor meinem inneren Auge erscheint Streichers Gesicht, und ich meine seine Stimme zu hören: „Dieses Mal seid Ihr es, der etwas tun kann um zu helfen.“

Genug! Ich habe die Gelegenheit bei Streicher verpasst, aber hier habe ich eine Möglichkeit, mich von den Gefühlen der Scham und der Schuld zu befreiten, die ich seit jenem Viehmarkt vor sechs Jahren mit mir herumtrage.

„Eomer, wartet!“

Ich führe ihn zu den verborgenen Weiden. Mein Stimme ist belegt, als ich schließlich spreche: „Nehmt die drei Junghengste. Aber ich habe einen Wunsch. Seht Ihr den Braunen, den größten der drei, den mit der breiten Brust? Er ist fünf Jahre alt, bereits trainiert, und der beste der Nachkommen von Leofa. Für ihn liegt mir besonders am Herzen, dass er in gute Hände kommt.“

Eomer fährt prüfend mit der Hand über den Körper und die schlanken Beine aller Hengste, aber den Braunen sieht er sich besonders genau an, und seine Augen leuchten, als er sich mir endlich zuwendet. „Ihr habt Recht, es ist ein prachtvolles Tier. Er wird einen würdigen Reiter bekommen, das kann ich Euch versprechen. Theodred, des Königs Sohn, wird sein Reiter sein. Wie heißt das Tier?“

„Brego“, sage ich, und zu meiner Überraschung fühle ich wie mein Herz plötzlich leicht wird. „Sein Name ist Brego.“
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