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Sei still im Hexenhaus

von jazzylin
GeschichteDrama / P18 / Gen
Det. Robert Goren
14.07.2009
14.07.2009
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14.07.2009 5.758
 
Sei still im Hexenhaus

Von Jazzy L.
(Alle Rechte liegen beim Autor)

http://jazzylin.blogspot.com/

Robert Goren war größer als alle anderen Männer, die Sarah Brosington kannte Er war breit gebaut mit schwarzem Haar, kurz geschnitten. Seine Garderobe war maßgeschneidert, sein Geschmack in allem erlesen und exquisit. Er war Single, schon seit geraumer Zeit.
Sarah kannte die hübsche Evelyn seit letzter Woche aus einem Café. Immer, wenn John in der Vorschule war, Löwenköpfe aus Tonpapier bastelte oder Parkhäuser aus Legosteinen baute, bummelte Sarah durch die Boutiquen. Manchmal kam es vor, dass sie tausend £ und mehr ausgab, manchmal erstand sie nur einen Rock oder ein Paar Ohrringe. Aber jedes Mal setzte sie sich danach in ein Café, um schnell noch eine Tasse grünen Tee zu trinken, bevor sie John wieder von der Vorschule abholen musste. Heimfahren, Mittagessen, die Einkäufe verstauen, mit Freundinnen telefonieren und darauf warten, dass Matthew aus seinem Büro in der City zurückkam.
Bei ihrem grünen Tee, der zweiten Tasse an jenem Tag, lernte sie Evelyn kennen. Ein Zufall, weil Evelyn über eine von Sarahs rosaroten Einkaufstüten stolperte und sich wortreich dafür entschuldigte.
Die Idee, Evelyn mit Robert Goren bekannt zu machen, überrumpelte Sarah geradezu. Vielleicht, weil Evelyn so hübsch war und einen intelligenten Eindruck machte. Oder vielleicht, weil sie mit ihrer netten Art und der zerbrechlichen Figur Sarahs Instinkt weckte, sie unter die Fittiche zu nehmen. Vielleicht aber auch, weil Sarah Brosington es unmöglich fand, dass ein attraktiver Mann wie Robert allein lebte.
Matthew Brosington, Sarahs Ehemann, würde sagen, dass Sarah es einfach nicht ertragen konnte, dass es Menschen gab, die nicht in einer Beziehung steckten. Nun, Sarah gab zu, dass das auf Menschen zutraf, die zu ihrem Bekanntenkreis zählten. Und davon gab es eine Menge. Einige davon hatte Matt mit in die Ehe gebracht sozusagen, einige davon Sarah, und der Rest war später dazugekommen, als gemeinsame Anschaffungen, wie Matt sich einmal ausgedrückt hatte.
Robert zählte zu zweiter Gattung.
Evelyn wurde von Sarah bei Tee und Gurkensandwichs sorgsam unter die Lupe genommen, drei Tage hintereinander, jeweils von 12-13 Uhr, bis Johns Vorschule schloss, und letztendlich wurde sie zum Dinner in das Stadthaus der Brosingtons eingeladen.


*


Matthew Brosington hatte die Mahnung seiner Frau noch in den Ohren: Sei bloß pünktlich, hörst du? Cocktails um 19 Uhr, Dinner um 20 Uhr.
„Ja doch, zum hundertsten Mal, ja doch“, sagte er, obwohl er allein im Auto saß. Er kam von einem Treffen mit Geschäftspartnern seiner Firma.
Früher, vor seiner Heirat mit Sarah, war Matthew Brosington Schauspieler gewesen, und heute besaß er eine Produktionsfirma fürs Theater. Es machte ihm nichts aus, nicht mehr im Rampenlicht einer großen Bühne zu stehen, nicht mehr den jungen Liebhaber, den Helden, die Hauptrolle zu spielen, obwohl sein Ego aufpoliert wurde, wenn er ab und zu auf der Straße oder in Restaurants von jemandem erkannt und um ein Autogramm gebeten wurde. Meist von Frauen. Besonderen Spaß bereitete es ihm, wenn bei einer solchen Gelegenheit - die zunehmend seltener wurden - Sarah an seiner Seite war.
Manchmal hatte er den Verdacht, dass sie vergessen hatte, wie es damals gewesen war, als sie ihn angehimmelt hatte. Er, der Hauptdarsteller zahlreicher Bühnenstücke, schlank, mit dunklen Locken, der - wenn es die Rolle verlangte - einen unnachahmlich charmanten Blick ins Publikum werfen konnte.
Seit John Geburt hatte es sich Sarah zur Aufgabe gemacht, die beste Mutter Londons zu werden, was ihr meist gelang. Doch seit John die Vorschule besuchte, suchte Sarah nach neuen Projekten. Das Haus umgestalten war eines gewesen, Spenden für die Vorschule sammeln ein anderes. War eines der Projekte abgeschlossen, folgte das nächste, oft ohne lange Pausen dazuwischen. Bei allem, was sie tat, war sie mit Ehrgeiz dabei. Seit geraumer Zeit war sie mit dem Gedanken beschäftigt, Robert Goren zu verkuppeln. Warum auch immer, Matthew wusste es nicht.
Er bog in eine der vierspurigen Hauptstraßen ein und bereute sofort diesen Fehler. Um diese Uhrzeit, kurz vor 18 Uhr, war sie verstopft mit Bussen, LKWs und eilenden Fußgängern. Matthew lenkte den BMW in die nächste beste Seitenstraße und hielt an einer roten Ampel.
Was Robert dazu bewog, heute Abend Sarahs Einladung zu folgen, war ihm ein Rätsel. Robert Goren war  nicht der Typ, der sich von jemand manipulieren ließ. Robert vermittelte manchmal den Eindruck, er sei etwas unbeholfen und ratlos, aber jeder, der darauf hereinfiel, wurde irgendwann von Robert verspeist - im Vorbeigehen.
„Wieso willst du ihn verkuppeln?“ hatte Matthew Sarah gefragt. „Er ist ein Musterbeispiel von Junggesellen, der allein zurechtkommt. Hervorragend zurechtkommt.“ Und: „Beinahe könnte man ihn beneiden.“
Hatte Matthew das wirklich gesagt? Beinahe könnte man ihn beneiden.
Wohl kaum. Nein, es wäre unklug gewesen, Sarah diesen Gedanken gegenüber laut auszusprechen. Aber das andere, das hatte er gefragt, und Sarah hatte Matthew mit diesem Blick bedacht, der für John reserviert war, wenn er Fragen stellte wie: Warum krabbeln die Ameisen?
„Robert“, so erklärte Sarah geduldig und sprach langsam, damit Matthew ihr folgen konnte, „Robert braucht eine Frau.“
„Wozu?“
„Himmel, wie soll ich dir das begreiflich machen?“
Als die Ampel auf Grün schaltete, lenkte Matthew den Wagen über eine kleine Kreuzung und hatte plötzlich keine Ahnung, wo er sich befand. In knapp einer halben Stunde sollte er zuhause sein, sich duschen, frisch anziehen und Sarah, Robert und dieser - Evelyn? - Cocktails anbieten. Smalltalk, vielleicht eine Anecktode aus seiner Zeit als Schauspieler, dann das Dinner und zum Abschluss Whiskey und guten Pfeifentabak.
Matthew fuhr an die nächste Ampel und war dankbar, dass sie gerade auf Orange sprang. So hatte er Gelegenheit, sich zu orientieren, doch seine Gedanken schweifen unweigerlich ab.
Was hatte Robert nur dazu veranlasst, Sarahs Einladung zuzusagen? Jede Wette, dass er keinen Schimmer hatte, was geplant war.
„Robert ist scharfsinnig und unabhängig“, das war Matthews letzter Einwand gewesen. „Wenn ihm danach ist, Frauen abzuschleppen, kann er das ohne Hilfe. Er braucht bei überhaupt gar nichts Hilfe!“
„Und wieso hat er dann seinen Job geschmissen? Von einem Tag auf den anderen. Eine Karriere beim Scotland Yard, die wirft man nicht weg!“
„Er hat nur... Er braucht lediglich eine Auszeit. Das ist alles.“
„Das ist der laute Hilferuf eines deprimierten Freundes!“
„Herrgott, er hat durchgeknallte Mörder gejagt. Jahrelang! Und vergiss nicht, was ihm zugestoßen ist.“  
„Eben deshalb, gerade deshalb braucht er eine Frau! Nicht die Sorte, die Männer in den Nachtclubs abschleppen. Sondern eine, die Einfühlungsvermögen mitbringt, die Robert wieder aufbaut. Eine, die klug ist, hübsch ist, nicht zu klein, nicht zu groß. Eine, die einem interessanten Beruf nachgeht, aus einem soliden Elternhaus stammt, eine manierliche Erziehung genossen hat. Eine, die perfekt ist. Eine, wie ich sie ausgesucht habe für ihn.“
O Gott, er sollte Robert warnen, er sollte sich solidarisch zeigen und ihn anrufen, ehe alle Beteiligten in einen peinlichen Abend hineinschlitterten.
Matthew griff nach seinem Handy, doch dann fiel ihm ein, dass er Roberts Nummer gar nicht kannte. Robert Goren war Sarahs Freund, nicht seiner, obwohl er ihn sehr respektierte.
An der nächsten Kreuzung musste Matthew Brosington zugeben, dass er sich verfahren hatte. Natürlich würde er das keinem Menschen gegenüber zugeben, aber es war nun mal Tatsache, dass er sich in einem Viertel befand, in dem er nie zuvor gewesen war, und von dem er nicht wusste, wie er wieder herauskam. Es war eines der Viertel, die gerade in waren. Künstler und solche, die es gerne sein wollten, hatten es für sich entdeckt und es nach und nach infiltriert. Sie hatten die Fassaden der winzigen Reihenhäuser bunt gestrichen, Bistros und Weinkeller eröffnet, es wurden regelmäßig Buchbesprechungen, Literaturlesungen und improvisierte Shows aller Art abgehalten, und schon stiegen die Immobilienpreise ins Astronomische. Eine Handvoll von Matthews Bekannten aus der Theaterbranche war verrückt danach, hierher zu ziehen.
Wie kam er nur wieder in die City, von wo aus es ein Leichtes war, nach Hause zu finden? Die Digitaluhr am Armaturenbrett sprang auf 18.30 Uhr.
Sarah würde jetzt der Hausangestellten letzte Anweisungen erteilen, Johns Kindermädchen bis morgen verabschieden und die Köchin kontrollieren, die sicher seit Sunden das Menu zubereitete.
Matthew befürchtete, dass er nach dem Weg fragen musste. Er stöhnte auf, dann fluchte er. Ein Volvo hupte hinter ihm, weil Matthews BMW unentschlossen auf der Mittelspur entlang kroch, und Matthew schickte einen bösen Blick durch den Rückspiegel. Er fuhr etwas schneller und entschied sich, links abzubiegen, weil er sich einredete, über einen Orientierungssinn zu verfügen, der ihm als männliches Wesen angeboren war.
Abrupt schlug er das Lenkrad herum, wendete auf einem Zebrastreifen, fuhr in eine Querstraße. Aber es nutzte ihm wenig, denn sie mündete in eine Sackgasse mit Baustellen. Matthew zündete seine Pfeife an, die er Gott Lob im Handschuhfach fand, und versuchte gleichzeitig, den Rückwärtsgang zu finden. Matthew öffnete das Seitenfenster und blies den Rauch hinaus. Er entziffere ein Straßenschild. Sollte er an dieser Ecke abbiegen? So klein das Viertel auch war, so verwinkelt und verbaut war es.
Drei Querstraßen weiter geriet er in eine Einbahnstraße und war gezwungen, Schritttempo zu fahren. Stände waren zu beiden Seiten der ohnehin engen Fahrbahn aufgebaut, und junge Leute boten allen möglichen Kram an, den sie auf selbstbemalten Schildern Kunst nannten. In Wirklichkeit war es nichts anderes als ein Flohmarkt. Skulpturen aus imitiertem Marmor, Gemälde auf billiger Leinwand, Schnitzereien aus Kieferholz und undefinierbare Gebilde aus verschiedenen Metallen. Andere boten selbstgemachte Chutneys an, gebrannte Liköre und einheimische Früchte. Unter großen Ahornbäumen waren Sonnenschirme aufgespannt, um die Blätter abzufangen, die in der Abendbrise von dicken Ästen herabsegelten. Sie waren bunt wie alles andere in diesem Viertel, als hätten sie sich dazu entschlossen, sich im September ihrem Unfeld anzupassen.
Matthew sah den Käufern und Interessenten sofort an, dass sie sich aus Imagegründen weigerten, in den großen Warenhäusern einzukaufen. Frauen mit Designerjeans, grellen Handtaschen, und Männer mit dicken Brieftaschen, implantieren Haaren und Polo T-Shirts.
Matthew steuerte den BMW konzentriert zwischen eine aufgebaute Staffelei, vor der ein Portraitmaler nebst Modell saß, und einem Kastenwagen, der alte Stehlampen geladen hatte und literweise Öl verlor, hindurch, als ihm eine Frau mit grüner Baseball-Kappe vor den Wagen lief.
Matthew trat mit beiden Füßen gleichzeitig auf die Bremse und nahm im Unterbewusstsein ein lautes Quietschen wahr. Einen Moment lang befürchtete er, sein Herz war vor Schreck zersprungen, dann realisierte er, dass der Schmerz in seiner Brust vom Sicherheitsgurt kam, der ihn einschnürte. Er hörte sein Herz pochen. Er sah, wie die Pfeife zwischen seinen Füßen hin- und herrollte. Und er hörte, wie um ihn herum der Tumult losbrach. Das Gesicht des Portraitmalers tauchte am Fahrerfenster auf, ein anderes, ebenso zorniges an der Frontscheibe, Fäuste wurden drohend in Matthews Richtung geschüttelt, wütende Stimmen schwollen an.
Er dachte nur: Scheiße! Scheiße, Scheiße, Scheiße.


*


Als Jazz ins Esszimmer der Brosingtons schneite, bot sie einen höchst eigenwilligen Anblick.
Unter ihrer grünen Baseball-Kappe quollen rote Haare hervor. Sie waren zerzaust, und Ahornblätter hatten sich darin verfangen. Lange Beine steckten in schwarzen Wildlederstiefeln, die bis zu den Knien reichten. Der obere Teil der Beine wurde von einem kurzen Wollrock verdeckt, ebenfalls schwarz. Die grüne Jacke aus Cashmeere hatte viel zu lange Ärmel, und ein roter Seidenschal lag um den Hals geschlungen. Alles war verknittert, verschmutzt und verströmte den Geruch von Motoröl und Benzin.
„Hallo, ich bin Jazz“, sagte sie und verzog ihren blutroten Mund zu einem Lächeln.


*


Sarah musste es dulden, dass Matthew diese Jazz zum Bleiben einlud, ihr sogar flüchtig und vertraut über die roten Haare strich. Sie duldete es, weil es die Höflichkeit gebot, weil Matt Jazz angefahren hatte, und - was am schwersten wog - weil Matt Jazz seit seiner Kindheit kannte.
Er hatte viel erzählt von ihr, früher, bis er merkte, dass Sarah sich nicht für Matts Vergangenheit interessierte, aber sie erinnerte sich an ein paar Dinge: Jazz Aston, Mitte Zwanzig und gelernte - was? - irgendetwas mit Kunst. Wohnte in Soho, und hatte Matt durch die Prüfungen am College gebracht, größtenteils durch illegale Manipulationen an seinen Noten. Matt betonte dabei immer, dass Jazz Jahre jünger war als er, mehrere Klassen übersprungen und mit Auszeichnung abgeschlossen hatte. Laut Matt war es zu keinem Sex zwischen ihren gekommen, abgesehen von einer einmaligen heftigen Knutscherei nach zuviel Bier und Marihuana auf der Abschlussfeier. Kein Sex mit ihr.
Oder doch? Hatte Matt in diesem Punkt gelogen?
Dass die beiden sich regelmäßig trafen, war Sarah wohl deshalb ein Dorn in den Augen, weil sie sich nicht sicher sein konnte, ob Matthew diesbezüglich die Wahrheit sagte.
Noch, bevor der erste Gang serviert wurde, nahm Sarah Jazz mit hinauf in eines der Gästezimmer. Aus einem Schrank nahm sie eine Hose, aus einer Kommode eine weiße Bluse. Während sich Jazz die Sachen anzog, steckte Sarah die schmutzigen Kleider in eine Tüte.
Ausgerechnet heute! Ausgerechnet jetzt, wo alles nach Plan lief! Robert hatte Matts Pflichten als Hausherr und Gastgeber übernommen und sich um die Drinks gekümmert. Er war charmant und witzig gewesen. Er hatte die Frauen mit Komplimenten bedacht, sie ins Esszimmer geführt. Er hatte für Evelyn den Stuhl zurechtgerückt. Er hatte sich mit Evelyn unterhalten.
Ein schönes Paar, hatte Sarah gedacht. Er mit tadellosen Manieren, gebildet, vermögend und doch ein ganzer Kerl. Sie von zierlicher Gestalt und vornehm zurückhaltend.
Sarah blickte zu Jazz, die auf der Bettkante saß und die frischen Kleider anzog. Sie passten, nur die Hose war etwas kurz, weil Jazz größer war als Sarah. Aber alles war angebrachter für ein Dinner als die alten Sachen. Jazz reichte Sarah die grüne Kappe und fischte herbstliche Ahornblätter aus ihrem Haar.
Ausgerechnet heute! Sarah lag eine bissige Bemerkung auf der Zunge.
„Du bist wie Anilinviolett“, bemerkte Jazz und legte eines der Blätter auf ihren Handrücken, um es in die Luft zu pusten.
„Anilinviolett? Die Farbe?“ Sarah wusste, dass Matt und Jazz sich häufig in einer Art Geheimsprache unterhielten. Jedoch hatte sie keinen Einblick in die Codewörter, fand es albern und kindisch. Den Sinn, weshalb sie das machten, hatte sie nie verstanden.
„Dieser Farbton ist gut. Ganz anders als Kirschrot.“
„Oh. Äh. Danke.“ Ein wenig verlegen steckte Sarah den Kopf durch die Zimmertür und rief nach Matthew: „Bist du fertig mit Duschen?“
„Schon auf dem Weg nach unten!“
Endlich waren sie alle am Tisch versammelt. Sicher schmeckte die Pilzsuppe köstlich, doch Sarah nahm nur vage wahr, was sie aß. Zu sehr war sie damit beschäftigt, die anderen zu beobachten. Robert Goren, der neben Evelyn saß, und Jazz Aston und Matthew auf der Seite gegenüber. Sarah selbst hatte den Stuhl an der Stirnseite gewählt. Die Männer schenkten Wein nach, und Matt machte eine ausladende Geste, als stünde er auf einer Bühne. „Ich war mir sicher, die Leute würden mich lynchen, wirklich. Sie kamen mit kleinen Schritten auf mich zu, bildeten einen Kreis um mich. Es war wie in einem Horrorfilm.“
Jazz lächelte. „Als ich erkannte, dass es Matt war, der mich angefahren hatte, zog ich in Erwägung, den Mob auf ihn zu hetzen.“
„Ich habe dich nicht angefahren, Herzblatt, du bist mir vor das Auto gelaufen. Das ist ein Unterschied. Ein beträchtlicher Unterschied sogar! Wo warst du nur mit deinen Gedanken?“
„Anthrazit. Und Elfenbeinschwarz.“
„Und wer?“
„Die Unaussprechliche.“
„Tut mir leid. Ist es besser jetzt?“
„Phthaloblau und Kobalt. Dazu etwas Gut.“
„Ich bitte euch!“ Sarah knetete ihre Serviette zwischen den Fingern. „Kein normaler Mensch ist eurer Geheimsprache mächtig. Schluss mit dem Unfug!“
„Sorry“, entschuldigte sich Matthew. „Hier die Übersetzung für die normalen Menschen im Raum: Jazz hat an etwas gedacht, das sie aufgeregt hat, als sie die Straße überquerte. Es geht ihr besser jetzt.“ Er hielt sein Glas in Jazz’ Richtung und trank es leer.
„Hat denn niemand die Polizei gerufen?“ fragte Sarah, besorgt, jemand könnte Matthew im nachhinein verklagen. Schlimmstenfalls Jazz Aston. Womöglich würde sie morgen schon mit einer orthopädischen Halskrause auftauchen und Schmerzensgeld fordern.
„Und ob!“ Matthew schnaufte theatralisch. „Ich debattierte mit denen eine halbe Ewigkeit, aber nur Jazz konnte die beiden begriffsstutzigen Bobbys davon überzeugen, dass nichts passiert war. Was dann geschah, ist typisch, denn einer der Polizisten steckte ihr seine Privatnummer zu!“
Sarah war aufgefallen, dass Robert bemüht gewesen war, Jazz nicht anzusehen, besser gesagt, nicht allzu auffällig anzustarren. Doch nun fixierte er sie mit seinem Blick, und Jazz tat es ihm gleich. Sie unterbrachen den Blickkontakt selbst dann nicht, als Jazz einen Happen Braten auf die Gabel spießte und Robert die Scheibe Brot entgegennahm, die Evelyn ihm reichte.
Die Unterhaltung nahm Sarah in die Hand, um von Jazz abzulenken, denn schließlich galt der Abend nicht ihr. Wenn jemand im Mittelpunkt stehen sollte, dann war das Evelyn. Sarah gab ihr Stichpunkte, und Evelyn ging darauf ein. Der Gesprächsstoff war darauf ausgerichtet, sie in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Ihre Hobbys, ihr Beruf, Bekannte, von denen man ab und an in der Yellowpress lesen konnte.
Die Männer machten an den richtigen Stellen abwechselnd: „Aha“, und „Mhm“, und Jazz schaufelte sich den zweiten Berg Lammbraten und Gemüse auf ihren Teller. Der Blickkontakt zwischen ihr und Robert hatte eine Weile gedauert, nun war er abgebrochen, und Sarah entspannte sich.
Beim Dessert drehte sich alles um Matthews neue Produktion, ein Theaterstück, bei dem es um Begehren und Leidenschaft ging, um eine große Liebe, die durch Intrigen gefährdet wurde. Matthew schmückte die Geschichte lebhaft aus und untermalte sie mit Mimik und Gestik, wie es nur ein Bühnendarsteller vermochte.
Evelyn seufzte wehmütig bei Matthews Erzählung, und als er fertig war, lehnte sie sich in ihrem Polsterstuhl zurück und blickte gerührt.
Sarah hauchte ein: „Schön“, und selbst Matthew, der nicht schwärmerisch veranlagt war, nickte zustimmend.
Roberts Mine verriet nichts, denn er hatte ein riesiges Stück der Buttercremetorte im Mund.
Es entstand eine Stille, in der die Liebesgeschichte nachhing.
„Gibt es keinen Mord?“ Die Stimme von Jazz ernüchterte die anderen, riss sie aus ihren romantischen Fantasien, und Sarah riss entsetzt die Augen auf.
„Mord? Es ist eine Liebesgeschichte, um Himmels Willen!“
„Mit Happyend also. Schade.“
Beinahe erfolgreich unterdrückte Robert ein amüsiertes Grinsen, als er sich an Jazz wandte. Es war das erste Mal, das er das tat, und seine Stimme hörte sich irgendwie anders an als sonst. „Sie meinen, eine Geschichte mit Happyend ist schnell vergessen?“
„Romeo und Julia. Das klassische Beispiel, dass eine gute Geschichte schlecht enden muss“, sagte Jazz.
„Die Liebenden vom Polarkreis“, bestätigte Robert.
„Salz auf unsrer Haut.“ Jazz.
„Aimee und Jaguar.“ Robert.
„Paperhouse.“ Jazz.
„Lovestory“, fügte Evelyn beherzt hinzu, doch Robert verzog widerwillig den Mund, ohne den Blick von Jazz loszueisen. „Amerikanisch.“
„Ich wusste nicht, dass amerikanische Filme oder Literatur nicht zählen“, sagte Evelyn unsicher.
„Ihr könnt beruhigt sein“, schaltete sich Matt ein, „es gibt ein bitteres Ende bei dem Stück. Aber wo sind die Romantiker unter euch? Niemand, der Mitgefühl mit den Liebenden zeigt und ihnen ein langes und glückliches Leben wünscht?“
„Romeo und Julia, die geheiratet und einen Stall Kinder bekommen hätten... bitteschön, aber keiner würde heute wissen, wer die waren“, gab Robert zu bedenken, der mit den Augen blinzelte, um von Jazz loslassen zu können.


*


Leichter Nebel zog auf und verwischte die Konturen. Bäume, Häuser und Hecken gingen weich ineinander über wie auf einem impressionistischen Gemälde. Die Terrasse am hintern Teil des Hauses lag im Halbdunkel. Einzelne Blätter segelten von hohen Nussbäumen, welche das Grundstück der Brosingtons umgaben und die Sicht auf die Straße dahinter aussperrten. Der Himmel war sternenlos, der Mond hinter Wolken versteckt. Es war ruhig und beinahe einsam. Das einzige Licht schien durch das Buntglasfenster, hinter dem der Salon lag.
Jazz Aston saß auf dem Geländer der Terrasse und schnippte Asche ihrer Zigarette auf den Rasen hinunter. Aus dem Salon drang nach einer Weile lautes Lachen. Matthew, unverkennbar. Dann weibliche Stimmen, gedämpft durch die Fensterscheibe und die Terrassentür. Jazz blies eine Nikotinwolke in die Luft und legte dabei ihren Kopf in den Nacken. Sie dachte an nichts, an gar nichts, oder bildete es sich jedenfalls ein. Minutenlang verharrte sie in dieser Position, über ihr der Abendhimmel.
„Und? Wie klappt es?“ fragte sie, als Robert Goren auf sie zuging.
„Was meinen Sie?“ Seine Hände steckten tief in den Hosentaschen, der Lack seiner Schuhe glänzte im schwachen Lichtschein. Sein Brustkorb war breit, sein Körper massig, jedoch trainiert und fest. Das blaue Hemd steckte ordentlich im Hosenbund, eine Krawattennadel hielt eine Krawatte an ihrem Platz. Sein Gang aber war lässig, sein Gesicht entspannt.
„Na, Sie und diese... Eileen?“
„Evelyn.“
„Also?“
„O Gott, ist es so offensichtlich?“
„Dass Sarah Sie verkuppeln will?“ Jazz lächelte, und Robert lächelte zurück. „Wie finden Sie die kleine Evelyn?“
„Nun, sie ist...“ Er suchte offensichtlich nach einem passenden Ausdruck. „Nett.“
„Aha.“
„Was bedeutet dieses Aha?“
„Mich hat noch nie ein Mann nett genannt.“ Sie schnippte die Zigarette über das Geländer, wobei für einen kurzen Moment rote Funken aufglommen.
„Wie dann?“
„Das müssen Sie die Männer fragen. Die können Ihnen erzählen, wie ich bin.“  
„Nein. Nein, das werde ich selbst herausfinden.“
„Wetten Sie nicht darauf, Mr. Robert Goren.“
Er stand jetzt dicht vor Jazz und atmete ihren Duft von Herbst und Nacht ein. Er nahm seine Hände aus den Hosentaschen und legte sie auf das Geländer, direkt neben sie. Sie sah in den Garten, und dann weiter, irgendwo in die Ferne, weit weg. Einen Herzschlag lang war er versucht, sie zu berühren, denn ihr Blick hatte etwas schwermütiges, und auf ihrer Stirn bildete sich eine winzige Falte. Abrupt richtete sie sich wieder auf.
„Sie haben da...“ Jazz deutete auf seinen Mund. „Ich glaube, es ist Buttercreme.“ Ehe er reagieren konnte, wischte sie mit dem Zeigefinger darüber. Es war eine sehr kurze Berührung, trotzdem hatte Robert den Eindruck, Jazz hätte sich an seiner Haut verbrannt, denn blitzartig zuckte sie zurück.
„Da steckst du also! Wir haben dich schon vermisst, Robert.“ Es war Sarah, die auf die Terrasse herauskam. Dann entdeckte sie Jazz, die hinter Roberts Gestalt fast verschwand. Automatisch verzogen sich ihre Mundwinkel und verrieten Unmut, doch Sarah hatte sich rasch wieder unter Kontrolle und setzte ein freundliches Gesicht auf, das einer Gastgeberin angemessen war.
Matthew kam ihr hinterher. In den Händen trug er zwei Gläser mit Whiskey, und eines davon reichte er Robert. „Hab ich etwas verpasst?“
„Wir unterhalten uns über nette Leute“, sagte Robert.
„Folglich über mich.“ Matthew grinste, doch Jazz widersprach ihm prompt: „Du bist nicht nett, du bist Produzent.“
Sarah warf einen ungeduldigen Blick über ihre Schulter zu dem Buntglasfenster, hinter dem sie Evelyn vermutete. „Matt, fährst du Jazz nach Hause? Es ist spät, und ich möchte ihr die Unbequemlichkeiten eines Taxis ersparen.“
„Klar.“ Er hakte sich bei Jazz unter. „Das heißt, falls man Jazz und mich noch mal auf die anderen Verkehrsteilnehmer los lässt.“
„Notfalls habe ich immer noch die Telefonnummer von dem Polizisten“, sagte Jazz. Sie reichte zum Abschied Sarahs Hand, und an Robert gewandt: „Ich wünsche Ihnen noch einen netten Abend, Mr. Robert Goren.“


*


Kalte Krallen! Sie überfielen Jazz ohne Vorwarnung und spielten ein makaberes Spiel. Ein Spiel, in dem es keine Regeln gab, und wenn doch, dann diese: Sterben.
Stahlhart und eiskalt packten sie nach Armen und nach Füßen, hielten sie in Schach.
Jazz öffnete ihren trockenen Mund, war sich aber nicht sicher, ob sie schrie.
… musst still sein … musst still sein …
Undurchdringliche Schwärze umgab sie, hüllte sie ein wie ein stinkendes Leichentuch. Sie fragte sich, ob jedes Licht, das sie je gesehen und ganz selbstverständlich hingenommen hatte, nicht nur eine Illusion gewesen war.
Wie konnte sie wissen, was als nächstes geschehen würde? Würden die Krallen nach ihren Händen greifen, nach ihren Füßen?
Vielleicht war sie tot? Konnte man tot sein, ohne es zu wissen, und hatte eine Vision der Hölle einen Weg gefunden, real zu werden?
Dunkelheit in verschiedenen Nuancen von Grau und Schwarz hatte jetzt Substanz angenommen und kroch in ihren Mund hinein. Sie fühlte, wie sich der zähflüssige Brei in ihren Hals ergoss. Jazz war machtlos gegen das gewaltsame Eindringen. Das schwarze und graue Nichts floss unaufhaltsam durch die Kehle hinunter und breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Jeder Winkel, jeder Hohlraum wurde gefüllt.
Verzweifelt warf Jazz den Kopf hin und her, wollte das Grau und Schwarz abschütteln, das in sie hineinschlüpfte, wollte den Mund schließen, doch er gehorchte ihr nicht. Es war, als hätte eine fremde Macht die Regie über ihre Muskeln, Sehnen und Knochen übernommen und würde sie nun als Marionette für ihre Spielchen benutzen.
Die Finsternis lebt!
Sie lebte in ihrem schmerzenden Körper, lebte durch ihn, füllte ihn aus, saugte Stück für Stück Leben aus ihm heraus.
Jazz stemmte sich gegen die Klauen, stemmte sich mit aller Kraft, die sich noch übrig hatte, dagegen, um ihnen zu entkommen, doch so sehr sie auch kämpfte, die Klauen waren stärker.
Diese Dunkelheit aus Grau und Schwarztönen musste aus ihr heraus, denn sonst würde sie von innen heraus ausgesaugt werden, und von Jazz würde nichts weiter übrig bleiben als eine seelenlose Hülle. Sie musste heraus, musste, musste, musste…
Angetrieben von dieser Erkenntnis bäumte sie sich auf, begann zu würgen und zu spucken.
Husten. Keuchen.
Ihr Magen zog sich in kurzen Interwallen zusammen und pumpte die Dunkelheit nach oben durch die Speiseröhre. Als sie fest davon überzeugt war, sie würde ersticken, quoll der Brei aus ihrem Mund. Sie kotzte ihn regelrecht heraus.
Jazz atmete tief ein, füllte ihre Lungen mit Sauerstoff.
Als die Dunkelheit wich, kehrte auch allmählich das Leben zurück. Nicht viel, gerade genug, um Jazz sehen zu lassen, wie das Grau und das Schwarz von ihrem Körper tropfte und sich schließlich auf dem Boden ergoss.
Da war noch etwas anderes.
Jazz nahm einen Schatten wahr, der sich über ihr abzeichnete: Drohend, lang, spinnengleich.
Ich kenne es! Weiß, wer sich hinter diesem Schatten verbirgt!
Diese Erkenntnis traf Jazz wie ein Stromschlag.
Wer ist es? Wer? Er war vertraut, intim, so vertraut, so entsetzlich vertraut! Wer nur, wer?
Jazz zitterte noch immer, nachdem sie erwacht war und zitternd auf der Bettkante kauerte, sich selbst umarmte und sich hin und her wiegte.
Erst, als sie eine Stunde später aus der Dusche kam, wurde ihr warm, und das Zittern hörte auf. Sie kämmte mit den Fingern durchs feuchte Haar und trug dann roten Lipgloss auf ihre Lippen. Aus einer Kommode im Schlafzimmer griff sie nach einem Männerhemd, das so lang war, dass es die Knie bedeckte, schlüpfte hinein und ging hinüber ins Wohnzimmer. Vor der Staffelei am Fenster blieb sie stehen. Sie nahm einen Kohlestift in die Hand und fuhr mit ihm über das Papier der Staffelei.
Breite Striche, dick aufgetragen mit Kraft und Druck, dünne Linien, präzise und geometrisch angeordnet, die Jazz anschließend mit den bloßen Fingern verwischte.
Grautöne, Schwarztöne, beinahe flächendeckend.
Sie schrak zusammen, als es an der Wohnungstür klopfte. Das Klopfen riss Jazz hinüber auf die Seite der Realität.


*


Barfuss mit dem Kohlestift in der Hand öffnete sie die Tür und trat einen Schritt zurück. Sie sah ihn vor sich stehen, sah seine Lederschuhe, die dunkle Hose, den olivgrünen Merinopullover.
Jazz Aston blinzelte mit dichten und schweren Wimpern, sah hoch in sein Gesicht.
Mit einer Hand stützte er sich lässig am Türrahmen ab, in der andern hielt er eine Schachtel, bedruckt mit winzigen weißen Schleifen.
Ohne ein Wort zu sagen, öffnete Jazz die Schachtel und spähte hinein. Dann steckte sie einen Finger hinein und tauchte ihn in die Buttercremetorte, zog ihn wieder heraus und leckte ihn genüsslich mit der Zunge ab. Als der Finger sauber geleckt war, machte sie die Tür wieder zu, ging zurück an die Staffelei und vervollständigte die Zeichnung mit Grau und Schwarz.
Jenseits von Zeitgefühl, jenseits von Gedanken und fern ab von Alpträumen registrierte sie irgendwann, dass es im Zimmer dunkel wurde. Jazz zog die Vorhänge des einzigen Fensters der Wohnung zu und zündete alle Kerzen an, die auf dem Parkettboden verteilt standen. Dann riss sie die Kohlezeichnung von der Staffelei und hielt eine Ecke des Papiers in die Flamme einer der Kerzen, direkt zu ihren nackten Füßen. Erst als die Zeichnung vollends in Flammen stand und Ruß emporstieg, ließ sie Jazz in einen Papierkorb fallen.
Für einen Moment schloss sie die Augen und verfolgte die orangefarbenen Punkte, die hinter ihren Lidern umherhuschten.
Sekunden später öffnete sie die Wohnungstür, ging sie in die Knie und hob eine Karte, so groß wie ein Streichholzbrief auf, die auf dem Flur lag.
Die Buchstaben darauf waren von Hand geschrieben, gestochen scharf, gerade, aufrecht und ordentlich in königsblauer Tinte. Der Inhalt der Mitteilung - drei Worte nur - war keine Frage, keine Bitte, keine Einladung. Nur:
Morgen 14 Uhr


*


Robert Goren holte sie ab, pünktlich auf die Minute.        
„Was ist das für ein Ding?“ Jazz tippte mit dem Zeigefinger auf die Motorhaube.
„Ding? Das ist eine Corvette Cabriolet. Frisch vom Fließband sozusagen. Ein Freund von mir hat einen Händler gefunden, der diese Babys importiert. Steigst du ein, oder muss ich den Trip allein machen?“
War er bewusst zum Du übergegangen? Jazz nahm es hin und stieg ein, als er ihr die Beifahrertür aufhielt.
„Willst du mich beeindrucken?“ Der milde Wind blies Jazz die Haare aus dem Gesicht, als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten und die Landschaft an ihnen vorbeibrauste.
„Muss ich das noch? Ich dachte, das hätte ich schon längst.“
„Nicht die Spur.“
Er lachte und erkannte, dann Jazz sich alle Mühe gab, einen ausdrucklosen Gesichtsausdruck beizubehalten.  
Sie fuhren bald durch einen Vorort mit Fachwerkhäuser. Der Wagen mit der schimmernden Lackierung erregte in dem Dorf einiges Aufsehen und zog die neugierigen Blicke aller Fußgänger auf sich.
„Später fahren wir auf die Schnellstraße, dann kann uns die Lady zeigen, was sie drauf hat. Zuerst habe ich allerdings eine Überraschung für dich“, verkündete er.
„Wo fahren wir überhaupt hin?“
„Wir sind bald da.“
„Ist das die Antwort?“
„Der Sinn einer Überraschung ist der, dass man sie nicht vorzeitig verrät.“
„Ich hasse Überraschungen! Überraschungen sind wie Chromoxydgrün“, teilte Jazz trotzig mit, doch Robert blieb stur.  
Nach dem Ortsausgangsschild bog er in einen Feldweg ein, der sich ziemlich holprig zwischen Äcker und Wiesen hinschlängelte. Bald wurde es zu kalt, um mit offenem Verdeck so schnell zu fahren, deshalb drosselte Robert die Geschwindigkeit. Da er sich in Schweigen hüllte und sich aufs Fahren konzentrierte, verschränkte Jazz die Arme und sah aus ihrem Seitenfenster.
Wildrosen und Rotdorn säumten die Landstraße. Sanfte Hügel, hinter denen das Moor lag, ermöglichten einen Blick auf Wiesen, knorrige Eichen, Granitblöcken und Geröll. Große Steine lagen mitten der Landschaft. Diese Überreste uralter Kultstätten durchzogen die Wiesen in doppelten und dreifachen Anordnungen, und sie waren genauso mit einem Teppich von Moosen bedeckt wie die Baumstämme.
Als einziges Anzeichen von Zivilisation stand hinter einigen Eichen eine Mühle. Ihre großen Räder drehten sich beharrlich im Kreis wie die Gedanken in Jazz Astons Kopf, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.
„Irgendwoher kenne ich die Strecke. Woher nur?“ fragte sie leise, und der Fahrtwind wehte ihre Worte davon.  
Nach einer Stunde des Schweigens lenkte Robert die Corvette in eine Abzweigung, und sie fuhren an kleinen Wäldern vorbei. Nach ein paar Meilen wurde der Feldweg unbefahrbar und verlor sich in kleinen, endlosen Pfaden.  
Gerade hier parkte Robert den Wagen und hielt Jazz die Tür auf. Er nahm Jazz ohne Worte bei der Hand und führte sie durch verwildertes Gestrüpp, vorbei an Dornenhecken aus Schlehen. Sie stiegen über Wurzeln und Brombeerbüsche. Robert schob Zweige beiseite und Äste beiseite, damit sie vorankamen.
Das dichte Laub der Bäume filterte das Sonnenlicht und ließ nur kleine, goldene Teilchen davon durch. Kein Laut war mehr zu vernehmen.
Dann standen sie plötzlich vor dem Cottage.


*


Das Gebäude war uralt. Es war quadratisch und aus grauen Granitsteinen, die von Wind und Wetter ausgewaschen waren. Die vordere Fassade wurde von Efeuranken und einem Gewirr von Winden, das bis zum Schornstein hinauf wucherte, beinahe vollends verdeckt. Zwar waren die rechteckigen Sprossenfenster blind vor Schmutz, doch man konnte deutlich die aufgemalten Rosenknospen auf den bleiverglasten Scheiben erkennen. Zu beiden Seiten des Gebäudes gab es je einen kleinen Erker, von gräulichen Flechten bewachsen. Die Eingangstür hatte kunstvolle Schnitzereien und einen riesigen Klopfer in Form eines Fisches.  
„Was ist, wollen wir hineingehen?“
Jazz schluckte krampfhaft und nickte. In früheren Zeiten, so wusste sie, war das Cottage gepflegt gewesen, und nun kam ihr es vor wie ein Relikt aus einem vergilbten Märchenbuch.
Während sie auf das Gebäude zugingen, bewölkte sich der Himmel. Eben noch hatte die Sonne alles in einen rötlichen Glanz getaucht, da zog unvermittelt Nebel auf und hüllte das Gemäuer in grauweiße Schleier.
Die Tür quietschte, als Robert Goren sie öffnete. Das Innere des Hauses war düster, durch die Fenster fiel kaum Licht. In den Ecken hingen Spinnweben, und hier und da standen noch vereinzelte, mit Leintüchern abgedeckte Möbelstücke herum.
Jazz erkannte den hohen Schrank mit kunstvoll gedrechselten Sockeln, die mannshohe Standuhr mit Zifferblatt aus Porzellan und Pendel, das sich nicht rührte. Auch hier zogen sich Spinnweben von Winkel zu Winkel.  
„Das Hexenhaus.“
Robert neigte leicht seinen Kopf und schmunzelte. „Hexenhaus … Das ist ein recht eigenwilliger Ausdruck hierfür. Wo steckt die Hexe?“
„Oh, die eine ist schon tot“, flüsterte Jazz mit der Stimme eines kleinen Mädchens. „Aber ich darf nicht darüber sprechen, ich hätte die Konsequenzen zu tragen. Keiner darf über das Hexenhaus sprechen. Die Unaussprechliche hat ’s verboten. Muss still sein. Du auch, Robert. Musst still sein … musst still sein …“
Das Schmunzeln fror auf Roberts Mund ein, denn der Klang ihrer Stimme verursachte ihm eine Gänsehaut. Er fragte sich, ob sie einen Scherz machte, aber ihre großen Augen und die blassen Wangen widersprachen dem.
Plötzlich wirkte sie wieder vollkommen normal, zog eine Stoffhülle von einem Sessel und ließ sich hineinfallen. „Was tun wir hier?“
„Das war Matts Idee. Ihm gehörte das alles. Er hat es verkauft, und ehe morgen die Abrissbirne anrückt, will er eine Art Abschiedsfeier geben.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Eigentlich müsste er mit Sarah jeden Moment hier sein.“  
Mit einem Mal schrillte eine Sirene los.
„Das darf nicht wahr sein, die Alarmanlage der Corvette! Warte hier, ich bin sofort zurück.“ Er machte auf dem Absatz kehrt.
Jazz ging allein nach oben. Nacheinander spähte sie durch offene Türen in die Zimmer hinein. Die mit Stuck verzierten Zimmerdecken waren immer noch so weiß wie früher, in einem der Gästezimmer hing sogar noch der Druck von Degas an der Wand. Jazz Aston atmete langsam ein, und noch langsamer aus. Sie schwankte einen Moment lang und wartete. Einatmen. Ausatmen.
Der größte Raum lag auf der Seite zum Hauseingang und war mit einem mannshohen Kamin versehen. Die Stofftapete an den Wänden zeigte das gleiche Muster von Rosenknospen zwischen den Schimmelflecken wie auf den Fensterscheiben, und wie überall lagen dicke Staubflocken in den Ecken.  
Dielen knarrten, während Jazz zur anderen Seite des Zimmers schritt und eine Glastüre öffnete. Sie musste etwas an den Griffen rütteln, doch dann gab sie nach, und Jazz trat auf den Balkon hinaus.
Er war verhältnismäßig breit, führte über die ganze Vorderseite des Hauses und hatte ein Geländer aus gedrechseltem Holz. Sie machte einen Schritt nach vorn, um sich über das Geländer zu beugen, da gab das morsche Holz gab nach, und sie verlor das Gleichgewicht.
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