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... like a down in the sky.

von Wischmopp
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
14.07.2009
14.07.2009
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Kennt ihr es auch, wenn man den ganzen Tag lang einen bestimmten Satz im Kopf hat? "... like a down in the sky." Ich bekam ihn nicht mehr hinaus und habe deshalb eine KG dazu geschrieben.


… like a down in the sky.

Du kannst sie sehen. Sachte gaukelt die weiße Feder durch die Lüfte, wird hin und wieder von einer plötzlichen Böe kalten Herbstwindes gepeitscht und herumgewirbelt. Sie wirkt wie eine Wolke, vom Himmel gefallen. So weich, so weiß. Friedlich. Unschuldig. Frei.
Und du möchtest sein wie die Feder. Möchtest dich treiben lassen, dem Schicksal anvertrauen. Möchtest weich sein.
Doch du bist keine Feder.

***

„Ach ja? Und was habe ich damit zu tun?“
Die Stimme des Mannes durchschnitt die Luft wie ein Messer und ließ die Temperatur im Raum um ein paar Grad sinken. Das Weinen der Frau ließ ihn unberührt. Es gehörte zu seinem Job. Emotionen waren fehl am Platze. Er musste hart sein.
Hart wie Kruppstahl, dachte er zynisch und steckte sich die zweite Zigarette an. Die Frau schluchzte nicht mehr; die Tränen rannen ihr stumm über das verzerrte Gesicht, der gramgebeugte Körper zitterte. „Bitte“, wimmerte sie erstickt, „bitte. Wir haben kein Geld mehr. Ich habe sieben Kinder!“
Kalt sah er sie an, stieß eine Wolke weißlichen Qualms zwischen den nikotinverfärbten Zähnen hervor. Hart sein.
„Hören sie“, begann er, „hören sie. Ich kann ihnen nicht helfen. Sie haben Schulden, ihr Eigentum muss gepfändet werden.“
Die Frau weinte weiter in sich hinein.
„Warum haben sie kein Arbeitslosengeld beantragt?“
Keine Antwort.
Er wollte ihr so gern helfen, sie trösten, sie in den Armen wiegen und ihr ins Ohr flüstern, dass alles gut wird. Dass das Monster im Schrank nur der Pelzmantel vom letzten Jahr ist. Doch er musste hart sein.
Er wäre so gern eine Feder.


***

Er tat alles, was man ihm sagte. Strebsam und fleißig. Schenkte man seinen Eltern Glauben, hatte er eine große Zukunft vor sich.
Alles war durchorganisiert, sein Leben wurde Jahrzehnte im Voraus geplant. Mit siebzehn wäre sein Abitur beendet, dann würde er Medizin studieren und Arzt werden. Mit zweiundzwanzig Jahren würde er das hübsche Mädchen aus Yokohama heiraten. Seine Eltern hatten das schon geregelt. Shizuka hieß sie.
Sein Tag war in einen straffen Zeitplan gepresst, der kaum Zeit zum Atmen ließ.
Sechs Uhr aufstehen. Sechs Uhr zwanzig Frühstück. Halb sieben duschen, waschen, Zähne putzen. Dann mit dem Fahrrad zum Bahnhof, mit dem überfüllten Zug zur Schule.
Bis drei Unterricht, dann Mittagessen und weiter zum Privatlehrer. Um sechs Hausaufgaben. Essen. Häusliche Pflichten. Ins Bett.
Er ließe sich so gern treiben, wäre so gern spontan. Er wollte einfach dem Schicksal vertrauen, auf dem Winde schaukeln. Frei sein.
Er wäre so gern eine Feder.

***

Ihre Unschuld hatte sie schon vor Jahren verloren. Mit fünfzehn, wenn sie sich recht erinnerte. Es war aus Liebe geschehen, oder zumindest aus Verliebtheit. Sie hatte ihn gekannt und ihm vertraut.
Nun war sie einundzwanzig, und es war alles anders.
Beinahe apathisch lag sie auf einem schmalen Bett in einem verrauchten, rot beleuchteten Raum irgendwo auf der Welt. Das Lederkostüm klebte unangenehm an ihrer nackten Haut.
Der letzte Freier der Nacht kleidete sich schweigend an. Ein dicker, älterer Mann mit lichtem Haar und säuerlich stinkendem Schweiß.
Er warf eine Banknote auf den Nachttisch und ging ohne Gruß.
Es machte ihr nichts aus. Sie war es gewohnt.
Und sie wünschte sich ihr Leben zurück.
Sie wollte so gern unbefleckt sein, wieder jungfräulich erröten beim Anblick eines nackten Männerkörpers.
Wollte weiß sein. Rein sein. Unschuldig.
Sie wäre so gern eine Feder.

***

Du legst den Kopf in den Nacken und richtest den Blick gen Himmel. Eine weiße Daune lässt sich vom Wind lenken, gibt die Zügel aus der Hand. Sie sieht flaumig aus, nachgiebig, weich. Sie ist die Unschuld, Freiheit, Weichheit.
Du beobachtest, wie sie immer tiefer schaukelt, von Zeit zu Zeit vom Wind wieder hoch gewirbelt wird, nur um erneut herabzusinken.
Dann landet sie auf dem feuchten Bürgersteig. Ein Schuh senkt sich auf sie hinab und tritt sie fest in die aufgeweichte Erde zwischen den grauen Platten des Steigs.
Sie ist nicht mehr weiß.
Sie ist nicht mehr weich.
Sie ist nicht mehr frei.
Und irgendwo auf der Welt beobachten ein japanischer Junge, ein Mann mit nikotinverfärbten Zähnen und eine Frau mit Strapsen und Lederbustier in der Handtasche, wie eine Daune in den Dreck getrampelt wird.
Sie sind keine Federn.
Sie werden nie welche sein.
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