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Für den Kaiser

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12 / Gen
13.07.2009
31.12.2009
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Die fünf Schiffe, die dem frisch gebackenen Commodore zur Verfügung gestellt wurden, waren mit erfahrenen Elite-Mannschaften besetzt. Eingespielte Teams, die schon seit Kriegsbeginn zusammen dienten und die beim Einmarsch in das Kaiserreich Katalaun an vorderster Front gewesen waren. Böse Zungen behaupteten ja, sie wären es auch beim Rückzug gewesen, aber die Wahrheit war, dass die Admiralität die Schiffe in der Etappe instand gesetzt hatte. Dennoch haftete allen fünf Schiffen seither der Hauch von Feigheit an.
Nun, die Republik war urdemokratisch, aber nicht gerade besonders rücksichtsvoll. Man konnte hier ohne weiteres als Gegner des Staates zum Volksheld und als unermüdlicher Verteidiger zum Massenmörder abgestempelt werden. Die Medien hatten eine enorme Macht. Und das ließen sie das Militär jeden einzelnen Tag spüren.
Als Griffin mit Cochraine im Schlepp sein zukünftiges Flaggschiff betrat, die HOUSTON, einen Leichten Kreuzer der Nebula-Klasse, pfiffen die Petty Officer zum Admiralsempfang, es gab elf Salutschüsse vom Band, und Captain Stiles empfing ihn persönlich, wie es sich gehörte. Noch vor wenigen Stunden war Griffin nur Commander gewesen, nun hatte er einen höheren Rang als der Captain der HOUSTON. Er fragte sich, ob Lydia Stiles frustriert, entsetzt, oder beides war.
„Willkommen an Bord, Commodore Griffin. Das Admiralsquartier steht für Sie bereit. Ich habe die anderen Kapitäne der Flottille bereits eingeladen, heute Abend mit uns zu speisen, wenn es Ihnen Recht ist. Ebenso willkommen, Capitaine Cochraine.“
Griffin salutierte vor der nur wenig älteren Frau und hatte alle Antworten parat. Nein, sie war nicht geschockt. Sie war auch nicht frustriert. Sie war nur eine verdammt gute Organisatorin und eine exzellente Zuarbeiterin, die geradezu danach schrie, in einer sinnvollen Beschäftigung eingesetzt zu werden. Vize einer Flottille war wahrscheinlich mehr als sie jemals gedacht hatte erreichen zu können, dementsprechend waren ihre Empfindungen eher Eifer und Stolz. Stolz, der sofort auf ihren Commodore abfärbte. Mit der Frau, beschloss Griffin, würde er Pferde stehlen können.
„Gut mitgedacht, Captain Stiles. Haben Sie an ein Quartier für den Capitaine gedacht?“ Was für eine Frage, natürlich hatte sie daran gedacht.
„Selbstverständlich, Sir. Sie bekommt eines der Quartiere nahe der Zentrale, die für Inspekteure vorgesehen sind.“
„Gut. Lassen Sie mein Gepäck und das der Capitaine in die Quartiere bringen. Wir werden uns etwas frisch machen. Essen um acht bedeutet also in einer Stunde. Wer sind die anderen Kapitäne unserer Flottille?“
Einen Moment wirkte Lydia Stiles unsicher, weil sie offensichtlich nicht erraten konnte, ob Griffin es nicht wusste, oder ob er sie testen wollte. „Der Zerstörer der Dunuesque-Klasse MILFORD wird von Commander Hans Slodowsky kommandiert. Hat das Schiff gerade vom alten Parker übernommen, der ins Hauptquartier wechselt. Die drei Fregatten sind Norfolk-Klasse. Nach Dienstzeit sortiert sind das die JULIET unter Lieutenant Commander Sharon Bigsby, die OTHELLO unter Lieutenant Commander Sheldon Watts und die ROCKET unter First Lieutenant Clive Haggart. Lieutenant Haggart hat das Schiff ebenfalls gerade erst als Erster Offizier übernommen und steht zur Beförderung an, Sir.“
„Ein ehrgeiziger Haufen, was?“, brummte Griffin amüsiert.
„Wie es Marine-Offiziere sein sollten“, konterte Lydia Stiles mit einem Grinsen.
„Hm. Dann wird ihnen das Missionsziel gefallen.“
„Darf ich fragen, Sir, was unser Missionsziel sein wird?“
„Sie dürfen. Aber verlangen Sie nicht von mir, alle Missionsparameter herunter zu leiern und später alles vor den Offizieren und Mannschaften zu wiederholen. Also lassen Sie es mich so sagen: Wir gehen auf eine Fuchsjagd. Und der Name dieses Fuchses ist Johann Armin Graf von Arling.“
Die Angetretenen vergaßen für einen Moment ihre Disziplin und raunten durcheinander, bevor ein gezischter Befehl des Dienst tuenden Offiziers wieder Ordnung in die Reihen brachte.
„Eine anspruchsvolle Beute, Sir“, kommentierte Stiles.
„In der Tat. Deshalb machen Sie sich auf einen höllischen Monat gefasst, in dem ich aus der Flottille einen exzellenten Jäger machen werde.“
„Aye, Sir.“
Griffin grinste in sich hinein. Das war ein klarer Sieg nach Punkten gewesen. Er hätte nicht gedacht, dass sein Antritt als Chef der Flottille so glatt laufen würde.
***
„Haben Sie schon davon gehört, Sir?“, fragte Cochraine, während sie dem Commodore beim auspacken seines Gepäcks half. Griffin hatte nichts dagegen gesagt, half es ihm doch, die Frau aus den Diadochen besser einzuschätzen.
„Was genau, Juliet?“ Er beobachtete die Offizierin aus den Augenwinkeln, als er sie beim Vornamen nannte. Sie zeigte keine Reaktion. Weder schien sie sich darüber zu freuen, noch schien es ihr unangenehm zu sein. Griffin vermerkte diese Reaktion unter bedenklich.
„Die letzten Nachrichten aus dem Kaiserreich. Den Anschlag die Prinzessin von Versailles betreffend.“
Griffin runzelte die Stirn. „Es gab keine Nachrichten aus dem Kaiserreich, den Anschlag betreffend.“
Nun huschte unmerklich ein Lächeln über Cochraines Gesicht, das Griffin natürlich nicht entging.
„Nun tun Sie nicht so überrascht. Ich habe die Geheimdienstberichte auch gelesen, Juliet. Aber es freut mich, dass Ihr Geheimdienst in etwa so effektiv ist wie unserer.“
„Danke, Sir. Und was denken Sie darüber, Sir?“
„Die Leute im MI6-Büro haben wie es heißt eine lange Zeit darüber nachgedacht, ob sie die Meldung selbst lancieren sollten, um Katalaun bloß zu stellen. Aber angesichts der Beliebtheit der Thronfolgerin wäre es Propaganda zu ihren Gunsten gewesen, also hat man sich darauf beschränkt, es zu registrieren.“
„Genauso wie bei uns, Commodore. Wissen Sie näheres über den Attentäter?“
„Wissen Sie denn näheres, Juliet?“
Wieder lächelte die Frau ganz leicht. „Ein religiöser Fanatiker. Ein so genannter Kreuzmann. Das ist ein Überbau für mehrere christliche Sekten, welche die Trennung von Kirche und Staat im Kaiserreich aufheben wollen. Man sagt, die Kreuzleute hätten gute Kontakte zu Moslems und Zionisten, die ein ähnliches Ziel anstreben. Die Thronfolgerin zu töten hätte bedeutet, eventuell einen Streit unter den potentiellen Thronerben auszulösen, vielleicht sogar einen Bürgerkrieg.“
„Zweifellos haben die Kreuzleute darauf spekuliert, in diesem Bürgerkrieg ein besonders großes Stück vom Kuchen Kaiserreich für sich zu vereinnahmen.“
„Es wäre sicherlich genügend übrig geblieben, nachdem sich die umliegenden Reiche ausgiebig bedient hätten“, bestätigte Cochraine. „Und die Bevölkerung wäre dankbar dafür gewesen, wenn ausländische Ordnungsmächte ihr einfaches Leben vor den wahnsinnig gewordenen Truppen des eigenen Staates beschützt hätten.“
„Das ist eine interessante Sicht der Dinge“, brummt Griffin und legte eine saubere Uniform für sich raus. „Die Diadochen wären dafür sicherlich in der Lage gewesen, an einem gemeinsamen Strang zu ziehen, sehe ich das richtig?“
„Die Diadochen sind immer in der Lage, an einem gemeinsamen Strang zu ziehen.“ Sie seufzte. „Leider machen sie es fast nie.“
„Komisch, für einen Moment war es mir, als würden Sie die Politik von Yura-Maynhaus beschreiben, Juliet.“
Überrascht sah die Capitaine der Souveränität Nowgorod zu ihrem Republik-Vorgesetzten herüber. „Ist es so schlimm?“
„Noch viel schlimmer. Hierzulande richten sich die Politiker nach der öffentlichen Meinung. Und öffentliche Meinung machen die freien Medien. Die Medien wechseln ihre Meinung zu fast allen Themen täglich, und so schwenken sich die Fähnchen der Politiker beständig mit dem Wind. Der einzige Vorteil, den wir Militärs davon haben ist, dass eine laute Stimme, die heute für den Abbruch des Krieges und sofortige Friedensverhandlungen verlangt, morgen schon wieder gegen das Kaiserreich wettert und sich beschwert, dass wir nicht konsequent genug vorgehen.“ Er sah zu der Diadochen-Offizierin herüber. Schwarzhaarige Schönheit hatte der Admiral sie genannt. Aber er hatte ihren Namen auch in Cockroach verballhornt. Das war das englische Wort für Kakerlake, ein Insekt, das zusammen mit den Menschen die Erde verlassen hatte und sich nun mit ihnen zusammen ausbreitete. Aber vielleicht wollte er damit weniger ihr Aussehen als vielmehr ihre Gesinnung zum Ausdruck bringen. Denn von Kakerlaken sagte man, dass sie überall überleben konnten. Und wenn er sich die Geschichte des alten herculeanischen Königreichs ins Gedächtnis rief und an seine Nachfolgestaaten dachte, die Diadochen, dann musste ein guter Offizier durchaus die Fähigkeiten einer Kakerlake haben und in der Wahl seiner Nahrungstöpfe nicht wählerisch sein, wenn er oder sie überleben wollte. Unwillkürlich fragte sich Griffin, was die große schlanke Frau mit dem schmalen Gesicht schon hatte tun müssen, um selbst zu überleben.
Und ob sie weiterhin überleben würde, hing von verschiedenen Faktoren ab. Griffin erinnerte sich noch zu deutlich daran, dass der Admiral ihren Dienstherren als einen seiner Agenten bezeichnet hatte. Für seine eigene Sicherheit und Integrität als Teil der Diadochen würde es ihm sicher leicht fallen, eine simple Feldagentin, die zudem vielleicht an Bord eines republikanischen Kriegsschiffs angetroffen wurde, fallen zu lassen.

„Wenigstens haben Sie freie Presse“, murmelte sie leise.
Griffin fühlte sich übergangslos an einen alten Spruch erinnert, den sein Vater stets zum besten gegeben hatte, und dessen Weisheit ihm erst im Laufe der Jahre bewusst geworden war. Sein alter Herr hatte gerne gesagt, dass man manche Dinge erst richtig zu schätzen wusste, wenn man sie verloren hatte. Und genauso verhielt es sich wahrscheinlich mit der freien Presse. Das irritierte den Commodore für einen Moment, wenn er ehrlich war.
„Das klingt so ein wenig danach, von zwei Übeln das kleinere zu wählen“, erwiderte er amüsiert.
„Das trifft es in etwa.“ Die Capitaine verstaute einen Stapel Hemden, den sie neu zusammengelegt hatte, und schloss den Schrank. „Wenn es das gewesen ist, Sir, werde ich mich jetzt in meinem Quartier einrichten und mich auf das Essen vorbereiten. Mit Ihrer Erlaubnis lege ich auch meine Diadochen-Uniform ab und trete fortan zivil auf.“
„Abgelehnt. Ich sehe keinen Grund, Ihre Würde als Offizier zu beschädigen.“
„Aber es könnte hinderlich für Sie sein, wenn Sie einen Diadochen-Offizier in herculeanischer Uniform an Bord haben.“
„Es könnte auch hinderlich sein, achthundert Mann in republikanischer Uniform an Bord zu haben“, erklärte Griffin schmunzelnd. „Behalten Sie Ihre Uniform, Juliet. Und ja, das war alles. Sie können sich zurückziehen.“
„Danke, Sir.“
„Ach, Juliet, eine Frage habe ich noch.“
„Commodore, Sir?“
„Warum haben Sie mir beim auspacken geholfen?“
Ein Schmunzeln ging über ihr Gesicht. „Sie sind jetzt acht Stunden in Ihrem neuen Rang, richtig, Commodore?“
Griffin nickte. Das wusste er ebenso gut wie sie.
„Also hatten Sie noch keine Zeit, sich auf diesen Rang einzustellen. Ein Commodore hat normalerweise einen Steward, der ihm alle Alltagslasten abnimmt, damit er sich voll und ganz auf die Führung seiner Flotte konzentrieren kann. Ich wusste, dass Sie noch nicht daran gedacht haben, einen Steward zu bestimmen. Sehen Sie es als Service meinerseits an.“ Sie lächelte ihn freundlich an und fügte hinzu: „Sir.“
„Sie sind sehr umsichtig, Juliet. Ich hoffe, ich kann mich in allen anderen Dingen ebenfalls auf Sie verlassen, die unseren Dienst betreffen.“
„Selbstverständlich, Commodore.“ Sie setzte zu einem Salut an, aber Griffin winkte ab. Also trat sie lediglich mit einem Nicken auf den Flur hinaus.
Coryn verharrte und starrte auf die geschlossene Tür. Himmel, um ein Haar hätte er den Beisatz „die unseren Dienst betreffen“ weggelassen. Und es machte ihm Angst wenn er daran dachte, welche Reaktion er erhalten hätte.


7.
26.04.2613
Kaiserreich Katalaun
Cipangu-System, Hauptwelt B-King
Passagierschiff STRESEMANN
Im Landeanflug auf die planetare Hauptstadt Port Arthur

„Willkommen auf meiner Heimatwelt“, murmelte Arling und sah mit brennenden Augen auf das blau schimmernde Juwel, welches sich ihren Augen darbot. Die blaue Farbe kam von den Ozeanen, die drei Viertel der Welt bedeckten. Das satte grün der Vegetationsstreifen und die gelben Zonen der Wüsten würden sich erst später hervor schälen, und bis dahin leuchtete B-King satt und kostbar wie ein riesiger blauer Topas.
In diesem Moment dachte Johann Armin Graf von Arling nicht daran, dass er einmal Erbe und politisches Oberhaupt dieser wundervollen Welt sein würde, falls er nicht vorher im Gefecht starb. Er dachte auch nicht an den wundervollen Äquatorialkontinent Arling, der ihm bereits als persönliches Lehen gehörte und auf dem die planetare Hauptstadt Port Arthur ebenso stand wie die Herzogresidenz seines Vaters. Er dachte auch nicht an die lokalen Gaumenfreuden, die er so lange Zeit vermisst hatte. Er dachte nur an eines, und das war die junge Frau mit den vor Aufregung rot glühenden Wangen, die neben ihm stand und unwillkürlich seine Hand ergriffen hatte. Ihr Lächeln hatte etwas atemberaubendes für ihn, und es gefiel ihm sehr, dass es seiner Heimatwelt galt. Für einen Moment hatte er wirklich befürchtet, Ellie könnte seine Heimat nicht gefallen.
Sie drückte seine Hand und flüsterte mit tiefer Ehrfurcht in der Stimme: „Sie ist so wunderschön.“
Etwas schweres landete auf seiner Schulter, und auch Rend ächzte unter plötzlicher Belastung. Kurz darauf schob sich Lucky Charlys Kopf zwischen sie, während er sich auf den beiden Offizieren abstützte. „Natürlich ist sie wunderschön. Aber pass erstmal auf, wenn wir in Port Arthur sind. Dann fangen die Wunder nämlich erst an.“
Johann grinste bei diesen Worten. Er wusste ganz genau, wovon sein bester Freund da sprach.
„Ach, hier treibt ihr euch rum.“ Arlene Schlüter kam herbei und lehnte sich ebenfalls vor, um durch das Fenster etwas von B-King sehen zu können, aber dieses Glück war ihr nicht lange vergönnt, weil Gerard Rössing ebenfalls herankam und sein Bestes gab, um sie von ihrem Aussichtspunkt zu verdrängen. „Lass mich doch auch mal sehen, Lenie.“
„Drücke dich nicht so an mich. Man könnte ja meinen, du willst was von mir.“
„Von dir? Das kommt darauf an. Wie viel zahlst du?“
„Nanu, deine Liebe ist käuflich? Ich hoffe, das gilt nicht auch für deine Loyalität.“
„Ha! Das liegt nur daran, dass du Liebe von mir im Übermaß haben kannst, aber Loyalität ist bei mir rar und wertvoll.“
Tadelnd sah sie den anderen Offizier an. „Diese Aussage kann man auch anders interpretieren, alter Junge.“
Abrupt zog sich Arling vom Fenster zurück und machte somit genügend Platz für Rössing und Schlüter. Vor Überraschung wären die beiden beinahe zu Boden gefallen, aber ein schneller Griff des Kommodore rettete sie vor diesem Schicksal. „Wenn ich euch gucken lasse, benehmt ihr euch dann?“, fragte er tadelnd.
„Es liegt ja nicht an mir“, murmelte Schlüter. „Gerry ist mal wieder viel zu anhänglich.“
„Das liegt nur daran, dass du dir wieder mal die Sahnestücke schnappst und mir die Reste überlässt.“
„Es ist nicht zu fassen. Kaum zieht man den beiden die Uniformen aus, benehmen sie sich schlimmer als Kadetten im ersten Jahr“, tadelte Arling. Er wandte sich ab und ging zur Bar.
„Geh ruhig mit, Ellie“, flötete Charles grinsend. „Der Anflug dauert noch über eine Stunde. Du hast also noch genügend Gelegenheit, um dir dieses Schauspiel anzusehen.“
„Oh, danke für den Tipp.“

Ellie verließ das Fenster und schlenderte zu ihrem Verlobten, der gerade bedächtig einen Fruchtsaft trank. „Was ist das?“
„Tamioka-Früchte. Eine Spezialität von B-King. Schmeckt ein wenig wie Erdbeere mit Kirschen.“
„Das nehme ich auch.“
Als sie ihr Longdrinkglas mit den lustigen Papierschirmchen in Händen hielt, zögerte sie. Nervös spielten ihre Hände mit dem Holzstiel des Papierschirms. „Han, darf ich dich etwas fragen?“
„Natürlich. Du darfst mich alles fragen. Aber du darfst nie auf alle deine Fragen auf Antworten hoffen.“
„Oh, ich glaube, diese Frage kannst du beantworten. Sie fällt sicher nicht unter die Geheimhaltung des Herzogs oder der Admiralität.“ Sie kicherte und sah kurz verlegen beiseite. „Han, warum heißt die Welt B-King, aber der Herzogstitel lautet Beijing?“
„Oh. Und ich habe schon gerätselt, was du von mir wissen willst.“ Arling zog eine Augenbraue hoch. „Du fragst, weil die Herzöge im Kaiserreich normalerweise wie der Planet heißen, den sie als Lehen haben, richtig?“
Ellie nickte aufgeregt.
„Da steckt eine witzige Geschichte hinter. Weißt du, ursprünglich wurde diese Welt von Asiaten besiedelt. Ja, guck nicht so überrascht. In meinen Adern pocht das Blut von halb Asien. Jedenfalls war diese Bevölkerungsgruppe recht klein, aber sehr aktiv. Ein Großteil der Welt wurde von ihnen besiedelt. Dünn, aber immerhin besiedelt. Sie wählten sich ein Oberhaupt und nannten ihn Administrator von Beijing. Dieses Amt galt auf Lebenszeit.
Der Administrator von Beijing erkannte schnell, dass ein Zuzug von weiteren Siedlern mehr als förderlich sein würde. Diese kamen aber zum größten Teil aus den indischen, europäischen und afrikanischen Enklaven der sie umgebenden, von Menschen besiedelten Systeme, die alle ihre eigenen Sprachen und Kulturen mitbrachten. Mit der Zeit ging eine Veränderung mit der Welt vor und die Einwanderer vermischten sich mehr und mehr mit der asiatischen Bevölkerung. Mit dieser Vermischung gingen leider auch ein paar Dinge verloren. Viele der Einwanderer legten ihr alte Sprache ab, und auch das traditionelle Mandanton, das auf Beijing gesprochen wurde, wich nach und nach der Amtssprache des gerade entstandenen Kaiserreichs, dem Katalischen, einer germanisch-romanischen Sprache.
Im Zuge dieser Entwicklung wurden viele traditionelle Namen katalisiert, und so wurde aus Beijing mit der Zeit B-King, bis dieser Name sogar in die Kataloge aufgenommen wurde. Mit der Aufnahme in das Kaiserreich wurde B-King ein Lehen, aber der erste Herzog meiner Heimatwelt, übrigens mein Vorfahr, fand einen Titel wie Herzog von B-King irgendwie affig. Deshalb hat meine Familie den Namen Beijing beibehalten. Das ist eigentlich schon die ganze Geschichte.“
„Hm. Aber eine sehr interessante. Gibt es eine Möglichkeit für mich, mehr darüber zu lernen? Ich würde mich freuen, wenn ich mich intensiver mit deiner Welt beschäftigen könnte.“
„Du kriegst den Schlüssel zur Hausbibliothek“, versprach Johann. Er fand die Idee, dass seine zukünftige Frau seine Heimatwelt kennen lernen wollte nämlich ausgesprochen gut.
Im Hintergrund hatte Rössing den Kampf um den Fensterplatz schließlich verloren, aber er hatte sich bereits eine neue Strategie ausgedacht: Bestechung.
„Also, ein Erdbeerparfait für Charly und eine trockene Margarita für Lenie. Und beide wollen eine Schokowaffel, sehe ich das richtig?“
Johann Arling ließ den Kopf hängen. „Ich hätte Uniform befehlen sollen.“
***
„Wenn wir raus kommen“, zischte Monterney Rend ins Ohr, „dann halte dich an mir fest. Du darfst nicht los lassen, hörst du?“
„Wovon redest du?“ Irritiert legte die junge Frau die Stirn in Falten.
„Oh, das wirst du schon sehen. Dies ist die Hauptstadt. Und was euch beide angeht, ihr kennt den alternativen Treffpunkt, ja?“
Rössing und Schlüter nickten, und das taten sie mit großem Ernst.
Wieder runzelte Rend die Stirn, dann lachte sie leise und winkte ab. „Ach kommt, ihr wollt mich hoch nehmen. Nur weil das mein erster Besuch auf B-King ist, braucht ihr mir nicht gleich Schauermärchen auftischen. Sag doch auch was dazu, Han. Han?“
„Lass ihn. Er konzentriert sich. Es wird für uns schlimm genug werden, aber für ihn erst Recht.“
„Schlimm?“ Mit Grauen im Blick sah sie die anderen Offiziere an. „Gibt es da etwas, was ich wissen muss?“
„Ja. An mir festhalten und um keinen Preis loslassen.“ Charles sah nach hinten, ans Ende der Schleuse. Der Chefsteward hielt dankenswerterweise die anderen Passagiere zurück, was ihm ein dankbares Nicken vom Knight-Pilot einbrachte.
Ein harter Ruck verkündete, dass die Schleuse nun mit dem Laufgang zum Raumhafen verbunden war. Eine Stewardess gab bereits die Öffnungssequenz für die Schleuse ein.
Arling straffte sich. „Sind alle bereit? Es bleibt keiner zurück, habt ihr mich verstanden?“
„Ja, Han.“ „Leute, irgendwie macht ihr mir Angst“, sagte Ellie Rend fröstelnd.
Dann fuhr die Schleuse auf und Johann Arling trat als erster in den Laufgang. Er war leer, bis auf ein Pärchen Raumhafenbediensteter, die mit glänzenden Augen zu den Offizieren des Kaisers herüber sahen. Genauer gesagt zu dem einen Offizier an der Spitze.
„Was ist das für ein Geräusch? Es klingt ein wenig wie ein Sturm. Oder ein Vakuumleck.“ Unwillkürlich verkrampfte sie wirklich ihre Hand in Charlys Hemd.
„Es ist lauter als letztes Mal“, stellte Rössing fest und wischte sich über die Stirn. „Wenn das mal gut geht.“
„Wollt ihr mir nicht endlich sagen, was…“, begann Ellie, aber da setzte sich Johann mit einem letzten Seufzer in Bewegung, Charles folgte ihm, und von hinten schoben die anderen beiden Offiziere.
Sie kamen den Laufgang hinauf. „Bis hierhin ging es gut“, murmelte Johann.
„Willkommen Zuhause, Mylord.“ „Willkommen in der Hauptstadt, Mylord.“
Arling nahm die Begrüßungen der beiden Hafenbediensteten mit einem Nicken entgegen, lächelte jeden der zwei freundlich an und schritt dann zwischen ihnen hindurch.
„Das Geräusch wird lauter. Es klingt irgendwie ein wenig wie ein vollbesetztes Stadion. Oder wie ein Knight, der in einem geschlossenen Gebäude startet“, stellte Ellie entsetzt fest.
Dann hatten sie den Laufgang verlassen, durchquerten eine nahezu leere Lobby, in der wieder Raumhafenbedienstete standen und Arling mit Grußworten empfingen.
Vor der letzten Automatiktür verharrte Johann Armin Graf von Arling noch mal, atmete tief durch und sah mit einem schiefen Grinsen ein letztes Mal ins Rund. „Alle da? Alle bereit?“
„Ja, Han.“ „Passt mir gut auf unser Küken auf.“
„Küken? Damit meinst du doch hoffentlich nicht mich, Han“, empörte sich die junge Kapitänleutnant.
Doch da hatte Johann bereits den letzten Schritt getan, die Automatiktür glitt auf, und entließ sie in die Hölle.

Sie passierten den Sicherheitsbereich ohne zusätzlichen Check, und der Lärm wurde mit jedem Schritt lauter. Ein Sicherheitsbeamter hielt ihnen eine Tür auf und verzog schmerzhaft das Gesicht, als der Lärm noch einmal zu nahm.
Sie kamen in einen großen Saal, eine kombinierte Warte- und Einkaufspassage.
Mehrere Hundertschaften der Polizei bildeten eine Absperrung von ihrer Tür bis zum Ausgang, und hinter dem Wall aus Polizisten stand ein Wall aus Leibern. Bürgern, Angestellten, Arbeitern, wahrscheinlich alles, was die Bevölkerung von Port Arthur und Umgebung auf die Schnelle bieten konnte. Auch auf den Balustraden waren sie, drängten sich dicht an dicht, und zwischen ihnen versuchten Sanitäter mit ihrer Last Bewusstloser und Verletzter durch zu kommen.
Als Arling durch die letzte Tür trat, nahm der Lärmpegel noch einmal zu.
Rend verstand endlich. Die Menschen schrien, schoben, brüllten, pfiffen und klatschten – aus Begeisterung. Johann Arling wurde ein Empfang bereitet, wie Ellie ihn noch nie gesehen hatte. Allerdings hatte dieser Jubel seine Tücken, denn schon begannen die ersten zu schieben und versuchten in blinder Begeisterung durch die dreifache Polizeimauer zu kommen.
„Siehst du, Gerry?“, rief Arlene Schlüter über den Lärm hinweg, „diesmal haben sie Netze auf der Balustrade gespannt, damit nicht wieder so ein paar Trottel über die Geländer fliegen!“
„Ist mir schon aufgefallen! Hast du auch bemerkt, dass es diesmal eine Dreierreihe ist? Letztes Mal sind sie noch mit einer Doppelreihe ausgekommen!“
Johann Arling war indes stehen geblieben und winkte in die Runde, was den Geräuschorkan noch einmal steigerte und die Drängeleien erhöhte.
„Da lobe ich mir doch den Abflug!“, rief Charly mit einem wilden Grinsen, „da sind hier zwar genauso viele wie beim Abflug, aber es drängelt keiner!“
„Ja, weil sie alle Schiss um ihren Grafen Arling haben!“, rief Lenie zurück.
Mit gemessenem Schritt ging Graf Arling weiter. Die Offiziere folgten ihm, und Ellie verstand endlich warum sie sich bei Charly festhalten sollte. Wenn die Mauer der Polizisten durchbrochen wurde, dann würden einzelne Menschen in dieser Menge davon gespült werden wie ein Papierboot von der Meeresbrandung.
Links von ihnen wurde ein Polizist aus der Reihe gezogen. Der Arme hatte einen Ellenbogen ins Gesicht bekommen und hielt sich nun benommen die blutende Nase. Eine potentielle Bruchstelle, stellte Ellie entsetzt fest. Doch statt seinen Schritt zu beschleunigen, ging Han kurzerhand zu dem Verletzten und half ihm vorsichtig auf. Als der Ältere jedoch bemerkte, wer ihm da aufhalf, war es um seine Fassung beinahe geschehen. Offensichtlich konnte er sich zwischen verbeugen und salutieren nicht entscheiden, also tat er beides. Und fiel wegen der Bewegung beinahe in Ohnmacht. Arling musste erneut zugreifen, um den Mann vor einem Sturz zu bewahren.
Die Schieberei wurde schlimmer; vereinzelt hatten sich junge Menschen schon fast durchgedrängt. Und Arling sah aufmerksam in die Runde, während sich seine Stirn in Falten legte.
„Jetzt kommt´s! Halt dir die Ohren zu, Ellie!“, rief Charly mit einem weiteren wilden Grinsen.

Mit einer Stimme, die den Geräuschorkan nicht übertreffen konnte, aber mühelos die ersten zwanzig Meter erreichte, brüllte Arling: „RUHE!“
Die vorderen Reihen verstummten. Und wie ein Stein ringförmige Wellen schlug, wenn er ins Wasser geworfen wurde, breitete sich diese Stille weiter aus, ging die Passage entlang und erreichte den Balkon, bis das Geschrei verstummt war und einem unwirklichen Schweigen Platz gemacht hatte. „Also, bitte, wir sind doch hier nicht in Yura-Maynhaus, sondern auf B-King“, tadelte Graf Arling mit spöttischer Stimme.
Ein leises Raunen der Menschenmenge antwortete ihm, vereinzelt klang darin Gelächter an.
Auch Arling verzog sein Gesicht zu einem heiteren Lächeln. „B-King, ich bin wieder da!“
„Willkommen Zuhause, Graf Arling!“, rief die Menge, und es erschien, als hätte sie es einstudiert. Danach brachen erneut Applaus, Jubel und Pfiffe auf, aber das Geschiebe blieb aus.
„Ist doch jedes Mal dasselbe! Han muss erst die Courage aufbauen, um sie zum schweigen zu bringen!“, erklärte Charly über den Lärm hinweg. „Er will ihnen die Freude nicht nehmen! Aber wehe es wird jemand verletzt, dann wird er garstig!“
„Han ist so beliebt?“, staunte Ellie. „Das wusste ich gar nicht! Adel ist doch eigentlich… Eigentlich…“
„Ja, wäre es dir lieber, wenn er ein von allen gehasster Tyrann wäre?“
„Nein, das nicht, aber ich konnte doch nicht ahnen, dass nicht nur seine Schiffsbesatzung ihn so verehrt!“
Johann winkte in die Runde, klopfte dem verletzten Polizisten noch einmal auf die Schulter und ging dann durch den Ausgang.
Draußen zeigte sich das gleiche Bild. Eine unüberschaubare Menschenmasse hatte sich hier zum Empfang des Grafen eingefunden. Vereinzelt hielten einige Transparente hoch auf denen Sachen standen wie: Johann, wir lieben dich oder Willkommen daheim.
Es verwunderte Ellie schon, dass die wenigsten einen Bezug auf den Krieg nahmen, in dem sich Katalaun befand. Aber verstehen konnte sie es schon, denn B-King lag nahezu im Zentrum des Kaiserreichs, und damit von beiden Fronten möglichst weit weg.
Oder war die Bevölkerung nicht martialisch eingestellt? Das hätte sie sich auf Sanssouci vorstellen können, aber nicht unbedingt auf der Heimatwelt ihres Verlobten. Wobei sie, das musste Ellie zugeben, verdammt wenig über Hans Heimat wusste.
Draußen wartete bereits ein großer Schwebewagen, auf dessen Frontkühler eine kleine Flagge wehte. Das Symbol darauf kam ihr vage bekannt vor.
Eskortiert wurde die große Limousine von mehreren Schwebern der Polizei.
Noch so ein Punkt, ging es Ellie durch den Kopf, als Han ihr und Lenie nacheinander die Hand reichte, um ihnen in den Wagen zu helfen. Sie sah nur Polizei-Einheiten, keine Miliz, geschweige denn Militär oder Flotte. Selbst der Kaiser wurde bei seinen Ausflügen, egal ob in die Wohnung ihres Vaters oder an den Meeresstrand, immer von einer eigenen Militäreinheit bewacht. War Han leichtsinnig, wenn er seinen Schutz ausschließlich der Polizei anvertraute?
Ein letztes Mal winkte der Graf in die Runde, wartete geduldig bis Gerry und Charly eingestiegen waren und setzte sich dann ebenfalls in den Fond. Der Schweber startete sofort und gewann schnell an Höhe. Die Polizei-Wagen, sechs an der Zahl, gruppierten sich vor, hinter und neben der Limousine.

Mit einem erleichterten Seufzen ließ sich Johann Arling in das Polster sinken. „Das wäre geschafft. Jetzt kommt der schwierige Teil.“ Der Graf sah nach vorne. „Wilhelm, ist der Herzog Zuhause?“
„Ja, Mylord. Er erwartet Euch und Eure Gäste bereits.“ Der Fahrer sah kurz in den Fond. „Stimmt etwas nicht, Mylord? Wünscht Ihr ein anderes Ziel? Ich kann Euch auch nach Burg Arling fliegen.“
„Nein, ist schon in Ordnung, Wilhelm. Unser Ziel ist das Schloss.“ Resigniert sah Johann zu Boden. „Ewig kann ich dich ja doch nicht vor ihm beschützen, Ellie.“
Als er die irritierte Miene seiner Verlobten sah, fügte er hastig hinzu: „Mein Vater ist etwas eigen. Aber er ist immerhin auch schon über zweihundert Jahre alt.“
„Denk nicht drüber nach, Ellie, das musst du nicht verstehen.“ Freundschaftlich klopfte Charly ihr auf die Schulter. „Lass es auf dich zukommen und reagiere dann.“
Schlüter und Rössing wechselten einen kurzen Blick. „Sie wird ihn um den Finger wickeln.“ „Nun, vielleicht nicht gerade wickeln, aber ich glaube nicht, dass Gandolf gegen sie eine Chance hat.“
„Seid ihr zwei nicht etwas zu optimistisch?“, tadelte Arling.
„Wir reden hier immerhin von Kapitänleutnant Rend, der jüngsten Offizierin in diesem Rang, oder?“ Lenies Lächeln war entwaffnend.
„Port Arthur ist anscheinend recht groß. Beinahe so groß bei Neu Berlins Kernstadt“, stellte Ellie laut fest, um vom Thema abzulenken.
„Was erwartest du? Sie ist eine planetare Hauptstadt. Und zudem Sitz der Herzoglichen Residenz.“ Charly sah an ihr vorbei auf die Stadt hinab. „Ich bin hier aufgewachsen, und ich kenne verdammt noch mal jeden Winkel.“
„Zumindest alle verruchten Bars und Raumfahrerkneipen“, stellte Han schmunzelnd fest.
„Und da bin ich sehr stolz drauf.“ Charles grinste ungezwungen. „Da konntest du noch was von mir lernen, Han.“
Die beiden Männer schmunzelten sich zu, und übergangslos fühlte sich Ellie wie ein Eindringling in einer Freundschaft, die weitaus länger bestand als sie Johann Arling überhaupt kannte. Das gleiche fühlte sie oft genug, wenn Han mit Gerard oder Arlene redete. Oder wenn sie sich über alte Geschichten amüsierten. Oder alte Schlachten aufwärmten.
„Da ist es ja“, brummte Gerry zufrieden. „Und wir kommen genau zur richtigen Zeit. Später Nachmittag war eine tolle Idee, Graf Arling.“
Ellie sah nach vorne, ihr Blick ging suchend umher. Dann begriff sie ihren Fehler. Sie suchte das Schloss vor sich. Und das war falsch. Alles vor ihr gehörte zum Schloss. „Ist das groß.“
„Was erwartest du? Schloss Beijing beinhaltet die lokale Flottenzentrale, das Parlament, das Hauptquartier der Miliz, Büros von Verwaltung und Regierung, das Regionalparlament des hiesigen Bezirks, mehrere Miliz- und Polizeikasernen und nicht zu vergessen den Wohnsitz des Herzogs von Beijing.“ Charles Monterney grinste bei diesen Worten ausnahmsweise nicht. Er war sehr ernst und irgendwie auch sehr stolz. „Meine Heimat, wenn du so willst, Ellie.“
„Ähemm. Und selbstverständlich meine“, fügte Johann hinzu, während der Pulk aus Schwebern über Kasernen, Bürogebäude, kleine Parks, Sportanlagen, größere Parks, Trainingsgelände, Wohnhäuser und kleineren Werkshallen hinweg flog.
Langsam schob sich ein eher unscheinbarer Bau ins Zentrum des Fluges. Das heißt, unscheinbar war er nur, wenn man die bisherige Gigantomanie, die schiere Größe der Stadt Port Arthur und das riesige Gelände der herzoglichen Residenz als Vergleich bemühte. Wenn man dies fort ließ, blieb immer noch ein dreistöckiges, viereckiges Gebäude mit großzügigem Innenhof, großen Gartenanlagen zu allen vier Seiten und einer kleinen Seen-Anlage auf dem Gelände, auf dem in diesem Moment mehrere Segelboote in der Spätnachmittagssonne kreuzten. Die spiegelnde Sonne schaffte das Kunststück, das menschliche Auge glauben zu lassen, die Schiffe würden auf purem Gold fahren.

Über dem Park drehten die Polizeischweber ab. Die Limousine flog bis zum Haupttor des großen Hauses und landete auf einer markierten Fläche.
Hilfreiche Hände in weißen Handschuhen öffneten den Fond und streckten sich den Neuankömmlingen entgegen.
„Herzlich willkommen auf Schloss Beijing, Kapitänleutnant Rend.“
„Herzlich willkommen auf Schloss Beijing, Kapitän Schlüter.“
„Willkommen daheim, Oberst Monterney. Ich soll Ihnen sagen, dass Graf Angward Sie so schnell es Ihnen möglich ist auf dem Südbalkon sprechen will.“
„Herzlich willkommen, Fregattenkapitän Rössing. Die Golfanlage steht wie immer zu Ihrer Verfügung.“
„Willkommen daheim, Graf Arling. Sie hatten eine gute Jagd, wie man hören konnte?“
Han griff zu und ließ sich von der hilfreichen, weiß behandschuhten Hand aus dem Wagen ziehen. „Kann man wohl sagen, Jeremy. Immerhin habe ich jetzt Gold auf der Schulter. Nun, ich hätte es, wenn ich meine Uniform tragen würde. Wo ist mein alter Herr?“
Der Mann, den Han Jeremy genannt hatte, trug eine schwarzgelb livrierte Hausuniform. Er schien unter den angetretenen dienstbaren Geistern der Ranghöchste zu sein. Die anderen, Männer und Frauen in ähnlicher Kleidung, standen, sofern sie den Gästen und dem Grafen nicht beim aussteigen geholfen hatten, Spalier bis zur Tür.
„Im Innengarten, Mylord. Er erwartet Euch und Eure Gäste asap, wie er immer zu sagen pflegt.“
„As soon as possible. Also sofort“, stellte Arling schmunzelnd fest. „Dann wollen wir ihn nicht warten lassen. Wenn du aber gleich zu Mikhail willst, bist du entschuldigt, Charles.“
„Danke, Han. Du machst das klar mit Zachary?“
„Keine Sorge, ich decke dir den Rückzug.“ Johann Arling bot Ellie die Hand, während Gerard Rössing das gleiche mit Arlene Schlüter versuchte – leider hatte sie schneller reagiert und führte nun ihn.
Als die beiden Paare – abgesehen von einem Charles Monterney, der um die Menschengruppe herum sprintete – durch das Spalier traten, erklang ein vielstimmiges: „Willkommen Zuhause, Mylord!“
Jeremy ging vorneweg und musterte aus zusammengekniffenen Augen die Anwesenden. Ellie bemerkte es, weil zwei, drei der livrierten Diener erbleichten, als sein Kopf ihnen zugewandt blieb, obwohl er voran schritt. Anscheinend hatte er einen Mangel in ihrer Bekleidung festgestellt. Jedenfalls etwas in der Richtung.
„Ist der Mann nicht etwas streng, oder kommt mir das so vor?“
Johann Arling schmunzelte. „Jeremy macht nur seinen Job. Diese Angestellten sind nicht einfach nur Diener. Sie sind Mitglieder der persönlichen Einheit des Herzogs. Soldaten. Und Soldaten kontrolliert man am besten durch Disziplin. Es ist schon etwas her, dass ein Herzog Beijing seine persönliche Garde in eine Schlacht geführt hat, aber wenn er dies täte, hätte er dreißig Knights, ebenso viele Panzer und zweihundert Mann gepanzerte Infanterie zur Verfügung, denen Jeremy im Rang eines Obersten vorstehen würde.“
„Und der auch über den Grafen Arling befehlen würde“, kam es von vorne, streng und ernst.
Jeremy sah nach hinten und seufzte. „Um Ihres Seelenfriedens willen, Kapitänleutnant Rend, verspreche ich, dass ich dieses eine Mal – und wirklich nur dieses Mal – über die Uniformmängel meiner Untergebenen hinweg sehen werde. Ich hoffe das stellt Sie zufrieden, Ma´am.“
Ellie wurde rot und senkte den Blick. „Kann der Mann Gedanken lesen?“
„Er kann!“ Diese Worte kamen synchron von den anderen drei, und nicht wenige Livrierte nickten dazu unauffällig.
„Schmeichler“, brummte Jeremy und sah wieder ernst geradeaus.

An der Türschwelle erwarteten sie weitere Diener, diesmal in schwarzen Frack und Hausmädchenuniform gekleidet. Sie begrüßten den Grafen Arling ebenso formell im Wort, aber bei weitem nicht so steif. In ihren Augen blitzte offen die Freude darüber, den Erben des Herzogs wieder im Haus zu wissen.
Ebenso strahlten die Augen einer schwarzhaarigen Frau von vielleicht jungen sechzig Jahren, die ein Figurbetonendes beiges Sommerkleid trug. „Willkommen zurück, du alter Rumtreiber.“ Lächelnd nahm sie Arling in die Arme.
„Ich freue mich, wieder mal hier sein zu können, Sybille.“ Er ließ sie wieder fahren und schenkte ihr ein hinreißendes Lächeln. „Du wirst auch mit jedem Tag schöner, mein Engel.“
„Es bringt dir überhaupt nichts, mir zu schmeicheln, Johann. Du hast mich sowieso schon in der Tasche, das weißt du doch“, tadelte sie mit einer gespielten Abwehrbewegung. Dann sah sie zu den anderen herüber. „Ich nehme an, Charles ist gleich zu seinem Spielkameraden durch gestartet?“
„Mikhail hat gleich nach ihm schicken lassen“, bestätigte Han mit todernster Miene.
„Und du hast es auch noch zugelassen.“ Tadelnd hob sie den Zeigefinger. „Auch wenn er dein Liebingsgroßneffe ist, darfst du ihm nicht jede Laune durchgehen lassen. Und vor allem solltest du ihm verbieten, dir deine Freunde abspenstig zu machen.“
„Apropos Freunde. Du erinnerst dich an Arlene Schlüter und an Gerard Rössing?“
„Natürlich, wie könnte ich… Moment, diese reizende junge Dame ist das erste Mal hier. Gehe ich recht in der Annahme, dass ich es mit Kapitänleutnant Eleonor Rend von der REDWOOD zu tun habe?“
Ein wenig verlegen und mit leicht geröteten Wangen sah Ellie zu Boden. „Ja, Ma´am.“
Die Augenbrauen von Sybille schienen vor Vorfreude auf und ab zu hüpfen. „Darf ich, Onkel?“
„Sei mein Gast, Lieblingsnichte.“
„Onkel? Nichte? Irgendwas kapiere ich hier WHOA!“ Übergangslos steckte Ellie in einer dicken Umarmung.
„Willkommen Zuhause, Eleonor Rend! Willkommen bei Johanns und deiner Familie. Oh, ich freue mich ja so, dass es endlich mal ein Mädchen geschafft hat, diesen Tunichtgut einzufangen!“ Böse sah sie zu Lenie herüber. „Ich hatte da ja immer Hoffnungen auf dich gesetzt, Mädchen.“
Arlene Schlüter zuckte die Schultern. „Deine Hoffnungen müssen total an mir vorbei gegangen sein, Billie. Außerdem habe ich mich auf diese Art nie für Han interessiert. Man muss wohl ein ganz besonderer Schlag Frau sein, um sich für ihn zu erweichen.“
„So wie unsere Ellie hier?“ Mit einem strahlenden Gesicht hielt Sybille die Jüngere ein Stück von sich ab. „Jetzt hat er nicht nur endlich eine abgekriegt, sie ist auch noch bildhübsch. Respekt, Graf Arling, Respekt.“
Nachdem sie Eleonor Rend losgelassen hatte, tauschte sie mit Schlüter und Rössing Begrüßungsküsschen aus. „Na, ich denke einfach mal, dass du daran schuld bist, dass Lenie sich nie so richtig für Johann begeistern konnte, Gerry.“
„Also, für mich begeistert sie sich auch nicht.“ Gerard schien einen Augenblick nachzudenken, dann fügte er hinzu: „Glücklicherweise.“
Leises Gelächter kommentierte den Scherz.
„Sag mal, Han, ich möchte nicht schlecht über jemanden reden den ich gerade erst kennen gelernt habe, aber ist Sybille nicht älter als du?“, raunte Rend dem Grafen zu.
„Das hast du gut gesehen. Sie hat ein paar Jahre mehr auf dem Buckel als ich, Ellie.“
„Das habe ich gehört, Johann Arling. Aber ich werde nicht älter, einfach nur besser“, tadelte sie.
Han schmunzelte. „Aber sie ist meine Nichte. Genauer gesagt die Enkelin meines Vaters. Und ihr Sohn, der Graf von Angward, ist mein Großneffe, obwohl er lediglich acht Jahre jünger ist als ich. Aber das ist schon Familiengeschichte, das erkläre ich dir mal in aller Ruhe.“
Hans Miene wurde melancholisch. „Ansonsten ist sie eher eine Mutter für mich. Sie hat mich groß gezogen. Und glaub mir, das war Schwerstarbeit.“
Burschikos klopfte die Gräfin Johann auf die Schulter. „Die sich aber gelohnt hat, wenn ich mir ansehe, was für einen Prachtkerl ich da aufs Kaiserreich losgelassen habe.“
„Ich bin jeder Zoll deine Erziehung, Sybille.“
„Na, dann habe ich dir hoffentlich beigebracht, dass du Zachary nicht warten lassen solltest, wenn du einmal in zwei Jahren wieder nach Hause kommst, oder?“
Ellie hüstelte verlegen. Etwas ähnliches hatte Han ihr auch um die Ohren gehauen, neulich auf Sanssouci.
Sybille ergriff je eine Hand ihres Onkels und seiner Verlobten und zog sie hinter sich her.„Kommt, meine Lieben, kommt, sonst wird der Wein warm.“

„Ich bin wieder da, Vater.“
Ellie konnte hinterher nicht mehr genau sagen, was sie erwartet hatte, als sie zusammen mit Han und den anderen – der Gedanke, dass Sybille seine Nichte war, verursachte bei ihr den Gedanken an manisches Kichern, so unwirklich erschien es ihr – durch den großen Bau schritt und schließlich in den Garten hinaustrat. Vielleicht einen verhutzelten alten Mann, der mit warmer Decke auf dem Schoß auf einem Lehnsessel saß, eventuell einen weißhaarigen Mann, der mit Strohhut im Garten werkelte.
Aber sicherlich nicht einen großen, breitschultrigen Mann in der Uniform der Flotte, der mit dem federnden Elan der Jugend und einem Gesicht das kaum älter als hundert wirkte auf die Besucher zu schritt und seinen Sohn herzlich in die Arme nahm. „Willkommen daheim, mein Junge.
Sie müssen Ellie sein. Sonst kann ich meinem Jungen ja kaum ein Wort entlocken, aber über Sie – darf ich du sagen? – hat er ja wahre Bücher nach Hause geschrieben.“
Ellie fühlte sich völlig überrumpelt. „Na-natürlich, Mylord.“
„Dann bestehe ich aber auch darauf, dass du mich Zachary nennst. Ist mir lieber als Gandolf.“ Er begrüßte Ellie mit einem Handkuss, die gleiche Prozedur wandte er auch bei Lenie an. Gerard aber zog pikiert seine Rechte weg. „Bei mir bitte nicht, ja?“
Der Herzog lachte dazu und klopfte dem Kapitän auf die Schulter. „Du wirst auch nie erwachsen, mein Junge. Wollen wir morgen eine Runde auf dem Golfplatz drehen? Der alten Zeiten zuliebe?“
„Natürlich, Mylord. Wie knapp soll ich Euch gewinnen lassen?“
„Witzig wie immer, der Junge. Hannes, hast du ihm etwa Humordrops zu fressen gegeben?“
„Jeden Tag drei Stück, wie es im Rezept steht, Vater.“
„Ja, ja, verbündet euch mal wieder gegen mich. Vater und Sohn, ist ja klar“, brummte Gerard und tat als würde er frustriert nach Steinen kicken.
Schließlich sahen sich die drei Männer an und lachten. „Willkommen. Mein Haus ist auch euer Haus, wie immer“, sagte der Herzog und führte die Gruppe zu einem nahen Tisch, der bereits eingedeckt war. Obst, Käse und Brot waren zu einem späten Snack hergerichtet worden, verschiedene Weingläser standen auf dem Tisch und Diener im Frack standen bereit, um auf die verschiedenen Wünsche der Gäste reagieren zu können.
„Weiß oder rot?“
„Wir trinken alle weiß, das ist ein Befehl“, entschied Arling. „Den 2605er Arling Görte Südlage von meinem Hof, wenn es Recht ist.“
„Davon habe ich aber nur noch ein Fass.“
„Ich lasse dir ein paar Fässer schicken“, versprach Han seinem Vater.
Der Herzog nickte zufrieden und sprach leise mit einem der Diener.
Der kam nach wenigen Minuten mit einer gefüllten Karaffe zurück.
„Frisch vom Fass gezapft. Ich habe leider auch keine Flaschen mehr.“
„Auch die“, erwiderte Arling mit einem Seufzen, „lasse ich dir rüber schicken. Ich schreibe Edmond gleich nachher eine Anweisung.“
„Nun führe dich nicht so auf als würdest du mir damit einen Riesengefallen erweisen. Ich kann es dir auch als dein Lehnsherr befehlen!“
„Keinen Streit, Großvater“, mahnte Sybille. „Dafür ist Johann nicht lange genug hier.“
„Der Wein wäre es aber wert“, murrte Zachary. Er sah auf. „Charly ist…“
„Bei seinem Lehnsherrn und dürfte just in diesem Moment mit ihm auf den Hoverboards zum Strand unterwegs sein.“
Der alte Mann sah Arling triumphierend an. „Na, dann klappt ja alles. Den Rest lege ich in Amors Hände.“
„Muss ich das oder will ich das nicht verstehen?“ Misstrauisch runzelte Han die Stirn.
„Das ist nichts, was dich angeht, Hannes. Glaub mir. Jedenfalls nicht hier und heute.
Aber jetzt erzählt mal. Ich will alles über euren Husarenritt quer durch Yura-Maynhaus wissen.“
***
Charles Monterney konnte es nicht ganz verbergen, aber er war reichlich aufgeregt, als er den Südbalkon betrat.
Der junge Mann in der Miliz-Uniform, der ihn erwartete, fuhr auch prompt beim leisen Geräusch der sich öffnenden Tür herum. „Charly!“
„Mylord. Ich melde mich wie befohlen!“
Der junge Mann kam mit schnellen Schritten näher. „Lass doch diesen Quatsch. Wir sind vollkommen unter uns!“ Hektisch riss der Graf zu Angward den Älteren an sich. „Verdammt, alter Junge, als du diesmal gegangen bist, dachte ich schon, ich sehe dich nicht wieder.“
„Nicht doch, nicht doch. Ich bin der…“ Charles sah angestrengt nach oben und tat als würde er zählen. „Ich bin der eintausenddreihundertelftbeste Knight-Pilot, den das Kaiserreich aufzubieten hat. Wie soll mir schon was passieren?“
„Du bist ein Spötter wie er im Buche steht“, tadelte der Graf, legte einen Arm um die Schulter des Piloten und führte ihn zum nahen Tisch, der reich eingedeckt war. „Ich würde sagen, wir essen erstmal was, dann schnappen wir uns die Boards und fahren zum Strand runter. Dort wartet nämlich schon eine ausgewachsene Party auf uns. Ich habe all unsere Freunde mobilisiert.“
„Das sind gute Neuigkeiten. Aber du weißt schon, dass sich Han verlobt hat? Willst du nicht vorher deine neue Großtante kennen lernen?“
„Und mich hinten anstellen, wenn zwei Großtanten, drei Tanten, zwei Onkel, neun Cousinen, acht Cousins, eine Schwester,  zwei Nichten und drei Neffen sowie die Großcousins und Großcousinen drängeln, von Mutter ganz zu schweigen? Nein, mein Lieber. Das Vergnügen gönne ich mir morgen, dann habe ich Eleonor Rend für mich alleine. Und du wirst dafür sorgen.“ Der Graf hob den Zeigefinger und grinste schalkhaft. „Denn du bist ja ihr bester Freund, richtig?“
„Das kann man wohl sagen.“ Schwer seufzend ließ er sich am Tisch nieder. „Okay, du hast mich wieder rum gekriegt. Wie schaffst du das nur immer? Han kriegt das jedenfalls nicht so einfach hin.“
„Das liegt vielleicht daran, dass du mein großer Bruder bist und ich für dich für damals durchs Feuer gehen würde.“ Die Augen des Grafen zu Angward wurden wässrig. Für ein paar Sekunden kämpfte er mit sich und wischte sich verstohlen über die Augen. „Du kannst mir nicht widerstehen, großer Bruder.“
Mit einem triumphalen Lachen warf Mikhail sich in Pose. „Außerdem bin ich dein Dienstherr, Ritter Monterney! Und du hast geschworen, mir zu dienen!“
„Ich habe geschworen dich zu beschützen. In meinem Schwur war aber nichts enthalten, was mich daran hindert, dir deinen überheblichen Hintern zu versohlen, Graf Angward!“
„Friede, Mann, Friede. Ich bin nur ein wenig aufgekratzt, das ist alles! Gestern habe ich meine eigene Milizkompanie Knights gekriegt, vorgestern ging meine Beförderung zum Hauptmann durch, und letzte Woche erreichte mich die Nachricht, dass…“ Entsetzt sah der Junge auf und rang nach Worten. „Ach ja, dass Han endlich eine Frau fürs Leben gefunden hat. Dann wird es ja sicher nicht mehr lange dauern und er kriegt den Herzogtitel von Gandolf.“
„Oder auch nicht. Zak sieht aus als wolle er noch mal hundert Jahre drauflegen. Er sagt ja nicht umsonst, dass Stress sein Lebenselixier ist.“
„Stress, guter Wein und ab und zu eine Schlacht um das Schicksal des Kaiserreichs. So sind seine Worte.“ Diskret schob der Graf seinem Ritter einen Korb mit frisch geschnittenem Weißbrot zu. „Falls du Hunger hast.“
„Danke. Kannst du mir dazu die Weintrauben und den Brie reichen? Der Nichala sieht auch gut aus. Bitte schneide ihn doch in Würfel für mich. Danke. Und wenn du jetzt noch die Güte hättest, mir den Arling Westhang einzuschenken… Nicht so viel! Mensch, Mick, du kannst den Wein doch nicht wieder in die Flasche zurück kippen!“
Gequält sah der Graf den Oberst an. „Es macht dir Spaß, mich rumzukommandieren, was?“
„Nein, es macht Spaß, dich gehorchen zu sehen“, erwiderte Charles grinsend, und schob sich ein Stück Käse in den Mund. „War der Nichala schon immer so scharf?“
„Den habe ich eingelegt“, verkündete Mikhail stolz. „Ich habe mit Peperoni von der Erde und Nrabu, den einheimischen Pfefferschoten von Angward, experimentiert. Schmeckst du schon die nussige Note heraus? Den Hauch Zimt?“
„Im Moment schmecke ich gar nichts, weil meine Zunge betäubt ist“, tadelte Charly.
„Oh, dann ist er wirklich gut geworden.“ Wortlos schob er ein gefülltes Glas Wasser zu dem Oberst herüber.

Sie aßen einige Zeit lang schweigend. Dann stand Mikhail auf. „So, ich ziehe jetzt mein Partyzeug an. Und dann stürzen wir uns auf die Boards. Willst du dich auch umziehen, oder ziehst du so los?“
„Wenn mich eine ganze Welt in diesen Klamotten empfangen konnte, dann wird mich deine Strandparty auch so ertragen können, oder?“
„Ich dachte nur, du möchtest vielleicht besonders gut aussehen. Es werden viele hübsche Mädchen da sein, und du bist ja immer noch frei und ungebunden.“
Charly runzelte die Stirn. „Dann sollte ich erst recht bei diesen Sachen bleiben. Mir steht der Sinn heute mehr nach Alkohol als nach Frauen.“
„Aber, aber, nur weil deine beste Freundin mit deinem besten Freund zusammen ist? Hast du vielleicht was gemerkt, was dir jetzt Leid tut, alter Junge?“
„Ich gebe dir gleich einen alten Jungen. Nein, es ist etwas anderes.“ Charles sah den Grafen wehmütig an. „Schon mal versucht, Sternschnuppen mit einem Knight einzufangen?“
„Erzähl es mir später, okay?“ Der Graf erhob sich und verließ den Balkon. Im gehen murmelte er: „Es nützt nichts, den Knight auf die richtige Höhe zu bringen, du Dummkopf. Man muss auch noch die Arme ausstrecken.“
***
Es war schon spät, die Sonne hatte beinahe den Horizont erreicht, da erhob sich Johann. „Vater, ich gehe meine Brüder besuchen. Es wird nicht lange dauern.“
„Geh nur, geh nur. In den letzten zwei Jahren wirst du den Weg wohl nicht vergessen haben.“
Arling stand auf und klopfte seinen Offizieren auf die Schulter. „Ärgert mir den alten Mann nicht zu sehr. Er sieht vielleicht aus wie ein Preisbulle in der Brunft, aber in Wirklichkeit ist er ein gebeugter Greis.“
„Greis? Ich? Ha, wenn du mal mit sechzig so gut aussiehst wie ich mit zweihundert, dann reden wir weiter!“ Der Herzog hob sein Glas und trank einen Schluck Wein. „Bist du immer noch nicht weg, du Lausejunge?“
„Es dauert nicht lange“, sagte Arling, lächelte seine Verlobte an und verschwand im Westflügel.
„Ich muss zugeben, ich bin etwas irritiert“, gab Ellie zu. „Sogar mehr als etwas. Seine Brüder hat Han nie erwähnt und…“
Gandolf Zachary Herzog zu Beijing hob beide Augenbrauen. „Hast du Lust auf einen Spaziergang, meine Hübsche? Bille, kannst du derweil unsere Gäste bei Laune halten?“
„Natürlich, Großvater. Dafür muss ich ja nur Gerry betrunken machen und anschließend mit Lenie über ihn lästern.“
„Gut, dass ich zu betrunken sein werde um das mitzukriegen“, erwiderte Gerard trocken. Aber seine Augen verrieten, dass seine Worte nicht annähernd so ernst gemeint waren wie sie klangen. Mehr noch, Ellie ertappte sich dabei, sie alle als große Familie anzusehen. Und in diese Familie heiratete sie nun ein.
„Ellie?“ „Natürlich, Zachary.“ Sie ließ sich von ihm aufhelfen und folgte dann der großen Gestalt durch den Innengarten.

„Du hast heute noch einen schweren Tag vor dir. Außer Sybille haben sich noch Hannes´ beiden Schwestern angekündigt, um dich kennen zu lernen. Margrit ist etwas streng, zugegeben, aber sie wird froh sein, dass der Lauser endlich unter die Haube kommt. Francine ist ein sehr fröhlicher Mensch, und genau damit geht sie einem nach spätestens einer Stunde auf die Nerven.“ Zachary seufzte. „Natürlich werden sie ihre erstgeborenen Söhne mitbringen, die Grafen zu Nanking und Kantou. Die sind etwas erträglicher, weil sie Angst vor ihrem Opa haben.“ Der alte Herzog schmunzelte. „Nur ein Witz. Aber bis Mitternacht werden wir dich wohl beschäftigt halten. Danach kannst du dich deinem Jetlag ergeben.“
„Oh, ich bin ausgeruht. Der Flug war sehr angenehm“, beeilte sich Ellie zu versichern. Fragend sah sie den Herzog an, wagte es aber nicht ihre Gedanken in Worte zu fassen.
„Du fragst dich, warum du Hannes´ Schwestern kennen lernst, aber nicht seine Brüder.“ Der alte Mann wirkte plötzlich wirklich alt. Er ächzte und rieb sich den Rücken. „Eine schlimme Sache, das. Eine sehr schlimme Sache. Weißt du, mein Engel, ich bin nun zweihundertneun Jahre alt. Das ist eine sehr lange Zeit, gerade für einen Menschen, der noch so jung ist wie du. Und in dieser Zeit hatte ich drei Ehefrauen, und keine ist mir geblieben. Es tut manchmal weh, zurückbleiben und noch leben zu müssen, wenn das was du liebst nicht mehr da ist.“ Der alte Herzog sah gen Himmel, wo gerade der erste Stern erschien. „Aber ich habe viele gute Erinnerungen an sie, schöne Erinnerungen, die mir helfen. Die mich nicht verzweifeln lassen. Und dann sind da ja auch noch meine Kinder und Enkel, und Urenkel und… Ach, lassen wir das. Es würde zu weit führen.
Meine erste Frau hieß Charlotte. Ich war siebzig, als ich sie heiratete. Ich war Graf zu Nanking und nicht einmal ansatzweise in der Verlegenheit, einmal diese Welt erben zu müssen. Im Gegenteil, ich war Flottenoffizier, und ich war mit diesem Job sehr zufrieden. Und ich dachte meine Frau wäre auf dieser Welt sicher. Charlotte hat mir drei Kinder geschenkt. Anton, meinen Erstgeborenen, Margrit, mein ältestes Mädchen und Francine, unser Mittelkind. Leider begann gerade die Cardiff-Revolte am einen Ende des Kaiserreichs und die Magno-Stahl-Aufstände im Herzen des Kaiserreichs. Ich wünschte, ich wäre damals hier gewesen. Ich wünschte, ich… Es ist so lange her, dass ich mich kaum dran erinnern kann. Und das betrachte ich als großen Segen. Die Magno-Stahl war damals ein Großkonzern, der enormen Einfluss auf das Kaiserreich hatte. Und der Vorstand glaubte, dass dieser Einfluss groß genug war, um den Kaiser zu dirigieren. Ein fataler Irrtum, der in einer blutigen Polizeiaktion gipfelte. Der Konzern war hoch gerüstet, besaß eigene Schiffe und eigene Truppen. Und damit begann er die Welten um das Zentrum herum zu bekämpfen.“
Wieder seufzte Zachary. „Sie sind auch hier her gekommen, und weil Robert, mein Vater, treu zum Kaiser stand, wurde die ganze Familie arrestiert. Als dann die Flotte eintraf, um sie zu retten und den Planeten zu befreien, verlor ihr Kommandeur die Nerven und ließ alle Männer meiner Familie hinrichten. Einen nach dem anderen. Am Ende dieses blutigen Tages hatte ich plötzlich zwei blutige Pflichten zu erfüllen. Ich war nun Herzog von Beijing, und musste die Männer meiner Familie zu Grabe tragen, darunter auch meinen eigenen Jungen.“
Wieder seufzte der Mann, und mitfühlend reichte Ellie ihm ein Taschentuch.
„Danke. Es ist schon so lange her, und dennoch tut es weh. Charlotte war nie besonders stark gewesen, deshalb habe ich sie ja auf B-King zurückgelassen. Aber mit ansehen zu müssen, wie ein Mann nach dem anderen erschossen wird, drei Grafen, der Herzog, und dann der eigene Sohn, das hat sie nie verkraftet. Unsere Töchter taten ihr möglichstes, aber sie folgte Anton ein paar Jahre später.
Nun, was soll ich sagen, vor fünfundachtzig Jahren, als ich glaubte, niemals über diesen Schmerz hinweg zu kommen, lernte ich Katherine kennen. Ich heiratete erneut, und sie schenkte mir zwei Kinder. Eine war Sybilles Mutter Eryn, die heute am kaiserlichen Hof lebt und ein Ministerium führt. Der andere war Ludwig, mein zweiter Sohn. Er folgte meinem Pfad, meldete sich zur Flotte… Und starb kinderlos im Kampf gegen Yura-Maynhaus. Damals war er gerade erst dreißig gewesen. So jung, so schrecklich jung, und ich, der schon so alt war, musste an seiner statt weiterleben. Oh, es war so schrecklich. Katherine hat das nicht gut aufgenommen. Es verging nicht einmal ein Jahr, dann hatte sie mich und dieses Universum verlassen. Für mich war das ein doppelter Schlag gewesen, ein großes Unglück, aber ich habe es überlebt.
Und vor nicht ganz vierunddreißig Jahren lernte ich Marie kennen. Wieder verliebte ich mich, wieder wurde geheiratet. Und sie schenkte mir meinen Johann. Leider überstand sie seine Geburt nicht. Das ist der letzte Stand der Dinge. Nun liegt es an dir, die direkte Linie der Beijings aufrecht zu erhalten, Eleonor Rend. An dir, und zugegeben, an diesem Rumtreiber Hannes.“ Der alte Mann lächelte verschmitzt und sah sie von der Seite an. „Ja, ich denke, du schaffst das. Du bist nicht nur stark, stärker als meine Frauen, du hast ihn auch im Griff. Das ist genau die Frau, die Johann braucht. Natürlich wäre es mir lieber, wenn ihr zwei die Flotte verlassen würdet und hier sesshaft werdet.“
Ellie wollte protestieren, aber der Herzog winkte ab. „Dass das ein unmöglicher Wunsch ist, weiß ich selbst. Aber ich wollte ihn einmal ausgesprochen haben, Eleonor Rend.“
„Heißt das, Han besucht die Gräber seiner Brüder?“
„Brüder, die er nie kennen gelernt hat, ja. Er sitzt an ihren Gräbern, hält stumme Zwiesprache mit ihnen, erweist ihnen seinen Respekt und geht wieder fort, bis es ihn erneut auf seine Heimatwelt verschlägt.
Oh, ich wünschte, ich könnte etwas Last von euer beider Schultern nehmen. Aber solange Hannes lebt, wird das Parlament niemand anderen als Nachfolger für mein Amt akzeptieren. Margrit wäre damals eine hervorragende Herzogin gewesen, aber diese Sturköpfe beschützen das Patriarchat ja besser als ihre Heimatwelt.“ Wieder sah er in den Sternenhimmel hinauf. „So sieht das aus. Wenn ich du wäre, würde ich mir wohl lieber Hannes schnappen und mit ihm durchbrennen, am besten direkt zur Erde.“
„Aber das kann ich nicht.“ „Und er kann es auch nicht. Deshalb bleibt ihr beide in der Flotte, wagt eure Leben in diesem Krieg, und lasst einen alten Mann wie mich zittern und bangen. Denn noch einmal werde ich sicher keine Kinder in die Welt setzen. Und mit Han endet meine Linie dann.“
Schweigend gingen die beiden zurück zum Tisch. „Danke für die Nachhilfe.“
„Nachhilfe wofür, mein Schatz?“
„Nachhilfe für das, was nun auf mich zukommen wird.“
„Oh, es wird nicht immer so blutig oder tragisch sein. Aber Menschen wie wir, die durch Geburt dazu gezwungen sind, die anderen anzuführen und durch ihre Erziehung und ihre Moral diesem Zwang nachgeben, leiden öfter als jene, die wir beschützen. Es erwischt immer die, die vorne stehen, zuerst.“
Ellie blieb nichts anderes als zu nicken.
***
Ein Board zu fliegen war heutzutage nichts besonderes mehr, fand Charly. Mit Gleitkontrolle, Bordcomputer, Nanoskin und Kollisionsalarm waren diese Dinger tüchtig übertechnisiert.
Früher, als man einfach nur ein Antigrav-Modul mit einem flachen Fiberglasbrett kombiniert hatte und der Boarder mit seiner Balance und diversen anderen Tricks Kurs und Geschwindigkeit bestimmt hatte, da konnte man noch von Kunst reden.
Aber diese Dinger, Luxusausführungen, konnten sogar von Kleinkindern gesteuert werden.
Charles schob diesen mürrischen Gedanken beiseite. Damit tat er Mikhail mehr als unrecht. Der junge Graf hatte wenig Talent für das Hoverboard, aber er gab sein Möglichstes, um Seite an Seite mit seinem Ritter zu fliegen. Deshalb akzeptierte Charly ab und zu dieses überkandidelte Brett, wenn es denn nur seinen Lehnsherrn glücklich machte.
Mikhail schien seine Gedanken gelesen zu haben, denn er wandte sich im Flug um und lachte aus vollem Herzen. Oh ja, mit den Boards verband er viele gute und ein paar schlechte Erinnerungen. Und die meisten hatten direkt mit einem vierzehnjährigen Bengel zu tun, der wie ein Verrückter in eine Gruppe Männer hineingerast war, um einen achtjährigen Burschen auf sein getuntes Board zu ziehen und mit einer Höchstgeschwindigkeit von dreihundert Km/H zu entkommen.
Was wie eine Entführung anmutete, war auch eine, aber zu einem guten Zweck und zu einer Periode im Leben des jungen Grafen Angward, die er nie wieder vergessen würde.
Es war nie besonders leicht, einen Menschen oder sogar mehrere sterben zu sehen. Für einen Achtjährigen war das besonders schlimm, vor allem wenn er diese Menschen sein ganzes kurzes Leben schon gekannt hatte.
Charles schüttelte den Gedanken unwillig ab. Es war eine Hinrichtung gewesen, eine regelrechte Hinrichtung, an deren Ende der damals jüngste Enkel des Herzogs hatte stehen sollen. Um die Hintergründe hatte sich Charly damals wenig geschert. Er war ein junger Ratz ohne Ziel und ohne Perspektive gewesen, der auf seinem selbstgebauten Hoverboard die Gegend unsicher gemacht hatte, so gut er es vermochte. Respektlos gegen jedermann, das war seine Devise gewesen, und weil er genau diesen Respekt gegenüber den Erwachsenen missen ließ, war er dreist genug gewesen, den kleinen Bengel aus dem Meer aus dem Blut seiner Leibwächter zu erretten und sich nicht eine Sekunde zu fragen, ob ihn vielleicht eine Kugel oder ein Laserschuss in den Rücken treffen und töten würde.
Am Ende hatte er den jungen Grafen zwei Wochen lang bei sich Zuhause versteckt, was seine Eltern nicht sehr gut aufgenommen hatten. Aber letztendlich waren sie zu weich gewesen, um den weiteren Esser einfach vor die Tür zu jagen. Und außerdem hatte der arme Wurm so herzzerreißend geweint. Zwar glaubten seine Eltern die Geschichte mit dem Attentat nicht so recht, aber sie waren gute Menschen. Und gute Menschen taten gutes.
Als dann am Ende der zwei Wochen die Attentäter gefasst worden waren und Polizeieinheiten den jungen Grafen aus dem Haus „befreien“ wollten, waren alle Puzzleteile an ihren Platz gelandet. Es hatte einen tränenreichen Abschied von Mikhail gegeben, Vater und Mutter hatten geweint als würden sie ihren eigenen Sohn hergeben müssen, und der kleine Junge hatte zuerst an den Eltern, dann an Charles´ zwei jüngeren Brüdern und dann an ihm selbst gehangen.
Manchmal fragte er sich ob es diese Rücksichtslosigkeit auf das eigene Leben war, das ihn irgendwann zum Knight-Piloten qualifiziert hatte. Oder war es schlichter Mut gewesen? Oder noch schlimmer, die Fähigkeit, in der richtigen Situation das richtige zu tun?
Mikhail reduzierte die Geschwindigkeit und kam an die Seite von Charly. „Woran denkst du, alter Junge?“
„Ich denke daran, dass das ein hervorragender Stop&Go von dir war. Du hast dich sofort an meine Geschwindigkeit angepasst, ohne groß zu verzögern. Du wirst besser, Mikhail.“
„Ich habe geübt“, erwiderte der Graf. „Es hat sich herausgestellt, dass es für einen Knight-Piloten eine gute Erfahrung ist, wenn er ein Board beherrscht, also lasse ich meine Kompanie jeden Tag zwei Stunden lang üben.“
„Stimmt das? Oder hast du nur eine Möglichkeit gefunden, aus einem Freizeitvergnügen einen militärischen Dienst zu machen?“
„Ein wenig von beidem.“
Charles lachte. Gewitzt war der kleine Junge schon immer gewesen. Was er wieder einmal hier bewiesen hatte.
„Und woran hast du noch gedacht, großer Bruder?“
„Ich habe an das Attentat gedacht. Wie du damals mit zu mir nach Hause gekommen bist.“
„Oh, ja. Rose und Anatoli. Ich war neulich ein paar Tage zu Besuch. Du hättest sehen sollen, wie sehr sie sich gefreut haben.“
„Du warst Zuhause? Was machen meine kleinen Brüder?“
„Tony ist in meiner Kompanie, habe ich das noch nicht erzählt? Er will unbedingt seinem großen Bruder nacheifern und nach seiner Kadettenzeit ins Militär wechseln.“
„Danke für die Information. Ich werde diese Flausen aus ihm heraus prügeln. Und Randy?“
„Immer noch Buchhalter. Aber wenn es dich beruhigt, er macht einen guten Job bei der Verwaltung meiner Güter auf Angward.“
„Wundert mich, dass er den Job immer noch hat. Er hasst die Kälte.“
„Auf Angward ist es nicht immer und nicht überall kalt. Nur im Norden, und dann auch nur im Winter.“
„Von dem du auf Angward ein halbes Jahr lang was hast.“
„Es können nicht alle Kontinente am Äquator liegen.“
„Doch, können sie. Auf Springe tun sie das.“
„Aber sie ragen trotzdem in den Nordpolarkreis oder den Südpolarkreis hinein.“
„Punkt für dich, kleiner Bruder.“
„Wenn das alles war was dich belastet, dann gib mal Gas. Ich will vor dem Feuerwerk da sein.“ Er lächelte jungenhaft verschmitzt. „Für meinen ersten Ritter ist mir nichts zu schade.“
Erster Ritter. Diese beiden Worte weckten eine weitere Erinnerung. Charly verlagerte sein Gewicht nach vorne, das Board reagierte und beschleunigte.

Es war keinen Tag nachdem der junge Graf in sichere Polizeihände übergeben worden war, als eine aufgelöste, dankbare Mutter im Haus Monterney aufgetaucht war. Herzlich, strahlend, geradezu blendend hatte sich Sybille von Angward für die Rettung ihres Sohnes bedankt. Und sie war nicht allein gekommen. In ihrem Schlepp war die Weltpresse gewesen, die den Heldenmut des jungen Charly und die soziale Ader einer nicht gerade, nun, reichen Familie gebührend zelebrierte.
Eine Woche später und ein paar gräfliche Geschenke darauf – darunter ein eigenes Heim in guter Wohnlage in Port Arthur, und ein paar Sachen, an die sich Charles nicht mehr erinnern konnte – war er vor den Herzog zitiert worden.
Nun, Charly war respektlos gegenüber Erwachsenen, aber der große, geradezu gigantische Mann in seinem schweren Lehnsessel, der ihn mit strengem Blick musterte, flößte ihm schon gehörigen Respekt ein. Ach, wenn er ehrlich war, hatte er die Hosen gestrichen voll gehabt.
Dann aber hatte Gandolf zufrieden genickt, seinen Urenkel zu sich gerufen und ihm die Erlaubnis gegeben, den jungen Charles Monterney zum Ritter seiner Grafschaft zu schlagen.
Spätestens ab diesem Punkt war sein Weg in das Militär vorgezeichnet gewesen. Und spätestens ab diesem Punkt waren die Residenz auf Angward und der Herzog-Palast sein zweites Zuhause geworden.
Aber es war letztendlich die darauf folgende Bekanntschaft mit Johann gewesen, die ihn nicht zur Miliz, sondern zur Raumflotte gebracht hatte. Han war sein bester Freund, das würde immer so bleiben, so lange wie er atmete. Aber der da, dieser Springinsfeld, der sich einbildete, alleine eine Kompanie Knights anführen zu können, der würde für immer und ewig der kleine Bursche sein, der sich zitternd an ihn geklammert hatte, während sie mit Höchstgeschwindigkeit auf seinem Board davon geflogen waren und dem er hatte sagen müssen: „Weine ruhig. Es wird dir gut tun.“
Erst Jahre später hatte Charles den Zusammenhang begriffen. Hatte begriffen, dass das Attentat eine Warnung an Herzog Beijing gewesen war, weil er zu diesem Zeitpunkt Robert bei sich aufgenommen hatte. Wofür er beinahe einen horrenden Preis bezahlt hätte, einen Preis, den ein Mann, der zwei Söhne verloren hatte, nicht auch noch bei seinen Enkeln zu zahlen bereit war.
Aber diese Erfahrung, dieser simple Moment in seinem Leben, der Augenblick der Entscheidung war es gewesen, der Charles´ Leben so nachhaltig verändert hatte.
Die Schüsse, der Schrei eines Sterbenden, der kleine Junge, der zitternd in dem Pulk an Männern stand, während rund um ihn die Toten lagen.
Dann der Augenblick, in dem Charly sein Board abstieß, Geschwindigkeit aufnahm, und brutal in den Pulk der Männer hinein fuhr.
Dieses abstoßen auf dem Gehsteig, der eine Moment, als er Kraft aufgewendet hatte um Fahrt zu kriegen war es gewesen, der alles verändert hatte. Wirklich alles.

„Mensch, ich habe ihnen doch gesagt, sie sollen mit dem Feuerwerk warten!“
Charles sah auf und erkannte bereits die Strandlinie. Die Sonne senkte sich gerade über dem Horizont,und über der Meereslinie explodierten rote Feuerblumen. Danach kamen violette Lanzen, die gelbe Sterne entließen, ihnen folgte weißer Sprühregen.
Als Charles am Strand zum stehen kam, konnte er kaum den Blick von der glitzernden Pracht wenden. Wahrscheinlich, weil es ihn an ein Gefecht mit Mechas erinnerte.
Die Gäste begrüßten die Neuankömmlinge lautstark, Charles und der Graf mussten viele Hände schütteln und der Oberst speziell eine Reihe von gut gemeinten, aber hart geführten Schulterklopfern ertragen. Dazu kamen diverse Küsschen, hauptsächlich von den Mädchen, was die Sache angenehm gestaltete.
Schließlich drückte jemand dem Duo je ein Glas in die Hand, und Mikhail rief: „Auf die glückliche Heimkehr meines großen Bruders! Möge sein Ruhm sich mehren, sein Rang in nie geahnte Höhen schießen und sein Arsch stets sicher nach Hause finden!“
Damit hatte der Graf das Gelächter auf seiner Seite.
„Danke! Ich danke euch allen. Ich will mich bemühen, Mikhails Wünsche wahr werden zu lassen, vor allem natürlich Wunsch Nummer drei, immerhin hänge ich an meinem Arsch.“
Wieder wurde gelacht.
„Genug der Worte! Lasst uns mal ein richtiges Feuerwerk sehen!“

Während über ihnen Kometen vergingen, neue Sterne für wenige Sekunden ihre volle Pracht entfalteten und glitternder Regen aus vergehenden Funken dem Sternenhimmel Konkurrenz machte, fühlte sich Charly das erste Mal an diesem Abend wirklich wohl. Er hatte ein Bier in der Hand, war von Freunden umgeben, stand am Strand und trug nur noch die langen Hosen, so warm war es. Außerdem liebte er das Gefühl vom Sand, der zwischen seinen Zehen kitzelte. Und eine Menge hübscher Mädchen waren auch noch da – leider mittlerweile fast alle vergeben, wie er mit einem bedauernden Schmunzeln feststellen musste. Er war wohl etwas lange fort gewesen.
„Na, na, was stehst du denn hier so alleine rum? Du bist der Star des Abends!“, rief Mikhail, legte einen Arm um seine Schulter und zog ihn mit sich.
„Wenn ich der Star des Abends bin, warum zerrst du mich dann fort, Kleiner?“
„Weil ich deinem größten Fan versprochen habe, dich ihr vorzustellen.“ Die Augen des Grafen zu Angward glitzerten in der Dunkelheit spöttisch auf, und das große Lagerfeuer tanzte in seiner Iris. „Sie ist noch Single, sie steht auf dich, und sie sieht auch noch super aus.“
Charles winkte ab. „Sorry, Mick, aber ich habe meinen Kopf gerade woanders. Ganz, ganz, ganz woanders. Können wir das nicht überspringen und uns stattdessen mit Alkohol betäuben?“
„Was, bist du etwa mittlerweile vergeben?“, fragte der Graf enttäuscht.
Charles unterdrückte ein auflachen. „Nun ja… Nein… Aber es hängt mir noch nach.“
„Ach. Hat sie dich auflaufen lassen, die kleine Schlampe?“
„NEIN!“, rief der Oberst entrüstet. „Außerdem, wenn du sie Schlampe nennst, wasche ich dir den Mund mit Seife aus! Sie ist…“
„Ein Mann?“
„Kein Mann! Sie ist nur unendlich weit von mir entfernt…“
„Das würde ich nicht sagen… So, hier bringe ich dir den Ausreißer, Elise. Dafür habe ich aber einen gut bei dir.“
„Ja, hast du. Guten Abend, Lucky Charly.“
Charles sah auf. Und für einen undefinierbar langen Zeitraum implodierte das Universum. Genauer gesagt kollabierte es bis auf zwei Punkte. Der eine war er selbst, zentriert in der eigenen Realität. Der andere war die Frau, die nur drei Schritte vor ihm stand und lächelte.
Dann schlug sein Herz mit der Gewalt eines Vorschlaghammers, und die Raumzeit fand wieder ihren Platz.
„Ich denke, ihr habt da einiges zu bereden“, meinte der Graf schmunzelnd. „Aber vereinnahme ihn nicht den ganzen Abend, Elise. Ich und die anderen wollen auch noch was von unserem Lokalhelden haben.“

Charles gab sich einen Ruck. „Hallo, Hoheit.“
Elisabeth Roxane Prinzessin von Versailles schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln. Und das war nicht das einzige was an dieser Frau hinreißend war. Sie trug einen gelben Bikini und hatte um die Hüften ein farbenfrohes Strandtuch geschwungen, das ein wenig verhüllte und viel betonte. Ihr langes Haar lag als schwerer Zopf auf ihrer rechten Schulter, und ihr Lächeln konnte kaum mit dem Glanz ihrer Augen mithalten.
Doch die förmliche Erwiderung ließ das Lächeln gefrieren. „Vielleicht war das hier doch keine so gute Idee.“
Sie setzte sich in Bewegung, ging an Charles vorbei, wurde aber von dem Arm gestoppt, den er um ihre Taille legte. „Wartet, Hoheit. Warte bitte, Elise.“
Verwundert sah sie auf. „Charly?“
„I-ich weiß nicht, was hier passiert. Ich weiß nicht, was mit mir passiert. Oder dir oder Robert oder Han oder all den anderen, ich weiß es nicht. Ich verstehe es auch nicht. Aber ich verstehe, dass du Roberts direkte Erbin bist. Und selbst wenn er auf den Gedanken kommt, doch endlich zu heiraten und ein paar Kinder in die Welt zu setzen wirst du irgendwo da oben sein, und ich irgendwo hier unten und… Und ich weiß nicht einmal ob es richtig ist, überhaupt mit dir zu reden.“
„Früher hattest du damit nie Probleme.“
„Früher. Auf der Spielwiese habe ich auch nicht gewusst wer du bist.“
„Nicht auf der Spielwiese. Hier, an diesem Strand. Damals, Charly.“
„Damals?“ Wenn man Verwirrung hätte eintüten und verkaufen können, Charles Monterney hätte in diesem Moment den Weltmarkt beherrschen können.
„Damals?“ In jähem Entsetzen riss der Oberst die Augen auf. „DAMALS?“
„So. Erinnerst du dich endlich?“, fragte die Prinzessin mit Genugtuung in der Stimme.
„Das ist zwölf Jahre her! Du warst vierzehn! Ich war achtzehn! Das ist… Das ist doch…“
„Du warst immer mein Held, Charly. Erst in dem Sommer, den wir an diesem Strand verbracht haben und danach all die Jahre, als mir nur die Erinnerung an dich blieb.“
„Himmel, ich war doch schon ein erwachsener Mann!“
„Dazu hätte ich was zu sagen“, erwiderte sie schmunzelnd. „Ich glaube einfach nicht, dass du dich damals nur um mich gekümmert hast, weil ich Elisabeth Roxane war. Ich glaube, dass du mich damals wirklich von Herzen gemocht hast.“
„Natürlich habe ich dich gemocht! Und ich habe diesen Idioten ordentlich verprügelt, der es gewagt hat, dir weh zu tun! Und ich habe dich im Arm gehalten und getröstet, so gut ich es konnte. Aber…“
„Aber? Hältst du es für vermessen, wenn ich dir sage, dass ich mich damals in dich verliebt habe? Dass ich dich immer noch liebe? Okay, ich weiß jetzt, warum du dich im Palast so komisch benommen hast. Du hast mich vergessen. Aber ich verzeihe dir das. Wir hatten Krieg, wir hatten beide unsere Aufgaben, und ich habe in der ganzen Zeit nie versucht, dich wirklich zu treffen, auch wenn ich es vielleicht gekonnt hätte. Bis wir uns wieder begegnet sind, und all das wieder in mir empor gespült wurde, was ich an diesem Strand für dich gefühlt habe. Bis ich wusste, warum mir nie ein Mann genug sein konnte, warum ich mich nie ernsthaft gebunden habe. Es wurde mir klar, als ich dir wieder in die Augen sah.“
Sie sah ihn aus ihren klaren, tiefen Augen wehmütig an. „Und ist es so viel verlangt, wenn ich dich frage, ob du auch etwas für mich spürst?“
„D-du bist die Prinzessin.“ „Das hatten wir schon. Weitere Einwände?“
„I-ich bin Soldat.“
„Bin ich auch. Noch irgendwas?“
„I-ich… Ich bin ein Feigling.“
Erschüttert sah sie ihn an. „Das ist es also?“
Betreten senkte Charles den Kopf. „Das ist es, Elise.“
„Und? Wirst du jemals den Mut aufbringen, mir…“
„Ich weiß es nicht. Du bist keine vierzehn mehr und ich bin nicht mehr achtzehn. Wir sind jetzt erwachsen, und eigentlich bist du alles, was ich mir wünsche. Aber… Aber ich kann nicht. Du bist irgendwo da oben im Rampenlicht und ich bin…“
„Nur ein Held des Kaiserreichs, der persönlich mit dem Kaiser bekannt ist. Und der mir auf der Party bei Ellies Eltern das Leben gerettet hat. Guck nicht so überrascht. Denkst du, das habe ich nicht mitgekriegt? Ich habe nur mitgespielt, damit Robert sich nicht unnötig aufregt.“
„So.“ Charles schnaubte amüsiert. „Und ich dachte, ich wäre schnell genug gewesen.“
„Der Schlag, mit dem du dem Attentäter die Nase gebrochen hast, hat dich verraten“, tadelte Elise schmunzelnd.
„Oh. Dennoch, ich… Ich… Elise, ich…“
„Ja, du bist ein Feigling. Aber das macht nichts. Du bist mein Feigling. Ich werde dir Zeit geben. Was denkst du wie lange deine nächste Mission dauern wird? Ein halbes Jahr? Ein ganzes? Würde das reichen, damit du eine Entscheidung fällen kannst? Sag jetzt nicht so was wie: Ich weiß nicht.“
„Nein, ich denke, ich… Ich denke, das wird reichen.“ Er sah die Prinzessin ernst an. „Darf ich dir schreiben?“
„Darum bitte ich. Jeden Tag, Charly.“
„Nicht jeden Tag, aber so oft wie ich kann.“
„Einverstanden. Und was das Attentat anging, ich habe mich noch gar nicht bedankt. Ich meine, richtig bedankt. Ich musste ja so tun, als hätte ich nichts mitgekriegt, damit Ellies und Hans Verlobungsparty nicht gesprengt wird.“ Ihre Linke glitt sanft über Charlys Rechte, die noch immer auf ihrer Hüfte lag. Ihr Blick wurde tief wie ein schwarzes Loch, und der Knight-Pilot war in ihm gefangen. „Danke, Pilot“, hauchte sie und verschloss seine Lippen mit den ihren.
Charles erwiderte den Kuss, schlang auch den anderen Arm um sie und spürte, wie ihre Hände auf seinen Rücken glitten. Und als sie mehr Vertrauen zueinander und ihren Zärtlichkeiten gefasst hatten, öffneten sie ihre Lippen und brachten ihre Zungen für sanfte Berührungen hinzu. So standen sie lange Zeit beieinander und gaben sich dem Augenblick hin.
Erst spät unterbrach der Offizier den Kuss und löste sich sanft aus Elises Umarmung, die nur langsam in die Wirklichkeit zurück fand. Er fasste Elise bei der Hand und zog sie mit sich. „Lass uns zu den anderen zurückgehen. Da wartet immer noch eine Party.“
„Kriege ich noch einen?“
Konsterniert verharrte er im Schritt. „Nachher. Vielleicht.“
„Wieso vielleicht? Chaaaarlyyyy.“

Mikhail registrierte, dass die Nervensäge und sein großer Bruder zusammen zurück kamen, deshalb wertete er die Aussprache der beiden als nicht völligen Misserfolg.
Nun, er konnte zwar auf Anhieb ein Dutzend Mädchen nennen, die besser zu Charles passten, einige davon seine Cousinen und Großcousinen, aber wenn sie nun mal das Mädchen war das er sich ausgesucht hatte, dann konnte er nur helfen wo immer er konnte. Aber ausgerechnet Elise – Charles hatte einen merkwürdigen Geschmack.
***
Als Arling die leisen Schritte im knirschenden Kies hörte, sah er auf. „Oh, hallo, Ellie. Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Hast du mich vermisst?“
„Natürlich habe ich dich vermisst. Ich vermisse dich jede Sekunde, die du nicht bei mir bist.“ Sie ging neben den schmucklosen Grabsteinen in die Hocke, vor denen Arling saß. „Deine Brüder?“
„Meine Brüder. Ich habe sie nie kennen gelernt, und dennoch haben sie enorm vorgelegt. Der eine starb als Märtyrer, der andere als Kriegsheld. Wenn es irgendwie geht, möchte ich den Teil mit dem sterben schon vermeiden, aber ich habe mächtig zu strampeln, um ihnen gerecht zu werden. Beide wären wahrscheinlich hervorragende Herzöge von Beijing geworden. Und einer von ihnen hätte die Chance gehabt, Kaiser zu werden.“
Arling lächelte. „Ich habe Aufzeichnungen von ihnen gesehen. Sie waren beide auf ihre ganz eigene Art wunderbar. Ich wünschte ich hätte die Chance gehabt sie kennen zu lernen.“
Ellie klopfte Han mitfühlend auf die Schulter.
„Es geht schon, Ellie. Es geht. Ich unterdrücke meine emotionale Seite nur immer, und wenn ich sie dann doch mal raus lasse, dann…“
„Dann schmeißt du mich mit einer Prisenmannschaft von Bord deines Schiffs?“, half sie lächelnd aus.
„Ja, so in der Art.“ Mit einem Seufzer sank er gegen seine Verlobte. „Es ist so wundervoll, dass es dich gibt, Eleonor Rend.“
„Das Kompliment kann ich nur zurückgeben, Johann Arling.“

Nach einem langen Kuss sah sich Ellie mit neuer Energie um. „Liegen hier alle deine Vorfahren?“
„Nein, wir halten nichts davon, den Toten Monumente zu setzen. Kein Grab existiert länger als zweihundert Jahre. Ausgenommen natürlich das Grab vom Pferdedieb.“ Johann deutete auf ein hervorragend gepflegtes Grab in der Mitte des kleinen Friedhofs.
„Pferdedieb?“
„Der erste Herzog von Beijing. Mein Vorfahr. Ein Schuft, ein Verräter, ein Dieb und Scharlatan. Willst du die Geschichte hören?“
„Jetzt ja.“
Johann lachte leise. Dann zog er Ellie auf eine nahe Bank. „Dort liegt Harry Chun, der erste Herzog von Beijing. Er war ein Abkömmling der ersten Siedler und so ziemlich jeder ethnischen Gruppe, die später auf B-King siedelte. Es war während der Besiedlungszeit, 2112. B-King erlebte gerade die dritte Besiedlungswelle, die Menschen waren uneins wie immer und Mischlinge wie Harry waren nicht sehr gerne gesehen. Sehr schnell und sehr früh musste er lernen, dass ihm sein Grips wesentlich weiter half als seine Körperkraft. Er kam so ziemlich aus der untersten sozialen Schicht, die es damals gab, denn Mischlinge wurden von keiner Gruppe wirklich geduldet. Sie führten damals meistens eine Randexistenz, und nie hätte jemand gedacht, dass einer von denen mal Herrscher des Planeten sein würde.
Jedenfalls log Harry, er stahl, er täuschte, er spielte, er tat einfach alles, um an Geld zu kommen. Ich würde jetzt gerne sagen, all das hat er getan, um denen zu helfen, die ärmer waren als er. Oder Leidensgenossen unter den Mischlingen, die es noch schlechter hatten als er. Aber nein, für ihn gab es nur persönliche Bereicherung. Du musst wissen, obwohl die chinesische Erstsiedlergruppe die anderen ethnischen Gruppen eingeladen hatte auf dieser Welt zu siedeln, sorgten sie doch dafür, dass alle weitestgehend voneinander getrennt blieben. Die Chinesen blieben auf Arling oder ihren Enklaven auf den anderen Kontinenten, die Europäer siedelten bevorzugt auf Angward, die Inder auf Nanking und die Afrikaner hatten Kantou für sich entdeckt.
Es gab wenige gemeinsame Kontakte zwischen den Kontinenten, aber zu jener Zeit bemerkten sie, dass sie aufeinander angewiesen waren. Es war Unsinn, Waren von den umliegenden Systemen zu importieren, wenn es sie auf dem Nachbarkontinent gab. Und es war müßig, eigene Streitkräfte zu unterhalten, die dann doch nur die Nachbarn auf der eigenen Welt misstrauisch beäugten, statt den Planeten zu beschützen. Harry hat damals die Zeichen der Zeit richtig erkannt und eine Firma aufgezogen, die den Warentransfer zwischen den Kontinenten bewerkstelligte. Nun, erst war es nur ein kleiner Schmugglerbetrieb, aber mit Geld kann man sich Legitimation kaufen, und so wurde es bald eine der wichtigsten Firmen auf Arling. Ebenso hatte er bald einen gewissen Einfluss auf den anderen Kontinenten.
Doch das war nur der Anfang. Harry begann, eine eigene kleine Miliz aufzustellen, die sich hauptsächlich aus Mischlingen wie ihm rekrutierte, aber auch aus viel versprechenden Vertretern der Unterschicht, die mittellos und bereit waren, für Geld und ein wenig Anerkennung fast alles zu machen. Diese Streitmacht vermietete er zu gleichen Teilen an alle vier Gruppierungen. Genauer gesagt, sie übernahm die Zollaufgaben für den Planeten und die Verteidigung des Systems, und sorgte somit dafür, dass sich die regulären Streitkräfte weiterhin gegenseitig belauern konnten. Damit waren sie so beschäftigt, dass sie gar nicht bemerkten, dass das Kaiserreich Katalaun gegründet wurde und Welt auf Welt vereinnahmte.
Als die Streitkräfte des frisch gekrönten Kaisers schließlich B-King erreichten, hatte Harry nichts eiligeres zu tun, als sich mit seiner Privatmiliz offen auf die Seite des Stärksten zu stellen, und das waren die kaiserlichen Truppen. Oh, er hat eine Menge Schlagworte benutzt um seinen offenen Verrat ein wenig schöner zu gestalten. Freier Warenverkehr, keine Diskriminierung aufgrund der eigenen Herkunft, Schutz durch kaiserliche Truppen, freie Wahlen und eine stabile Regierung für den ganzen Planeten, nicht nur für den einen oder den anderen Kontinent, er hat nichts ausgelassen, um nicht als der große Verräter in die Geschichte einzugehen.
Niemand, nicht mal Harry selbst hatte ahnen können, dass seine Worte merkwürdigerweise auf nur allzu fruchtbaren Boden fielen. Nun, nicht unbedingt bei den herrschenden Schichten, aber Mittelstand und Arbeiter feierten die kaiserlichen Einheiten als Retter und Harry als Vertreter einer neuen, friedlichen Zeit des Wohlstands und des Wachstums und der persönlichen Freiheit. Und bevor er es sich versah war B-King sein persönliches Lehen, quasi sein Eigentum, wenngleich ihm ein demokratisch gewähltes Parlament zur Seite gestellt wurde, dass als Kontrollinstanz und Gesetzgeber diente und dabei teilweise erhebliche Macht und Verfügungsgewalt auf seine Handlungen hatte.
Aber es gab einen weiteren, noch viel größeren Vorteil, der letztendlich zur Quelle von B-Kings Reichtum wurde: Von einem Tag zum anderen stand die Welt nicht mehr allein gegen das ganze Universum, sondern befand sich nun ziemlich genau in der Mitte des Kernlandes des Kaiserreichs. Jeder Angreifer von außen musste fortan Dutzende Welten besiegen, bevor er auch nur ansatzweise bis nach B-King vorstoßen konnte.
Seither leben wir im Frieden, und seither stellt meine Familie Soldaten für die kaiserlichen Streitkräfte.
In jener Zeit wurde auch die Dynastie der Herzöge von Beijing begründet, und sie hat sich nun mittlerweile fast fünfhundert Jahre gehalten.
So wurde ein Gauner, ein Schurke, ja ein Pferdedieb das größte Glück, dass diese Welt je erfahren hatte, denn Harry löste seine Versprechen ein, nachdem er Herzog geworden war. Er durchbrach die ethnischen Barrieren, löste Missstände auf, verbot die Diskriminierung von Mischlingen und vernetzte die Welt mehr und mehr ineinander. Und als seine Kinder alt genug waren, setzte er seine Söhne als lokale Grafen ein, als Symbol dafür, dass die Augen des Herzogs jederzeit auf jedem Flecken dieser Welt ruhten.“
Arling gähnte und streckte sich. „Man kann also sagen, Ellie, der Mann war ein Gauner, aber er ist mit seiner Aufgabe gewachsen. Heutzutage wird er vom Volk fast wie ein Heiliger verehrt. Wir sagen ihnen beinahe jeden Tag wie er wirklich war, aber selbst das kann ihre Verehrung nicht beeinträchtigen, denn aus seinen Taten ist soviel gutes entstanden.“
„Und letztendlich auch Johann Arling.“
„Da hast du Recht, Ellie.“
Wieder trafen sich ihre Lippen zu einem sanften Kuss.

„Mylord Graf Arling!“, sagte eine tiefe Männerstimme direkt neben der Bank.
Ellie zuckte heftig zusammen und rutschte auf der Bank von Johann fort, bis sie ans Geländer stieß.
„Was gibt es, Artie?“
Der livrierte Diener verzog keine Miene, als er dem Grafen Bericht erstattete. „Wir haben Eindringlinge im Südsektor.“
„Eindringlinge?“
„Reporter, Mylord.“
Seufzend erhob sich der Graf. „Sie leben doch noch, Artie?“
„Natürlich, Mylord. Wir haben ihre Bewegungen gestoppt und halten sie fest. Ihnen ist nichts geschehen.“
„Ich komme. Führe mich hin. Ellie, willst du wieder reingehen oder dich auch mit der Presse herumschlagen?“
„Was ist überhaupt los?“
„Es sieht so aus als wäre ein Reporterteam in den Park des Anwesens eingedrungen. Schon wieder. Sie machen das manchmal ganz gerne, wenn sie sich spektakuläre Bilder der Herzog-Familie versprechen, und dergleichen. Nun, wir nehmen ihnen das nicht besonders übel. Wir leben im Licht der Öffentlichkeit, und das ist der Preis für das Vorrecht, diese Welt zu regieren. Aber ich habe immer die Befürchtung, dass sie sich zu dumm anstellen, mit Attentätern verwechselt und erschossen werden.“
„Mylord!“, begehrte Artie auf. „Das ist in vierhundert Jahren nicht geschehen!“
„Es gibt immer ein erstes Mal. Vor allem wenn es sich um Reporter dieser Klatschsendung auf B-King Prime handelt.“
Artie lächelte wissend. „Leider nein, Mylord. Es sind Ausländer, wie es scheint.“
„Ausländer? Das kommt nicht häufig vor. Informiere meinen Vater, dass ich mich der Sache annehme. Kommst du, Ellie?“
„Bin schon da.“
Der junge Livrierte drückte gegen sein rechtes Ohr und gab leise ein paar Anweisungen. Danach setzte er sich in Bewegung. In der Ferne des Parks erahnte Eleonor ein paar huschende Lichter.
„Sag mal, Han“, flüsterte sie und hakte sich an seinem rechten Arm ein, „glaubst du er hat uns gesehen?“
„Wie bitte?“
Ellie errötete. „Beim küssen, meine ich.“
„Oh. Ja, ganz bestimmt. Ich bin auch ziemlich sicher, dass er erst ein paar Minuten gewartet hat, bevor er uns unterbrochen hat.“
„Ist dir das nicht peinlich?“, fragte sie staunend.
„Peinlich? Ich bin dran gewöhnt. Im Herzogspalast sind immer ein paar wache Augen und ein paar Kameras auf dich gerichtet. Allerdings ist das immer noch besser als die Presse.“
„Sind in deinem Bereich auch Kameras?“, fragte sie nachdenklich.
„Nicht, dass ich wüsste, Ellie.“
„Nicht, dass du wüsstest? Na toll.“

Der Weg war nicht wirklich weit bis zu der Stelle im Wald, an der fünfzehn Livrierte mit gezogenen Waffen und Lampen zwei Menschen umrundet hatten.
Es waren ein Mann und eine Frau. Der Mann trug ein Kamerapack, einer stationären, die über seinem Auge hing und zwei mobilen, welche die Frau umschwärmten und aus verschiedenen Perspektiven aufnahm. Auf der Weste des Mannes prangte ein großes rotes L, ebenso auf der linken Brust der Frau. Sie trug einen Trainingsanzug, aber das war sicherlich nicht ihre bevorzugte Bekleidung für einen Flirt mit der Kamera, eher für einen kleinen Einbruch.
„Das ist böse“, brummte Han. „L – das ist ein Live-Team. Irgend ein Sender in der Galaxis bringt gerade das Geschehen exklusiv.“
„Hat die denn keinen Krieg über den sie berichten muss?“ Eleonor Rend verdrehte die Augen. Sie verstand diese fanatischen Reporter, die ihre Live-Berichte wie Schilde vor sich hielten, nicht. Oft genug versagte dieser Schild, und auch wenn danach die halbe Galaxis wusste, wer sie ermordet hatte und sie irgendwelche hoch angesehenen Journalismuspreise posthum verliehen bekamen – sie waren tot. Das war eine gute Story einfach nicht wert.
„…droht uns im Moment keine unmittelbare Gefahr. Die Wachen des Herzogs bedrohen uns zwar mit entsicherten Handfeuerwaffen, aber sie machen weder Anstalten, den Live-Bericht zu beenden, noch werden wir körperlich bedrängt. Carrie Rodriguez für Terra News Channel, geben sie mir fünf Minuten ihrer Zeit und ich gebe ihnen das Universum. Spence, wir bleiben Live drauf.“
„Das hättest du nicht extra erwähnen müssen, Carrie“, erwiderte der Kameramann und starrte die grimmig drein blickenden Livrierten an.
„Ich mache ein paar Aufnahmen ihrer Gesichter, Carrie“, sagte er ernst, „vorsichtshalber.“
„Einverstanden. Wir… Moment Mal, ist das da nicht Graf von Arling? Mylord, eine Stellungnahme?“
Einer der Livrierten trat zum Grafen, salutierte und berichtete. „Mylord, wir haben mehrere Scans durchgeführt. Keine Anzeichen auf Waffen, Sprengstoff, Gifte, Viren, Bakterien, Überwachungsequipment, die Kameras ausgenommen, oder Kraftverstärkende Implantate.“
„Danke, Roger. Ich kümmere mich darum.“
Johann Arling bedeutete Ellie, an dieser Stelle stehen zu bleiben und ging auf die Reporter zu. „Ich hätte gerne eine Stellungnahme von Ihnen, Miss Rodriguez. Warum schleicht sich eine TNC-Reporterin über den Park an das Haus meines Vaters an?“
„Das war Carries Idee“, beeilte sich der Kameramann zu sagen. „Das ist ihr berühmter Blick hinter die Kulissen.“
„Nun, Miss Rodriguez?“, fragte Arling mit mahnender Stimme.
„Entschuldigen Sie meinen kleinen Einbruch, Mylord. Ich hätte mir zu gerne ein Bild von Ihnen gemacht, bevor wir zusammenarbeiten werden. Aber das hat sich ja dank Ihrer hervorragenden Wachmannschaft nun erledigt. Wollen wir noch mal anfangen?“
„Zusammenarbeiten?“ Mit einer Handbewegung bedeutete Arling den Wachen, die Waffen zu senken. Kurz darauf lösten sie den Kreis auf, blieben aber zu beiden Seiten des Reporter-Pärchens.
„Ihre Story ist heiß, und ich will die Erste sein. Ich habe nicht die Geduld, um noch einen Monat und mehr zu warten. Ich will Sie nicht erst auf Springe treffen, Mylord. Ich will meine Story jetzt.“
Indigniert zog Arling die rechte Augenbraue hoch. „Auf Springe? Heißt das, Sie sind…“
„Teil des internationalen Pressecorps, das die RHEINLAND begleiten wird. Ja, das sind wir.“
Arling runzelte kurz die Stirn. „Meinetwegen. Artie, sag im Haus Bescheid. Sie sollen ein Gästequartier fertig machen. Informiere meinen Vater und meine Schwestern. Sag außerdem Bescheid, dass wir jetzt zurückkommen.
Miss Rodriguez, wünschen Sie ein gemeinsames Bett mit Ihrem Kameramann oder schlafen sie zwei getrennt?“
Spence, der Kameramann, musste plötzlich husten. Carrie Rodriguez schmunzelte bei Arlings Worten. „Getrennt, bitte. Profis vermischen Privates und Berufliches nicht.“
„So, so. Aber bitte kein Gerenne Nachts auf dem Flur. Das alte Gemäuer ist sehr hellhörig.“
„Ein Punkt für Sie, Mylord“, erwiderte die Reporterin, und ließ damit offen, ob der Graf ins Schwarze getroffen hatte oder nicht.
„Ach, und Mylord“, klang ihre Stimme erneut auf, „der Sicherheitsdienst dürfte mittlerweile unser Gepäck am Zaun gefunden haben. Könnten Sie bitte dafür sorgen, dass es nicht vorsorglich gesprengt wird und dass man es uns stattdessen bringt? Wir würden uns gerne angemessen kleiden.“
„Punkt für Sie, unentschieden“, brummte der Graf. Aber Ellie sah genau, dass der Schalk in seinen Augen blitzte.
***
Als Carrie Rodriguez den Speisesaal betrat, hatte sich ihr Erscheinungsbild um einhundertachtzig Grad gedreht. Der Trainingsanzug war einem roten Abendkleid gewichen, ihr glattes braunes Haar war hoch gesteckt und ein feines Make-Up zierte ihre Wangen. Auch auf dieser Kleidung prangte das L, was bewies, dass sie immer noch – oder schon wieder – von irgendeinem Sender auf Terra live übertragen wurde.
„…betreten wir nun den kleinen Speisesaal der herzoglichen Residenz. Er wird vor allem für Feiern im Familienkreis genutzt und bietet sich geradezu an, um im Kreis der engsten Freunde und Blutverwandte von Graf Arling dessen Verlobung zu zelebrieren. Aber entschuldigen sie mich alle einen Moment.“ Rodriguez wandte sich von der Hauptkamera ab, wurde aber immer noch von den beiden fliegenden umschwirrt. Sie trat direkt vor Zachary und neigte leicht das Haupt als Zeichen des Respekts, da es am Herzog-Hof kein Zeremoniell für Knickse und dergleichen gab. „Mylord Beijing, verzeihen Sie meinen Überfall. Aber da ich bald eine sehr lange Zeit mit eurem Sohn und seiner Verlobten verbringen werde, konnte ich meine Ungeduld nicht zügeln.“ Wieder verneigte sie sich leicht.
Der Herzog stand auf und reichte ihr die Hand. „Ich vergebe Ihnen, Miss Rodriguez. Aber benutzen Sie doch bitte das nächste Mal die Vordertür.“
Leises Gelächter erklang am Tisch.
Die Reporterin ging daraufhin zuerst zu den Damen am Tisch und danach zu den Herren.
„Lady Nanking. Lady Kantou. Lady Angward. Kapitän Schlüter. Kapitän Rend. Kapitän Rössing. Mylord Arling. Mylord Kantou. Mylord Nanking. Nanu? Ist Graf Angward nicht anwesend?“
Sybille winkte ab. „Er wird sicher später zu uns stoßen. Er hat Gäste.“
Damit gab sich die Reporterin zufrieden. Ein Diener wies ihr und ihrem Kameramann Plätze am Tisch zu, wobei sie die Miteinbeziehung von Spence mit einem erfreuten Lächeln registrierte.
Johann Arling widerstand dem tiefen Bedürfnis, die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen. Die junge Frau von Terra war hervorragend informiert.
„Jeremy“, sagte er leise.
„Mylord?“
„Informiere bitte Graf Angward darüber, dass wir weitere Gäste haben. Und informiere ihn bitte darüber, was unsere Gäste beruflich machen.“
Der Livrierte nickte verstehend. „Jawohl, Mylord.“
„So, da bin ich wieder. Nanu, noch alle wach? Ich dachte um zwei sind die meisten schon im Bett“, klang Mikhails Stimme vom Eingang her auf.
Aufgeregt sprang Johann auf. „Mick, wieso bist du nicht auf deiner Party?“
Der junge Graf lächelte und salutierte gespielt vor Arling. „Mission halbwegs erfolgreich abgeschlossen, Großonkel.“
„Mission?“, murmelte Miss Rodriguez. Sie schien eine Story zu wittern. Und das wohl auch zu Recht.
„Wo sind deine Gäste, Mick?“
Unsicher sah der Milizoffizier den Grafen an. „Direkt… hinter… mir… Habe ich was verpasst?“
Arling sah zur Seite. „JEREMY!“
„Ja, Mylord!“ Der livrierte Diener legte eine Hand an sein Kommunikationsgerät, aber es war zu spät. In diesem Moment betraten die frisch umgezogenen Gäste von Mikhail von Angward den Speisesaal. Ihre Kleidung war extrem leger, aber der späten Nachtstunde angemessen.
„Prinzessin Elisabeth von Versailles“, hauchte die Reporterin ehrfürchtig. „Und Oberst Charles Monterney!“
Das an sich wäre noch nicht so schlimm gewesen, hätte die junge Frau dem Bodentruppen-Offizier nicht am rechten Arm gehangen… Und hätte sie ihn nicht mit einem nörgelnden Tonfall gedrängt, ihr einen Gefallen zu tun, indem sie ihn um „noch einen“ bat.
„Auseinander, ihr zwei!“, blaffte Arling, aber Spence, der Kameramann, hatte die beiden bereits in der Totalen und machte mit den mobilen Kameras Nahaufnahmen.
Charlys Kopf folgte den Bewegungen der Kameras. „Was ist hier bitte los, Han?“
„Oh, nichts, nichts. Ihr werdet nur gerade Live von einem terranischen Sender in die halbe Galaxis ausgestrahlt.“
„Und?“, fragte der Oberst kaltblütig. Er führte Elise an den Tisch, auf einen freien Platz neben Eleonor Rend und verneigte sich vor der Prinzessin. „Ich danke für Eure Zeit, Hoheit.“ Dann setzte er sich neben Arling ebenfalls an den Tisch.
„Das nützt euch auch nichts mehr“, murmelte Carrie Rodriguez mit einem sehr zufriedenen Lächeln. Wahrscheinlich hielt sie nur die Anwesenheit aller vier Grafen und des planetaren Herrschers davon ab, sofort eine Analyse abzugeben.
Mikhail seufzte viel sagend und ging auf Arling zu. Er klopfte dem Kommodore auf die Schulter, der tätschelte wissend die Hand des Jüngeren. Damit war ihre Welt wieder in Ordnung. Die von Elise und Charly würde es für eine lange Zeit nicht sein.
Hilfe suchend sah Johann seine Verlobte an, die ergeben nickte, danach seinen Vater.
Der alte Herzog verstand. Er stand auf, erhob sein Glas und sagte: „Auf Eleonor Rend und ihre Tapferkeit.“
Die anderen Anwesenden nickten entweder zustimmend oder lachten leise.
„Vater, bitte“, murrte Arling.
„Und darauf, dass Hannes im richtigen Moment das richtige getan hat: Zuzugreifen!“
Dieser Toast wurde laut aufgenommen und begossen.
„Das nützt euch auch nichts mehr“, flüsterte Carrie Rodriguez zufrieden. Ihre Entscheidung, Arling bereits früh zu treffen und zu begleiten hatte sich bereits ausgezahlt.


8.
01.05.2613
Riverside-System, Republik Yura-Maynhaus
An Bord der HOUSTON
Sprungpunkt zum Nachbar-System Maynhaus
Griffins Flottille

Wütend beugte sich Lydia Stiles, Kapitän der HOUSTON, in ihrem Sitz vor. „Das Unterstützungsfeuer für die MILFORD erhöhen! Detachiert, eine weitere Kompanie Rüster! Wenn wir die Flanke verlieren, marschiert Arling einmal quer durch unsere Formation!“
„Das sehe ich ebenso“, meldete sich Commodore Griffin zu Wort.
„E-entschuldigen Sie, Sir, ich hatte nicht vor, mich in Flottillenangelegenheiten einzumischen!“
„Wie bitte? Merken Sie sich das bitte gleich und für immer, Lydia. Ihr Rat wird mir immer willkommen sein. Und wenn Sie sehen, dass ich einen gravierenden Fehler mache, korrigieren Sie mich. Ich habe lieber eine halbe Stunde rote Ohren als dass ich ein paar hundert Beileidsschreiben an die Hinterbliebenen eines Schiffs schreibe, das ich gerade verloren habe.“
Die Augen von Captain Stiles leuchteten erfreut auf. „Ja-jawohl, Sir!“
Coryn Griffins schmale Lippen zierte der Ansatz eines Lächelns. Es war irgendwie sehr einfach, Captain Stiles zu manipulieren, zu formen und zu verändern. Oh, es war nicht so, dass er seine Worte nicht ernst gemeint hatte. Er war nur halt eben nicht so borniert, von seinen Untergebenen zu verlangen, über offensichtliche Fehler hinweg zu sehen, die er vielleicht machte. Aber es war doch beruhigend zu wissen, dass diese Frau, wenn sie denn mal einen Fehler fand, diesen nicht stantepede an das nächste Regionalhauptquartier meldete. Im Prinzip war sie für Griffin hervorragendes Stellvertretermaterial.
Gut, es gab Kommandeure, die ihre Offiziere in so einem Fall zuerst in eine Zelle und danach vor ein Kriegsgericht geschleift hätten, egal wie viele Leben der Untergebene gerettet hatte, aber er war nicht so. Er hatte es ernst gemeint, als er gesagt hatte, dass er keine Beileidsschreiben mochte. Er verlor einfach nicht gerne Leute.
„Sir, die JULIET hat mehrere harte Treffer eingesteckt. Sie hat die Schilde verloren.“
„Übung abbrechen“, befahl Griffin. „So geht es also auch nicht.“
Fragende Blicke trafen ihn, während die Funker die neue Information an die Flottille verteilten.
Coryn Griffin fühlte sich genötigt, ein paar Worte zu sagen. „Das war eine gute Übung, aber leider hat sie nicht zu dem Erfolg geführt, den ich gerne gesehen hätte. Mit dem Ausfall der JULIET hätten wir uns zurückziehen müssen, solange Arling keines seiner Schiffe verloren hat, und genau da sehe ich das Problem. Es macht keinen Sinn, hier weiterzumachen, solange wir nicht herausgefunden haben, wie wir Arling schneller ein Schiff abnehmen können, als er es bei uns kann.“
Der Commodore schnallte sich ab. „Geben Sie Entwarnung für alle Schiffe, für alle Decks, Captain Stiles.“
„Aye, Sir.“
„Und kommen Sie in meinen Bereitschaftsraum.“
„Aye, Sir.“

Als er die Tür zu seinem Büro nahe der Brücke öffnete, empfing ihn der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee.
Capitaine Cochraine setzte gerade die dampfende Tasse auf seinem Schreibtisch ab. „Ich hole sofort einen für Captain Stiles, Sir.“
„Danke, Capitaine. Bitte bringen Sie sich selbst auch einen mit. Wir haben etwas zu bereden.“
„Ja, Sir.“
Kurz darauf traf Stiles ein. „Dauert es lange, Sir? Ich würde gerne noch mit meinen Offizieren die Manöverkritik durchgehen.“
„Verschieben Sie das, Lydia. Ich glaube, wir werden einige Zeit reden.“
Cochraine kam mit zwei weiteren Tassen zurück. „Hier, Ma´am.“
„Danke, Juliet. Sir, hat man Ihnen noch immer keine Ordonnanz zugeteilt? Soll ich einen der Stewards aus der Offiziersmesse abstellen?“
„Ich bitte darum, Lydia. Setzen Sie sich. Sie auch, Juliet.“
Griffin nippte an seinem Kaffee und erlaubte es dem warmen, anregenden Getränk, seinen Magen aufzuwärmen. Dann erst sah er auf und blickte von einer Frau zur anderen. „Wir bekommen heute eine ganz besondere Ladung zugestellt, Ladies. Wie sie zwei wissen, sollen wir uns in den Diadochen als die Gryanischen Söldner ausgeben.“
Stiles nickte verbissen. Das war eine Tatsache, die ihr überhaupt nicht gefiel.
Cochraine verzog die Mundwinkel in einer Gefühlsregung, die sowohl Spott als auch Missfallen ausdrücken konnte.
„Deshalb übernehmen wir heute einen kompletten Uniformsatz in Königsblau im Stil der herculeanischen Streitkräfte.“
Die Augen von Cochraine leuchteten auf. Genau das hatte sie jede freie Minute gepredigt.
Die Reaktion von Stiles war heftiger. „Königsblau, Sir? Wir sollen uns tatsächlich wie dreckige Söldner anziehen? Verzeihung, aber bekomme ich dann auch noch ein Holzbein und einen Papageien für die Schulter, Sir?“
„Die Gryanischen Söldner mögen käufliche Krieger sein, aber sie haben eine sehr lange Tradition als Wacheinheit der herculeanischen Königsfamilie. Ohne den Diadochen-Krieg wären sie noch immer Teil der Leibwache der herrschenden Familie. Es ist eine Einheit, die trotz der Kriegswirren und trotz ihres Status als Söldner sowohl den Stolz der herculeanischen Einheiten als auch die Ehre ihrer Soldaten hoch hält. Die meisten Hauseinheiten in den Diadochen haben zusammengenommen nicht einmal annähernd soviel Ehre wie ein einzelner Gryaner in einem Finger“, konterte Cochraine kalt.
„Aber wir erfüllen damit den internationalen Bestand der Spionage, wenn wir nicht in unseren eigenen Uniformen unterwegs sind. Sicherlich werden auch unsere Transpondersignale umgestellt, oder, Sir?“
„Das sehen Sie richtig, Lydia. Aber ich kann Sie beruhigen. Im Falle, dass wir gestellt und wegen Spionage von einem der Diadochen-Staaten abgeurteilt werden, werde ich selbstverständlich aussagen, dass ich die Uniform befohlen habe. Sie werden sicher nicht straffrei ausgehen, aber man wird Sie nicht wie mich erschießen.“
„Was reden Sie denn da?“, murrte Stiles unwillig. „Soweit kommt es noch, dass ich zulasse, dass mein Commodore vor ein diadochisches Gericht gestellt wird!“
„So? Dann bin ich beruhigt. Lassen Sie die Uniformen sofort verteilen, sobald sie eingetroffen sind, Lydia. Tragen ist ab der nächsten Schicht befohlen.“
„Eine Frage, Sir, wenn wir schon die Uniformen tragen müssen, werden unsere Rüster dann gegen Hydrae ausgetauscht werden?“
Griffin runzelte die Stirn. „Was sollte das denn für einen Sinn machen? Sollen wir unsere Kampfkraft vorsätzlich schwächen? Entschuldigung, Capitaine.“
„Nein, nein, ist in Ordnung. Ich kenne selbst die Leistungsunterschiede zwischen Hydrae und Rüster. Und den Knights des Kaiserreichs.“
„Dann bin ich beruhigt. Aber langsam frage ich mich, ob der Auftrag all den Ärger wert ist, Commodore.“
Griffin lächelte dünn. „Das kommt drauf an. Wenn ich diesen Auftrag erfolgreich abschließe, werde ich Rear Admiral. Und Sie, Lydia, kommen dann auf meinen Posten. Wie klingt das?“
„Gut, Sir, ausgesprochen gut. Aber ich habe zuerst an meine Crew zu denken und…“
„Ich auch, Lydia. Genau deshalb üben wir hier auch schon seit Wochen, wie man Arling am besten in den Arsch tritt.“ Griffin schmunzelte dünn. „Kriege ich noch einen Kaffee, Juliet?“
„Natürlich, Sir.“
***
Es war eine ermüdende, schleppende Erfahrung, gegen die Simulation von Arlings RHEINLAND anzutreten, fand Griffin. Sein Blick ging aus dem Luk des Observatoriums direkt ins glitzernde Umland von Riverside, jenen Ort, an dem sein Verband trainierte. Anhand der Daten der beiden Gefechte Arlings in diesem System hatten sie die Kampfstärke der anderen Schiffe seines Verbandes hochgerechnet, und nun sah Coryn beinahe täglich dabei zu, wie die Simulationen ihm und seinen Kapitänen den Hintern versohlten. Gut, gut, die kaiserlichen Knights hatten einen Technologievorteil, der galt aber nicht für die Schiffstechnik. Gut, gut, die Flottille wurde gerade auf den neuesten Stand der Technik gebracht, aber es waren keine Neubauten wie die Schiffe seiner Flottille. Drei Fregatten aus Arlings Flottille waren sogar in Yura-Maynhaus gebaut worden, was den Ingenieuren und Werftarbeitern sicherlich soviele Probleme bereitete, wie sich Griffin nur wünschen konnte. Zudem hatten sie für diese Arbeiten nur zwei Monate, von denen anderthalb bereits verstrichen ware. Er hatte in dieser Zeit üben können, Arling nicht. Und seine Schiffe waren eben moderne Neubauten.
Dennoch verlor er in den Simulationen, und das trieb ihn in den Wahnsinn.
Manchmal dachte er, einer seiner Offiziere hätte die Simulationen manipuliert, um ihn vorzuführen. Manchmal überlegte er sich, ob er die Simulationen nicht selbst manipulieren sollte, um wenigstens einmal zu gewinnen. Aber wie schal wäre dieser Sieg gewesen, zudem gegen eine Computersimulation?
„Commodore“, klang eine freundliche Stimme neben ihm auf und ein Kaffeebecher wurde ihm vor die Nase gehalten.
Dankbar ergriff er den heißen Becher und nickte Juliet Cochraine dankbar zu. „Danke, Capitaine. Sie sind wie eine Mutter zu mir.“
„Ach, das ist es“, brummte sie und lehnte sich neben dem Commodore ans Geländer.
„Das ist was?“
„Ach, nichts, Sir. Haben Sie sich schon eine Lösung für unser Problem überlegt?“
„Welches der Schiffe ich zuerst ausschalten soll? Ich tendiere zu einer der Fregatten. Denn ich befürchte, dass die RHEINLAND eine Nummer zu groß sein wird. Aber wenn die RHEINLAND versenkt wird, ist die gesamte Flottille verloren und… Hm. Und ich stecke mit meiner angeschlagenen Einheit mitten in den Diadochen fest und habe dann womöglich Ärger mit irgendeinem einheimischen Lokalfürsten.“ Er sah die Verbindungsoffizierin an. „Was meinten Sie mit „das ist es“, Juliet?“
Die herculeanische Offizierin räusperte sich vernehmlich, als sie begriff, dass sie nicht so schnell vom Haken kommen würde. „Nehmen Sie also Abstand von einer offenen Schlacht, Sir?“
„Ja, aber beantworten Sie meine Frage nicht mit einer Gegenfrage. Was haben Sie gemeint?“
„Das ist nicht wichtig, Sir. Da war meine Zunge einfach schneller als mein Gehirn. Bitte vergessen Sie die Bemerkung wieder.“
„Juliet, ich glaube, es ist etwas viel verlangt, aber vertrauen Sie mir?“
„Nun, was die Umstände angeht vertraue ich Ihnen so gut ich kann, Sir. Immerhin bin ich Verbindungsoffizier und nicht einer Ihrer Untergebenen, auf die Sie aufzupassen verpflichtet sind.“
„Bullshit. Sie gehören zu meinem Team. Solange Sie mich nicht verraten, werde ich Sie beschützen, darauf haben Sie mein Wort.“
„Erwarten Sie denn, dass ich Sie verraten werde, Sir?“, fragte sie mit Sarkasmus in der  Stimme.
„Nun, Sie sind Offizier und erhalten Befehle, richtig? Vielleicht wird eines Tages einer dieser Befehle lauten, mich zu hintergehen. Ich werde Sie dann töten, aber seien Sie versichert, es ist nicht persönlich.“
„Na, danke. Tolle Aussichten, Sir“, erwiderte sie mit einem Seufzer. „Was die andere Sache angeht, Sir, ich frage mich seit wir uns kennen, warum Sie mich nicht, nun, als Frau sehen. Ich dachte ich bin vielleicht hässlich in Ihren Augen. Aber wenn Sie mich als fürsorglichen Mutterersatz sehen, verstehe ich das.“
„Als Frau sehen?“ Griffin runzelte die Stirn. „Hören Sie, Sie sind eine erwachsene, selbstständige Offizierin und… Ach, Sie meinen Sex. Wie kommen Sie denn darauf?“
„Wissen Sie, in den herculeanischen Streitkräften waren Beziehungen zwischen Kameraden gern gesehen. Die Garde des Dionysos, sagte man, bestand aus einer Schar Liebender, in der jeder sein Leben für den anderen zu geben bereit war. Beziehungen, gleich ob zwischen Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann wurden damals respektiert und gefördert, denn letztendlich tritt man in die Schlacht für die Liebe. Die Garde gibt es nicht mehr, aber die herculeanischen Divisionen hielten dieses Prinzip noch lange aufrecht, nachdem das Königreich längst in die Diadochen zerfallen war. Und seien wir doch mal ehrlich: Im Kaiserreich und in Yura-Maynhaus gibt es genügend Legenden darüber, wie freigiebig die herculeanischen Soldaten ihren Kameraden gegenüber mit ihren Körpern waren.“
„Davon habe ich gehört. Ich wusste aber nicht, dass es solche Wurzeln hat“, warf Griffin ein.
„Und deshalb, Sir, habe ich halt erwartet, dass… Dass Sie diese Gerüchte auch kennen und… Entschuldigen Sie meine Vermessenheit es auszusprechenm aber ich bin eine bildhübsche, junge Frau. Ich hätte erwartet, dass…“
Griffin senkte düster den Blick. Er machte eine fahrige Geste in die Weite des Alls hinaus. „Juliet. Ich bin Soldat. Ich bin Anführer. Ich bin Krieger. Ich kann jederzeit die Karriere eines beliebigen Soldaten in dieser Flottille beenden. Ich kann ein eigenes Schiff sprengen lassen. Ich bin Herr über Leben und Tod, Strafe und Belohnung in dieser Flotte. Ich bin die letzte und oberste Instanz. Anders funktioniert die Marine nicht. Anders funktioniere ich nicht.“
Er sah sie an, und ein Lächeln lag um seine Lippen und Augen. „Aber ich kann weder den Herzen meiner Leute befehlen, noch kann ich befehlen, mit wem sie sich einzulassen haben. Wenn ich auch den Tod in Händen halte, werde ich niemals so vermessen sein und ihnen in die Herzen fassen. Das gilt ebenso für Sie, Juliet. Beantwortet das Ihre Frage?“ Schmunzelnd nippte er an dem Kaffee.
„Ja, Sir. Verzeihen Sie, Sir.“ Sie stieß sich ab und richtete sich auf. „Ich bin auf der Brücke, falls Sie mich brauchen.“
„Danke. Ach, und Juliet?“
„Sir?“
„Sie sind tatsächlich eine atemberaubend schöne Frau. Dazu äußerst gefährlich intelligent. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich mich einmal für Sie interessiere, wenn ich keine Uniform trage.“
Sie zog ihre Schirmmütze tiefer ins Gesicht, damit der Commodore ihr Lächeln nicht sehen konnte. „Wundern Sie sich nicht, wenn ich Desinteresse heucheln werde, Sir.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Der Form halber, Sir.“
Dann verließ sie das Observatorium und ließ den Commodore mit seinen Gedanken alleine.

„Heißer Kaffee, hm? Ich könnte jetzt eher eine kalte Dusche gebrauchen. Johann Arling, was hättest du an meiner Stelle getan? Wie hättest du reagiert? Wer bist du überhaupt wirklich?“
Langsam begann sich ein Gedanke in seinem Geist zu formen, eine Idee Gestalt anzunehmen. Und plötzlich hatte er die Lösung auf der Hand. Es erschien alles so klar, so einfach, so vernünftig. Er aktivierte seinen Armbandkommunikator und ließ sich an Cochraine weitervermitteln. „Juliet, ich möchte, dass Sie die allerneuesten Erkenntnisse über Johann Arling bündeln, alles was Sie von ihm zu fassen kriegen. Nachrichten, Pressemitteilungen, Geheimdienstberichte, alles, einfach alles. Und sagen Sie, ist Ihr Dienstherr ein verständiger Mensch?“
***
Eine Stunde später saß Griffin mit seinen fünf Kapitänen in einem abgedunkelten Raum und betrachtete den TNC-Live-Channel One. TNC hatte fünfzehn eigene Kanäle, und davon waren drei Live-Channel. Viele der großen Fernsehstationen sandten Live-Reporter aus, die zu ihrem eigenen Schutz permanent oder auch nur zeitweise live berichteten. Die Daten wurden nicht nachbereitet -  also pur wie sie die Kamera erfasste - direkt über den Äther ausgestrahlt. Gelobt sei die Kunst der überlichtschnellen Kommunikation, die aus der Galaxis ein Dorf macht, ging es Griffin durch den Kopf. Einer der Sender übertrug nun schon seit fast vier Wochen acht von vierundzwanzig Stunden Live die Bilder von Carrie Rodriguez, einer der Top-Journalisten des Senders, und ein Großteil ihres Materials wurde später nachbearbeitet und auf den anderen großen Sendern im Haus ebenfalls ausgestrahlt. Die Einschaltquoten mussten erstaunlich sein, denn unbeobachtet von Griffin und seinen Leuten hatten sich etliche Sendungen etabliert, die vom Wirken und Leben der Herrscher von B-King berichteten. Einer von ihnen war sein zukünftiger Erzrivale Johann Arling, und er war auch der heimliche Star der Sendungen, wenngleich auch an seinen Neffen und dem Großneffen, den anderen Grafen des Planeten, reges Interesse herrschte. Besonders der junge Angward hatte mehrere eigene Sendungen. Der hübsche Bengel hatte sogar schon eigene Fanclubs auf Terra, über die nun wiederum berichtet wurde.
Terra gierte nach solchen Neuigkeiten. Ein hübscher Fürst, ein Königshaus, das Einblicke in ihr Leben gewährte, majestätische Figuren vor exotischer Kulisse und jahrhundertealter Geschichte. Daraus waren Klatschnachrichten gemacht.
Ein paar Tage nach dem Beginn der Liveberichte hatten sich dann auch die B-King-Sender auf diese Fundgrube gestürzt. Aber sie berichteten eher über die Reaktionen auf Terra und anderen Planeten, auf denen diese Live-Sendungen zum Quotenhit geworden waren. Die Beijings selbst kannte man auf B-King eben zur Genüge, und so amüsierte man sich über das Verhalten in der internationalen Öffentlichkeit. Nicht ohne hämisch darauf hinzuweisen, wem der Herzog und seine Grafen gehörten, sachlich gesehen.
Viele dieser Nachrichten wurden auch im Kaiserreich breitgetreten, aufgefegt, neu sortiert und wieder breitgetreten. Absoluter Hit der Sendungen im Kaiserreich war die Verlobung von Arling mit einem seiner Kapitäne, und Griffin musste mehrfach schlucken, bis er begriffen hatte, dass E. Rend eine Frau war, auch wenn sie eher einem großen, schlanken und etwas femininen Jungen glich, als sie in Uniform gezeigt wurde. Ein Eindruck der durch ihren Auftritt in Sportkleidung beim Kickboxen sofort ad absurdum geführt wurde, aber die Worte von Juliet Cochraine lagen noch heiß auf seinen Gedanken und hatten ihn für einen Moment Spekulationen über Arlings Vorlieben machen lassen.
Gleich auf Nummer zwei folgte die unmögliche und atemberaubende Beziehung zwischen Prinzessin Elisabeth und ihrem Verehrer, dem legendären Knight-Piloten Charles Monterney, genannt Lucky Charly, einem Mann dessen Gefährlichkeit auch in der Marine von Yura-Maynhaus wohl bekannt war. Wenn es einer schaffen sollte, ausgerechnet die kostbarste Blume im Kaiserreich zu pflücken, dann sicherlich nur ein Draufgänger wie er.
Allerdings waren die Live-Bilder, die von ihm und der Prinzessin über die Bildschirme krochen, alles andere als viel versprechend, zeigten lediglich zwei Freunde bei Freizeitunternehmungen, und alle Versuche von Rodriguez und Spencer, ihrem Kameramann, die beiden bei nächtlichen Stelldicheins zu erwischen waren ins Leere gelaufen.
Nach sechs Stunden extra für sie zusammen geschnittener Daten hatte schließlich Stiles wütend auf den Tisch geklopft und gerufen: „Küsst der Trottel sie auch endlich mal?“
Das hatte zustimmendes Gemurmel bei den anderen Kapitänen ausgelöst, und selbst Griffin, der eigentlich hätte mahnen sollen, hatte dazu nur genickt.

Nach sieben Stunden hatte Coryn eine Pause angesetzt. Cochraine hatte Dossiers verteilt, die von den Kapitänen nun mit tränenden Augen gelesen wurden.
„Fragen sie mich ruhig, wenn Sie etwas wissen wollen. Ich konnte mich einigermaßen vorbereiten“, sagte die herculeanische Offizierin.
„Arling scheint beim Volk sehr beliebt zu sein“, merkte Griffin an. „Warum?“
„Er besticht sie, Sir.“
„Wie?“ „Er ist dafür bekannt, dass er große Geldsummen für Ausbildung, Unternehmensgründung, karitative Zwecke und dergleichen in der Bevölkerung verteilt. Außerdem pickt er sich immer wieder Einzelschicksale heraus und regelt ihre Angelegenheiten persönlich. Er bekämpft die Korruption, die es sogar auf seiner Welt gibt, sorgt für ein ausgeglichenes Verhältnis der Religionen, damit sie miteinander arbeiten und nicht gegeneinander, und nebenbei riskiert er als Offizier in der Armee sein Leben. Natürlich macht der Mann Fehler. Natürlich kann er nicht überall sein. Aber er hat sehr gute Stellvertreter, die ihre Arbeit können. Sein Motto ist stets, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Er verteilt keine Almosen, sondern gibt den Menschen die Kraft und das Werkzeug, um ihre Probleme selbst regeln zu können. Den Rest machen die karikativen Dienste für ihn. Man kann sagen, er ist ein Volksheld. Ebenso wie sein Vater und seine Neffen und sein Großneffe, die B-King regieren.“
„Und jetzt kommt auch noch eine medienwirksame Hochzeit mit einer bürgerlichen Frau hinzu“, brummte Griffin. „Sehr geschickt gemacht. Wo liegen seine Schwachpunkte? Wo seine Fehler? Wie kriegen wir ihn zu greifen, um ihn zu zerschmettern?“
„Nun, er verliert nicht gerne Untergebene. Und er tötet nicht gerne. Das ist allgemein bekannt. Deshalb wurde wohl auch ihm die Mission anvertraut, nach den verschollenen kaiserlichen Bürgern zu suchen, die irgendwo in den Diadochen für den Frondienst festgehalten werden.“
„Und?“, warf Commander Bigsby ein, die Kommandeurin der JULIET, „gibt es diese verschleppten kaiserlichen Bürger auf dem Gebiet der Diadochen?“
„Vielleicht“, antwortete Cochraine ausweichend. „Wir prüfen das.“
„Hat er nicht noch einen Schwachpunkt? Gibt es nicht etwas greifbareres? Ich meine, wenn das alles nur Fassade wäre und er heimlich in seinem Palast schwarze Messen zelebrieren würde, wäre mir um etliches wohler. So hat man das Gefühl, man müsse gegen Buddha antreten“, murrte Commander Slodowsky. Als er missverständliche Blicke erntete, fügte er hinzu: „Eine Legendengestalt wie Jesus Christus.“
Haggart und Watts, die Kommandeure der Fregatten OTHELLO und ROCKET, nickten verstehend.
„Vergessen sie alle vor allem eines nicht: Wir haben Krieg, und Arling ist ein Feind“, sagte Griffin hart. „Und wir sehen uns all die Berichte nicht an, um ihn mögen zu lernen, sondern um ihn selbst besser kennen zu lernen, damit wir ihn besiegen können. Er hat unsere republikanische Marine drei Monate lang gedemütigt. Nichts und niemand konnte ihn aufhalten. Wir aber werden es schaffen und die Ehre der Flotte wiederherstellen.“
Der Commodore sah in die Runde. Seine Worte waren genau im richtigen Moment gekommen. Er selbst hatte schon die keimende Sympathie für Arling gefühlt und sich bereits überlegt, wie man das Leben dieses Mannes schonen konnte. Ja, er hatte schon gefürchtet, dass dieser offene, freundliche Mann einem Fanatiker zum Opfer fallen konnte, lange bevor sie sich für ihr Duell im eisigen Weltall treffen würden, und das hatte ihn in zweierlei Hinsicht mitgenommen. Er stand so kurz davor, Arling zu mögen, wirklich zu mögen. Aber das durfte, das konnte nicht sein.
„Oh, er hat dunkle Punkte in seinem Charakter“, sagte Cochraine ernst.
Die Offiziere richteten sich interessiert auf. „Er ist, nun, etwas gierig. Wir wissen aus sicheren Quellen, dass er ein volles Regiment Knights an Bord seiner Schiffe nehmen wird. Außerdem ist gesichert, dass seine Schiffe eine vierzig Prozent stärkere Besatzung erhalten, als es für diese Modelle üblich ist. Was sagt uns das?“
„Dass wir uns mit einhundertzwanzig Rüster gegen dreihundert Knights stellen müssen? Ein Himmelfahrtskommando für die Blechdosen“, brummte Bigsby.
„Auch. Aber es bedeutet, dass Arling weitere Prisen nehmen will. Und wenn er mehr Prisen genommen hat als er wirklich verwalten kann, dann…“
„Dann können wir zuschlagen. Unterbesetzte Schiffe sind gute Zielscheiben“, setzte Griffin die Worte der Capitaine fort. „Und ich habe auch schon eine vortreffliche Idee, wie wir das erreichen können.“
Griffin musterte die anwesenden Offiziere in ihren neuen, königsblauen Uniformen. „Ob bereit oder nicht, wir starten in drei Tagen. Genauer gesagt wird uns auch gar nichts anderes übrig bleiben. Und Arling wird seine Menschenfreundlichkeit zum Strick werden.“
Auffordernd, die fragenden Blicke der Kapitäne ignorierend, sah er wieder Cochraine an.
„Es ist alles geregelt, Sir. Ihr Admiral hat seinen Segen gegeben.“
„Segen zu was?“
„Diesen Auftrag ordentlich ausführen zu können, Captain Stiles.“ Griffin lächelte, und er hoffte, dass es schön grimmig wirkte. „Wurden die Wracks zurecht gemacht?“
„Ja, Sir. Wir haben die Koordinaten, die Terminpläne, einfach alles.“
Zufrieden rieb sich der Commodore die Hände. „Gut. Dann kann es ja bald losgehen.“
„Was kann losgehen, Sir?“, fragte Haggart.
„Der Ausbruch der Gryanischen Söldner aus der illegalen Internierung und ihre Flucht durch halb Yura-Maynhaus.“
***
An einem geheimen Ort, der direkt nach seiner Entstehung versiegelt wurde, und der erst in fünfhundert Jahren wieder entplompt werden musste, um die Fusionsreaktoren nachzufüllen und wichtige Wartungen auszuführen, trafen sich eine Handvoll der wichtigsten Admiräle der Flotte. Nun, sie trafen sich nicht persönlich. Sie waren lediglich als Hologramm anwesend. Aber der Ort war jener Punkt, an dem die Hologramme der vier Admiräle gebündelt wurden und jeglichen Zusammenhang zwischen ihnen nichtig machte. Solange der Ort nicht entdeckt wurde.
Der Ort wurde nicht oft frequentiert, und wenn doch, dann nur für die heikelsten, geheimsten und gefährlichsten Besprechungen, von denen kein Sterbenswörtchen an die Öffentlichkeit dringen durfte. Und wenn doch etwas öffentlich würde, dann hatte sich der Gesprächsteilnehmer, bei dem das Leck in der Datensicherheit aufgetreten war, für die anderen vorbehaltlos zu opfern. Das wussten sie alle. Doch das war in einhundert Jahren noch nicht geschehen.
Einer der Teilnehmer war Admiral Juri Goldman, einer der Sektorengeneräle.
Der nächstranghöhere Teilnehmer war Admiral Goran Shazhou, Chef des Navy-Geheimdienst.
Teilnehmer Nummer drei war Admiral of the Fleets Helen Sourakis, die höchste Flottenrepräsentantin.
Der letzte Teilnehmer war der wohl ranghöchste unter ihnen, und der bei weitem erfahrenste. Er war seit dreißig Jahren im Amt, und das war im demokratischen System von Yura-Maynhaus eine Großtat: Inspector of the Navy Gordon Starway.
Für einen Beobachter, hätte er in den geheimen Raum eindringen können, hätte sich folgendes Bild geboten. Drei Männer und eine Frau saßen um einen Tisch herum, und ein leichtes Flackern hier und da hätte verraten, dass es nur Hologramme waren. Drei trugen Uniform, ein alter, grauhaariger und gebeugt sitzender Mann trug zivil.
Einer von ihnen, Admiral of Sector Goldman, hatte nun schon einige Zeit gesprochen, und als er endlich geendet hatte, warfen ihm seine Kollegen skeptische Blicke zu.
„Wie sicher ist das?“, wollte Sourakis wissen.
„So sicher wie das Amen in der Kirche, Helen.“
Shazou sah skeptisch in die Runde. „Können wir das tun? Ich meine, können wir die Akten von… Warten Sie, zweitausend Männern und Frauen fälschen, korrigieren, ausradieren und dergleichen, nur um den wahnwitzigen Plan Ihres Commodore auszuführen?“
„Einen guten Plan, Goran“, warf Starway ein.
„So, Gordon, Sie sind also schon überzeugt?“
„Mitnichten. Selbst wenn wir die Akten löschen, manipulieren oder einfach nur unter Verschluss halten, werden irgendwann Aufnahmen der Gryanischen Söldner auftauchen. Entweder alte, dann ist Griffin im Arsch, oder neue, dann ist er auch im Arsch, und wir gleich mit, weil irgendein Familienmitglied ein Besatzungsmitglied erkennen wird, erkennen muss.“
„Für das erste Problem hat Griffin eine hervorragende Lösung gefunden, die ich voll unterstütze. Und für das zweite Problem… Lassen wir es auf uns zukommen, einfach auf uns zukommen.“
„Na, Sie machen es sich ja einfach, Juri“, spottete Sourakis.
„Ich empfehle, alle eintreffenden Daten zu zensieren.“
„Das geht nicht, Goran“, warf Sourakis ein. „Arling wird von einem internationalen Pressekorps begleitet, darunter werden einige Live berichten, rund um die Uhr. Sollen wir die internationale Presse zensieren? Dann lebt keiner von uns mehr lang genug, um ein Ende der Hasstiraden der Presse gegen sich zu erleben.“
„Auch dafür hat Commodore Griffin eine Lösung gefunden“, sagte Goldman hochzufrieden. „Was sagt ihnen der Begriff Verschwörungstheorie, meine Dame und meine Herren?“
„Sie meinen“, begann Starway nachdenklich, „entweder forcieren wir entsprechende Daten im voraus, um alle Berichte unserer Presse von vorne herein als unseriös darzustellen, oder wir schieben alle späteren Berichte in den Bereich der Legenden, der effekthascherischen Berichterstattung. Wir lassen alle Welt glauben, dass die Berichte über Griffin und seine Leute frei erfunden sind, um Quote zu machen, richtig?“
Goldman nickte zufrieden. „Sie haben es erfasst, Sir.“
„Und was ist mit der anderen Sache? Hat Griffin seine Befehle?“, hakte Sourakis nach.
„Nein, Ma´am, hat er nicht. Aber ich habe ihn aus bestimmten Gründen ausgesucht. Einer davon sind ein paar Charakterschwächen, die ich an ihm erkannt habe, und die ihn letztendlich genau so agieren lassen werden wie ich es mir vorstelle. Vertrauen Sie mir. Es wird gelingen.“
„Sie haben unseren Segen, Juri. Aber wenn es schief geht, gehen fünf Schiffe und ihre Besatzungen auf Ihr Gewissen.“
„Und wenn es gelingt, dann waschen wir ein paar tausend Liter Blut von unseren Händen und bürden es den Diadochen auf“, fügte Sazhou hinzu.

Sazhou schaltete seine Verbindung ab, ihm folgte Sekunden darauf Goldman.
„Warten Sie bitte noch, Helen“, bat der Inspector of the Navy. „Es gibt da noch etwas zu besprechen.“
Sourakis, die bereits hatte abschalten wollen, nickte bestätigend. „Ich schalte um auf neue Verschlüsselung, Sir.“
„Einverstanden. Übliche Prozedur?“ „Übliche Prozedur.“
Für mehrere bange Augenblicke flackerten beide Hologramme, als würden sie in sich zusammenstürzen. Doch dann entstanden sie wieder, und nur das gelegentliche Flackern verriet erneut, dass man es mit über Langstrecken geschickte Hologrammen zu tun hatte.
„Sie wissen, wie wichtig Griffins Mission für uns ist, nicht, Helen?“
„Ja, Sir. Wie Sie ja wissen, verläuft der Krieg genauso wie in unseren Planspielen. Wir erobern ein paar der kaiserlichen Systeme, sie öffnen ihre Depotplaneten, rüsten ihre Flotte auf Kriegsbedarf auf und erobern ihre Welten zurück. Dann halten sie inne, weil sie an ihr Limit stoßen. Dies ist der Punkt, an dem unsere Ausbildungsprogramme und unsere Schiffsneubauprogramme greifen, sowohl bei uns als auch in Jemfeld. Unterstützt vom steten Nachstrom an militärischen Versorgungsgütern aus den Diadochen können wir erneut zum Angriff übergehen, und dem Kaiser diesmal die doppelte Anzahl an Welten abnehmen. Und das beste ist, diesmal können wir sie halten.“
„Die Welten nützen nicht viel, wenn die Diadochen die Bevölkerung verschleppen.“
„Aber die Verschleppten nützen als billige Arbeitskräfte in den Diadochen, Sir. Wobei ich hinzu fügen möchte, dass ich die Zwangsrekrutierung nur akzeptiert habe, weil Sie es mir ausdrücklich befohlen haben.“
„Wir mussten unsere Verbündeten bei Laune halten, Helen. Das wissen Sie ebenso gut wie ich. Und wir müssen unsere Presse bei Laune halten. Aber ich kann Sie trösten, mit Fall Spartan wird das nicht mehr nötig sein.“
„Ich weiß“, erwiderte Admiral of the Fleets Helen Sourakis. „Im Moment zerreißt die Presse uns, weil diese Amateure glauben, wir wären dabei den Krieg zu verlieren. Wir werden unsere Situation in der Presse aber nicht besser machen, wenn wir eine Söldnerflotte jagen und nicht einfangen, geschweige denn vernichten können.“
„Nein, sicherlich nicht. Aber wir können die Aufmerksamkeit der Presse darauf richten und von anderen Dingen ablenken. Unsere Verbündeten im Kaiserreich haben sich eine solche Ablenkung erbeten. Es sieht so aus als würde die Krönung kurz bevor stehen. Aber das ist eine Information zwischen Ihnen und mir, Helen.“
„So. Sind sie also wirklich soweit oder hoffen sie es nur?“, spottete Sourakis.
„Sie sind soweit. Noch ein paar Wochen Vorbereitungszeit, und Plan Spartan tritt in Kraft.“
„Wenn das mal gut geht“, murrte die Admiral of the Fleets.
„Sie haben Ihre Befehle, Helen.“
„Natürlich, Sir.“ Nachdem Starways Hologramm erloschen war, fügte sie hinzu: „Leider.“
***
„Wir kommen in Gefechtsreichweite zur ADRIAN, Sir.“ Stiles warf einen unschlüssigen Blick zu ihrem Commodore. „Die MILFORD ist vorne.“
Griffin grinste matt. „Geben Sie Feuerbefehl an die MILFORD!“
„Aye, Sir, Feuerbefehl an die MILFORD!“
Sekunden darauf löste der Zerstörer der Dunuesqe-Klasse seine Buggeschütze aus und zerschlug die republikanische Korvette im ersten Feuerstoß in zehntausende Fragmente.
„ADRIAN versenkt, Sir.“
„Gut. Alle Schiffe klar machen zum Sprung. Hier wird bald die Hölle los sein.“ Commodore Griffin sah in die Runde. „Haben alle verstanden, worum es uns geht?“
„Ja, Sir.“ Lydia Stiles nickte schwer. „Wir sind uns alle der Wichtigkeit unserer Mission bewusst.“
„Gut. Dann lassen sie mich die Bürde für alle noch ein wenig erhöhen. In diesem Moment wird die Presse über ein Nachrichtenleck darüber informiert, dass die Gryanischen Söldner nach einer illegalen Grenzübertretung interniert wurden. Diese Internierung erfolgte ohne anschließende Anhörung, weshalb sie illegal ist.
Nach einer gewissen Zeit in Quarantäne wurde es den Söldnern zuviel, und sie rebellierten. Dabei gelang es ihnen, sich der Wachflotte zu bemächtigen. Und mit diesen Schiffen sind sie auf der Flucht. Eben gerade hat Captain Slodowsky auf eine unbemannte, computergesteuerte Korvette gefeuert und sie zerstört. Aber wenn das falsche Schiff die falschen Befehle bekommt, dann werden wir vielleicht gezwungen sein, auf Kameraden zu schießen. Ich will das um jeden Preis vermeiden, deshalb verlange ich, dass jedermann an Bord meiner Flottille sein bestes gibt, damit wir zügig die Grenze zum Kaiserreich erreichen.“
Zustimmendes Gemurmel antwortete dem Commodore.
„Gut. Dann leiten Sie den Sprung ein, Captain Stiles.“
„Aye, Aye, Sir. Flottille bereit zum Sprung. Ziel ist das Trondheim-System.“
Wenn das mal gut geht, ging es Griffin durch die Gedanken, aber er sprach es nicht aus.
In diesem Moment, das wusste er, würde die gesamte Navy von Yura-Maynhaus den Befehl erhalten, die vermeintlichen Söldner auf der Flucht zu jagen. Und zur Strecke zu bringen.
Hoffentlich überleben wir das, fügte er in Gedanken hinzu.


9.
14.05.2613
Kaiserreich Katalaun
Cipangu-System, Hauptwelt B-King
Anwesen von Graf Arling, Kontinent Arling

Einen schönen Tag sollte man mit etwas Sport verschönern. Das war eine wundervolle Art, den Tag zu beginnen. Zumindest, wenn man ein wenig Yoga, Jogging, Tennis oder wenigstens T´ai-Chi Chuan meinte.
Eleonor Rend verstand darunter, sich in aller Herrgottsfrühe nach dem Aufwärmen zusammen mit den Livrierten von Johann Arling gegenseitig die Grütze aus dem Schädel zu prügeln. Es hatte sie nicht überrascht, dass auch Han über eine eigene Privatarmee verfügte, aber sie war erheblich kleiner als die des Herzogs. Sie bot nur zehn Knights, zehn Panzer und gut hundert gepanzerte Infanteristen auf. Aber die Einheit war gut trainiert und in den verschiedensten Kampfsportarten erfahren. Es hatte keine Schwierigkeit bereitet, ein paar Sparringspartner im Kickboxen für Kapitänleutnant Rend aufzutreiben, mit denen sie seit fünf Tagen jeden Morgen im milden Klima des beginnenden Sommers im Sportareal von Burg Arling trainierte.
Natürlich war Carrie Rodriguez mit ihrem treuen Kameramann Spence anwesend. Ellies Morgentraining zu filmen hatte sich zu einem Ritual entwickelt, aber wenigstens wurde es ausnahmsweise nicht live verschickt.
Es ärgerte Eleonor Rend ein wenig, dass sie anscheinend nicht wichtig genug für einen Live-Bericht war, andererseits war sie froh darüber. Und es machte sie sauer genug, um im Training richtig hinzulangen. Sie selbst hatte schon mehrere blaue Flecke, und ihr erster Gegner war im Moment beim Arzt des Anwesens, um seine gebrochene Nase richten zu lassen.
Man hätte das als Aggressionsabbau missverstehen können, was es ja irgendwie auch war. Aber eigentlich hatte es dem Mann, Leutnant der Panzertruppen, einfach an Erfahrung gefehlt. Er hatte sich selbst über- und Ellie unterschätzt. Das Ergebnis in einem kampfbetonten Sport war dann immer Schmerz. In diesem Fall für ihn.
Ihr zweiter Gegner war vorsichtiger, umsichtiger und setzte darauf an, nach Punkten zu gewinnen. Das erinnerte Ellie daran wo sie war und was sie hier tat. Automatisch schaltete sie mehrere Gänge zurück. Ihre stürmischen, aggressiven Tritte wurden seltener und wichen geschickten Angelversuchen nach den Gelenken des Gegners und Lücken in der Verteidigung.
Als der Schlussgong erklang, waren bei beiden ein paar blaue Flecken dazu gekommen, aber wenigstens hatte sich keiner was gebrochen. „Guter Kampf“, murmelte Ellie und klopfte ihrem Gegner gegen den Kopfschutz.
„Finde ich ebenso, Ma´am.“

„Darf ich vielleicht auch mal?“, klang eine wohlvertraute, aber mittlerweile leicht verhasste Stimme auf. Eleonor Rend sah mit einem Ausdruck tiefer Verzweiflung herüber. Dort stand Carrie Rodriguez und ließ sich gerade die Hände bandagieren. Dazu trug sie bereits eine leichte Sporthose und ein Sporttop. Handschuhe und Kopfschutz sowie der Eierschale genannte Mundschutz lagen bereit.
„Nanu? Haben Sie keine Angst, dass ich Ihnen das zarte Näschen brechen könnte?“
„Nanu? Haben Sie keine Angst, dass ich besser sein könnte als Sie, Kapitänleutnant?“
„Interessant. Kommen Sie, ich habe gerade zwei Kämpfe hinter mir. Sie könnten also eine Chance haben.“
Spence zog die Handschuhe auf, verschnürte sie, setzte den Kopfschutz auf und schob der Reporterin den Mundschutz zwischen die Lippen. Dann hielt er ihr die Seile auf.
Carrie kletterte in den Ring, vollführte ein paar Boxhiebe gegen imaginäre Gegner und sah Eleonor Rend auffordernd an. „Gibt es Regeln?“
„Sie wissen was Kickboxen ist?“
„War mal Landesmeisterin“, erwiderte Carrie und winkte in die Runde der Zuschauer.
„Ah ja, sehr schön. Wir kämpfen drei Runden á zwei Minuten. Gewonnen wird nach Punkten oder Knock Out. Wir kämpfen nach Standardregeln. Ich weiß nicht, sind das dieselben wie auf Terra?“
„Das können wir herausfinden, Ellie. Ich darf Sie doch Ellie nennen?“
Eine grobe Erwiderung lag Ellie auf der Zunge, aber sie schluckte die harschen Worte runter. Sie machte sich bewusst, dass es zu ihrer Pflicht als künftige Gräfin Arling gehören würde, auch gut mit der Presse auszukommen. Sie durfte ihren Ärger nicht zu deutlich zeigen, denn das konnte Han schaden, womöglich der ganzen Familie. Oder noch schlimmer, ihrer Familie auf Sanssouci.
„Was treibt Sie dazu, zu mir in den Ring zu kommen, Carrie? Haben Sie mich noch nicht aus genügend Perspektiven aufgenommen?“
„Ach, ich dachte, ich gebe Ihnen mal die Gelegenheit etwas Frust abzulassen und erlaube Ihnen, mir so richtig die Fresse zu polieren.“ Sie lächelte arrogant. „Das heißt, wenn Sie es schaffen.“
„Interessant. Dreimal zwei Minuten. Einer macht den Ringrichter, einer nimmt die Zeit.“

Einer der Milizionäre legte die Hände an den Mund und imitierte einen Gong.
Ellie schoss sofort vor und testete die Deckung ihrer Gegnerin mit einer Links-Rechts-Kombination ab. Als Antwort kam ein harscher Tritt in ihre Seite, den sie nicht rechtzeitig gut genug abblocken konnte. Das überraschte sie schon ein wenig, aber nicht genug, um die Eröffnung nicht zu sehen, die Carrie ihr bot, als sie auf das Bein, mit dem sie zugetreten hatte, wieder Gewicht verlagerte. Ellie trat zu und schaffte es fast, das Bein fortzutreten, aber die Reporterin fing sich schnell wieder. „Nicht übel, Ellie“, murmelte sie und lächelte.
„Flotten-Vizemeisterin, Carrie“, erwiderte Ellie grinsend.
Es folgten mehrere schnelle Attacken mit Schritt- und Schlagkombinationen, bei denen beide Frauen kaum zurückwichen. Sie tänzelten umeinander, ließen einander nicht zur Ruhe kommen, aber sie verließen die Ringmitte nicht.
Als dann der imitierte Gong wieder ertönte, schlugen die beiden Frauen mit füreinander erwachtem Respekt ihre Handschuhe gegeneinander.
Ellie ging in ihre Ecke, nahm den Mundschutz raus und trank einen Schluck Wasser. „Der zeig ich´s. Der haue ich die Grütze aus dem Schädel.“
„Bleiben Sie dran, KaLeu. Aber Vorsicht. Sie hat ne hammerharte Rechte und ihr linker Fuß angelt dauernd nach Ihren Kniekehlen.“
„Habe ich auch schon bemerkt. Die ist nicht von Pappe. Hätte ich dem Modepüppchen gar nicht zugetraut.“ Ellie nahm noch einen Schluck, spuckte ihn aber auf den Sandboden neben dem Ring.
Auf der anderen Seite ließ sich Carrie von Spence die Schultern massieren, während er leise Ratschläge gab.
„Die ist wohl doch mehr sein als Schein, was?“, kommentierte ihr Ratgeber und grinste burschikos. „Dennoch, verlieren dürfen Sie nicht, Ma´am. Oder Miss Rodriguez wird von der einen Hälfte der Livrierten des Grafen zur Revanche herausgefordert werden, weil sie die zukünftige Hausherrin geschlagen hat. Die andere Hälfte wird im Alkohol versacken und düstere Rachepläne schmieden.“
„Richard war Ihr Name, richtig, Bootsmann?“
„Richard Klein, Ma´am, Knights.“
„Ich mag Sie, Richard Klein. Und weil Sie es sind und die Garde nicht meinetwegen leiden soll, haue ich sie jetzt aus den Latschen.“
„Aber kräftig, Ma´am!“, spornte der Bootsmann sie an und gab ihr einen aufmunternden Klaps auf die Schulter.
Der imitierte Gong erklang erneut und die beiden Frauen tänzelten in die Mitte. Wieder tauschten sie Tritte und Hiebe aus, aber die Schläge wurden ohne Kraft geführt. Sie studierten einander, Technik, Abwehrverhalten, Geschwindigkeit. Und in ihren Augen wuchs der Respekt voreinander. „Sie sind mehr als ich gedacht habe“, lobte Ellie.
„Man überlebt nicht acht Jahre als Live-Reporterin, wenn man sich nicht ab und an selbst aus der Scheiße ziehen kann. Wenn es Sie interessiert, Ma´am, ich habe auch eine Infanterie-Ausbildung. Man weiß ja nie wozu es nützlich ist, wenn man weiß, wann man besser den Kopf in den Schlamm stecken sollte.“
„Damit kann ich nicht dienen. Ich befehle immer nur, wer mit dem Kopf in den Schlamm tauchen soll“, erwiderte Ellie eine Spur zu ernst.
„Eine wertvolle Eigenschaft für eine Frau.“
Die beiden sprangen aufeinander zu, tauschten eine weitere Schlagkombination aus und ließen dann wieder voneinander ab.
„Autsch. Noch ein blauer Fleck“, murmelte Ellie beeindruckt.
„Wehe, ich kriege nachher ein Veilchen. Dann lasse ich Spence alle Ihre blauen Flecken in Großaufnahme filmen“, drohte Carrie und rieb sich kurz ihr getroffenes linkes Auge.
„Keine Sorge. Wir haben den gleichen Hauttyp. Ich gebe Ihnen was von meinem Make-Up zum abdecken.“
„Nanu? Man hat mir gesagt, dass Sie sich nichts aus Make-Up machen, Ma´am. Hat das der Einfluss von Johann Arling geändert?“
„Da hat man Sie falsch informiert. Ich hasse es nur, angemalt herum zu laufen. Aber ich sehe schon einen Sinn darin, wenn Untergebene weder die blauen Flecken im Gesicht noch die tiefen Ringe unter den Augen ihres Offiziers sehen können, wenn man im Einsatz ist. Sieht man souverän aus, folgen sie einem auch souverän.“
„Interessanter Gedanke. Ich komme auf das Angebot zurück. Gleich nachdem Sie Ihr blaues Auge abgedeckt haben!“ Carrie Rodriguez sprang vor, trat zu und bemerkte zufrieden, dass Ellies Abwehrschlag ihr die Eröffnung bot, die sie haben wollte. Ihr Schlag sauste heran…
Und kam nie an. Ein harter Ruck ging durch ihren Arm, als er abrupt gestoppt wurde.
„Mylord, entschuldigen Sie, aber Sie können unseren Trainingsfight nicht einfach unterbrechen!“, tadelte Carrie aufgebracht.
Johann Arling, der noch immer ihren Ellenbogen hielt, sah sie ernst an. „Es geht los, Carrie. Duschen Sie sich, packen Sie und kommen Sie dann zum Landeplatz.“
„Was geht los?“
„Wir haben Einsatzorder. Wir müssen sofort nach Springe verlegen. Es ist etwas passiert.“
Die Reporterin verstand sofort. „Ja, Mylord. Wie viel Zeit habe ich?“
„Eine Stunde, dann fliegen wir los und gabeln Monterney, Schlüter und Rössing auf. Ellie, das gilt auch für dich.“
„Natürlich gilt das auch für mich“, fauchte sie und hielt dem Bootsmann ihre Arme hin, damit er die Handschuhe aufschnürte.
„Ich beeile mich“, rief Carrie Rodriguez, während ihr Kameramann ihr die Handschuhe und den Kopfschutz löste.

„Du hättest mich nicht retten müssen“, tadelte Ellie leise.
„Den Einsatzbefehl gibt es wirklich“, erwiderte Han ernst.
„Ja, aber du hast gesehen, dass sie mir das Veilchen meines Lebens verpassen würde. Ich hätte den Treffer verdient gehabt, Han, wirklich verdient gehabt.“
„Entschuldige bitte, wenn ich manchmal etwas eigensinnig bin. Das ist das Vorrecht der Offiziere, weißt du?“ Er umschlang sie von hinten und drückte ihr einen Kuss auf die schweißbedeckte Schulter. Ihr Widerstand schmolz dahin.
„Ich hasse es, wenn du das machst.“
„Was? Dich zu küssen?“
„Nein. Wenn du meinen Ärger weg spülst, als hätte es ihn nie gegeben. Du bist so unmöglich, Johann Arling.“
„Ich liebe dich auch.“ Er küsste erneut ihren Nacken und ließ sie dann aus seiner Umarmung. „Und jetzt geh dich duschen. Eine Stunde, dann müssen wir los.“
„Aye. Ach, und Han? Danke, dass du mich gerettet hast. Ich habe sie wohl etwas unterschätzt.“
Arling lächelte sie herzlich an. „Oh, ich habe nicht dich gerettet, sondern sie. Sie hat ja keine Ahnung, was du mit ihr angestellt hättest, wenn du sauer geworden wärst.“
„Spötter“, brummte sie und unterdrückte ein auflachen.
Sie stieg aus dem Ring.
„War ein guter Fight, Ma´am.“ „Sie haben dominiert, Ma´am.“ „Ich hätte zu gerne gesehen, wie sie dem Weib die Nase eingeebnet hätten, Ma´am.“
„Danke, Leute. Aber jetzt muss ich los. Mein Herr und Meister hat gerufen.“ Seltsam, wie glatt ihr diese Worte über die Lippen kamen. Und seltsam, wie viel wohlmeinenden Spott sie enthielten.
***
Das kleine Kurierboot startete direkt vom kleinen Flughafen der herzoglichen Residenz. Der schlanke, bedingt raumflugtaugliche Bolide würde sie bis zu einem im Orbit wartenden schnellen Depeschenschiff bringen, das nur einen einzigen Auftrag hatte: Die fünf Offiziere so schnell es ging nach Springe zu schaffen. Leider auch die Reporterin und ihren Kameramann.
Aber etwas schien sich verändert zu haben, zumindest was das Verhältnis von Carrie Rodriguez zu den beiden Frauen anging. Obwohl wieder das Live-Zeichen auf ihrer Brust prangte, tratschte sie mit Ellie und Lenie, als wären sie uralte Freundinnen.
Doch Arling hatte nur einen kurzen Blick für diese Szene. Im Moment musste er seinem Vater Rede und Antwort stehen.
„Und was besagt die Einsatzorder?“
„Vater, du warst selbst lange genug in der Flotte, um zu wissen, dass ich dir das nicht sagen darf.“
„So. Ist es dir lieber, wenn ich es mit der Hilfe von Miss Rodriguez später in den Nachrichten sehe?“
Seufzend gab Arling nach. „Okay, soviel kann ich dir sagen: Halb Yura-Maynhaus jagt gerade eine Söldnertruppe, die sich die Gryanen nennt, eine ehemalige herculeanische Hauseinheit. Diese Truppe hat Kontakt zu uns aufgenommen und darum gebeten, unser Staatsgebiet durchqueren zu dürfen.“
„Verständlich. Würden sie direkt in die Diadochen fliegen müssten sie sehr viel länger in Yura-Maynhaus bleiben. Wenn sie durch das Kaiserreich fliegen, vermeiden sie zugleich feindliches Territorium. Und was hast du damit zu tun? Soll deine Flottille den bösen Wachhund spielen, solange wie sie auf katalaunischem Gebiet sind?“
„Etwas in der Art. Ihr Anführer, ein gewisser Griffin, hat um meine Anwesenheit auf Springe gebeten. Und der Kaiser hatte sogleich eine seiner faszinierenden Ideen, und ich soll versuchen herauszufinden ob sie machbar ist. Mehr kann ich dir nun wirklich nicht sagen, Vater.“
„Na, immerhin. Ich gebe die Nachricht von deiner überstürzten Abreise an die Presse weiter. Du wirst eine Menge Menschen enttäuschen, wenn du ihnen die Chance nimmst, sich von dir zu verabschieden.“
„Ich weiß. Aber Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Ich mache es wieder gut, sobald ich zurückkomme.“
„Ich werde dich zitieren, mein Junge. Das wird Balsam für die Menschen sein.“
Die Verbindung brach ab. Johann lehnte sich in seinem Sessel nach hinten und fragte sich, ob das sobald, dass er gerade benutzt hatte seine Berechtigung hatte, oder ob er es besser gegen ein wenn oder sogar falls ausgetauscht hätte.


10.
18.05. 2613
Kaiserreich Katalaun
Depotplanet Springe
Werftkontinent Deister

Ein wenig unwohl war Jaime Madison schon in seiner neuen Uniform. Er kam sich irgendwie wie ein Hochstapler vor, wenn er den goldenen Pin eines Majors auf den Schultern trug.
Aber es war wohl wirklich Realität. Lucky Charly war jetzt Oberst, und er selbst war als sein Stellvertreter die Rangleiter zum Major hoch gerutscht.
Das bedeutete, dass er im Ernstfall Befehlsgewalt über einhundertzwanzig der avisierten dreihundert Knights hatte, die bereits auf Springe angekommen waren, um auf der RHEINLAND, der STONEWALL, der CALAIS, der RICHMOND und der REDWOOD zu dienen. Im schlimmsten anzunehmenden Fall musste er gar alle dreihundert Maschinen befehligen, ein Albtraum, vor dem das Universum und speziell Lucky Charly ihn verschonen sollten.
Heute würde der weit größte Schwung an Offizieren und Mannschaften eintreffen. Jaime erwartete die tausendachthundert Mann Marine-Infanterie unter ihrem Kommandeur Oberst Ganth sowie die beiden Offiziere, welche die CALAIS und die RICHMOND übernehmen würden. Die Korvettenkapitäne Harris und Myrte trugen Namen, die ihm unbekannt waren. Aber ehrlich gesagt gehörte er nicht zu den eifrigsten Konsumenten des Marine-Journals, in dem regelmäßig über Schiffe und Offiziere gesprochen wurde, die sich besonders ausgezeichnet hatten.
Er hatte neulich zum ersten Mal rein gesehen, um den Artikel über die zweite Riverside-Schlacht zu lesen. Erstaunt hatte er dabei festgestellt, dass ein ganzer Absatz ihn persönlich behandelte. Nebenbei kam er auch noch viel zu gut weg. Fand er zumindest.
Tausendachthundert Infanteristen, das war ein Regiment, das waren vier volle Bataillone gepanzerter Truppen. Hätten sie noch ein Regiment Panzer mitgenommen, hätten sie eine Welt erobern und auf Monate halten können.
Eine derartige Truppenstärke ließ natürlich Spekulationen über den neuen Auftrag zu, und die Gerüchteküche der Mannschaften der Flottille schob Überstunden.
Ob es wieder gegen Yura-Maynhaus ging? Oder diesmal gegen Jemfeld? Ein Kampf gegen die Clusterdrohnen, welche die Aliens anstelle der Kampfroboter ins Feld führten, war bestimmt eine wertvolle Erfahrung. Eventuell auch tödlich. Aber soweit Jaime gehört hatte, waren sie zwar zahlreich, aber nicht sehr kampfstark. Das stand im Gegensatz zu den Rüstern, die stärker, besser bewaffnet und besser geschützt, aber eben auch extrem bewegungsfaul, sprich schwerfällig und langsam waren.

Das laute Knirschen, mit dem die Orbitalfähre an den Dockkragen fuhr, riss ihn aus seinen Gedanken. Es wurde Zeit, wieder in die Realität zurück zu kommen, sonst kam die Realität zu ihm.
Die Schleuse öffnete sich und das Personal des Shuttles überzeugte sich davon, dass die Verbindungen gesichert waren. Erst dann gaben sie ihren Passagieren, die sie von den großen interstellaren Pendlern aufgesammelt hatten, den Durchgang.
Vorweg ging ein großer, hagerer Mann, der beim ersten Schritt ein wenig in die Knie ging. Jaime kannte diese Reaktion. Das war die typische „Höhere Schwerkraft, Mist“-Reaktion, die jeder beim ersten Besuch auf Springe zeigte. Die Depotwelt hatte eine Schwerkraft von eins Komma zwei Gravo. Damit wogen die Menschen auf ihr ein Fünftel mehr als auf den Schiffen der Flotte oder auf den Hauptwelten wie Sanssouci, Braunschweig und B-King, und war deshalb nie als Siedlungswelt in Frage gekommen.
Genau aus diesem Grund war die Depotwelt bei der Armee sehr beliebt. Das Training auf einer Welt mit erhöhter Schwerkraft bedeutete für die Soldaten ein ergiebiges Training, und damit mehr Reserven für das Gefecht. Und es bedeutete, dass die Sadisten von Ausbildern doppelt Spaß haben konnten. Mit schmerzhaft verzogener Miene erinnerte er sich an seine eigene Ausbildung auf Springe, und an seinen ersten Sturz mit dem Knight, der ihm doppelt so hart wie sonst vorgekommen war. Auch die Sterne hatten doppelt so lange vor seinen Augen getanzt.
Hinter dem hageren Offizier kam ein weiterer in den Laufgang. Jaime konnte für einen Moment nicht an sich halten – er pfiff anerkennend. Als ihm das auffiel, sah er zu Boden und hoffte, dass der Javare seine ungebührliche Reaktion nicht bemerkt hatte.
Die Javaren waren ein Volk von Intelligenzen, welches im Staatsgebiet des Kaiserreichs lebte. De facto waren sie Bürger des Kaisers, vollwertige Bürger wie die Menschen, wohlgemerkt. Aber die Zahl derer aus dem zwei Milliarden-Volk die ihre Welt verließen, gingen in den einstelligen Prozentbereich, obwohl der Kaiser ihnen volle Integration in allen Bereichen des Kaiserreichs versprochen hatte.
Noch geringer war die Zahl jener, die in die kaiserliche Flotte gingen, aber die Javaren erfreuten sich einer sehr großen Beliebtheit als Unteroffiziere. Offiziere hingegen waren die seltenste Spezies überhaupt. Jaime war nicht besonders gut informiert, aber seines Wissens nach gab es im gesamten Kaiserreich bestenfalls ein Dutzend.
Ein Javare war ein faszinierender Anblick, fand Jaime. Sie waren ebenso wie die Menschen Abkömmlinge von Raubtieren, hatten den Sprung zur Intelligenz aber getan, bevor sie Allesfresser geworden waren. Dementsprechend sahen sie Menschen recht ähnlich, verfügten über zwei Arme, zwei Beine und beherrschten den aufrechten Gang, der die vierfingrigen Hände für feinmotorische Arbeiten frei machte. Sie waren weitestgehend haarlos, aber ähnlich wie bei den Menschen bedeckte ein feiner Flaum ihre Körper. Auf dem Kopf wurde er etwas stärker und hatte die Dichte eines Fells. Die Ohren der Javaren waren spitz und konnten willentlich bewegt werden, was ihnen schon mehr als einen Vergleich mit Hunden eingebracht hatte.
Auch der Mund lief bei ihnen recht spitz zu, was für Fleischfresser beim ausweiden der Beute natürlich ein Vorteil war. Es verlieh den Javaren in seinen Augen etwas elfenhaftes, erhabenes. Nicht einmal die etwas zu langen Reißzähne konnten das mildern. Das fand zumindest Jaime.
Die Haut spannte sich glatt und rosig über die Gesichter und ließ weder Runzeln noch Falten zu. Deshalb konnte man das Alter eines Javaren nie so recht schätzen. Sie wirkten zeitlos, bis im hohen Alter die ersten Flecken auftraten.
„Major Madison?“, fragte der hagere Mann und salutierte. Neben ihm erhob auch der Javare seine vierfingrige Hand zum vorschriftsmäßigen Salut. „Korvettenkapitän Harris und Myrte.“
Jaime salutierte zurück, dann reichte er beiden die Hand. „Mr. Harris“, sagte er zu dem hageren Terraner, danach reichte er sie dem Javaren. „Mr. Myrte.“
Die beiden wechselten einen amüsierten Blick. „Das ist ein Missverständnis, Sir.“ Der hagere Mann deutete auf sein Namensschild. „Ich bin Myrte. Rowland T. Myrte. Dies ist Loggan Harris. Man sprich es übrigens deutsch aus, ohne englische Betonung.“
Der Javare schmunzelte amüsiert. „Harris ist ein regulärer Name in meinem Volk. Er bedeutet Wachtposten.“
„Entschuldigen sie, meine Herren. Ich hätte genauer recherchieren sollen. Soll ich sie zuerst zur Kaserne bringen, oder steht ihnen mehr der Sinn nach einer Erfrischung? Ich kenne ein wundervolles Café im Terminal.“
„Einverstanden. Dort werden sie ja hoffentlich auch Tee haben“, sagte der Javare. „Denn ich bin wirklich nicht so der Kaffeetrinker.“
„Den besten Tee der ganzen Depotwelt“, versprach Jaime. Die beiden schienen ja recht schnell über sein Missgeschick hinweg zu gehen.

Zehn Minuten später hatte der Knight-Pilot ein Baguette auf dem Teller und einen Kaffee in der Hand. Harris hatte tatsächlich ein Rinder-Carpaccio bekommen. Das rundete er mit einem kräftigen Schwarztee ab, während Myrte einen Espresso bestellt hatte. Den Snack vervollständigte ein Windbeutel.
Interessiert äugte Jaime auf das Carpaccio. „Ist es eigentlich wahr, dass Ihr Volk sich hauptsächlich von Fleisch ernährt?“
Der Javare legte die Stirn in weiche, wohl geformte, dicke Falten. „Weil ich ein Carpaccio esse? Nun, wir haben im Gegensatz zu den Menschen zwar den Allesfresser ausgelassen und dementsprechend keine Mahlknochen. Aber unsere Mägen können weit mehr zersetzen als ein Menschenmagen. Dafür haben die meisten von uns permanent Sodbrennen.“ Harris lächelte. „Das war ein Witz. Ich bin eigentlich mehr der Reisesser, aber nach dem anstrengenden Flug war mir nach etwas fettigem, um Energie zu kriegen.“
„Ich verlasse mich als Energielieferanten lieber auf Zucker“, meinte Myrte mit einem Fingerzeig auf seinen Windbeutel.
„Eine gute Strategie“, lobte Jaime und kam sich mit dem belegten Baguette irgendwie unüberlegt vor.
„Aber jetzt erzählen Sie mal, Major Madison, unser Kommandeur macht ja gerade richtig von sich reden. Er ist ja sehr beliebt in den Medien. Aber das sagt so wenig über ihn aus. Wie ist Arling denn so?“
„Johann Arling ist ein guter Anführer. Ein wenig streng, aber er belohnt gute Arbeit. Er schätzt es, wenn seine Leute persönliche Risiken eingehen, und er würdigt sie dafür angemessen, Mr. Harris.“
„Aha. Und was halten Sie als Mensch von ihm?“, hakte Myrte nach.
„Ein aufrechter Kerl. Vielleicht etwas zu anständig für einen Soldaten. Aber er ist einer von den Vorgesetzten, für die man freiwillig das Tor zur Hölle aufstößt.
Entschuldigen Sie, eine derartige Schwärmerei wollten Sie sicher nicht hören.“
„Nein, nein“, beeilte sich Myrte zu sagen, „das ist vollkommen in Ordnung. Das sagt mehr über ihn aus als eine Standard-Antwort. Aber sagen Sie, wie steht Arling eigentlich zu Außenseitern? Das interessiert mich und Loggan besonders.“
„Außenseitern? Ich bitte sie, meine Herren, wir sind doch alle Offiziere des Kaisers.“
Harris fuhr sich unbewusst durch die blonden Locken seines Kopffells und lachte spöttisch auf. Dann sah er auf und murmelte eine Entschuldigung.
„Das ist so nicht ganz richtig. Ich und Loggan hatten es teilweise recht schwer. Ihm wurde es als Javare nie gerade leicht gemacht, damit niemand behaupten konnte, dass er als Nichtmensch bevorzugt wurde. Und ich bin leider in der Lage, der Abkömmling von Piraten zu sein, was sich nicht gerade als Vorteil herausgestellt hat. Selbst wenn der Kapitän uns akzeptiert, haben wir immer noch mit erheblichen Problemen seitens der Mannschaften und der Offizierskollegen zu kämpfen.“
„Das kann teilweise recht hart sein“, fügte Harris ernst hinzu. „Auf unserer letzten Position, der ARGOS, konnten wir uns wenigstens gegenseitig unterstützen.“
Myrte lächelte den Javaren an, der seinen spitzen, aristokratischen Mund zu einem zynischen Lächeln verformte.
„Der Außerirdische und der Pirat“, zitierte Harris.
„Ein Team das durch Feuer und Wasser, durch Sonnenhitze und durch Vakuum marschiert.“
Die beiden stießen ihre rechten Fäuste gegeneinander. Danach grienten sie zu Jaime herüber. Ja, sie mussten wirklich dicke Freunde sein.
„Machen sie sich da keine Sorgen. Arling beurteilt nach Leistung. Und als Kapitän einer eigenen Einheit sollten sie zwei weniger Probleme als jemals zuvor in ihrer Karriere haben, zudem wir an Raumfahrern, die bereits unter ihm gedient haben, zusammen gekratzt haben was in der kurzen Zeit möglich war.“
„Wollen wir es hoffen“, brummte Harris.
„Der Kommodore wird Sie unterstützen, so gut er kann“, versprach Jaime und wusste nicht so recht, ob er sich damit nicht etwas zu weit aus dem Fenster lehnte.
Er runzelte die Stirn. Bei ihm sah das sicherlich nicht annähernd so ästhetisch und elegant aus wie bei Loggan Harris. „Sagen Sie, von welchen Piraten stammen Sie ab, Mr. Myrte?“
„Was? Oh, ich war Somona-Pirat, bevor der Kaiser unser Versteck eroberte. Das heißt, ich war damals noch Matrose und in der Ausbildung. Nachdem wir ins Kaiserreich integriert wurden, war ich einer der Somona-Kadetten, die auf Einladung des Kaisers in die Marine eintraten. Es war härter als ich gewünscht hatte, aber nicht so hart wie ich insgeheim befürchtet habe.“
„Interessant.“ Das versprach alles zu werden, aber sicher kein langweiliger Einsatz.
„Sagen Sie, meine Herren, wer kriegt welches Schiff?“
„Ich bin für die CALAINCOURT vorgesehen“, meldete sich Harris.
„Damit bleibt die RICHMOND für mich.“
„Die letzte Entscheidung hierbei trifft der Kommodore, aber ich denke nicht, dass er die Aufteilung umwerfen wird. Aber das kann er sicher selbst mit ihnen besprechen, wenn er in drei Tagen ankommt.“
Myrte runzelte die Stirn. „In drei Tagen? Ich dachte, Kommodore Arling hat noch drei Wochen Urlaub.“
Nun war es an Jaime, die Stirn zu runzeln. „Haben Sie noch nichts gehört, Mr. Myrte? Eine kleine Flotte Söldner aus den Diadochen flüchtet gerade quer durch Yura-Maynhaus.“
„Das habe ich mitbekommen. Scheint ja einiges an Aufruhr bei den Republikanern zu verursachen. Was hat das mit unserem Boss zu tun?“
„Ihr Anführer hat darum gebeten, unser Raumgebiet passieren zu dürfen.“
„Klingt vernünftig. Wenn er in die Diadochen zurückkehren will ohne halb Yura-Maynhaus durchqueren zu müssen, kürzt das seinen Weg erheblich ab.“
Jaime grinste schief. „Und er hat darum gebeten, Johann Arling persönlich zu begegnen.“
„WAS?“, riefen die beiden Männer und waren aufgesprungen, bevor sie merkten was sie taten.
„Es scheint so, als wäre der Anführer, ein Commodore Griffin, ein großer Fan von Arling. Tatsächlich benutzte er einige unserer Taktiken, die uns in Yura-Maynhaus sehr geholfen haben, um dem Zugriff ihrer Navy zu entkommen. Und die versuchen wirklich eine Menge, immerhin hat Griffin ihnen im Handstreich fünf Schiffe abgenommen, die er nun für die Flucht benutzt.“
„Fünf gleich? Kein Wunder, dass die Republikaner sauer sind.“ Harris setzte sich wieder. „Und er will mit Arling sprechen?“
„Wollen hat so einen Kommando-Ton. Er würde sich über ein Gespräch freuen, so ist es vielleicht besser formuliert.
Ich glaube es hat mit unserer letzten Aktion im Riverside-System und unserer anschließenden Flucht zu tun. Scheint als hätten wir da mehr aufgewühlt als wir eigentlich vorhatten.“ Jaime widmete sich seinem Kaffee. „Deshalb kommt der Boss schon früher her. Er bringt auch die anderen Kapitäne mit. Ich bin sehr gespannt, was Griffin von ihm will.“
„Ich glaube, das sind wir alle“, murmelte Harris und widmete sich seinem Carpaccio. „Apropos gespannt, wann trifft Ganth mit dem Regiment ein?“
Jaime zog seinen Kommunikator hervor und projizierte ein Hologramm mit der Uhrzeit. „In etwa einer Stunde. Soll ich sie zwei erst zur Kaserne bringen, oder wollen wir hier warten? Ein Regiment das ausschifft ist immer ein Spektakel.“
„Warum nicht? Ich sehe es zu gerne, wenn jemand Schlammstampfer rumscheucht, vor allem bei erhöhter Gravitation“, erwiderte Myrte mit leuchtenden Augen. „Entschuldigen Sie, als Weltraumgeborener hat man so seine Marotten. Und ich war mal wieder mit der Zunge schneller als mit dem Kopf.“
„Ist schon in Ordnung. Ich bin Knight-Pilot. Ich muss ja auch immer aufpassen, wo ich hintrete, wenn bei den Schlammstampfern jede Ordnung zusammenbricht.“
Rowland Theodor Myrte tauschte einen verschwörerischen Blick mit Jaime, den dieser mit einem Augenzwinkern kommentierte.
„Wieso“, sagte Harris nachdenklich, „habe ich eigentlich das Gefühl, dass ihr zwei gerade Freundschaft geschlossen habt? Menschliche Rituale sind irgendwie merkwürdig.“
Der Javare nippte an seinem Tee. „Menschen sind prinzipiell merkwürdig.“
„Dem stimme ich zu“, bemerkte Jaime mit dem Anflug eines Lächelns.
***
Das Werftterminal A4 befand sich auf dem Nordkontinent. Genauer gesagt auf dem südlichsten Zipfel der Kontinentalplatte, was ziemlich genau mit der Äquatoriallinie identisch war. Dies bedeutete, dass die startenden und landenden Schiffe senkrecht durch die Atmosphäre fliegen konnten, eine Erleichterung für jeden An- oder Abflug, bei dem ein Schiff beteiligt war, das mindestens die Masse einer Fregatte hatte.
Manchmal reichten die Orbitalwerften eben nicht aus, wenn eine wirklich wichtige Umrüstung oder Wartung durchgeführt werden musste. Dann nahmen die Raumgiganten das Risiko einer planetaren Landung auf sich und spielten mit der Möglichkeit, nie wieder die gravitatorischen Fesseln von Springe zu verlassen. Ein Schiff wieder in den Orbit zu schleppen war technisch machbar. Aber ein Schiff, dassin diesen Werften nicht aufgerüstet werden konnte, um den Flug aus eigener Kraft zu schaffen, hatte es eh hinter sich.
Nebenbei bot A4 die größten Kasernenanlagen des Planeten sowie ausgedehnte Übungsareale im Norden. Dort lagen auch die meisten Zulieferbetriebe für die Werften. Die Südküste, die schon wieder über den Äquator hinausragte, war vollkommen unverbaut, da Salzwasser in den Arbeiten der Werftcrews keinerlei Rolle spielte. Und das bedeutete zweitausend Kilometer unberührten Traumstrand auf einer Welt, die noch kein tierisches Leben hervorgebracht hatte. Genau der richtige Ort für ein oder zwei Parties, fand Jamie. Wenn sie denn genehmigt wurde, denn immerhin war dies Springe, eine der wichtigsten Welten im ganzen Kaiserreich Katalaun, und da konnte man nicht einfach an den Strand ziehen, ein Bierfass kühlen und die Musik aufreißen, wie es einem passte. Zumindest nicht, wenn die Teilnehmer der Party in die Hunderte gingen.

„Da kommen sie“, klang die Stimme von Harris auf und riss Jaime aus seinen Gedanken. Verstohlen sah er auf, blickte in den beinahe schwarzen Mittagshimmel über dem Deister-Kontinent und sah die Flammen aus den Antriebsdüsen der Transporter schlagen.
Es waren acht. Vier für die eintausendachthundert Soldaten des Regiments, vier für die Ausrüstung.
„Die kommen aber schnell runter.“ Staunend schob Jaime seine Schirmmütze in den Nacken. Mist, dieses Hemd hatte er also durchgeschwitzt. Äquator war ja schön und gut für Starts und Landungen von Kreuzern und Schlachtschiffen, aber es bedeutete außerdem eine Affenhitze.
„Geht so. Die Piloten lieben wohl einfach den großen Auftritt“, kommentierte Myrte mit dem Blick des erfahrenen Piloten.
Tatsächlich flammten die Düsen effektvoll auf und reduzierten die Fallgeschwindigkeit der Transporter enorm. Etwa achthundert Meter vor dem Boden feuerten die Düsen erneut und reduzierten die Fallgeschwindigkeit auf einen sanften Sinkflug.
Weich wie Daunenfedern setzten die acht Schiffe auf.
Beinahe sofort öffneten sich die großen Rampen für Be- und Entladung. Eine einsame Gestalt trat aus dem ersten Landungsschiff hervor, ging gut dreihundert Meter und wandte sich dann den Schiffen zu. Deutlich konnte Jaime erkennen, wie sich die Schultermuskeln der Person anspannten, dann drang der Hauch einer Stimme zu ihm herüber. Immerhin, keine schlechte Leistung, wenn man bedachte, dass der Offizier immer noch drei Kilometer entfernt war.
Darauf folgte ein Geräusch, das ihn zuerst an rauschendes Wasser erinnerte. Doch es nahm immer mehr zu, wurde erst zu einem Wasserfall und danach zur Sturmflut.
Wie eine Sturmflut brandeten nun auch aus den vorderen vier Landungsschiffen die Soldaten hervor. Es war kein kopfloses Herausstürmen, aber sie liefen, definitiv. In jeweils acht Reihen pro Rampe kamen sie hervor gestürmt. Jeder einzelne schien dabei genau zu wissen, was er zu tun hatte.
Keine fünf Minuten nach dem Befehl des einzelnen Offiziers standen die eintausendachthundert Männer und Frauen nach Bataillonen und Kompanien geordnet in geordneter U-Form vor dem Offizier. Die Unteroffiziere richteten die Reihen aus, die Zugführer meldeten Vollzug an die Kompaniechefs, die meldeten den Bataillonschefs, die meldeten dem stellvertretenden Regimentskommandeur, und der stellte sich vor seinen Boss, salutierte und ließ dabei eine Stimme hören, die problemlos bis zu den drei Offizieren hallte.
Die beiden sprachen kurz miteinander. Dann wandte sich der Mann um, brüllte etwas, und bekam als Antwort aus eintausendachthundert Kehlen eine Bestätigung: „JAWOHL, SIR!“
Das schien den Offizier zufrieden zu stellen. Er gab einen weiteren Befehl, der wieder problemlos bis zu Jaime und den beiden Kapitänen herüber klang.
Daraufhin lösten sich die  vier Bataillone Zugweise auf und liefen zu den anderen vier Landern herüber.
„Jetzt holen sie ihre Ausrüstung ab“, sagte Myrte mit einem amüsierten Lächeln. „Scheint ja diesmal eine gute, disziplinierte Truppe zu sein. Wollen wir runter gehen und mit ihnen sprechen? Madison, Sie dienen am längsten unter Arling. Wollen Sie die Begrüßung von Oberst Ganth übernehmen?“
„Wartet mal, wartet mal, die Show ist noch nicht vorbei.“ Harris deutete auf den ersten Lander. Dort verließen gerade sechs schwarz uniformierte Soldaten in lockerer Formation die Rampe. Sie gingen zielstrebig auf den ersten Lander mit der Ausrüstung zu.
„Schwarze Uniformen? Die einzige Truppe, die im Kaiserreich schwarze Uniformen trägt, sind die Ninjas“, meinte Jaime nachdenklich und kratzte sich am Haaransatz.
„Ich glaube es nicht. Das sind Ninjas! Seht doch, die schaffen gerade sechs schwarze Knights aus dem Lander!“, rief Myrte beeindruckt.
„Ninjas! Teufel, ich hätte nie gedacht, dass ich mal in den Genuss kommen würde, sie bei der Arbeit zu erleben. Der Kaiser muss sich ja viel von dieser Mission versprechen, wenn er uns gleich sechs von ihnen zuteilt. Sechs Ninjas sind ein eigenes Kommando. Also eine volle Truppe.“
„Das wusste ich noch gar nicht. Aber was wollen sie mit sechs Soldaten ausrichten?“, murmelte Harris nachdenklich.
Myrte klopfte dem Freund hart auf die Schulter. „Junge, die Ninjas haben ihren Ruf nicht aus dem Ausverkauf. Du kennst doch das Motto, bei Gerüchten neunzig Prozent abzuschneiden, und du hast die Wahrheit, oder?“
„Klar, das gilt doch auch für Tadel und Lob durch Vorgesetzte“, erwiderte der Javare.
Rowland Myrte grinste für einen flüchtigen Moment. „Jedenfalls, bei den Ninjas gilt, bei allem was du über sie hörst nicht neunzig Prozent abschneiden, sondern drauflegen.“
Jaime hustete bei diesen Worten verlegen.
Harris starrte den Freund aus großen Augen an. „Du verarschst mich, Rowland!“
„Du wirst dir bald genug eine eigene Meinung bilden können“, versprach Myrte. „Major Madison, wollen wir dann? Jetzt können wir Oberst Ganth bestimmt nicht mehr warten lassen.“
„Da stimme ich Ihnen zu, Mr. Myrte.“ Leiser fügte er hinzu: „Ninjas. Na, das kann ja was werden.“

„Guten Tag, Mr. Madison!“ Der Offizier fuhr herum, als die drei Männer gerade auf Rufweite heran waren und offenbarte zwei Dinge. Erstens, die Oberst-Pins auf den Schultern. Zweitens, ein formschönes Frauengesicht. „Guten Tag, Mr. Myrte“, sagte sie mit einem Nicken zu dem Somona-Piraten. „Guten Tag, Mr. Harris.“
Irritiert bemerkte Jaime, dass die Frau die Betonung von Harris´ Namen beherrschte. Er selbst hatte nicht daran gedacht, genau nachzurecherchieren.
„Oberst Ganth, nehme ich an. Willkommen auf Springe.“
„Danke, Jaime. Freut mich hier zu sein.“ Sie deutete auf das Regiment, das zusammen mit den Technikern die Ausrüstung entlud. „Wie Sie sehen habe ich im Moment etwas zu tun. Aber ich, Major Russel von den Ninjas und Oberstleutnant Steyer, mein Stellvertreter, würden es zu schätzen wissen, wenn wir uns nachher zusammen setzen könnten. Ich weiß, es dauert noch bis Kommodore Arling auf Springe eintrifft. Das gibt uns Zeit, um einander besser kennen zu lernen. Ich werde die meiste Zeit auf der RHEINLAND sein, mein Stellvertreter auf der STONEWALL. Und wer weiß wo Major Russel ihre Ninjas parken wird, also sollten wir die Gelegenheit nutzen. Einwände, meine Herren?“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ist Herr die richtige Bezeichnung, Korvettenkapitän Harris?“
„Es ist die korrekte Bezeichnung, Oberst Ganth.“
„Gut, das beruhigt mich. Diesen Punkt habe ich leider nicht recherchieren können.
Also, Major Madison, Sie sind am längsten hier. Welchen Treffpunkt schlagen Sie uns vor?“
Der Knight-Pilot legte den Kopf schräg. Einerseits um nachzudenken, andererseits um zu verbergen, wie sehr ihn diese Frau beeindruckte. „Das Irish Pub im Gate ist ganz hervorragend, Ma´am.“
„Oh, nennen Sie mich Cecilia, sobald wir nicht im Dienst sind. Und ich hoffe, sie gewähren mir eine ähnliche Ehre, Gentlemen.“
„Natürlich“, brummten die Männer unisono.
„Dann ist ja alles gesagt. Privatkleidung ist befohlen.“
„Ja, Ma´am.“
Mit einem zufriedenen Schnauben drehte sie sich um und widmete sich wieder der Entladeaktion.
„Damit sind wir wohl entlassen“, stellte Jaime amüsiert fest. „Und falls sie nicht wissen was Privatkleidung ist, meine Herren, es gibt auf dem Terminal ein paar Geschäfte.“
„Es ist doch nie verkehrt, in der Wildnis einen einheimischen Führer zu haben“, erwiderte Harris mit einem Grinsen.
Ja, mit diesen Leuten würde Jaime sehr gut auskommen.
***
Es war achtzehn Uhr Ortszeit. Eine Laune der hiesigen Natur hatte dazu geführt, dass der Tag auf dieser Welt wirklich nur knappe vierundzwanzig Standardstunden hatte.
Das bedeutete automatisch Nachteinbruch um achtzehn Uhr, und Sonnenaufgang um sechs Uhr, gerade auf Welten ohne Achsneigung, wie Springe eine war.
Nun, im Gate bedeutete das nicht viel. Es hieß nur, dass die Vorgesetzten nun ebenso ihren Vergnügungen nachgingen wie ihre Untergebenen, solange sie nicht für eine der Spät- oder Nachtschichten auf den Werften eingeteilt waren.
Und es wurde ein wenig kühler. Die Temperatur sank von achtunddreißig Grad auf herrlich kühle vierunddreißig. Und das blieb meist die ganze Nacht so.
Für Jaime, Rowland und Loggan bedeutete dies Freizeitkleidung, die den Temperaturen angemessen war.
Da alle drei Ranggleich waren, aber Jaime die längste Zeit in der Einheit verbracht hatte, oblag es ihm, die Prozession anzuführen.
Ernst inspizierte er die Bekleidung seiner Offizierskollegen.
Loggan Harris hatte sich für ein Halbarmhemd mit hochgeschlossenem, vorne offenen Kragen entschieden, der seine schlanke Gestalt, das blonde Kopffell und seine spitzen Ohren betonte. Dazu trug er eine enge Radlerhose, wie sie derzeit auf fünfzig Prozent der Welten des Kaiserreichs im Sommer Mode war. Jaime seufzte. Das Pub war zwar nicht gerade die erste Adresse, sondern eine gemütliche Spelunke, aber er hoffte trotzdem, dass sie nicht wieder raus geworfen wurden, weil einer von ihnen zu leger angezogen war.
Die Inspektion von Rowland T. Myrte machte ihm da schon mehr Freude. Der Mann trug ein T-Shirt mit einer paramilitärischen Aufschrift, der Aufdruck in Gold und Weiß imitierte eine Ausgehuniform der Marine. Dazu trug er schneeweiße Bermuda-Shorts. Es gab ihm einen sehr militärischen Touch, und es sah gut an dem hageren Mann aus.
Jaime selbst wartete mit einer auf Schenkelhöhe abgeschnittenen Jeans auf, wie sie vor drei Jahren Mode war – er wollte nicht jedem Trend hinterher hecheln, wenn ihm endlich mal was gefiel – und dazu ein Poloshirt, dessen Knopfleiste er komplett aufgeknöpft hatte, um der Hitze weniger Angriffsfläche zu bieten.
Und alle drei trugen die offiziellen Leichtathletikschuhe der Marine. In dem Punkt hatte sich wohl noch keiner der drei ernsthafte Gedanken gemacht.
„So, so. Na, das lasse ich aber gerade mal so durchgehen.“ Ernst musterte Jaime die beiden Männer. „Sie kennen ihren Auftrag, meine Herren?“
Rowland bog den Kopf nach hinten, als Jaime ihm immer näher kam. „Sir, ja, Sir! Schnell rein, schnell ran, schnell raus! Je eher wir das Treffen mit Oberst Ganth beendet haben, desto eher können wir uns richtig amüsieren!“
„Gut, gut“, brummte Jaime zufrieden. „Und Sie, Kadett, haben Sie unseren Notfalltreffpunkt noch im Kopf?“
„Jawohl, Sir!“, blaffte Loggan. „Unterste Ebene, Emily Burgers, Sir!“
„Hm, Hm. Ich glaube, dann habe ich alles menschenmögliche getan. Dann auf in die Schlacht!“
Die Männer lachten herzlich und klopften einander auf die Schultern. Es hatte nur weniger Stunden bedurft, um sie so weit zu bringen, dass sie einander mit Vornamen ansprachen. Nun wollten sie noch das befohlene Treffen hinter sich bringen und sich danach richtig amüsieren.

Als Jaime Madison als erster den Pub betrat, lokalisierte er Oberst Ganth sofort. Er erstarrte, und Loggan lief in ihn hinein. „Was ist denn… Oh mein Gott!“
„Stau in der Kneipe? Kommt schon, lasst mich nicht draußen stehen und… Das glaube ich jetzt nicht. Ist das wahr?“
Hastig ging Jaime ein paar Schritte nach hinten und drängte die beiden Offiziere mit sich hinaus. „Beim Kaiser! Leute, habt ihr das gesehen?“
„Du meinst jetzt nicht das lächerliche, viel zu große Hawaiihemd von Oberstleutnant Steyer und seine ausgefranste, löchrige Jeans, oder?“, warf Rowland sarkastisch ein.
„Ich dachte, ich werde geblendet. Ist das die gleiche Ganth, die wir heute auf dem Exerzierplatz gesehen haben?“ Loggan Harris krampfte seine Hände und zwang sie, sich wieder zu öffnen. „Was guckt ihr so? Wir sind zwar nicht genetisch kompatibel mit den Menschen, aber unser Beziehungssystem und unser Fortpflanzungsmethoden sind sich sehr ähnlich. Und blind sind wir auch nicht.“
„Jungs, wir haben ein Problem!“ Jaime rief sich wieder ins Gedächtnis, was er gerade gesehen hatte. Die schlanke, gut proportionierte Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, dem weißen Mini und dem knapp unter der Brust abgeschnittenen weißen T-Shirt war definitiv Oberst Ganth gewesen. Aber den Zusammenhang zwischen der steifen Offizierin und der Frau an der Bar herzuleiten war etwas schwierig gewesen. Neben ihr hatte eine zweite Frau gestanden, gekleidet in einen sehr kurzen Faltenrock, schwarz natürlich, und einem schwarzen Top. Die asiatischen Züge und das lange schwarze Haar hatten zusammen mit der durchtrainierten Figur für sich gesprochen. Diese Frau war definitiv Major Russel, die Anführerin der Ninjas. Konnte Steyer überhaupt fassen wie viel Glück er hatte, neben diesen Frauen stehen zu dürfen? Wahrscheinlich nicht, denn er kannte seinen Oberst sicher durch und durch. Dieser Gedanke war dazu angetan, Jaime die Schamesröte in die Wangen zu treiben, wenn er ihn weitersponn.
„Befehl ist Befehl, und unser Befehl lautet, Oberst Ganth zu treffen“, warf Rowland ein.
„Richtig, richtig, aber habt ihr euch die beiden mal angesehen? Die beiden sind der Traum meiner schlaflosen Nächte, meine Herren!“
„Da hast du nicht unrecht. Und was machen wir jetzt?“
„Das erfordert strategische Planung. Meine Herren, einer von uns muss sich opfern. Er lenkt Oberstleutnant Steyer ab. Am besten säuft er ihn unter den Tisch. Und die anderen beiden… Nun, einer greift unsere Vorgesetzte an, der andere wagt den Kampf mit einem Ninja! Wir losen, und ich erwarte, dass sich jeder an das Ergebnis hält, haben das alle verstanden? Einer für alle und alle für einen!“
„Für mein Leben gern“, klang hinter ihnen eine bekannte Frauenstimme auf, „würde ich das Ergebnis abwarten. Aber sie stehen hier mitten in der Tür und blockieren den Betrieb, meine Herren. Würden sie sich also etwas abseits stellen, um zu ihrer Aufteilung zu kommen?“
Erschrocken fuhren die drei herum. Natürlich, wenn die Verdammnis einen guten Tag hatte, dann musste es ja Oberst Ganth sein, die hinter ihnen stand und sie mit erhobener rechten Augenbraue musterte.
„Ma´am, wir…“, begann Jaime verlegen und begann zu lachen.
„Andererseits, warum glauben Sie, wir würden uns an die Aufteilung halten, die ausgerechnet drei Junioroffiziere vornehmen?“ Sie ließ ihren Blick über alle drei streifen. „Zugegeben, gut angezogenen Junioroffizieren.“
„Ma´am, wir...!“
Oberst Ganth wandte sich um und ging ins Pub zurück. „So süß ich das auch finde, wenn sich drei Offiziere um uns streiten, kommt mal lieber rein, bevor euch die anderen Männer im Laden eure Beute wegschnappen.“ Sie sah kurz zurück und lächelte. „Außerdem heißt es Cecilia, nicht Ma´am, merkt euch das.“
„Keine Planung überlebt den Feindkontakt. Jungs, jetzt ist jeder auf sich gestellt!“ Entschlossen folgte Jaime der Offizierin.
Die Kapitäne folgten auf dem Fuß.


11.
20.05. 2613
Kaiserreich Katalaun
Depotplanet Springe
An Bord der RHEINLAND

Der Anflug auf Springe war wie immer spektakulär, selbst wenn man wie Arling schon oft  hier gewesen war. Man nannte sie auch DIE Depotwelt. Mit zwanzig Lichtjahren Entfernung zur nächsten wichtigen kaiserlichen Welt war sie exponiert, und nur die Tatsache, dass die nächste Yura-Maynhaus-Welt noch einmal achteinhalb Lichtjahre entfernt war, bot ein wenig Sicherheit. Die es allerdings für bange Monate nicht gegeben hatte, als die Republikaner ein halbes Dutzend Welten erobert hatten.
In der ersten Panik hatte die Admiralität mit dem Gedanken gespielt, Springe tiefer ins Reich zu verlegen, aber das hätte direkt in eine logistische Katastrophe geführt.
Im Orbit der großen Welt hingen zwanzig große Werften, auf denen sämtliche in der Flotte anfallenden Arten der Reparatur ausgeführt werden konnten. Das vierfache der Werften befand sich auf der Oberfläche. Hier wurden hauptsächlich Neubauten betrieben, oder wirklich arg zusammengeschossene Schiffe wieder Gefechtsklar gemacht.
Auch Arlings kleine Flottille lag in diesen Werften, die REDWOOD war sogar auf den Planeten gebracht worden. Unwillkürlich fragte er sich bei dem Gewimmel an Schiffen, Patrouillenbooten, schwärmenden Knights, Transportern, Personenpendlern und allem anderen, was sich hier bewegte und das Chaos weiter vergrößerte, ob er seine RHEINLAND hier jemals wiederfinden würde.
Obwohl er wusste, dass dieses Chaos organisiert war, zog es ihm jedes Mal den Magen zusammen, wenn er dieses Gewirr aus Lichtern, Antriebsflammen und Beinahezusammenstößen sah.
Als Soldat wusste er eben die Disziplin und Ordnung zu schätzen, die den Betrieb eines Kriegsschiffs überhaupt erst ermöglichten. Dieses Gewusel war jedenfalls alles für ihn, nur nicht diszipliniert, auch wenn Springe angeblich das raffinierteste Verkehrsleitsystem des gesamten Kaiserreichs sein eigen nannte.
„Han, es kommt. Willst du zuschauen?“
Arling riss sich vom Anblick los und trat zum Monitor des Aufenthaltraums herüber. Die Nachrichten, auf die er gewartet hatten, hatten schon begonnen.
Die internationalen Nachrichten kamen natürlich zuerst dran, und der Top-Schlager war die Flucht der Gryanischen Söldner.
„…wurde der Anführer als Coryn Griffin identifiziert. Griffin, der erst kürzlich zum First Lieutenant degradiert wurde, hat die Internierung der Gryanischen Söldner in einer schnellen, erfolgreichen Aktion aufgebrochen.
Admiral of the Fleets Helen Sourakis bemerkte dazu, dass die Befreiung der wegen illegaler Grenzübertretung inhaftierten Söldner von langer Hand geplant gewesen war. Tatsächlich zeigen sich erhebliche Lücken in Griffins Lebenslauf, sodass man sich fragen muss: Wer ist der First Lieutenant wirklich?“
„Ein Schläfer?“, raunte Rössing ernst.
„Ein Schläfer einer Söldnertruppe? Wie wahrscheinlich ist das, dass sie Profit daraus ziehen wollen, das republikanische Militär zu unterwandern?“, erwiderte Arling.
„Was ist, wenn es ihnen um die Ausbildung ging?“, warf Rend ein. „Was ist, wenn sie ihre Leute unter falschen Namen in die Welt hinaus schicken, damit sie bestmöglich ausgebildet wiederkehren? Und nun wurden sie interniert, Griffin hatte die Chance sie zu befreien und hat es getan.“
„Sicherlich nicht ganz ohne Eigennutz. Jetzt hat er das Kommando über fünf Schiffe. Vorher war er nur ein degradierter Commander“, sagte Schlüter nachdenklich.
„Ach kommt, Leute. Ihr fresst die Geschichte doch nicht etwa?“
„Du nicht, Han? Warum sind wir dann überhaupt hier?“
Arling beugte sich vor und gab Ellie Rend einen Kuss auf die Wange. „Weil wir nicht sicher sein können, dass es nicht wirklich so ist. Und weil der Kaiser mir einen bestimmten Befehl gegeben hat.“
„Lass mich raten. Wir werben die Söldner an, sie verstärken unsere Flottille, und zusammen mischen wir die Diadochen auf. Himmel, Johann Arling, es sind Söldner aus den Diadochen! Für dich noch mal extra laut: DIADOCHEN!“
„Du betonst falsch, Gerry. Es muss Söldner heißen. SÖLDNER!“
„Ja, wenn es Söldner sind. Wenn es keine riesige Falle der Republik ist. Wenn…“
„Gerry, denkst du wirklich, ein republikanischer Marine-Offizier würde sich derart in den Dreck stampfen lassen? Das gibt Flecken, die er zeitlebens nicht mehr weg kriegt.“ Arlene Schlüter sah nachdenklich in die Runde. „Wir sollten uns jedenfalls nicht sofort mit ihm verbrüdern. Aber wir sollten auch nicht voreingenommen sein. Lassen wir Griffin doch erstmal seine Version der Geschichte erzählen.“
„Hm. Mich stört was ganz anderes. Wenn sie Söldner sind, heißt das, sie reisen mit ihren Familien im Gepäck umher? Was sollen wir dann mit fünf Schiffen voller Nichtkombattanten machen?“
„Durch unser Reich lassen und nach Hause schicken, Ellie“, sagte Arling ernst.
„Mylord, ich glaube, das sollten Sie sich anhören“, merkte Carrie Rodriguez an.
Arling sah auf zum Monitor.
„…wurde heute der Tod von drei Anhängern der Kreuzbruderschaft bestätigt, die sich in Untersuchungshaft befanden. Erste Ermittlungen sprechen von Selbstmord, aber der Kaiser hat sofort eine Kommission einsetzen lassen, die den Fall untersuchen wird. Richard, du bist vor Ort. Was kannst du uns zu dem Fall sagen?“
„Nun, Cindy, offensichtlich handelt es sich bei den Toten um Leutnant Wiachinsky, der vor kurzem wegen versuchten Mordes verhaftet wurde, sowie um die beiden Studenten Roger Klein und Harry Teutsch. Auffällig ist, wie mir einer der Vermittler bestätigt hat, dass alle drei Leichen an Händen und Füßen geblutet haben. Zudem trägt jeder von ihnen einen tiefen Schnitt in der linken Brustseite.“
„Das sind, wenn ich mich nicht irre, die Wundmale von Jesus Christus. Hände und Füße, die von Nägeln durchschlagen waren, um ihn ans Kreuz zu nageln, und die Speerwunde, mit der die römischen Bewacher hatten feststellen wollen, ob er wirklich tot ist.“
„Das ist richtig, Cindy. Aber gestorben sind sie an Gift. Interessant ist noch, dass alle drei in der gleichen Stunde gestorben sind, wenn sich die ersten Untersuchungen bestätigen. Zudem hielten sich der Leutnant und die beiden Studenten in zwei verschiedenen Gefängnissen auf, was vermuten lässt, dass ihr Tod befohlen wurde.
Moment, ich kriege gerade eine Nachricht rein. Ja, hier ist die offizielle Bestätigung. Die Behörden ermitteln gegen Unbekannt wegen Anstiftung zum Selbstmord. Soweit vom Ort des Geschehens.“
„Wundmale Jesu? Also, diese religiösen Fanatiker sind ja wohl echt drüber weg. Wenn ich da an die Mitglieder dieser Moslem-Gruppe denke, die vor drei Jahren im Gronau-System auf Hoverboards Sturmangriffe auf Militärkonvois gefahren haben, weil man ihnen bei einem glorreichen Tod ein Leben im Luxus im Paradies versprochen hat…“ Irritiert sah Rössing die anderen an. „Ist was, Leute?“
„Nein, schon gut. Dieser Leutnant… Er…“
„Charly!“ Arling winkte ab. Charles Monterney verstand und warf der Reporterin einen kurzen Seitenblick zu.
„Wir kennen ihn“, sagte Arling ernst. „Das ist alles. Und wir haben ihn nicht gerade in liebender Erinnerung.“
„Interessant, Mylord. Wollen Sie dazu vielleicht Stellung nehmen?“
„Nein, Carrie, das werde ich nicht. Und das wird auch keiner meiner Leute tun, denn…“
„Sie weiß es, Han. Verdammt, Elise hat es mitgekriegt.“
„Das ist aber trotzdem kein Grund, gleich damit an die internationale Presse zu gehen. Thema beendet.“
„Einverstanden.“
„Wieso habe ich gerade das Gefühl, dass mir eine wirklich tolle Geschichte durch die Lappen geht?“, murrte die Reporterin.

„Kommodore, wir werden in fünf Minuten an Werft neunzehn anlegen. Sie können dann auf die RHEINLAND überwechseln.“
Arling dankte dem Obermaat mit einem freundlichen Nicken. „Also dann, wir sind fast Zuhause. Macht euch fertig.“
„Vielleicht später?“, fragte Carrie hoffnungsvoll.
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