Für den Kaiser

GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
13.07.2009
31.12.2009
14
433038
7
Alle
75 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 
 
Prolog:
Es herrscht Krieg im Weltall. Im Jahr 2611 überschritten Einheiten der Republik Yura-Maynhaus die Grenze ihres Nachbarn, der Parlamentarischen Monarchie Katalaun und eroberten in einem ersten Schlag acht wichtige Grenzwelten. Dieser Schlag erfolgte ohne Vorwarnung nach einer kurzen Kriegserklärung, und traf Kaiser und Flotte entsprechend überraschend. Zeitgleich ging das Konglomeratreich Jemfeld zum Angriff über und eröffnete auf der gegenüberliegenden Seite des Reichs eine weitere Front. Zwei weitere Reiche, die Diadochen und Zyrrtek. erklärten Katalaun den Krieg, und auch wenn sie nicht selbst angriffen, so wurde das Kaiserreich durch seine umliegenden Nachbarn konsequent und beinahe vollständig abgeschnitten. Der Grund für diesen Krieg liegt im Dunkeln, nicht aber die notwendige Konsequenz für den Kaiser, Robert den Fünften, und seine Offiziere. Ihre Pflicht war es Katalaun und seine Bewohner zu schützen, und dies mit allen Mitteln.
Eines dieser Mittel ist Johann Armin Graf von Arling, Verwandter des Kaisers, Schiffskapitän und ausgewiesener Glückspilz. Schon bald sollte der Name seines Schiffs, des Leichten Kreuzers RHEINLAND, in Yura-Maynhaus das Äquivalent für Ärger und Bloßstellung werden. Doch das sollte erst der Anfang sein.
.
31.03.2613
Riverside-System, Republik Yura-Maynhaus
An Bord des Leichten Kreuzers seiner Majestät RHEINLAND
Siebzig Lichtjahre hinter den Frontlinien.

Johann Arling hatte den amtlichen Titel eines Fregattenkapitäns, der ihn zur Führung eines Leichten Kreuzers der Hamburg-Klasse berechtigte. Er hatte auch noch einen Grafentitel, aber den benutzte er eher selten. An Bord der RHEINLAND, seinem Schiff, war er der unumstrittene Herr und wurde allgemein Kapitän, Skipper oder Sir genannt.
Er galt bei wohlmeinenden Stimmen als Genie, bei Spöttern und Neidern als Glückspilz. Johann fand beides nicht schlecht, solange seine Strähne anhielt.
Nun, zumindest hatten sie es bisher geschafft. Und wenn sein Glück konstant blieb, dann würde es noch eine ganze Zeit so weitergehen.
Johann warf einen langen Blick aus dem Fenster der Kapitänskajüte in die Dunkelheit hinaus. Dabei spiegelte sich seine Gestalt in dem Glas. Er sah einen hochgeschossenen, breitschultrigen Mann mit braunen Haaren, einem herben Gesicht, das er selbst als hässlich bezeichnete, und eine khakifarbene Dienstuniform, auf dessen Schulter die fünf Silbersterne des Fregattenkapitäns prangten, sowie das Namensschild ARLING auf der rechten und die Ordensleiste mit siebzehn Ordens- und Kampagnenkürzeln auf der linken Brust.
Die Schläfen waren schon etwas angegraut, was er für einen fünfunddreißigjährigen Mann mit einer Lebenserwartung von maximal zweihundertfünfzig Jahren – ohne Krieg selbstverständlich – als verfrüht betrachtete. Aber ein Kommando forderte eben seinen Preis. Und wenn dieser Preis graue Haare waren, dann wollte er sie ebenso voller Stolz tragen wie seine Orden.
Er wandte seinen Blick vom Spiegelbild ab und sah hinaus ins eiskalte All. Für fünf Frachter und drei Korvetten der republikanischen Streitkräfte war es zum Grab geworden. Aktuelle Zählungen sprachen von fünfhundertneunzig Toten, einhundertsieben Vermissten und neunhunderteinundsiebzig Gefangenen. Die ROVER, die älteste Korvette der Gruppe, brannte noch immer. Der Versuch das Schiff zu löschen war vergeblich gewesen, deshalb hatte Arling es räumen lassen. Dass er damit beinahe dreißig republikanische Raumfahrer dem Tod preisgegeben hatte lastete auf seiner Seele. Die Löschmannschaften hatten nicht zur Brücke durchkommen können und waren schließlich, nach eigenen Verlusten, von Bord gegangen.
Er machte Oberbootsmann Jarvi, der das Kommando über die Löscharbeiten – nein, Löschversuche – geführt hatte, keine Vorwürfe. Der Mann hatte viel riskiert, zu viel für drei seiner Leute, aber der Kapitän würde ihn dafür nicht tadeln. In bester Tradition der Offiziere Katalauns hatte er seine Pflicht getan, solange er konnte.
Und dann war da noch die REDWOOD, das Flaggschiff des Konvois, eine alte Fregatte der Neverland-Klasse. Ein feines Stück Schiffsbautechnik der Republik und nebenbei eine feine Prise. Die Reparaturarbeiten gingen gut voran, und ein Großteil der Gefangenen würde an Bord dieses Schiffes die Reise ins Kaiserreich zu den Internierungslagern antreten. Blieb nur noch die Frage, wer sie kommandieren würde.

Ein heiseres Räuspern erinnerte ihn wieder an seinen Gast. Genauer gesagt an den Offizier, den er zum Rapport befohlen hatte.
Arling wandte sich um und sah die junge Frau ernst an. „Oberleutnant Rend, stehen Sie bequem.“
Die zierliche Offizierin mit dem kurzen schwarzen Haaren nickte, aber gab ihre Haltung nicht einen Millimeter auf. In seiner Gegenwart – gerade in seiner Gegenwart – gab sie sich besonders korrekt.
Johann Arling ging die zwei Schritte zu seinem Pult und nahm den Bericht auf, der gerade in seinem Logpad verzeichnet war. „Wie ich sehe macht der Antrieb der REDWOOD noch immer Probleme.“
Die Offizierin nahm den Hinweis auf und antwortete: „Sir, sie ist sprungfähig, hat aber nur vierzig Prozent der ursprünglichen Beschleunigung. Wenn Sie den Vergleich erlauben, sie ist eine Bleiente.“
Arling runzelte die Stirn. „Bewaffnung, Panzerung, Schirme?“
„Bewaffnung ist zu sechzig Prozent bereit, die Panzerung ist marode, aber wir haben drei der fünf Schilde wieder hingekriegt. Vor allem Bug- und Seitenschilde.“
Arling nickte bedächtig. Die beiden Heckschilde hatte er selbst mit der RHEINLAND zerschossen.
„Ihr Fazit, Oberleutnant?“
„Sie kann den Weg ins Kaiserreich schaffen, wenn sie etwas Glück hat und keiner Patrouille in die Hände fällt. Die erbeuteten Transpondercodes werden dazu sicherlich ihren Teil beitragen.“
„Gut.“ Arling sah von seinem Pad auf und betrachtete die junge Frau einige Zeit aufmerksam. Sie war schön, definitiv schön. Einige mochten sagen, ihre Nase war zu spitz und ihre Gesichtsform ähnelte mehr einem Pfannkuchen, aber Arlings Augen sagten ihm das Gegenteil. „Wie geht es Major Monterneys Knight-Staffel?“
Der weibliche Oberleutnant versteifte sich. Weder der Major der Vielseitigkeitsangriffsroboter noch seine dreißig Maschinen gehörten zu ihrem Aufgabenbereich, deshalb dauerte es ein paar Sekunden, bevor sie antwortete.
„Gut, Sir. Der Major hat drei Maschinen beim Angriff verloren, der die Marine-Infanterie in die REDWOOD gebracht hat, ein Pilot ist gefallen, die anderen beiden liegen auf der Krankenstation, aber der Major selbst und seine Leute sind einsatzbereit.“
„Das ist gut. Ich teile ihn Ihnen zu, Ma´am. Er soll sich zehn seiner Piloten aussuchen und zusammen mit dem entsprechenden Personal auf die REDWOOD wechseln. Die Katapulte der REDWOOD werden das doch schaffen?“
„Sir, ich verstehe nicht…“
„Schaffen die Katapulte der REDWOOD das?“
„Natürlich, Sir, sie sind intakt, aber warum unterstellen Sie…“
„Sie übernehmen das Kommando über die Prise. Bringen Sie das Schiff nach Hause. Ich werde eine Empfehlung schreiben, das Schiff nach diversen Reparaturen in kaiserlichen Dienst zu stellen. Außerdem stelle ich eine Empfehlung aus, die es Ihnen erlauben wird, entweder Kapitän der REDWOOD oder zumindest Erster Offizier an Bord zu werden.“
Für einen Moment leuchteten ihre Augen entsetzt auf. „Sie schicken mich von Bord, Sir?“
„Ich gebe Ihnen eine Chance, einen gewaltigen Schritt auf der Karriereleiter voran zu kommen, Ma´am. Ist Ihnen das so unwillkommen?“
„Skipper, bei allem Respekt, aber die Eins O Korvettenkapitän Schlüter und der Zwei O Kapitänleutnant Rössing sind beide dienstälter und haben diese Chance eher verdient als ich.“
„Überlegen Sie sich das, Oberleutnant. Major Monterney wird in jedem Fall mit zehn Knight-Mechas an Bord der REDWOOD gehen.“
„Was wollen Sie mir damit sagen, Sir?“, fragte sie mit rauer Stimme.
Arling seufzte tief. Er hatte sich vor dieser Frage gefürchtet und er hatte gehofft, dass sie ihn verschonen würde. Aber Eleonor Rend hatte wie immer den Finger dahin gelegt wo es weh tat. „Ich dachte, ich tue Ihnen damit einen Gefallen, Oberleutnant. Es ist wirklich offensichtlich, was Sie und der Major füreinander empfinden.“
„Wie darf ich das verstehen, Skipper?“, fragte sie mit aschfahler Miene.
„Sie brauchen sich nicht dafür zu schämen. Das ist nur menschlich, und die Zeiten in denen an Bord eines Schiffes Zwischenmenschliches verboten waren sind lange vorbei. Nutzen Sie diese Gelegenheit einfach.“
„Sir, bei allem Respekt, aber ich würde lieber bei Ihnen an Bord bleiben, und ich bin sicher, Major Monterney denkt ebenso. Wir…“
„SIE MÜSSEN GEHEN!“, blaffte Arling laut und mit überschlagender Stimme. „SIE MÜSSEN! SONST WERDE ICH WAHNSINNIG!“
Erschrocken wich sie einen Schritt zurück. „Was?“
Johann Arling fühlte wie ihm die Tränen in die Augen schossen, fühlte wie eine imaginäre Hand seinen Hals zudrückte. Er spürte die Kehle eng werden und den Magen hüpfen. Dies war also der Moment der Wahrheit.
„Ich…“, hauchte er mit einer dünnen Stimme, die er kaum als seine eigene erkannte, „schätze Major Monterney als Freund und Kameraden sehr. Er ist für mich Familie und ich wünsche ihm stets nur alles gute. Und wenn es sein Wunsch ist, mit Ihnen eine Beziehung einzugehen, dann kann ich nicht anders und ihn im Namen dieser Freundschaft zu unterstützen…“ Er brach ab, mit dünner, winselnder, kläglicher Stimme. Oh, er hasste es, wenn er seine Stärke nicht hatte, wenn seine Gedanken verschwammen.
„Aber das ist doch kein Grund, dass ich und…“
„Ich liebe Sie, Ellie“, sagte er, und seine Stimme hörte sich fest und sicher an. „Ich liebe Sie vom ganzen Herzen. Deshalb schicke ich Sie fort. Charles ist mein Freund, ich kann ihm nichts böses wünschen. Aber ich kann es auch nicht ertragen, sie beide zusammen zu sehen. Deshalb schicke ich sie zusammen fort.“
„Skipper, ich…“
„Es ist gut.“
„Aber Sir!“
„SIE HABEN IHRE BEFEHLE!“, blaffte er und fand Sicherheit in den lauten, schroffen Worten.
Sie salutierte blass und fahrig. „Ja, Sir. Habe verstanden, Sir.“ Dann wandte sie sich um und verließ seine Kabine.
Zurück blieb ein Mann, der sich fühlte als hätte man ihm das Herz herausgerissen. „Es ist besser so. Es ist wirklich besser so.“
***
Als Johann Armin Graf von Arling Stunden später die Brücke seines Schiffs betrat, hatte er sich wieder im Griff. Der Zweite Offizier, Gerard Rössing, empfing ihn mit einem schlichten und unmilitärischen Kopfnicken. „Die REDWOOD bittet um Erlaubnis abzulegen. Die Verladearbeiten sind beendet und die Knight-Maschinen sind vertäut.“
„Erlaubnis erteilt.“
Rössing wandte sich der Funkoffizierin zu. „Leutnant Turnau, Erlaubnis für die REDWOOD zum ablegen erteilt. Wünschen Sie dem Schiff gute Fahrt und sichere Heimkehr.“
„Aye, Sir.“
Arling ging auf seinen Platz zu, den Kapitänsstuhl. Arlene Schlüter, Erster Offizier an Bord, sah den Skipper stirnrunzelnd an und räumte seinen Platz. „Keine besonderen Vorkommnisse, Skipper.“
„Danke, Eins O. Weitermachen.“ Mit einer schwungvollen Geste nahm Arling Platz. Nun, in den Sitz flegeln traf es vielleicht besser. Nur weil man im Krieg war, stand nirgends geschrieben, das man es sich nicht bequem machen durfte.
„Sag mal, hältst du diese Entscheidung für klug, Ellie und Lucky Charly zusammen auf ein Schiff zu schicken? Wenn es weiter zwischen den beiden knistert, schwimmen dir noch alle Felle weg, Han.“
Arling sah seine Erste Offizierin ernst an, aber die Miene wich schnell einem bestürzenden Bekenntnis seiner innersten Gedanken, so wehmütig sah er sie an.
„So ist das also“, sagte sie und seufzte.
„So ist das, Lenie“, erwiderte Arling. Er sah auf den Hauptschirm, auf dem zu sehen war, wie sich die Fregatte von der RHEINLAND löste und langsam Fahrt aufnahm. „So ist das.“
„So ist was? Habe ich was nicht mitgekriegt?“, fragte Gerard Rössing verwundert.
Schlüter sah ihn böse an. „Halt die Klappe, dann kannst du auch nichts schlimmer machen.“
Als sie ihren Skipper wieder ansah, lag in ihrem Blick all die Zuneigung und Freundschaft, die sie für den adligen Bastard jemals empfunden hatte, für einem Mann, den sie wegen seiner Herkunft ablehnte, aber für seine Taten verehrte wie einen Helden und für seine ehrliche Freundschaft liebte. Vielleicht war er ja auch einer, ein Held. „Befehle, Skipper?“
„Sobald die Suchaktion nach weiteren Überlebenden beendet ist, verlassen wir die Region. Je länger wir hier bleiben, desto höher ist die Chance, dass uns eine republikanische Patrouille aufspürt. Der Konvoi hatte Begleitschutz, obwohl wir uns siebzig Lichtjahre tief in ihrem Gebiet befinden. Es wäre Unsinn anzunehmen, dass sie sich nicht auch noch zusätzlich abgesichert haben. Und es wäre dumm zu glauben, dass niemand ihren Funk gehört hat. Wir sind hier nicht an der Front, aber selbst in dieser Ecke der Republik gibt es fixe Garnisonen.“
„Aye, Skipper.“
Ihre Rechte berührte sanft seine Schulter. „Wenn du reden willst, großer Bruder, ich bin immer für dich da.“
Mit einem wehmütigen Lächeln berührte Arling die Hand auf seiner Schulter. „Ich danke dir dafür, Lenie.“
„Ich hasse es, wenn ihr zwei das macht. Ich fühle mich dann immer so ausgeschlossen“, schimpfte Gerard Rössing böse.
Müde wischte sich Arling über die Augen. „Ich erzähle es dir, aber erst morgen. Heute sind die Wunden noch zu frisch.“ Als der Skipper danach in die Runde sah, bemerkte er, dass er das Zentrum der Aufmerksamkeit aller dreiundvierzig Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade auf der Brücke war. „Wir haben immer noch Gefechtsalarm“, sagte er mit leisem Tadel in der Stimme.
Nach und nach wandten sich die Besatzungsmitglieder ab und widmeten sich ihrer Arbeit.
„Nachricht von der REDWOOD: Viel Glück, RHEINLAND.“
Arling schnaubte aus, es klang eher verzweifelt als wütend.
„Keine Antwort. Aber halten Sie die Ohren auf“, befahl Schlüter ernst. Und unter ihrem zwingenden Blick gab es keine Wiederworte.
„Aye, Ma´am.“
***

Eleonor Rend war Offizierin, und  das mit Leib und Seele. Im Alter von vierzehn Jahren war sie in die Kadettenschule eingetreten, ein Umstand, der außerhalb der Kriegszeiten nahezu verpönt war. Das Kaiserreich war liberal, weltoffen und tolerant, und deshalb wurden Menschen wie sie, die sich ohne zwingenden Grund dem Militär anbiederten, mit Skepsis, mit Mitleid betrachtet. Aber Eleonor Rend hatte nicht anders gekonnt. Ihr Vater, Stuart Rend, hatte es in seiner eigenen Dienstzeit bis zum Hauptstabsbootsmann gebracht, was immerhin der höchste Unteroffiziersrang der Marine war, aber es hatte halt ein Offizier in der Familie gefehlt. Und Eleonor Rend hatte sich damals im zarten Alter von vierzehn Lenzen dazu verpflichtet gefühlt, eben dieser Offizier zu werden.
An dem Tag, an dem sie als eine von vierzig Friedenskadetten an der kaiserlichen Kadettenschule Glücksburg ihren Dienst angetreten hatte, hatte sie all ihre Wünsche, Hoffnungen und Bedürfnisse diesem einen Ziel untergeordnet.
Ihre Verbissenheit hatte nichts damit zu tun, dass sie eine Frau oder eine Bürgerliche war, nein, er kam einfach aus dem tief in ihrer Seele verankerten Wunsch, einmal die Silbersterne auf der Schulter zu tragen und ihren Vater stolz auf sie zu machen.
Ihre sechsjährige Ausbildung an der Kadettenschule, die sie als ausgebildete Navigatorin, Waffenleitoffizierin und mit einem Doktor in Psychologie mit Magna cum Laude abgeschlossen hatte, war ein Erfolg gewesen. Magna war für ein Studium nicht optimal, aber für jemanden der ausgebildet wurde, ein Kriegsschiff am laufen zu halten, nicht so schlecht. Vor allem wenn man dabei ihr Alter von zwanzig Jahren berücksichtigte.
Danach hatte sie durch ihre hervorragenden Zeugnisse einen der seltenen Plätze in der kaiserlichen Friedensmarine ergattert und war auf die STONEWALL versetzt worden, einem Zerstörer der Grenzüberwachungsstreitkräfte. Auch hier war ihr der Auftritt das wichtigste gewesen. Sie hatte funktionieren wollen, und all das unterdrückt, was an Eleonor Rend nicht dazu gedacht war, ein Offizier des Kaisers zu sein.
Dann war der Krieg ausgebrochen, als sie gerade einmal vier Jahre gedient und vom Oberfähnrich zum Leutnant befördert worden war, und die Offiziere mit Einsatzerfahrung waren aufgeteilt worden. Die Magazine der Stützpunktwelten waren geöffnet worden, und die Friedensmarine hatte auf einen Schlag siebzig Prozent mehr Schiffe erhalten. Die Kriegsmarine hatte bemannt werden müssen. Eleonor Rend hatte dort ihre Chance schneller aufzusteigen gesehen und um ihre Versetzung gebeten, wenngleich es bedeutete, von einer eingespielten Crew – leicht dezimiert, weil einige der Offiziere eigene Kommandos in der Kriegsflotte antraten – zu einer grünen Crew zu wechseln, die sich ihren Ruf erst noch verdienen musste. Das „grüne“ Schiff war die RHEINLAND gewesen, ein Leichter Kreuzer, auf dem sie als Waffenoffizier angetreten war. Aber bereits die ersten Kämpfe hatten ihr gezeigt, dass „grün“ und RHEINLAND zwei Dinge waren, die nicht zusammenpassten. Kapitän Arling hatte eine bemerkenswerte Truppe zusammengezogen, die ihre Schlagkraft, ihre Gewitztheit und ihren Esprit für den Schutz des Kaiserreichs mehr als einmal bewiesen hatte.
Auch auf diesem Schiff hatte sie einfach nur funktionieren wollen, einfach nur Offizier sein wollen, einfach nur… Einfach nur…

„Ellie, geht es dir gut?“, fragte Charles Monterney besorgt. Der Chef der Kampfroboter war irritiert über seinen abrupten Rauswurf aus der RHEINLAND, auf der er sich vom Oberleutnant bis zum Major hochgedient und in über drei Dutzend erfolgreichen Schlachten ausgezeichnet hatte, und er konnte wirklich nicht sagen, was in seinem Freund, Anführer und großen Bruder vor sich ging, der ihn fortschickte. Aber das stellte er zurück für die junge Frau, die trotz des niedrigeren Ranges im Moment seine Vorgesetzte war.
Er mochte diese Frau, er mochte sie wirklich. Er war es gewesen, der in den letzten unendlich langen zwei Dienstjahren Zeit und Spaß investiert hatte, um sie daran zu erinnern, dass sie immer noch ein Mensch war. Und er hatte diese Zeit mit ihr genossen. Allerdings hatte er wie alle Männer ein Problem damit, Offensichtliches zu sehen, und ebenso Probleme, den Mund zu halten, wenn es angebracht war.
„Er schickt mich weg“, brachte sie mit krächzender Stimme hervor. „Er schickt mich weg, einfach so.“
Der Bodentruppenoffizier legte vertraulich eine Hand auf ihren Unterarm, eine Geste, die sie vor zwei Jahren noch mit einem vernichtenden Blick, wenn nicht mit einer Herausforderung zum Duell geahndet hätte. „Du bist eine gute Offizierin, und du verdienst diese Chance. Außerdem war er schlau genug, mich mit zu schicken. Den will ich sehen, der es mit unserer Combo aufnehmen kann, Ellie.“ Zu diesen Worten grinste er jungenhaft.
„Du verstehst nicht! Er schickt uns nicht zusammen fort weil wir eine gute Combo sind.“ Betreten sah sie zu Boden. Sie fühlte sich ertappt, schwach und wie ein geprügelter Hund. „Er schickt uns fort, damit wir zusammen sind.“
Es gab im Krieg nicht viele Gelegenheiten für einen Mann, sich wie einer zu fühlen und für eine Frau eben eine Frau zu sein, aber sie waren vorhanden. Eleonor Rend hingegen hatte sich die letzten Jahre lediglich dazu erweichen lassen, zumindest ab und an Kamerad zu sein. Zu entdecken, dass immer noch eine Frau in ihr steckte, war für die sechsundzwanzig Jahre alte Frau eine echte Überraschung. Normalerweise wären ihr die damit verbundenen Emotionen schlicht lästig gewesen, sie hätte all dies abgetan und wäre wieder zum Dienst übergegangen. Aber diesmal waren sie so stark, dass sie drohten, ihren Verstand fortzuspülen. Sie spürte das dringende Bedürfnis entweder etwas zu zerstören oder fest an sich zu drücken. Niemals in ihrer ganzen Zeit in der kaiserlichen Marine hatte sie sich so zerrissen, so aufgelöst gefühlt. Sie hatte schon Menschen sterben sehen, und als Erster Feuerleitoffizier hatte sie Menschen wie Aliens getötet, und das mit dem Druck auf ein paar Knöpfe. Sie war tough… Das hatte sie zumindest bis zu diesem Moment gedacht. Ihr Kopf gellte, ihr Herz klopfte bis zum Hals und sie fragte sich, sie fragte sich wirklich, ob dies Liebe war. Sie sah den Piloten vorsichtig an. Hatte der Skipper Recht? Liebte sie wirklich den Mann, der ihr bester, ihr allerbester Freund war?
„Hey, hey“, sagte Charly bestürzt. „Wer hat ihm denn den Floh ins Ohr gesetzt?“
„Also stimmt es nicht?“ Sie sah ihn an aus ihren großen, braunen Augen, und unwillkürlich musste der Major schlucken. Es war ja nicht so als hätte er noch nicht drüber nachgedacht.
„Das habe ich nicht gesagt“, erwiderte Lucky Charly schroff. Er wusste, diese Situation war nun gefährlicher als ein Kampfeinsatz in seinem Knight gegen ein halbes Dutzend Rüster der Republik und dramatischer als der Flug durch ein Asteroidenfeld. Ein falscher Satz, ein schlecht klingendes Wort konnte all das zerstören, was sie die letzten beiden Jahre gehabt hatten.
Die großen braunen Rehaugen der Offizierin irritierten ihn. So hatte er sie nicht mehr gesehen seit er sie an Bord begrüßt hatte, damals, einen Monat nach Kriegsausbruch. Damals war sie ihm als Frau interessant erschienen, aber diese Gedanken hatte sie mit ihrer spröden, unterkühlten Haltung schnell zunichte gemacht. Nun aber fühlte er die alten Emotionen von damals wieder hochschießen und sah sich zu einer Entscheidung genötigt.
„Er hat gesagt, das er mich liebt. Und das er es nicht sehen kann, wenn wir zwei vor seinen Augen…“ Sie schluckte hart, aber ausnahmsweise hatte auch Lucky Charly verstanden, was sie hatte sagen wollen.
„Das ist so typisch für ihn. Immer fair, immer ritterlich. Verdammt sollst du sein, Johann Arling.“
Wieder wechselten die beiden einen langen Blick. „Und was tun wir jetzt?“
Der Major dachte einen Moment nach. „Was willst du denn tun, Ellie?“
„ORTUNG!“, gellte ein Ruf durch die Brücke der REDWOOD und zerstörte die angespannte und erwartungsschwangere Stimmung. „Drei Fregatten, Norfolk-Klasse, springen ins System! Kurs steht auf RHEINLAND! Kennungen unbekannt, klassifiziere sie als Norfolk zweihundertacht bis zweihundertzehn!“
„Norfolks!“ Eleonor Rend sprang auf. „Republikanische Einheiten!“
„Mit Kurs auf die RHEINLAND“, stellte Major Monterney fest. „Wie weit sind sie noch entfernt?“
„Sie sind eine Stunde von der RHEINLAND entfernt. Es sieht nach einem Zielpunktsprung aus, Sir.“
„Vielleicht war der Konvoi eine Falle, vielleicht sind die Republikaner für diesen Fall einfach vorbereitet. Aber Tatsache ist, sie werden die RHEINLAND zum Kampf stellen. Drei Fregatten gegen einen Leichten Kreuzer, der zudem Gefechtsschäden hat.“ Lucky Charly sah die junge Frau ernst an. „Was tun Sie jetzt, Skipper?“
Ihre Züge entgleisten für einen Moment, ihre Rehaugen musterten den Piloten erwartungsvoll, erschrocken und panisch. Dann aber fing sie sich wieder. „Wir führen unsere Befehle aus!“
Gegen diese Entscheidung gab es keinen Widerspruch, das war jedem an Bord klar. Hier an Bord war sie der Kapitän, war sie das Gesetz.
***
Aus halb geschlossenen Augenlidern betrachtete Johann Arling den Hauptmonitor, auf dem die Positionen der drei Angreifer permanent verzeichnet wurden. Zur Flucht war es zu spät, die schnell hereinkommenden Fregatten hätten die RHEINLAND aufgrund ihrer höheren Geschwindigkeit eingeholt bevor sie hätte springen können. Also hatte sich Arling dazu entschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Der Kreuzer flog Kampfgeschwindigkeit, das war ein Tempo, das man in der Flotte oft als Kriechgang bezeichnete. Sie lag weit unter dem Tempo, welches die heutigen Raumschiffe für Marschfahrt oder schnelle Fahrt benutzten, aber es erlaubte den Schiffen schnelle Wendemanöver.
Wenn Geschwindigkeiten zu hoch waren bedeutete dies im Raumkampf immer, dass die Gegner einander passierten und lediglich einen Schusswechsel austauschen konnten. Danach mussten sie ihre eigene Fahrt aufheben, beidrehen und erneut Fahrt aufnehmen. Nun, dies war auch bei der Kampfgeschwindigkeit der Fall, aber sie lag so gering, dass die Schiffe schneller wenden konnten. Und Johann Arling war unbestreitbar ein Meister darin, seinen Leichten Kreuzer wie einen Knight durch die gegnerischen Reihen zu lenken.
„Anruf vom Flaggschiff, der CALAINCOURT. Text: Ergeben Sie sich, RHEINLAND.“
Schlüter lachte rau auf. „Antworten Sie, dass sie uns mal am Arsch lecken können!“, blaffte sie.
„Arlene!“, tadelte Johann Arling, und die Erste Offizierin sah mit hochrotem Kopf einen Moment zu Boden. „Antworten Sie: Ergeben SIE sich, CALAINCOURT.“
Amüsierte Räusper wurden auf der Brücke laut. „Aye, Skipper.“
„Ich denke, das ist die richtige Antwort.“ Der Zweite Offizier winkte von seinem Platz beim Rudergänger herüber, fahrig und ein wenig wütend. „Was bildet sich die CALAINCOURT ein? Dass ausgerechnet die RHEINLAND vor drei zweitklassigen Fregatten kapituliert?“
Zustimmendes Gemurmel erklang.
„Disziplin“, sagte Johann knapp. Sofort verstummten die leisen Stimmen seiner Crew. „Nehmen die drei Fregatten die Herausforderung an?“
„Aye, Skipper, sie reduzieren auf Gefechtsgeschwindigkeit. Wenn Kurs und Beschleunigung so bleiben wird die CALAINCOURT uns für einen schnellen Schlag passieren. Die RICHMOND und die CALAIS werden uns Bug an Bug angehen.“
„Na, die Suppe werden wir ihnen tüchtig versalzen. Eins O, ich will Klar Schiff zum Gefecht fünf Minuten bevor die CALAINCOURT in Gefechtsreichweite ist.“
„Aye, Aye, Skipper.“
„Jetzt könnten wir die zehn Knights und Major Monterney gut gebrauchen“, murmelte jemand.
Arling überging diese Bemerkung und verzichtete darauf, den Sprecher zu tadeln. Er hatte ja Recht.
Als über das Lautsprechersystem die Bootsmannspfeifen erklangen und das Signal Klar Schiff zum Gefecht bliesen, explodierte die Zentrale in Geschäftigkeit. Die Koordinatoren der Knights und Bodentruppen öffneten bis zu fünf Hologramme und gaben Dutzende Anweisungen, während sie mit geschickten Bewegungen die Holos selbst manipulierten.
Hastige Rufe erfüllten die Zentrale und eine Flut von Rückmeldungen traf ein.
„Maschinenraum gesichert!“ „Leckmannschaften bereit!“ „Backbordbatterien bereit!“ „Steuerbordbatterien bereit!“ „Bugbatterien bereit!“ „Knight-Staffel bereit!“ „Marine-Infanterie bereit!“
Arlene Schlüter sah zu Arling herüber. „Skipper, Schiff ist klar zum Gefecht!“
„Danke, Eins O. Bitte übermitteln Sie den Offizieren und Mannschaften ein Lob. Das Schiff war in zwei Minuten und elf Sekunden gefechtsklar.“
„Ja, weil sie alle schon fertig an ihren Stationen gelauert haben“, entfuhr es jemandem, und andere lachten dazu. Hätte die Situation sie überraschend getroffen, wären es acht oder neun Minuten gewesen, aber selbst das war weit schneller als es auf den meisten anderen Schiffen der kaiserlichen Flotte war.
„Disziplin!“, sagte Arling scharf. „Wir müssen hier drei Fregatten versenken!“
Wieder schmunzelten die Mitglieder der Brückencrew, als der Skipper ihren Sieg als selbstverständlich hinstellte. „Aye, Sir!“
„CALAINCOURT feuert.“
„Das ist ein Schuss auf Maximalreichweite.“ Arling winkte ab. „Ignorieren. Bereit machen für den Passierangriff der CALAINCOURT! Knights ausschleusen!“
„Aye, Skipper!“
„Sind Rüster im Geschehen?“, hakte Schlüter nach.
Die Rüster waren der von der Republik bevorzugte Typ des Kampfroboters, aber längst nicht so stark wie ein Knight.
„Noch kein Anzeichen für Rüster oder Vorbereitungen für einen Katapultstart“, meldete Leutnant Raglund von der Ortung.
„Manche Garnisonen im Hinterland haben keine Rüster. Vielleicht haben wir Glück“, merkte Arlene Schlüter hoffnungsvoll an.
„Glück? Wäre ja bei Johann Arling eine komplett neue Erfahrung“, erwiderte Rössing gedämpft. Wieder wurde leise gelacht.
„Disziplin, Herrschaften. Es gilt eine Schlacht zu schlagen“, murmelte Arling. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, seine Stirn legte sich in Falten und zeigte alle Anzeichen von Konzentration.
Die Stimmungin der Zentrale war gut. Der Kapitän war die Ruhe selbst, und das motivierte die Crew. Er war Johann Arling. Dieser Name war beinahe ein Versprechen für einen Sieg in diesem Gefecht.
***
Siebzehn der gewaltigen Kampfmaschinen vom Typ Knight traten in diesem Moment auf die Katapulte und wurden paarweise ins Weltall hinaus geschossen. Die schwer bewaffneten und hoch agilen Kampfroboter waren eine schreckliche Waffe. Natürlich verfügte auch die Republik mit den Rüstern über eigene Kampfroboter, aber die Kämpfe in Yura-Maynhaus mit der republikanischen Navy hatten bewiesen, was Qualität bedeutete. Die RHEINLAND und ihr Crew WAR Qualität.
Jaime Madison war Hauptmann und nun in der undankbaren Aufgabe den vakanten Platz als Anführer der Knights auszufüllen. Unter Lucky Charlys Führung hatte er sich so wohl und sicher gefühlt wie man es in einem Gefecht und an Bord eines Kriegsschiffs sein konnte. Nun fühlte er vor allem Angst, Angst davor seine Leute sinnlos zu verheizen. Er traute sich nicht wirklich zu, den Mann zu ersetzen den alle nur Lucky Charly nannten. Aber er wusste, er würde sein Bestes geben um zu verhindern, das seine Kameraden starben.
„Offene Formation, geht Paarweise rein! Der Gegner schleust Rüster-Kampfroboter aus, also konzentriert euer Feuer!“
„Roger!“
Die Rüster-Maschinen der Republik waren schwerer als die Knights und stärker bewaffnet, aber dies ging auf Kosten der Agilität. Agilität, die wiederum die Knights hatten und einsetzten. Dann, Sekunden bevor die Schiffe das Feuer aufeinander vollends aufnahmen, brach der Kampf zwischen den sich schnell bewegenden Mechas aus.

„Bugbatterien, volle Salve auf CALAINCOURT. Feuer!“
„Aye, Skipper! Volle Salve, Bugbatterie auf CALAINCOURT! FEUER!“, rief Schlüter.
Das Schiff erzitterte leicht, als die Partikelprojektoren ihre tödliche Energie auf die gegnerische Fregatte abfeuerten. Kurz darauf starteten die Schiff-Schiff-Raketen, Sekunden bevor die nächste Salve der CALAINCOURT, der RICHMOND und der CALAIS auf die Schilde des Leichten Kreuzers seiner Majestät einschlugen.
„Volles Seitenruder Backbord, Mr. Lüding!“, rief Arling plötzlich und überging damit die Befehlskette für einen Moment.
Leutnant Lüding, der Steuermann, ließ sich davon nicht irritieren und reagierte so fix wie man es von einem Veteranen der RHEINLAND erwartete. „Aye, Backbord volles Seitenruder!“
Das Schiff begann zu gieren, brach aus dem Kurs aus und stellte den Antrieb ab. Binnen weniger Sekunden wandte der Kreuzer den angreifenden Einheiten die Steuerbordseite zu.
„Steuerbord, volle Salve auf CALAINCOURT!“
„Aye, Steuerbord volle Salve auf CALAINCOURT!“, wiederholte Schlüter. Wieder erbebte das Schiff, als es die Hauptbewaffnung zum tragen brachte und auf die schwächere Fregatte einhämmerte.
Natürlich bot der Kreuzer nun eine größere Angriffsfläche, aber das nützte der Zielfregatte herzlich wenig, die nun brutal zusammen gestaucht wurde.
„Rotation um Z-Achse! Backbordbatterie Feuer frei nach eigenem Ermessen!“
„Aye, Rotation um Z-Achse! Backbordbatterie freies Feuer!“
Nun drehte sich der mächtige Schiffsrumpf, schob die Steuerbordseite und die bereits lädierten Schilde auf die andere Seite und brachte die Backbordseite hervor. Die einzelnen Laser-, Tachyonen- und Partikelgeschütze vollendeten das Werk der Zerstörung, welches die Steuerbordbatterien an der CALAINCOURT angerichtet hatten.
„CALAINCOURT verliert Schilde! Treffer auf der Schiffshülle! Wirkungstreffer!“
„Die Bugbatterie ist in Feuerreichweite für die RICHMOND! Feuer frei nach eigenem Ermessen!“, befahl der Skipper.
„Aye, Bugbatterien Feuer frei nach eigenem Ermessen auf die RICHMOND!“
Die RICHMOND und die CALAIS schoben sich langsam mit Gefechtsgeschwindigkeit an die quer liegende RHEINLAND heran, während die CALAINCOURT das Schiff gerade passierte, brennend und kaum das Feuer erwidernd. Die RICHMOND konnte von den Bugbatterien beschossen werden. Im Ausgleich dafür hatte die CALAIS die Chance, ein paar anständige Hiebe in den Antrieb des Kreuzers zu jagen.
„Steuerbordbatterien Feuer frei auf CALAINCOURT!“
„Aye, Steuerbordbatterien Feuer frei auf CALAINCOURT!“ Schlüter lächelte dünn. „Jeden Ärger, den uns deine Schwestern bereiten, kriegst du nun mit Zinsen zurück, Mädchen.“
Die gegnerische Fregatte hatte den Kreuzer nun passiert und war damit in Position für die inzwischen nachgeladenen Geschütze der Steuerbordbatterien, die sofort wieder das Feuer aufnahmen.
Aber heftige Rucke, die durch das Schiff gingen bewiesen, dass die anderen beiden Fregatten nicht nur über ihre volle Bewaffnung verfügten, sondern sie auch einsetzten.
„Treffer im Maschinenraum! CALAINCOURT ergibt sich!“, gellte der Ruf vom Funk auf. Für ein paar Sekunden herrschte Jubel auf der Brücke, aber auch ohne den Tadel ihres Kapitäns arbeiteten die Offiziere und Mannschaften anschließend konzentriert weiter.
„Volles Seitenruder Backbord, Mr Lüding! Steuerbordbatterie Feuer frei auf CALAIS, Backbordbatterie Feuer frei auf RICHMOND!“
„Aye, volles Seitenruder Backbord!“
„Aye, Steuerbordbatterie Feuer frei auf CALAIS, Backbordbatterie Feuer frei auf RICHMOND!“
Die beiden gegnerischen Fregatten schoben sich langsam an der RHEINLAND vorbei. Der Kreuzer bot ihnen nun beide Flanken und damit die Breitseiten der Hauptbatterien. Zwar schluckte das Schiff selbst die Treffer der gegnerischen Breitseiten, aber es stand nun nur noch zwei gegen einen. Und wenn das Glück ihnen weiter hold war, würde das Kaiserreich an diesem Tag vier statt einer Fregatte aus der Aufstellung der Republikanischen Marine streichen.
„Enterkommando an Bord der CALAINCOURT. Ich will das Schiff in zwanzig Minuten gesichert sehen!“
„Aye, Sir! Hundert Mann Enterkommando sind auf dem Weg! Sechs Knights geben Geleitschutz!“
„Wirkungstreffer an Backbord, Sir. Antrieb verliert Leistung. Batterien drei und neun ausgefallen.“
„Reparaturteams und Leckmannschaften.“
„Aye, Skipper.“
„Backbordschild bricht zusammen!“, gellte ein erschrockener Ruf auf.
„Gieren um Z-Achse!“, rief Arling, aber da erfolgten bereits die ersten harten Einschläge an Bord.
„RICHMOND feuert Raketen!“
„Abfangen! Um jeden Preis abfangen! Und baut den verdammten Schirm wieder auf!“
Die Abwehrstellungen spuckten ihr Laserfeuer stakkatoartig auf die republikanischen Schiffsraketen, brachen ihre Schilde auf und zerschlugen sie, was eine vorzeitige Detonation auslöste. Leider überdeckten diese Detonationen einen Nachzügler, der noch nicht erfasst worden war.

Ein Knight war um einiges agiler als ein Rüster. Das wurde Jaime Madison wieder einmal grimmig bewusst, als er den Sensorkopf seines Gegners mit einem einzigen Hieb seiner Kampfaxt abtrennte und danach in seinen Rücken gelangte, wo ein weiterer, einzelner Hieb genügte, um den Rückenpack mit der Energieversorgung einzuschlagen und zu vernichten. Das machte den Gegner hilflos wie ein Neugeborenes.
„Oberleutnant Schrader, Bericht!“
„Eskorte zur CALAINCOURT verlief problemlos. Die Mechas der CALAINCOURT haben nicht eingegriffen und verhalten sich passiv. Einschleusevorgang verlief problemlos. Hauptmann Ganter bittet um die Entsendung von Feuerlöschtrupps. Ich habe die Nachricht schon zur RHEINLAND weiter gemeldet.“
Jaime feuerte die Raketen seines Knights ab und hielt damit einen gegnerischen Rüster auf Distanz. „So? Gute Nachrichten. Wir…“
„Die RHEINLAND wurde getroffen! Raketentreffer auf Backbord!“
Ein Raketentreffer war übel. Diese Dinger waren dafür gemacht, andere Schiffe zu vernichten. Ein Umstand, der im Moment das Schlimmste verhieß, denn er bedeutete, dass seine Knights womöglich keinen Platz zum landen haben würden, falls die RHEINLAND versenkt wurde. Und das bedeutete den Tod, oder noch schlimmer, Gefangenschaft in der Republik. „JAIME! VORSICHT! HINTER DIR!“
Hauptmann Madison wirbelte den Knight herum, stieg auf die Pedale für die Düsen und riss die Arme hoch, um auszuweichen und abzufangen, was immer da auf ihn zuraste.
Doch was immer für ihn gedacht war, wurde weit vor ihm abgefangen. Die Blenden fuhren hoch, als grelles Licht aufbrandete. Als es erlosch, sah Jaime einen anderen Knight vor sich, einen vom Kampf gezeichneten Knight mit einer einmaligen Lackierung. Er hatte ihn beschützt. „Charly?“, hauchte er ergriffen.

Die Erschütterung glich einem starken Beben, als die Rakete das Schiff auf Backbord traf. Das Licht flackerte, eine Konsole explodierte, und ein Deckenträger löste sich mit einem protestierenden Knirschen.
Unter dem Träger saß Arling, angeschnallt in seinem Sessel. Im Affekt riss er die Arme hoch um sich zu schützen, aber fünfhundert Kilo Stahl, zusammen mit dem Massezuwachs durch die fünf Meter Sturz waren von menschlichem Fleisch und ordinären Kalziumknochen nicht zu bremsen. Dann ging alles furchtbar schnell.
„SKIPPER!“
Die RICHMOND hatte ihre Chance erkannt. Sie drückte die Nase nach unten und versuchte, die Backbordseite, die noch immer keinen Schirm aufgebaut hatte, wieder unter Feuer nehmen zu können. Die Geschützmannschaften der Steuerbordseite gaben ihr Bestes, aber es schien so, als hätte das Glück das Schiff verlassen.
***
Als Johann Armin Graf von Arling erwachte, stellte er verwundert fest, dass er Schmerzen hatte. Schmerzen bedeuteten, das er noch lebte. Und wenn er noch lebte, konnte das nur bedeuten, das die RHEINLAND noch existierte. Das war der Idealfall.
„Er ist jetzt wach. Sie beide haben zwanzig Minuten, nicht eine Sekunde mehr“, klang die ermahnende Oberschullehrerstimme von Stabsarzt Roger Wilcox auf.
„Zwanzig Minuten, verstanden“, antworte ihm eine weibliche Stimme.
„Verstanden“, fügte eine raue Männerstimme hinzu.
Johann Arling spürte, das jemand seine rechte Hand hielt. Mühsam öffnete er seine Augen und stellte entsetzt fest, das nur das rechte reagierte.
Ein hektisches Piepsen rief wieder den Stabsarzt auf den Plan. „Ruhig Blut, Junge. Es ist noch alles an dir dran. Dein linkes Auge ist lediglich zugeschwollen. Kein Grund, gleich einen hundertdreißiger Puls zu kriegen. Und sie zwei regen ihn besser auch nicht auf.“
„Ja, Sir.“
Sein Blick war verschwommen, und sein Gehör nahm erst nach und nach die Hintergrundgeräusche der Krankenstation wahr, aber das erste was er sah, war das schöne Gesicht von Eleonor Rend.
„Du hast Glück im Übermaß“, tadelte eine raue Männerstimme. Ein bandagierter Arm tauchte in seinem Blickfeld auf und kurz darauf erschien der dazu gehörende Kopf in seinem Blickfeld. All das gehörte zu Major Charles Monterney, und er grinste von einem Ohr bis zum anderen. „Hast Glück, das dein dämlicher Stuhl so stabil gebaut ist. Er hat den Stahlträger weit genug abgefangen um zu verhindern das er dich längs spaltet. So hat er dir nur die linke Schulter zertrümmert. Das ist aber nichts, was der Doc nicht in ein paar Wochen hinkriegt. Ich habe gehört, er macht in seiner Freizeit gerne Puzzles.“
„L-lass die faulen Witze“, krächzte Arling. Diese Stimme, war das wirklich er selbst? Er hustete. Seine Kehle war furchtbar trocken.
„Hier, Skipper, trinken Sie das.“ Mit den besorgtesten Augen, die er je bei Eleonor Rend gesehen hatte, setzte sie eine Schnabeltasche an seine Lippen. „Schön langsam.“
Arling nahm vorsichtig ein paar Schlucke und musste wieder husten. Aber er spürte, dass das Wasser ihm gut tat. „Danke, Oberleutnant. Wo ist Lenie?“
„Sie und Gerry sind damit beschäftigt, die Brände auf der CALAINCOURT und der RICHMOND zu löschen. Sie wollen beide als Prise mitnehmen. Außerdem haben sie der CALAIS freies Geleit gegeben, wenn sie unsere Gefangenen übernimmt. Es wurden doch mittlerweile etwas viele und die CALAIS erreicht eher einen Hafen als wir. Sie wartet zwischen der RHEINLAND und der REDWOOD auf die Erlaubnis zum Abflug.“
„H-heißt das, wir haben gewonnen?“
„Blitzmerker“, brummte Charly amüsiert. „Natürlich haben wir gewonnen. Ellie konnte die REDWOOD genau in dem Moment zwischen die RHEINLAND und die RICHMOND schieben, als sie auf die ungeschützte Backbordflanke feuern wollte. Wir haben erst alles geschluckt, was sie zu bieten hatte. Danach haben wir zurückgefeuert. Du hattest sie schon gut erwischt und wir haben ihr den Rest gegeben. Und als die RICHMOND die Segel gestrichen hatte und ich mit Jaime die Oberhoheit erkämpft hatte, bat die CALAIS um Waffenstillstand.“
Ermattet ließ sich Arling in die Kissen zurücksinken. „Ich…“
„Das Wort, das du suchst ist danke“, half Lucky Charly mit einem grinsen aus. „Hier, schau, ich habe ne Verbrennung davon getragen, nur um deinen Arsch zu retten, mein Freund.“
Der freundliche Tadel und der Hinweis auf die Verbrennung schien einen Schalter in seinem Kopf zu bewegen. Der Skipper der RHEINLAND richtete sich halb im Bett auf.
Besorgt wollte Eleonor Rend ihn wieder zurückdrücken, aber der schwer verletzte Mann brachte eine überraschende Kraft auf. „Oberleutnant Rend, Major Monterney, sie haben gegen ihre Befehle verstoßen.“
Dieser Tadel ließ Lucky Charly grinsen. Auffordernd hielt er Oberleutnant Rend die Rechte hin. Mit mürrischer Miene zog sie einen Schein im Wert von zehn Mark hervor und legte sie ihm in die Hand. „Danke. Es ist immer wieder schön mit dir zu wetten, Ellie.“ Mit einem Seufzer aus Schmerz und Mühe erhob sich Lucky Charly vom Bett und grinste schief. „So, ich gehe dann mal meine Abteilung unsicher machen. Ihr zwei kommt doch sicher ohne mich klar, oder?“ Er zwinkerte, was dazu führte, dass Oberleutnant Rend unvorschriftsmäßig errötete.
Als sich die Tür hinter Monterney geschlossen hatte, straffte sich die junge Frau und sagte: „Fregattenkapitän Arling, ich lasse mir Pflichtverletzung nicht vorwerfen. Ich habe meine Befehle befolgt.“
„Der Befehl lautete, die REDWOOD aus dem System und ins Kaiserreich zu schaffen. Sie können von Glück sagen, wenn ich auf eine Anklage verzichte, Oberleutnant Rend.“
Ein kurzes Lächeln huschte über ihre Züge. „Vierzehnter Mai Zweitausendsechshundertelf, Gesamtbefehl an die Marine, ausgegeben von Admiral der Marine Miranda Herzog von Hohenfels, fünf Tage nach Kriegsbeginn: Alle Schiffe und alle Truppen haben hiermit Befehl, jeder kaiserlichen Einheit im Gefecht Hilfe zu leisten, ungeachtet der Gefahren und anderslautender Befehle. Wir stehen zusammen oder fallen getrennt!“
„Oh. Tagesbefehl elf. Den hatte ich vergessen.“ Müde ließ sich Arling wieder in die Kissen sinken. „Aber du hättest trotzdem springen können. Niemand hätte dir einen Vorwurf machen können. Du hättest…“
Überraschend schnellte Eleonor Rend vor und drückte dem vollkommen überrumpelten Kapitän einen Kuss auf den Mund. „Ich kann dich doch nicht im Stich lassen, Johann.“
„Hä?“ Arling wusste, dass er manchmal etwas ratlos war, dass er manchmal nicht sofort verstand was andere Menschen von ihm wollten. Und Frauen waren ein herausragender Teil dieser Gruppe. Auch im Moment kapierte er gar nichts und verstand vor allem den Kuss nicht.
„Ich habe etwas gebraucht, um es zu verstehen“, hauchte sie und sah mit geröteten Wangen von ihm fort. „Charly hat mir übrigens dabei geholfen, damit ich mir über einiges klar werde. Ich weiß nicht ob das Liebe ist was ich empfinde, aber mir wäre das Herz zersprungen, wenn ich dich hier zurückgelassen hätte. Ich rede jetzt nicht vom Gefecht, sondern davon, dich nicht mehr sehen zu können, Johann. Nie mehr deine Stimme zu hören, dein Lachen, deinen Atem, nie mehr deinen mürrischen, deinen amüsierten Blick zu sehen, mein Leben wäre leer gewesen. Wenn das Liebe ist, dann liebe ich dich, Johann Arling.“
„Hä?“
„Das bedeutet, dass ich nichts mit Charly habe“, erklärte sie säuerlich, „und auch nie haben werde. Du bist der einzige Mann in meinem Leben, von meinen beiden Brüdern und meinem Vater einmal abgesehen. Das heißt, wenn du mich überhaupt willst.“
„Ich bin tot und im Himmel“, entfuhr es Johann Arling.
Er schlang den unverletzten Arm um die Offizierin und drückte sie an sich. Nein, das fühlte sich warm an, fühlte sich echt an, nicht wie ein viel zu schöner Traum. Und es war herrlich weich.
Mit einem kurzen Schreckenslaut landete Eleonor Rend auf der Brust des Mannes. Irritiert sah sie ihn an, aber er hatte das rechte Auge geschlossen und atmete im ruhigen Rhythmus eines Schlafenden. Und alles in allem war es ja nicht schlecht hier.
„Ihre Zeit ist um, Oberleutnant“, klang die Stimme von Stabsarzt Wilcox auf. Der Mediziner trat an das Bett seines Kapitäns, runzelte die Stirn und murmelte: „Na gut, da es sich um einen Notfall handelt, dürfen Sie eine halbe Stunde länger bleiben.“
Er wandte sich um und winkte mit der Rechten. „Aber danach ist Schluss, und dabei ist es mir egal, dass Sie die Freundin vom Skipper sind.“
„Freundin?“, echote sie erschrocken. Aber das Wort klang erstaunlich gut in ihren Ohren. Sie fragte sich, ob es dieses wunderbare Gefühl war, das sie gerade durchflutete, was eine Frau ausmachte. Obwohl Lucky Charly ja behauptet hatte, es würde lediglich einen Menschen ausmachen.


2.
08.04.2613
Kaiserreich Katalaun
Montillon-System, vierter Planet Sanssouci
Planetare Hauptstadt Neu-Berlin
Flottenhauptquartier

Das Gespann, welches im Vorzimmer von Admiral der Marine Miranda von Hohenfels wartete, sah man nicht alle Tage. Vor allem nicht zusammen. Seit der kleine Verband der RHEINLAND in den Orbit um die Arsenalwelt Springe eingetreten war, hatte die Nachricht ihrer Ankunft die Medienlandschaft beherrscht. Und die drei Männer und die zwei Frauen waren über Nacht äußerst populär geworden. Die Öffentlichkeit mochte Siege. Und sie mochte spektakuläre Berichte. Der Bericht der vier Kapitäne der RHEINLAND, der REDWOOD, der RICHMOND und der CALAINCOURT war spektakulär, um nicht zu sagen grandios.
Nun, das war etwas, was den einzigen Nicht-Kapitän in dieser Runde wenig bewegte. Major Charles Monterney war Offizier der Marine-Infanterie und Knight-Pilot. Deshalb verstand er auch nicht so recht, warum Fregattenkapitän Arling ihn auf ausdrücklichen Befehl ebenfalls mitbringen sollte. Aber er machte sich innerlich auf eine ordentliche Schelte von Magic Miranda gefasst, wie sie hinter vorgehaltener Hand oft genannt wurde.
Für die Medien mochten sie Helden sein, aber vor den unbarmherzigen Augen ihrer Oberbefehlshaberin sah alles immer ein wenig anders aus.
„Setz dich endlich hin, Gerry! Du treibst mich in den Wahnsinn!“, zischte Arlene Schlüter wütend, während der Kapitänleutnant und derzeitiger Skipper der CALAINCOURT seine achtzigste Bahn im Vorzimmer zog.
„Erzähl mir nicht, dass du nicht schon längst wahnsinnig bist vor Sorge“, konterte Gerard Rössing. „Immerhin wurden wir sofort herbefohlen, auf die Hauptwelt, direkt ins Büro des Admirals der Flotte.“ Nervös spielte er mit den silbernen Abzeichen auf seiner weißen Ausgehuniform. Ob er die noch lange tragen würde?
Als sich die Tür öffnete, spannten sich die vier Kapitäne und der Major der Bodentruppen an.
Aber der Mann in der goldbesetzten Uniform trug lediglich die Kapitänsabzeichen, sechs silberne Sterne auf der Schulter. Wenngleich seine linke Brust mit Kampagnenbändern und Orden ähnlich belegt war wie die von Fregattenkapitän Arling, wirkte er doch etwas jung für diesen Rang.
Der Mann lächelte in die Runde, als er das Vorzimmer betrat. „Nein, nein, bitte bleiben Sie sitzen. Und Sie, Kapitänleutnant Rössing, dürfen sich setzen oder stehen bleiben. Ich bin offiziell gar nicht hier.“
„Eure Majestät, ich…“
„Robert, bitte. Im Moment bin ich nur einer ihrer Offizierskollegen.“ Der Mann trat zuerst vor Schlüter und reichte ihr die Hand. „Willkommen auf Sanssouci, Korvettenkapitän Schlüter. Großartige Arbeit.“ Danach reichte er Rend die Hand. „Tapfer, sehr tapfer, Oberleutnant Rend.“ Der nächste war Arling. „Ich wusste es doch. Dich bringt wohl gar nichts um, Han?“ Dabei deutete er auf den ruhiggestellten linken Arm.
„Erinnere mich daran, dass ich dem Hersteller der Sessel in meinem Schiff einen Rittertitel anbiete, Robbie.“
Die anderen vier keuchten erschrocken auf, als Arling so vertraut wurde mit – ja, mit dem Kaiser. Das war eine Sache, die so verboten war, dass alleine der Gedanke daran schon Strafe verdient hätte.
Der Kaiser jedoch lächelte, knuffte Arling gegen die unverletzte Schulter und reichte Major Monterney die Hand. „Prächtiger Mann. Prächtige Truppe.“
„Danke, Maj… Sir.“
„Und Rössing“, sagte er und drückte die Hand des Jüngeren, „Sie haben verdammt viel geleistet. Guter Mann.“
„Danke, Sir“, erwiderte Gerard mit erstickender Stimme. Bestimmt beschloss er gerade, die Hand, die der Kaiser berührt hatte, für die nächste Zeit nicht zu waschen.
„Du hast dir da gute Leute rangezogen. Die ganze Hauptstadt ist über euren Streich aus dem Häuschen geraten. Ach, das ganze Kaiserreich steht Kopf. Drei Fregatten erobert, eine verjagt, drei Korvetten versenkt und fünf große Frachter vernichtet, das war eine sehr erfolgreiche Fahrt. Und dann ist euch noch die Flucht aus der Republik geglückt, obwohl alles was fliegen und springen konnte hinter euch her war. Respekt, meine Damen und Herren, Respekt.“ Der Kaiser klopfte Arling auf die rechte Schulter. „So, das sollte euch ein wenig aufbauen, bevor der Anschiss von Miranda kommt. Augen zu und durch, Leute.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür erneut und ein Hauptstabsbootsmann trat hervor. „Kapitän Arling und Gefolge können jetzt eintreten.“
„Gefolge?“ Irritiert sah Rössing den Kaiser an. Der aber grinste nur still vor sich hin und begleitete die fünf Offiziere ins Büro.

Admiral der Marine Miranda Herzog von Hohenfels erwartete sie hinter ihrem Schreibtisch. Der Raum war riesig; ihr Schreibtisch winzig. Zudem war er das, was man eine handfeste Unordnung nannte. Unter all den Datapads und Papierdokumenten konnte man nicht einmal die Tischplatte erkennen. Wohlweislich ragte der integrierte Arbeitsmonitor ein Stück heraus und konnte so notfalls schnell wiedergefunden werden.
„Kommen sie, kommen Sie rein.“ Miranda Hohenfels war seit dem Tod ihrer Mutter eine der höchsten Adligen des Kaiserreichs und stand sogar in der Erbfolge des Zedernholzthrons auf der Liste. Irgendwo in den Hundertern, aber immerhin. Dabei war es beruhigend zu wissen, dass diese Frau ihren Rang nicht ihrem Titel zu verdanken hatte und sich selbst nach ganz oben gearbeitet hatte. Das war durchaus nicht grundsätzlich selbstverständlich in einem zwar parlamentarisch kontrolliertem, aber feudalen System.
Die Offiziere salutierten geschlossen, während seine Majestät ein paar Schritte abseits trat und sich an dem riesigen Besprechungstisch niederließ. Erwartungsvoll musterte er die beiden Frauen und drei Männer.
Admiral Hohenfels erwiderte den Salut und deutete auf fünf vor dem Schreibtisch aufgestellte Stühle. „Setzen sie sich, es wird länger dauern.“
Alleine das reichte, um das Unbehagen der Kapitäne in die Höhe zu treiben.
„Fregattenkapitän Arling, Kapitän der RHEINLAND.“ „Ma´am.“
„Korvettenkapitän Schlüter, Kapitän der RICHMOND.“ „Ma´am.“
„Kapitänleutnant Rössing, Kapitän der CALAINCOURT.“ „Ma´am.“
„Oberleutnant Rend, Kapitän der REDWOOD.“ „Ma´am.“
Der Blick der Admirälin wanderte zu dem letzten Mann. „Und seiner Majestät Staffelführer Major Charles Monterney.“
Betroffen sah der Major auf. Irgendwie hatte er gehofft, dass es ihn nicht treffen würde. „Ma´am.“
Hohenfels faltete die Hände ineinander und legte die Fingerspitzen an ihren Mund. Die große blonde Frau betrachtete die Offiziere interessiert. „Kapitän Arling, wie tief haben Sie sich maximal in das Gebiet der Republik Yura-Maynhaus gewagt?“
„Neunzig Lichtjahre, von unserer Frontlinie aus gemessen, Admiral.“
„Hm. Sie wissen schon, dass man Ihnen einen solchen tiefen Vorstoß, zudem mit einem langsamen Leichten Kreuzer, als Leichtsinn und Gefährdung der eigenen Crew interpretieren kann?“ „Ja, Ma´am.“
„Der Kaiser hat mir schon erzählt, dass Sie waghalsig sind, Herr Graf. Aber es war mir neu, dass Sie zu Suizid neigen.“
Arling zuckte wie unter einem Schlag zusammen.
„Wie viel Tonnage haben Sie vernichtet, Kapitän?“
„Drei Millionen achthunderttausendfünfhundert Bruttoregistertonnen, oder anders ausgedrückt dreiundzwanzig Frachtschiffe und fünf Kriegsschiffe.“
„Ist da Ihre letzte Heldentat in Riverside schon mit drin? Haben Sie die gekaperten Schiffe in der Tonnage mitgezählt?“
„Riverside ist in der Rechnung schon aufgeführt, Ma´am. Und nein, ich habe die gekaperten Schiffe nicht dieser Aufstellung zugeführt, Ma´am.“
„Sie haben eines der Schiffe entkommen lassen“, sagte sie im gleichen mahnenden Tonfall, mit dem sie ihn bereits Held genannt hatte. „Die CALAIS. Außerdem haben Sie eintausenddreihundert Kriegsgefangene seiner Majestät auf diesem Schiff entkommen lassen.“
Hastig stand Schlüter auf. „Ma´am, bei allem Respekt, aber diese Entscheidung habe ich gefällt.“
„Ich habe sie dabei unterstützt! Der Skipper war zu diesem Zeitpunkt auf der Krankenstation! Wir…“
„Na, na, wer wird sich denn da vordrängeln? Zu ihnen beiden komme ich noch, keine Sorge. Außerdem sollten sie zwei es am besten wissen, dass der Kapitän für alles, was an Bord geschieht, die volle Verantwortung trägt. Nicht wahr, Kapitän Arling?“
„Jawohl, Ma´am.“
„Also haben Sie die CALAIS und eintausenddreihundert Gefangene entkommen lassen?“
„Und achthundertdreiundachtzig Verwundete, Ma´am.“
„Das macht beinahe zweitausendzweihundert republikanische Soldaten, die früher oder später wieder gegen uns kämpfen werden. Warum?“
„Ma´am, diese zweitausendzweihundert Gefangenen brauchten Platz, Vorräte und Bewachung. All dies konnte ich nicht gewährleisten. Deshalb haben meine Offiziere der CALAIS gegen freies Geleit das Versprechen abgenommen, die nächste Stützpunktwelt der Republik anzufliegen. Einen Tag zusammengepfercht wie Ferkel in einem Pferch ist erträglich. Zehn Tage ist die Hölle. Außerdem war die Bewachung nicht gewährleistet.“
„Dann hätten Sie diese republikanischen Bastarde erschießen lassen können“, sagte sie mit funkelnden Augen.
Arling straffte sich. „Munitionsverschwendung, Ma´am.“
„Werden Sie nicht frech, junger Mann. Dann eben ab in die Schleuse und in den Weltraum mit dem ganzen Pack!“
„Ma´am, weder ich noch einer der Offiziere unter meinem Kommando werden, solange ich einen Funken Leben in mir habe, gegen die Bestimmungen zur Behandlung von Kriegsgefangenen der Terra-Konferenz verstoßen.“
„Und wenn ich es Ihnen befohlen hätte, Arling?“
Für einen Moment schluckte der Fregattenkapitän, weil die Admirälin seinen Rang weg ließ. „Dann hätte ich diesen Befehl aufgrund seiner Unrechtmäßigkeit abgelehnt und Anklage gegen Sie erhoben.“
„Das ist ein starkes Stück!“, blaffte sie aufgebracht.
Der Kaiser versteckte sein Gelächter hinter einer vorgehaltenen Hand.
Aber die Miene der Admirälin wurde wieder weicher. „Das wäre interessant geworden. Oh ja, das wäre interessant geworden. Und nachdem Sie in Riverside siegreich waren, haben Sie sich dazu entschlossen, die CALAINCOURT und die RICHMOND zerschossen und zerschlagen wie sie waren, den ganzen weiten Weg bis nach Hause mit zu schleppen, von der ebenfalls stark lädierten REDWOOD einmal abgesehen und ganz zu schweigen von Ihrem schwer beschädigten Schiff?“ „Ja, Ma´am.“
„Warum haben Sie die Schiffe nicht einfach gesprengt, anstatt sie mit zu schleifen?“
„Ich fand, dass sie noch flugfähig waren und sich eine Reparatur lohnen würde, Ma´am.“
„So. Und dafür haben Sie, die eigenen Verluste noch nicht eingerechnet, Ihre Knights aufgeteilt, Ihre Crew aufgeteilt, zwanzig wichtige Offiziere detachiert… Muss ich in dieser Liste fortfahren?“ „Nein, Ma´am.“

„Gut. Das bringt uns zu Ihnen, Korvettenkapitän Schlüter. Sie als Erste Offizierin, warum haben Sie bei diesem waghalsigen Unternehmen mitgemacht? Es wäre Ihre Aufgabe gewesen, im Sinne der Sicherheit von Crew und Schiff darauf zu verzichten, drei halbwracke Fregatten mit zu schleppen, und das auf eine Strecke von neunzig Lichtjahren.“
„Siebzig, Ma´am. Riverside liegt siebzig Lichtjahre von der Frontlinie entfernt.“
„Ist das Ihre Antwort? Widerworte?“, blaffte sie wütend.
„N-nein, Ma´am.“
„Und überhaupt, warum mussten Sie unbedingt eine Prise kommandieren? Reichte es nicht, dass Ihr Skipper schwer verwundet auf der Krankenstation lag? Mussten Sie die RHEINLAND durch Ihre Abwesenheit weiter schwächen?“
„Der Skipper hat gesagt, er schafft das, und ich vertraue ihm, Ma´am.“
„Es gibt eine Grenze für das, was ein Mensch leisten kann.
Kapitänleutnant Rössing!“ „Ma´am?“
„Wenn Ihr Erster Offizier schon so waghalsig ist, warum haben Sie als Zweiter Offizier nicht eingegriffen? Warum haben Sie sogar selbst eine Prise übernommen?“
„Ma´am, ich hatte meine Befehle. Und zum Zeitpunkt als ich sie erhalten habe, waren sie für mich schlüssig, logisch und erschienen mir durchführbar.“ Er sah ihr direkt in die Augen. „Und ich sehe das heute noch immer so, Ma´am.“
„Na so was! Ihre Leute stehen ja sogar nach zwei Wochen Doppelwachen und einem nervenaufreibenden Katz- und Maus-Spiel mit den Republikanern noch immer wie ein Mann hinter Ihnen, Arling. Wie nett.
Oberleutnant Rend!“ „Ma´am!“
„Ihnen kann ich leider nichts vorwerfen. Sie haben Ihre Sache sehr gut gemacht. Aber hören Sie auf, Ihren direkten Vorgesetzten zu küssen, egal ob auf der Krankenstation, noch auf der Brücke. Wir Offiziere müssen den Mannschaften in vielen Dingen konkrete Vorbilder sein, haben Sie gehört?“
„Was?“ Erschrocken sah sie die Admirälin an. „Woher…?“
„Das hat Sie nicht zu interessieren. Fühlen Sie sich getadelt, Oberleutnant.“
„Jawohl, Ma´am.“
„Major Monterney!“ „Ma´am!“
„Sie hatten nur noch siebenundzwanzig Knights, haben die entscheidende Wendung in der zweiten Riverside-Schlacht gebracht, Ihrem Stellvertreter spektakulär das Leben gerettet und später Ihre überlebenden Piloten und Maschinen auf vier Schiffe verteilen müssen und dennoch haben Sie es auf einen Plan gekriegt, Ihre Aufgaben zu erfüllen, selbst während der Phase, in denen sich die Flotte kurzfristig trennen musste. Ich muss schon sagen, Ihre Leute müssen vor Müdigkeit am Umfallen gewesen sein.“ „Ja, Ma´am.“
„Aber dennoch, ein schönes Beispiel für die Tugenden eines Soldaten. Fühlen Sie sich gelobt, Major Monterney, als einziger in dieser Gruppe.“ „Jawohl, Ma´am!“
Kurz ging ihr Blick zum Kaiser. Der nickte knapp.

„Arling, geben Sie mir Ihre Rangabzeichen.“ „Admiral?“
„Haben Sie etwas an meiner Anweisung nicht verstanden? Ich will Ihre fünf Sterne haben!“
„Jawohl, Ma´am.“ Johann Arling löste die Schulterstücke auf beiden Seiten und nahm die Tressen ab. Mit zwei schnellen Schritten trat er vor und legte sie der Admirälin in die fordernd ausgestreckten Hände.
„Danke sehr.“ Mit ruhiger Miene nahm sie die Rangabzeichen auseinander und zog die Sterne ab. Es hätte gut ins Bild gepasst, wenn sie dazu auch noch fröhlich gesummt hätte.
„Das ist eine der wenigen Freuden in meinem Leben bei der Marine, glauben Sie mir das, Arling.“ Sie warf die Abzeichen, die keinen einzigen Stern mehr aufwiesen, dem Grafen zu. Dieser fing sie mit steinerner Miene auf.
„Korvettenkapitän Schlüter, treten Sie vor!“ „Ma´am!“
Aufs Schlimmste gefasst trat sie an den Schreibtisch heran. Schon begann sie an ihren Abzeichen zu nesteln. „Na, Sie haben es aber eilig, Ihre beiden neuen Sterne zu befestigen. Ich hatte eigentlich vor, das in einem etwas schöneren Rahmen zu machen, aber wenn Sie so hastig sind, dann machen Sie sie schon fest.“ Hohenfels griff nach vier Sternen und reichte sie der Offizierin. „Im Namen des Kaisers befördere ich Sie zum Kapitän.“
Für einen Moment schien es so, als wollten ihre Beine nachgeben. Dann sah sie nach hinten, ihr Blick kreuzte sich mit dem von Arling, der auffordernd nickte.
„Jawohl, Ma´am.“
„Vergessen Sie nicht, sich bei seiner Majestät zu bedanken. Er sitzt da drüben.“ „Jawohl, Ma´am.“
„Ach, und bevor ich es vergesse, Ihr neues Kommando ist die RHEINLAND.“
Arling krümmte sich bei diesen Worten unter einem Hustenanfall, bekam sich aber schnell wieder in den Griff.
„Kapitänleutnant Rössing, kommen Sie mal her.“ „Ma´am!“
„Ich nehme an, Sie wollen Ihre beiden neuen Sterne auch gleich festmachen, oder? Im Namen des Kaisers befördere ich Sie zum Fregattenkapitän.“ „Jawohl, Ma´am!“
„Rend, Sie müssen auch vortreten. Leider haben die Abzeichen Ihres Vorgesetzten nur fünf Sterne, deshalb müssen Sie sich mit einer schlichten Beförderung zum Kapitänleutnant zufrieden geben. Außerdem haben Sie nichts derart spektakuläres geleistet wie Ihre Offizierskollegen, sodass ich eine Beförderung über zwei Ränge nicht durchsetzen kann. Im Namen des Kaisers, Kapitänleutnant Rend.“ „Danke, Ma´am, aber ich lehne die Beförderung ab.“
„Das können Sie nicht. Der Kaiser selbst besteht darauf.“
„Ma´am, ich weigere mich, die Rangabzeichen meines Vorgesetzten an…“
„Nehmen Sie den Rang an, Kapitänleutnant Rend“, sagte Arling, und seine Stimme klang beinahe normal.
„Aber Han, ich…“
„Das ist der erste Fall von Majestätsbeleidigung, den ich erlebe“, meldete sich der Kaiser amüsiert zu Wort. „Ich bin auf den Prozess schon sehr gespannt.“
„Was? Aber Majestät, ich versichere, dass ich… Dass ich…“
„Nun nehmen Sie Ihren neuen Rang schon an, bevor der Kaiser wirklich ernst macht“, brummte die Admirälin und drückte ihr zwei Sterne in die Hand. „Im Namen des Kaisers.“
„Jawohl, Ma´am.“
„Major Monterney, leider habe ich keine Möglichkeiten Sie zu befördern. Ihr direkter Vorgesetzter hatte leider nur Marine-Sterne, keine Infanterie-Pins auf der Schulter gehabt. Holen Sie sich in Generalleutnant Kress´ Büro Ihre drei goldenen Pins ab, wenn wir hier fertig sind.“
„Oberst? Ich? Ma´am, ich…“
„Wird das hier der zweite Fall von Majestätsbeleidigung?“, klang erneut die amüsierte Stimme des Kaisers auf.
„Nein, natürlich nicht, Majestät! Ich nehme die Beförderung an.“
„Auch dies geschieht im Namen des Kaisers.
Arling, bevor ich es vergesse, ich glaube, die hier wollen zu Ihnen.“ Bedächtig zog sie eine Schreibtischschublade auf und holte zwei goldene Sterne hervor. „Der Kaiser meinte, dass man Sie sofort zum Konteradmiral befördern sollte. Aber Ihre Flottille umfasst im Moment nur vier Schiffe, da wäre das etwas übertrieben, finden Sie nicht? Deshalb habe ich ihn auf Kapitän runter gehandelt. Allerdings mit der Einstufung Kommodore, der Sie zur Führung eines Verbandes berechtigt. Im Namen des Kaisers befördere ich Sie zum Kommodore. Nun stecken Sie sich die Dinger schon an. Ihre nackten Schultern sehen scheußlich aus, Arling.“
Die Augen des frisch gebackenen Flottenchefs leuchteten, wenngleich seine Stimme neutral blieb. „Jawohl, Admiral.“
„Habe ich noch irgendwas vergessen? Robert?“
„Die Orden.“
„Ich denke, die haben Zeit bis zur offiziellen Siegesfeier. Wir wollen ja nicht schon alles vorweg nehmen, oder? Kommen sie, auf dem Konferenztisch liegt ihre nächste Aufgabe bereit.“
Im Gehen steckten Schlüter und Rössing ihrem Vorgesetzten den Goldstern auf die Tressen. Dabei grinsten sie wie Schulkinder vor einem Lolli.
Monterney und Rend lächelten dazu. Zu gerne hätten sie geholfen.

Wie selbstverständlich dirigierte der Kaiser die beiden Frauen links und rechts neben sich, der Admiral beanspruchte eine komplette Länge für sich alleine und die Männer verteilten sich um den Rest des Tischs. Admiral Hohenfels lächelte düster. „Die Reparaturarbeiten an den vier Schiffen werden mindestens einen Monat betragen, die Neubestückung noch einmal zwei Wochen. Außerdem sind da noch diverse Umbauten, die wir vornehmen müssen, um die Republik-Schiffe mit dem neueste Equipment ausrüsten zu können. Neue Katapulte, bessere Schirmgeneratoren, und so weiter. Das bedeutet, dass der Verband frühestens in zwei Monaten ausrücken wird. Bis dahin sind sie und ihre Besatzungen beurlaubt, um das Wichtigste mal vorneweg zu nehmen.
Kommodore Arling, ich nehme an, Sie werden Ihre Flagge auf der RHEINLAND hissen?“
Johann nickte bestätigend.
„Gut. Ich teile der Flottille einen Zerstörer zu, die STONEWALL. Das dürfte Sie freuen, Kapitänleutnant Rend, immerhin haben Sie bereits auf diesem Schiff gedient. Es ist mit allerneuester Sensortechnologie ausgestattet und wird den Verband bestens ergänzen.
Kapitän Rössing, Sie übernehmen das Kommando über die STONEWALL.“
„Jawohl, Ma´am.“
„Bevor Sie fragen, Rend, Sie behalten die REDWOOD. Ich werde der Flotte zwei weitere Offiziere zuteilen, die das Kommando über die CALAINCOURT und die RICHMOND übernehmen werden, aber da läuft noch der Entscheidungsprozess.
Die Aufgabe, die sie alle erwartet, wenn die Flottille wieder auslaufbereit ist, Herrschaften, ist ein Angriff auf die Diadochen.“
Schnell tauschten die Offiziere ein paar Blicke aus. „Wir werden nicht erneut gegen Yura-Maynhaus eingesetzt?“
„Die Lage an dieser Front hat sich stabilisiert. Wir haben die Grenzen von 2611 wieder hergestellt und der Kaiser wünscht nicht, dass wir in das Territorium der Republik einbrechen. Wir können uns Eroberungen im jetzigen Stadium des Krieges nicht leisten. Wir können sie nicht halten. Und wir können sie nicht versorgen. Bereits jetzt geraten wir an unsere Grenzen, denn die Welten, die wir zurückerobert haben, wurden in den letzten zwei Jahren erheblich ausgebeutet. Millionen Bewohner werden vermisst, Herrschaften, Millionen!“
„Sklaverei?“, hauchte Rend atemlos.
„Zwangsarbeiter, das sagt zumindest unser Geheimdienst. Yura-Maynhaus nimmt keine Zwangsarbeiter, aber das hindert den Staat nicht daran, sie an die Diadochen weiter zu reichen. Ein Umstand, den wir nicht hinnehmen werden.“
„Um exakter zu werden“, meldete sich der Kaiser zu Wort, „möchte ich zuerst ein paar bekannte Fakten wiederholen. Wir waren noch nie ein besonders friedliches Land, und einige meiner Vorgänger, darunter ein paar Kaiser aus meiner eigenen Familie, waren recht motivierte Eroberer. Man kann sagen, wir waren schlechte, zumindest unruhige Nachbarn. Deshalb ist es nicht verwunderlich, warum Yura-Maynhaus, die Diadochen, Jemfeld und Zyrrtek uns vor knapp zwei Jahren gemeinsam den Krieg erklärt haben. Einzeln wären sie schon ernst zu nehmende Gegner gewesen, aber in dieser Kombination sind sie eine essentielle Bedrohung. Ich will ehrlich zu ihnen allen sein, wir werden diesen Krieg verlieren.“
Aufgeregtes Raunen klang am Tisch auf. Bestürzte Blicke wurden dem Kaiser zugeworfen, der sie stoisch erwiderte. „Ja, ja, glauben sie das nur, Herrschaften. In diesem Moment haben wir an der Yura-Maynhaus-Front die alten Grenzen vor dem Krieg wiederhergestellt, und in Jemfeld kämpfen wir bereits auf jeder Welt, die einmal uns gehörte. Aber wir bluten aus, langsam, sterbend. Die Öffnung der Depotwelten ist unsere Trumpfkarte und erlaubt es uns, die Streitkräfte und die Flotte binnen kürzester Zeit zu verdreifachen. Dieser gewaltige Schwung hat gereicht, um unsere Feinde aus unserem Territorium zu vertreiben. Aber wir wachsen zu langsam. Unsere Schiffsneubauten, neuen Truppenaushebungen und unsere Geldmittel für den Krieg gleichen gerade einmal unsere Frontverluste aus.
Unsere Gegner hingegen greifen uns auf zwei Fronten an. Und während wir uns mit Yura-Maynhaus und den Aliens der Jemfeld-Konföderation herumschlagen, haben Zyrrtek und die Diadochen nichts weiter zu tun als ihre eigenen Grenzen zu sichern, unsere Gelder einzufrieren, die wir auf ihren Banken haben und eine Kriegsindustrie aufzubauen, welche die anderen beiden Staaten in die Lage versetzen wird, uns zu überrennen. Und nun frage ich sie, wie Zyrrtek und die Diadochen das machen wollen.“
„Zwangsarbeiter. Sie arbeiten lediglich für Verpflegung und Unterkunft“, zischte Rend zwischen zusammengepressten Zähnen.
„Richtig. Unsere eigenen Leute werden gezwungen, gegen uns zu kämpfen. Indirekt nur, aber das Ergebnis wird das gleiche sein. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass das Kaiserreich im Falle einer Niederlage unter den Siegern aufgeteilt wird wie es Raubtiere bei einer Beute zu tun pflegen. Der Stärkste reißt sich das größte Stück heraus und die anderen balgen sich um die Reste. Und unsere fünfhundert Jahre alte Kultur hat damit ein Ende. Im schlimmsten Fall werden unsere Nachkommen ein Volk von Sklaven sein.“ Der Kaiser faltete die Hände vor dem Gesicht und sah ernst in die Runde. „Es ist mir egal, wie gerechtfertigt dieser Angriff auf uns ist oder nicht ist. Ich will einfach nur, dass wir diesen unseligen Krieg beenden können. Schon zu viele unserer Landsleute sind gefallen, um wenigstens unsere eigenen Welten zurückerobern zu können. Ich will nicht, dass sich ihre Zahl verdoppelt oder verdreifacht. Und vor allem will ich nicht, dass sie in der Fremde ausgebeutet werden wie Sklaven. Ich will, dass sie fünf meine Untertanen suchen.“
„Ich vermisse den Zusatz: Und sie nach Hause bringen“, meldete sich Arling zu Wort.
Admiral Hohenfels grinste dünn. „Das brauchen wir nicht.“
„Wie? Ist nicht der Sinn unseres Auftrages, sie zurück zu holen?“, meldete sich Rend zu Wort.
„Nicht ganz. Wenn alles so funktioniert wie wir es hoffen, dann werden die Diadochen froh über die Chance sein, ihre Zwangsarbeiter selbst nach Hause zu schaffen. Per Erster Klasse und mit großen Abfindungen im Gepäck.“ Robert grinste breit in die Runde.
„Ich glaube, ich verstehe. Wenn wir beweisen können, dass katalaunische Bürger zur Zwangsarbeit gezwungen werden, wenn wir Bilder und Informationen in der Galaxis verbreiten, dann kann die Vierer-Koalition zerbrechen.“
„Nein, so viel Glück haben wir nicht“, sagte Hohenfels trotzig. „Aber wir könnten im günstigsten Fall einen Verbündeten finden, der uns der Menschlichkeit zu Willen helfen wird, wenn die Mission ein Erfolg wird. Zumindest sollten die Diadochen und Yura-Maynhaus derart bloßgestellt werden, dass sie einen Waffenstillstand annehmen werden. Einen Waffenstillstand, der es uns erlaubt, wirklich aufzurüsten, während die Vierer-Koalition die für die eigene Rüstung wichtigen Zwangsarbeiter verliert. Das ist der Plan.“
„Gut. Und zu diesem Zweck wird uns die neueste Stealth-Technologie eingebaut, nehme ich an.“
„Falsch, Rössing. Sie kriegen die neuesten Waffen und die besten Schirme. Und dazu einen riesigen Schwall internationaler Reporter, die von vorne bis hinten über sie und die ganze Flottille berichten werden. Die meiste Zeit davon live.“
„Wollen Sie meine Leute umbringen? Wollen Sie mich umbringen?“, blaffte Arling wütend.
„Aber, aber, Han, was regst du dich so auf? Wusstest du nicht, dass sich Männer vor einer Kamera umarmen, aber hinter der Kamera gegenseitig die Kehlen aufschlitzen? Die Presse wird ein Schild sein, ein ungeheurer Schild, der euch schützen wird. Die Diadochen werden nicht wagen, euch mit einer Übermacht zu stellen und zu vernichten. Das würde einen enormen Imageverlust bedeuten, und das in einem Land, das offiziell Krieg führt, aber noch nicht eine einzige Flotte detachiert hat.“
„Netter Gedanke, Robbie, aber hast du schon dran gedacht, dass sie es doch tun?“
„Dann werdet ihr unsterbliche Märtyrer.“
„Muss man Kaiser sein, um diesen Humor zu entwickeln?“, spottete Arling.
„Nein, aber es hilft beim regieren. Sei unbesorgt. Die Reporter werden nicht über eure Bewegungen berichten, sondern über eure Schlachten. Und wenn sich deine Flottille prügelt weiß sowieso das ganze Diadochenreich, wo ihr gerade seid, oder?“
„Aber das wird übel, wirklich übel! Das ist was anderes als über eine Welt zu fliegen und ein paar Beweisfotos zu schießen! Das ist eine Einladung an alle Kampfschiffe unserer Gegner, sich an uns zu versuchen!“
„Und genau deshalb kriegen Arling das Genie und Lucky Charly auch das allerneueste Equipment, damit ich mit ruhigem Gewissen schlafen kann. Oberst Monterney, Ihr Kommando wird auf ein Regiment aufgestockt. Ab sofort kommandieren Sie dreihundert Maschinen auf fünf Schiffen. Ist das für Sie akzeptabel?“
„Ein Regiment? Aber befiehlt nicht ein Brigadegeneral über ein Regiment, Majestät?“
„Er wird gierig, merkst du das, Miranda?“, scherzte der Kaiser.
„Wir reden über den Brigadegeneral, sobald Sie wiederkommen, Monterney. FALLS Sie wiederkommen.“
„Aye, Ma´am. Aber das wollte ich damit gar nicht sagen. Ich…“
„Jedenfalls“, ergriff der Kaiser wieder das Wort, „schicke ich meinen berühmtesten Piloten und meinen berüchtigsten Kapitän aus, um diese Beweise zu sammeln und ein paar spektakuläre Schlachten zu schlagen, nur diesmal unter den Augen der internationalen Öffentlichkeit.“
„Dreihundert Knights auf fünf Schiffen werden aber unsere Ressourcen stark dezimieren“, warf Arling ein.
„Ich nehme an, dein Einwand bedeutet, dass du den Auftrag akzeptiert hast, Han. Keine Sorge, ihr habt Kaperrecht. Außerdem hat der Geheimdienst Kontakt zu einigen, nun, etwas unzufriedenen regionalen Fürsten der Diadochen, die gegen die richtige Summe gerne bereit sind, deiner Flottille ein wenig Nachschub zukommen zu lassen.“
„Nett. Wenn es klappt.“
„Wenn es nicht klappt, findest du einen Weg.“
Arling lachte rau auf. „Vor dieser Situation hat mich mein Lehrmeister immer gewarnt. Er hat gesagt, wenn du eine Aufgabe gut machst, dann lauert dahinter nur die nächste, schwerere Aufgabe auf dich. Der alte Spötter hatte Recht, wie es scheint.“
„Beschwere dich bitte nicht bei mir. Ich habe dich gerade zum Kommodore gemacht. Du bist der drittjüngste Offizier in diesem Rang, also sei ein wenig dankbar, ja?
Ach, und Oberst Monterney, bitte befördern Sie Ihren Stellvertreter doch bitte so schnell wie möglich zum Major. Einem Oberst ein Regiment anzuvertrauen ist schon heikel. Aber ein Oberleutnant als Stellvertreter ist ein Affront.“
Charly schluckte hart. „Jawohl, Majestät.“
„Kommen wir zum Ziel. Es ist eine hoch industrialisierte Welt in den Diadochen, Vesuv genannt, benannt nach einem alten terranischen Vulkan, in dessen Innern die Schmiede des Hephaistos liegen soll, die Werkstatt des griechischen Gottes der Schmiedekunst. Vesuv liegt einhundertdreißig Lichtjahre von unserer Grenze entfernt. Das ist ein langer und harter Weg.“
„Und alles nur für ein paar Schnappschüsse“, murrte Arling.
„Aber wenn wir diese Schnappschüsse kriegen, dann greift vielleicht sogar Terra zu unseren Gunsten ein“, murmelte Schlüter etwas zu laut, als das es ein ausgesprochener Gedanke sein konnte.
„Vielleicht“, erwiderte der Kaiser und lächelte tiefgründig.
„Das Ziel gebt ihr aber nicht bekannt, oder?“, fragte Arling argwöhnisch.
„Wir werden sehen.“
„Hey, Robbie, tue mir das nicht an. Bitte, du kannst viel von mir verlangen, aber tu mir das nicht an!“
„Nur ein Scherz.“
„Herrschaften, das soll es gewesen sein. Kommen sie in sechs Wochen nach Springe, um ein letztes Briefing zu erhalten und um die Ausrüstung der Schiffe zu überwachen. Bis dahin sind sie alle beurlaubt. Noch Fragen?“
„Ja, Ma´am. Warum wir? Warum diese Schiffe? Sind wir so knapp, dass wir schon gekaperte Einheiten einsetzen müssen?“
„Nun, Rössing, das sind gute Fragen. Warum sie? Weil sie bisher immer gewonnen haben. Warum die Schiffe? Weil Arling sie gekapert hat. Und ob wir knapp sind? Ja, verdammt knapp, und genau deswegen ist dieser Einsatz so wichtig.“ Hohenfels sah in die Runde, musterte jeden einzelnen Anwesenden eindringlich, sogar den Kaiser.
„Sie alle sind berühmt. Sie sind populär. Und sie können ihren Job. Deshalb habe ich keine andere Wahl, als ihnen die schwerste aller Bürden aufzuladen, die Rettung des gesamten Kaiserreichs.“

Wieder ergriff der Kaiser das Wort. „Dieser Krieg ist ein schmutziger Krieg. Ich will nicht sagen, dass es saubere Kriege gibt. Und ich will nicht sagen, dass wir in diesem Krieg das harmlose Opfer sind. Die Götter wissen, dass mein Onkel Frederec wahrlich genug geleistet hat, um es sich mit diesen vier Staaten und allen anderen von Terra bis zur Orion-Republik zu verscherzen. Ihr, Herrschaften, seid Soldaten und wisst, was ich von euch erwarte. Ihr wisst, dass ich für den Dienst auch euren möglichen Tod verlange.“
Die Offiziere nickten nacheinander, der eine nachdenklich, der andere entschlossen.
„Aber wenn wir beginnen, den Krieg auf den Rücken unserer Zivilisten auszutragen, dann führt es schon zu weit. Dabei ist egal wer diesen Krieg begonnen hat, welche Gründe es für ihn gab und wer ihn beenden wird. Ich will einfach nur, dass unsere Leute, dass meine Untertanen, die ich zu beschützen geschworen habe, wieder in ihre alten Leben zurückkehren können. Ich bin noch jung, und zu den Fehlern von Frederec habe ich auch noch genügend eigene Fehler begangen, seit ich den Thron von ihm übernommen habe. Aber ich stehe dafür gerade, für seine Fehler und für meine, und ich arbeite hart daran, sie wieder zu korrigieren, solange man mich lässt. Han, hilf mir, diese verdammte Last auf meinen Schultern leichter zu machen. Hilf mir, mein Gewissen ein klein wenig zu beruhigen.“
Johann Arling erhob sich und salutierte seinem Kaiser zu. Die anderen Offiziere taten es ihm nach.
Der Kaiser nickte ergriffen. „Danke, meine Damen und Herren.“
„Damit sind sie aber noch nicht entlassen. Johann Arling, Sie sind berühmt und populär. Nicht nur unsere Presse feiert Ihren letzten Feldzug als großartigen Erfolg. Auch die internationale Presse hat mit Wohlwollen festgestellt, was im Riverside-System geschehen ist. Sie, junger Mann, haben die Ehre und den Stolz kaiserlicher Offiziere neu definiert. Deshalb werden Sie es sein, der ein Korps aus internationalen Presseleuten betreut, welches an Bord der RHEINLAND gehen wird. Diese Männer, Frauen und Neutren – gucken Sie nicht so, Rössing, es sind auch Aliens dabei – werden offen, unzensiert und vor allem live über Ihre Aktionen berichten.“
„Live? Bei allem Respekt, Admiral, aber warum sagen wir dann nicht gleich jedem Hinz und Kunz, wohin wir unterwegs sind?“
„Aber das tun wir doch, mein lieber Arling, das tun wir doch. Und wir werden auch weithin hinausposaunen, weshalb Sie unterwegs sind.“ Admiral der Flotte Hohenfels grinste wölfisch. „Sie werden die Macht der Presse und ihre Magie am eigenen Leib erfahren, das verspreche ich. Und Sie werden die verrückteste Feindfahrt Ihres Leben haben, Arling. Auch das verspreche ich Ihnen. Mit der internationalen Presse, die über jedes Ereignis sofort berichtet werden Wölfe zu Lämmern und Lämmer zu Wölfen. Und Sie werden Verbündete finden, wo Sie keine vermuten. Aber was noch viel besser ist: Die Diadochen werden es schwer haben, Ihre Flotte zu attackieren. Immerhin suchen Sie nach illegal deportierten Bürgern der Kaiserreichs und werden alle relevanten Listen mit sich führen. Jeder Angriff auf die Flottille wird ein Angriff auf den Versuch sein, die Nichtkombattanten aus einer Situation zu befreien, die in mehr als fünfzehn Punkten gegen die terranische Erklärung verstößt.
Finden sie die kaiserlichen Bürger, sind sie Helden und die Diadochen werden gebrandmarkt.
Werden sie zerstört, bevor sie die kaiserlichen Bürger finden, sterben Dutzende internationale Pressevertreter, wird ein wahrer Rummel um die Frage los getreten, was die Diadochen zu verbergen haben. Sie werden dann auch Helden sein, allerdings tote Helden.
Und dann gibt es noch die unwahrscheinliche Variante, dass sie überleben, aber keine kaiserlichen Bürger finden. Aber selbst das macht nichts, denn in diesem Fall zeigen sie der galaktischen Öffentlichkeit, wie sehr wir uns um Wohl und Wehe unserer Bürger kümmern und sorgen. Fragen?“
Arling stutzte. „Ma´am, wir nehmen den Tod der Presseleute in Kauf?“
„Sie selbst nehmen ihn in Kauf. Für einen dieser unsäglichen Preise. Pulitzer, Orion-Band, Presseratehrenpreis, und so weiter, und so fort.“ Hohenfels grinste schief. „Also, ich stelle diese Frage jetzt ein einziges Mal an die neuesten, humansten und hartnäckigsten Helden von Katalaun: Nehmen sie diese Mission an?“
Die fünf Offiziere salutierten fast zugleich, auf jeden Fall schnell genug hintereinander, dass man sagen konnte, dass keiner von ihnen darauf gewartet hatte, dass ein anderer den ersten Schritt tun würde.“
„Sehr gut, sehr gut.“ In den Augen von Hohenfels blitzte es auf. „Dann ist es hiermit amtlich. Ein offizieller Marschbefehl wird folgen. Sie treffen sich in zwei Monaten über der Depotwelt Springe. Majestät?“
„Heute Abend ist ein kleiner Empfang im Palast. Nichts großartiges, nur fünftausend Gäste und sämtliche Diplomaten auf Sanssouci. Über ihre Mission werden wir nichts verlauten lassen. Aber ich werde keine Gelegenheit auslassen, deine Großherzigkeit, Weitsicht und Fairness zu loben, Han. Natürlich auch die deiner Offiziere, die durch deine Schule gegangen sind und wie du handeln.“ Der Kaiser zwinkerte verschwörerisch und grinste dabei ein echtes Lausbubengrinsen, was ihm ein Schmunzeln der Offiziere einbrachte. „Danach habt ihr frei. Ich empfehle, dass ihr die nächsten sechs Wochen Zuhause verbringt. Du, Han, warst seit Kriegsausbruch nicht mehr Zuhause. Zachary liegt mir schon seit Monaten in den Ohren, dir endlich mal etwas Urlaub zu besorgen. Das wäre eine gute Gelegenheit, ihn zufrieden zu stellen.“
Arling nickte knapp. Natürlich. Nach Hause. Endlich wieder mal nach Hause.
„Zwei Wochen vor Missionsbeginn ziehen wir die neuen Mannschaften und Kapitäne zusammen. Sie haben nicht viel Zeit um sie zu trainieren, aber ich werde einige Mannschaften zusammenkratzen, die schon mal unter Han gedient haben. Das wird einiges leichter machen. Ich… Ja, Han?“
„Majestät. Darf ich darum bitten, dass uns vierzig Prozent mehr Personal zugeteilt wird? Ich brauche vor allem Infanteristen und Offiziere. Aber ein paar erfahrene Ingenieure und routinierte Mannschaften nehme ich auch gerne.“
„Junge, Junge, die ganze Flotte lechzt nach ausgebildetem Personal, wir füllen unsere Schiffe mit jungen und jüngsten Rekruten auf, aber du willst vierzig Prozent über Soll fliegen?“ Der Kaiser runzelte irritiert die Stirn. „Moment, Han, du alter Hund. Du hast doch nicht etwa vor…“
„Soll ich denn alle Prisen selbst nach Hause fliegen?“, erwiderte Arling schmunzelnd.
„Gut, gut, das ist wenigstens ein Argument“, brummte Hohenfels und nickte schwer. „Genehmigt. Darf es noch was sein? Ein Wasserbett, eine Privatyacht, ein Golfplatz auf der Außenhülle?“
„Vierzig Prozent stärkere Schiffsbesatzungen reichen mir, Admiral“, erwiderte Arling.
„Damit liegt das Wort wohl wieder bei mir“, meldete sich der Kaiser wieder. „Mir ist aufgefallen, dass der Kommandeur der Bordinfanterie der RHEINLAND nur Hauptmann ist. Ich habe vor, das Kontingent des Schiffs, aller Schiffe, ähnlich zu steigern wie bei den Knights. Ich schicke dir einen Oberst und verstärke die Truppen auf tausendachthundert Mann, also Regimentsstärke, wenn es Recht ist.“
„Erfahrene Leute?“ „Die besten.“ „Einverstanden.“
„Dann bleibt mir nur noch, ihnen allen zu sagen, dass wir uns heute Abend sehen werden. Gala-Uniform ist befohlen. Ihre Ordensbänder werden noch ein wenig ausgebeult werden, wenn wir fertig sind. Und nach diesem Abend bist du unser wichtigster Vorzeigeheld, Han. Und damit unsere gefährlichste Waffe.“
„Eine Waffe, die mit hoher Wahrscheinlichkeit sterben wird“, warf Arling säuerlich ein.
„In der Tat“, erwiderte seine Majestät amüsiert.
Die beiden Männer schmunzelten, dann erhoben sie sich und schüttelten einander die Hände. „Klingt nach einem Riesenspaß.“
***
Der Empfang war ein wenig klein, es waren nur knapp fünftausend Bürger des Kaiserreichs, ein paar hundert ausländische Diplomaten und ein paar Dutzend Prominente eingeladen.
Im Rahmen dieser Veranstaltung, die mit einem intimen Abendessen mit sechshundert geladenen Gästen begann, gingen die Ordensverleihungen an fünf verdiente Offiziere und ein verdientes Schiff natürlich beinahe unter, wenngleich jedermann artig klatschte. Auch wenn einige der höheren Orden dabei gewesen waren, es interessierte nicht wirklich an diesem Ort.
Nun, Arling und seinen Offizieren konnte das nur Recht sein. So kamen sie in den Genuss, nicht im unmittelbaren Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Sie kamen auf Platz zwei oder drei.
„Das geht mir hier echt auf die Nerven“, murmelte Rend in Arlings Richtung, während sie einem außer Dienst gestellten Konteradmiral mit Adelstitel höflich die Hand drückte. „Wann, sagtest du, können wir uns hier absetzen, Han?“
Der Adlige schmunzelte über die junge Offizierin. „Davon lässt du dich schon nerven? Dann sei mal ein ganzes Jahr oder länger in diesem Palast.“
„Du klingst, als hättest du diese Erfahrung schon mal gemacht“, spottete sie und tauschte mit einem Filmsternchen, das sie irgendwo mal in einer aufwändigen Produktion gesehen hatte, Küsschen auf die Wange aus. Oh, sie musste definitiv mal wieder ins Kino gehen. „Mir geht dieser Rummel wirklich zu weit. Wir haben doch nur ein paar dämliche Orden gekriegt. Warum stehen die Leute Schlange um uns zu begrüßen?“
„Weil wir berühmt sind. Und einige von diesen Menschen hoffen, dass der Ruhm auf sie abfärbt. Keine Sorge, spätestens um Mitternacht dürfen wir uns laut Protokoll zurückziehen. Und ja, ich habe diese Erfahrung gemacht. Ich war für zwei sehr lange Jahre ein Mitglied dieses Hofstaats.“
Erschrocken sah Eleonor Rend ihren Vorgesetzten an. Dann fiel ihr wieder ein, dass der Mann den sie liebte von Adel war. „Zwei Jahre? Was hast du ausgefressen?“
„Ausgefressen? Nichts. Es war ein Befehl von Roberts Vorgänger Frederec. Der alte Mann hatte es sich in den Kopf gesetzt, allen seinen potentiellen Nachfolgern die nötigen höfischen Etikette beizubringen. Ehrlich, es war die längste und langweiligste Zeit meines Lebens.“
„Nachfolger?“ Eleonor Rend hatte zwei Dinge nicht bemerkt. Erstens, sie hatte entsetzt geschrien. Zweitens, sie hatte einem verdienten General versehentlich ihre Hand über sein Gesicht gezogen, als sie sich abrupt zu Arling umgedreht hatte.
„Nur Nummer zweiunddreißig auf der Liste“, erwiderte Arling schmunzelnd.
Hastig entschuldigte sich Rend bei dem Bodentruppenoffizier, schenkte ihm ein Lächeln und sah dann aus den Augenwinkeln wieder zur Arling herüber. „Der April ist schon etwas lange her. Du magst ein Graf sein, aber du trägst weder den Familiennamen des Kaisers, noch bist du ein Herzog.“
„Ich nicht“, erwiderte Arling mit einem dünnen grinsen, „aber mein Vater schon.“
„Ma´am, geht es Ihnen gut? Sie sind so blass“, fragte eine besorgte Stimme.
„E-entschuldigen Sie uns bitte für einen Moment“, sagte sie schnell, griff nach Johanns Schulter und zog ihn mit sich in eine stille Ecke. „Dein Vater ist WAS?“
„Mein Vater ist ein Herzog. Ein planetarer Herrscher. Ich bin im Moment sein offizieller Nachfolger. Hast du nie meine Biographie gelesen?“
„Oh. Das erklärt, warum du dich mit dem Kaiser duzt und… Lenk jetzt nicht ab, okay? Du bist auf der Thronfolgerliste?“
„Friede, Ellie. Ich war schon so lange nicht mehr auf Sanssouci, ich hatte das alles schon fast vergessen.“
„Vergessen? Wie kann man so etwas vergessen?“ Entrüstet sah sie ihn an. „M-muss ich mich jetzt vor dir verbeugen?“
„Himmel, warum das denn?“
„Du wirst mal Herzog. Vielleicht sogar Kaiser!“
„Davor möge mich der Himmel behüten“, sagte Arling schnell. „Alles, nur nicht Robbies Job. Nein, du musst dich nicht verbeugen. Wir sind Offizierskollegen, und ich bin dein…“ Arling räusperte sich vernehmlich. „Tut mir Leid, aber wenn man zehn Jahre lang jenseits jeder Beziehung lebt, dann fällt es einem schwer, in ein paar Tagen umzuschalten. Ich bin dein Verlobter, Ellie, nicht mehr und nicht weniger.“
„Was turtelt ihr hier eigentlich herum?“, mahnte Arlene Schlüter. „Sollen Gerry, Charly und ich den Ansturm der Gratulanten alleine bewältigen?“
„Sie hat gerade herausgefunden, das ich auf der Thronliste stehe“, sagte Arling trocken.
„Ach ja, da war ja noch was.“
„Du hast es gewusst, Lenie? Und du hast es mir nicht gesagt?“
„Ich hatte noch mehr zu tun. Außerdem hast du nicht gefragt. Kannst du nicht einfach damit zufrieden sein, die schlechteste Partie der Galaxis abbekommen zu haben?“
„Lenie“, mahnte Arling schmunzelnd. „Können wir uns auf Zweitschlechteste einigen?“
„Eventuell. Wenn ihr wieder rüber kommt und uns helft.“ Sie sah die junge Offizierin ernst an. „Du schaffst das doch, oder, Ellie?“
„Ja, ja, kein Problem. Passiert ja auch öfters, dass einem der Vorgesetzte die Liebe gesteht, ihr euch spontan verlobt und sich später heraustellt, dass er den Kaiser kennt, ihn duzt und selbst auf der Thronfolgeliste steht. Wer ist denn davon geschockt? Ich etwa? Nein, Herrschaften, ich bestimmt nicht.“
„Ich glaube es wäre besser, ihr einen über den Scheitel zu ziehen, damit sie bis zum Ende der Feier schlafen kann. Was meinst du, Han?“
„Reg dich wieder ab. Ich bin nervös, aufgeregt und nicht besonders empfänglich für Dinge, die mein Selbstbewusstsein in den Keller treten. Ansonsten funktioniere ich. Ist das in Ordnung?“, fragte Rend mürrisch.
„Also, mir reicht es, wenn du funktionierst.“ Grinsend begann Schlüter, die anderen beiden vor sich her zu schieben. „Und wenn die Gratulantenflut durch ist, dann heben wir zusammen einen an der Bar.“
„Ich hoffe, das ist ein Versprechen, Lenie.“
„Würde ich bei einem so wichtigen Thema etwa lügen, Han?“
Die beiden lächelten sich an, und Eleonor Rend hatte plötzlich das Gefühl, in einem enorm wichtigen Rennen Platz eins gemacht zu haben.

Ein paar Stunden und etwa zweitausend Gratulanten später saßen die fünf Offiziere tatsächlich zusammen an der Bar – einer von sechs in diesem Saal.
„Auf den Kaiser“, sagte Rössing, hob sein Glas und stürzte den Inhalt, bevor einer seiner Kameraden den Toast erwidern konnte.
„Langsam, langsam, lass uns doch mal hinterher kommen, Gerry“, tadelte Arlene lachend.
„Herrschaften.“ Johann Arling stand auf. „Gute, liebe Freunde. Ihr vier seid mir die Liebsten auf der Welt, und deshalb lade ich euch ein, in zwei Wochen zu mir nach Hause zu kommen. Lasst uns die restliche Zeit unseres Urlaubs bei mir verbringen.“
„Und was machen wir die zwei Wochen bis dahin?“, warf Rend ein und nippte an ihrem Drink.
„In dieser Zeit würde ich gerne deine Familie kennenlernen, wenn das möglich ist.“
Eine halbe Sekunde später waren zwei Dinge nötig. Eleonor Rend benötigte eine Serviette, um ihren klebrigen Mund abzuwischen und Gerard Rössing, über und über mit ausgespucktem Sekt bedeckt, benötigte eine frische Uniform.
„Du willst was?“
„Deine Familie kennenlernen. Ist das nicht so üblich, wenn man sich verlobt?“
„Eigentlich ja. Das ist Allgemeinwissen“, warf Schlüter ein. Ihr amüsiertes Lächeln war breit genug, um zwei Cocktailgläser anzusetzen.
„Ich weiß nicht, ob das eine gute Zeit ist“, sagte Rend schroff. „Vielleicht nächstes Jahr.“
„Irre ich mich, oder erlebe ich Eleonor Stahlherz Rend zum allerersten Mal seit ich sie kenne nervös?“ Lucky Charly  beäugte die junge Frau neugierig.
„N-nervös? Wie kommst du denn darauf! A-ha! Ha, ha! Han, hast du mal ne Sekunde?“
Mit gemischten Gefühlen betrachteten die anderen drei Offiziere wie ihr Befehlshaber mit der frisch gebackenen Kapitänin der REDWOOD ein paar Schritte abseits ging. „Han, es ist nicht so, als würde ich dich nicht gerne vorstellen wollen. Glaub das nicht, ob bitte, glaub das nicht. Aber gib mir etwas Zeit, um den… Boden vorzubereiten. Weißt du, mein Zuhause hat nicht besonders viel mit der Flotte zu tun. Und garantiert noch weniger mit dem kaiserlichen Palast. Und am allerwenigsten mit dem Leben, das ein Graf zu Arling führt, der irgendwann mal einen Planeten erbt. Wenn ich mit dir bei mir zuhause auftauche, dann…“
„Dann werden sich deine Eltern sicherlich freuen.“
„Den Kopf abreißen werden sie mir!“, entfuhr es der schwarzhaarigen Frau mit einem Seufzer. „Ein Graf, ausgerechnet ein Graf! Ich höre meinen Vater schon sagen: Ich habe dich nicht dazu erzogen, dass du ein Techtelmechtel mit einem Blaublütigen anfängst. Und Mutter wird zu Tränen aufgelöst sein, weil sie denkt, dass sie mich nie, niemals nie wiedersehen wird. Was meine Brüder machen werden weiß ich nicht einmal, aber es wird ihnen sicher viel Spaß machen. Und dir nicht gefallen, Han.“
„Bist du fertig?“, fragte der Kommodore amüsiert.
„Ich bin fertig.“ Sie seufzte viel sagend.
Arling ergriff die schlanken Hände der jungen Frau. Sie hatte in seinen Augen wirklich ein Pfannkuchengesicht, da gab es nichts zu beschönigen. Und ihre Nase war wirklich zu spitz, auch daran ließ sich nicht rütteln. Aber diese Hände, ihre weichen warmen Hände, und das Gefühl, das Johann Arling erschauern ließ, weil er ihr so nahe sein durfte, war mit keinem Geld des Universums zu überbieten. Er wusste es mit jeder Faser seines Herzens, dass diese Frau die einzig richtige für ihn war. Und er hätte diese Frau auch genommen, wenn sie früher einmal ein Mann gewesen wäre. Oder nur ein Auge gehabt hätte. Oder… Nun, das ging vielleicht etwas zu weit. Immerhin waren sie Soldaten, und dieser Beruf drohte im Krieg immer mit Tod und Verstümmelung, daher sollte man diese Szenarien nicht mit Gewalt beschwören. Es war einfach das ich, was ihn an Ellie faszinierte, was er abgöttisch liebte. Was ihn so verzweifelt gemacht hatte, das er nur ihr Glück im Kopf gehabt hatte und sie und Charles zusammen hatte fortschicken wollen. Ein Fehler von ihm, wie er jetzt sah, aber was für ein glücklicher, wenn man das Ergebnis betrachtete. Oh ja, er liebte sie, von ganzem Herzen.
„Ist in Ordnung“, sagte sie schroff, wandte sich ab und entzog ihm ihre Hände.
„Was ist? Ich habe doch noch gar nichts gesagt.“
„Aber gedacht hast du. Und glaubst du wirklich, ich kann dir eine Bitte abschlagen, wenn du mich mit diesem Blick ansiehst? Aber ich warne dich: Wie man sich bettet, so liegt man.“
„Keine Sorge. Deine Familie wird mich lieben, das verspreche ich dir.“
„Ja, solange niemand verrät, dass wir uns heimlich verlobt haben“, erwiderte sie säuerlich.
„Alles, was du willst. Alles, was du willst.“

Nach dem Abendkaffee ging die Uhr stark gegen elf. Eine vorzügliche Gelegenheit, um in kleinen Grüppchen beieinander zu stehen und ein wenig zu diskutieren. Arling aber hielt seine vier Schäfchen eng bei sich, weil er nur zu genau wusste, in welch trüben Sumpf sie sich hier befanden.
Stattdessen kamen die einen oder anderen zu ihnen, um die politische Meinung der Flottenoffiziere und des Armee-Obersts diskret heraus zu kitzeln. Es war die übliche Mischung aus Befürwortern des Kaisers, Demokraten, Anarchisten – meistens linke Künstler, was ein uraltes Vorurteil bestätigte – Hardlinern aus militärischen Kreisen und der Wirtschaft sowie zwei, drei wackere Vertreter der Republikaner, die mit wenig Hoffnung, aber großen Ambitionen heran traten, um die fünf Offiziere wenn schon nicht auf ihre Seite und der Idee einer großen Republik anstelle des Kaiserreichs zu ziehen, so doch wenigstens den Zweifel in ihre Herzen zu pflanzen. Über diese Aktivität verging die Zeit bis Mitternacht erstaunlich schnell, und als Arling an der Schulter berührt wurde, stellte er überrascht fest, dass es beinahe eins durch war. Er war dankbar für die Störung, denn sein Gesprächspartner hatte ihn gehörig in die Enge getrieben. Zwar war Arling selbst Demokrat und Verfechter der parlamentarischen Monarchie, wie sie das Kaiserreich betrieb, aber der Mann war ausgebildeter Demagoge der Ultra-Demokraten, die für die Abschaffung des Adelssystem und die absolute Demokratisierung standen, der direkten Kontrolle des Staates durch das Volk, ohne die Umwege über ein Stellvertreterparlament.
Arling stellte sich dieses Chaos vor, fand die Idee aber faszinierend. Mit ein paar Sicherheitsmechanismen, die verhinderten, dass die Medien die Meinungen der Bürger kurz vor einer Abstimmung zu sehr manipulierten und einer guten Verwaltung hatte das Modell etwas. Aber das konnte er nicht eingestehen. Er war Soldat, kein Politiker.
„Ja, bitte?“
Der livrierte Diener, der ihn zuerst angesprochen und dann sanft berührt hatte, räusperte sich und sagte: „Seine Majestät hat sich in die Ruheräume zurück gezogen. Er bittet Graf von Arling und seine Begleiter, ihn dort aufzusuchen.“ Mit einem Blick auf den Funktionär, der bitterböse und wütend wegen der Unterbrechung war, fügte der Diener hinzu: „Sofort, Graf Arling.“
Diese Option war sogar besser als erwartet. Er verabschiedete sich von seinem Gesprächspartner und  klopfte seine Offiziere ab. Einer nach dem anderen löste sich aus seinem Gespräch heraus und folgte dem livrierten Diener zu einer diskreten Tür im Hintergrund des Saals.

Auf der anderen Seite erwartete sie ein abgedunkelter Gang, in dem zwei Sicherheitsposten mit einer Kampfdrohne Wache schoben. Sie ließen die sechs Leute anstandslos passieren, aber Arling wusste, dass sie gerade von mehr als vier Augen und einem Sensorkopf gemustert wurden.
Der Weg führte weiter in den Gang hinein, der sich schnell als Dienstbotengang entpuppte. Die Angestellten des Kaiser-Palastes benutzten ihn, um ungesehen von den Gästen Essen und Getränke zu holen. Und manchmal nutzte der Kaiser sie selbst, um auf schnellem und diskretem Weg seine Gäste zu sich zu rufen.
Der Gang wurde heller, war bald gut erleuchtet. Nur im Eingangsbereich war er dunkel gehalten, um eventuellen Eindringlingen gegenüber den Wächtern einen Nachteil zu bieten.
Sie wechselten den Gang über eine Kreuzung, mussten einen Fahrstuhl nehmen und wieder ein wenig Gang hinter sich bringen. Danach traten sie wieder in den eigentlichen Palast hinaus. Es handelte sich um einen stillgelegten Wohnflügel, der vor ewigen Zeiten einmal vom Kaiservater bewohnt worden war. Diese Zeiten waren lange her, und der Trakt wurde seit dem Tod von Frederecs Vater Johann – welch ein Zufall – nicht mehr genutzt. Dennoch war die Dichte der Wachen und Sicherheitsdrohnen auffällig.
Nachdem sie den Trakt betreten hatten, verabschiedete sich der Diener mit einer leichten Verbeugung. „Die Damen rechts, die Herren links, bitte. Ich werde sie wieder in Empfang nehmen, wenn ihnen danach ist, den Abend zu beenden.“

Nachdem der Diener gegangen war, richteten sich alle Blicke auf Arling, der wissend grinste. „Wartet es ab, wartet es ab.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür des Zimmers, das der Diener den Damen zugewiesen hatte, und eine ausgesprochen hübsche junge Dame kam heraus. Auffällig an ihr war, das sie nur mit Unterwäsche bekleidet war und Monterney effektvoll umlief.
Die Blicke von Rend und Schlüter eilten vorwurfsvoll zu Arling herüber. „Das wird hier doch keine Orgie, oder? Ich habe schon so viel schlechtes über den Kaiserpalast gehört“, raunte Schlüter.
„Keine Sorge. Zu einer Orgie würdest du bestimmt nicht eingeladen werden“, erwiderte Rössing, wich ihrem gespielten Schlag aus und half der jungen Lady aus ihrem Dilemma mit Lucky Charly.
Als sie auf sicheren Füßen stand, legte sie sich einen Wickelrock um die Hüfte und verschloss ihn. „Entschuldigen Sie vielmals, aber mein Spiel beginnt gleich. Und meine Partner sind wirklich schnell wütend.“ Sie lächelte Monterney freundlich zu. „Ich mache den Unfall wieder gut, versprochen, Lucky Charly!“ Ein Zwinkern von ihr, und sie lief den Gang herab. Im Laufen warf sie sich eine lockere Bluse über.
Schlüter sah der jungen Frau entsetzt hinterher. Ich Gesicht war stark gerötet, als sie sich Arling wieder zuwandte. „Was ist hier los, Han? Und bitte, ich hätte gerne eine gute Erklärung!“
„Das würde die Überraschung verderben. Ihr Mädchen geht jetzt hier rein, und wir gehen dort rein. Wir treffen uns in fünf… Sagen wir zehn Minuten wieder auf dem Gang.“
Ohne auf ihren Protest zu achten schob Arling die beiden Frauen durch die Tür, aus der die junge Frau getreten war.
„Lucky Charly hat sie gesagt. Sie kennt mich“, sagte der Knight-Pilot mit verträumten Blick. „Und sie will es wieder gut machen.“
„Aber, aber. Für dich war es doch schon ein Erlebnis, das sie dich umgerannt hat“, scherzte Rössing und zog den Mann hinter sich her.

Auf Schlüter und Rend wartete eine Überraschung. Im Zimmer erwarteten sie zwei Dienerinnen – und eine handfeste Garderobe.
„Guten Abend, Kapitän Schlüter, Kapitänleutnant Rend“, sagte die ältere der beiden. „Wenn sie uns bitte ihre Uniformen übergeben würden? Dort sind Umkleidekabinen. Vorher können sie sich neue Bekleidung in der Kollektion aussuchen. Keine Sorge. Alle Sachen sind frisch gewaschen.“
„Neue Bekleidung? Darf ich fragen, was das alles hier überhaupt soll?“
Die jüngere Dienerin lachte kurz prustend und murmelte eine Entschuldigung, als die Ältere sie strafend ansah. Danach seufzte sie und begann im jovialen Ton eines Menschen, der immer wieder die gleichen Worte wiederholte: „Sie befinden sich in der Spielwiese des Kaisers. Dieser Trakt dient seiner Majestät und seinen Gästen zur Entspannung und zur Abwechslung. Wir bieten diverse Gesellschaftsspiele wie Karten, Roulette und Billard, ein Schwimmbad, eine Sauna, mehrere Massageräume, einen kleinen Fußballplatz, Minigolf, Arcade-Spiele, ein kleines Kino und ein paar Fernsehzimmer. Da diese Tätigkeiten mit Ausgehuniformen nicht konform gehen, geschweige denn mit manchen pompösen Ballkleidern und Anzügen, bietet die kaiserliche Dienerschaft ihnen die Möglichkeit, etwas bequemeres anzuziehen, um den Abend genießen zu können. In dieser Zeit reinigen wir ihre Uniformen und verwahren sie, bis sie uns verlassen wollen. Selbstverständlich können sie in der bequemen Kleidung gehen oder sie auch nur mitnehmen, wenn sie es wünschen.“
„Also doch keine Orgie“, scherzte Rend und stieß der Vorgesetzten einen Ellenbogen in die Seite, was diese mit einem Lachen quittierte.
„Ich kann eine organisieren, wenn sie es wünschen, meine Damen“, sagte die ältere Dienerin sachlich.
Als sie das offene Entsetzen der weiblichen Offiziere sah, schmunzelte sie und sagte: „Entschuldigen sie bitte meinen Hang zu derben Scherzen. Hier entlang, bitte.“
Nun schaltete sich die Jüngere wieder ein. „Ich bin für die Kosmetik zuständig. Wenn sie es wünschen, schminke ich sie ab und trage ein dezenteres Make-Up auf. Oder eine Tagescreme und ein wenig Lippenstift. Ich stehe ganz zu ihrer Verfügung.“
„Oh, danke, ich komme drauf zurück“, murmelte Rend, die mit dem Begriff Make-Up noch nie etwas hatte anfangen können. Ein Umstand, den sie ihrem frühen Eintritt in die Kadettenschule verdankte.
„Na, dann wollen wir doch mal sehen, was der Kaiserpalast zu bieten hat.“ Arlene Schlüter trat mit leuchtenden Augen an die Ständer mit der Damenbekleidung heran, schlug Ellie auf die Finger, als diese nach einem sportlich-bequemen, aber unspektakulären Jogginganzug greifen wollte und hielt ihr eine offenherzige Bluse an den Oberkörper. „Ich wette, du siehst ganz süß in Pink aus, Schatz. Und dazu noch eine neckische Krawatte und dieser Rock.“ Sie warf den beiden Dienerinnen einen verschwörerischen Blick zu. „Dazu vielleicht ein wenig Hilfe von ihnen beiden.“
Die zwei nickten ebenso verschwörerisch.
„Hä? Aber der Jogger ist bequem. Man kann sich gut in ihm bewegen, er ist warm und außerdem praktisch, falls ich Minigolf spielen will.“
„Es stehen weitere Umkleidekabinen für Sportbekleidung in den Räumlichkeiten zur Verfügung“, sagte die Ältere und torpedierte Rend damit perfekt.
„Warum ein Rock? Eine Hose steht mir viel besser! Und diese Bluse ist viel zu tief ausgeschnitten! Lenie, tue mir das nicht an, hörst du? Lenie? Lenie?“
„Es ist zu spät, Ellie.“ Die anderen drei Frauen wechselten einen weiteren verschwörerischen Blick.
***
„Die Weiber brauchen aber lange“, murrte Rössing. Er hatte sich tatsächlich für einen bequemen Jogginganzug entschieden, aber das schwarze Modell hatte wenigstens einen guten Schnitt und einen Hauch zeitloser Eleganz. Außerdem untermalte er sein breites Kreuz und drohte an den Armen von seinen Muskeln gesprengt zu werden, wenn er sie anspannte.
Monterney hatte sich für ein Hemd entschieden, zu dem er eine leichte Leinenhose angezogen hatte. Arling trug nun einen weiten Sweater und eine bequeme Jeans. Er hatte die Sachen mit einer Sicherheit heraus gepickt, die vermuten ließ, dass er diese Kombination öfters trug.
„Sag nicht Weiber, sonst zieht dir Lenie die Ohren lang“, erwiderte Arling.
„Ich weiß. Aber sind ein paar Konstanten im Leben nicht schön?“
„Spötter“, murmelte der Kommodore, grinste aber mindestens so breit wie sein Untergebener.

„Ich gehe da nicht raus! Ich sehe doch aus wie ein Clown mit der ganzen Schminke im Gesicht!“
„Du siehst großartig aus, Schatz. Die Jungs werden dir aus der Hand fressen.“
Mit einem Ruck wurde eine schlanke, schwarzhaarige Frau auf den Gang befördert. Hinter ihr betrat Arlene Schlüter den Gang. „Na, was sagt ihr?“ Stolz deutete sie auf die Frau neben sich.
„Was sollen wir sagen?“, fragte Gerard Rössing erstaunt. „Moment mal, Moment, du willst uns doch nicht etwa weiß machen, dass das da Ellie ist?“
„Was habe ich dir gesagt? Gleich fangen sie an Witze zu reißen. Lass mich wenigstens mein Gesicht abspülen!“
Johann Arling spürte, das er vergessen hatte zu atmen. Seine Verlobte trug ein kurzen beigen Rock, der ihre langen Beine betonte, dazu eine tief ausgeschnittene Bluse in Altrosa. Ihr BH lugte neckisch hervor, und die salopp umgebundene Krawatte gab ihr etwas Mädchenhaftes.
Ihr schwarzes Haar war streng nach hinten gegelt worden, was ihr Gesicht betonte. Der blassrosa Lippenstift, der Hauch von Rouge auf ihren Wangen, die dezent dunkel geschminkten Augen und Brauen betonten ihr Aussehen diskret, aber nachdrücklich. Für einem Moment fragte sich Arling, wie er so blind hatte sein können.
„Boss, wenn es mit dir und Ellie nicht funktioniert“, klang die reichlich heisere Stimme von Monterney neben ihm auf, „kann ich sie dann haben?“
„Was denn, was denn?“ Schlüter trat schnell einen Schritt vor, umfasste je einen Arm von Charles und Gerard und zog die beiden davon. „Es gibt doch wohl nichts schöneres als meine Gesellschaft. Ich habe extra für euch diese knappe Sporthose angezogen.“
„Dein Shirt ist mindestens drei Nummern zu klein“, bemerkte Gerard, während er sich von der Kapitänin fortziehen ließ.
„Darüber beschwerst du dich, Großer?“, fragte sie mit einem undefinierbaren Lächeln.
„Wer hat denn hier was von beschweren gesagt, Lenie?“ Gerard Rössing sah kurz über die Schulter zurück. „Wir gehen dann schon mal vor.“

Arling bemerkte, das er sein Verlobte angestarrt hatte. Also sah er verlegen zur Seite. „D-du siehst wirklich ganz hervorragend aus, Ellie.“
Auch die junge Offizierin sah betreten weg. „Das sagst du doch nur so. Außerdem ist es die Schminke, die mich dann gut aussehen lässt, und nicht ich selbst.“
„Nein, nein, das ist es nicht. Es ist eher so, dass… Sie betont das, was bereits vorhanden ist. Sie lenkt den Blick in die richtigen Bahnen.“
„Das hast du nett gesagt, Han.“ Schüchtern sah sie herüber. „Ich bin also schön?“
„Ich habe nie etwas anderes von dir gedacht, Ellie.“
Eleonor Rend schmolz dahin wie Wachs in brutaler Äquatorsonne. Nur ein einziger Schritt trennte sie von dem Armen des Mannes den sie liebte. Und seine Lippen und der erstrebenswerte Kuss waren lediglich einen Gedanken weit entfernt. „Oh, Han.“
„Wenn es euch nichts ausmacht“, klang eine amüsierte Stimme neben ihnen auf, „dann verschiebt das doch bitte auf später. Ich lasse euch sogar einen Ruheraum zuweisen.“
Erschrocken fuhren die beiden herum, als wären sie getadelte Schuljungen, die bei einem Streich erwischt worden waren.
„Robbie?“
Der Kaiser grinste breit. „Ich habe mich gewundert wo ihr bleibt. Und als Schlüter und die anderen vorgegangen sind, bin ich neugierig geworden. Ich konnte ja nicht ahnen, in was ich da hinein gerate. Haben Sie sich das gut überlegt, Kapitän Rend? Ich meine, ich kenne diesen Mann als wäre er mein Bruder, und ich weiß was Sie sich da mit ihm aufhalsen“, scherzte er.
„Willst du mir die Verlobte ausspannen, Robbie?“, erwiderte Johann Arling amüsiert.
Im Gesicht des Kaisers ging eine unglaubliche Veränderung vor. Die spöttische Miene schmolz dahin, und absolute pure Freude erschien. „Das… Das ist… Ist das wahr? Ihr seid verlobt? Mensch, warum hast du denn nichts gesagt, Han? Ein kleiner Wink, ein Hinweis, irgendwas! So was kannst du mir doch nicht verschweigen! Mann, da gratuliere ich aber! Kapitänleutnant Rend, Sie haben den besten, den ehrlichsten und den tapfersten Mann erwischt, den ich kenne! Lassen Sie ihn nicht entkommen!“ Mit beiden Händen schüttelte der Kaiser die Rechte der jungen Frau. Dann murmelte er ein „Ach was soll´s“ und schloss die verdutzte junge Dame in seine Arme. Der freundlich gemeinte Begrüßungskuss auf ihre Wange nahm ihr den letzten Rest an Fassung, aber zum Glück war die Schminke wasserfest.
„Ich danke Euch, Majestät.“
„Robert! Oder Robbie! Sie gehören jetzt so gut wie zur Familie, Eleonor, und da muss man nicht so förmlich sein. Mensch, Han, ich hätte ja nie gedacht, dass ausgerechnet du mal so vernünftig sein würdest und in den Hafen der Ehe einläufst. Es geschehen doch immer noch Zeichen und Wunder!“ Überschwänglich umarmte der Kaiser den Größeren und drückte ihm einen dicken Schmatzer auf die Wange auf. „Moment, warte mal, ich schicke euch beide in eine äußerst gefährliche Mission. Ist das wirklich so richtig?“
„Du willst mir doch nicht mein Spielzeug wegnehmen, Robbie?“, mahnte Arling.
„Als ich dir den Auftrag gegeben habe wusste ich ja noch nichts von deinem privaten Glück.“
„Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Verlange von mir nicht weniger als von jedem anderen deiner Offiziere, Robbie.“
Der Kaiser senkte den Blick und schwieg betroffen. Als er wieder auf sah, hatte sich seine Miene wieder aufgehellt. „Na, da reden wir später drüber. Ich konnte dich noch nie aufhalten, weißt du noch? Aber jetzt wollen wir erstmal feiern! Ich lasse ein paar Kisten Champagner öffnen, und dann wollen wir dieses freudige Ereignis richtig begießen! Ich werde eine Rede halten, und selbstverständlich will ich zur Hochzeit eingeladen werden! Wenn mein großer Bruder heiratet, dann…“
„Moment mal, so genannter kleiner Bruder!“, rief Arling und erwischte seine Majestät gerade noch so am Kragen seiner Wollweste. „Du wirst überhaupt nichts halten und auch keinen Champagner kommen lassen!“
„Großer Bruder?“ Irritiert sah Rend ihren Verlobten an.
„Wir sind zusammen aufgewachsen“, sagte Arling und wechselte eisige Blicke mit seiner Majestät.
„So, so. Du willst deinem Kaiser, dem du Treue, Gehorsam und dein Leben geschworen hast, vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat? Johann Arling, denkst du wirklich, das lasse ich mit mir machen?“
„Auf diese Tour schon mal gar nicht“, versetzte Arling und gab Robert eine gespielte Kopfnuss.
„Autsch. Du bist fies, Han.“ Die starre Miene des Kaisers weichte auf und sein Blick wurde flehentlich. „Dann nur wir drei, deine Leute und ein kleiner, exklusiver Kreis? Mit ein wenig Champagner?“
Arling sah kurz zu Eleonor Rend herüber, deren Blick einem Stirnrunzeln gewichen war. „Gut, gut, im kleinen Kreis können wir es ja begießen. Aber kein Wort darüber darf nach draußen dringen. Ich will es ihren Eltern persönlich sagen. Verdirb mir das bitte nicht.“
„Okay! Ich organisiere alles!“ Der Kaiser lief los, drehte sich halb in der Tür um und sagte: „Kommt ihr?“

„Du bist mit dem Kaiser aufgewachsen?“
„Es war lange, bevor er zum Nachfolger Frederecs proklamiert wurde. Mein Vater hatte ihn in Pflege, nachdem seine Eltern im Havarro-Aufstand getötet worden waren. Wir haben vierzehn Jahre unseres Lebens zusammen verbracht.“ Arling schmunzelte. „So gesehen ist er wirklich mein kleiner Bruder. Und er liebt diese Rolle. Bei mir muss er nicht der unnahbare Kaiser sein, sondern kann sich gehen lassen, auch einmal Angst zeigen. Als mein kleiner Bruder hat er mich, der auf ihn aufpasst.“
„Ich… Ich wusste nicht, dass ihr so eng befreundet seid.“
„Noch enger“, erwiderte Arling sentimental. Schließlich bot er Kapitänleutnant Rend den Arm. „Wollen wir?“
„Wir wollen.“
***
Drei Stunden später, die Uhr zeigte halb fünf, saß ein angetrunkener und sichtlich zerknirschter Robert der Fünfte vor den beiden Verlobten und sagte zum sechsten oder siebten Mal: „Ess tut mir auffrichtig leid, dass esss nun doch rrausgekommen ist, Han. Ni-nicht einmal mmit mmeiner kaiserlichen Auto… Auto… Mit meinem Rang konnte ich es vverhindern. Schlüter ist ja auch sooo eine Plaudertasche.“
„Gar nicht wahr“, kam es aus der anderen Ecke der Couch, auf der der Kaiser saß. „Du hast einfach nicht gesagt, das ihr es noch geheim halten wollt, Han. Ihr zwei seid selber Schuld.“
„Tr-trotzdem. Ich als Kaiser habe mein Wwwwwort gegeben. Uuuund ich habe meinen großen Brruder entäuscht. Wie kann ich das jeeee wieder gut machen, Han?“
Der Kommodore erhob sich und nahm dem Kaiser das Glas aus der Hand. „Indem du jetzt ins Bett gehst. Morgen beginnt für dich in fünf Stunden, und dann hast du zwölf lange Stunden in deinem Büro vor dir.“
„Du bissst gemein, Han. Ichhab sowenigzufeiernhier. Und wenn ich dann mal einen Grund habe, dann willstdu dassich schlafengeh.“
„Weil du morgen mit mir schimpfen würdest, wenn ich es nicht tue, oder?“
Misstrauisch beäugte seine Majestät den Grafen. „So? Hast wohl recht. Warum bist du überhaupt noch so nüchtern? Du hast auch nich wweniger getrunken als ich.“
„Wer sagt denn, das ich nüchtern bin?“ Arling winkte einen diskret im Hintergrund wartenden Diener heran. „Bringen Sie seine Majestät jetzt ins Bett. Die Woche hat für ihn erst angefangen.“
„Jawohl, Herr Graf. Majestät, entschuldigt meine Grobheit.“ Der Diener stemmte sich unter den Arm des Kaisers, hob ihn von der Couch und verließ mit ihm den Raum.
„Mmoment!“ Der Diener hielt inne. Robert sah noch einmal in die Runde. „Ich bürde euch eine schwere Last auf, meine Freunde. Sie kann euch direkt in den Tod führen, während ich hier auf Sanssoucci sitze und eine Verwaltungsarbeit verrichte. Das ist ungerecht und gegen meine Prinzipien. Aber ich vertraue Han. Und ich vertraue den Menschen, die er Freunde nennt und liebt.“ Sein Blick wurde amüsiert als er Rend ansah. „Den einen mehr als den anderen.“ Die junge Frau errötete.
„Alsdann, gute Nacht.“

„Das hat ja schon beinahe wieder nüchtern geklungen“, stellte Rössing fest und umklammerte seinen Kaffee mit beiden Händen.
„Er war nicht wirklich betrunken. Er hat sich nur gehen lassen. Und er hat gehofft, das ich weniger böse mit ihm bin, wenn er so auftritt“, brummte Arling. „Ich kenne meine Pappenheimer.“
Rössing grinste schief. „Anscheinend sehr gut, wie mir scheint. Aber den Kaiser so mal zu erleben, und nicht als den steifen, förmlichen Mann, der er bei offiziellen Empfängen und im Fernsehen ist, das ist wirklich eine Freude. Ein guter Mann, Johann.“
„Das will ich auch hoffen. Ich habe geholfen ihn groß zu ziehen.“ Arling nippte an seinem Branntwein. „Und ich hoffe, ich habe es gut gemacht.“
Müde hob Arlene Schlüter die Rechte. „Keine Beanstandungen meinerseits, Han.“ Sie richtete sich mit einem Ruck auf. „Wo ist eigentlich Lucky Charly? Ich habe ihn seit dem großen Toast für eure Verlobung nur noch in der Pokerrunde gesehen. Und da war er auch nur so lange, bis Robbie keine Chips mehr hatte.“
„Die hat er gleich wieder verloren. Hohenfels hat ihn bis auf die Grundmauern ausgezogen.“ Rössing grinste schief. „Von wegen Lucky Charly. Gegen den blonden Drachen kommt er nicht an.“
„Für eine winzige Sekunde habe ich erwartet, dass Admiral der Flotte Miranda Hohenfels direkt hinter dir steht und alles hört was du sagst“, brummte Lenie und ließ sich wieder zurückfallen. „Wie steht es mit euch? Ich für meinen Teil gehe jetzt schlafen. Die nächsten zwei Wochen will ich Zuhause verbringen, und der Flug dauert alleine schon drei Tage.“
„Ich habe es besser. Ich muss nur nach Versailles. Meine Familie lebt auf dem größten Mond unserer wunderschönen Thronwelt“, sagte Gerard und gähnte herzhaft. „Han, hast du was dagegen, wenn ich eine Woche früher zu dir raus komme? Ich denke, länger erträgt mich meine Familie nicht, weil ich nervös die Gänge auf und ab marschiere.“
„Dir stehen wie immer alle Einrichtungen meines Hauses offen, ob ich da bin oder nicht“, sagte Arling und nickte dem Mann zu.
„Gut zu wissen. Ich gehe dann auch schlafen. Soll ich noch schnell Unlucky Charly suchen gehen? Oder überlassen wir ihm seinem Schicksal? Man hat mir zwar gesagt, auf der Spielwiese des Kaisers gäbe es im Gegensatz zum Palast nur Verbündete, aber Charles ist hohe Offiziere in etwa so gewohnt wie Lenie den Adel.“
„Spötter“, brummte Arlene Schlüter und erhob sich. „Ich helfe dir suchen. Also, dann in zwei Wochen bei dir Zuhause, Han. Viel Glück bei Ellies Eltern. Und Ellie, lass dich nicht ins Bockshorn jagen. Es wird schon alles gut ausgehen.“
„Versprichst du das?“
„Natürlich verspreche ich das!“, erwiderte die Ältere im Brustton der Überzeugung.
„Viel Glück für morgen, Han. Wenn es schief geht hast du immer noch fünf Schiffe zur Auswahl, auf denen du mit deiner Braut durchbrennen kannst“, spöttelte Gerard Rössing, als er sich erhob.
„Das wäre eine Option“, murmelte Eleonor Rend ernst.
„Hey, langsam frage ich mich, ob es wirklich eine so gute Idee ist, deine Familie kennen zu lernen.“
„Das sage ich doch die ganze Zeit, Han!“
„Andererseits reizen mich die Herausforderungen.“ Er zwinkerte seiner Verlobten zu und winkte dann den beiden Offizieren zum Abschied. „Wir werden jetzt auch gehen. Ich sehe selbst nach Charles. Geht schlafen. Und wenn möglich, in verschiedenen Betten.“
„Wieso in verschiedenen? Mit einer Frau weiß Gerry doch eh nichts anzufangen“, scherzte Schlüter.
„Na, danke. Den hatte ich überhaupt nicht verdient“, brummte Rössing missmutig.
„Nun sei nicht beleidigt. Wir machen doch nur Spaß.“ Burschikos legte sie einen Arm um Gerrys Schultern und zog ihn mit sich. „Also, Nacht ihr zwei.“
„Und wir zwei Hübschen sollten jetzt mal nachschauen, was dein Busenfreund Charles gerade anstellt. Man sagt zwar, wir sind hier unter Freunden, aber auch Freunde kann man verärgern.“
Dankbar ergriff Eleonor die dargebotene Hand und ließ sich von Arling hoch ziehen. „So leicht gerät er nicht in Schwierigkeiten. Nicht Lucky Charles.“
„Ich kenne ihn etwas länger als du“, murmelte Johann Armin Graf von Arling und widerstand der Versuchung, sich zu bekreuzigen.


3.
09.04.2613
Kaiserreich Katalaun
Montillon-System, vierter Planet Sanssouci
Planetare Hauptstadt Neu-Berlin
Kasernenanlage des Raumhafens Admiral Angward

Es war zehn Uhr am Morgen. Johann Arling und Eleonor Rend hatten leidlich geschlafen und trafen sich zu einem späten Frühstück in der Kasernenküche des Großraumhafens Admiral Angward, dem größten militärischen Hafens auf Sanssouci.
Zu ihnen gesellte sich ein sichtlich übernächtigter, aber sehr fröhlicher Charles Monterney.
Rend musterte den Freund kritisch. „Es hat auch schon mal jemand Kaffee zu Tode gerührt, Charly.“
„Was? Oh, entschuldigt, ich bin immer noch in Gedanken an gestern.“
Johann Arling seufzte tief. „Charly, sag mir jetzt bitte nicht, dass du immer noch an das Mädchen denkst, das dich gestern umgerannt hat.“
„Hä? Seit wann bist du unter die Telepathen gegangen?“
Arling seufzte erneut. „Von wessen Seite haben wir dich wohl weg gezerrt, als wir um fünf Uhr morgens gegangen sind, Hm?“
„Es ist nicht so wie du denkst, Han“, verteidigte sich Charles. „Wir haben uns nur unterhalten. Ich habe ein paar Geschichten zum Besten gegeben, sie hat mir von ihrem Dienst im Flottenhauptquartier erzählt, und ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit verging. Es war ein wirklich schöner Abend auf der Spielwiese des Kaisers.“
„So, so. Es ist also nicht so wie ich denke. Was denke ich denn? Dass du dich in die junge Frau verguckt hast? Oder noch schlimmer, das du glaubst, das du sie liebst?“
Als Charles betreten schwieg, senkte Arling den Kopf. „Nein. Bitte, Charly, sag mir, dass das nicht wahr ist. Teufel, sie hat dich umgerannt! Ist dir das nicht peinlich? Sie hat nur Unterwäsche und Stiefel getragen!“
„Und jede andere Frau wäre vor Scham gestorben. Oder hätte nie so sehr gehetzt, dass sie sich im laufen anzieht. Abgesehen von Ellie vielleicht.“
„Hey!“, beschwerte sich die frisch gebackene Kapitänleutnant.
„Und sie hing dir an den Lippen, Hm?“ Arling runzelte die Stirn, trank einen Schluck Kaffee und verbrannte sich prompt die Zunge. „Autsch.“
„Wir hingen einander an den Lippen. Sie wollte soviel über mich wissen. Sie hat gesagt, sie ist mein Fan. Und ich habe sie so viel gefragt. Ich kenne jetzt ihre Lieblingsmusik, ihre Lieblingsfarbe, ihr Lieblingsschiff… Sie hat mir auch ihren Lieblingskapitän verraten. Muss ich mir Sorgen machen, weil du das bist, Han?“
„Nein, nicht im mindesten“, brummte Arling und versteckte sich hinter seiner Tasse.
„Jedenfalls ist sie toll. Ich habe nie verstanden, warum ihr zwei nicht zusammen in ein Bett steigt, seit ihr verlobt seid, aber bei ihr verstehe ich irgendwie, dass es wichtigeres gibt als Sex.“
Rend wurde rot und Arling bekam einen leichten Hustenanfall. „Es ist ja nicht so als hätten wir es noch nie getan“, murmelte er. „Aber durch meine Verletzung geht es halt nicht so gut. Die braucht noch eine Woche, bevor der Arm nicht mehr ruhig gestellt werden muss und… Ach, was erkläre ich das alles? Wir haben ein ganz anderes Problem! Charles Monterney, hast du eine Ahnung, was…“
„Oh, Scheiße. Han, immer wenn du mich bei meinem vollen Namen nennst, dann sitze ich knietief im Dung. Was habe ich falsch gemacht?“
Der Ärger in Arlings Gesicht verflog. Eleonor musterte ihn interessiert. „Charly, du hast ein Problem. Hast du dich mit ihr verabredet? Habt ihr Nummern und Adressen ausgetauscht?“
„Ich habe ihre Karte.“ „Gib sie mir bitte mal.“
„Warte, hier. Was willst du damit?“
„Hier, lies mal ihren Namen.“
„Elise Versailles. Und? Sie heißt halt wie der Hauptmond von Sanssouci.“
„Charly, wundert es dich nicht, was ein Oberleutnant aus der Flottenzentrale auf der Spielwiese des Kaisers macht? Wundert es dich nicht, dass sie zusammen mit seiner Majestät und Admiral der Flotte Hohenfels gepokert hat? Und hat es dich nie gewundert, dass man mich Johann Arling nennt und nicht Johann Armin Graf zu Arling?“
Rend wurde blass. Hastig trank sie einen Schluck Wasser, verschluckte sich prompt und musste husten.
„Moment, Chef, Moment. Was willst du mir hier erklären? Dass sie nicht Versailles heißt, sondern von Versailles?“
„Ihr voller Name ist Elisabeth Roxane Prinzessin von Versailles.“
„Jetzt hättest du mich fast drangekriegt, Han. Denke nur nicht, ich komme aus der tiefsten Provinz, ja? Ich weiß ganz genau, dass nur der designierte Thronerbe den Titel des Prinzen von Versailles bekommt! Und sie ist viel zu alt um die Tochter des Kaisers zu sein. Abgesehen davon ist der Kaiser unverheiratet und…“ Übergangslos sackte Lucky Charly in sich zusammen und legte den Kopf auf den Tisch. Glücklicherweise verfehlte er sein Frühstücksmüsli und den Kaffee. „Bitte sag mir dass das nicht wahr ist! Sie ist Elisabeth? DIE Elisabeth? Die Nichte des Kaisers? Oh mein Gott, warum tut das Universum mir das an?“
„Ich sage ja nicht, dass du sie aufgeben sollst, Charly. Ich sage nur, dass du wissen solltest, um wen es sich bei ihr handelt.“ Tröstend legte der Kommodore die Rechte auf Charlys Schulter.
„Oh, bitte, immer nur ein Tiefschlag pro Stunde, ja?“ Er richtete sich auf, seufzte schwer und wischte über seine Augen. „Mist. Mist. Mist. Die Prinzessin. So ein Mist. Das muss ich erstmal verdauen.“
„Wenn du möchtest, dann unterstütze ich dich. Als Teil der kaiserlichen Familie kann ich einige Regeln brechen. Und da ich der Ältere bin, wird Robert auf mich hören und…“
„Ach, vergiss es.“ Abrupt erhob sich Charles von seinem Stuhl. „Keine Sorge, Graf zu Arling, Charles Monterney kennt seinen Platz im Leben. Ein Bürgerlicher und eine Prinzessin, so was passiert doch nur im Fernsehen. Ich werde sie mir aus dem Kopf schlagen und alles ist wieder wie zuvor. Bitte entschuldigt mich.“ Er machte auf dem Absatz kehrt, stolperte beinahe über seinen eigenen Stuhl und verließ mit hängenden Schultern die Kantine.

„Han, hättest du ihn nicht warnen können? Ich meine, du hast sie doch sofort erkannt, oder?“
„Wann hätte ich das denn machen sollen? Als wir gepokert haben, war die Welt noch in Ordnung, und danach hatte ich leider genug damit zu tun, Gratulationen von ein paar Dutzend Leuten entgegen zu nehmen und aufzupassen, dass mir niemand meine Braut entführt.“
Eleonor errötete erneut. „Da bestand wohl keine Gefahr.“
„Keine Gefahr? Du hast so schön ausgesehen, dass selbst der Kaiser dir verfallen wäre, wenn ich ihn nicht daran erinnert hätte, dass du meine Verlobte bist“, scherzte Arling. Leiser fügte er hinzu: „Als wir ihn dann gefunden haben, war es schon zu spät. Schade, ich habe es ernst gemeint als ich sagte, ich wolle ihm bei Elise helfen. Aber wie es scheint hat er sich kampflos ergeben. Das ist nun wirklich nicht seine Art. Dabei sollte er eigentlich abgebrüht sein, immerhin geht er bei meinem Vater seit Jahren ein und aus wie ein Familienmitglied.“
„Hältst du das wirklich für so klug? Ich meine ja, er hat Recht. Er ist ein Bürgerlicher, und sie erbt den Thron, falls Robert abdankt oder stirbt.“
„Das ist doch kein Grund aufzugeben. Sie hatte Interesse an ihm und es hätte nicht geschadet zu sehen, wie weit dieses Interesse geht. Vor allem da er sich augenscheinlich für sie interessiert.“
„Dennoch“, beharrte Ellie eigenwillig. „Sie ist DIE Prinzessin. Charles und sie trennen doch Welten. Ganze Reiche. Lichtjahre.“
„Nanu? Höre ich da vielleicht eine Spur Eifersucht? Willst du Charles etwa nicht teilen?“
„Sei nicht albern. Du bist es, den ich nicht teilen will.“
„Das höre ich gerne.“ Arling beugte sich über den Tisch und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
„Lass das, bitte. Wir tragen beide Uniform“, tadelte sie verlegen.
„Apropos Uniform. Wollen wir Zivilkleidung anziehen, wenn wir deine Eltern besuchen? Und wo leben sie überhaupt? Du hast zwar mal erwähnt, dass sie auf Sanssouci wohnen, aber leider nicht wo.“
„I-ich habe keine Zivilkleidung, Han. Ich habe die letzten Jahre einfach keine gebraucht. Und wenn ich mal informell unterwegs war, reichte die Sportbekleidung und…“ Sie seufzte viel sagend. „Ich bin erbärmlich, oder? Meine Brüder würden mich einen Zivilversager nennen. Nein, das werden sie, mit tödlicher Gewissheit. Definitiv.“
„Lass sie spotten. Ich verteidige dich mit meinem Leben, mein Schatz.“
„Schön zu hören. Aber du wirst doch nicht deine zukünftigen Schwager umbringen?“
„Ich dachte eher daran, ein, zwei Divisionen Marine-Infanterie einfliegen zu lassen.“ Arling erhob sich und reichte ihr die unversehrte Rechte. „Aber vielleicht sollten wir anders vorgehen. Verlassen wir den Raumhafen und kaufen dir was schönes. Den will ich dann sehen, der dich irgendwas anderes nennt als bildhübsch.“
„Spötter“, tadelte sie amüsiert. „Bitte, mach weiter damit.“
***
Der Raumhafen war gigantisch. Er nahm die gleiche Fläche ein, die Neu-Berlin als planetarische Hauptstadt benötigte. Und das waren nur die Oberflächenbauten. Doch während die Hauptstadt in die Höhe gewachsen war, hatte der Raumhafen dies in die Tiefe getan. Die Tiefhangars, die Werften, Lagerhallen, Docks und Lebensräume für hunderttausend Matrosen und fünfzig Schiffe aller Klassen beherbergten, reichten tausend Meter weit in die Tiefe. Auch die Quartiere waren tief angelegt worden, um die Einsatzbereitschaft selbst nach einem orbitalen Bombardement zu gewährleisten. Normalerweise diente der Giganthangar dazu, um Schiffe für den Kriegsfall versiegelt aufzubewahren, wie es auf den Depotwelten üblich war. Zur Zeit aber waren die meisten Schiffe im Einsatz und die Anlage verrichtete ihre Aufgabe als Reparatur- und Nachschubhafen.
Als Arling und Rend die Kaserne verließen, taten sie dies auf der untersten Sohle in eintausendundfünfzig Metern Tiefe. Eine künstliche Sonne spendete nicht nur taghelles Licht, sondern emissierte auch das gleiche Spektrum wie die große gelbe Sonne Montillon.
Dennoch war die Stimmung der beiden nicht gerade sonnig zu nennen. Johann Armin zu Arling hing es nach, dass sein bester Freund so schnell klein bei gegeben hatte und Eleonor Rend sah sich mit einem neuen Gefühl konfrontiert, das sie bisher noch nicht kennengelernt hatte: Angst. Ja, sie hatte Angst. Angst davor, mit Han bei ihren Eltern aufzuschlagen. Angst davor, was ihre Mutter sagen würde, was ihr Vater sagen würde. Und ihre beiden älteren Brüder erst… Hoffentlich waren sie nicht Zuhause. Nervös strich sie sich über die Stirn. Und warum gingen sie nicht wenigstens in Uniform? Es war ja nicht so, dass sie ihren Vater, einem ehemaligen Unteroffizier der kaiserlichen Marine, mit dem Kapitänleutnantsrang auch nur ansatzweise hätte einschüchtern können, aber es war doch den Versuch wert. Außerdem hätte sie sich dann hinter ihrer Maske einer Offizierin des Kaisers verbergen können, und… „Was, bitte?“
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und stoppte sie. „Ich sagte, halt an“, klang Arlings Stimme an ihr Ohr.
Verwirrt blieb sie stehen. Kurz darauf lief ein komplettes Bataillon Infanterie-Soldaten in Sportkleidung an ihnen vorbei. Jede Kompanie trug stolz ihre Fahne vorweg, die Offiziere liefen nebenher und feuerten ihre Männer und Frauen Zugweise an. Ein rhythmischer Sprechgesang, mehr gerufen als gesungen klang vom Anführer auf, einem weiblichen Obersten, der stramm salutierte, als die Truppe Rend und Arling passierten.
Da beide noch in Uniform waren, salutierten sie zurück.
Als das Bataillon weitergezogen war, vertrauten sich die beiden einem Großaufzug an, der normalerweise Fregatten bis zur Oberfläche hievte. Meistens wurde er auch für den Personenverkehr benutzt, wurde aber nur halbstündlich eingesetzt. Dennoch war es die schnellste Methode um auf den oberen Hafen zu kommen.
Auf der anderen Seite senkte sich eine identische Platte ab. Beide hielten auf jedem Zwischenstockwerk, und tatsächlich wurde auf fünfhundert Metern Höhe länger gehalten, um mehrere Kampfroboter der Knight-Klasse auf die Plattform zu bugsieren. Begleitet wurde der Halbzug aus sechs Maschinen von einem hochdekorierten Unteroffizier.
„Ah, Arling!“, rief er mit kraftvoller Stimme herüber, die den Kampf gegen den Verladelärm problemlos gewann. „Hatte ja noch gar keine Gelegenheit Sie zu begrüßen, seit Sie wieder auf der Hauptwelt sind.“
Der Graf schmunzelte, bedeutete Rend ihm zu folgen und ging auf den Unteroffizier zu.
„Hauptstabsbootsmann Patekar, guten Morgen.“
„Patekar?“ Misstrauisch beäugte Eleonor Rend den hochdekorierten Unteroffizier, auf den sie zugingen. „Moment, du willst mir doch nicht erzählen, wir haben hier DEN Ganesh Patekar vor uns!“
Arling grinste schief, salutierte vor dem Mann und schüttelte ihm anschließend herzlich die Hand. „Ganesh, es ist mir eine Freude.“
„Ganz meinerseits, Junge, ganz meinerseits. Habe von dem Höllenstreich gelesen, den du der Republik gespielt hast. Beachtlich, beachtlich. Und Sie sind Rend oder Schlüter, nicht wahr?“
Normalerweise hätte Eleonor Rend bei einem Unteroffizier sofort scharf gekontert. Auch wenn er zwanzig oder mehr Jahre länger Dienst tat als sie war das noch lange kein Grund, die Kommandokette zu vergessen. Aber bei diesem Mann lagen die Dinge anders. Dieser Mann war nicht nur mit dem höchsten Unteroffiziersrang dekoriert, mit Orden zugekleistert und auf seinen Ärmeln mit dem diskreten Hinweis auf fünfunddreißig Dienstjahre in seinem Rang versehen, er erfüllte auch den Rang eines Unteroffiziers der Marine. Somit war er der höchstrangigste Unteroffizier der gesamten Flotte und war lediglich dem Kaiser verantwortlich. Seine Aufgaben waren die eines Quartiermeisters für die gesamte Flotte, und diese Aufgabe verrichtete er mit einer eigenen Behörde, in der sogar Offiziere unter ihm dienten.
Es gab auch noch einen Matrosen der Marine, aber dieser Rang wurde ehrenhalber erteilt und nur für die Dauer eines Jahres verliehen, weil die meisten Matrosen, die diesen Rang bekleideten ohnehin bald in die Unteroffiziersränge aufstiegen. Denn vergeben wurde dieser Rang, in dem man nur dem Kaiser verantwortlich war, aufgrund hervorragender Leistungen, großer Tapferkeit oder Befehlsverweigerung – sofern der Matrose einen unsittlichen, ungesetzlichen oder moralisch fragwürdigen Befehl verweigert hatte, hatte der Mann oder die Frau gute Chancen, mit diesem Rang belohnt zu werden. Solange das Kriegsgericht auf Freispruch entschied.
„R-rend, Sir. Kapitänleutnant Eleonor Rend. Es ist mir eine Ehre, Sir.“
Patekar beäugte sie für einen Moment misstrauisch, dann lächelte er. „Sie haben Inderblut in den Adern, nicht wahr?“, sagte er nicht ohne eine gewisse Genugtuung.
„Jawohl, Sir. Meine Mutter ist Inderin. Mein Vater ist Russe.“
Arling schnaubte ein wenig empört. Nach seiner persönlichen Auffassung spielte die Abstammung nur dann eine Rolle, wenn sich Väter, Mütter oder andere Verwandte im Kampf verdient gemacht hatten. Für Ethnik hatte er keinerlei Verständnis. Ob man seine Wurzeln nun nach Indien, Japan, Deutschland, Afrika, Russland, Kanada oder Mars zurückführte war vollkommen uninteressant. Letztendlich waren sie doch alle irgendwie Teil einer Minderheit, aber zusammen waren sie eine verdammt große und schlagkräftige Mehrheit.
„Und? Welche Religion wird bei Ihnen Zuhause ausgeübt, Kapitänleutnant Rend?“
„Wir sind säkularisiert, Sir. Meine Eltern haben es mir und meinen Geschwistern immer frei gestellt, ob und welchen Glauben wir annehmen wollen. Meine Brüder haben sich für den Atheismus entschieden. Ich selbst sehe mich als Buddhistin, Sir.“
„Buddhistin, Hm? Hätten Sie auch nur einen Funken Sinn für Ihr Erbe als Inderin, würden Sie anders reden.“
„Sir, bei allem Respekt, aber ich sehe nicht ein wieso ich an einem Ort, sechshundert Lichtjahre von der Erde entfernt und tausend Jahre nach dem Exodus meiner Familien hier etwas anderes als ein Mitglied des Kaiserreichs und ein Soldat in Robbies Dienst sein sollte.“
„Robbie?“, fragte der Unteroffizier misstrauisch.
Rend errötete. „I-ich…“
„Sie hat seine Majestät gestern kennen gelernt, Ganesh. Und er hat ihr erlaubt, ihn mit seinem Kosenamen anzusprechen.“
„Mussten Sie das tun, Arling? Nun kann ich Ihre hübsche Freundin gar nicht mehr in die Enge treiben.“
Nun schoss die Röte bis zu Rends Ohren hoch.
Patekar sah das und seufzte ergeben. „Na, ist wohl auch nicht mehr nötig. Ich wollte Sie nur ein wenig kitzeln um zu sehen, ob Sie auch zu diesen verblödeten Fanatikern gehören, die sich hinter Religion verschanzen. Aber das sieht mir nicht so aus.“
„Ich verbürge mich für sie“, sagte Arling und deutete eine Verneigung an.
„Schon gut, ich glaube dir ja, dass sie sauber ist“, murmelte der Inder amüsiert. „Wie immer hast du dir gute Leute ausgesucht, mein Junge.“
Nun war es um Rend beinahe geschehen. Lediglich der rechte Arm von Arling, der sich um ihre Schultern legte, hinderte sie daran, zum Boden durchzusacken. Ein Lob von Patekar war etwas, was Gerüchten zufolge nur geschah, wenn ein neuer Kaiser gekrönt wurde. Und die Wahrscheinlichkeit, dass die lebende Legende ausgerechnet sie loben würde hatte für sie nie bestanden. Und nun war es passiert.
„Da-danke, es geht“, stotterte sie, als sie wieder sicherer auf ihren eigenen Beinen stand.
„Gibt es einen besonderen Grund für… Diese Fragen, Sir?“
„Helles Köpfchen. Kein Wunder, dass der Kaiser Ihnen ein eigenes Schiff und seinen Lieblingscousin anvertraut hat.“
„Das macht Ihnen wohl Spaß, oder, Sir?“, tadelte Eleonor. Diesmal war sie mental vorbereitet gewesen.
„Oh, ich mag es die Jungen ein wenig zu necken, ja. Einer der Vorzüge eines Alters jenseits der achtzig, junge Dame. Und ja, es gibt einen Grund.
Hey, achtet auf die Vertäuung! Wenn ein Knight aus dieser Höhe auf die Bodensohle fällt, dann gibt das einen Schrappnell-Regen, der Häuser wegfegt! Häuser, habt ihr verstanden?“
„Ja, Sir!“
„Fähige Jungs und Mädels, aber manche Dinge muss man ihnen doch wieder und wieder sagen.“
Die Plattform ruckte an und fuhr weiter in die Höhe.

„Es geht schon wieder los“, murmelte Patekar ernst und sah nach oben, wo sich durch eine auffahrende Platte der Raumhafen abzeichnete. „Ich habe nicht wirklich geglaubt, mit Frederec würden auch die religiösen Spinner verschwinden, aber ich dachte nicht daran, dass sie sich nach nur acht Jahren wieder aus ihren Löchern heraus trauen.“
„Religiöse Spinner, Sir?“, hakte Rend nach.
„Geheime Orden. Logen. Etwas in der Art. Die gleiche Sorte Mensch, die Frederec benutzt hat, um auf den Thron zu kommen, auf dem Thron zu bleiben und seine Kriege zu führen.
Die jungen Offiziere, die von den verschiedenen Schulen zu uns kommen, tragen immer öfter religiöse Symbole. Kreuze, Halbmonde, Ankhs, Stirnmal, und was es sonst noch für Anzeichen gibt. So hat es damals auch angefangen. Und in was das geendet hat wissen wir alle.“
Arling räusperte sich vernehmlich. Natürlich wusste er das. Immerhin hatte er knietief drin gesteckt. Und er erinnerte sich daran, auf der Siegerseite gestanden zu haben. Auf der anderen Seite hatten aber extrem schlechte Verlierer gestanden, und solche Menschen hofften, sich selbst nach Jahren noch rächen zu können… Eine Horrorvorstellung für einen Mann wie ihn. Da hatte man also gewonnen und den Unterlegenen mit Respekt und sportlicher Fairness behandelt, und so mir nichts, dir nichts attackierte besagte Person aus dem Hinterhalt. Vielleicht hatten diese Menschen das falsche Empfinden für Ehre. Vielleicht war sein Empfinden für Ehre aber auch übertrieben. Eine Meinung war richtig, eine falsch. Aber ehrlich gesagt hielt Arling Letztere für falsch.

Rend räusperte sich vernehmlich. Vor acht Jahren hatte sie von dem Konflikt, der Frederec vom Thron gefegt und Robert auf den Thron gebracht hatte, nicht allzu viel mitbekommen, da sie als Kadett auf einem Schulschiff im Kaiserreich unterwegs gewesen war. Und an Bord einer solchen Einheit bekam man natürlich nur die zensierte Fassung des Geschehens mit. Aber sie erinnerte sich schaudernd an das vor Furcht zerfressene Gesicht ihres Kapitäns, eines Admirals a.D., der vor der schrecklichen Entscheidung gestanden hatte, auf welche Seite er hätte schießen lassen müssen, wenn er seine Kadetten in eine Schlacht zu führen hatte. Pest und Cholera, das waren seine Worte gewesen, zwischen diesen beiden Unbilden hatte man wählen können. Rend persönlich fand, dass sie nun mit der Cholera recht gut fuhren, aber erleichtert war sie doch, dass es nur begrenzt zu bewaffneten Konflikten gekommen war.
Die einzige Änderung die sich für die Kadetten ergeben hatte war dass das Bild über dem Schreibtisch des Kapitäns den einen Morgen Frederec und den nächsten Morgen Robert gezeigt hatte.
Patekar räusperte sich vernehmlich, um die jungen Offiziere wieder in die Realität zu holen. „Wie dem auch sei. Der Kaiser hat ihnen Urlaub gegeben, richtig? Was machen sie also noch hier?“
Arling lächelte dünn. „Wir sind auf dem Weg in den Urlaub, Ganesh. Wir werden Rends Eltern besuchen.“
„Ihre Eltern besuchen?“ Der forschende Blick des höchstrangigen Unteroffiziers der gesamten Marine ließ sie erneut erröten. Schließlich machte Patekar eine wegwerfende Handbewegung. „Nein, das ist unmöglich. Nicht Johann Armin Arling. Der Mann bleibt Single und entzieht seine enorm wertvollen Gene der Gesellschaft, indem er nie Nachkommen zeugt.“
Rend hustete verkrampft. „Tschuldigung, Sir.“
„Nanu? Johann, ich mag es gar nicht, wenn du so grinst. Dann könnte ich mir genauso gut im städtischen Aquarium einen Rubinhai zur Fütterungszeit ansehen.“
„Ich bewundere nur wieder einmal deinen messerscharfen Verstand, Ganesh.“
Wieder hielt die Plattform an, diesmal auf einem Deck, das Laufgänge zu den Terminals und zur Fahrbereitschaft hatte. „Wenn du uns nun entschuldigen würdest, wir wollen etwas von unserem Sold ausgeben.“
„Natürlich, natürlich. Amüsiert euch. Aber, Johann, blamiere deine hübsche Untergebene nicht vor ihren Eltern, versprich mir das.“
„Keine Sorge, ich werde der perfekte Gentleman sein.“
Patekar gab dem Größeren einen schmerzhaften Hieb in die Rippen. „Genau das meine ich, du einfältiges Kind. Statt den Adligen zu spielen solltest du lieber du selbst sein, verstanden?“
„Ich befürchte nein, Sir.“
„Ich wusste es. Rend, seien Sie streng mit ihm.“
„Werde ich sein, Sir.“
Als die beiden die Plattform verließen, grinste Patekar ihnen hinterher. „Richards, Ihre Haltetrosse beginnt sich gerade zu lösen. Zehn Liegestütze dafür und hundert, falls sie wirklich abgeht.“
„Jawohl, Sir.“
***
Es hatte kommen müssen wie es passiert war. Johann Arling hatte sich unter Eleonor Rends strenger Aufsicht schwarze Sportschuhe, eine weite beige Leinenhose, ein Shirt mit paramilitärischer Aufschrift und einen blauen Windblouson gekauft. Eine Sonnenbrille rundete das Auftreten ab.
Im Gegenzug hatte Arling Rend hart ran genommen und ihr die Hosen, die sie sich ausgesucht hatte, beinahe aus der Hand geschlagen. Das Ergebnis war ein leichtes halblanges Sommerkleid in der neuesten Mode; Erdblumen erfreuten sich als Motiv gerade großer Beliebtheit, dementsprechend zierten gestickte Applikationen von Rosen, Tulpen und Million Bells den gelben Stoff. Nur beim Schuhwerk hatte sie sich durchsetzen können. Zwar durfte sie ihre Militärschuhe nicht anziehen, aber wenigstens vermied sie die Absatzschuhe und wählte ein Paar mit glatter Sohle. Aber der Sieg war ein horrender Preis für das folgende; der Graf zerrte seine zukünftige Frau tatsächlich zuerst zum Friseur, und danach zur Kosmetikerin.
Gegen zwei Uhr am Nachmittag saßen sie im Wagen der Fahrbereitschaft, die der Hafen seinen Offizieren zur Verfügung stellte.
Rend widerstand der Versuchung, sich durch ihr Gesicht zu wischen, um das dezente Make-Up zu entfernen, und Arling hatte den Blouson abgelegt.
„Ich sehe aus wie ein Clown mit der ganzen Farbe im Gesicht“, beschwerte sich Eleonor.
„Du siehst phantastisch aus. Hätte ich mich nicht schon verliebt, dann würde ich es jetzt tun.“
„Schmeichler“, murrte sie, machte aber keinerlei Anstalten, ihn zu unterbrechen oder ihn daran zu hindern, sie in die Arme zu nehmen. Lediglich einen Kuss verweigerte sie, solange der Fahrer sie sehen konnte.
Seufzend gab Arling auf. Es würde noch genügend Gelegenheiten geben. „Wohin fahren wir eigentlich? Müssen wir ein Interkontinentalshuttle nehmen oder reicht der Wagen?“
Eleonor Rend straffte sich. „Fahrer. Place des Étoiles, bitte.“
„Verstanden, Ma´am.“
„Ein Vorort von Neu-Berlin. Dann bist du ja eine richtige Hauptstädterin.“
Anstatt auf die kleine Neckerei zu antworten, sah Eleonor streng nach vorne. „Fahrer, Sie kennen die Rue des Invalides?“
„Jawohl, Ma´am.“ „Bringen Sie uns dahin.“
„Jawohl, Ma´am.“
Zufrieden ließ sich die Kapitänin in die Polster sinken, aber die Anspannung wich nicht aus ihrem Gesicht. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Hast du was gesagt, Han?“
„Nur, dass du die schönste Frau auf dieser Welt bist, Ellie.“
„Hoffentlich meinst du das nicht ernst. Sonst muss ich mir Sorgen um deine Augen machen“, erwiderte sie spöttisch. Aber es war nur ein Moment, dann sah sie wieder nach vorne.
„Wie ist deine Familie eigentlich so?“, fragte Johann Arling beiläufig.
„Meine Familie? Nun, Vater hat gedient. Er war vierzig Jahre in der Flotte und ist als Hauptstabsbootsmann ausgeschieden.“
„Vierzig Jahre? Er muss ein bemerkenswerter und erfahrener Mann sein.“
„Hebe dir das besser für später auf. Vielleicht besänftigt ihn das ein wenig. Mein älterer Bruder Mark ist Grafikdesigner. Er ist dreißig, verheiratet und hat zwei Kinder. Gerrit ist zwei Jahre jünger und müsste nun sein Studium zum Anwalt abgeschlossen haben. Ledig, keine Beziehung. Jedenfalls nicht, dass ich es wüsste.
Mutter… Sie ist eben Mutter. Im Moment ist sie Hausfrau, aber gelernt hat sie Architekt. Bevor sie Vater geheiratet hat, hatte sie eine eigene Firma und… Sprich sie besser nicht darauf an. Sie sagt zwar immer, das Beste was ihr im Leben passiert ist sei die Ehe gewesen, aber ich glaube, sie vermisst ihren Beruf doch.“
„Warum fängt sie nicht wieder damit an? Ich meine, so etwas verlernt man doch nicht, oder?“
„Sie ist über dreißig Jahre aus dem Beruf raus, Han. Sie müsste wieder bei Null anfangen, und so was ist immer sehr schwer.“
„Verstehe. Und du bist die einzige, die deinem Vater in die Flotte gefolgt ist?“
Ellie errötete. „Ich dachte halt, in unserer Familie fehlt ein Offizier. Liberale haben wir ja wahrlich genug.“
„Liberale?“ „Liberale, Han.“
„Ich habe keine Angst vor Liberalen, Ellie.“
„Das habe ich befürchtet. Han, wollen wir nicht doch lieber ans Meer? Ich würde mir einen Badeanzug kaufen, den du aussuchen darfst und wir könnten uns mit Cocktails in die Sonne legen und…“
„Ellie“, sagte Arling beruhigend. „Wie lange warst du nicht mehr Zuhause?“
„Etwas weniger als zwei Jahre.“
„Dann solltest du diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen.“ Sanft streichelte er ihre Wange und sah sie einfach nur an.
„Du hast ja Recht“, murrte sie. „Etwas weiter oben, bitte.“

Die Heimkehr von Eleonor Rend in ihr Heimatstädtchen verlief äußerst unspektakulär. Raumfahrer waren es gewohnt, oft Monate im All zu verbringen, manche setzten Jahrzehnte keinen Fuß auf einen Planeten. Deshalb war für sie ein Ort, den sie Zuhause nannten, immens wichtig. Für den einen mehr, für den anderen weniger.
Eleonor Rends Zuhause war eine beschauliche Vorstadtgemeinde mit einer kleinen Einkaufsarkade und vielen umliegenden Wohnhäusern. Eine typische Wohnstadt für die Menschen, die Kleinstadtflair bevorzugten und in Neu-Berlin arbeiteten. Oder hier ihren Ruhestand genossen.
Natürlich fiel der Bereitschaftswagen der Marine auf, als er die Hochstraße in Richtung Place des étoiles verließ. Aber die unspektakuläre Ausstattung der Insassen machte sie wieder uninteressant. Ja, wenn es der Kaiser selbst gewesen wäre…
Ellies Zuhause in einer ruhigen Seitenstraße entpuppte sich als mehrgeschossiger Stufenbau mit eigenem Innenhof und schätzungsweise vierzig Wohnungen. Johann war kein Experte im Wohnungsbau, aber er kannte sich ziemlich gut mit Schiffsquartieren, Stauraum und Belegung aus. In eine einzige Querseite des großen Baus hätte er schätzungsweise dreitausend Mann untergebracht. Wenn es einigermaßen bequem hätte sein sollen, nur tausend. Die einzelnen Wohnungen gingen grundsätzlich über zwei oder drei Stockwerke und hatten schätzungsweise zweihundert Quadratmeter aufwärts, waren seine vorsichtigen Schätzungen. Eigentum, weniger Mietwohnungen, entschied er, mit zehn Wohnungen pro Seite.
Entsprechend erschüttert war er, als er an der Fronttür nur sechs Namensschilder erkannte.
„Luxus pur“, murmelte er betreten.
„Und das sagt jemand, der einmal Herrscher eines eigenen Planeten werden wird?“, spottete Ellie Rend.
Sie betätigte ihr Sensorfeld. Kurz darauf flammte ein Hologramm auf, das eine große schlanke Frau mit langen schwarzen Haaren abbildete. „Ja, bitte? Sie… Oh mein Gott, Kind, sag doch, dass du es bist! Sag doch, dass du nach Hause kommst! Stuart, komm doch her! Ellie kommt nach Hause!“
„Was? Wo? Traut sich diese Rumtreiberin auch mal wieder nach Hause?“ Zu der Frau gesellte sich das Hologramm eines groß gewachsenen, breitschultrigen Mannes, den Arling vom Fleck weg als Spieß rekrutiert hätte. „So, so. Eleonor Rend bequemt sich mal wieder Zuhause rein zu schauen. Na, ob ich dir aufmachen soll?“
„Vater, bitte. Ich bin nicht alleine.“
„Hm?“ Es vergingen ein paar Sekunden, in denen Ellies Vater die Erfassung der Holokamera vor dem Eingang veränderte, um Arling ebenfalls ins Bild zu kriegen.
„Oh. Der sieht aber gut aus. Ist das dein Freund?“ Ihre Mutter strahlte geradezu.
„Hast du denn keine Augen im Kopf, Anusha? Das ist Graf Arling! Ihr kommandierender Offizier! Mylord, ich werde sofort die Tür öffnen!“
„Also doch nicht dein Freund? Was für eine Verschwendung“, murrte ihre Mutter.
Eleonor und Johann wechselten einen kurzen Blick. „Ich sage wann und wie, okay?“
„Okay. Was immer du willst.“ Zum Zeichen seines Eingeständnisses hob er die Hände.
Die Tür öffnete sich. Hologramme flammten auf und wiesen den Weg zu einem Aufzug. Sie markierten das oberste Stockwerk, was Ellie ein amüsiertes Schnauben entlockte. „Mir scheint, Vater hat vergessen, dass ich mich hier auskenne.“
„Vielleicht macht er das auch nur für mich“, bemerkte Arling.
„So? Das wäre aber eine Menge Aufwand, den er da betreiben würde. Ich glaube eher, meine Eltern haben den automatischen Wegweiser nicht abgestellt.“

Auf der obersten Sohle verließen sie den Fahrstuhl und traten in einen geschmackvoll eingerichteten Korridor in warmen Pastellfarben, der von der Nachmittagssonne effektvoll erhellt wurde.
„Mietsicherheit?“
„Die gegenüberliegende Wohnung gehört meinem älteren Bruder. Und ohne Siegel oder Erlaubnis aus der Wohnung kann hier sowieso niemand aussteigen. Es wundert mich, dass mein Siegel noch akzeptiert wird.“
„Wieso? Hast du gedacht, deine Eltern hätten dein Zimmer geräumt und deine Sachen zwischengelagert? Denkst du nicht, gerade dein Vater weiß, wie wichtig ein Zuhause für einen Raumfahrer ist?“
„Wohl gesprochen, Mylord.“ Der Mann aus dem Hologramm lächelte freundlich zu ihnen herüber, während seine Frau an ihm vorbei eilte und die Tochter in die Arme schloss. „Oh, mein Schatz, ich habe dich ja so vermisst. Warum hast du nicht Bescheid gesagt, dass du kommst? Dann wären deine Brüder nicht in die Hauptstadt ausgeflogen.“
„Tante Ellie, bist du das?“, rief eine helle Kinderstimme. Ein Mädchen von vielleicht sechs Jahren schoss aus der gegenüberliegenden Tür und flog der Kapitänleutnant entgegen. Sie umklammerte ihre Beine und jauchzte dabei vor Freude.
Eine junge blonde Frau kam hinterher, auf ihren Armen einen Jungen von vielleicht einem Jahr. „Hallo, Ellie. Den hier kennst du ja noch gar nicht, oder? Max, das ist deine Tante Ellie.“
Eleonor Rend hatte mittlerweile das Mädchen auf den Arm genommen und ließ sich von ihr drücken. So sah sie ihrer Schwägerin und dem jüngsten Familienmitglied entgegen. „Au, nicht an den Ohren ziehen, Susu. Hallo, Karen. Und du, kleiner Mann, bist also Maximilian?“
„Wir wollten eigentlich das du Pate wirst, aber…“
„Ihr habt ihn taufen lassen? Seit wann ist Mark denn zu den Christen übergelaufen?“
„Ist er nicht, das kann ich dir versichern. Aber er sagt immer, wenn man schon glauben muss, dann an die Religion mit den kleinsten Übeln.“
„Das ist aber der Buddhismus“, konterte Ellie, „und nicht das Christentum.“
„Ansichtssache, werte Schwägerin.“ Die beiden sahen sich an, dann lachten sie und vollbrachten das Kunststück, sich trotz der Kinder auf ihren Armen zu umarmen.
Nun endlich war ihr Vater an der Reihe. Stolz legte er eine Hand auf ihre Schulter. „Kapitänleutnant Rend. Es ist kaum zu glauben, in deinem Alter. Ein so hoher Rang und ein eigenes Schiff. Respekt, Respekt.“
„Danke, Vater“, murmelte sie, und das erste Mal seit sie Zuhause war, musste sie mit den Tränen kämpfen.
„Und der Herr ist?“, fragte Karen freundlich. „Dein Freund, Ellie?“
„Johann Armin Graf von Arling“, erklärte Ellies Vater, bevor Arling etwas sagen konnte, „Kommodore im Dienst des Kaisers und Ellies derzeitiger Vorgesetzter. Willkommen in unserem bescheidenen Heim, Mylord.“
„Kommodore also?“
„Kommodore hin, Kommodore her, wir sollten uns erstmal alle setzen. Es ist nicht nur für einen Grafen rüde, auf dem Flur stehen zu müssen. Muss ich einen Knicks vor Ihnen machen, Herr Graf?“
„Natürlich nicht, Madame. Und bitte, nennen Sie mich Han. Das tun alle meine Freunde.“
„So, so. Jetzt aber erst mal rein in die gute Stube. Kommst du auch, Karen?“
„Natürlich. Wer weiß wie lange Ellie diesmal zu Hause bleibt, da muss man doch jede Sekunde nutzen.“ Sie lächelte verschmitzt und ließ Arling und ihrem Schwiegervater den Vortritt.
„Graf Arling, ich…“
„Bitte, Hauptstabsbootsmann Rend, nennen Sie mich Han.“
„Hauptstabsbootsmann a.D., und bitte nennen Sie mich dann Stuart.“
Die beiden Männer tauschten einen Händedruck aus, der die neue Situation besiegelte.
„Ich werde erstmal Kaffee kochen. Oder bevorzugst du Tee, Han?“
Ellie verschluckte sich fast, als ihre Mutter vollkommen zwanglos zum Du wechselte, als wären sie Jahrzehntealte Freunde.
„Kaffee ist gut, Madame.“
„Anusha. Nicht Madame. Ich bin gleich wieder da.“
Der Hausherr führte die Gruppe weiter in die Wohnung, während die Mutter in der Küche verschwand. Sie gingen bis in einen lichten, weiten Raum, der eine riesige Fensterfront zum Innenhof aufwies. Die großzügige Sitzgruppe ließ keine Platzprobleme zu und gestattete aus jeder Position einen guten Blick auf den Balkon.
„Bitte, setzen Sie sich, Han. Ist Kaffee wirklich in Ordnung, oder mögen Sie etwas handfesteres?“
„Wie wäre es mit einem du, Stuart?“
Der Mann erstarrte für einen Moment. Dann stahl sich ein Lächeln auf seine Züge. „Das ist… Nun, etwas unerwartet. Aber wenn Sie… Wenn du darauf bestehst, dann gerne, Han.“
„Ich bestehe darauf.“ Arling sah zu Ellies Schwägerin herüber und lächelte. „Das gilt für die gesamte Familie.“
„Der gefällt mir. Und er ist wirklich nicht dein Freund, Ellie? Der würde gut zu dir passen, finde ich.“
„Karen, bitte!“, mahnte sie.
„So, hier kommt der Kaffee. Ich musste leider den Instant für den Expresskaffeeautomaten nehmen. Ich hoffe, du verzeihst mir das, Han.“
„Keine Sorge. So schlecht wie in der Flotte kann er gar nicht sein“, scherzte Arling, und erntete dafür ein gutmütiges Kichern der Hausherrin.

Während Ellies Mutter den Kaffee einschenkte, spielte Arling nervös mit den Fingern. Er sah zu seiner Verlobten, aber sie schien sich noch nicht zu der Entscheidung durch gerungen zu haben, wann die richtige Zeit gekommen war.
„Entschuldigt bitte, dass wir so überraschend hereinschauen. Ich hätte daran denken sollen, vorher anzurufen“, sagte Ellie kleinlaut.
„Was denn, was denn? Dies ist immer noch dein Zuhause, Ellie. Han, magst du Zucker oder Milch?“
„Nein, danke.“
„Trotzdem hätte ich dran denken sollen. Aber als ich gestern den Kaiser kennen gelernt habe, da…“
„Du hast Robbie kennen gelernt?“ Ihr Vater sah sie abschätzend an. „Was war dein Eindruck von ihm?“
„Ein guter Mann. Ein sehr fröhlicher Mensch, sehr freundlich, höflich, und nicht auf den Kopf gefallen.“ Sie dachte kurz nach. „Er hat ein enormes Wissen.“
Ihr Vater lehnte sich in seinem Sitzplatz zurück und lächelte sie an wie ein zufriedener Kater. „So, so. Dann hast du Robbie also wirklich persönlich kennen gelernt. Und ihm nicht nur die Hand geschüttelt.“
„Du kennst seine Majestät?“, fragte sie direkt.
„Ich hatte die Ehre, ihm einmal den Hosenboden stramm zu ziehen, nachdem er seine Wachaufgaben vernachlässigt hat. Auch von einem Kadetten muss man an Bord eines Kriegsschiffs volle Leistung erwarten können.“
„Du hast dem Kaiser den Hintern versohlt? Wie roh“, tadelte seine Frau.
„Ich fand das humaner als das Erschießungskommando“, erwiderte ihr Mann trocken. „Danach habe ich ihn ein wenig unter meine Fittiche genommen und ihm ein paar Extrastunden gegeben. Ich denke, ich habe einen passablen Offizier aus ihm gemacht. Seinen Kapitänsrang hat er sich jedenfalls erarbeitet.“ In seiner Stimme klang deutlich der Stolz auf.
Arling grinste schief und gab vor, an seinem Kaffee zu nippen.
„Du kanntest die Geschichte schon, nicht wahr?“, folgerte Ellie. „Du hast sie von Robbie gehört, richtig?“
Arling setzte die Tasse mit Bedacht ab. „Ja. Er hat mir sehr bewundernd davon erzählt, was dein Vater für ihn getan hat. Allerdings hielt sich seine Begeisterung für die Prügel in Grenzen.“
„Dann kennst du den Kaiser ebenfalls näher, Han?“, fragte Stuart.
„Wir sind eine Zeit lang zusammen aufgewachsen. Man kann sagen, wir sind fast wie Brüder.“ Arling sah wieder zu Eleonor herüber. „Rate mal, warum ich dich auf mein Schiff geholt habe.“
„Vitamin B? Beziehungen? Weil ich die Tochter meines Vaters bin wolltest du mir einen leichten Dienst bescheren?“, folgerte sie trocken und beinahe emotionslos.
„Falsch. Weil Robert viel von deinem Vater hält hat er mich gebeten, das Potential seiner Tochter auszutesten. Er hat viel von dir erwartet, Ellie, und ich glaube, er wurde nicht enttäuscht.“
„Das… Kommt jetzt etwas unerwartet“, murmelte sie.
„Dann muss ich dir also zweimal danken und dich einmal tadeln, Han“, sagte ihr Vater. „Tadeln dafür, weil ich es als Vater nicht gutheißen kann, dass du meine Tochter dieser tödlichen Gefahr aussetzt. Und loben muss ich dich einmal als Vater, der froh ist, dass seine Tochter in so guten Händen ist und als Offizierskollege, weil sie einen so hervorragenden Lehrmeister hat.“
„Tadel und Lob sind angekommen“, erwiderte Arling mit einem Nicken.
„So, nachdem das geklärt ist“, sagte ihre Mutter und wischte alle weiteren Fragen, Nöte und Zweifel vom Tisch, „muss ich mal etwas fragen. Wie lange wirst du bleiben können, Ellie? Und sollen wir für Han das Gästezimmer fertig machen? Oder schläft er in der Kaserne?“
„H-hier schlafen? Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“
„Ach komm schon, Ellie. Die Kinder würden sich freuen. Und deine Brüder auch.“ Karen lächelte sie an. „Du wirst uns das doch nicht antun und deine wenige Zeit hin und her pendeln? Also,wie lange kannst du bleiben?“
„Nicht ganz zwei Wochen“, sagte Arling. „Dann treffen wir uns mit den anderen Offizieren der Schwadron auf B-King.“
„B-King?“ Stuart zog die Augenbrauen hoch. „Warum ausgerechnet diese Welt?“
„Nun, ich wohne dort.“
„Was? Bist du etwa mit Herzog Beijing verwandt?“
Arling unterdrückte ein amüsiertes Schmunzeln. „Herzog Beijing ist mein Vater, Stuart.“
„Das erklärt warum du mit Robbie aufgewachsen bist. Gandolf von Beijing ist fünfter Thronerbe.“
Eleonor Rend wurde zunehmend blasser. „Ich sag es lieber gleich, bevor es nachher richtig Ärger gibt“, murmelte sie.
„Ärger? Warum das denn? Oh, Ellie, du willst doch nicht etwa wirklich in eine Kaserne ziehen? Bleib doch, bitte. Und ich verspreche dir, dass wir Han auch sehr gut unterbringen werden und…“
„Danke, Mom, aber das wird nicht nötig sein.“
„Du wirst ja wohl ein paar Tage daheim verbringen können“, schimpfte ihr Vater. „Du bist ohnehin kaum hier. Und Han kann sicherlich ein paar ruhige Tage vertragen. Immerhin weiß ich, dass er im letzten Gefecht schwer verletzt wurde.“
„Das meinte ich nicht, Vater. Han wird das Gästezimmer nicht brauchen.“
„Oh nein. Bitte sag mir nicht, dass er in einer Kaserne schlafen will. Ellie, rede doch mit ihm“, bettelte Anusha.
„Nein, das meine ich auch nicht. Mom, Dad, Karen, er wird in meinen Räumen schlafen.“
Sie erhob sich und langte nach Arlings gesunder Rechter. Dann zog sie ihn ebenfalls auf die Beine. „Wir sind verlobt“, sagte sie hastig und schloss die Augen im Angesicht des Donnerwetters, das sie erwartete.
Doch da war nichts, einfach nur Stille. Stille, Stille, Stille.
Vorsichtig öffnete sie die Augen wieder ein wenig. „Hallo? Sagt doch bitte was. Schimpft meinetwegen, aber sagt was.“
„Ich glaube, wir müssen dringend Sekt besorgen“, murmelte ihre Mutter. „In der Küche ist sicher noch welcher.“
„Meine Uniform. Ich muss meine Uniform sofort reinigen lassen. Wenn ich dich zum Altar führe, muss ich ja wohl gut aussehen“, sagte ihr Vater. Langsam erhob er sich.
Ihre Schwägerin sah sie an, erhob sich und legte fassungslos beide Hände vor ihr Gesicht. „Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag einmal kommen würde. Ich dachte wirklich, du…“ Übergangslos trat sie einen Schritt vor und schloss Ellie in die Arme. „Oh, ich gratuliere dir, Ellie. Ich freue mich so für dich.“
Stuart stand dem Grafen nun direkt gegenüber. „Hast du dir das gut überlegt, mein Junge? Du kennst sie, und das sogar besser als ich.“
„Es gibt keine andere für mich.“
„Dann willkommen in der Familie.“ Die beiden Männer schüttelten sich erneut die Hände.
„So, hier ist der Sekt. Und jetzt wollen wir dieses freudige Ereignis ordentlich begießen.“ Ellies Mutter drückte Arling zuerst ein Glas in die Hand und dann einen Kuss auf die Wange. Danach umarmte sie ihre Tochter.


4.
09.04.2613
Kaiserreich Katalaun
Montillon-System, vierter Planet Sanssouci
Planetare Hauptstadt Neu-Berlin
Kasernenanlage des Raumhafens ADMIRAL ANGWARD

Die Geschichte der Raumfahrt war auch zugleich die Geschichte der Exo-Skelette. Oder um es mit modernen Worten zu sagen, die Geschichte der Mechas.
Die Tradition Mechas im Weltall einzusetzen ging bis auf prästellare Zeiten zurück, in denen die heroischen terranischen Raumfahrer in primitiven Exo-Skeletten in der langen Nacht des Mondes Erze abgebaut hatten. Später hatte man Modelle modifiziert, um sie auch am Tag einzusetzen, ohne den Piloten tödlicher Gefahr in Form von Hitze oder Strahlung auszusetzen, und irgendwann einmal wurde ein solches Exo-Skelett mit aufgeschweißten Panzerplatten hochgerüstet, um während einer Arbeitermeuterei Barrikaden einreißen zu können.
Von diesen vergleichsweise simplen, ja, primitiven Modellen war man heutzutage sehr weit entfernt. Noch immer stellte die terranische Allianz die besten und am weitesten entwickelten Mechas her, aber das Kaiserreich Katalaun brauchte ihre in Massenfabrikation hergestellten Knights nicht unbedingt zu verstecken. Im Gegenteil, denn in dieser Sektion der Galaxis war der Knight der führende Kampf-Mecha.
Diese und ähnliche Gedanken gingen Charles Monterney, frisch zum Oberst beförderter Mecha-Pilot, durch den Kopf während er dabei zusah, wie ein Knight auf flammenden Düsen in den Mittagshimmel über dem Raumhafen aufstieg.
Die Rüster der Republik Yura-Maynhaus waren definitiv unterlegen, billiger konstruiert und schützten sich lediglich durch molekular geschichtete Panzerplatten. Die Knights hingegen hatten Schutzschirme, wenn auch nicht besonders starke.
Ein anderer Knight weckte Monterneys Interesse. Die Maschine war schneeweiß lackiert und trug auf der linken Schulter das Wappen des Kaisers, den goldenen Adlerkopf mit der Platinkrone. Die darunter angebrachten Zahlen und Buchstaben bezifferten diesen Mecha als Maschine eines Mitglieds der kaiserlichen Leibgarde, einer Einheit, die sich hinter einer Frontklasse-Truppe nicht zu verstecken brauchte.
Dahinter stand ein nachtschwarz lackierter Knight, bei dem man lediglich die Augen des Sensorkopfs rot umrandet hatte. Markierungen fehlten völlig, und für einen Moment dachte Charly wirklich, es würde sich um die Maschine eines Ninjas handeln.
Das Kaiserreich kannte viele Kommandosoldaten, aber nur die besten, die allerbesten kamen zu den Ninjas. Mehrsprachigkeit, Pilotenfähigkeiten, Nahkampferfahrung, hohe allgemeine Bildung, ein akademischer Grad und eine Verpflichtungszeit von zwanzig Jahren waren nur einige der Anforderungen, die an einen Ninja gestellt wurden. Ein Ninja musste sowohl in einem Knight kämpfen können als auch als Infanterist. Dazu gehörte obendrein das Patent eines Schiffoffiziers. Die Plätze unter den Ninjas waren hoch begehrt, aber diese Einheit nahm nur wenige Neuzugänge auf. Ein Grund dafür war die geringe Sterberate der Truppe, die selbst wie jetzt in Kriegszeiten so niedrig blieb. Nur ein weiterer Beweis dafür, welche Sorte Soldaten Teil dieser Einheit wurden.
Nun, er hatte sich nie für die Ninjas beworben. Er war weder ein passabler Infanterist noch hatte er die Qualifikation als Deckoffizier eines Raumschiffs. Er war den Knights verbunden, und das mit Leib und Seele. Er konnte Menschen führen, Wartungen organisieren, Nachschub verwalten und in seiner riesigen Maschine kämpfen, das hatte er oft genug bewiesen. Das musste der Flotte eben reichen.
Drei weitere Knights erregten sein Interesse, weniger wegen ihrer unauffälligen Lackierung in Tarnfarben, sondern mehr wegen den Waffen, die sie in Händen hielten.
Im Gegensatz zu den anderen Reichen in der näheren Umgebung wie Yura-Maynhaus und die Diadochen, die Mechas einsetzten, variierte das Kaiserreich seine Modelle nicht. Der Knight war ein belastbares, vielseitiges Arbeitstier mit Einsatzmöglichkeiten in einer Atmosphäre, im Weltall und sogar bis zu einem Außendruck von einhundertsieben Bar, was den Einsatz in Wasser und Hochgravitationsatmosphären einschloss.
Deshalb hatten alle Knights einer Baureihe – natürlich gab es Überarbeitungen, Verbesserungen und dergleichen – ein identisches Äußeres. Sie waren grundsätzlich humanoid, achtzehn Meter hoch, hatten eine Schulterbreite von sieben Metern und an der stärksten Stelle mit Rückentornister einen Durchmesser von vier Metern.
Die Knights wirkten wie gedrungene Menschen in klobigen Rüstungen und verfügten über einen zentralen, wie einen Ritterhelm wirkenden Sensorkopf, in dem sich ein Großteil der passiven und aktiven Ortung befand. Natürlich gab es redundante Systeme, um den Verlust der primären Ortung – meist mitsamt Kopf - auszugleichen. Aber die wirklich wichtige Eigenschaft des Knights war seine Bewaffnung. Es gab interne Waffen, zumeist Raketen oder Energiestrahler auf Tachyonen- oder Laser-Basis, und es gab die externen Waffen, die das breiteste Spektrum abdeckten. Magnetbeschleunigerwaffen, Klingenwaffen wie Schwerter, Äxte und Kampfdolche, Tachyonen- und Partikelgewehre, Laserwaffen, Lanzen, Speere, Projektilgewehre für Scharfschützenmissionen, und, und, und.
Die Vielfältigkeit der Peripheriebewaffnung machte den Knight erst so gefährlich. Es gab offiziell einhundert für den Knight entwickelte Armwaffen und sieben verschiedene Schilde, die teilweise selbst über Offensivpotential verfügten.
Zusammen mit dem leichten energetischen Schutzschild und der molekular geschichteten Panzerung war der Knight ein ernstzunehmender Gegner für jedermann.
Innerhalb der kaiserlichen Infanterie rechnete man es wie folgt: Ein Knight nahm es mit zwei bis fünf Rüster oder vergleichbaren Maschinen auf. Im Generalstab war man von der Überlegenheit dieser Waffe überzeugt.
Und er, Charles Monterney, würde bald über ein ganzes Regiment dieser effektiven Kampfmaschinen gebieten, dreihundert Knights. Dreihundert, verdammt. Was für ein Gegensatz zu eine Zeit, in der er als Major gerade mal dreißig dieser Kampfmaschinen kommandiert hatte, was gerade mal die Hälfte eines Bataillons war, dem eigentlichen Kommando eines Majors.
Und wenn er es lebend aus diesem Einsatz zurückschaffte, dann war für ihn der Generalslorbeer und vielleicht eine eigene Division drin, also durchaus bis zu eintausend Knights in drei Regimentern.
Oh, es würde eng werden auf den Startkatapulten, verdammt eng sogar, aber er hatte bereits in einer ersten Analyse festgestellt, dass es machbar war. Außerdem hätte Admiral Hohenfels ihm sicher kein Regiment zugeteilt, ohne zuvor die Platzfrage geklärt zu haben.

Die drei Camouflage-bemalten Knights erhoben sich auf ihren Plasmastrahlen in den Himmel. Die Tornister übernahmen dabei die Hauptgewalt, während die Beindüsen den Kurs stabilisierten. Einer der Knights brach abrupt aus dem Kurs aus, schlug einen halben Salto und feuerte seine Düsen auf Maximalstärke, was ihn abrupt stoppte. Für mehrere Sekunden hing die Maschine regungslos in der Luft, dann trat der Pilot die Düsen wieder durch und ritt nach einem weiten Bogen aufwärts hinter seinen Kameraden her, die weiterhin aufstiegen. Charles erkannte mit dem Blick des erfahrenen Soldaten, dass der andere Pilot gerade seine Maschine auf Herz und Nieren prüfte. Agilität war einer der großen Vorteile der Knights. In einer Atmosphäre oder Flüssigkeit verdichteten sie angesaugte Luft oder Wasser, um es mit Reaktionsmasse aus dem Fusionsreaktor ultraheiß wieder auszuschießen. Auf der Plasmaschockwelle ritt ein Knight in diesem Medium; im eisigen All gab es kein entsprechendes Medium, dort manövrierte ein Knight ausschließlich mit dem Plasma-Ausstoß aus dem Fusionsreaktor. Aufgrund der geringen bis gar nicht vorhandenen Dichte der gasförmigen Teilchen benötigte der Knight nur einen Bruchteil der Kraft, die er auf einem Planeten gegen den Widerstand einer Atmosphäre aufwenden musste, und erreichte zugleich zwanzigfache Beschleunigungswerte. Damit alleine waren sie den Feindeinheiten schon weit überlegen, wie der Kriegsverlauf bewiesen hatte.
Leiser Donner klang zu Charles herüber, als die drei Knights im Formationsflug über den Raumhafen hinweg flogen und dabei die Schallmauer durchbrachen. Dann zogen sie nach Süden weiter, in Richtung einer großen Trainingsanlage der Armee.
Dreihundert von diesen Babies würden bald auf sein Kommando hören. Das war wie die Erfüllung eines Traumes, an den er zuvor nicht einmal gewagt hatte zu denken.
Warum war er also nicht froh?

Leise seufzend lehnte er sich gegen einen Container mit Nachschubmaterial. In zwei Wochen würde er auf B-King sein, seiner Heimatwelt. Und anderthalb Monate später wieder über Springe, der Depotwelt, in deren orbitalen Werften die Schiffe der Flottille repariert und hochgerüstet wurden. Es würde ein neues Katapultsystem eingebaut werden, das dreißig Prozent mehr Hangarplatz versprach. Es würde… Himmel, er hatte Erlaubnis, Jaime zum Major zu befördern. Was würde der Junge sich freuen.
Ach, was machte er eigentlich hier? Er hätte längst in seinem Shuttle sitzen müssen, das ihn nach B-King brachte. Nach Hause. Stattdessen lief er auf dem Raumhafen herum und sah den Knights hinterher.
Gerade startete der Ninja. Die Bewegungen waren spartanisch, aber präzise. Der Pilot zog in die vorgeschriebene Starthöhe, bevor er für einen Moment verharrte, und danach in Westrichtung davon zog.
Für einen Moment hätte Charles an einen Zusammenhang geglaubt, denn wenn er sich recht entsann, lag im Westen Place des Étoiles, die Vorstadt, in der Ellies Familie lebte. Mittlerweile sollten Ellie und Han dort angekommen sein, und Charly fragte sich ernsthaft, ob er als Rückendeckung nicht besser hätte mitkommen sollen. Immerhin kannten Stuart und Anusha ihn. Und er kam mit ihren Brüdern aus. So im Nachhinein fragte er sich wirklich, was er hier machte, wenn seine Freunde ihn doch augenscheinlich brauchten.
Aber das der Ninja dorthin gestartet war, ordnete er unter Zufall ein.
Ja, was tat er hier? Er umgab sich mit seinen Knights, einem Thema, das er sicher beherrschte. Jedenfalls sicherer als enttäuschte Liebe, und die hatte ihn gerade völlig im Griff. Er hätte schreien mögen, laut und eindringlich schreien, zugleich war ihm nach heulen zumute. Konnte es eine schlimmere Kombination geben?
Was wohl Gandolf Zachary Herzog von Beijing sagen würde, wenn er Lucky Charly so sehen könnte? Der alte Mann hatte ihn stets wie einen Sohn behandelt, aber würde er die Verzweiflung des Jüngeren verstehen können? Die Kronprinzessin, ausgerechnet die Kronprinzessin, wie hatte er sich nur in so eine Frau verlieben können? Warum hasste das Universum ihn so sehr?
Und wie lange würde er leiden müssen, bis er sie vergessen hatte? Immerhin, es war noch früh genug. Er hatte sie gerade einmal einen Abend erlebt. Sie hatte ihn umgerannt, sie beide hatten sich unterhalten, und das war es gewesen. Wie lange konnte dieses Gefühl andauern, dieses rasende Herz, wenn er an sie dachte? Das flattern im Bauch, die weichen Knie?
Eine Woche? Zwei? Einen Monat vielleicht? Oder womöglich für immer?
Quatsch, es gab keine Liebe auf den ersten Blick. Das war nur Begeisterung, jungenhafte Begeisterung für ein hübsches Mädchen, und die würde bald wieder vergehen.

„Oberst Monterney, Sir?“
Charles sah auf. Ein Oberleutnant der Flotte stand steif vor ihm. Er trug die khakifarbene Dienstuniform und salutierte in seine Richtung.
„Ja, Oberleutnant?“
„Sir, Sie haben Ihren Kommunikator abgeschaltet.“
„Das ist richtig, Oberleutnant. Ich befinde mich auch offiziell im Urlaub.“
„Und Sie befinden sich abseits der öffentlichen Plätze, über die man Sie ausrufen kann.“
„Ich bin Knight-Pilot, und dies hier sind Knights. Ich erfülle die Sicherheitskriterien, um hier zu sein. Wo ist also das Problem?“
„Herr Oberst, würden Sie bitte Ihren Kommunikator aktivieren?“
„Ist das eine dienstliche Anweisung?“
„Ja, Sir.“
Seufzend langte Charly in seine Uniformjacke und schaltete den schmalen Stift ein.
Der Oberleutnant, Cassidy stand auf seiner rechten Brust, aktivierte ein Kommunikationsholo und kontaktierte seine Hauptstelle. „Suche einstellen. Ich habe Oberst Monterney gefunden. Informieren Sie den Kaiser, dass der Oberst seinen Kommunikator wieder aktiviert hat.“
Charly erstarrte. „Haben Sie gerade so etwas gesagt wie: Informiert den Kaiser?“
„Sicher, Sir. Der Kaiser hat versucht, Sie anzurufen. Als das nicht funktioniert hat, ließ er Sie ausrufen. Und als das auch kein Ergebnis brachte, wurde eine Hundertschaft in Marsch gesetzt um Sie zu suchen. Gut, das ist erst fünf Minuten her und ich dachte mir schon, wo ich Lucky Charly finden kann. Aber er hat sie in Marsch gesetzt.“
„Der Kaiser ließ mich ausrufen?“, fragte Charles erstaunt, Sekunden bevor sein Kommunikator anschlug. „Monterney.“
Vor seinem Gesicht entstand ein zweidimensionales Hologramm von Robert dem Fünften. „Charly, was machen Sie nur? Ich weiß ja, dass Sie im Urlaub sind, aber ich hätte schon erwartet, dass Sie den Kommi nicht ausschalten. Seien Sie froh, dass ich der Kaiser bin und Sie suchen lassen kann, sonst hätten Sie nie erfahren, dass Familie Rend Sie heute Abend zur Verlobungsfeier ihrer Tochter eingeladen hat.“
„Haben sich die beiden Feiglinge doch getraut?“, murmelte er amüsiert.
„Allerdings. Und die Eltern hatten nichts besseres zu tun, als eine Feier zu organisieren. Nichts großartiges, nur der engste Freundes- und Familienkreis. Und es ärgert mich maßlos, dass Sie über mir auf der Liste stehen, Charly.“
Der Mecha-Pilot wurde blass. „Sir, ich…“
„Na, ich werde das einfach mal darauf schieben, dass Sie eher zur Braut als zum Bräutigam gezählt werden, und die Brauteltern einladen. Dann ist das verständlich, und ich brauche mich nicht zu ärgern. Hören Sie, Lucky Charly, ich hole Sie in einer Stunde ab. Ausgehuniform, oder wenigstens ein passabler Anzug sind befohlen.“ Seine Majestät runzelte die Stirn. „Charles, Sie haben doch einen Anzug oder eine vorzeigbare Uniform?“
„Selbstverständlich, Sir.“
„Dann sehen Sie zu, dass Sie in eine reinkommen. Eine Stunde, haben Sie verstanden?“
Charles schmunzelte. „Jawohl, Sir.“
Na also, da hatte er doch schon eine Gelegenheit, seinen düsteren Gedanken zu entkommen.
***
Schließlich und endlich hatte sich Charles für den Dienstanzug entschieden. Er hatte zwar den einen oder anderen Anzug im Gepäck, aber sie erschienen ihm alle zu leger für so eine wichtige Veranstaltung wie die Verlobung seiner beiden besten Freunde zu sein. Also hatte er den Ausgehanzug des Heeres angelegt. Er war weiß, war allerdings an den Taschen, auf den Schultern und auf der Beinlitze schwarz abgesetzt, was ihn den Bodentruppen zuordnete. Die Gala-Uniformen der Marine waren an den gleichen Stellen golden bei den Offizieren und Silber bei den Mannschaftsdienstgraden bestickt.
Mit andächtiger Miene strich er sich über die linke Brust, auf der seine Orden befestigt waren. Für sein junges Alter von nicht ganz dreißig Jahren waren die fünf Auszeichnungen und zwei Kampagnenbänder schon sehr viel, und er hatte nicht vor, den noch leeren Platz auf seiner Brust lange frei bleiben zu lassen. Andererseits hätte er auch nichts dagegen gehabt, wenn der Krieg morgen überraschend vorbei gewesen wäre. Die Mitteilung seiner Majestät, dass sie nach verschleppten Bürgern des Kaiserreichs suchen würden, war ihm sehr sauer aufgestoßen. Der Konflikt dauerte schon lange genug, und irgendwann musst eine Staat doch auch mal zur Ruhe kommen, um seine Wunden lecken zu können. Rückführung der Bürger ins Reich, Wiederaufbau, Förderung von Versehrten und Witwen und Waisen, all das musste doch irgendwann einmal Priorität haben.
Als die Tür ohne anklopfen aufgerissen wurde, wusste Monterney, was die Stunde geschlagen hatte. Er verzichtete auf die Handschuhe, die zur Uniform getragen werden konnten, ebenso auf Dienstwaffe und Ziersäbel. Stattdessen griff er nach seiner weißen Schirmmütze mit dem Logo der Kaiserlichen Knight-Streitkräfte.
„SIR, SIR!“, rief der Eindringling außer Atem. „SIE GLAUBEN JA NICHT, WAS…“
„Was ist das denn für ein Benehmen, Matrose? Hat Ihnen niemand beigebracht, dass man anklopft, bevor man das Zimmer eines Vorgesetzten betritt?“
„JA, ABER SIR!“
„Junger Mann. Nun beruhigen Sie sich erst mal und holen Sie Atem. Dann sagen Sie mir, was Sie überhaupt von mir wollen.“
Der Mann atmete überrascht aus, wieder ein, setzte zum sprechen an und musste husten. Verlegen schöpfte er wieder Atem. „Seine Majestät ist im Innenhof gelandet, Sir, und hat nach Ihnen verlangt! Seine Majestät, Sir, der Kaiser!“
„Ach, dann ist er also da um mich abzuholen. Sehr gut.“
„Um Sie abzuholen?“, fragte der junge Bursche erstaunt.
„Ja, um mich abzuholen. Wir gehen zusammen auf eine Party bei gemeinsamen Freunden. Er hat mir angeboten mich mitzunehmen, dann brauche ich nicht selbst zu fahren und keinen Wagen der Fahrbereitschaft in Beschlag nehmen. Das ist doch ökonomisch, oder, Matrose?“
„N-natürlich, Sir. Das steht außer Frage, Sir.“ Verlegen und mit erster glimmender Bewunderung sah der Marine-Soldat ihn an.
„Na dann, ich will seine Majestät nicht warten lassen. Im Innenhof, sagten Sie, Matrose?“
„J-ja, Sir. Im Innenhof!“
„Gut.“ Die Schirmmütze in der linken Armbeuge verstaut verließ er seine Stube und betrat den Gang. Wie er vorhergesehen hatte, erwartete ihn bereits eine mittlere Schiffsbesatzung, die ihn neugierig beäugte und die Fenster zum Innenhof der Kaserne belagerte.
Charles machte sich klar, dass bald die abenteuerlichsten Gerüchte über ihn kursieren würden, aber er hatte sich nichts vorzuwerfen. Alles was er dem Matrosen gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen, die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Nur vielleicht etwas aus dem Zusammenhang gerissen.
Unter dem Raunen und vereinzelten Ehrenbezeugungen seiner Kameraden trat er auf den Innenhof unter die Kunstsonne des Raumhafens Admiral Angward.
Tatsächlich erwartete ihn die offizielle Schwebelimousine des Kaisers. Begleitet wurde sie von sechs blütenweiß lackierten Knights.
Souverän ging Charles auf den Kasernenhof hinaus und setzte seine Schirmmütze beim ersten Schritt mit vielfach geübter Präzision auf. Normalerweise machte er sich nicht die Mühe, die alte Präzision aus seiner Fähnrichszeit wiederzubeleben, aber diese Soldaten wollten eine Show. Und sie hatten eine Show verdient, verdammt.
Also schritt er, jeder Zoll ein erfahrener Feldoffizier, auf die Dienstlimousine seines obersten Feldherrn zu.
„Charles!“
Monterney zögerte nicht. Zögern bedeutete im Gefecht viel zu oft den eigenen Tod. Er ging weiter auf den Schweber zu, wenngleich die meisten seiner Sinne ihn auf Flucht trimmen wollten. Denn damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Die junge Dame, die in der offenen Tür der Limousine stand und augenscheinlich ein leichtes Cocktailkleid trug, hatte nicht besonders viel gemeinsam mit der ungeschminkten jungen Frau mit dem unkomplizierten Pferdeschwanz, die er gestern getroffen hatte. Die hier trug das schulterlange Haar zu einer modernen Frisur aufgesteckt und hatte ein dezentes Make-Up aufgelegt, welches sie reifer und schöner aussehen ließ. Dennoch, über ihre Identität gab es keine Zweifel. Dies war zweifellos Elisabeth Roxane Prinzessin von Versailles, die derzeitige Thronerbin Nummer eins und Nichte des Kaisers.
Charly zauderte nicht, obwohl ihm die Beine plötzlich schwer wurden. Er wankte nicht, obwohl seine Schultern mit einem ganzen Knight beladen zu sein schienen. Er scheute nicht, obwohl er Angst davor hatte, ihr in die Augen zu sehen.
„Hoheit“, sagte er, als er den Wagen erreicht hatte, und verneigte sich bei diesen Worten leicht.
Ihre Augen leuchteten auf, als sie ihn sah, verblassten aber bei der förmlichen Begrüßung. „Oberst Monterney. Wer hätte gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen würden.“
„Und das zu so einem erfreulichen Anlass“, klang Roberts Stimme auf. Er trat nun ebenfalls vor den Wagen und reichte Charles die Hand. „Wer hätte je gedacht, dass dieser Tag kommen würde.“
In der Ferne wurde gejubelt. Die Fenster flogen auf, vereinzelt standen wagemutige Soldaten in den Türen. Robert lächelte. „Schade. Ich hätte gerne ein paar Worte gesagt, aber leider haben wir es eilig.“ Er trat einen Schritt an den beiden vorbei und salutierte in Richtung der Soldaten. Dies löste weiteren Jubel und Ehrenbezeugungen aus, der der Kaiser zufrieden entgegen nahm. Dann winkte er noch einmal in die Runde und stieg wieder in den Wagen. „Chimney, bitte notieren Sie, dass ich der Kaserne demnächst einen Besuch abstatten werde. Wenn meine verdammte Verwaltungsarbeit mir schon nicht Zeit für die Fronttruppen lässt, dann vielleicht für jene, die in der Etappe ihre Kameraden unterstützen.“
„Jawohl, Majestät. Wäre in drei Tagen Nachmittags Recht?“ Der Sekretär seiner Majestät sah mit undefinierbarer Miene aus dem Fond des Wagens hervor. „Früher geht leider nicht, weil ich unsere heutigen Abendtermine so kurzfristig umleiten musste.“
Robert lachte bei diesem versteckten Vorwurf. „Einverstanden. Und ihr zwei, wollt ihr mit zur Party oder soll ich euch allein lassen?“
Elise sah verlegen zu Boden. Charles spürte, wie ihm das Blut in die Ohren stieg. „Majestät, ich versichere…“
„Schon gut, nur ein Scherz. Einsteigen, bitte. Der nächste Halt ist die Rend-Residenz.“
Hastig bot Charles der Kronprinzessin den Arm um ihr beim einsteigen zu helfen. Danach betrat er selbst den geräumigen Fond des Schwebers.
Als die Maschine startete, erhoben sich auch die Knights von ihren Positionen.

„Ich habe Robert schon von dem tollen Abend erzählt, den wir zusammen verbracht haben“, begann Elise und lächelte den Elite-Piloten freundlich an.
„So? Es freut mich, dass Eure Hoheit den Abend in guter Erinnerung hat.“
„Ich habe ihm auch von meinem kleinen Missgeschick am Umkleideraum erzählt, und wie souverän du damit umgegangen bist, Charles.“ Sie gluckste amüsiert, und selbst über die Miene seiner Majestät strich ein Lächeln.
„Sie ist halt ein richtiger Wildfang. Wie diese Frau jemals die Militärschule erfolgreich abgeschlossen hat ist mir ein Rätsel. Also, ich habe jedenfalls nicht befohlen, dass man dich bestehen lassen soll, Elise.“
„Das wäre ja auch noch schöner. Das habe ich alles aus eigener Kraft geschafft“, sagte sie in einem wehmütigen Ton. Ihr verzweifelter Blick bat Robert, sie nicht zu sehr zu triezen.
„Soweit ich weiß hat auch seine Majestät seinen Rang durch eigene Leistungen erreicht“, warf Charly ein. „Allerdings durch eine nicht ganz rechtmäßige Feldbeförderung während des Angriffs auf die Somona-Piraten.“
„Wärme das bitte nicht wieder auf, Charles“, brummte seine Majestät ernst. „Ich bin froh, wenn das in Vergessenheit gerät.“
„Nun, Majestät, es gibt keinen Grund dafür, diesen Akt der Bravour in Vergessenheit geraten zu lassen. Stattdessen sollte man die Situation an der Offiziersschule als Musterbeispiel in den Lehrplan aufnehmen.“
„Jetzt bin ich aber neugierig. Charles, was genau ist damals passiert?“
„Also, ich kann das ja wohl am besten erzählen, oder? Immerhin war ich dabei.“ Seine Majestät sah missmutig zu der Frau herüber, die seine kleine Schwester sein könnte. „Ich war Zweiter Offizier auf der BRETAGNE während des Einsatz gegen das Piratennest der Somona-Koalition. Es kam eben wie es manchmal kommen musste, mein Kommandierender Offizier fiel aus. Kurz darauf fiel auch der Erste Offizier aus, und ich übernahm das Kommando. Nach der Schlacht wurde ich von Admiral Hohenfels für die Dauer der Rekonvaleszenz meines Kapitäns temporär zum Kapitän befördert. Tja, wie das Leben so spielt begann danach die Revolution der Herzen gegen Frederec, und ein halbes Jahr später saß ich auf dem Thron. In dieser Zeit hat niemand daran gedacht, mir meinen temporären Rang wieder abzuerkennen, und als ich Kaiser wurde, wurde aus der temporären Beförderung eine permanente. Das ist die ganze Geschichte.“
„Aber du hast sie dir doch verdient, oder, Robert?“
Seine Majestät lachte auf. „Ich hoffe es doch. Wirklich, ich hoffe es.“
„Was seine Majestät verschweigt“, sagte Charles und lächelte dabei dünn, „ist die Tatsache, dass im Stützpunkt der Somona-Piraten hauptsächlich Frauen, Kinder und Halbwüchsige vertreten waren. Diese Menschen lebten schon seit mehr als hundert Jahren auf diese Weise und hatten ihre ganz eigene Kultur entwickelt, die hauptsächlich aus nehmen und schmuggeln bestand.“
Erschrocken sah Elise den Kaiser an. „Ihr habt gegen Kinder gekämpft?“
Charles lachte rau auf. „Entschuldigt, Hoheit. Ich habe meine Worte falsch gewählt. So entsteht ja der Eindruck als hätte die Flotte Zivilisten abgeschlachtet. Nein, im Gegenteil. Sein Skipper verfolgte einen recht harschen Kurs gegen die Piraten. Und dabei sah der alte Mann einfach nicht ein, dass es auch in dieser Volksgruppe Nichtkombattanten gab. Seine Majestät hingegen bewies Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl. Er hat es nicht nur geschafft, den gewalttätigen Konflikt zu beenden, er hat die Somona-Piraten sogar ins Reich integriert. Denn eigentlich sind sie ganz hervorragende Raumfahrer, die ihr Handwerk von Kindesbeinen an lernen. Da sie permanent im Weltraum leben, davon eine große Zeit in Schwerelosigkeit, verlassen sie ihre Refugien und Schiffe fast nie. Aber jene die es doch tun, und die in der Flotte dienen, haben einen exzellenten Start, sagt man.“
„Charles, musstest du mich so erschrecken? Ich dachte für einen Augenblick, du willst mir erzählen, Robert wäre ein Kriegsverbrecher.“ Mit gespieltem Zorn knuffte sie den Mecha-Piloten gegen die Schulter.
„Wenn er es getan hätte, hätte er jedes Recht dazu gehabt“, sagte Robert verstimmt. „Es mag sein, dass ich es besser gemacht habe, als ich die Kommandogewalt hatte. Aber bis zu diesem Punkt habe ich die Befehle meines Kapitäns buchstabengetreu ausgeführt. Das beinhaltete auch die Verhaftung und Isolierung aller männlichen Somona-Mitglieder ab einem Alter von zwölf Jahren. Wir waren nicht grausam, aber auch nicht gerade sehr nett.“
„Dennoch, Majestät. Ihr habt einen besseren Job gemacht. Einen sehr viel besseren Job. Und genau deshalb sollte man dieses Beispiel nicht verschwinden lassen.
Was ist eigentlich genau mit dem Kapitän passiert, Majestät? Offiziell ist nur bekannt, dass er für mehrere Monate ausgefallen ist und dann seinen Abschied nahm.“
Robert lächelte düster. „Er… stürzte durch eine ungesicherte Pforte und fiel eine Treppe hinab. Er kam sehr unglücklich auf und musste mehrere Wochen in einem künstlichen Heilkoma gehalten werden.“
„Wie praktisch.“
„Das war es in der Tat.“
„Und der Erste Offizier? Was ist mit ihm passiert?“
„Nervenzusammenbruch durch Überlastung. Der Bordarzt hat ihn dienstuntauglich geschrieben und isolieren lassen. Damit seine Nerven wieder zur Ruhe kamen.“
„Es freut mich, dass bei all dem Pech mit den vorgesetzten Offizieren ein Mann wie Ihr bereit stand, um die Arbeit zu Ende zu führen. Und weit besser, wie ich betonen möchte.“
„Wenn du noch eine Beförderung willst, Charles, musst du dich aber etwas mehr anstrengen. Solche offensichtlichen Schmeicheleien reichen noch nicht.“
„Darf ich mir einen Augenblick nehmen, um das Wort Schmeichelei nachzuschlagen? Es gehört nicht zu meinem geläufigen Wortschatz“, erwiderte Monterney nonchalant.
„Interessant. Wirklich interessant, Lucky Charly.“
„In der Tat, Majestät.“
„Wieso habe ich das Gefühl, dass eure Worte doppelte und dreifache Bedeutungen haben? Schließt mich nicht aus, Jungs.“
Der Kaiser löste seinen Blick von Charles und sah für einen Moment eindringlich zu seiner Nichte herüber. „Themawechsel. Was läuft da eigentlich zwischen euch beiden?“
„Majestät?“
„Tue nicht so unschuldig, Charly. Du wirst doch nicht etwa ernsthaft versuchen, die Prinzessin von Versailles anzuflirten?“
„Robbie!“, tadelte Elise und errötete leicht. „Privat bist du so diplomatisch wie ein Schwerer Kreuzer beim einparken!“
Charles Monterney gab sich einen sichtbaren Ruck. „Ich denke, die Warnung kam an, Majestät.“
Robert runzelte die Stirn. „Wie bitte?“
„Ich habe verstanden, Majestät.“
„Charly, ich bin nicht sicher, ob…“, begann der Kaiser, wurde aber vom Oberst unterbrochen.
„Majestät. Von Mann zu Mann. Ich habe verstanden.“
„Das klingt ja gut, denn ich habe es anscheinend nicht wirklich verstanden“, brummte Robert missmutig.
„Ihr zwei schließt mich ja schon wieder aus. Worum geht es?“
„Nur um Euch, Hoheit, und die Ehre, heute Abend euer Beschützer sein zu dürfen.“ Charles verbeugte sich so galant, wie man es im sitzen konnte. Dazu lächelte er nichts sagend.
Genauso gut hätte er der jungen Frau auch einen Kübel Eiswasser in den Nacken kippen können. Ihre Enttäuschung bei der Erkenntnis, was hier gerade geschah, sprach Bände.
Wieder runzelte der Kaiser die Stirn. Doch dann entschied er sich, dass es das beste für den Augenblick war, den Mund zu halten.
***
„Eure Majestät, es ist mir eine Ehre, euch in meinem Haus willkommen zu heißen.“ Herzlich breitete Stuart Rend die Arme aus, und Robert der Fünfte folgte der Einladung willig. Ebenso herzlich umarmte er den Älteren. „Es tut gut, dich endlich einmal wiederzusehen, Onkel Stuart. Ich wollte dich schon lange mal besuchen kommen, aber irgendwie war es den Aufwand nie so richtig wert.“
„Mit Aufwand meinst du sicherlich die Knights, die unauffällig über die Stadt verteilt sind, oder?“, spöttelte Eleonors Vater milde. „Das ist meine Frau Anusha.“
Der Kaiser verbeugte sich über ihrer Hand und hauchte einen Kuss darauf. „Es ist mir ein besonderes Vergnügen, die bessere Hälfte meines alten Lehrmeisters kennen zu lernen. Ich kann wirklich sagen, durch seine Schule ist es mir erst gelungen, so schnell zum Kapitän aufzusteigen. Und wäre mir das verflixte Kaiseramt nicht dazwischen gekommen, dann wäre ich jetzt schon Admiral der Flotten.“
„Es ist mir eine Ehre, euch kennen zu lernen, Majestät. Sie brauchen meinen Mann nicht derart zu loben. Ich weiß auch so, was ich an ihm habe.“ Die beiden lächelten sich an, und Robert verstand, was sie damit hatte sagen wollen.
„Meine Begleiter. Ich muss ihnen beiden Lucky Charly ja wohl kaum vorstellen.“
„Natürlich nicht. Immerhin habe ich ihn lange Zeit für den heißesten Anwärter auf den Posten als meinen Schwiegersohn betrachtet. Schön, dass du kommen konntest, mein Junge.“
„Was soll ich sagen, Stuart, der Kaiser hat mir keine Wahl gelassen. Hallo, Anusha. Fabelhaft siehst du heute aus. Ach, Stuart, das mit dem Witze machen üben wir aber noch, ja? Schwiegersohn, der war überhaupt nicht gut.“
Hauptstabsbootsmann a.D. Rend starrte den jungen Mann eine Zeit lang an und winkte dann ab. „Was auch immer. Robert, wer ist deine hübsche Begleiterin? Die werde ich kaum zu meinem zukünftigen Schwiegersohn lassen können, sonst ist ja das Glück meiner Tochter in Gefahr.“
Elise lachte über den Scherz – es war doch ein Scherz gewesen, oder? Sie ergriff die Hand des stämmigen Mannes und drückte sie fest. „Keine Sorge, ich bin Hans Cousine. Außerdem interessieren mich Männer nicht, die ich schon mal in ihrem Bärchenschlafanzug gesehen habe.“
„Wann war das denn? Vor zehn Jahren, als du auf B-King bei Hans Vater gelebt hast?“, hakte der Kaiser nach. „Oder letzte Woche?“
Die Anwesenden lachten, und Elise nutzte die Gelegenheit, um mit der Hausherrin Küsschen auf die Wange auszutauschen. „Eine Verwandte von Johann gehört natürlich zur Familie“, sagte Anusha Rend strahlend und so selbstsicher, dass sich jeder Widerspruch von selbst verbot. „Kommt, gehen wir rein, das glückliche Paar wartet sicher schon auf uns. Und Stuart möchte sicherlich die Zeit nutzen, um noch ein paar Worte mit seinem obersten Dienstherrn zu wechseln.“
„Dann lasst uns keine Zeit verlieren.“ Galant, aber auf eine ernüchternde Art bot Charles den beiden Frauen je einen Arm und geleitete sie vom Gang in die Wohnung.

Robert und der alte Rend wechselten einen kurzen Blick, dann deutete der Vater der Braut auf die bequeme Sitzecke. „Mach nur. Du hast alle Zeit der Welt.“
Dankbar nickte der Kaiser, nahm Platz und aktivierte sein Kommunikationsholo. „Bericht.“
„Sicherheitsdienst. Der Bereich um die Rend-Residenz wird von dreißig Agenten, zwanzig Polizisten, zwanzig Soldaten, zehn Zivilfahndern und neun Knights abgesichert. Des Weiteren wurde die Fregatte YORKTOWN in einen stationären Orbit über Place des étoiles postiert, um Angriffen von Flugzeugen und Raumschiffen vorzubeugen.“
„Sekretariat. Update zum Krieg wird verschickt. Zusammenfassung von Admiral Hohenfels lautet: Mach dir keine Sorgen und feiere schön. Keine gravierenden Veränderungen.“
„Geheimdienst. Die Terrorgruppe Heiliger Kreuzzug mit fünfzig aktiven Mitgliedern, aufgeteilt in neun separate Zellen, konnte heute ausgehoben werden. Wir rechnen mit fünfhundert Sympathisanten und Hintermännern aus Wirtschaft und Politik. Wir arbeiten daran. Überdies beobachten wir zwei autark arbeitende acht Mann-Zellen, die in der Nähe des Kaiserpalasts operieren. Verbindungen zu fünf niederrangigen Bediensteten des Palasts konnten nachgewiesen werden, bedeuten aber nicht automatisch subversive Tätigkeiten der Betreffenden. Wir gehen der Sache nach.“
„Computerverwaltung. Majestät, wir haben innerhalb der frei zugänglichen Datennetze ein erhöhtes Interesse an folgenden Suchbegriffen festgestellt: Elise, Elisabeth von Versailles, Versailles, Nachfolge, kaiserliche Nachfolge und Robert der Fünfte. Weitere achtzig Begriffe wurden ebenfalls erhöht abgefragt, sind aber nicht in Zusammenhang mit seiner Majestät zu bringen.“
„Noch mal Sekretariat. Anweisungen, Majestät?“
„Nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich melde mich in drei Stunden noch einmal. Gute Arbeit. Ich danke ihnen allen dafür.“
Seufzend deaktivierte der Kaiser das Hologramm wieder. „Verdammt, wenn ich gewusst hätte, was für ein Haufen Arbeit damit verbunden ist, dann hätte ich diesen Scheiß Job nie angenommen.“
„Hättest du doch. Weil ich dir was beigebracht habe?“, tadelte Rend.
„Wenn ich vor meiner Verantwortung fliehe, übernehmen schlechtere Männer und Frauen meine Aufgaben. Und schlechtere als ich leisten schlechtere Arbeit. Schlechtere Arbeit bedeutet negative Folgen für jene, die mir unterstellt sind.“
„Und das gilt genauso für einen Offiziersposten wie für das Kaiseramt.“ Rend deutete auf den unauffälligen Kommunikator. „Entschuldige das ich mitgehört habe. Was ist das für eine Gruppe, der Heilige Kreuzzug?“
„Mir liegen nicht alle Fakten vor, aber sie besteht vor allem aus jungen Menschen, die an religiös motivierten Schulen rekrutiert werden. Sie sind der festen Auffassung, dass nur ein christlich durchdrungener Staat, der ausschließlich von Menschen bewohnt wird, in dieser feindlichen Umgebung bestehen kann.“
„Rassisten“, stöhnte Stuart Rend.
„Schlimmer. Rassisten mit Endzeitvisionen. Und im Moment haben sie enormen Zulauf. Immerhin führen wir auf der anderen Seite des Reichs mit Jemfeld und Zyrrtek Krieg, und beide Reiche sind – mit Verlaub – Alien-Reiche.“
Stuart sah den Kaiser streng an. „Robert, habe ich dir nicht beigebracht, dass es genau diese Art Bezeichnung ist, mit der Rassismus anfängt? Nenne sie fremde Kulturen, Nichtmenschliche Kulturen, aber nicht Aliens. Das ist ein Schimpfwort. Ich weiß, du meinst es nicht so, aber wenn der Kaiser dieses Wort in den Mund nimmt, macht er nicht nur das Wort salonfähig, sondern auch alles, wofür es steht.“
„Du hast ja Recht. Hast du eine Ahnung, unter welchem Druck ich stehe? Ich kann nicht immer auf das achten, was ich sage.“
„Das solltest du aber. Und anscheinend reicht der Druck nicht aus, um auf deine Spielwiese zu verzichten, auf die du dich nach jeder Feier erst einmal zurückziehst.“
„Manchmal muss ich einfach unter Freunden sein, sonst bringt der Job mich noch um. Danach ertrage ich den Druck einfach viel besser. Oder kannst du mir eine Methode nennen, wie ich den Stress los werde?“
Rend hob an zu sprechen, aber der Kaiser winkte ab. „Oh, ich weiß was jetzt kommt. Ich weiß es. Aber nein, ich bin noch zu jung zum heiraten! Außerdem werde ich niemals freiwillig eine junge Frau diesen Haien und Aasgeiern aussetzen, die sich Reporter und freie Presse schimpfen. Wem soll ich das denn antun?“
„Du solltest sogar noch mehr tun und endlich einen Erben in die Welt setzen. Meinst du nicht, dass Elisabeth davon am meisten profitieren würde?“
„Und das arme Kind wäre vom ersten Tag an in einer persönlichen Hölle. Warum rätst du mir so etwas?“ Tadelnd sah der Kaiser den Unteroffizier an.
„Weil dir beides gut tun würde. Eine Frau, ein Kind. Etwas Entlastung von der Presse, mehr Reputation vor dem Rat und dem Parlament. Robert, sieh es doch ein. Du brauchst etwas verlässliches Glück. Du kannst deine Spielwiese doch ruhig behalten, aber teile sie mit jemandem. Sieh mich an. Ich war erst komplett, als ich geheiratet hatte und mein Ältester unterwegs war.“ Vertraulich legte Rend eine Hand auf die Schulter des Kaisers. „Vertrau mir einfach, so wie immer.“
„Und woher nehme ich jemanden, der verrückt genug ist, sich ausgerechnet diese Arbeit anzutun? Eher finde ich eine sichere Passage durch das nächste Schwarze Loch. Nein, das ist falsch formuliert. Wo finde ich jemanden, der diesen Job auch nur einen einzigen Tag überlebt?“
„Vielleicht nicht auf dieser Welt, Majestät. Aber euer Reich umfasst hunderte Systeme.“
Robert lachte rau. „Was soll ich machen? Glasschuhe verteilen und sehen wem sie passen? Einen großen Ball für alle nichtverheirateten Frauen des Reichs geben und mir aus ihnen eine aussuchen? Oder soll ich durch ein paar Innenstädte gehen und mir solange Passanten ansehen, bis mir eine gefällt?“
„Die letzte Idee gefällt mir am besten“, sagte Rend mit sanfter Stimme. „Aber sieh es ein. Du kannst nicht ewig im gestern bleiben. Du kannst nicht ewig um deine Eltern trauern. Und du darfst nicht immer sagen, du willst keine Kinder, weil du nicht möchtest, dass sie so traurig aufwachsen wie du.“
Der Kaiser beugte sich vor und legte sein Gesicht in beide Hände. Müde rieb er sich die Augen. „Es gab da mal jemanden. Eigentlich die perfekte Kandidatin. Oh, ich war so verliebt. So verdammt verliebt. Aber es hat nicht sein sollen.“
„Was ist passiert?“
„Ich ging zur Offiziersschule, und sie ging zurück in das ferne Sternensystem, aus dem sie gekommen ist. Oh, ich war so ein Idiot. Ich kenne nur ihren Vornamen, ihren einfachen Vornamen.“
„Na, na“, tadelte Rend und klopfte nun stärker auf den Rücken des Kaisers. „Was einmal klappt, klappt auch ein zweites Mal. Du wirst dich sicher wieder verlieben. Wichtig sind dann aber zwei Dinge: Erstens, gib ihr nicht das Gefühl, das du sie von dir fortstößt. Und zweitens, gehe es langsam an und handle nicht überstürzt. Schließlich soll es zweihundert Jahre halten, oder?“
Der Kaiser schnaubte unterdrückt. „Und du willst wirklich nicht mein persönlicher Berater werden, Stuart? Überlege es dir. Dienstwagen, tolles Gehalt, eigenes Büro, eigene Mitarbeiter.“
„Ich bin mit meinem jetzigen Job mehr als zufrieden, mein Junge.“ Rend erhob sich. „Komm, wir gehen rein, bevor Han und Ellie uns vermissen.“

Nach einer herzlichen Begrüßung, und nachdem die anderen Gäste ihre Scheu vor dem prominenten Ehrengast abgelegt hatten, verteilte sich die improvisierte Party über die ganze Wohnung, also beide Stockwerke und den Balkon.
Der Kaiser fand sich schnell dort wieder, ein Glas Sekt in der Hand, in Konversation mit Eleonor Rend und mit einem wundervollen Blick auf den Innenhof. Über ihnen funkelten vereinzelte Sterne, aber das größte Leuchten ging von der Fregatte aus, die ab und an die Manöverdüsen feuerte, um den stationären Orbit zu halten.
Ellie deutete mit ihrem eigenen Glas nach oben und fragte: „Schutzengel?“
„Einer von vielen, Ellie. Vielleicht hast du ihn noch nicht gesehen, aber im Innenhof ist auch einer.“ Seine Majestät deutete hinab, in eine Baumgruppe, wo sich erst auf dem zweiten Blick ein Schatten abhob.
„Wow. Steht da ein Knight?“
„Ein Ninja. Einer von meiner persönlichen Garde. Du kannst sagen, einer von den besten, die wir an der Front dringend brauchen würden, die aber für meine Sicherheit sorgen müssen, weil es genügend Idioten gibt die glauben meinen Job besser machen zu können als ich.“
„Ein Ninja gleich.“ Ellie pfiff anerkennend. „Ich habe mal mit dem Gedanken gespielt mich zu melden.“ Sie sah auf und Schalk glimmte in ihren Augen. „Aber mein Schwanz war zu kurz.“
Seine Majestät erlaubte sich ein verlegenes Hüsteln, während Eleonor Rend über ihren eigenen Witz kicherte. „Ma´am, wenn Sie erlauben, werde ich den weitererzählen – an die Kommandantin der Ninjas.“
„Kommandantin? Ehrlich? Ich dachte nur Männer werden da Mitglied.“ Sie kicherte erneut. „Tschuldigung. Entschuldigung, Robbie, aber das ist nicht mein erster Sekt. Und wenn ich dieses Zeug trinke, dann falle ich immer in meinen Kameradenjargon.“
„Ist schon in Ordnung. Wir sind ja unter uns.“
Ellies Miene wurde nachdenklich. Verlegen spielte sie mit dem Stiel ihres Glases, während sie seine Majestät betrachtete. „Ich glaube, ich verstehe jetzt erst richtig, was du ertragen musst, Robbie. Mein Job ist schon schwer, aber du…“
„Denk nicht drüber nach, Eleonor Rend. Dies ist deine Verlobungsfeier, und ich will dich fröhlich sehen. Sonst ist Han nicht fröhlich, und wenn er nachforscht warum du nicht fröhlich bist, kommt er zu mir, und ich kriege wieder eine Kopfnuss.“
Ellie lachte und verschüttete dabei fast ihr Getränk. „Das war ja auch ein Bild für die Götter.“
„Ich hoffe, du erzählst das nicht weiter. Vor allem deinen Brüdern nicht. Sie sind ja nett, aber die Geschichte mit der Kopfnuss wäre ein gefundenes Fressen für sie.“
Ellie nickte ernst. „Ja, das würde Han in ihrer Achtung ellenweit hoch schnellen lassen.“
„Oh. In dem Fall müssen wir es ja erzählen“, scherzte der Kaiser.
„Besser nicht. Das gönne ich ihnen nicht, diesen ekligen Halunken.“ Sie stürzte ihr Glas und sah den Kaiser mit bitterer Leidensmiene an. „Weißt du was die beiden veranstaltet haben als sie nach Hause gekommen sind? Witze haben sie gerissen. Mark hat gesagt, dass sie mich dann ja doch nicht ungeöffnet zurück schicken müssen, und Gerrit hat Han gefragt, ob er wirklich so verzweifelt ist, um ausgerechnet mich zu heiraten. Und so was schimpft sich dann großer Bruder.“
„Du meinst die gleichen Brüder, die den ganzen Abend schon von ihrer Schwester und ihrer kometengleichen Karriere schwärmen?“
Ellie nickte.
„Die Han auf die Schulter klopfen, mit ihm lachen und scherzen und heitere Anekdoten zum besten geben?“ „Äh…“
„Und die schon zweimal auf dein Schiff geprostet haben?“ „Äh, ja…“
Der Kaiser schmunzelte. „Dann lass sie doch ihre Witze machen. Sie waren wohl einfach nur erstaunt darüber, dass du entgegen ihrer Erwartungen doch noch einem Mann die große Ehre gewährst, dich zum Altar zu führen. Und nebenbei, Johann Armin Arling ist nicht gerade die schlechteste Partie. Er ist immerhin Kommodore, Ellie.“
„Von deinen Gnaden.“
„Natürlich von meinen Gnaden. Alle Offiziere werden im Namen des Kaisers befördert. Aber ich hätte aus ihm einen Konteradmiral gemacht. Stattdessen wurde er Kommodore. Daran kannst du sehen, wer bei den Beförderungen das sagen hat: Ich oder Miranda.“
„Kommt ihr langsam mal wieder rein?“, sagte ein fröhlicher Mark Rend und winkte von der Tür. „Elise will einen Trinkspruch für Han und dich halten, Ellie.“
„Na, da müssen wir wohl.“
„Moment noch.“ Ellie beugte sich über die Brüstung des Balkons und winkte in Richtung des Ninjas. Dabei bewegten sich ihre Lippen. Als sie sich wieder aufrichtete, wirkte sie sehr zufrieden.
„Was sollte das denn, Kapitänleutnant Rend?“
„Na, ein Ninja wird ja wohl Lippen lesen können, oder?“ Sie schmunzelte. „Ich habe ihm oder ihr für die aufopfernde Arbeit gedankt.“
„Ich verstehe immer mehr, warum dir Han mit Haut und Haaren verfallen ist“, murmelte Robert nachdenklich und ging den Geschwistern hinterher.

Arling erwartete den Kaiser bereits. Ihre Blicke trafen sich, danach ging der Blick des Grafen durch den Raum und blieb an einem Mann in Gala-Uniform hängen, der nicht zu den Gästen gehörte. Robert verstand. Die Arbeit hatte ihn wieder. Er seufzte und setzte sich in Richtung des Kuriers in Bewegung. Dabei lächelte er in die Runde, tauschte mal hier, mal da ein Nicken aus, und bekam so erst spät mit, dass der Mann ein goldenes Kreuz aus seinem Kragen zog und es mittig küsste. Dann fixierte er Elise und zog den Ziersäbel, der zu seiner Uniform gehörte.
Robert wurde es heiß und kalt zugleich. Im Raum waren keine Leibwächter, er hatte es nicht für nötig gehalten. Niemand, der nicht tausendfach gecheckt worden war, hätte es je auf dieses Stockwerk geschafft. Außer diesem Mann, der ihm – wenn er ehrlich war –vollkommen unbekannt war. Und Elise ahnte nichts, war in Plaudereien mit Gerrit vertieft. Dann sah sie Robert an, lächelte, wollte ihr Glas heben, als der Offizier den Säbel schon halb hervor gezogen hatte.
Dann ging alles ganz schnell.
„Uuuuups! Das tut mir jetzt aber Leid, junger Mann. Ich wollte Sie nicht umrennen!“ Charles Monterney stand über dem Offizier, der sich plötzlich am Boden wiedergefunden hatte, und tätschelte ihm die Wange. „Wo habe ich Sie denn getroffen, junger Mann? Die Kehle? Das Kinn?“ Grinsend zog er Säbel und Futteral vom Gürtel des Offiziers. „Das machen wir besser mal ab, sonst verletzen Sie sich noch beim aufstehen. Können Sie das? Aufstehen, meine ich?“
Der Mann sah verwirrt hoch, wollte sich aufrichten, da sauste aber schon Charlys gestreckte Rechte heran und traf ihn auf die Nase. Sie brach mit einem unheilvollen Knirschen.
„Und jetzt ist er ganz in Ohnmacht gefallen. Tut mir Leid, man sollte bei einem Mann von meinem Format eben nicht unnötig im Wege herum stehen.“ Er lächelte in die Runde. „Sorry, Han. Ich bring den Bengel mal an die frische Luft, ja? Scheint als würde er Erwachsenenatmosphäre nicht so gut vertragen.“ Mit diesen Worten lud er sich den Bewusstlosen auf die Schulter und ergriff den Säbel mit der Rechten. „Bin gleich wieder da.“
Entsetzt stellte Robert fest, dass er vergessen hatte zu atmen. Aufgelöst und überhaupt nicht kaiserlich eilte er auf seine Nichte zu und schloss sie in die Arme. „Robert, was ist denn? Willst du nicht lieber den beiden nachgehen? Der Kurier war doch bestimmt für dich hier, und dann hat Charles ihn so rüpelhaft behandelt.“
„Später, mein Schatz.“ Er unterdrückte das Zittern seiner Hände. „Jetzt lass mich dir dafür danken, dass du einen Trinkspruch auf unseren Han ausbringen willst.“
„Ach, dafür war das. Hat seine Majestät schon etwas zuviel getrunken und wird leutselig?“
„Was auch immer. Euer Spruch bitte, Elisabeth von Versailles.“
Die Prinzessin lächelte gezwungen. Sie verstand nicht ganz was gerade passiert war, aber sie war Profi genug, um das zu überspielen, wie die meisten Menschen die gezwungen waren, ihre Leben in der Öffentlichkeit breitgetreten zu sehen.
„Ellie und Han. Ich habe eigentlich keinen Spruch, sondern einen Befehl: Kommt gefälligst beide gesund wieder nach Hause und setzt dann eine Fußballmannschaft Arlings in die Welt.“
„Rends!“, beharrte Gerrit und stürzte sein Glas die Kehle hinab. „Wenn, dann wird eine Fußballmannschaft Rends gezeugt. Wenn sie danach noch Lust und Zeit haben, können sie ja meinetwegen an Arlings arbeiten.“
Die Gäste lachten über den Scherz und auch seine Majestät lachte höflich mit.
Han war plötzlich an seiner Seite. „Du hast es gesehen?“
„Ja. Ich gehe nachsehen. Sag einfach, ich muss meine Berichte abrufen.“
„Sag mir was da passiert ist. Egal ob du hiernach weg musst oder wiederkommen kannst.“
„In Ordnung, großer Bruder. Außerdem sorge ich dafür, dass so was nicht noch mal passiert.“ Der Kaiser fühlte, wie seine Hände zitterten. „Nie wieder.“
„In Ordnung. Ich halte hier die Stimmung aufrecht.“
Arling wechselte einen Blick mit seinem Schwiegervater in spe, der stumm nickte und seine Majestät zur Tür begleitete.
„Will Robert etwa schon gehen?“, beschwerte sich die Hausherrin prompt.
„Nein, nur den Boten befragen. Sobald er wieder bei Bewusstsein ist“, erwiderte Arling, und hatte unerwartet die Lacher auf seiner Seite.

Im Flur lag der Mann säuberlich ausgebreitet auf dem Teppich. Allerdings hatte Monterney ihm bereits die Uniformjacke, die Stiefel und die Hose ausgezogen. Auf einem Beistelltisch lagen die Gegenstände, die er bei sich getragen hatte, während der Säbel außerhalb der Reichweite des Mannes an der Wand lehnte. Nur für den Fall, dass er plötzlich erwachte und glaubte, Widerstand würde sich noch lohnen.
„Majestät. Ich habe dem Sicherheitsdienst bereits Bescheid gegeben. Er erwirkt noch eine Hausdurchsuchung beim Schnellrichter, dann wird er eintreffen und den Mann abtransportieren lassen.“
„Das geht einfacher“, sagte der alte Rend ernst und löste vom Eingang her die Haustür aus. Im Erdgeschoss würde nun ein Spezialistenteam in den Fahrstuhl rennen und das Mistding verfluchen, weil es nicht schneller fuhr.
„Was hatte er bei sich?“, fragte der Kaiser.
Charles deutete auf den Beistelltisch. Dort lag das Goldkreuz, seine Brieftasche, ein paar lose Münzen und eine Packung Kaugummi. „Vorsicht vor dem Kaugummi. Es riecht merkwürdig, Majestät.“
Robert nahm das Paket in die Hand und wedelte sich vorsichtig Luft zu. „Gift.“
Ebenso vorsichtig legte er das Paket wieder aus der Hand. „Ausweis?“
„Sicherlich. Sonst wäre er nicht durch die Sperre gekommen. Ich habe aber noch nicht nachgesehen.“
Stuart Rend holte das Versäumnis nach und durchblätterte die Brieftasche. „Die Abzeichen stimmen. Der saubere Herr ist Leutnant in der Admiralität. Aus dem Stab von Hohenfels. Heute kann man wirklich keinem mehr trauen.“
Der Kaiser sah den Mecha-Piloten ernst an. „Verdammt, Lucky Charly, weißt du eigentlich, was du da gerade getan hast?“
„Meine Pflicht, denke ich.“
„Nein, du hast meinem engsten Verwandten das Leben gerettet. Und dafür danke ich dir, Charles. Elise bedeutet mir eine Menge. Hätte dieser Attentäter sie verletzt oder sogar getötet, ich… Ich…“
Charles ergriff die dargebotene Rechte und drückte sie fest. „Eher wäre ich gestorben als zuzulassen, dass Elise etwas geschieht.“
Erstaunt sah der Kaiser den Offizier an. „Charles, das erinnert mich an einen Punkt, den ich noch mit dir besprechen wollte. Ich…“
„Keine Sorge, Majestät. Ich bewundere sie nur. Und ich weiß wo mein Platz ist.“
Bevor der Kaiser antworten konnte öffnete sich der Fahrstuhl und entließ ein Team des Geheimdienst, begleitet von einer Rettungscrew.
„Sichern sie den Mann gut. Er hat versucht, Prinzessin Elisabeth zu töten.“ Mit diesen wenigen Worten hatte der Kaiser eine Anklage wegen Hochverrats ausgesprochen. Die Geheimdienstmänner, allesamt Leute mit denen Robert seit Jahren zusammen arbeitete, nickten grimmig.
„Kein Wort zu den Medien. Sie hat nichts gemerkt, und ich will, dass das so bleibt.“
„Verstanden, Majestät. Wer hat den Attentäter so mustergültig erledigt? Der Kerl ist immer noch bewusstlos.“
„Dieser Mann hier, Oberst Monte… Charles?“
„Er ist wieder rein gegangen. Und das sollten wir auch tun, Robert.“
„Ja, du hast Recht. Entschuldigen sie uns, meine Herren.“
Hinter Stuart betrat er wieder das Rend-Domizil. Er sah, wie Elise auf einen Charles Monterney mit steinerner Miene einredete, bevor sie sich wütend abwendete und ihre Konversation mit Gerrit Rend fortsetzte. Der Kaiser seufzte leise. Noch ein Grund, sich keine Beziehung zu wünschen. So etwas war kompliziert, einfach kompliziert. Auf den Gedanken, es könne sich trotzdem lohnen, war seine Majestät noch nicht gekommen.


5.
22.04.2613
Kaiserreich Katalaun
Montillon-System, vierter Planet Sanssouci
Stationärer Orbit über Neu-Berlin

Seufzend betrachtete Eleonor Rend aus dem Lobbyfenster der STRESEMANN den grüngelben Ball unter sich, der für sie Heimat bedeutete. Ihre Heimat, und das heute, nach den zwei Wochen mit ihrer Familie, mehr als je zuvor.
Sie fühlte, wie zwei kräftige Arme sie von hinten umschlangen. „Das hat Spaß gemacht, Ellie. Das müssen wir unbedingt wieder machen, nachdem wir von unserer Mission zurückkommen.“
Sie streichelte die Hände des Mannes hinter sich und lächelte. „Ich habe mich bei meiner Familie noch nie so wohl gefühlt wie diesmal. Früher haben sie mich immer beäugt und mich kritisiert, weil ich unbedingt zur Marine wollte. Aber jetzt, wo ich Kapitän meines eigenen Schiffs bin, jetzt, wo wir beide verlobt sind, da… Da ist irgendwie alles anders.“
Arling küsste den Nacken seiner Zukünftigen. „Das liegt wohl einfach daran, dass Mark und Gerrit die Ergebnisse fleißiger Arbeit respektieren. Und du warst sehr fleißig.“
Sie drehte sich in seiner Umarmung um und gab ihm einen sanften Kuss. „Vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass du da warst, Han. Ich habe mich noch nie so komplett gefühlt wie in den letzten Tagen.“
Johann Arling lächelte sie zärtlich an. „Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Ich kann es eigentlich immer noch nicht glauben, dass ein Wesen wie du bereit ist, mit einem primitiven Menschen wie mir zusammen zu leben.“
„Hätte das ein anderer als du über Graf Arling gesagt, würde ich ihn vor eine Kanone meines Schiffs binden und persönlich auf den Feuerknopf drücken“, tadelte sie. „Eher muss ich dankbar dafür sein, dass du dich dieser hässlichen, einfältigen Kuh angenommen hast, die du immer mit dir durchziehen musst.“
„Du weißt von meiner geheimen Beziehung zu Lenie?“
Prustend begann Eleonor zu lachen. „Du bist unmöglich, Han.“
„Und du kannst froh sein, dass du es warst, die so schlimme Dinge über meine Verlobte gesagt hat. Jeden anderen hätte ich übers Knie gelegt.“
„Hat schon mal ein Psychologe mit dir über deine geheimen Begierden geredet, Johann Arling?“, hauchte sie verschwörerisch. Ihr sanfter Kuss auf sein Ohrläppchen ließ ihn erschaudern.
„Wegen Typen wie euch beiden hat Gott die Privatkabine erfunden“, murrte Charles Monterney. „Du wurdest doch letzte Woche gesund geschrieben, Han. Was hält euch noch zurück?“
„Mensch, Charly, schiebst du immer noch Frust? Weißt du denn nicht mehr? Du hast vorgestern die Tapferkeitsmedaille Erster Klasse aus den Händen der Prinzessin erhalten, inklusive Kuss! Es gibt Männer, die würden für so etwas töten!“
„Es war nur auf die Wange“, murrte Charles, „und ich wünschte, sie hätte das gelassen. Anscheinend hat der ganze Planet die Ordensverleihung gesehen, und ein Dutzend Reporter hat mich schon gefragt, wann denn meine Verlobung ist. Mit ihr, meine ich. Also, manche Menschen haben eine Phantasie…“
Arling lächelte Ellie verschwörerisch an. „Siehst du, er ist doch gefrustet. Er wollte wohl lieber einen richtigen Kuss von der liebreizenden Prinzessin haben. Etwas, was ihn auf dem Weg in die nächste Schlacht beschützt und ihre Liebe…“
„KANNST DU DAMIT NICHT MAL AUFHÖREN?“ Wütend funkelte Charles seinen besten Freund an. Dann wandte er sich abrupt um und verließ die Lobby.
„Mist. Warum ist mein bester Freund nur noch sturer als ich?“
„Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder? Ich meine, ich berechne dir liebend gerne einen kompletten Sprungkurs durch das galaktische Zentrum, heute noch, wenn du willst, aber bitte verlange von mir nicht zu kapieren wieso sich Charly wie ein Idiot aufführt.“
„Es gibt jetzt wichtigeres. Diesmal müssen wir es meinem Vater sagen. Und wenn wir erst mal wieder auf B-King sind, wird sich Lucky Charly schon wieder abregen. Vielleicht wird er sogar vernünftig. Okay, das wohl eher nicht.“

„Deiner Schulter geht es anscheinend wieder gut, Großer!“, klang eine bekannte Stimme hinter ihnen auf. Gerard Rössing kam lächelnd herein, ging auf die beiden zu und reichte ihnen die Hand. „Gut seht ihr aus. Und deine Eltern haben dich ja leben lassen, Ellie. Die ganze Panik für nichts und wieder nichts.“
„Entschuldige, dass wir dich nicht zur Verlobungsfeier einladen konnten“, murmelte Eleonor schuldbewusst. „Aber meine Eltern habe sie so kurzfristig angesetzt, du hättest es nicht mehr geschafft, von Versailles herzukommen.“
„Ist in Ordnung, ist in Ordnung, ich war doch bei der richtigen Feier dabei, oder?“
Johann lachte kurz auf, als er an den kleinen Umtrunk dachte, den er mit seinen Offizieren veranstaltet hatte, nachdem er und Ellie einander die Liebe gestanden hatten. Es hatte Milch gegeben, aber die Wünsche waren alle herzlich und die Stimmung hervorragend gewesen.
„Ja, das warst du. Ich bin gespannt, wie Arlene reagieren wird.“
„Apropos verlorene Küken. Wo ist Charly? Ich muss ihm unbedingt zu seiner neuesten Beute gratulieren. Ich weiß ja, dass er ein wüster Aufreißer ist, aber die Kronprinzessin habe ich doch als eine Nummer zu groß empfunden.“
„Sag ihm so etwas besser nicht. Er ist in einem größeren Stimmungstief als wenn er gerade als Dienstunfähig für den Knight geschrieben worden wäre.“
„So schlimm? Was ist passiert? Hat Elisabeth ihm einen Korb gegeben?“
„Oh“, sagte Ellie, der nun einiges klar wurde, „es gab einen Korb. Allerdings hat Charles ihn verteilt – an den Kaiser und an die Kronprinzessin.“
„Er ist ein Idiot“, fügte Arling erklärend hinzu.
„Also, das wissen wir ja schon länger. Aber warum? Ich meine, ich glaube nicht wirklich daran, dass sie ihn vom Fleck weg geheiratet hätte, und ich glaube auch nicht, dass es mit den beiden ernst geworden wäre, aber warum hat er es denn nicht wenigstens probiert?“
„Er ist ein Idiot“, half Arling erneut aus.
„Ein schlüssiges Argument.“ Rössing grunzte unzufrieden. „In drei Tagen steigt Lenie zu?“
„Und in weiteren zwei erreichen wir B-King. Ein ganz schöner Rundkurs, wenn man bedenkt, dass B-King und Versailles eigentlich Nachbarsysteme sind.“
„Du wolltest den Rundkurs nehmen, um Lenie einsammeln zu können. Also beschwere dich nicht, wenn wir deine Heimat statt in einem erst in fünf Tagen erreichen“, erwiderte Gerry schmunzelnd.
Johann sah durch das Lobby-Fenster hinaus ins Weltall. „Meine Heimat. Danach wird alles nur noch schwerer für uns. Also, genießen wir diese Pause so lange es uns möglich ist.“
Keiner der beiden anderen Offiziere hatte das Gefühl, dass Johann Armin Graf zu Arling übertrieb.
***
„Da geht sie hin“, murmelte Gerrit Rend zufrieden und sah in den Tageshimmel hinauf. Irgendwo da oben, überspielt von der Lichterflut der heimischen Sonne Montillon, startete in diesem Moment die interstellare Reisefähre, die seine Schwester und seinen zukünftigen Schwager zum Besuch bei SEINER Familie bringen würde. Nachdem der Besuch bei IHRER Familie glimpflich abgelaufen war.
Er hatte es Ellie natürlich nicht sagen können, zumindest nicht direkt, aber er war froh, dass dieser eingetrocknete Mohnkuchen nun doch vernünftig geworden war, und sich einen Kerl gesucht hatte. Persönlich bewunderte er ja den großen Mut des jungen Grafen, aber insgeheim schwor er ihm blutige Rache, wenn er es wagte, seine kleine Schwester nicht glücklich zu machen. Wenn nur dieser Krieg nicht wäre. Wenn die beiden nur nicht in der Flotte dienen würden. Wenn es doch nur nicht so viele wenns im Leben gegeben hätte.
Wenigstens hatte sie diesmal alles richtig gemacht. War nach Hause gekommen, hatte ein paar Tage dort verbracht. Hatte ihren Verlobten ordentlich vorgestellt, und bei der Gelegenheit hatte die ganze Familie Rend ihren ganz persönlichen Kaiser erhalten. Und wenn er ehrlich war, dann war ihm die Tatsache, dass auch eine eigene Kronprinzessin dabei gewesen war, nicht gerade unrecht gewesen. Eine charmante Plauderin, intelligent, gewitzt – und in der Flotte. Natürlich. Warum zog es die schönsten Mädchen nur immer zum Dienst an der Waffe? Was war aus den guten alten Zeiten geworden, in der eine Florence Nightingale auf der prästellaren Erde das Bild der fürsorgenden, Lebensrettenden Krankenschwester geprägt hatte? Und wann hatte er wohl Gelegenheit, Elise wieder zu sehen? Rein beruflich, natürlich.

„Gerrit, hast du schon gehört? Es gibt bald eine neue Säuberung.“
Irritiert erwachte der junge Rend aus seinem Tagtraum. Neben ihm stand einer seiner Kommilitonen aus dem Jura-Bereich. „Was, bitte?“
„Säuberungen. Und ich meine nicht den täglichen Großputz im Hörsaal. Der Geheimdienst fischt die Christen ab.“
„Fischt die Christen ab. Es sollte ein Gesetz gegen derartige verbale Verbrechen geben.“
„Schaff mal lieber Gesetze gegen richtige Verbrechen. Sieben Leute von unserer Uni kommen seit gestern nicht mehr in die Vorlesungen, und zu Hause sind sie auch nicht. Fakt ist, sie gehörten alle der Kreuzbruderschaft an. Und die Kreuzbrüder, die noch zu den Vorlesungen kommen, steht seit heute unter der Überwachung vom Geheimdienst.“
„Sag mal, hast du gestern zu scharf gegessen, Iesaia Cormick? Du redest einen Stuss daher, es ist unglaublich.“
„Aber es ist wahr! Oder glaubst du vielleicht, diese Typen in den schwarzen Anzügen dahinten sind nur auf dem Retro-Trip und wollen die Modesünden des letzten Jahrhunderts wiederbeleben? Und siehst du nicht wie sie hinter Fischer und Magnol hergieren? Sind beides Präzeptoren in der Kreuzbruderschaft und an dieser Uni ihre ranghöchsten Vertreter.“
„Sag mal, woher weißt du das alles? Und warum glaubst du, das würde mich auch nur für eine Sekunde interessieren?“
Sein Gesprächspartner grinste Rend frech an. „Das weiß ich alles aus den Flugblättern, die heimlich verteilt werden. Ja, so ein Flugblatt hinterlässt weniger Spuren als eine Website. Und warum ich glaube, dass es dich interessiert? Du bist doch auch ein Kreuzträger. Und du warst schon auf ein paar Versammlungen der Kreuzbruderschaft, oder? Wenn der Kaiser ausflippt und die Säuberung befiehlt, stehst du ganz oben mit auf der Liste. Dann wäre es vielleicht besser zu wissen, auf wessen Seite du stehen solltest.“
„Ach. Jetzt sag auch noch, das ist deine Seite.“
„Nicht meine, unsere. Achte auf die Zeichen, mein Bruder. Die Säuberung wird kommen, genauso wie die Adepten der Kreuzbrüder verschwunden sind. Und auch bei den Moslems und bei den Buddhisten rumort es. Da ist was im Busch, sage ich dir.“
„Falls der Kaiser ausflippt.“
„Sobald der Kaiser ausflippt. Sein Onkel ist ja auch durchgedreht, oder?“
„Frederec und Robert kann man nicht vergleichen.“ Gerrit zog eine Augenbraue hoch. „Und außerdem kenne ich den Kaiser nun persönlich. Ich weiß, dass er nicht ausflippen wird. Schon gar nicht wegen ein paar religiöser Spinnern.“
„So. Und diese Nummer hast du dem Kaiser wirklich geglaubt? Denk mal drüber nach, Bruder Rend. Wir sind nur ganz kleine Lichter auf dieser Welt, und mit einem dämlichen Ausfallschritt zur Seite kann uns dein Robert auslöschen.“
„Was er nicht tun will.“ „Aber vielleicht irgendwann tun muss.“
Iesaia ließ den jungen Rend stehen -  mit einem Haufen unpraktischer Gedanken im Kopf.


6.
24.04.2613
Republik Yura-Maynhaus
Satellit TROJA, Position geheim
Regionalflottenverwaltung Yura-Maynhaus Sektor Grün
Büro Admiral of Sector Juri Goldman

Als auf sein zögerliches Klopfen eine kräftige Stimme herein sagte, trat Commander Coryn Griffin ein in das allerheiligste der Flottenbasis TROJA – das Büro vom Sektorenadmiral.
„Sir, ich melde mich wie befohlen.“
Admiral Juri Goldman, ein im Dienst ergrauter Mann um die hundert, sah kurz von seinen Akten auf und nickte. „Griffin. Kommen Sie rein und machen Sie wieder ordentlich hinter sich zu. Was wir hier besprechen, hat Streifen nicht zu interessieren.“
Coryn konnte sich kurz ein grinsen nicht verkneifen. Streifen, das war das Jargonwort für Unteroffiziere. Und diese, nämlich seine beiden Petty Officers im Vorzimmer hatten das gehört, ja sollten es hören. Der alte Admiral liebte es, wenn die Menschen wussten wo ihr Platz war. In Coryns Fall im Stillgestanden, bis sein Vorgesetzter etwas anderes befahl.
„Setzen Sie sich, Griffin, es wird länger dauern.“ Eine Akte schlitterte über den mit altmodischen Papierakten bedeckten Schreibtisch. „Sagt Ihnen der Name Johann Arling etwas?“
„Arling? Sie meinen jetzt nicht Graf von Arling, Sir?“
„Doch, genau den meine ich. Diesen Verrückten, der ein Vierteljahr mitten in unserem Kernreich gewütet hat wie ein Berserker. Der die Frechheit besessen hat, nicht nur drei unserer Kriegsschiffe zu entern, sondern sie auch noch als Prise nach Hause zu führen. Ein prächtiges Husarenstück. Ich wünschte, Arling wäre einer meiner Offiziere.“
Coryn lächelte dünn. Das war die andere Marotte des Admirals. Er schätzte gute Arbeit über alles. Und vom Standpunkt eines Raumfahrenden Soldaten hatte Graf Arling sehr gute Arbeit geleistet, zumindest für das Kaiserreich Katalaun. Er nahm die Akte auf und begann darin zu blättern. „Hm, sie rüsten unsere Schiffe um?“
„Auf, ist das treffende Wort. Auch die RHEINLAND und ein zum Verband befohlener Zerstörer werden aufgerüstet. Ich habe mich ein wenig für unsere ehemaligen Einheiten interessiert und dem Geheimdienst befohlen, ihre Spur zu verfolgen. Sie wurden in Werfteinrichtungen um die Depotwelt Springe verbracht, wo die Schiffe von Grund auf erneuert werden. Neue Abwurfanlagen, neue Waffen, neue Reaktoren, neue Antriebe, neue Zielsuchsysteme, und, und, und. Wenn dieser kleine Verband fertig ist, dann haben wir hier die schlagkräftigste Flottille, mit der wir uns bisher herumschlagen mussten.“
„Ich verstehe. Wissen wir, was der Kaiser mit dieser kleinen, schnellen Flottille plant? Soll ich mich auf ein Seek&Destroy vorbereiten, Sir?“
„Was? Oh, Sie vermuten, dass der Kaiser den Verband erneut hinter unsere Linien schickt, um uns damit zu demütigen, gegen unsere eigenen Schiffe kämpfen zu müssen. Nun, das würde ich normalerweise annehmen, vor allem nachdem Arling sich in dieser Form der Kriegsführung hervorragend bewährt hat.
Ein guter, umsichtiger Mann. Die zerstörten Frachter haben nicht einen Mann verloren, und als er merkte, dass er seine vielen Gefangenen nicht ernähren konnte, hat er sie der CALAIS gegen Ehrenwort mitgegeben. Hervorragend, wirklich hervorragend. Er kriegt ne gute Presse, ist die unnützen Esser und den damit verbundenen Risikoherd los und bringt auch noch drei zusätzliche Fregatten nach Hause.“
Der Admiral sah auf. „Es stört Sie doch nicht, wenn ich Arling so beweihräuchere, Griffin?“
„Es steht mir nicht zu Gesicht, meinen kommandierenden Admiral zu korrigieren, Sir.“
„Ah, diplomatische Antwort. Ich hoffe das kommt davon, dass Arling auf meine Leute abfärbt.“
„Wenn Sie es wünschen, Admiral, werde ich Graf von Arling studieren.“
„Machen Sie das, aber bitte nur nebenbei. Sie können sicherlich noch was lernen. Wussten Sie, dass Arling zwei Jahre jünger ist als Sie? Trotzdem wurde er neulich zum Kommodore befördert und hat die vier Schiffe und den zusätzlichen Zerstörer als eigene Flotte erhalten.“
„Nein, das war mir noch nicht bekannt.“
„Erregt es nicht Ihren Neid?“
„Wenn Sie es wünschen, Sir, werde ich auf Kommodore Arling neidisch sein. Persönlich sehe ich dazu jedoch keine Veranlassung. Das wäre nur der Fall, wenn ich ihm in einem Gefecht unterliegen würde.“
Der Admiral grinste burschikos, erhob sich und ging zum einzigen Schrank im Büro. Er öffnete die Bar und kam mit zwei schweren Schwenkern Cognac zurück. „Ich habe eine Aufgabe für Sie, Griffin. Wissen Sie, was einen wirklich guten und großartigen Offizier ausmacht?“
„Sir?“
„Wissen Sie es?“
„Erfolg in der Schlacht, wenige Verluste, kaum Rückschläge beim erreichen seiner Ziele, Ruhm, den er auch verdient.“
„Fast. Das macht einen annehmbaren Offizier aus, aber keinen wirklich guten. Um großartig zu werden brauchen Sie folgendes: Einen ernstzunehmenden Rivalen. Wie wäre es, Commander Griffin, wollen Sie Ihre eigene Flottille haben, den Rang eines Commodore, und Johann Arling als Ihren Gegner und Rivalen?“
„Wenn damit eine Beförderung zum Commodore verbunden ist, Sir, würde ich sogar den Kaiser als persönlichen Rivalen akzeptieren.“
„Freche Antwort. Aber die Sache ist die: Arling muss Sie akzeptieren, nicht umgekehrt.“
Der Admiral drückte dem Commander eines der Gläser in die Hand. „Also abgemacht. Sie sind Commodore. Zeitpunkt ab sofort. Sie kriegen Ihre eigene Flottille, bestehend aus einem Leichten Kreuzer, einem Zerstörer und drei Fregatten, moderne Frontklasse-Schiffe. Und Sie werden ab sofort der persönliche Schatten von Johann Arling sein. Und wenn Sie die Chance sehen ihn zu besiegen, tun Sie es.“
„Was genau erwarten Sie von mir, Sir?“
„Arling ist durch den Sieg in Riverside in der Republik beinahe so beliebt wie Robin Hood auf der Erde. Er schlägt die Edelleute und lässt die Gemeinen laufen. Wenn wir ihn vernichten, dann nur mit gleichwertigen Einheiten. Es muss nicht einmal beim ersten mal klappen, denn wenn Sie sich als sein Rivale etablieren, mein lieber Coryn, dann wird es unsere Bevölkerung auch akzeptieren, wenn Sie eines Tages Dickschiffe gegen ihn auffahren.“
„Ich denke, es ist etwas früh, um über so etwas nachzudenken, Sir. Viel wichtiger ist die Frage wohin diese Flottille unterwegs sein wird, wenn sie wieder ausläuft.“
Das Gesicht des Admirals verzog sich respektvoll. „Habe mich schon gefragt, wann Sie die Kernfrage zur Sprache bringen.
Es ist so, die Umbaumaßnahmen an den Schiffen werden gut zwei Monate brauchen. An Bord werden einige der besten Offiziere und Mannschaften sein, die derzeit verfügbar sind. Es wird eine eilige, beinahe schon überstürzte Mission sein. Die Schiffe werden aufbrechen, sobald die letzten Tests erfolgreich waren. Also genügend Zeit für Sie, Ihre eigene Flottille zu trainieren und auf Arlings Geschwader vorzubereiten. Ich kann Ihnen aber nicht versprechen, dass Sie sofort gegen ihn antreten werden, denn unser neuer Lieblingsfreund Arling wurde auf die Diadochen angesetzt.“
Griffin runzelte die Stirn. „Die Diadochen, Sir? Haben wir nicht ein Abkommen, das besagt, dass wir das Reich unserer Bündnispartner mit unseren Kriegsschiffen nicht betreten dürfen?“
„Oh ja, das haben wir. Aber es wird ihnen reichlich egal sein, wenn Sie mit Ihrer Flottille mit Arlings Flottille den Boden aufwischen, nachdem er reichlich Ärger in den Diadochen gemacht hat. Bis dahin halten Sie sich bedeckt und geben sich als Söldner aus. Die Diadochen mieten gerne Söldner an.“
„Sir, wenn das rauskommt, kann es unser ganzes Bündnis sprengen.“
„Wenn es rauskommt und auf dem Verhandlungstisch landet, dann werde ich Sie opfern wie ein Unteroffizier einen zu weit runter gebrannten Zigarrenstumpen in den Dreck wirft, seien Sie sich da sicher. Die Identifizierungscodes als Söldner – geklaut. Die Hatz auf Arling – auf Ihrem eigenen Mist gewachsen. Ihr Kopf –  in einer Schlinge, die ich persönlich zuziehen werde. Haben Sie das verstanden?“
„Sie schicken mich also in die Hölle?“
„Finden Sie es nicht auch, dass die Chancen ausgeglichen sein sollten? Warum sollten Sie es besser haben? Achten Sie nur darauf, dass Arling genügend Schaden angerichtet hat, bevor Sie ihn stellen. Sonst ist der Effekt nicht der gleiche.“
Eine weitere Mappe landete auf dem Schreibtisch. „Die Gryanischen Söldner, eine alte Hauseinheit der Könige des Herculeanums, die während der Diadochenkriege ins bezahlte Gewerbe gewechselt ist. Zur Zeit befindet sie sich in unseren Gewahrsam. Illegale Grenzübertretung. Über ihre Internierung wurde nichts verlautet, und das können wir mindestens noch ein halbes Jahr so halten. Bis dahin übernehmen Sie deren Identität, und zwar so lange wie Sie sie brauchen.“
„Gryanische Söldner? Wir sollen als Diadochenschlappies auftreten?“
Der Admiral lachte und endete in einem Hustenanfall. „Sie haben Schneid, mein Junge. Sie haben wirklich Schneid. Commodore sind Sie ja schon. Aber ich verspreche Ihnen, wenn Sie mir Arlings Kopf bringen, dann werden Sie Rear Admiral.“
„Und Toast, wenn ich versage“, knurrte Griffin.
„Na, Na, so schlimm wird es schon nicht. Schaffen Sie es auf unser Gebiet zurück, kriegen Sie einen schönen Schauprozess, in dem ich Ihre Schiffskapitäne und Offiziere außen vor lassen werde. Sie bekommen eine schicke lebenslängliche Freiheitsstrafe, aus der ich Sie erlöse, sobald die Wogen geglättet sind. Dann setze ich Sie in Ihrem alten Rang wieder ein.“
„Und wenn ich in den Diadochen vor Gericht gestellt werde, Sir?“
„Dann sind Sie wirklich Toast, mein lieber Griffin. Also, was sagen Sie?“
„Meine Schwester würde jetzt sagen: Manchmal muss ein Mädchen eben sehen wo es bleibt.“
„Das fasse ich als ja auf.“ Eine dritte Mappe flog in Griffins Hände. „Hier, Ihre Schiffe und die wichtigsten Offiziere. Außerdem Ihr Marschbefehl.“
„Sehe ich das richtig, Sir?“, fragte Coryn mit hochgezogener Augenbraue. „Wenn ich es nicht freiwillig getan hätte, hätten Sie es mir befohlen?“
„Ja, aber dann wäre es Essig mit dem Rear Admiral gewesen. Ach, und noch etwas, Griffin. Die dunkelhaarige Schönheit mit der herculeanischen Capitaine-Uniform, die jetzt im Vorzimmer sitzen dürfte, wurde uns von einem lokalen Hausfürsten zur Verfügung gestellt. Der Mann ist unser Agent und seine Untergebene wird als Ihre Führerin fungieren. Sie weiß auch sehr viel über die Gryanischen Söldner und wird Sie und Ihre Offiziere entsprechend trainieren. Ihr Name ist Cockroach, oder so ähnlich.“ Der Admiral trank seinen Glasschwenker aus. „Noch einen?“
„Nein, danke, Sir, nicht im Dienst.“
„Na, dann verschwenden Sie nicht länger meine Zeit. Guten Tag und… Viel Glück, Coryn.“
„Danke, Sir, für beides, Sir.“
„Für beides?“
„Für den Rang eines Commodores und für meinen persönlichen Rivalen. Ich werde ihn vorzüglich behandeln.“
Der Admiral grinste burschikos. „Ich freue mich auf Ihre Berichte.“

Griffin verließ das Büro und kam ins Vorzimmer. Dort wartete tatsächlich eine Frau um die dreißig, welche die reich mit Gold verzierte Uniform in preußisch blau trug, die Offiziere der herculeanischen Könige getragen hatten – und die in einigen Teilreichen der Diadochen noch immer populär war. Sie sprang auf, als Griffin durch die Tür trat.
„Sir. Capitaine Juliet Cochraine, Zweite Flotte der Souveränität Nowgorod. Ich melde mich zum Dienst.“
Cockroach, ha, ging es Griffin durch den Kopf. „Folgen Sie mir, Capitaine Cochraine. Ihre Arbeit beginnt sofort.“
***