Nix darf man

GeschichteAbenteuer / P12
10.07.2009
10.07.2009
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Es gibt da eine Frage, die Eltern schon beschäftigt, seit sie selbst einem gewissen Alter entwachsen sind: Dem, ein Kind zu sein. Merkwürdigerweise scheinen Eltern ab einem bestimmten Punkt zu vergessen wie sie sich selbst als Kinder gesehen haben, wie sie damals ihre eigenen Eltern gesehen haben. Manchmal scheint es, sie übernehmen klaglos alle Fehler und Vorurteile, die ihre Eltern im Bezug auf sie selbst gehegt haben. Manchmal scheint es, sie haben einfach alles, wirklich alles hinter sich gelassen, was sie damals ausmachte. Als würde jemand mit einem großen arkonidischen Sauger terranischer Produktion vorbeikommen und all das Gute dieser Tage absaugen.
Eventuell erinnerten sie sich aber auch nur viel zu gut daran, wie es war ein Kind zu sein.
Oder noch schlimmer, ein Teenager.
Im Moment hatte ein terranischer Teenager ein Riesenproblem mit seinen Eltern. Und die Eltern hatten mit ihr ein noch viel größeres Problem, denn sie war der mächtigste Teenager der Welt.
***
Mit einem sarkastischen Grinsen folgte John Marshall den Ausführungen der jugendlich wirkenden Frau vor sich, während diese einer kleineren Version ihrer selbst Vorhaltungen machte.
"So schon mal gar nicht, junge Dame! Muss ich denn erst einen Energieschirm um dieses Haus spannen, damit du Abends endlich mal Zuhause bleibst? Das war das vierte Mal! Das vierte Mal, Missy, und das bedeutet Hausarrest! Und wenn das heißt, dass ich dich mit einem Traktorstrahler fesseln muss, ich werde es tun!" Zornbebend sah Anne Marten-Sloane auf ihre Tochter Laury herab. Wie hatte das nur passieren können? Gestern hatte sie noch geblinzelt, und heute trug Laury keine Windeln mehr, hatte das Krabbelalter hinter sich gelassen und schminkte sich, wollte der aktuellen Mode entsprechend Miniröcke tragen und mit Jungs ausgehen.
Laury indes tat so als würde sie das alles nichts angehen. Dies schien ihre Taktik dabei zu sein, diesen rigorosen Anschiss zu überstehen.
"Und lies ruhig meine Gedanken, junge Dame, denn diesmal meine ich es bitter ernst! Deine Klasse will doch einen Ausflug auf den Mond machen, oder? Zwei Wochen Skifahren im Mare Serenity! Du willst dir doch mit Phoebe, Cathy und Helga ein Zimmer teilen, nicht? Das kannst du vergessen!"
Nun regte sich das erste Mal etwas im Gesicht des jungen blonden Mädchen. Pures Entsetzen entsprang ihren Zügen. "Aber Mom", begehrte sie auf, "alle fahren mit auf den Mond! Wir fliegen zum Landeplatz der Stardust rüber, und das kommt dann in der Abschlussprüfung dran! Und ich will doch so gerne sehen wo Onkel Perry und Onkel Reginald gelandet sind, und..."
Ein klarer, verzweifelter Gedankenimpuls entstand in John Marshalls Geist. Die Tochter von Anne und Ralf flehte ihn geradezu an, ihr zu helfen.
John verzog dabei keine Miene. Die jüngste Mutantin der Erde war vierzehn, und damit mitten im Hormonstau angekommen. Für die Eltern war das der Anfang der Hölle, und dabei hatte sie noch nicht einmal die schwarze Phase erreicht, in der kleine Mädchen nur noch schwarze Klamotten trugen, Dark Blue Trash von depressiven Ferronen hörten und wirklich rebellisch gegen ihre Eltern wurden.
John schüttelte deutlich den Kopf und machte damit deutlich, dass er seinen Standort als neutralen Beobachter nicht aufgeben würde, egal was seine Patentochter auch tat.
Laury seufzte verzweifelt. "Mom, es war doch nur einmal mit Philip. Wir waren nur spazieren und haben ein Eis gegessen!"
"Das sage mal deinem Vater, wenn er vom Tarula-Einsatz zurückkommt! Dem wird es gefallen, dass sich seine kleine Tochter nach acht am Goshun-See herum getrieben hat!" Sie fasste sich in einer theatralischen Geste an den Kopf. "Oh mein Gott, mein kleines Baby am Goshun-See, um diese Uhrzeit! Was dir alles hätte passieren können!"
Nun hielt es John doch für nötig einzugreifen. "Anne, versuche doch bitte nicht, einen Telepathen mit solchen Argumenten in die Enge zu treiben. Vor allem nicht, wenn er über die Gabe der Desintegration verfügt", mahnte er.
"Auf welcher Seite bist du eigentlich?", fauchte Anne wütend. "John Marshall, ich wünsche dir Kinder, aufmüpfige, besserwisserische und freche kleine Kinder, damit du mal verstehst, was ich hier durchmachen muss!"
Mahnend sah John die jugendlich wirkende Frau an, bis sie den Blick senkte. John war nicht nur ihr zweithöchster Vorgesetzter, sondern auch ihr langjähriger Freund und Berater. Außerdem gab es Grenzen, Grenzen die niemand überschreiten durfte. Anne war nahe dran gewesen, eine von ihnen mit Brachialgewalt einzureißen.
"Aber wir waren doch zu viert! Phoebe, Dani, ich und Philip!"
"Noch schlimmer! Weiß Mrs. Patcher davon? Ich wette nein. Soll ich zum Kommunikator greifen und sie mal kurz kontaktieren und ihr erzählen zu welchem Lotterleben ihre Tochter mein Baby verführt?"
Entsetzt sah Laury ihre Mutter an. "Aber dann bin ich voll xtrem unten durch bei den Mädchen!", protestierte sie.
John verzog das Gesicht wie unter Schmerzen. Xtrem war das Kunstwort, das die Jugend gerade als "in" bezeichnete. Alle zwanzig Jahre der gleiche Mist. Und er als Telepath konnte diesem dynamischen Wandel natürlich nie entkommen.
"Das hättest du dir vorher überlegen sollen, junge Dame! Bevor du dich entschlossen hast, mit wildfremden Jungen durchzubrennen!"
"Aber Mom, ich..."
"Kein Aber! Du wirst jetzt... Ich bin mit dir noch nicht fertig, junge Dame! Bleib gefälligst hier! Laury Marten, du wirst nicht auf deinem Zimmer verschwinden, bevor ich fertig bin! Laury!"

Ärgerlich starrte Anne ihrer Tochter hinterher, die mit deutlichen Anzeichen des Unmuts das Wohnzimmer verließ. Ebenso ärgerlich sah sie ihren Vorgesetzten und Freund an und machte eine vorwurfsvolle Geste. "Siehst du das? In unserem Alter, John, hätten wir uns das unseren Eltern gegenüber nicht erlauben dürfen! Ha, in der alten Zeit war alles besser. Da haben die Kinder noch gehorcht!"
John erhob sich und ging langsam zu Anne herüber. "Warum machst du es noch schlimmer? Warum treibst du sie so? Sie ist jetzt ein Teenager, und bevor du dich versiehst, hat sie eh einen Freund, so oder so."
Verzweifelt sah Anne den Telepathen an. "Mein kleines Baby einen Freund? Laury? Nein, das kann nicht sein. Das mit Philip ist ein Ausrutscher. Ich meine, sie ist doch noch so jung, und..."
"Sie ist eine Telepathin. Sie liest seine Gedanken. Sie weiß also immer ganz genau was ihr Gegenüber von ihr will. Wenn es jemanden gibt, der sicherer durchs Leben gehen kann als sie, dann nur Gucky", mahnte John.
"Noch schlimmer, John. Was wenn ihr gefällt, was diese geilen kleinen Wölfe in ihren Gedanken ausmalen, wenn sie sich vorstellen, meine kleine Tochter und sie würden... Nein! Definitiv nein!"
"Aber sie ist nun mal Telepath. Daran lässt sich nichts ändern. Gedanken zu lesen ist für sie so natürlich wie Luft atmen und Wasser trinken." Ein dünnes Lächeln glitt über die Züge des Telepathen. "Sie kann es nicht lassen. Vor allem nicht solange sie so untrainiert und undiszipliniert ist. Sie hat auch nicht den Hauch der Einsatzerfahrung, die wir anderen Telepathen haben."
Anne schüttelte sich bei der Vorstellung, was junge Kerle mit ihrer Tochter planen mochten. Schlimmer jedoch fand sie, dass ihre telepathisch begabte Tochter daran Gefallen finden könnte. "Wir können es ihr verbieten", brummte sie bestimmt. "Das Gedankenlesen, meine ich. Ist ja auch unfair gegenüber den anderen Schülern und so. Ich meine, wir können ihr doch einen Hypnoblock setzen. Vielleicht wird sie dann ja auch ruhiger und vorsichtiger."
"Anne! Wir können deiner Tochter doch keinen Hypnoblock verpassen, der ihre telepathische Begabung blockiert!", mahnte John vorwurfsvoll. Aus dem Lächeln wurde ein Grinsen. "Aber wir können sie ins Mutantenkorps aufnehmen und sie trainieren. Danach können wir ihr befehlen, keine Gedanken zu lesen."
Erstaunt sah Anne auf. Erst zögerlich, dann immer energischer, nickte sie. "Es ihr befehlen... Ja, das wäre eine Idee."
"Gut, dann hole ich sie morgen direkt von der Schule ab und bringe sie ins GalAb-Hauptquartier. Früher oder später wäre sie sowieso ins Mutantenkorps gekommen. Nun ist es halt früher geworden", sagte Marshall. Er klopfte Anne auf die Schulter. "Den Rest überlasse ich dir. Gute Nacht, Anne."
"Gute Nacht, John", murmelte sie geistesabwesend. "Ja, ihr befehlen..."
***
"Onkel John!", rief eine freudige Mädchenstimme hinter ihm, und der Telepath beglückwünschte sich wieder einmal dafür, dass er für einen Mann über einhundert immer noch extrem populär bei Frauen jedes Alters war.
"Phoebe!", rief er erfreut. "Lass dich anschauen. Bist du schon wieder gewachsen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?"
Die kleine Patcher - wobei klein in keinster Weise und keiner Interpretation mehr passte - drehte sich einmal um sich selbst, um dem Telepathen, der ihr einst das Leben gerettet hatte, einen Kompletteindruck zu geben, dann verneigte sie sich grazil vor ihm. "Volle sieben Millimeter, Onkel John. Ich bin jetzt größer als Mom. Sie misst mich tatsächlich jeden Morgen mit einem Präzisionsinstrument."
"Na, dann hast du ja bald Tako und Kitai eingeholt", erwiderte John mit einem Lächeln. "Und, wann fängst du an die Männer verrückt zu machen?"
Die junge Frau errötete. "Onkel John, wie du wieder redest. Für so was bin ich doch gar nicht attraktiv genug."
"Tiefstaplerin", murmelte der Telepath und hustete sich dabei in die Hand. Außerdem kannte er den Hang der kleinen Patcher, Komplimente zu schnorren. Darin war sie beinahe besser als Laury.
Er lächelte schief, und sie griente ihn an. Damit waren die Fronten für dieses Mal geklärt.
"Wo steckt denn Laury? Ich wollte sie abholen. Seid ihr nicht mehr in einer Klasse?"
Verlegen sah Phoebe zu Boden. "Ich... Es ist so... Du liest doch nicht meine Gedanken, Onkel John?"
Abwehrend hob der Telepath die Arme. "Im Leben nicht! Das darf ich nur wenn die Sicherheit der Erde in Gefahr ist. Also wirst du mir schon sagen müssen, was ich wissen will."
"Es ist so, ich habe es Laury versprochen und... Sie kann Philip ja nur noch in der Schule sehen, wenn ihr der Trip zum Mond nicht gekappt werden soll. Ihre Mom ist ja so xtrem. Aber sie hat gesagt, sie kommt gleich. Du sagst doch Mrs. Marten nichts, oder?"
"Natürlich nicht. Ich bin kein Spielverderber, Phoebe." Er lächelte matt. Und dann erinnerte er sich daran, wie er als Kind gewesen war. Wie er als Jugendlicher gewesen war. Er fragte sich, ob dieser Philip eventuell ein Mutant sein könnte - oder ein Junge ohne den Hauch von Hormonen. Andernfalls hätte er Laury bereits eine Menge zu dem erklären müssen, was die junge Frau bereits in seinen Gedanken gelesen hatte.

In diesem Moment kam auch Laury auf die Straße, begleitet von einem blassen schwarzhaarigen Burschen, der ihm persönlich viel zu dürre für seine Patentochter war. Aber über Geschmack ließ sich bekanntlich streiten.
Als Laury sie entdeckte, hob sie die Rechte und winkte heftig. Langsam kam sie herüber. "Onkel John. Mom hat mir gesagt, dass du mich abholen wirst. Sie hat gesagt, du hast eine Überraschung für mich."
Marshall schnaubte amüsiert. "So kann man es auch nennen. Phoebe, soll ich dich nach Hause bringen? Ich muss anschließend mit Laury zur GalAb weiter."
"Zum Geheimdienst?" Mit großen Augen sah die junge Patcher den Telepathen an. "Etwa zum Mutantenkorps? Mit all diesen interessanten Männern und Frauen? Ras Tschubai? Ishi Matsu? U-und Gucky?" Ihre Augen, ihre Körperhaltung, alles an ihr bettelte: Kann ich mit?
"Zum Geheimdienst, aber nicht zu den Mutanten. Es ist kaum einer auf der Erde. Wir haben eine Menge da draußen zu tun, um die Position der Erde weiterhin geheim zu halten, Phoebe. Ich will Laury heute lediglich vereidigen und ihr Training beginnen."
"Vereidigen? Du meinst, ihr nehmt sie ins Mutantenkorps auf? Aber ist das nicht gefährlich? Sie ist doch erst vierzehn", protestierte Phoebe.
John lächelte amüsiert. "Was meinst du wie alt der jüngste Mutant war, der jemals für die Erde im Einsatz war?"
"Ich weiß nicht. Aber doch bestimmt achtzehn, oder?"
Lächelnd schüttelte John den Kopf. "Betty Toufry war bei ihrem ersten Einsatz stolze fünf Jahre alt. Und sie hat einen phantastischen Job gemacht."
Missmut überzog Phoebes Gesicht. Halb stellte sie sich einen Schritt vor ihre Freundin. "Was diese doofe Toufry gemacht hat ist mir egal, aber meine Laury ist noch zu jung für so einen Mist! Sie ist kein Wunderkind und muss auch nicht das Universum oder meinetwegen Terra retten!", schimpfte sie.
"Beruhige dich, Mäusebäckchen", schnurrte John Marshall und strich ihr über die Wange, wie er es seit je her getan hatte. "Wir reden hier nur über Training. Keiner erwartet von ihr die gleichen Leistungen, die Betty damals vollbracht hat."
"Na, danke", murmelte Laury leicht verärgert. "Ich bin keine Idiotin, ja?"
"Und die Chance, dass sie in einen Einsatz muss, während alle anderen Mutanten im Einsatz sind, ist verschwindend gering."
"Hmpf", machte Phoebe und wandte sich ab.
"Du darfst nächstes Mal mit, okay?"
Ein wenig interessiert sah Phoebe den Telepathen an.
"Und ich besorge Gucky."
"Abgemacht!", rief Phoebe aufgeregt und schüttelte dem Australier die Hand. Dann sprang sie in den offenen Gleiter.
"Verkauft für zwanzig Silberlinge", murmelte John mit einem dünnen Schmunzeln.
Laury indes war noch immer am schmollen. "Ich bin nicht schlechter als Tante Betty! Ich bin definitiv nicht schlechter als Tante Betty!"
***
Als der offene Gleiter nach dem Abstecher nach Hause, um Phoebe abzusetzen, auf dem Parkdeck des GalAb-Centers landete, stießen sie mitten ins Chaos vor. Gepanzerte Kampfgleiter und Shifts starteten und landeten, Polizei regelte den Luftverkehr weiträumig um, und drei Kreuzer der Staaten-Klasse schoben sich als drohende Riesenkugeln über das Stadtbild hinweg auf den Tower zu.
John wandte sich einem groß gewachsenen Blondschopf zu, der mit lautstarker Stimme zwanzig Teams koordinierte, um sie Abmarschbereit zu machen.
"Trip? Was ist hier los?"
Der Einsatzoffizier im Rang eines Majors sah erfreut auf, als er den Telepathen sah. "Oberst Marshall. Hat die Zentrale Sie also doch erreicht?" Als er Laury an seiner Seite sah, lächelte er breit. "Und er hat sogar dich mitgebracht. Hallo, Laury. Na, bereit für deine Feuertaufe?"
Verdutzt wechselten die beiden einen Blick. "Was für eine Feuertaufe, Major Anderson?", fragte Laury den Major erstaunt.
Erklärend fügte John hinzu: "Ich hatte etwas wichtiges mit ihr zu bereden, deshalb hatte ich meine Kommunikation ausgeschaltet, Trip."
Anderson nickte verstehend. "Ach so. Aber Sie haben es ja noch rechtzeitig geschafft. Ein Mehandor ist in das Sonnensystem eingedrungen. Wir konnten ihn am funken hindern und über der Venus abschießen. Leider hat sich die Besatzung über den halben Planeten verteilt. Wir wissen nicht, ob sie tragbare Hyperfunkgeräte dabei haben, oder ob sie es schaffen, in den Kommandanten und unsere Venus-Anlagen einzudringen, deshalb hat der Chef alle Einsatzkräfte mobilisiert, um sie alle im Dschungel der Venus aufzuspüren, bevor sie ein Problem für uns werden. Wir können Sie dabei gebrauchen, Sir. Dich natürlich auch, Laury. Ein Telepath mehr wird uns sicher hilfreich sein, auch wenn er untrainiert ist. Aber der Kampf wird dich schon zurecht schleifen, Kleines."
Erschrocken sah Laury den großen Blondschopf an. "Der Kampf, Sir?"
Anderson seufzte tief und lang. "Ich weiß, es ist noch etwas früh für dich, Mädchen, aber wir alle haben eine Verantwortung für sechs Milliarden Menschen. Den einen ereilt sie früher, den anderen später. Wir können die Mehandor nicht gewähren lassen. Wir müssen sie so schnell es geht fangen, und wenn es sein muss werden wir sie töten. Wenn über Terra keine Schiffe des Robotregenten erscheinen sollen, die uns unser Selbstbestimmungsrecht, unsere Freiheit und unsere Kultur nehmen werden, müssen wir jetzt unsere Pflicht tun." Er legte seine große Rechte auf Laurys Schulter. "Dann musst du jetzt deine Pflicht tun, Laury Marten."
Mit geweiteten Augen sah sie den Major an. Dann aber straffte sie sich und lächelte tapfer. Im Versuch, einen militärischen Salut zu imitieren führte sie die Rechte an die Stirn. "Jawohl, Sir!"
"Das ist mein Mädchen. Komm, du bleibst immer direkt hinter mir, und ich passe auf dich auf. Wir werden ein tolles Team abgeben, versprochen."
Im Hintergrund landete eine neue Fuhre Kampfgleiter, und ein ganzer Schwung an trainierten Elite-Soldaten ging an Bord. "Das ist unser Flug, Laury. Gehen wir", sagte Anderson und schob die junge Frau sanft in Richtung der Gleiter. John Marshall ging auf der anderen Seite.
Sie schluckte zwar für einen Moment, doch tapfer ging sie mit. Ihre Beine zitterten in einem erträglichen Maß. Selbst als sie den Gleiter bestiegen und die raue Horde der härtesten Männer und Frauen Terras die Neuankömmlinge frenetisch begrüßte. Eine erfahrene Sergeant half Laufy beim anschnallen.
Kurz darauf zog die Maschine hoch in den Nachmittagshimmel, den Schweren Kreuzern entgegen.

Genau bis zu dem Punkt, an dem ein gewaltiger Ruck durch die Mühle ging, gerade so als hätte die Faust eines Riesen den Kampfgleiter festgehalten.
Ein Grinsen huschte über Johns Gesicht. Es war die Hand eines Riesen. Oder vielmehr die einer Riesin.
"Sir!", rief Anderson und warf John eine Kommunikationseinrichtung zu. "Oberstleutnant Sloane ruft uns!"
John teilte die Kommunikationseinrichtung mit Laury, dann nahm er das Gespräch an. "Anne, hältst du gerade meinen Gleiter fest?"
"Hast du da meine Tochter an Bord, John? Schleppst du sie gerade zu einem Einsatz auf Leben und Tod? John, sie ist erst vierzehn! Vierzehn!"
"Und? Es war deine Idee, sie ins Korps aufzunehmen, oder? Außerdem war Betty damals nur fünf, als sie anfing, auf Einsätze zu gehen."
"Das ist doch nicht zu vergleichen!", fauchte sie. "Das waren ganz andere Zeiten!"
"Es ist ein Notfall, Anne! Wir werden einen weiteren Telepathen sehr gut gebrauchen können!"
"Warum Laury? Sie hat auf einem Schlachtfeld nichts zu suchen!"
"Sie ist da aber anderer Meinung, Anne."
"Mom", begann die junge Frau mit zittriger Stimme, "das was du mir gestern gesagt hast, dass ich undiszipliniert bin und so ein Lotterleben führe." Sie stockte kurz. "I-ich finde, ich kann dir das Gegenteil beweisen. Dass ich Verantwortung übernehmen kann! Das ich meine Pflichten ernst nehme. Du hast so oft und so viel für die Erde gekämpft, und Dad auch, und Onkel John und Onkel Gucky, und all die anderen, ihr wart für mich immer die großen Vorbilder. Vielleicht mache ich heute ja einen Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht werde ich..."
"Erwachsen heute", warf John ein. "Ja, vielleicht werde ich erwachsen. Es wird sicher ganz furchtbar, aber sind da nicht sechs Milliarden Menschenleben auf dem Spiel?"
"Damit ist wohl alles gesagt, Anne. Du kannst meine Maschine nun los lassen", mahnte der Telepath.
"Du musst nicht erwachsen werden, Laury!", rief ihre Mutter mit sich überschlagender Stimme. "Du bist doch noch so jung! Du hast doch noch so viel Zeit! Du solltest in diesem Alter an Jungs denken, und nicht an Waffen und Tod und Zerstörung! Laury, ich rede mit dir!"
Anderson begann zu prusten, aber Marshall hob mahnend einen Zeigefinger an die Lippen.
"Ich denke, ich soll mich nicht mehr mit Philip treffen! Du hast gesagt, was da alles passieren könnte und so!"
"Aber das ist immer noch vernünftiger als mit vierzehn Jahren in einen Kampf zu ziehen! Komm da wieder runter, Laury, und wir reden noch mal in aller Ruhe über alles. Du darfst länger auf bleiben, aber ich will diesen Philip kennen lernen. Du darfst auf den Mond mit, aber hör auf dich mit deiner Desintegration aus dem Haus zu schleichen. Ich will nur ein wenig mehr Ehrlichkeit und ein paar neue Regeln zwischen uns, okay? Aber bitte, bitte, fliege nicht mit zur Venus!"
Unsicher sah das Mädchen auf ihren Kommunikator. "Aber ich kann doch nicht alle im Stich lassen! Ich habe hier doch eine Pflicht, und..."
Der Rest ihrer Worte ging im Jubel und Applaus der Mannschaft unter. Anderson klopfte ihr hart, aber anerkennend auf die Schulter. "Mädchen, ich kenne deine Mutter nun seit zwanzig Jahren, und den Schneid hast du eindeutig von ihr!"
Irritiert besah sich Laury die Szene. "Eh?"
"Nun", begann John lange und gedehnt, "du bist ja noch nicht als Mitglied des Mutantenkorps vereidigt, Laury, und deine Erziehungsberechtigte hat etwas dagegen, dass du an diesem Einsatz teil nimmst. Also fürchte ich, wir müssen dich wieder zurück bringen."
"Zurück?", fragte sie mit großen Augen. "Wie, zurück?"
"Zurück zu deiner Mutter, meine ich damit. Anne, kannst du also den Gleiter los lassen?"
"N-natürlich, John", erwiderte sie mit überschlagender Stimme.

Als der Gleiter aufsetzte, schnallte die gleiche Sergeant sie wieder ab und schickte sie mit einem liebevollen Klaps auf den Po zum Schott. "Mach dir keine Sorgen, Mädchen, es ist eh nur eine Übung. Aber beim nächsten Ernstfall hätten wir dich schon gerne dabei."
"Erzähl das aber nicht deiner Mutter, bevor wir eingeschleust sind, okay?", mahnte Anderson. "Ich kenne sie wütend. Und ich meine wütend."
"Okay", murmelte sie unsicher. Sie sah in die Runde der grinsenden Männer und Frauen, danach zu John. Der schickte ihr einen beruhigenden telepathischen Impuls.
"Laury!", rief ihre Mutter und öffnete die Arme.
Plötzlich fühlte sie sich so leicht, so befreit und so froh. "MOM!" Sie flog Anne geradezu in die Arme.
Anderson betrachtete die Szene, bis der Gleiter wieder nach oben zog. "Bisschen viel Aufwand, um Oberstleutnant Sloane zum einlenken zu bewegen, oder, Sir?"
Marshall schnaubte amüsiert. "Finden Sie? Die Frau ist die zweitmächtigste Telekinetin der Erde. Ich finde, wir können sie gar nicht gründlich genug hinters Licht führen."
"Gutes Argument, Sir", erwiderte Anderson und schnallte sich wieder auf seinem Platz fest.
John warf einen letzten Blick nach unten, wo Anne ihre Tochter noch immer umklammert hielt wie eine Ertrinkende den Rettungsring. Und Laury genoss die mütterliche Umarmung wohl das erste Mal seit Monaten.
"Viel Erfolg, euch beiden. Ihr werdet schon einen Kompromiss aushandeln, wenn beide Seiten ein wenig nachgeben", flüsterte Marshall. "Laury, irgendwann wirst du hier bei uns sitzen, das weiß ich. Du hast zu viele von uns in deinem Umfeld, um nicht zu sehen, dass dein Weg dich ins Mutantenkorps führen wird. Aber gerade mir ist später lieber als früher." Er lächelte und sah nach oben, wo das Hangarschott der TERRA V gähnend klaffte. Mit etwas Glück schafften sie es in den Hangar, bevor eine stinksaure Anne Sloane herausgefunden hatte, wie sehr sie hinters Licht geführt worden war. Hoffentlich.