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CrAzY CaNdY

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
OC (Own Character) Willy Wonka
08.07.2009
20.08.2016
66
129.872
14
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
08.07.2009 2.400
 
9. The Stranger

Ich versuchte mich an diesem Wochenende noch ein bisschen zu erholen, bevor die Arbeit wieder anfing. Doch aus irgendeinem undefinierbaren Grund wollte mir das Treffen mit Mr. Wonka am Samstag nicht aus dem Kopf gehen. Eigentlich war es nicht das Treffen an sich: Es war Mr. Wonka, an den ich immerzu denken musste. Ich wurde aus ihm einfach nicht schlau. Es schien so, als würde er Körperkontakt mit Menschen grundsätzlich vermeiden und doch mochte er anscheinend alle seine Angestellten und hat mir sogar freiwillig die Hand zum Abschied gegeben. Und sein Arbeitsdrang war auch nicht unbedingt normal. Hatte dieser Mann denn keine Hobbies? Ich bezweifelte das stark, seitdem ich von seinen unnatürlich langen Arbeitszeiten wusste. Ich wusste nicht recht, ob ich ihn bemitleiden sollte deswegen oder eher beneiden, um das, was er erreicht hatte. Doch Judy hatte wohl Recht. Ich machte mir eindeutig zu viele Gedanken um ihn, doch trotz alledem wollte ich gern mehr von ihm und seinem Leben erfahren. Mr. Wonka war, wie ich feststellte, eher ein Mensch, der nicht gern über Privates zu reden schien. Jedenfalls hatte er das bis jetzt nicht getan.

Die zweite Woche meiner Ferien verlief ähnlich wie die erste, außer, dass ich nun an zwei verschiedenen Orten arbeiten durfte: im Laden und in der Lagerhalle. Ich kam immer besser mit dem Job zurecht und konnte einige der Kunden sogar schon ganz gut beraten und ihnen ein paar Fragen beantworten. Judy lobte mich jedesmal dafür, wie schnell ich mir die Standorte von den Süßigkeiten merken konnte. Sie erzählte mir, dass sie viel länger dafür gebraucht hatte bis sie alles auf die Reihe bekam, besonders mit den Preisen. Seit Montag jedoch stand Wonka nicht mehr hinter mir, um meine weiteren Fortschritte zu begutachten. Es schien so, als wäre er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Ich sah ihn weder im Geschäft, noch hinten im Lagerraum. Ob er vielleicht Urlaub genommen hatte, so wie ich es ihn geraten hatte? Aber niemand schien davon zu wissen. Später behauptete Mr. Bucket sogar, dass Mr. Wonka da wäre, aber im Erfindungsraum beschäftigt war. Zu gern hätte ich nachgesehen, aber der Erfindungsraum war für alle ein Tabu und jeder hielt sich auch daran. Jeder Angestellte schien Mr. Wonka auf seine Art zu schätzen und zu bewundern, doch ich fand bald heraus, dass niemand engeren Kontakt zu ihm hatte. Ich hörte sogar von einigen, er sei ein Freak, der nur für seine Süßigkeiten lebte und immer völlig alleine war. Wonka war das Geheimnis schlechthin in diesem Unternehmen. Möglicherweise wollte ich gerade deswegen mehr über ihn erfahren.

Am Freitag meiner zweiten Ferienwoche bekam ich die erste Gelegenheit mehr über ihn herauszufinden. Wie jeden Morgen machte ich mich zu Fuß auf den Weg zur Arbeit. Ich schlenderte gemütlich die Straße entlang, da ich ein Wenig zu früh losgegangen war und daher noch ein bisschen Zeit hatte- bis ich plötzlich bemerkte, dass ich beobachtet wurde. Ein Mann in einem schwarzen Porsche, welcher auf der anderen Straßenseite geparkt war, starrte mich neugierig aus seinem Auto heraus an. Ich schielte kurz zu ihm hinüber, wandte meinen Blick jedoch sofort wieder ab und setzte meinen Weg unbeirrt fort. Nur wenige Sekunden später fuhr ich plötzlich erschrocken zusammen, als ich das Geräusch einer zuknallenden Autotür vernahm. Ich drehte mich unwillkürlich zu dem Geräusch um und sah im selben Moment, wie der Mann, der mich beobachtet hatte auf die andere Straßenseite wechselte und schnellen Schrittes auf mich zukam. Ich drehte mich sofort wieder weg und steigerte mein Lauftempo.

„Halt! Bitte bleib stehen!“, rief mir die Stimme des Unbekannten hinterher. Unsicher, was ich nun tun sollte, blieb ich schließlich wie gelähmt stehen und wandte mich wieder zu dem Mann um. Der stellte sich genau vor mich hin und in diesem Moment achtete ich auch zum ersten Mal auf sein Aussehen.

Der Mann schien so um die 50 zu sein, besaß leicht angegrautes Haar und war im Gegensatz zu mir recht groß (was nicht besonders schwierig war, da ich für mein Alter relativ klein war). Er trug einen vornehmen dunkeln Anzug mit einer braunen Krawatte um den Hals. Nun fiel mir auch auf, dass er etwas in der Hand hielt: einen Briefumschlag!

„Guten Tag, kleines Mädchen.“, begrüßte er mich und klang dabei so, als versuchte er sich um Freundlichkeit zu bemühen. Ich sagte nichts, sondern wartete stattdessen, was er von mir wollte. „Ich habe dich zufällig beobachtet“

Ja, natürlich! Rein zufällig, dachte ich bitter, schwieg jedoch.

„Du arbeitest im Candy Store in der Cherry Street, nicht wahr?“
„Wieso wollen Sie das wissen?“
Es war mir nicht geheuer, dass ein fremder Mann wissen wollte, wo ich arbeitete.
„Eigentlich möchte ich nur, dass du mir ein Gefallen tust, junges Fräulein. Du scheinst mir die Richtige dafür zu sein.“, erklärte er und lächelte gezwungen. Ich hingegen schwankte gerade zwischen weglaufen oder laut schreien.  Doch ich tat keins von beiden. Was konnte dieser alte Mann von mir wollen? Sicher nichts gutes, überlegte ich fieberhaft. Aber immerhin war es mitten am Tag und es waren massenhaft Leute auf den Straßen. Da würde mich wohl kaum jemand, der ein bisschen Menschenverstand besitzt, entführen wollen. Der Mann streckte seine Hand aus und hielt mir ausdruckslos den weißen Briefumschlag entgegen.

„Könntest du diesen hier bitte deinem Chef aushändigen. Es ist sehr wichtig!“, ergänzte er.
Ich starrte zweifelnd auf das Stück Papier.
„Wieso geben Sie ihm den Brief dann nicht persönlich?“, wollte ich wissen.
„Das geht nicht.“, meinte er nur. Mehr wollte er dazu anscheinend nicht sagen. Zögernd nahm ich den Briefumschlag entgegen.
„Es wäre sehr nett von dir, wenn du das so schnell wie möglich erledigen würdest. Und gib diesen Brief nur ihm. Niemand anderem, verstanden?“
Eigentlich absolut nicht, dachte ich bissig, sprach es aber nicht laut aus.
„Natürlich!“, sagte ich knapp, drehte mich um und versuchte, so schnell es mir möglich war von dem Mann wegzukommen. Was wollte dieser Typ von Mr. Wonka? Waren sie etwa Geschäftspartner? Eine andere Erklärung gab es für mich momentan nicht, aber es interessierte mich brennend, wer er war und was in dem Brief stand. Doch Mr. Wonka würde es sofort auffallen, wenn ich den Brief jetzt öffnen und lesen würde. Smit wollte ich seine Reaktion darauf einfach erst einmal abwarten. Zumindest hatte ich jetzt einen Grund ihn wiederzusehen. Schon alleine diese Tatsache stimmte mich ausgesprochen fröhlich.

Ich machte mich sofort auf den Weg zum Erfindungsraum, wo Wonka sich schon seit fünf Tagen aufhielt. Wie Mr. Bucket am ersten Tag, als ich hier war, drückte ich den Knopf neben der Tür.
„Wer stört mich denn jetzt schonwieder?“, kam es ein wenig genervt aus dem Lautsprecher. Vor lauter Verlegenheit hätte ich beinahe vergessen zu antworten.
„Äh..ich bin‘s…Charlotte. Tut mir Leid wegen der Störung, aber ich habe hier einen wichtigen Brief für Sie!“
„Einen Brief?“ Mr. Wonkas Stimme klang ungläubig, so als hätte er alles andere erwartet, nur das nicht. „Einen Moment.“ Wonkas Stimme verschwand und wenige Sekunden später tauchte er vor der Tür auf, die er so schnell wie möglich hinter sich verschloss. Ich hatte das Gefühl, dass Mr. Wonka wieder blasser war, als vor einer Woche, wo ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. Ich reichte ihm den unbeschriebenen, aber fest versiegelten Briefumschlag.

„Wir gehen in mein Büro“, entschied er, anstatt den Brief entgegenzunehmen. Ich folgte ihm schweigend in sein Arbeitszimmer, wo er mir den Brief abnahm.
„Was ist das für ein Brief?“, fragte er und drehte ihn mehrmals in den Händen, so als würde er so dessen Inhalt herausfinden.
„Ein Mann hat ihn mir gerade gegeben und er sagte, dass ich den Brief Ihnen geben soll und das es wichtig wäre. Sonst hat er nichts gesagt.“, teilte ich ihm wahrheitsgemäß mit.
Wonka zog die Augenbrauen hoch.
„Wie sah der Mann denn aus?“, fragte er mich emotionslos.
„Ähm.. er war ziemlich groß, hatte graue Haare, einen Bart und trug einen schwarzen Anzug…“, rief ich mir das Erscheinungsbild des fremden Mannes ins Gedächtnis.
Wonka legte nachdenklich die Hand an sein Kinn und begutachtete den weißen Briefumschlag erneut.
„Wie alt war er denn ungefähr?“ Er richtete seine Frage erneut an mich, doch es klang eher als würde er zu sich selbst sprechen.
„Vielleicht so alt wie Mr. Bucket.“, schätzte ich, wobei ich eigentlich wusste, dass ich nicht besonders gut darin war, das Alter einer Person zu erraten. „Ach ja, und er hatte unglaublich weiße Zähne, fast so wie Sie…“, ergänzte ich, da mir dieses besondere Merkmal gerade wieder einfiel. Ich hielt diese Information eigentlich eher für unwichtig, doch Mr. Wonkas Augen weiteten sich, so als hätte er gerade eine Erleuchtung.
„Alles in Ordnung, Mr. Wonka?“, fragte ich sicherheitshalber. Wonka erwachte benommen aus seiner Trance.
„Ja, ja. Natürlich!“, meinte er schnell. Dann tat er etwas, was ich nicht erwartet hätte. Er legte den Brief in meine Hand.
„Ich möchte, dass du ihn entsorgst, Charlotte! Ich will dieses Ding nicht sehen.“
„Aber-“ Nun war ich eindeutig irritiert.
„Kein Aber! Tu, was ich dir sage. Oh, warte“

Er nahm den Brief erneut zur Hand und zerriss ihn vor meinen verblüfften Augen in schmale Streifen.
„Jetzt kannst du ihn entsorgen.“ ‚Er händigte mir die restlichen Papierfetzten aus, drehte sich dann um und setzte sich an seinen Schreibtisch und tat so, als würde er etwas schreiben. Ich stand jedoch noch immer im Büro und hatte mich noch keinen Millimeter bewegt.
„Ist noch etwas?“
Ich schluckte und versuchte meine, in Gedanken formulierte Frage, laut auszusprechen.
„Von wem war der Brief?“
„War nicht so wichtig..“, behauptete Wonka ruhig, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.
„Ach ja? Und wieso hat mir der Mann etwas anderes erzählt?“
„Du solltest nicht jedem glauben, der dich auf der Straße anspricht, Charlotte.“, beschwichtigte er mich.
„Ich will jetzt wissen, wer das war!“, verlangte ich und schritt dabei auf seinen Schreibtisch zu. Wonka blickte unheilvoll zu mir und stand dann langsam auf.
„Beruhig dich, Mädchen!“ Er legte die Hände auf meine Schultern und drückte mich hinunter auf den Stuhl, sodass ich schließlich nachgab und mich darauf fallenließ.
„Aber das kann ich nicht.“, sagte ich. „Sie haben den Brief nicht einmal gelesen!“
„Glaub mir, das muss ich auch nicht. Ich weiß bereits, was drinnen steht.“, beruhigte er mich in sanften Ton. Es wirkte. Ich wurde tatsächlich besänftigt von seiner zärtlichen Stimme. Doch trotzdem ließ mir die ganze Sache keine Ruhe. Ich war sicher, dass Wonka einen Fehler gemacht hatte.
„Mach dir keine Sorgen! Alles ist gut.“

Er griff nach den zerrissenen Papierfetzten und ließ sie in seinen Papierkorb unter dem Schreibtisch fallen. Wonka brachte mich noch vor seine Bürotür und verschwand dann wieder im Erfindungsraum. Doch ich wusste, dass ich mich auf nichts konzentrieren konnte, bis ich wusste, von wem der Brief war.

Eine ganze Weile stand ich wie erstarrt vor Wonkas Büro und überlegte fieberhaft, was ich tun konnte, um ihn vielleicht doch noch umzustimmen. Zu gern hätte ich gewusst, wer dieser Mann war und was er von meinem Chef wollte. Plötzlich kam mir eine Erleuchtung, bei der ich mich fragte, warum mir das nicht gleich eingefallen war. Ich huschte so unauffällig wie nur möglich, zurück in das Büro. Ich glaubte kaum, dass Wonka noch einmal hierherkommen würde und so konnte ich in Ruhe die Briefüberreste aus dem Mülleiner fischen. Zum Glück hatte er den Umschlag nicht in allzu kleine Teile gerissen. Ich breitete die Fetzten auf Wonkas Schreibtisch aus und versuchte den Inhalt des Umschlags wieder so gut es ging zusammenzupuzzeln. Tatsächlich schaffte ich es nach einigen Minuten. Ich hoffte nicht, dass den anderen Angestellten meine Abwesenheit auffiel. Die Handschrift auf dem Brief war ordentlich und sorgsam, doch es sah so aus, als hätte es demjenigen viel Mühe bereitet, so deutlich zu schreiben. Ich begann sofort zu Lesen:

Lieber Willy,

ich wünschte, ich hätte dir dies hier, was ich jetzt schrieben werde,
lieber persönlich sagen können, aber ich weiß,
dass du noch immer nicht gut auf mich zu sprechen bist.
Ich kann durchaus verstehen, dass du wütend auf mich bist oder mich sogar hasst für das,
was ich getan habe.

Wahrscheinlich ist es auch längst zu spät, es wieder gut machen zu wollen.
Doch trotz alledem halte ich es für angemessen, mich bei dir zu entschuldigen.
Es tut mir Leid, aber ich wollte dich schließlich nur beschützen vor der grausamen Realität!

Ich bin zwar noch immer der Meinung, dass du einen anderen Weg hättest einschlagen sollen,
aber ich weiß, dass du eh nicht auf mich hören wirst.
Vielleicht bin ich einfach ein schlechter Vater gewesen,
aber es würde mir unendlich viel bedeuten, wenn du mir verzeihen könntest.

Grüße, dein Vater


Ich las den Brief zweimal durch, bevor ich überhaupt verstanden hatte, was Sache war. Der Mann: Das war Mr. Wonkas Vater gewesen. Diese Erkenntnis traf mich ziemlich unerwartet, sodass ich die Stücken Papier nur verdutzt anstarrte.
Wonka senior entschuldigte sich also bei seinem Sohn für irgendetwas, was auch immer das ist. Und Wonka junior musste davon wissen. Er wusste anscheinend, dass sein Vater ihm früher oder später schrieben würde und sich zu entschuldigen versuchte.

Doch so wie es aussah, wollte mein Boss ihm nicht verzeihen. Ansonsten hätte er den Brief wenigstens gelesen. Immer noch wie erstarrt saß ich in Mr. Wonkas gepolsterten Stuhl und dachte darüber nach, wie ich nun vorgehen sollte. Sollte ich die Brieffetzten einfach wieder in den Papierkorb zurückwerfen und dann so tun, als wüsste ich von nichts? Wahrscheinlich wäre das die einfachste Variante… und auch die feigste. Aber was sollte ich sonst machen? Sollte ich Mr. Wonka davon erzählen? Das Schlimmste, was dann wohl passieren konnte, wäre wohl meinen Job zu verlieren. Schließlich war ich nicht dazu befugt seine privaten Sachen zu lesen. Andererseits hatte er den Brief ja entsorgt und war somit auch Müll. Was war also dabei, dass ich ihn gelesen hatte? Okay, ich habe rumgeschnüffelt, sagte ich mir. Ich war in dieser Hinsicht einfach zu neugierig. Aber was ist, wenn es seinem Vater nun wirklich Leid tat? Dann machte Mr. Wonka gerade einen riesigen Fehler. Aus irgendeinem Grund machte ich mir ziemliche Sorgen deswegen. Ich war der Meinung, dass Wonka das Geschriebene von seinem Vater wenigstens lesen sollte, bevor er es rücksichtslos wegwarf.

Ich dachte lange Zeit darüber nach, doch schließlich fasste ich mir ein Herz und entschloss noch einmal zu ihm zu Gehen. Vorher jedoch klebte ich den Brief wieder so gut es ging zusammen. Wenn Wonka mich rausschmeißen sollte, dann hab ich eben Pech gehabt. Zumindest hatte ich es dann für einen guten Zweck getan, was mir immerhin ein schwacher Trost war.

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