Resurrection, damnit!

von LeS Lenne
GeschichteHumor / P18 Slash
Seishiro Sakurazuka Subaru Sumeragi
02.07.2009
07.01.2011
18
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Seishirou blinzelte seine verklebten Lider mühsam auseinander. Die Sonne schien in einem dunklen Orange. Der Kachelboden, auf dem er lag, hatte ein verschnörkeltes grünes Muster auf seinen Platten. Zwischen den sparsam verteilten Schlitzen im Geländer konnte er Häuser, große und kleine, entdecken. Der Tokyo Tower ragte über sie alle heraus. Der neue Körper war wohl auf einem Dach in der Nähe der Rainbow-Bridge verstorben. Seishirou gähnte und sprang auf das breite Mamorgeländer. Kurz wankte er, die Welt drehte sich im Kreis. Er schloss die Augen und verharrte. Dann ließ das Schwindelgefühl endlich nach.
In Tokyo war es laut. Es schien ihm seit seinen letzten Sekunden noch viel lauter geworden zu sein. Oder lag es daran, dass dieser Körper bessere Ohren besaß? Vielleicht war er jünger geworden. Er wollte nicht an sich herabsehen -- sein Nacken fühlte sich steif an. Er musste lange gelegen haben, oder möglicherweise war Steifheit nur eine Begleiterscheinung von Wiederbelebungen im Allgemeinen. Es war zu erwarten, dass dazu keine Antwort gefunden werden konnte.
Seishirou sprang von dem Geländer herunter und ging durch die offene Tür, die ins Innere des Gebäudes führte.
Alles schien riesig. Die Türen waren mindestens sechsmal so hoch wie er, auf die Treppenstufen passte er bequem dreimal, wenn er auch das Gefühl hatte, dass es ihm in seinem vorigen Körper nicht so vorgekommen wäre.
Hatte man ihn in den Körper eines Kindes gesteckt? Das wäre amüsant, solange es alt genug war um zu sprechen. Um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, verzichtete Seishirou auf einen sofortigen Test.
Im Eingangsbereich stand ein Kinderwagen mit hellblauem Verdeck, direkt neben den Treppen. Womöglich war das der Kinderwagen seines neuen Körper gewesen, als dieser noch gelebt hatte? Wie passend wäre es, dachte er, wenn dies der Körper eines ermordeten Kindes ist.
Die Eingangstür wurde geöffnet und Seishirou schlüpfte hindurch. Es war noch etwas dunkler geworden, das Orange der Sonne hatte einen lila Stich bekommen. Nichtsdestotrotz war es angenehm warm.
Er schlenderte die Straße entlang. Der Körper fühlte sich mit jedem Schritt passender und einfacher zu koordinieren an. Als er sich dazu bereit fühlte, die Muskeln weicher geworden waren und ihm nur wenige Leute entgegen kamen, setzte Seishirou zu einem Sprint an.
Er war schnell. Das Bremsen fiel ebenso leicht wie das Laufen. Seishirou nickte anerkennend. Nun musste nur noch ein Spiegel gefunden werden, oder etwas anderes, in dem er sich reflektieren lassen konnte um sich endlich zu betrachten. Die Geschäfte hatten oft genug Glastüren, doch in den Straßen, die er abwanderte, fand er keine solcher Art.
Er hob den Kopf und sah, dass die Straßenlaternen weit über ihm angingen. Es wurde langsam Nacht. Hatten seine Ahnen ihm ein Zeitlimit gegeben? Er konnte sich an nichts dergleichen erinnern. Wohl eher nicht. Wozu auch, wenn die Erde mit aller Wahrscheinlichkeit bald unterging. Das würde die Sache so oder so frühzeitig beenden, falls sich das Problem nicht lösen ließ.
Immer wieder bekam er einen Tritt in die Rippen. Die Menschen um ihn herum murmelten nicht "Verzeihung", nicht einmal ein saloppes "Sorry", sie liefen stur weiter, wohin sie auch wollten. Die jungen, kichernden Mädchen zur Nachhilfe, die seufzenden Büroangestellten noch längst nicht nach Hause, oder auf einem viel zu langen Nachhauseweg. Von der angespannten Atmosphäre eines drohenden Untergangs war nicht viel zu spüren. Tauben und andere Vögel zwitscherten schief und wenn sich Wolken über die Sonne schoben, dann konnte man meinen, dass irgendetwas in der Luft lag. Etwas, das sich nicht genau beschreiben ließ, aber das doch allen für den Moment den Atem raubte und die Zeit stillstehen ließ. Diese Momente waren, was sie waren. Momente, kurz und vergänglich wie... der Tod, dachte Seishirou und griente.
Er drückte sich an die Wände der Gebäude. Das half ein wenig. Er wurde nicht mehr gar so häufig von Schuhen hin- und hergekickt wie ein Ball. Auf der anderen Seite des Gehwegs war die Straße und dort wollte er nicht enden. Wenn er nun in dieser neuen Gestalt starb, bevor er seine Bitte hatte stellen können? Er ahnte, wohin ihn der Todesweg dann führen würde. Nicht über den Jordan, nicht zum Ort seiner Ahnen und auch gewiss nicht in den Himmel oder die Hölle. Er selbst hatte oft genug verlorene Seelen losgeschickt auf ihren Weg ins unermüdliche Verderben. In der Hölle hatte man nun einmal wenigstens Gesellschaft und musste nicht bis in alle Ewigkeit darüber nachdenken, was man im Leben alles falsch gemacht hatte.
Seishirou bog um die Ecke. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er ein Spielzeuggeschäft. Viele glitzernde, rotierende, hüpfende, quäkende Gerätschaften waren hinter den Scheiben zu sehen. Und auch er würde sich dort sehen können!
Er sah sich achtsam um und überquerte den Zebrastreifen ohne überfahren oder zertreten zu werden. Ein Wunder, wo er den meisten Leuten kaum bis zu den Knien reichte. Dass sie ihn allerdings nicht ansprachen, wenn er tatsächlich ein kleines Kind war, schien ihm verdächtig. Doch das Glas war in greifbarer Nähe. Die Frage würde sich in wenigen Augenblicken geklärt haben, wenn reflektiert wurde, als was er die Bitte an Subaru stellen musste.
Tokyo war riesig, aber er hatte den Stadtplan fest in seinem Gedächtnis verankert. Nie würde er ihn vergessen können. Aber doch schien es ihm seiner Umstände wegen als beinah unmöglich, Subaru in weniger als drei Tagen ausfindig machen zu können und das auch nur, wenn er wenig schlief (an was er gewöhnt war).
Seishirou wartete, bis ein Kind mit seiner Mutter das Geschäft verlassen hatte und ihm nicht mehr die Sicht auf sich selbst in der Scheibe versperrte.
Schwarz und glänzend; große, goldene Augen; die Extremitäten zur Hälfte weiß, wie gepinselt. Seishirou setzte sich und starrte sein Spiegelbild an. Die Konturen waren klar, die Details brauchte er nicht zu sehen. Er legte den Kopf schief und entblößte spitze Zähne.
"Miau?"
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