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Schatten der Vergangenheit

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Fenryl Tiranu Yulivee
29.06.2009
05.10.2010
37
91.669
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29.06.2009 1.439
 
 
Kapitel 3
Vorahnung

Außerhalb des mit Eisenstreben durchzogenen Fensters konnte er sehen, dass es wieder zu schneien angefangen hatte. Die Daunenhaften Flocken tanzten im sachten Wind und legten sich auf die weiße Decke auf den Auen vor dem Schloss. Die Sonne stand trüb hinter grauen Wolken und tauchte die Landschaft in ein graues Zwielicht.
Er riss sich von dem Anblick los und durchquerte das geräumige Zimmer. Seine Gewohnheit war es zwar, jede Nacht in den Räumen der Königin zu nächtigen, dennoch hatte er seinen eigenen Raum, in dem ein großes, dunkelhölziges Bett, ein Schrank, der ebenfalls aus dunklem Holz gefertigt war, sowie ein Schreibtisch befand. Bis eben hatte er noch auf der breiten Fensterbank gelegen und hatte den Brief seiner Schwester gelesen.
Fahrig faltete er das Papier einmal in der Mitte und legte ihn beiläufig zurück auf den Tisch. Nur nebenbei bemerkte er den zarten Geruch, den er eindeutig seiner Schwester zuordnen konnte, auf dem Briefbogen. Lange schon hatte er sie sich nichtmehr gesehen. Sie hatte geschrieben, dass sie sich über einen Besuch von ihm freuen würde.
Die Winter Langollions waren härter als in den Regionen des Herzlandes, da der kalte Wind der Snaiwamark direkt auf die felsige Insel zuhielt. Doch er war dies schon seit seiner Kindheit gewohnt.
Gerade, als er die Tür erreichte, wurde diese aufgeschwungen. Er konnte noch geradeso ausweichen, ehe ihm die Tür gegen das Gesicht geschlagen wäre.
„Papa! Bitte, du musst mir glauben!“
Tiranu sah verdutzt auf Nessa hinab. Seine Tochter stand im Türrahmen und rieb die Hände. Ihr Gesicht war leicht gerötet. Augenscheinlich hatte sie gerade geweint. Seit sie ein Säugling war, hatte sie kaum geweint.
Alarmiert beugte er sich zu ihr, zog sie sachte ins Zimmer und schloss die Tür.
„Nessa, was ist passiert?“, seine Stimme klang ruhig, auch wenn er innerlich besorgt war. Er wollte seine Tochter nicht noch mehr aufregen. Behutsam legte er die Hände auf ihre Arme.
„Ich kann Bohr nirgends finden!“, schluchzte sie, „Und Mama ist beschäftigt!“
Tiranu hob die Augenbrauen. Das war alles? Hatte er ihr nicht schon gesagt, dass er gewiss bald zurückkommen würde? Er konnte dem Reflex, die Augen zu verdrehen, gerade noch widerstehen. Kinder waren ihm schon immer ein Rätsel gewesen.
„Hör zu Nessa...“
„Nein, er...er ist wirklich verschwunden!“, unterbrach sie ihn, „Ich hab das ganze Schloss nach ihm durchsucht. Und...“ Eine Träne kullerte aus ihren Wimpern. Behutsam strich er diese weg.
„Und was?“
Nessalia zögerte. Ihre Mine wurde noch ernster. Sie kniff in einer Geste die Lippen zusammen, die Tiranu sehr an ihre Mutter erinnerte.
Normalerweise mochte Tiranu Kobolde nicht sonderlich, aber dieser war Nessas bester Freund. Und wenn er sah, in welchen Aufruhr dessen Verschwinden in ihr ausgelöst hatte, wollte er lieber sicher sein, was mit ihm war.
„Nessalia, was ist mit ihm?“, fragte er daher mit Nachdruck.
„Da war so ein Stein... er wollte ihn mir nicht geben, aber da... Es ging etwas von diesem Stein aus. Es hat gekribbelt. Nur ganz schwach...“
„Wie sah dieser Stein aus?“
Nessa lugte ihn unter zusammengekniffenen Augen an.
„Wie ein ganz gewöhnlicher Stein...Grau, unauffällig“
„Und von ihm ging Magie aus?“
Sie zögerte wieder, doch ihr heftiges Nicken machte dies wett. „Ja, ich glaube diese hat Bohr verzaubert! Du musst etwas tun!“
Ein gewöhnlicher Stein, von dem aus Magie ausstrahlte? Konnte das wirklich sein? Nessalia war Magiebegabt. Nicht so sehr wie Yulivee, doch er glaubte nicht, dass sie sich irrte.
„Wo ist der Stein?“ Er hatte sie wieder an den Armen gefasst. Seine Augen verrieten, wie ernst es ihm war. Nessa schien erleichtert, dass er sie anhörte.
„Bohr hat ihn mit sich genommen. Er sagte, er würde ihn behalten und noch weiter draußen bleiben. Ich bin mit euch zurück ins Schloss gegangen. Papa, ich hab Angst...Dieser Stein hat Bohr angezogen. Seine Augen waren ganz komisch!“
„Es ist bestimmt nichts Besonderes, Kleines!“ Er versuchte beruhigend zu klingen. Wenn Yulivee nur hier wäre...
„Deine Tante hat geschrieben! Wir reisen bald wieder nach Langollion!“, sagte er, um sie abzulenken. Was nicht wirklich funktionierte.
„Was, wenn Bohr bis dahin nicht zurück ist?!“, fuhr seine Tochter auf.
„Er wird sicherlich bald zurückkommen, Nessa! Mach dir keine Sorgen!“
Selbst in seinen Ohren klangen diese Worte falsch. Aber konnte das wirklich sein? Nein, es war sicherlich etwas Anderes. Nessalia musste sich irren! Doch er konnte sich erst sicher sein, wenn er den Kobold gefunden hatte.
 
~~~

Die Machtwellen flossen von ihren Fingern durch den ihren gesamten Körper. Dabei berührte sie den Stein nichteinmal. Nur sachte schwebten sie darüber. Ein Wesen, das über keinerlei Magiebegabung verfügte, würde über kurz oder lang dieser Macht erliegen. Doch sie war diese Macht vertraut. In ihrem alten Leben hatte sie Jahrzehnte damit verbracht, diese Steine zu studieren. Jedes Buch, jede Textstelle, die über sie verfasst wurden, hatte Alathaia verschlungen. Hatte ihre Mächte und Techniken erprobt.
Bis sie dann endlich einige dieser Steine besessen hatte. Sie war schon lange hinter diesem Schatz hergewesen. Der Lutin Ganda war es zwar gelungen, die Steine zu verstecken, doch Alathaia hatte sie mit einem Suchzauber wieder aufspüren können. Die Lutin hatte nicht bedacht, die Tasche, in der die Steine lange Zeit von Ganda verborgen waren zu zerstören. Mit ihrer Hilfe war es Alathaia gelungen, die Steine zu finden.
Mittels dieser Macht hatte sie die Drachen wiedereauferstehen lassen. Die Schattenkriege hatten begonnen, nachdem Emerelle den Thron an die Trolle und Kobolde verloren hatte.
So kurz war sie vor dem Ziel gestanden, den Thron Albenmarks an sich zu reißen. Der Sieg war zum Greifen nahe gewesen, doch Ollowain hatte ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auf Emerelles Befehl hin, hatte er sie getötet.
Nun aber, saß die Schwanenkrone auf dem Haupt einer anderen Elfe. Diesmal war ihr der Sieg sicher. Daran hatte sie keinerlei Zweifel.
Ihr größter Trumpf dabei war Tiranu. Er hatte es geschafft, sich in das Herz der Königin zu schleichen. Vom Titel her war er zwar noch immer der Fürst Langollions, doch auch der Gatte der Königin und somit der mächtigste Elf in diesen Gefilden. Gemeinsam würden sie die Königin stürzen.Und dann würden sie Albenmark so gestalten, wie sie es beliebten.
Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
Endlich fühlte sie wieder diesen Rausch der Macht, der nicht nur durch den Stein verursacht wurde. Sie würde Königin werden. Die unwürdigen Völker vernichten! Die Elfen sollten herrschen. Dies war die Rangordnung, die durch die Alben vorgesehen wurde. Sie vermochte nicht zu verstehen, warum Yulivee ihre Macht mit anderen Königen teilte. Selbst die Zwerge und Menschen hatten genügend Macht in dieser Welt, um Entscheidungen zu treffen. Yulivee war des Thrones unwürdig. Sicherlich, sie war begabt in der Magie, doch Alathaias Plan würde diese Fähigkeit unterdrücken.
Bald schon...
Sie sah hinaus in die Nacht. Der Mond erstrahlte mit solch einer Kraft, dass ihr Turmzimmer in silbernes Licht getaucht wurde.
Mit langen, sicheren Schritten begab sie sich zu der kleinen Bücherfront, die der Wölbung des Turmes folgte.
Sie kniete sich auf den Steinboden und entfernte mit wenig Mühe die Bodendiele des Regals. Ihre schlanken Finger strichen eine pechschwarze Strähne aus ihrem hochwangigen Gesicht, ehe sie unter das Holz fuhren. Die Fingerspitzen stießen gegen etwas Hartes. Eilig zog sie das Kästchen heraus und stand auf.
Sie ging zurück zu dem runden Tisch ihres Arbeitszimmers und legte das hölzerne Gefäß neben den Karfunkelstein. Sieben magische Siegel schützten dessen Inhalt.
Andächtig murmelte sie die Worte, die nur sie kannte und diese Barrieren durchbrechen würden. Alsbald die Siegel überwunden waren, öffnete sie die mit rotem Samt ausgelegte Schatulle.
Dieser Anblick hatte sich ihr seit ihrem letzten Leben nicht mehr geboten.
Mit einem Lächeln auf den Lippen nahm sie das fahrig zusammengefaltete Stück Papier heraus.
Als Alathaia sicher gewesen war, dass sie sterben würde, hatte sie den Zauber, der die alten Wesen erwecken würde, niedergeschrieben. So hatte sie nun auch in diesem Leben die Möglichkeit, den Zauber zu weben. Damals hatte sie noch nicht wissen können, unter welchen Umständen sie ihr neues Leben beginnen würde. Es hätte Jahrtausende dauern können, ehe sie sich über das Schicksal ihrer Seele bewusst wurde.
Glücklicherweise waren ihre alten Anhänger treu geblieben. Sie hatten sie aus ihrer Familie geholt und ihr erzählt, welche Mächte sie besaß. Wer sie war, welche Ziele sie gehabt hatte. Und noch während man ihr um ihr altes Leben berichtet hatte, waren die Erinnerungen gekommen.
Sie stammte aus einem entfernten Zweig der Fürstenfamilie ab. Einem Adelshaus, das fast gänzlich während der Tjuredkriege ausgelöscht worden war.
Doch das kümmerte sie nun nicht mehr. Sie war fast an ihrem Ziel angelangt. Yulivee würde sterben. Sie würde für den Mord an ihr bezahlen! Yulivee würde leiden! Und sie würde sich an ihrem Leid ergötzen.
Nicht mehr lange...
 
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