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Schatten der Vergangenheit

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Fenryl Tiranu Yulivee
29.06.2009
05.10.2010
37
91.669
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Unter der Oberfläche





Es war vorbei. Tiranu wusste dies, obgleich noch schier endlose, gespannte Minuten vergingen, bis es soweit war.
Die Adler machten kurzen Prozess mit dem riesigen Ungetüm und brachten es schließlich endgültig zu Fall. Dunkelrotes Blut breitete sich wie ein Sturzbach aus flüssiger Seide über dem von Eisblumen gezeichneten Grün zu ihren Füßen aus.

Ein letztes, kehliges Gurgeln erklang aus dem Rachen des Alten Wesen, ein Zucken der verstümmelten Schwingen. Das Herz des Drachen hörte auf zu schlagen, seine Bedrohung war vorüber.

Tiranu sollte Erleichterung bei diesem Anblick verspüren, vor allem Triumph. Doch er konnte nur an die Erkenntnis denken, die er vor wenigen Momenten erlangen hatte. War mit dem Tod der Bestie auch das kleine Stück seiner Mutter, das an den Drachen über den Tod hinaus gebunden war, ins Mondlicht gewandert, um dort Teil des Ganzen zu werden …?
Silana musste ein schwerwiegender Fehler unterlaufen sein, als sie sich über Alathaias Wille hinaus des Geistes des Drachen bemächtigte … andernfalls wäre es nicht geschehen, dass die Wiedergeburt seiner Mutter noch an das Alte Wesen gebunden wäre.

Schnell wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als ein leises, unterdrücktes Krächzen unter ihm erklang.

Jornowell!

Tiranu stieß die Klinge in den frostigen Boden und ging neben dem Blonden in die Knie. Da er wusste, wo der Prankenschlag des Drachen getroffen hatte, machte er sich keine großen Hoffnungen: dennoch löste er die Schnürungen des Jagdhemdes, riss das aus Feenseide gemachte Hemd darunter entzwei und entblößte somit den Oberkörper des sich quälenden Elfen. Schnell wandte er den Körper auf den Bauch und besah die Wunde, die sich in zwei langen Striemen quer über den Rücken bewegte. Sie blutete heftig.

Eine Elfe der Gemeinschaft ging neben ihm in die Knie. „Verdammt! Wir dürfen ihn nicht auch noch verlieren!“ Damit blickte sie kurz und verzweifelt zu dem Leichnam jenes Elfen, der unter der mächtigen Pranke des Drachen zermalmt worden war.

Sie schrak heftig auf, als neben ihr Fenryls Schwert im Dreck landete. Dem Fürst war seine Empörung auf dem ebenmäßigen Gesicht bereits anzusehen, als er ausspie: „Was, bei allen Alben, sucht ihr hier? Wenn er stirbt, ist das nur deinem Leichtsinn zuzuschreiben, Fürst Tiranu!“

Dem dunkelhaarigen Krieger blieb kein Nerv mehr, darauf mit Worten zu antworten. Er warf dem adlerhaften Elf nur einen vernichtenden Blick zu und erhob sich. „Gibt es unter euch einen Heiler?“
Er machte sich nichts vor, Jornowells Wunde war zu schwer, als dass sie von einem Laien der Heilkunst kuriert werden konnte. So hob er ohne eine Antwort abzuwarten den Blick zum Hang des Vulkans und reckte fordernd die Hand.

Die drei verbliebenen Mitglieder der Jagdgemeinschaft sahen ihn verblüfft an, widersprachen aber nicht, als er sagte: „Verbrennt den Drachen!“

Jornowell atmete unstet. Er schien zwischen der Ohnmacht und dem vollen Sinnesvermögen zu schweben und musste unvorstellbare Schmerzen erleiden. Es widerstrebte Tiranu sehr, ihn so zu sehen. Er wollte etwas tun, irgendetwas, das bewies, dass sie soeben nicht haarscharf dem sicheren Tod von der Klinge gesprungen waren. Er gab es ungern zu, aber dem Scheitern war er heute so knapp wie selten entgangen.
Und er würde es nun nicht so weit kommen lassen.

Nicht nach allem, was in den letzten Wochen geschehen war. Dabei hatte alles nur mit einem kleinen Kobold angefangen, der einen schlichten Stein fand. Aus Tiranus Vermutung, bei diesem könnte es sich um einen Karfunkelstein handeln, war blanke Realität geworden, als er nach Langollion reiste, nur um dort an der Seite eines Spions in das Machtrefugium seiner totgeglaubten Mutter zu reisen. Und zu sehen, wie sie erneut starb und ins Mondlicht wanderte – zumindest ein großer Teil von ihr. Ihre größte Waffe – ein ausgewachsener, aus Magie geborener Drache – war zu Tiranus schlimmsten Feind geworden, als Silana unter seiner Kontrolle Elfenlicht angriff und Nessalia entführte.
Nun schien sich alles zu seinen Gunsten zu wenden – wirklich alles, wenn man bedachte, dass er Jornowell nicht ausstehen konnte.
Dennoch würde er es nicht zulassen, dass seine eigene Unbedachtheit den ungleichmäßigen Atemzügen Jornowells ein Ende setzte.

Die Elfe war bereits aus ihrem Mantel geschlüpft, um mit ihm die schweren Blutungen zu stoppen. Tiranu sah ihr eine Weile zu und versuchte, sich selbst zur Ordnung zu rufen. Diese Wunde sah schlimmer aus als sie letzthin war. „Meine Schwester Morwenna wird gleich hier sein!“, richtete er sowohl an die Elfe als auch an den Verwundeten.

Fürst Fenryl sah ihn entgeistert an. „Sie auch noch!?“
„Offensichtlich genau das, was euch in eurem Hochmut abhanden gekommen ist!“ Damit spielte er auf die nicht gerade spärlich gesäten Wunden auf den Körpern der drei Elfenkrieger an – wie konnten sie so leichtsinnig sein, keinen Heiler bei sich zu haben, wo sie doch wussten, welch Gegner sie zu schlagen hatten? Augenscheinlich hatten sie sich ein bisschen zu sehr darauf verlassen, dass Yulivee dem Schlachtfeld nicht allzu weit entfernt sei – was Tiranu nur noch mehr verärgerte.

Fenryl musterte ihn, als wäre er ein räudiger Köter und schüttelte missbilligend den Kopf, behielt doch jeden weiteren Kommentar für sich und ging dazu über, dem anderen Elfen dabei zu helfen, die Überreste ihres verstorbenen Kameraden zu bergen.

„Wo ist Yulivee?“, richtete er an die über Jornowell kauernde Elfe. Diese blickte zur Antwort nur über ihre Schultern hinauf zu den Klippen, wo sich die Umrisse der alten, prachtvollen Baute gegen sanft aufziehenden Nebel abzeichneten …



***



„Was machen wir mit ihr?“
„Du hättest sie gar nicht erst töten dürfen. Sie hätte ihre gerechte Strafe erhalten, doch den Tod? Eine solche Strafe gibt es in meinem Königreich nicht!“
Giliath atmete unterschwellig tief durch. „Und das trotz ihrer Taten?“ Sie schüttelte den Kopf. Auf diese Weise würde sie bei ihrer Königin nicht vorstoßen. „Vielleicht war der Tod nunmehr doch eine Erlösung für Silana.“

Yulivee maß den Tod mit anderen Augen als die meisten Elfen es tun würden. Das rührte daher, dass sie zu lange Zeit ihr Herz an die Geschicke mancher Menschen gebunden hatte, welche durch das Urteil der Zeit zum schnellen Tod verdammt gewesen waren. In Wahrheit jedoch war für ein Albenkind nach dem Verblassen des Lebenslichts die Reise der Seele in Albenmark nicht vorüber. Der Zyklus der Wiedergeburt würde von Silanas Geist ebenso begangen wie der eines jeden anderen auch – dieser Weg erschien Giliath aus einer gewissen Sichtweise doch gnädiger, als eine Strafe, die sie in langer Abstinenz irgendeines Kerkers in den Schneeweiten der Snaiwamark zu verbringen hätte.

Wie dem auch sei: Der verblasste Leib der Blutmagierin lag niedergestreckt auf dem weißen Marmor zu ihren Füßen. Nessalia hatte den Anblick nicht ertragen und sich hinter dem Schutz ihrer Mutter verborgen. Giliath hätte es ihr gerne erspart, den Anblick vom Tod der Magierin miterleben zu müssen, doch sie hatte keine andere Wahl in diesem Moment empfunden. Ihr war nur ein Weg als der Richtige in den Sinn gekommen, als Silana wieder den Mund geöffnet hatte, um zu Nessalia zu sprechen. Und sie bereute es nicht im Mindesten.

„Wir begraben sie am Grund der Klippen“, antwortete Yulivee endlich auf ihre erste Frage. Auf ihrem Gesicht war der Schatten, der dort schon tagelang vorherrschte, nicht verschwunden. Für die Königin schien noch lange nichts vorbei.
„Einverstanden.“

Die Elfenmagierin trat zu Silana und schloss deren starr blickende Augen mit einer einfühlsamen Geste. Giliath trat auch ein Stück näher und versuchte dabei, Nessalias verwirrten Blicken auszuweichen. Es würde der Kleinen das Herz brechen, von den wahren Machenschaften Silanas zu erfahren. Sie wirkte schon jetzt völlig verstört.

Yulivee rezitierte vertraute Worte der Macht. Giliath trat bestimmt zu der Tochter Tiranus, als eine schmale, unsichtbare Scheibe aus Magie zu ihren Füßen entstand und sie empor hob. Die Kriegerin schwenkte den Blick über die weite Ebene, wo der leblose Körper des Drachen lag. Viel mehr war wegen der aufkommenden Nebelbank nicht zu erkennen. Dies erfüllte sie mit einer gewissen Beunruhigung, auch wenn die Erleichterung überwog.
Bald schwebten sie über den Abgrund, auf den von Frost bedecken Boden, wo sie sanft zu stehen kamen.

Die Elfenkönigin zögerte nicht lange und flüsterte weitere magische Worte, woraufhin sich ein kleiner Spalt in dem Eisboden auftat.
Nessalia kniete sich zu dem vergangenen Leib der Blutmagierin nieder. Sie strich sanft über die schlanke Hand der Toten und weinte stumme Tränen. Betrübt wandte sich ihre Mutter an sie und legte eine Hand an ihre Schulter. „Nessalia, sie war nicht das, was sie dir vorspielte. Sie hat dich aus Marniles Händen entführt, um deinem Vater und mir wehzutun.“

Nessalia lauschte unglaubend ihren Worten, doch machte sich auch der leichte Ausdruck des Verstehens auf ihrem Gesicht breit. Sie musste schon vorher bemerkt haben, dass etwas mit dieser Elfe nicht richtig zu sein schien. Spätestens nach ihren scharfen Worten auf der Terrasse, kurz vor ihrem Tod. Yulivee fuhr fort: „Sie wird wiedergeboren werden. Vielleicht erhält sie in ihrem nächsten Leben ihre Einsicht.“

Nessalia nickte und Yulivee nahm sie tröstend in ihre Arme. Giliath war es fast unangenehm, dieser vertrauten Szene beizuwohnen, doch sie wurde schnell erlöst, als Yulivee sie auffordernd anblickte. „Würdest du mir zur Hand gehen?“ Giliath nickte und half Yulivee, den schlanken Körper Silanas in den Spalt zu heben, wo er für immer ruhen würde.

„Mögest du im nächsten Leben einen besseren Weg einschlagen“, murmelte Giliath, als sie die ausgehobene Erde über den Leichnam schob.
„Auf Wiedersehen, Silana.“ Die Elfe aus Valemas hatte die geflüsterten Worte Nessalias kaum verstanden und registrierte sie nur mit leisem Bedauern für das Kind.

Nachdem die Erde den gesamten Leichnam Silanas bedeckte, erhoben sich die drei Elfen und Giliath wandte sich halb der großen Wiese zu, die sich vor den Klippen erstreckte. An Yulivee gerichtet sagte sie: „Es ist vorbei. Wir haben gewonnen.“
„Warum“, erwiderte die Elfenkönigin flüsternd aber bestimmt, „fühlt es sich dann nicht wie ein Sieg an?“
„Vielleicht fehlt nur noch etwas ...“ Giliath deutete auf eine schwarze Gestalt, die sich von dem Kampfplatz her näherte. Yulivee wandte sich ebenfalls um und kniff die Augen zusammen, als sie Tiranu erkannte …


***



Lirns Herz schlug Kapriolen. Es war vollbracht!

Selbst von dem geröllüberhäuften Hang des großen Vulkans Ishemons war der vergangene Leib der feuerroten Bestie zu sehen. Lirn hatte den Drachen mitsamt seiner Herrin und Nessalia über die weiten Ebenen des Herzlandes verfolgt. Er hatte das Alte Wesen in seiner Raserei kämpfen sehen. Es nun vom jedem Leben entraubt zu sehen war wie eine Welle der Erleichterung. Andererseits auch mehr denn zur Realität niederschmetternd. Macht war so vergänglich wie ein leichter Odem in einem wütenden Orkan. Vorbei in einem Augenblick.

Kaum waren diese Gedanken gefasst, konnte der Lutin nicht länger verhindern, auf den weit entfernten, am Boden liegenden Körper Jornowells zu blicken. Die Jagdgemeinschaft hatte ihn inzwischen weit von dem Drachen weggebracht und nun erkannte Lirn auch den zweiten Elfen, der im Kampf gegen das Ungetüm gefallen war, wie er in einigem Abstand neben Jornowell gebracht wurde.

Lirn bangte um das Leben Jornowells. Spätestens als Tiranu seiner Schwester ein Zeichen gegeben hatte, dass offensichtlich bedeutete, sie solle sich beeilen, herunterzukommen, war klar, dass der Prankenschlag des Drachen eine schwere Verwundung zurückgelassen hatte. So waren sie gemeinsam dem Schutz des Felsen entflohen, hinter dem sie den Kampf genauestens verfolgt hatten.

Morwenna war erstaunlich flink. So wie die Dinge lagen, hatte sie sich wohl von ihrem Schock weitgehend erholt. Vermutlich war sie mehr als erleichtert und deshalb zur Besinnung gekommen, weil sie eine Aufgabe hatte. Lirn konnte nur hoffen, dass sie erfolgreich war.

Denn auch wenn es merkwürdig in seinen eigenen Ohren klang: Jornowell war für einen Elfen wirklich kein übler Kerl. Lirn mochte ihn. Wahrscheinlich konnte er sogar damit rechnen, dass der Hofmeister für ihn ein gutes Wort bei der Königin einlegte – denn seine Bestrafung für die jahrelange Dienstschaft unter Alathaia stand zweifelsohne noch bevor.

Lirn schob diesen bedrückenden Gedanken beiseite, als sie den Fuß des Bergs erreichten. Von hier aus waren es nur noch gute hundert Schritt zu dem Geschehen.
Lirn suchte nach Tiranu, doch konnte er ihn nicht mehr entdecken. Nicht, dass es ihm etwas ausmachen würde …

Sie erreichten Jornowell, welcher bereits von einer Elfe versorgt wurde. Es schien nicht gut um ihn zu stehen, eine fürchterlich aussehende Wunde prangte auf seinem Rücken. Lirn glaubte, die Wirbelsäule des Elfen hindurch schimmern zu sehen. Jornowell schien in einer Art Delirium zu weilen.

Morwenna ging mit forschendem Blick in die Knie und tastete über die Wundränder. Schließlich kniff sie die Lippen zusammen und legte ihre Rechte über die zwei Schnittwunden.
Lirn wusste, dass sie die innerlichen Ausmaße der Verwundung abschätzte, was eine kleine Weile dauern würde.

So konnte der Lutin schließlich doch nicht widerstehen und wandte sich zu dem massigen Leichnam der Bestie um. Die großen, giftgrünen Augen standen noch immer offen. Lirn könnte schwören, er wurde noch immer von ihnen beobachtet. Aber das war unmöglich.

Fürst Fenryl und ein weiteres Mitglied der Elfenjagd wirkten einen Zauber, welcher in leckenden Flammen das Fleisch des Drachen versenkte. Dies war kein gewöhnliches Feuer, es entsprang purer Magie und war hundert Mal verheerender als ein solches, selbst für den Panzer eines Drachen.
Der Kobold sah stumm zu, wie die blauen Brünste sein Fleisch verzehrten und auch vor den Knochen keinen Halt zu machen schienen. Die Hitze schlug bis zu ihnen herüber.

Die Schwarzrückenadler brachten sich vor der trockenen, unvorstellbar heißen Luft ebenso in Sicherheit wie Fenryl und sein Jagdgefährte. Der Respekt des kleinen Lutin für Wolkentaucher und seine Sippe war noch einmal gestiegen. Er hatte nicht schlecht über den wagemutigen Einsatz der Adler gestaunt, letzten Endes war es nur ihnen zu verdanken, dass nicht mehr Elfen zu Schaden gekommen waren. Und dass sie überhaupt den Sieg davon getragen hatten.

Sieg.
Das Wort klang dumpf in seinen Gedanken wider. Wenn sich so der Sieg anfühlte, wollte er gar nicht erst wissen, wie sich eine Niederlage angefühlt hätte. Zu viel hatte er in den letzten Wochen miterlebt, als dass er sich nun dem so oft in Erzählungen berichteten berauschenden Taumel eines Triumphs hingeben könnte. Obgleich er genau wusste, dass auch er einen kleinen Teil dazu beigetragen hatte.

Nicht zuletzt musste er dabei auch an Bohr denken, jenen kleinen Kobold, der sein Leben dem Wahnsinn einer einzigen Elfe hatte hingeben müssen. Die Nachbeben seines verheerenden Fundes lagen vor Lirns Füßen und brannten nieder.

Es würde viel Zeit benötigen, all das Geschehene zu verarbeiten.


__________

Wieder einmal danke an Sarawyn für ihr liebes Review!
Wie ihr euch denken könnt, geht es bald zuende mit "Past Becomes Presence". Einige Kapitelchen noch, dann war's das leider.

Natürlich freue ich mich auch bei diesem Kapitel über Rückmeldung :)

Bis dahin
Morwenna
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