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Schatten der Vergangenheit

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Fenryl Tiranu Yulivee
29.06.2009
05.10.2010
37
91.669
1
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118 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
29.06.2009 1.841
 
Hallöchen, ihr Lieben!
Ich weiß, ich hab wieder eine Ewigkeit gebraucht ... aber hier ist es nun ... das alles entscheidende Kapitel! Danke an all meine Leser. Ich hoffe, diese Story wird nach meiner langen Abstinenz überhaupt noch gelesen ... *hüstel*

Ich hoffe, es sagt euch zu!

___

Der letzte Kampf

Fenryl sah mit zusammengekniffenen Augen seinen aufsteigenden Adlerbrüdern nach, wie sie den gewaltigen Drachen jagend hinter der schweren Wolkendecke verschwanden. Kaum waren sie von der nebeligen, grauen Mauer verborgen, hallte über das Tal der gepeinigte Schrei der Bestie Silanas. Fenryl zählte auf seine Gefährten. Die Schwarzrückenadler waren in der Überzahl und weitaus kampferprobter als der Drache, welcher zusätzlich angeschlagen schien. Den scharfen Augen des Fürsten von Carandamon waren nicht entgangen, welch große Wunde bereits in der linken Drachenschwinge klaffte.

Widerwillig riss er seine Aufmerksamkeit von dem trüben Himmel und sah sich nach dem großen Vulkanberg um, der am gegenüberliegenden Ende des großen Tals in die Höhe ragte. Von dort war der Drache gekommen, dort war ihm diese Wunde zugefügt worden.
Zwei kleine Punkte bewegten sich mit stockender Geschwindigkeit den Geröllhang hinunter – zwei Elfen. Zuerst spielten ihm seine Gedanken einen Streich, als er Königin Yulivee und ihre Begleiterin Giliath dort zu sehen glaubte, doch beim genaueren Hinsehen erwies sich diese Vermutung als weit gefehlt.

Vanaran, sein Jagdgefährte, trat mit gerunzelter Stirn neben ihn. „Ist das …?“
„Tiranu!“, bestätigte Fenryl und schnaubte. „Und Jornowell. Diese Narren!“ Der Fürst konnte es nicht fassen. Sollten die beiden Elfen nicht in Yulivees Palast im Herzland weilen? Was trieb sie dazu, sich allen Ernstes zu zweit diesem Ungeheuer zu stellen …?!

Ein mächtiges Getöse erklang über ihnen. Fenryl wandte in einer blitzschnellen Bewegung den Kopf nach oben und zog sein Schwert, als er sah, wie nahe das Alte Wesen ihnen erneut war.
„Macht euch bereit!“, rief er seinen Kameraden zu. „Der Drache fällt!“



***



Yulivee führte ihre Tochter an der Hand, während sie hinter Giliath die weit ausladende Terrasse betrat, welche sich über dem Abgrund des Tals erstreckte. Die Steinplatte besaß keine Brüstung, doch schien sie trotz ihres Alters solide.

Die Elfenkönigin richtete ihren Blick sofort auf die schlanke Silhouette am Rande der Plattform.

Silana!

Die Blutmagierin betrachtete paralysiert das Geschehen am Grunde des Tals zu ihren Füßen. Yulivee hielt den Atem an, als sie den mächtigen, rötlich schimmernden Leib jener Bestie erblickte, welche sie nun schon seit so vielen Tagen jagten. Sie wand sich unter den kämpfenden Elfen gleich einer riesigen Seeschlange, steckte die Hiebe des Waffenstahls weg und teilte ihrerseits Schläge mit dem mächtigen Schweif und den Krallen aus. Doch jedes Mal schien es, als seien die Elfen eine Spur zu schnell und die Panzerung des Drachen ein wenig zu stark.

„Silana!“ Nessalia riss ihre Hand zu schnell fort, als dass Yulivee reagieren konnte. So musste sie mit ansehen, wie ihre Tochter zu der Magierin am anderen Ende der Terrasse rannte.
Silana schien erst verwirrt, sie zu sehen, doch dann, als sie aufblickte und in das Gesicht der Königin und ihrer bewaffneten Gefährtin blickte, geschockt.
„Warum machen sie das!?“, schrie Nessa an niemanden Bestimmtes gewandt und blickte ihrerseits hinunter zu dem Drachen. „Warum greifen sie Baelfyr an?!“

Baelfyr?

Ein schrecklicher Verdacht beschlich die Königin, als sie bemerkte, wie Silana die Hand Nessalias ergriff und von der Brüstung wegführte. Das Elfenmädchen ließ dies Widerstandslos über sich ergehen und klammerte sich nun seinerseits an die die Mörderin ihrer Magd. Silana hatte ihre Tochter getäuscht, dazu verlockt, ihr zu trauen. „Sie wollen ihn töten, Nessalia. Und mich auch“, sagte Silana eindringlich und erreichte damit, dass Nessalia geschockt die feuchten Augen weitete und zu ihrer Mutter blickte: „Nein!“

„Schweig, Hexe!“, rief Giliath entscheiden dazwischen. „Es ist vorbei! Sie es ein und gib auf!“
Silanas Augen wurden noch eine Spur kälter. „Nicht solange ich noch einen Atemzug tue!“

Die Kriegerin hob das Schwert und blickte abwartend zu ihrer Königin.
Yulivee wusste, sie müsste nur ein Zeichen geben und es wäre vorbei. Doch sie zögerte. Zögerte, als sie in das Gesicht ihrer Tochter blickte, die entsetzt in Tränen ausbrach und immer verzweifelter die Hand ihrer Begleiterin umgriff.

Doch nicht allein dies war es, das sie ablenkte. Sie hob ihren Blick nur um wenige Zoll, zu dem Kampf in der Ferne, zu ihren Kriegern. Sie keuchte erschüttert, als sie sah, wie einer der Kämpfer – Yulivee vermochte auf die Entfernung nicht zu sagen, wer – zu Boden ging und unter einer der gewaltigen Pranken zerfleischt wurde.
Darauf sprang eine schwarz gerüstete Gestalt vor und bohrte geschickt sein Schwert in das Fleisch unter dem dicken Panzer am Hals der großen Bestie, welches augenblicklich animalisch aufschrie. Es hob seine blutgetränkte Pranke, um den plötzlich unaufmerksam gewordenen Peiniger zu erledigen.
Yulivees Herz blieb setzte aus, sie riss entsetzt die Augen auf, als sie gewahr wurde, wer dieser Krieger war: „Nein!

Auch Silana schien der schwerwiegende Angriff auf ihren Drachen nicht entgangen zu sein. Die Blutmagierin keuchte gepeinigt auf, wandte sich mit zornfunkelnden Augen zu Yulivee und begann, Worte der Macht zu murmeln. Dunkle Macht, die fähig war, in nur wenigen Herzschlägen, das Leben aus allem zu ziehen, was in ihrer Umgebung war.
Schon nach den ersten Worten wurde es merklich kühler, die Luft schien zu Eis zu gefrieren.

Doch plötzlich hielt sie inne …


***




Tiranu riss sein Schwert aus dem Hals des Drachen und brachte einige Schritt zwischen sich und das schreiende Tier.
Es schien in eine wilde Raserei verfallen zu sein, die es unaufmerksam machte. Aber auch unberechenbar …

Die Krieger der Elfenjagd folgten seinem Beispiel und hielten Abstand zu dem sich unbeherrscht windenden Alten Wesen. Tiranus Schlag war gut gezielt gewesen, möglicherweise würde die tiefe Wunde die Entscheidung herbeibringen.

Der dunkle Fürst hob erneut das Schwert, als plötzlich etwas nach seinem Inneren griff. Kurz nur, dann merkte er, wie es langsam schwächer wurde und der geistige Wall des Drachen in sich zusammenbrach. Seine Aura wurde frei und verwundbar für jede gewöhnliche Magie. Stetig verlor das Tier an Kraft.
Doch etwas anderes wurde unaufhaltsam stärker: die vertraute Aura, die von dem Alten Wesen ausging und Tiranu schon verspürt hatte, als er allein mit Jornowell am Hang des Vulkans gegen die Bestie gefochten hatte. Zuvor vermochte er nicht, genau zu sagen, was ihn so sehr an ihr irritierte. Doch nun, da der gesamte, mächtige Geist des magischen Wesens deutlich vor ihm lag, konnte er auch den vertrauten Zug sicher zuordnen.

Der Fürst senkte seine Klinge und weitete die Augen, als das Begreifen langsam wie Gift seine Muskeln lähmte. Er sah nicht, wie die Krallen bewehrte Klaue auf ihn niederfuhr.
Ein Teil – wie groß und machtvoll dieser war, konnte er noch nicht ausmachen – der Seele seiner Mutter lebte noch in dem Alten Wesen, welches sie erschaffen hatte, fort. Ein Stück ihres Wesens war nicht als Element Alathaias ins Mondlicht gewandert. Was dies bedeutete, wurde ihm schlagartig bewusst: Die Seele der einstigen Fürstin wandelte nicht komplett im Segensreich der Ahnen aller nun lebenden Albenkinder, sondern war zerrissen, gespalten und mehr ein Geist.

War sie es gewesen, die ihren neuen Seelenherren daran gehindert hatte, ihn, ihren Sohn, auf der verschneiten Lichtung vor den Mauern Elfenlichts zu töten? War sie der Grund, weshalb Nessalia noch lebte?
Irgendetwas leistete im Inneren des Drachen noch immer Widerstand gegen die Kontrolle, die er ausüben wollte, und nun konnte es das Wesen nicht mehr vor Tiranus Augen geheim halten. Der Fürst tastete mit seinem Geist weiter nach dem des Drachen. Und wurde überrascht: Er konnte spüren, wie schlagartig die geistigen Bande des Drachen zu Silana brachen. Nun würde auch die Blutmagierin merken, wie sehr sie von ihrem vermeintlichen Untertanen unterjocht gewesen war.

„Sieh nach oben, du Narr!“ Tiranu blieb keine Zeit, auf die Warnung zu reagieren – ein gewaltiger Stoß riss ihn von den Beinen und trieb ihm beim Schlag auf den Boden die Luft aus den Lungen. Sein Schwert wurde ihm dabei aus der Hand getrieben.

Jornowell hatte ihn aus der Reichweite der zuschlagenden Pranke gedrängt – und hatte dabei einen Teil des Schlages selbst abgekommen.

Leblos sackte der Körper des Blonden auf Tiranu, welcher reflexartig die Arme hochhahm, um das Gewicht abzufangen, und sich mit ihm drehte bis er halb über Jornowell kauerte.
Der Drache setzte nach. Die restlichen Krieger versuchten vergebens, ihre beiden deckungslosen Gefährten von der Aufmerksamkeit des Alten Wesens zu befreien. Doch es ließ sich nicht aufhalten. Nicht von den Schwertern, nicht von der unsichtbaren Macht in seinem Innern.

Blitzschnell riss der Drache sein gewaltiges Maul auf, entblößte die armlangen Zähne, die so rasend schnell über die beiden zu Boden gegangen Elfen kamen, als wollte er sie samt der Erde unter ihren Füßen verschlingen.
Tiranu, der noch immer mit dem Rücken zur Bestie über dem sich vor Schmerzen windenden Hofmeister kauerte, ergriff hastig das Schwert in der Hand Jornowells und trieb es aus einer Drehung heraus tief in den Rachen des roten Drachen.

Die Wucht des Schmerzensschreis schleuderte ihn abermals zu Boden. Dennoch sah er, wie das Alte Wesen gepeinigt seinen Kopf in die Höhe riss und sich gegen den Schmerz aufbäumte.
Dabei entblößte es seine lange Kehle den scharfen Krallen der Schwarzrückenadler, die wie aus dem Nichts mit ausbreiteten Flügeln über das blutrote Ungetüm herfielen, Schuppen aus dem Panzer rissen und ihre Schnäbel in das nackte Fleisch stachen …


***


„Yulivee!“

Silana taumelte. Schmerz fraß sich durch all ihre Glieder und lähmte ihre Gedanken. Der Zauber, mit dem sie die Königin töten wollte, war ihr auf den Lippen gefroren.

Schlagartig erwachte ihr betäubter Geist aus seiner Ohnmacht, die seit dem Tod ihres Vaters nicht von ihrer Seele gewichen war. Nach langer Zeit sah sie wieder mit klarem Blick. Und begriff.

„Königin!“
Wieder blieb Giliaths Drängen ungehört. Yulivee behielt ihr Todesurteil hinter verschlossenen Lippen. Doch daraus schöpfte die Blutmagierin keine Hoffnung, denn sie sah die Entschlossenheit in den Augen der dunkelhaarigen Kriegerin.

Silana wusste, sie hatte verloren. Alles, was ihr noch in diesem elenden Leben geblieben war.

Der Drache hatte sich langsam ihres von Wut, Trauer und Rachsucht getränkten Geistes bemächtigt und ihren Willen für seine Machenschaften missbraucht. Er hatte niemals vorgehabt, sich für den Tod Salanels zu rächen. Er hatte Nessalia lediglich für seine eigene Knechtschaft gewinnen wollen. Als Blutmagierin an Silanas Seite.

Wie hatte sie nur so blind sein können?

Sie war gescheitert. Geblendet war sie allzu schnell der Macht des Drachen erlegen.

Mit dumpfen Augen sah sie auf das Elfenmädchen an ihrer Hand hinab. Nessalia blickte ihr unvermittelt entgegen. Ihr Ausdruck war furchtsam. Sie schien ebenfalls begriffen zu haben, welch falsches Spiel Baelfyr getrieben hatte. Doch noch immer schien sie um das Leben von ihr – ihrer Entführerin, der Mörderin ihrer Kindermagd, einer Blutmagierin – zu bangen.

Wie leicht doch die Seele eines Kindes zu beeinflussen ist … Vater beging einst dasselbe Verbrechen an mir … Wie ich einst, ahnt sie noch nichts von dem Verrat!

Gebrochen flüsterte sie: „Es tut mir …“

Giliath stürmte vor. Silana konnte nicht sagen, ob die Kriegerin ihre Worte missverständlicherweise für einen weiteren Zauber hielt. Aber dies zählte in diesen letzten, süßen Augenblicken nicht mehr, da Silana ihre letzte Kraft zusammennahm, die Schultern strafte und dem erlösenden Tod in Form von hell glänzendem Elfenstahl mit erhobenem Kopf entgegenblickte.

Dies war nicht das Ende. Es war ein Anfang.
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