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Schatten der Vergangenheit

von Riniell
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Fenryl Tiranu Yulivee
29.06.2009
05.10.2010
37
91.669
1
Alle Kapitel
118 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
29.06.2009 3.322
 
Hallöchen, ihr Lieben!

Ich hoffe mal, ihr habt das ganze Faschingsgedöns und mit ihm den eventuell verbundenen Kater besser überstanden als ich.
Jemals euren Mathelehrer mit eurem Schuldirektor „Alles aus Liebe“ von den Toten Hosen singen hören/sehen? - Herrlich! :)
Zurück zur Story.

Langsam spitz sich die Lage echt zu. Aus dem Nordosten nähern sich Yulivee und Giliath (in ihrem Rücken warten Fenryl und die Jagdgemeinschaft) und aus dem Südwesten kommen Lirn, Tiranu und Anhang. Silana, Haustierchen und Nessalia mittendrin.


Dieses Kapitel musste ich einige Male überarbeiten, bevor ich es – immer noch widerwillig- auf euch loslasse.

Tja, es ist ein wenig depri und zynisch geworden. Sorry, Leute. Ich hoffe, es bringt dennoch ein wenig Spannung und Vorfreude auf die nächsten Kapitel, in denen die versprochene Action mit Drachi kommen wird.

Ich möchte mich nochmals bei all meinen Reviewern bedanken! Ihr gebt mir echt einen super Antrieb zum Weitermachen :) Danke, das ihr meine Story mögt!


Für die, die es möglicherweise interessiert: Vor einiger Zeit habe ich eine neue Bernhard Hennen- Story angefangen und gepostet, die diesmal nach dem ersten Band der Elfenreihe spielt: „Traveling New Paths“. Freue mich über Meinungen :)

Und nun zum Kapi!

______

Von Kämpfern und Gefangenen
 
 
Giliath beschattete ihren Blick von dem sich stark auf dem Schnee reflektierenden Licht. Sie lehnte schwer atmend an die raue Felswand.
Schon seit Stunden kamen sie auf dem engen Bergpass nur stockend voran. Schneewehen machten es ihnen unmöglich, sich frei zu bewegen.
Sie hatten es aufgegeben, die Sicherheitsleinen an der vereisten Steinwand fest zu machen. Den einzigen provisorischen Halt bildeten die wenigen Felsauswucherungen an die sie ihre Hände klammerten und sich vorschoben. Nur so konnten sie es wagen, zögerlich einen Fuß vor den anderen zu setzten.
Ein falscher Schritt, ein haltloser Stein und sie würden in die Tiefe zu ihren müden Füßen stürzen.
Es war Wahnsinn...
„Ich glaube, dass der Pass hinter der nächsten Biegung breiter wird!“ Yulivee, die dicht hinter ihr stand, musste gegen den Wind anschreien.
Giliath, die berühmte Bogenschützin aus Valemas, konnte sich ein trotziges Lächeln nicht verkneifen. Wie oft hatte sie diese Worte schon aus dem Munde Yulivees vernommen? Das war sie. Die Starrköpfigkeit der einstigen Freien von Valemas.
Sie wusste ganz genau, dass die Königin sich in diesem Gebirge nicht auskannte, und erst recht nicht wusste, was hinter der nächsten Biegung auf sie warten würde.
Ihre Zuversicht diente ihr selbst und Giliath nur als Antrieb.
Die Kriegerin atmete tief durch, stieß sich mit den Schultern leicht von der Klippe ab und angelte mit ihrer blutigen Hand nach dem nächsten vorstehenden Stein.
Vier von den Alben verfluchte Tage dauerte ihre gemeinsame Suche nun schon an; vor fast zweien hatten sie die Pferde zurücklassen müssen.
Und noch immer fanden sie nicht die geringste Spur. Kein Drache, kein Kind, keine Magierin.
Nur Stein, Eis und Kälte, die sich selbst durch ihren Zauber fraß.
Giliath fluchte innerlich. Sie hörte damit nicht auf, bis sie sich bis zur nächsten Biegung vorgekämpft hatte. Die Kriegerin hielt noch einmal inne und sah sich nach ihrer Begleiterin um.
Die Königin schritt mit dem Rücken zur Schlucht flach an der Wand entlang. Ihr dunkles, braunes Haar wehte wild im Wind. Sie hielt sich erstaunlich gut; immer wieder schien sie neue Kräfte zum Weiterlaufen zu finden. Innerlich focht sie einen stummen Kampf mit sich aus, das spürte Giliath, dieser wurde nur gelegentlich unterbrochen, wenn Giliath das Wort an die Elfenkönigin richtete.
Yulivee mochte keine Kriegerin sein, doch eine Kämpferin war sie allemal.
Abermals stieß sich die Elfe von dem rauen Fels ab, an dem sie einige Momente Ruhe gesucht hatte, um nun mit brennenden Muskeln weiter zu kommen.
Der von Geröll und Eis fast unpassierbare Pfad wurde an der Bergbiegung gefährlich schmal. Giliath stieß mit der Stiefelspitze etwas Geröll vom Hang. Das Gestein schlug nicht hörbar hunderte von Fuß tief im Tal auf.
Giliath wand sich um die Felsenspitze und bekam anschließend den heulenden Wind deutlicher zu Spüren. Gleichmäßiges Dröhnen peinigte ihre eisigen Ohren. Wieder blendete der Schnee ihre Sicht.
Nur mit fast geschlossenen Augen konnte sie aufsehen. Was sie als erstes bemerkte war, dass sich die Voraussage Yulivees diesmal tatsächlich bestätigt hatte. Der Pfad war um Einiges breiter und auch besser passierbar als zuvor. Doch nicht nur das; an den Wänden waren Halterungen angebracht. Dicke Seile, die wie ein Handlauf befestigt waren und recht belastbar aussahen.
Dann wieder dieses gleichmäßige Dröhnen. Es war nicht der Wind, dazu war es nun zu intensiv.
Yulivee trat hinter sie. Sie sog hörbar die Luft ein.
Dann sah es auch Giliath.
 

~~~

 
Lirns Knie zitterten. Seine Zähne klapperten in einem gleichmäßigen Rhythmus, ohne, dass er etwas dagegen tun könnte.
Dieser Gewaltmarsch war weitaus schlimmer, als der, den er von Merleth bis zur Schenke vor Vhalanion gegangen war.
Der stechende Gebirgswind trieb ihm Tränen die felligen Wangen hinab. Er war bereits ein paar Mal beim Laufen eingenickt, gestolpert, wieder hell wach geworden und schritt tapfer weiter.
Warum hatte er sich das nur angetan?
Er hätte fliehen sollen, als er noch die Möglichkeit dazu bekam. Aber nein, wider seiner Natur musste er den Helden spielen.
Er musste an den quirligen Kobold denken, den er so oft als Informationsquelle für Alathaia missbraucht hatte.
Bohr.
Das Albenkind war der beste Freund der Königstochter gewesen. Und hatte deswegen sterben müssen.
Was wäre geschehen, wenn der Kobold an jenem Winternachmittag, an dem er den Karfunkelstein fand, nicht gemeinsam mit der Familie Nessalias im Schlosspark gewesen wäre, sondern in der Hofküche, um den Köchen zu assistieren, wie es ihm bestimmt war?
Der magische Drachenstein wäre nicht gefunden worden, jedenfalls nicht so schnell. Lirn fragte sich ohnehin, wie solch ein mächtiges Artefakt so viele Jahrhunderte vor den Toren des größten Elfenpalastes in Albenmark hatte liegen können – und das anscheinend völlig unbemerkt.
Alathaia war es mit ihren erstaunlichen Kräften gelungen, den Karfunkelstein zu finden, nachdem dieser die Kraft eines Albenkinds ausgesogen hatte.
Wie sehr hatte Bohr leiden müssen, ehe ihm endgültig das Leben ausgelöscht worden war? Soweit Lirn wusste, zauderte Alathaia nicht lange, den jungen Lutin den Gar auszumachen, um den Stein zu erbeuten, als sie einen ihrer Anhänger aussandte.
Wahrscheinlich hatte dieser einen Wohnsitz in der Nähe der Elfenburg besessen, denn er war sehr schnell hinter dem Kobold hergewesen.
Ein weiterer Spion der gefallenen Fürstin?
Eine Kontrolle gegenüber ihrem Sohn?
Nicht einmal Lirn wusste das...
Der Kobold hob trotzig seinen Kopf, bekam aber nicht wirklich viel zu sehen, nur den blassgrauen Umhang der Fürstenschwester. Sie war nicht sehr auffällig in dem Schneegefälle.
Ein grober Stein, der sich unbemerkt auf seinen Weg geschlichen hatte, brachte ihn zu Fall. Nur mühsam kam er wieder auf die Beine. Er hatte sich eine seiner Vorderpfoten aufgeschlagen.
Er konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Morwenna seinen Sturz bemerkte und das Wort an Jornowell richtete, der direkt vor ihr ging. Lirn konnte die Worte der Heilerin nicht verstehen, denn der Wind heulte laut an den scharfen Kanten der Klippen auf, als wäre er von ihnen gepeinigt.
Der Hofmeister wandte sich um und schaute ebenso wie die Elfe besorgt auf den Lutin. Schließlich hielt er an, ohne ein Wort an Tiranu zu richten, der geradezu stoisch-stur voraus ging. Lirn war das nur recht.
Wieder öffnete Morwenna tonlos den Mund. Jornowell nickte und kam näher auf den Lutin zu. Ehe sich Lirn versah, wurde er von zwei starken Händen empor gehoben.
„Verwandle dich in etwas Handlicheres!“
Lirn fuhr zusammen, als er die direkt in sein empfindliches Ohr gebrüllten Worte vernahm.
„Etwas Handlicheres!?“, empörte sich Lirn, leise genug, dass er glaubte, die Elfen hätten es nicht verstanden. Er war doch kein nach Belieben verformbares Ding!
Jornowell fuhr ihn zur Antwort an: „Willst du, dass ich dich trage, oder nicht!?“
Lirn verdrehte die Augen. Verdammtes Spitzohr!
Morwenna nickte Jornowell dankbar zu. Lirn fragte sich, wohin ihre kühle Fassade auf einmal hingeflogen war. Die Sinne einer Heilerin schienen wohl überhand gewonnen zu haben...
Lange geschah nichts. Die drei Albenkinder hielten inne, um für einen Moment auszuruhen. Um sie herum tobte ein Sturm, der sie bei der kleinsten Unachtsamkeit in den Tod reißen könnte.
Lirn versuchte aus der Situation schlau zu werden, während er nach einigen Worten der Macht suchte, die sich momentan im hintersten Winkel seiner Gedanken versteckten.
Die beiden Elfen, die vor wenigen Momenten noch so erpicht darauf gewesen waren, möglichst zügig voranzukommen, harrten nun inmitten dieser gefährlichen Situation, in der sie allezeit aus einem verborgenen Winkel von der Blutmagierin oder ihrem Drachen angegriffen werden können, aus und starrten sich einfach wortlos an.
Eine Spannung lag in der Luft, von der Lirn sich nicht sicher war, welcher Art Gewitter sie Vorbote war.
„Was du in Tanthalia gesehen hast...“, hob Alvias' Sohn schließlich an. So laut, dass auch Lirn es hören konnte. Dieser spitzte interessiert die Fuchsohren, um ja alles mitzubekommen. Eine alte Angewohnheit...
„Du musst dir keine Sorgen machen. Ich bin keine Klatschbase.“, entgegnete diese gelassen, jedoch immer noch etwas zu arrogant für Lirns Geschmack.
Der junge Kobold beobachtete, wie Jornowell zu einer Antwort ansetzten wollte, aber plötzlich inne hielt und die Augen kurz zusammenkniff. Er nickte.
Lirn und Morwenna runzelten zeitgleich ihre Stirn und der Lutin konnte nur beobachten, wie sich die Heilerin abrupt umwandte und davonging.
Jornowell blickte auf den Kobold hinab, so konnte er nicht sehen, was Lirn sah: Die schwarzhaarige Elfe mit dem kühlen Gemüt lenkte ihren Blick noch einmal zurück. Ihre Augen waren wie dunkle Kohlen in dieser rauen, wirklich äußerst ungemütlichen Umgebung.
Lirn fröstelte es.
Seine Muskeln brannten. Jeder einzelne.
Sein Kopf schmerzte.
Die Worte der Macht. Sie kamen ihm so schnell in den Sinn, dass er nicht mehr wusste, wie er sie gefunden hatte.
Eine Katze, für etwas Kleineres hatte er keine Kraft mehr.
Seine Glieder wurden so schwer...
Er erinnerte sich an das Fellmuster einer Katze und murmelte eine altbekannte Aneinanderreihung von Worten.
Jornowell holte derweil die beiden Elfen ein, die sich beide in Schweigen zu überbieten schienen.
Elfen waren schon komische Gestalten. So unendlich kompliziert.
Lirn war froh, ein Abkömmling der verhassten Lutin zu sein. Das Leben war gewiss schwer als Außenseiter, doch machte sich sein Volk wenigstens nicht selbst das Leben schwer mit den vielen Gesetzen, dem Anstands- und Moralstamtam und den öden Gesprächen über die unwichtigsten Nichtigkeiten, von denen Lirn jemals gehört hatte.
Als Lutin lebte man. Als Lutin kämpfte man.
Er sah auf zu Jornowells verzerrtem Gesicht. Er hatte einen Arm um die fellige Brust des Katers gelegt, der andere lag unter seinen Hinterpfoten.
Er war kein übler Kerl für einen Hofelfen. Wirklich nicht.
Jornowell hatte wohl so ziemlich jedes, noch so weit entfernte Fleckchen von Albenmark bereist, schloss Freundschaften mit den merkwürdigsten Gestalten und war ein großer Krieger, bekannt für sein Geschick.
Ein Wunder bei diesem Vater...
Lirn hatte Alvias nicht kennen gelernt, aber viel über ihn bei seiner Zeit am Hofe gehört. Niemand hätte es je erwartet, dass Jornowell den Posten des Hofmeisters übernehmen würde und damit in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Dafürwar er zu...anders für diese steifen Hofelfen.
Yulivees Abwechslung.
Anders konnte es Lirn sich nicht erklären, dass die Königin ausgerechnet ihn dazu überredet hatte, ihr engster Vertrauter zu werden.
Und nun trug er einen stinkenden Lutin.
Der Kobold in Katzengestalt schnaubte.
Was suchte jemand wie er, ein ängstlicher Lutin, hier? Sicher, er war der einzige, der den Drachen und dessen Beschwörerin jemals von Nahem gesehen hatte – ohne dabei wie der Fürst gleich ohnmächtig zu werden. Und außerdem war er ein guter Pfadwanderer. Aber das war Jornowell ebenso.
Wieso hatten ihn die Elfen mitgenommen?
Der Weg ging steil bergauf. Lirn konnte kein Ende des Graues, das sich wie ein schweres Tuch über das riesige Bergtal gelegt hatte, erkennen. Es schien unendlich in den Himmel zu reichen.
Keine rosigen Aussichten...
„Wir müssten bald an einen Albenstern kommen!“, hörte er Jornowell an Tiranu richten. Dieser sah ihn nur an und nickte. Dann fiel sein dunkler Blick auf den Kater in den Armen Jornowells.
Lirn legte die Ohren an. Sein Fell stellte sich auf seinem Rücken auf, ohne, dass er etwas dagegen tun könnte.
Tiranu war auf Katzen nicht gut zu sprechen, erinnerte er sich. Er hatte ein anscheinend recht anschauliches Talent dafür, den Fürsten zu verärgern...
„Ist er sicher?“
Lirn realisierte erst nach einigen Momenten, dass nicht er sondern der Albenstern gemeint war.
„Ja, in ihm verbinden sich vier Albenpfade. Er wird uns näher ins Zentrum des Gebirges führen. Und hoffentlich auch zu Yulivee. Die Elfenjagd müsste uns sehr weit voraus sein. Immerhin sind sie nicht zu Fuß losgezogen.“
Tiranu nickte: „Gut, worauf wartet ihr?! Öffnet dieses verdammte Tor!“
Jornowell widersprach nicht und folgte dem Albenpfad, auf dem die kleine Gemeinschaft schon eine Weile ging, bis zu dem Knotenpunkt der goldenen Wege, geschaffen von den Alben.
Lirn sprang von den Armen des Elfen und verwandelte sich eiligst zurück. Es war nicht seine Art, unbeholfen und nichtstuend herumgetragen zu werden. Seine Müdigkeit war wie verraucht.
„Ich glaube,“, meinte er zu dem aschblonden Elfen, „er kann uns nicht leiden.“
„Oh, du solltest ihn erleben, wenn er einmal richtig schlecht gelaunt ist!“
Lirn wusste, dass der Zynismus in Jornowells Stimme seine Unsicherheit dieses Albensterns gegenüber verbergen sollte. Es gelang ihm recht gut, doch Lirn entging fast nie etwas.
„Du oder ich?“, rief der Elf schließlich gegen den Wind an.
Lirn las an den Lippen ab und deutete auf sich. Jornowell würde seine Kräfte eher brauchen, als er selbst.
Also schritt er zum Albenstern und öffnete ein Tor aus bunt schillernden Lichtern. Schwärze breitete sich dahinter aus, nur ein schmaler Grat bestand davon aus Gold.
Lirn liebte diesen Anblick.
 
~~~

 
Baelfyr hob und senkte seine mächtigen Schwingen in den tückischen Windböen und ließ seine scharfen Augen über die Gebirgslandschaft schweifen.
Silana schwebte in tiefer Trance und ließ die mittlerweile vertraute Felslandschaft auf sich wirken. In ihrem Geist nahm sie all das wahr, was auch der Drache sah und spürte.
Vor wenigen Minuten erst war er in den Nordostgebirgen jagen gewesen, damit die beiden Elfen – Silana und Nessa – etwas zu essen bekamen.
Das Fleisch des Steinbocks briet über einem geradezu mickrigen Feuerchen, das von Nessalia bewacht wurde.
Mittlerweile suchte Baelfyr den südwestlichen Teil des Gebirges ab, nach Zeichen der königlichen Jagdgemeinschaft suchend.
Silana erwartete nicht, dass er etwas fand. Auch wenn ihr Herz wie jedes Mal wild pochte und sie nur mit Mühe ihrer Gefühle Herr werden konnte, zweifelte sie.
Die Elfenjagd hatte sich so lange nicht sehen lassen...
Vielleicht suchten sie jeden kleinen Winkel gründlich ab? Das Gebirge war weit ausgedehnt, tückische Schluchten fand man hinter jeder Ecke vor... Es könnte doch gut sein, dass die Elfenjagd seit fast neun Tagen die westliche Hälfte Ishemons absuchte? Vielleicht suchten sie auch auf einer der beiden riesigen Inseln, die an Ishemon angrenzten und fast nur aus Stein und Tod bestanden?
Silana brach den Kontakt zu Baelfyr. Er würde ihr ein Zeichen geben, sollte er die Königin finden.
Sie sah auf.
Das große Wiesental, in dem sie sich befanden, war von großen, mit Basaltstein bewachsenen Klippen umgeben. Der Vulkanstein, der sich über die rohe Felsschicht gelegt hatte, sah aus, als bestünde er aus den vielen Röhrchen einer Panflöte.
Es war friedlich hier.
Aufgrund der Albträume Nessalias hatten sie das große Monument der Drachen verlassen müssen. Hier unten, am Hang des Vulkans, blühte das Leben.
Wie ein steinerner Wasserfall, der sich um die gesamte Rundung des Tals zog, sahen die Balsaltbewüchse aus. Und vor ihnen tat sich der wohl mächtigste Berg auf, den Silana jemals erblickt hatte. Er war ebenso tödlich wie verlockend anziehend für die Magierin. Einmal dort hinauf zu steigen und in den Schlund des Berges zu sehen...
Am anderen Ende des Tals lag, weitaus höher und von spitzen Klippensäulen getragen, der alte Palast der Drachenfürsten des einstigen Ishemons. Und unter diesem kolossalen Gebilde lag wie ein schwarzer Spiegel der See des Toten Tals, gefürchtet und gemieden von jedem Elfen, der alle Sinne beisammen hatte.
Denn obwohl sich drei Albenpfade am Grunde des Sees kreuzten, wagte es niemand, nicht einmal begabte Magier, durch ein magisches Tor zu treten, dass ihn hier her führte. Denn vom Grunde des schwarzen Sees gab es kein Entkommen.
Silana liebte dieses magische Tal.
Einst wussten nur ihr Vater und sie um den Drachenpalast und das blühende, von Klippen eingekreiste Tal, das sich am Hang des tödlichen Vulkans verbarg.
Nun war sie die letzte, die diese wundersamen Orte kannte.
Die Sterne am Firmament waren von milchigen Nebelschwaden verdeckt, nicht einmal der Mond war zu sehen. Die Nacht war kühl, doch die Klippen schützen die beiden Elfen vor dem wilden Sturm, der außerhalb tobte. Sowohl die Lage, in der sie sich befanden, als auch die alte Magie der Drachen hielten jeglichen Niederschlag fern.
Deshalb fiel auf die dunkelgrüne Wiese auch kein Schnee, nur Frost hatte sich auf die Spitzen der Grashalme gelegt.
Die Blutmagierin beobachtete das Lichtspiel, das auf dem grünlichen Eis tanzte und von dem kleinen Lagerfeuer ausging. Von der Wärme geschmolzen rannen winzige Tautropfen an den Halmen herunter und verschwanden im Erdreich.
Nach einer Weile schaute sie zu Nessalia hinüber, die einen kleinen Vulkanstein in der Hand wog. Auch sie beobachtete, wie sich das Lichtspiel an der teils glatten, teils rauen und von Narben gezeichneten Oberfläche brach.
In den letzten beiden Nächten waren ihre Albträume so schlimm geworden, dass Silana entschied, es sei besser, wenn sie sich von dem Ort der dunklen Macht entfernten, jedenfalls so weit, dass Nessalia es ertrug.
Im Schlaf hatte die junge Elfe geschrien. Sie murmelte Worte, die Silana nicht verstanden hatte, da sie derart verkrampft ausgesprochen wurden, dass sie wie eine fremde Sprache klangen, in einer Art Wahn vor sich hin. Sie waren von Panik erfüllt, als sei sie von hunderten Dämonen verfolgt und gepeinigt. Hohe, spitze Aufschreie, gefolgt von dumpfem Keuchen, als wäre sie geschlagen worden.
Nessalia hatte zum wiederholten Male dementiert, vor dem Drachen Furcht zu verspüren. Sie hatte es sogar ein wenig Begeisterung gezeigt - nebst einem gesunden Respekt vor der enormen Größe des Alten Wesens - auf Baelfyrs Rücken ins Tal zu fliegen.
Sie hatte gejauchzt wie eine Blinde, die plötzlich Farben und Formen sehen konnte, als sie sich gemeinsam mit dem Drachen in die Lüfte erhoben hatten.
Der Rundflug war allzu kurz gewesen, doch erfüllt von Freude und Tränen des Glücks und der Begeisterung.
Sie war so unendlich naiv.
So unendlich unwissend.
Und außerdem sehr empfindlich für Magie. Das war ein gutes Zeichen, dass aus ihr einmal eine große Magierin werden könnte.
Silana erinnerte sie an sich selbst. Sie konnte sich noch genau an jene Nächte erinnern, in denen sie sich beinahe das Herz aus dem Leibe geschrien hatte, statt wie normale Kinder völlig erschöpft von kameradschaftlichen Gebalgen zu schlafen.
Jene Nächte, in denen sie von ihrem Vater in die Dunkle Kunst eingeweiht wurde. Sie war dem Wahnsinn damals nicht weit entfernt gewesen. Doch sie hatte ihre Lehren, die sie indirekt von Alathaia erhalten hatte, überstanden. Und getreu nach den Worten alles, was einen nicht tötet, macht einen stärker, war sie stark geworden.
Sie ließ sich nicht von überschwänglichen Gefühlen leiten, wie manch ein leichtfertiger Elf, der nichts auf seine Würde maß. Konnte viele Grausamkeiten mit ansehen, ohne mit den Opfern zu leiden. Konnte die Welt um sich herum ansehen; abgestumpft. Ließ sich nicht beeinflussen von ihrer Außenwelt.
Der Hass und die Kälte hatten ihre Handlungen gesteuert und geleitet.
Jedenfalls war es so gewesen, bis zu dem Tode ihres Vaters.
Nun waren es die Gelüste nach Rache und die Erkenntnis, an all jenem gescheitert zu sein, was ihr etwas bedeutet hatte.
Doch sie hatte einen Verbündeten, eine letzte Hoffnung. Bealfyr.
Sie war stark.
Sie war eine Gefangene.
Aber sie war stark.
Mit dieser Stärke könnte sie mehr Schaden anrichten, als ein Albenkind oder Mensch sich je vorzustellen wagte.
Warum diese Stärke, die zugleich eine seelische Bürde war, nicht weitergeben?
„Nessalia, ich möchte dir einige Zauber lehren.“, flüsterte sie schließlich eindringlich, laut genug, dass das Kind sie auch verstehen konnte. „Sie mögen schwierig sein, doch wenn du sie erst einmal gemeistert hast, wirst du genauso sein wie dein Vater...und ich.“
Gefangen im Lichte der eigenen Verblendung...
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